Aufsätze | Jahrbuch 2000

Die konservativen amerikanischen Mennoniten in Paraguay
Gerhard Ratzlaff

In Paraguay gibt es eine Vielfalt mennonitischer Kolonien und Gemeinderichtungen. Die mennonitische Weltkonferenz verzeichnet in ihrer Statistik von 1998 weltweit 194 Konferenzen bzw. selbständige Gemeinden. Darin steht Paraguay mit 21 an der Spitze, gefolgt von Kanada mit 15. In Paraguay leben Mennoniten mit kanadischem, russischem, mexikanischem und amerikanischem Hintergrund. Diese eingewanderten Mennoniten und ihre Nachkommen zählen rund 28.500 Personen, von denen etwa 13.700 getaufte Gemeindeglieder sind. Daneben gibt es 8.500 Getaufte unter den Indianern und schätzungsweise 5.000 unter den Lateinparaguayern, verteilt auf etwa 100 lokale Gemeinden. In der Tat, ein buntes Mosaik von Mennoniten. Die am wenigsten bekannten Mennoniten im Lande sind die mit amerikanischem Hintergrund. Sie sind Inhalt der folgenden Beschreibung, mit der Absicht, ihre Präsenz in Paraguay hervorzuheben.

Diese Mennoniten leben in den vier folgenden Kolonien: Luz y Esperanza, Agua Azul, Florida y La Montaña. Doch der Begriff Kolonie (bzw. Siedlung) findet hier nur bedingt Anwendung und darf nicht im Sinne der anderen mennonitischen Siedlungen mit eigenem Verwaltungsapparat und Kooperativen verstanden werden. Sie sind einfach Glaubensgemeinschaften, die auf engem Raum zusammenleben. Auf einen gemeinsamen Landtitel wird wenig Wert gelegt. Wer einen Titel auf seinen Besitz beantragt, dem wird er zugestanden, wenn der Eigentümer das Land an Käufer außerhalb der Siedlung verkaufen möchte. Das ganze Leben der kleinen Gemeinschaften konzentriert sich auf die Gemeinde und muss von daher verstanden werden.

Mit der Bezeichnung „konservative Mennoniten" sind hier diejenigen gemeint, die an der Lehre der Täufer nach Inhalt und Form festhalten. Von den traditionellen Mennoniten (Rio Verde und Durango) unterscheiden sie sich dadurch, dass sie mehr Wert auf den Inhalt der Lehre und ihre Geschichte legen als auf die äußere Form. Das geistliche Leben wird intensiv gepflegt. Wenige Veränderungen sind von ihnen im Laufe der Jahrhunderte eingeführt worden. Wahrscheinlich repräsentieren sie am besten die mennonitische Frömmigkeit in urtäuferischer Form, wie sie in der Vorstellung vieler lebt.

Geschichtlicher Hintergrund

Der geschichtliche Ursprung der konservativen Mennoniten liegt in der Schweiz. Das Schleitheimer Bekenntnis aus dem Jahre 1527 gilt ihnen, mehr als allen anderen Mennoniten in Paraguay, als Grundlage in Lehre und Wandel. Unter dem Druck furchtbarer Verfolgungen in der Schweiz wanderten viele, völlig ausgeraubt, in Gebiete und Länder aus, in denen sie geduldet wurden. So kamen sie in das Elsaß und in die Pfalz, wo die Fürsten ihnen erlaubten, in den von Kriegen verwüsteten Ländern zu siedeln.

Ab 1710 begann die Auswanderung aus der Schweiz, dem Elsaß und der Pfalz nach Nordamerika. Diese war möglich dank der großzügigen Hilfe der holländischen Mennoniten (Doopsgezinde). In Pennsylvanien siedelten sie sich in Lancaster county, etwa 100 km westlich von Philadelphia, an. Lancaster county ist eine durch Fruchtbarkeit gekennzeichnete Landschaft. Im Laufe der Zeit kam es hier zu einer großen Konzentration der Mennoniten in den USA.

