Kulturelle Beiträge | Jahrbuch 2000

Ausgewählte neuere mennonitische Literatur
Jakob Warkentin (1)

1. Einleitung

Mennoniten haben viele Prediger, aber nur wenige Dichter. Wie kommt das? Vielleicht, weil sie als religöse und nicht als kulturelle Bewegung enstanden sind. Seit jeher waren sie bestrebt, Gottes Wort zu verkündigen, ganz gleich, ob in schlichter Ansprache der Laien oder in gebildeter Rede der akademisch gebildeten Pastoren. Dichtung jedoch scheint bei ihnen bis heute eine brotlose Kunst zu sein, die geringen praktischen Nutzwert hat. Hinzu kommt, dass Dichter ihre Personen erfinden und sie mit ihren guten und schlechten Charaktereigenschaften ungefiltert darstellen. Das verleiht ihnen den Ruf, Lügengeschichten zu erzählen und die Jugend zum Schlechten zu verführen.

Die Folge davon ist, dass die Sprache bei den Mennoniten verarmt, da sie der dichterischen Reichhaltigkeit entbehrt. Hinzu kommt, dass das Prinzip der Wahrhaftigkeit arg strapaziert wird, wenn Personen in den Erzählungen vornehmlich Vorbildcharakter haben sollen. Das müsste uns zu denken geben, denn die Bibel, auf die sich die Mennoniten seit Anbeginn berufen, kennt beides: dichterische Sprache und ungeschminkte Darstellung des Menschen mit all seinen Stärken und Schwächen.

Seit dem 20. Jahrhundert hat es jedoch in zunehmendem Maße mennonitische Dichter gegeben, die in der einen oder anderen Form ihre Sicht des Menschen und der Verhältnisse zu Papier gebracht haben. Oft sind es Lehrer, die ein Literaturstudium absolviert haben, oder Personen, die einfach Freude an der Literatur gefunden haben und nun selber zur Feder greifen. Ich will und kann hier keinen Gesamtüberblick über mennonitische Schriftsteller geben, sondern nur eine kleine Anzahl ausgewählter Werke präsentieren, die den Leser zur Lektüre von Belletristik animieren sollen.

Dichterische Werke gewähren uns Einblicke in die Seele des Menschen, die wir durch die Lektüre von religiösen, psychologischen oder pädagogischen Werken allein nicht gewinnen können. Lesen von Dichtung ist daher nicht nur ein ästhetischer Genuss, sondern zugleich ein Bildungsprozess, der weder durch Video noch durch Fernsehen zu ersetzen ist. Denn mittels der dichterischen Sprache dringen wir ein in das Innerste der menschlichen Persönlichkeit, nehmen teil an ihren Gedanken, ihren inneren Monologen, ihren Ängsten und Freuden, die sie vor der Öffentlichkeit häufig verbergen können.

Kaspar H. Spinner nennt im Blick auf jugendliche Leser drei Zielsetzungen, die das Lesen von Geschichten begründen: Erstens kann sich der Jugendliche aufgrund eigener Lebenserfahrung in den literarischen Texten wiederfinden oder sich von den dort geschilderten Figuren und Situationen abgrenzen. Gleichzeitig kann durch die Lektüre literarischer Texte die eigene Entwicklung antizipiert werden, sei es im persönlichen oder beruflichen Bereich. Zweitens vermitteln literarische Texte fremde Perspektiven und andere Sichtweisen. Drittens fördern Geschichten die Kreativität der Leser, indem sie deren Vorstellungskraft stimulieren und zur produktiven Verarbeitung von Erfahrungen anregen.(2)

Nun ein paar Bemerkungen zur Begriffsklärung: Das Wort „Literatur" wird in einem weiten und in einem engen Sinn verwandt. Ganz allgemein versteht man unter Literatur alles Schrifttum, das „vom Brief bis zum Wörterbuch und von der juristischen, philosophischen oder religiösen Abhandlung bis zur politischen Zeitungsnotiz" reicht. Demgegenüber verstehen wir unter Literatur im engeren Sinn die sogenannte schöne Literatur, die Belletristik, „die nicht zweckgebundene und vom Gegenstand ausgehende Mitteilung von Gedanken, Erkenntnissen, Wissen und Problemen ist, sondern aus sich heraus besteht und eine eigene Gegenständlichkeit hervorruft, durch besondere gemüthafte und ästhetische Gestaltung des Rohstoffs Sprache zum Sprachkunstwerk wird und in der Dichtung ihre höchste Form erreicht."(3)