In Lancaster county liegt Ephrata, wo von 1748 bis 1749 die erste Auflage des Mennonitischen Märtyrerspiegels in deutscher Sprache erschien. In Ephrata lebten die Tunkers (Schwarzenauer Täufer, engl. Church of the Brethren, die Taufe erfolgt durch dreifaches Untertauchen), mit pietistisch-mennonitischer Prägung, die, von Deutschland vertrieben, in die Staaten ausgewandert waren und in Gütergemeinschaft lebten. Sie hatten in ihren Reihen eine Anzahl gebildeter Brüder. Ihnen übertrugen die Mennoniten die Übersetzung und den Druck des Märtyrerspiegels.

Die gezielte Absicht dabei war, das biblische Prinzip der Wehrlosigkeit in einer von Kriegen verworrenen Zeit aufrecht zu erhalten und an die junge Generation weiterzugeben. Überfälle von Seiten der Indianer, dann die Kriege zwischen Franzosen und Engländern, Revolutionen und Unabhängigkeitskriege und der damit verbundene gesellschaftliche Druck stellten die wehrlose Haltung der Mennoniten hart auf die Probe, der nicht alle standhalten konnten. Die Treue zum Glauben der Väter setzte sich dennoch in den Gemeinden durch. Durch ihren Fleiß, ihre Sittsamkeit, einfache Lebensweise und Kleidung stachen sie in der Gesellschaft hervor. Allgemein sind sie am besten unter dem Namen Altmennoniten (nicht zu verwechseln mit den Altkoloniern aus Russland) bekannt. Sie selber bevorzugen heute den Namen Mennonite Church. Zu dieser Linie gehören Persönlichkeiten wie Orie O. Miller, Harold S. Bender, Erie Sauder, Edgar Stoesz u.a.m., die auch in Paraguay bekannt sind. Im MCC (seit 1920) waren sie immer stark vertreten und wegweisend.

Doch ab etwa 1900 machte sich auch unter den Altmennoniten in Nordamerika der Modernisierungsprozess bemerkbar. Viele blieben nicht mehr auf dem Land, sie zogen in die Stadt, gründeten eigene Unternehmen und traten in nichtbäuerliche Berufe ein. Schulische Ausbildung auf Universitätsniveau gewann an Bedeutung. Eigene Schulen und Colleges entstanden. Das erforderte engere Zusammenarbeit zwischen den Gemeinden, und infolgedessen wurde die Schaffung von Organisationen und Konferenzen (Vereinigungen) notwendig.

Neue Gottesdienstordnungen mit Musik und modernem Gesang fanden den Weg in die Gemeinde. Anderen Gemeinderichtungen gegenüber wurde größere Toleranz geübt. Die Gemeindedisziplin wurde gelockert und vom geschlossenen Abendmahl (nur für Glieder der eigenen Gemeinde) gingen die Gemeinden zum offenen Abendmahl über, d.h. auch Gläubige aus anderen als der lokalen Gemeinde durften am Abendmahl teilnehmen. Die Gemeinde wurde dadurch offener und anziehender für Außenstehende, die aus nicht-mennonitischen Kreisen kamen. Doch nicht alle Altmennoniten konnten sich mit dem neuen Trend abfinden. So kam es zu Trennungen in der Lancaster Mennonite Conference (eine unter einer Anzahl von Konferenzen der Altmennoniten), die auch für Paraguay von Bedeutung werden sollten. Fragen der Ehescheidung und Wiederverheiratung, größere soziale Verantwortung in der Gesellschaft, Gebrauch des Fernsehers und traditionelle Kleidertracht spielten bei dieser Trennung eine entscheidende Rolle. Denjenigen, die sich von der Konferenz trennten, waren die Kompromisse mit der „Welt" zu groß geworden. Sie meinten, den Glauben der Väter nur in Verbindung mit der alten Lebensweise aufrecht erhalten zu können. Das Prinzip der Absonderung von der Welt müsse auch durch äußere Formen (z.B. Kleidertracht) sichtbar gemacht werden, meinten die Konservativen. Doch gingen sie nicht so weit, den Andersdenkenden den christlichen Glauben abzusprechen. Auf diese Weise konnten die Gemeindespaltungen nach gegenseitiger Absprache auf friedliche Weise durchgeführt werden. Die Konservativen heben hervor: Unsere Lebensform macht uns nicht selig, aber sie macht das Ausleben des christlichen Glaubens leichter und deutlicher sichtbar. 1960 entstand so die Mennonite Christian Brotherhood (Christliche Mennonitische Bruderschaft). Durch eine weitere Spaltung von der Lancaster Mennonite Conference entstand 1968 die Eastern Pennsylvania Mennonite Church. Glieder dieser konservativen amerikanischen Gemeinden gründeten in Paraguay die Kolonien Agua Azul (1969), Rio Corrientes (1975) und La Montaña (1980).(1)

Zu den konservativen amerikanischen Mennoniten zählen auch zwei amische Gemeinden. Ihre Geschichte läuft parallel zu den bereits beschriebenen konservativen Mennoniten. Die Gründung der amischen Mennoniten geht auf Jakob Ammann in den Jahren 1693-1710 zurück. Er war Ältester einer Täufergemeinde in der Schweiz und fand das Gemeindeleben seiner Zeit bereits verweltlicht, daher drängte er vor allem auf eine strenge Gemeindedisziplin. Hinzu kam die Verwerfung der modernen Kleidung einerseits und die Einführung der Fußwaschung in der Gemeinde andererseits. In der Folge kam es zu langen und schwierigen Auseinandersetzungen und schließlich zu einer schmerzvollen endgültigen Spaltung der Gemeinden in der Schweiz und im Elsaß im Jahre 1711. Damit waren die amischen Gemeinden entstanden.

Ab 1733 wanderten die Amischen ebenfalls mit Hilfe der holländischen Mennoniten nach Nordamerika aus. Sie betrachten sich als die treuen Hüter des ursprünglichen Täufertums. Der Ausbund, das älteste Gesangbuch der schweizerischen und süddeutschen Täufer (entstanden ab 1535), ist bei den Old Order Amischen immer noch im Gebrauch.

Doch auch sie waren dem Druck der Änderungen der Zeit ausgesetzt. Unter der Leitung des Ältesten Moses M. Beachy, der nicht mit der strengen Form der Gemeindezucht, wie sie in der Gemeinde geübt wurde, einverstanden war, trennte sich ein Teil seiner Gemeinde 1927 von den Old Order Amish. Andere Gemeinden schlossen sich ihr an und so entstanden die Beachy Amish, immer noch konservativ in Theologie und Lebensform, aber im Vergleich zu den Old Order Amish jedoch weit aufgeschlossener. Moderne Hilfsmittel wie Autos, Strom und Telefon werden von ihnen voll genutzt. Aber Radio, Fernseher und die politische Beteiligung lehnen sie als dem Glauben nicht förderlich entschieden ab. In Paraguay gibt es zwei amische Gemeinden: Luz y Esperanza (1967) und Florida (Beachy Amish Mennonite Fellowship, 1976).

Die Amischen in Luz y Esperanza und Florida

Die Kolonie Luz y Esperanza umfasst 2 147 ha und liegt zwischen Sommerfeld und Bergthal nördlich von Ruta 7 bei Km 216. Sie wurde 1967 gegründet. Jedoch, die ersten Amischen in Paraguay siedelten im Chaco. Nach Auflösung ihrer Gemeinde im Chaco gingen einige nach Ostparaguay (Klassen, 1988, S. 146). Ihnen schlossen sich weitere amische Zuwanderer aus den Vereinigten Staaten an.