Mancher Leser fragt sich beim Lesen eines Buches, ob denn das Gelesene auch wirklich wahr sei. Diese Frage wird häufig auch direkt an den Dichter gerichtet. Die meisten Autoren wollen diese Frage nicht beantworten, da sie ihrer Meinung nach nicht den Kern der Dichtung berührt. Dichtung verdichtet das im Leben von einzelnen Personen Erlebte in einer vom Dichter künstlich erschaffenen Figur. Diese Figur ist dann natürlich nicht identisch mit einer der Personen, die den Dichter zum Schreiben stimuliert haben. Wenn es sich um ein dichterisches Werk handelt, ist die Figur dennoch echt in dem Sinne, dass ihre Erlebnisse den realen Bedingungen und Gegebenheiten entsprechen. Personen und Geschehnisse in einem Roman können daher wahr sein, ohne jedoch wirklich zu sein. Wir müssen also bei der Dichtung zwischen Wirklichkeit und Wahrheit unterscheiden. Natürlich können Wahrheit und Wirklichkeit sich auch in dichterischen Werken decken, z.B. in einer autobiographischen Darstellung. Der Wert der Dichtung richtet sich aber mehr nach dem Wahrheitsgehalt als nach dem Grad der Wirklichkeit.

Fragen wir nun noch: Wie wird man Dichter bzw. warum schreibt ein Dichter? Wer schreibt, will Eindrücke und Erkenntnisse, die ihn bewegen, in Sprache umsetzen. Er will sich über Personen und Sachen, über Ereignisse und Verhältnisse Klarheit verschaffen. Er sucht Antwort auf die vielen Fragen, die ihn bedrängen und will sie in einer ästhetisch anspruchsvollen Form wiedergeben. Daher experimentiert und spielt er mit der Sprache und nutzt ihre gesamte Bandbreite aus.

Über das Selbstverständnis und die Rolle eines Autors hat sich der Schriftsteller Dumitru Tsepeneag in seinem Roman „Hotel Europa" so geäußert: „Der Autor ist wie der Heilige Geist: voller Ideen, aber unsichtbar, unhörbar. Er zieht alle Fäden, das stimmt, aber wem gehören sie? Will sagen, dass er Figuren braucht, und seien es noch so armselige Marionetten. Umgekehrt brauchen alle diese Kreaturen, die keine menschlichen Wesen sind _ deshalb nennt man sie ja auch Figuren! - , eine Stimme, um existieren, um sich ausdrücken zu können." Der Erzähler „spielt alle Rollen, lenkt Äußerungen, Gedanken. Denn irgendwo in den Kulissen kauernd, denkt er mit lauter Stimme." Er fährt dann fort: „Vielleicht sollte man gar nicht von einem Erzähler sprechen... Sind es nicht sogar mehrere? Sind nicht auch die Leser so etwas wie Erzähler? Denn schließlich lesen wir doch nicht alle den gleichen Text, auch wenn er sich in demselben Buch befindet?"(4)

Die Erdschwere unserer bäuerlichen Herkunft hindert uns oft daran, den Blick vom Weg oder Acker zu lösen und den Geist einmal ungezügelt schweifen zu lassen, hinauf bis in ungeahnte Höhen oder hinab bis in die tiefsten Tiefen. Hinzu kommt, dass die moralische Bremse uns an unkontrollierten Höhenflügen hindert und das gesellschaftserhaltende Gummiseil uns vor dem plötzlichen Absturz bewahrt. Die Folge davon ist relative Sicherheit, weit verbreitete Mittelmäßigkeit und eine an das Reale gebundene Genussfähigkeit.