Für die Auswanderung nach Paraguay gaben die Pioniere zwei Gründe an. Der erste ist die Missionstätigkeit. Sie sind der Überzeugung, dass nach biblisch-täuferischem Prinzip jeder Christ ein Missionar sein soll. Aus diesem Grunde schicken sie als Gemeinden keine Missionare aus, sondern die Gemeindeglieder sollen dort, wo sie sind, mitten in ihrem Beruf ihre Missionsaufgabe erfüllen. Der zweite Grund ist die Erhaltung ihres Gemeindelebens in einer mehr oder weniger geschlossenen landwirtschaftlichen Siedlung. In den USA ist das nicht mehr möglich.

Die Siedlung und somit auch die Gemeinde wurde 1967 gegründet. Eine fromme und christliche Lebensweise fällt bei diesen Leuten scharf ins Auge. Die Trennung von der Welt wird betont, wie es im Schleitheimer Bekenntnis von 1527 gefordert wird. Äußerlich zeigt sie sich einmal in der Kleidung und Kopfbedeckung bei den Frauen und dem Tragen eines Bartes bei den Männern. Das Wesentliche soll dabei nicht die äußere Form sein, sondern ein vorbildliches Christenleben, das sich in Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit vor der Welt äußert. "Die Kleidung sichert keine Errettung, sie hilft jedoch, die Gruppe zu erhalten". (McGrath 1984, S. 77)

Gemeindeveranstaltungen finden jeden Sonntagmorgen und -abend und jeden Donnerstagabend statt. Bibelstunden nehmen einen wesentlichen Teil in ihren Veranstaltungen ein. Alle Versammlungen werden in englischer und spanischer Sprache geführt. Es ist ihr ernsthaftes Anliegen, die in ihrer Nachbarschaft lebenden Paraguayer an ihren Veranstaltungen teilnehmen zu lassen. Wenn diese die von der Gemeinde gesetzten Verordnungen und Normen erfüllen, werden sie gerne in die Gemeinde aufgenommen. Dazu gehört grundlegend die Bekehrung und die Taufe, äußere Formen kommen später dazu. Der Taufe geht eine sechsmonatige Probezeit und Bewährungsfrist voraus. Das Leben des Gläubigen muss sich unbedingt in einem christlichen Lebensstil äußern - in Tugenden wie oben bereits beschrieben. Jeglicher Gebrauch von Tabak und der Genuss von alkoholischen Getränken wird als unchristlich gemieden.

Am vierten Sonntag jeden Monats verteilen die Glieder der Gemeinde Traktate in der Umgebung und laden die Nachbarn zu ihren Gottesdiensten ein. Am zweiten Sonntag jeden Monats versammelt sich die Jugend zu gemeinsamem Mahl, und anschließend macht sie Besuche bei Kranken und Bedürftigen außerhalb der Siedlung. Bei solchen Besuchen wird die Bibel gelesen, gebetet, und es werden geistliche Lieder gesungen.

Die Familienandacht darf in keinem Heime fehlen. Ob die Familie klein oder groß ist, man versammelt sich morgens nach dem Frühstück und jeden Abend nach dem Abendbrot zum Familiengesang, Bibellesen und Gebet.

Die Siedlung zählt gegenwärtig 165 Einwohner, verteilt auf 28 Familien. Davon sind 47 Gemeindeglieder, zehn Amerikaner und 37 Lateinparaguayer. Zur Gemeinde gehören außerdem sechs Lateinparaguayer, die nicht in der Kolonie leben. Die Gemeinde hat drei Pastoren und einen Diakon. Gemeindeleiter ist zur Zeit Mario Quevedo, Lateinparaguayer. Mit Unterstützung der Muttergemeinden in Nordamerika unterhält die Gemeinde eine Klinik, die vorwiegend von Personal (Krankenschwestern und Verwalter) aus den Vereinigen Staaten auf freiwilliger Basis geführt wird. Diese Personen beteiligen sich zugleich aktiv an der Gestaltung des Gemeindelebens. Geboten werden in der Klinik vor allem Erste Hilfe und Geburthilfe.

1976 kam die Kolonie und Gemeinde Florida dazu, heute unter dem Namen Mennonite Christian Fellowship bekannt. Sie hat gegenwärtig 33 Glieder, davon sind 20 Amerikaner und 13 Lateinparaguayer. Der Gottesdienst wird in drei Sprachen geführt: Spanisch, Englisch und Guarani. John Meyers ist der Leiter der Gemeinde. Die Gemeinde ist aktiv in der Verteilung von Bibeln und christlicher Literatur in der Nachbarschaft.

Die Gemeinden in Agua Azul (Mennonite Christian Brotherhood) und La Montaña de la Fe (Eastern Pennsylvania Mennonite Church)

Die Siedlung Agua Azul wurde 1969 gegründet. Sie liegt 375 km von Asunción und 80 km von Puerto Guairá entfernt an der Ruta 10. Auf einer Fläche von 1900 ha siedelten hier die ersten Mennoniten aus den USA an, gefolgt von einigen aus Kanada. Durch die Vergabe von Privattiteln ist der Gemeindebesitz inzwischen auf etwa die Hälfte herabgesunken. Einen Gemeinschaftstitel für das Land zu besitzen, wie es die Mennoniten in Paraguay mit russischem Hintergrund praktizieren, ist nicht Teil ihrer Tradition, und so zeigen sie auch kein Interesse, dieses Modell in ihren Kolonien zu praktizieren. Das ganze Leben konzentriert sich auf die Gemeinde.

Die geistliche Ausrichtung und Form zwischen den konservativen Mennoniten und den Amischen ist im Wesentlichen die gleiche, Unterschiede sind für den Außenseiter überhaupt nicht erkennbar. So gibt es kleine Unterschiede im Tragen des Bartes und in der Form der Kopfbedeckung. Beide betonen sie die Selbständigkeit der lokalen Gemeinde und schließen sich zu keiner Konferenz zusammen. Ihre erbauliche Literatur sowie didaktisches und geschichtliches Material für ihre Gemeinden und Schulen beziehen sie aus dem konservativen Verlag Rod and Staff (Editorial Vara y Cayado, Inc.), Crokett, Kentucky, USA. Neuerdings wird ein Teil ihrer Literatur in spanischer Sprache in Guatemala gedruckt, wo es einheimische Gemeinden gibt.

Der Gottesdienst verläuft auch hier in zwei Sprachen: Englisch und Spanisch. Eine gute Anzahl Paraguayer haben sich schon der Gemeinde angeschlossen. Einer Heirat zwischen Paraguayern, wenn sie gläubig sind, und den Mennoniten wird nichts in den Weg gestellt. Die Gemeinde erreichte vor Jahren mit 101 Gliedern ihre größte Stärke, und die Zukunft sah vielversprechend aus. Jedoch infolge von Auswanderung, Gemeindetrennung und disziplinarischen Fällen sank die Gliederzahl leider bis auf 30, die je zur Hälfte aus Paraguayern und Amerikanern besteht. Die starke Betonung der Absonderung und ein Hang zur Gesetzlichkeit bringen besonders den aus der paraguayischen Gesellschaft kommenden Gliedern Schwierigkeiten. So sind Radio, Fernsehen, organisierter Sport (wie Fußball) und vieles andere mehr als weltliche Dinge in der Gemeinde nicht zugelassen. Die fromme, weltfremde Kultur der amerikanischen Mennoniten (hier als bibeltreues Christentum verstanden) und die weltoffene der Paraguayer stoßen hier aufeinander und sind der Anlass für recht viele Disziplinarfälle.

1975 entstand als zweite Siedlung Rio Corrientes, an der Ruta 10 am gleichnamigen Fluss gelegen, 255 km von Asunción entfernt. Sie hat sich aber 1995 der häufigen Überfälle wegen aufgelöst. Das ist zu bedauern. Alle Siedler gingen in die USA zurück.