Mennonitische Dichter, die sich infolge ihrer Neugierde und Risikobereitschaft an den mennonitischen Tellerrand wagen, stehen in der Gefahr, von der Zentrifugalkraft des rotierenden Tellers wie ein Satellit in die Welt hinausgeschleudert zu werden. Geraten sie dabei in eine Umlaufbahn, so besteht noch die Chance der Rückkehr, haben sie jedoch den Wirkungsbereich der mennonitischen Schwerkraft ganz verlassen, besteht nur wenig Hoffnung auf eine glückliche Wiederkehr.

Nach diesen einführenden Worten wenden wir uns nun einigen Dichtungen zu. Bei der Dichtung unterscheiden wir drei wesentliche Bereiche: Epik, Lyrik und Drama. Ich werde mich hier auf die erste Gattung beschränken. Ich habe die Auswahl meiner Bücher mehreren Themenkreisen zugeordnet und beginne nun mit dem ersten:

2. Verfolgung, Flucht, Wanderschaft

1993 veröffentliche Harry Löwen das Buch No permanent City. Stories from Mennonite History and Life.(5) Dieses Buch, das 1995 unter dem Titel Keine bleibende Stadt(6) in deutscher Sprache erschien, enthält Geschichten über Anabaptisten und Mennoniten aus den letzten fünf Jahrhunderten. Loewens Geschichten handeln von Mennoniten, die wegen der Verfolgung in verschiedene Länder gewandert sind, um endlich einmal sesshaft werden zu können. Er will dem Leser keine moralische Lektion erteilen, wohl aber bei ihm ein Verständnis für die Mennoniten und deren Glauben in Lehre und Praxis wecken. Loewens Geschichten beruhen auf wahren Begebenheiten. Bei einigen Erzählungen überwiegt der historische Aspekt, bei anderen die dichterische Freiheit. Die Geschichten sind kurz, spannend und gut lesbar. Sie sind daher besonders auch der Jugend zu empfehlen und in Schul- und Jugendarbeit einsetzbar.

Auch Peter P. Klassens Buch Und ob schon ich wanderte. Geschichten zur Geschichte der Wanderung und Flucht der Mennoniten von Preußen über Russland nach Amerika, das 1997 erschienen ist, gewährt dem Leser Einblick in das Leben eines Wandervolkes, das vor äußeren und inneren Verfolgern fliehen muss. Klassens Geschichten beruhen auf wahren Erlebnissen, die in dichterischer Freiheit nacherzählt werden. In der Titelgeschichte geht es um Jakob B. Hiebert, der wegen der Übertretung von Gemeinderegeln in Cuauthémoc in Mexico in den Bann getan wurde. Klassen schreibt:

3. Frieden und Wehrlosigkeit

Die Mennoniten gehören zu den historischen Friedenskirchen. Das Glaubensprinzip der Wehrlosigkeit hat manche Opfer gekostet und hat keineswegs immer dem Frieden gedient. Es führte zu Auseinandersetzungen mit solchen, die bereit waren, ihr eigenes Leben und das der anderen mit der Waffe in der Hand zu verteidigen, aber auch mit solchen, die von innen her kritische Fragen bezüglich der Glaubensüberlieferung stellten.

Dass Frieden auch zerstörerisch sein kann, ist schon in Daniel 8, 23-25 nachzulesen. Dort heißt es: „In der letzten Zeit ihres Königreichs, wenn die Übertreter überhand nehmen, wird aufkommen ein frecher und tückischer König. Der wird mächtig sein, doch nicht durch seine Kraft; er wird greulich verwüsten, und es wird ihm gelingen, dass er´s ausrichte. Er wird die Starken samt dem heiligen Volk verstören. Und durch seine Klugheit wird ihm der Betrug geraten, und er wird sich in seinem Herzen erheben, und mitten im Frieden wird er viele verderben und wird sich auflehnen wider den Fürsten; aber er wird ohne Hand zerbrochen werden."