1980 wurde im Süden des Landes im Departement Itapúa die Siedlung La Montaña de la Fe, kurz La Montaña, gegründet. Die Gemeinde hier zählt 63 Glieder, davon sind 23 Amerikaner und 40 Lateinparaguayer. Die durchschnittliche Anzahl der Gottesdienstbesucher am Sonntagmorgen wird mit 165 angegeben. Die Hauptsprache in den Gottesdiensten ist hier bereits Spanisch und nur gelegentlich, wenn Besucher da sind, die nicht Spanisch sprechen, teilweise auch noch in Englisch. Daneben gibt es auch Predigten in Guaraní.

Von La Montaña aus ist im Nachbarort Varana, außerhalb der Siedlung, eine zweite Gemeinde entstanden. Zu dieser Gemeinde gehören 13 Amerikaner und 34 Lateinparaguayer. Die Zahl der Gottesdienstbesucher beläuft sich auf etwa 110.

Einmal im Jahr, unterhalten die zwei genannten Gemeinden für eine Woche eine „Bibelschule", zu der in der Regel eine Lehrkraft aus dem Ausland (Guatemala) eingeladen wird. Der Unterricht gilt in erster Linie der Jugend.

Ein sehr tragisches Unglück ereignete sich in La Montaña am 24. August 1999. An diesem Tag wurde Benjamin E. Shank (24) überfallen und ermordet. Shank war nach dem Abendprogramm mit seinem Motorrad auf dem Wege, einen Lastwagen zu holen, um die Gemeindeglieder, die im Nachbarort Katupyry auf der Bibelschule waren, abzuholen und heim zu bringen. Auf einsamem Wege wurde er überfallen, gebunden und mit vier Messerstichen im Hinterkopf getötet. Der (die) Mörder floh(en) mit dem gestohlenen Motorrad. Shank hinterließ seine Frau Rachel, seinen Sohn Jesse (drei Monate), sechs Schwestern, zwei Brüder und die Eltern. Mehrere vermutliche Täter wurden festgenommen, doch ist der Fall nach einem Jahr immer noch nicht geklärt. Die Polizei vermutete Rache aus irgendeinem Grunde, da Benjamin 300 000 Gs. und eine sehr kostbare Taschenlampe mit sich führte, Wertsachen, die ihm aber von dem (den) Täter(n) nicht entwendet worden waren.

Das Motiv zu dieser schrecklichen Handlung war Rache, so schrieb es die Tageszeitung Ultima Hora (30. August, 1999, S. 57). Der Mörder war als Verbrecher schon einige Male im Gefängnis gewesen. Als er zu den Mennoniten stieß, wussten diese nichts davon. Er tat freundlich, besuchte die Gottesdienste und verliebte sich in eines der noch ungetauften lateinparaguayischen Mädchen. Er drang auf eine Heirat. Doch nach den Regeln der Gemeinde konnte diese nicht sofort vollzogen werden. Dazu hätten sie erst Glieder der Gemeinde werden müssen. Das dauerte dem Eindringling jedoch zu lange. So heiratete er am 20. August 1999 gegen den Willen der Gemeinde und ohne ihre Beteiligung. Damit schloss er sich von den Vorrechten, die die Glieder der Gemeinde innerhalb der Siedlung genießen, aus, so zum Beispiel von dem Recht, innerhalb der Siedlung ein Grundstück zu erwerben. Dadurch war Claudelino derart verärgert, so eine Vermutung, dass er sich auf diese schreckliche Art und Weise an Benjamin rächte.

Doch wie verhielt sich, abgesehen davon, die Familie und wie verhielten sich die Gemeindeglieder zu solch einer schrecklichen Tat? Das wollten auch die Reporter wissen. Benjamins Vater antwortete den neugierigen Leuten von der Presse einige Tage nach dem gewaltsamen Tode seines Sohnes folgendermaßen: "Wir, die ganze Familie, die ganze Gemeinde, haben dem, der meinen Sohn getötet hat, verziehen." Und mit schmerzvollem Ausdruck fährt der Vater fort: "Wenn auch Benjamins Tod gewaltsam war, so glauben wir dennoch, dass er im Dienste des Herrn starb. In der Gemeinde lehren wir die Nächstenliebe. Aus diesem Grunde hegen wir keinen Wunsch nach Rache gegen den, der meinen Sohn getötet hat. Wir werden auch keine Untersuchung anstellen, wer es gewesen ist, denn dies ist die Aufgabe der Obrigkeit." Auf die Frage der Presseleute, ob man einen Gerichtsprozess gegen den (die) Täter, wenn sie gefunden würden, einleiten werde, antwortete der Vater mit der gleichen Überzeugung: "Wird der Mörder gefunden, ist es Sache der Polizei und der Obrigkeit. Wir werden keinen Gerichtsprozess einleiten gegen den, der das Leben meines Sohnes genommen hat. Ich werde ihn nicht verfolgen. Alles ist in Gottes Hand. .... Was geschehen ist, ist geschehen, und wir haben dem Mörder verziehen, weil wir Christen sind." (Ultima Hora, 31. August, 1999, S. 60).

Vor den Richter gerufen, antworteten die Prediger der Gemeinde mit einer schriftlichen Erklärung, die sie im Juli 1996 ausgearbeitet hatten, nachdem es zu wiederholten Überfällen und Diebstählen in ihrer Siedlung gekommen war. Darin heißt es:

Die Bibel lehrt uns, dass es nicht unsere Verantwortung ist, uns an denen zu rächen, die uns misshandeln (Römer 12, 19-21). Damit sagen wir nicht, dass es in jedem Fall schlecht ist, dass gestohlene Gut zu suchen (zurückzuholen), aber als Christen müssen wir darauf achten, dass wir dies mit guter Einstellung machen. Wir dürfen einen Dieb nicht mit einer Haltung der Rache und des Richtens verfolgen. Im Gegenteil, wir müssen der Lehre und dem Beispiel Jesu folgen und unsere Feinde lieben, sie segnen und für sie beten (Matthäus 5, 39-48; Lukas 23, 34).

Im Lichte dieser Tatsachen darf der Christ keine Waffen tragen, um sich gegen irgendeine Person zu schützen. Wenn jemand das gestohlene Gut nicht zurückholen kann, ohne eine Waffe zu tragen, dann sollte er es nicht tun, denn das ist gegen die Lehre des Neuen Testamentes und dem Zeugnis der Gemeinde hinderlich.

Auch bringen wir unsere Besorgnis über den Besitz eines Revolvers zum Ausdruck, weil er hauptsächlich der eigenen Verteidigung dient. Schon der Besitz einer Waffe könnte dem christlichen Zeugnis schaden, besonders dann, wenn sie dazu gebraucht wird, durch Schüsse in die Luft Eindringlinge abzuschrecken.

Weiter bringen wir unsere Sorge über die Fälle zum Ausdruck, in denen in unseren Wagen ein Kommissar gefahren wird, um das gestohlene Gut wieder zu erlangen. Es mag nach Matthäus 5, 41 Fälle geben, in denen wir gezwungen werden, es zu tun, aber in einem solchen Fall dürfen wir es nicht mit der Haltung tun, uns rächen zu wollen, und nicht in einer Art und Weise, wodurch unser Zeugnis schaden leiden würde.

Dieses Beispiel aus der unmittelbaren Vergangenheit kennzeichnet die Glieder dieser Gemeinde. Sie leben nach der Bibel in Wort und Tat und in Treue zu ihrer überlieferten Lehre, die sie von den Täufern im 16. Jahrhundert ableiten. Eine biblische Lehre reicht für sie nicht aus, sie muss auch gelebt werden. Darin besteht ihre konservative Haltung. Die äußeren Formen sind dabei unwesentlich, so lehren sie.

Auswertung und Überlegungen

Die konservativen Mennoniten sind ein verborgener Edelstein im bunten Mosaik der Mennoniten in Paraguay. In Paraguay fallen sie nicht auf, da sie eine kleine Gruppe sind und keine Publizität suchen. Sie gehören nicht zum Stamm der holländisch-preußisch-russländischen Mennoniten. Ein separates Verwaltungssystem auf Siedlungsebene, wie es in allen anderen mennonitischen Kolonien gang und gäbe ist, haben sie nicht. Die Gemeinde ist das maßgebende und allumfassende Organ. Sie beherrscht das ganze Leben und Denken der Bürger. Wahrscheinlich stellen sie die reinste überlieferte Form der biblisch-täuferischen Lehre dar. Rassische Diskriminierung findet sich bei ihnen nicht. Der paraguayischen Bevölkerung sind sie offener gegenüber als die Mennoniten in den anderen Siedlungen Paraguays. Sie sind bereit, ihre eigene Kultur zu Gunsten der Lateinparaguayer zu opfern. Das äußert sich darin, dass sie ihnen, sobald sie Gemeindeglieder sind, Land innerhalb ihrer Siedlung anbieten und einer interethnischen Heirat nichts in den Weg legen. Auch sind sie bereit, ihre Sprache aufzugeben. Sie bemühen sich ernsthaft, einen tadellosen, christlichen Wandel vor der Welt zu führen.

Doch bei aller positiven Bewertung und Anerkennung steigen auch einige Fragen auf. Liebe, Vergebung und Versöhnung werden gelehrt und praktiziert. Kommt dabei aber auch das Prinzip der Gerechtigkeit zu seinem Recht? Die Gemeinden lehnen es entschieden ab, vor ein weltliches Gericht zu gehen. Auch bei Diebstahl verfolgen sie keinen Täter, um ihn hinter Gitter zu bringen. Wie vergleicht sich diese Haltung mit der der Mennoniten russischer Tradition? Beide berufen sich auf das täuferische Erbe, handeln jedoch sehr unterschiedlich. Weiter, die konservativen Mennoniten legen einen bewundernswerten Missionseifer an den Tag, um ihren Nachbarn das Evangelium zu verkündigen. Daran beteiligt sich jedes Gemeindeglied. Doch unterscheidet man dabei in der Gemeinde entsprechend zwischen Kultur und Evangelium? Wird den Neubekehrten nicht ein Stück konservativer, mennonitischer Kultur als Evangelium aufgezwungen und damit die Effektivität des Evangeliums in ihrer Wirkung eingeengt? Ist das magere Resultat ihrer Missionsarbeit nicht die Folge ihrer konservativen Lebenshaltung? Wäre eine größere Öffnung nicht sinvoll und biblisch? Die Absonderung von der Welt ist ein biblisches Prinzip. Doch wird bei so enger Lebensweise der christlichen Freiheit die Möglichkeit gegeben, sich zu entfalten? Doch geht es bei diesen Fragen nicht darum, andere zu richten, um selber in einem helleren Lichte zu erscheinen. Alle Mennoniten in Paraguay stehen in der Gefahr, ein Stück ihrer kulturellen und überlieferten Werte den anderen als Evangelium anzupreisen. Darum sollten wir die Andersdenkenden respektieren, sie segnen (und nicht nur die, die uns übel tun) und trotz verschiedener Auffassungen und Lebensformen gegenseitig unterstützen und die geistliche Gemeinschaft suchen und pflegen.

Andererseits, was geschieht, wenn die Gemeinde ihre Formen und Normen lockert und sich der Umwelt und ihrer Kultur anpaßt? Gehen damit auch die überlieferten täuferischen Werte verloren? Das sind Fragen und Überlegungen, die nicht so leicht und keineswegs nach einer Schablone zu beantworten sind. Mit diesen Fragen haben es alle Mennoniten mehr oder weniger zu tun. Es gilt, sich den kulturellen und sozialen Umweltbedingungen anzupassen, ohne dabei die biblischen und moralischen Werte aufzugeben. Die Geschichte der Gemeinde zeigt eindeutig, dass der biblische begründete Glaube die zeitbedingten kulturellen Formen und Traditionen überleben wird.

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Fussnoten:
The Mennonite Encyclopedia, 1990, Band V., S. 504, 253, Band III. S. 275-27).