„Und mitten im Frieden wird er viele verderben" - Dieses Motiv hat der mennonitische Dichter in Kanada Rudy Wiebe aufgegriffen und 1962 in seinem Roman Peace shall destroy many(8) entfaltet. In dem Roman geht es um die Erlebnisse einiger Mennoniten, die um 1920 aus Russland nach Kanada gekommen sind, um sich hier eine mennonitische heile Welt aufzubauen. Sie müssen jedoch erfahren, dass das letzlich unmöglich ist. Nicht, weil sie von außen zu hart bedrängt werden, nein, sondern weil sich Glaubensprinzipien in den Händen von frommen, aber selbstgerechten Gemeindegliedern in Leben Zerstörende Waffen verwandeln.

Die Handlung spielt in einer fiktiven Mennonitensiedlung in Kanada. Die Hauptfiguren sind der junge kritische Thom, der den mennonitischen Glauben durchaus akzeptiert, aber angesichts seiner Erfahrungen ins Fragen gerät. Sein Gegenspieler ist Mr. Block, der fromme, aber selbstgerechte Gemeindediakon, der für seinen Sohn Peter eine heile mennonitische Welt aufbauen will und dabei seine Tochter opfert. Mit allen Mitteln will Mr. Block seine Familie und die ganze Gemeinde auf dem Pfad der Väter halten. Zu seinen Glaubensprinzipien gehört die Wehrlosigkeit ebenso wie die deutsche Sprache und das Verbot von Heiraten mit Nicht-Mennoniten. Wiebe zeigt in seinem Roman, wie brüchig solche Prinzipien werden, wenn sie formalistisch gehandhabt und nicht inhaltlich aufgefüllt werden. So erfährt der Leser, dass Mr Block in Russland selber zum Totschläger wurde und in Kanada bereit ist, Tochter und Frau zu verstoßen, als er erfährt, dass seine Tochter ein uneheliches Kind bekommt, das von einem Mischling stammt. Da Kind und Mutter bei der Geburt sterben, kann der Schein nach außen noch einmal gewahrt werden, aber die heile Welt, die Mr. Block in Kanada aufbauen wollte, ist ein für alle Mal zerstört.

Dass die Aufrechterhaltung des Prinzips der Wehrlosigkeit Mennoniten wie Nicht-Mennoniten in Bedrängnis bringt, zeigt Peter P. Klassens Erzählung „Die Buschinsel" in seinem Buch Kampbrand, das er 1989 veröffentlicht hat. Darin schildert er das Dilemma eines mennonitischen Oberschulzen angesichts der Klagen über Viehdiebstahl, gibt aber auch den berechtigten Vorwurf eines paraguayischen Generals wieder, den dieser angesichts eines toten und einiger gefangener Einbrecher gegenüber dem Oberschulzen erhebt. Hier zunächst das Dilemma des Oberschulzen:

Der General, der über die gefangen genommenen Einbrecher verfügen muss, steht ebenfalls in einem Konflikt und macht seinem Ärger Luft:

Prinzipientreue auf der einen Seite und skrupellose Anpassung an die Denkweise der jeweils Herrschenden, verkörpert durch die beiden Mennoniten David Regier und Jakob Enns, wird in der Geschichte „Der Fahneneid" thematisiert, die Peter P. Klassen in seinem Buch Die schwarzen Reiter(11) 1999 veröffentlicht hat. Dabei wird die Frage nach der Gerechtigkeit aufgeworfen, die, so die desillusionierende Feststellung, in den dreißiger und vierziger Jahren in der Ukraine weder von den Sowjets noch von den Nationalsozialisten zur Geltung kam. Im Gegenteil, während die Russen die Mennoniten in die Verbannung schickten, töteten Deutsche Zigeuner und Juden. Aushalten konnten David Regier und seine Mutter die selber erlebten Ungerechtigkeiten nur, indem sie sich an das Bibelwort „Die Rache ist mein, ich will vergelten, spricht der Herr" klammerten. Durch ihren Glauben an einen gerechten Gott gewannen sie die Kraft zur Nächstenliebe, die das Prinzip der Wehrlosigkeit weit übertrifft.

4. Plautdietsche Jeschichten

Uns allen sind wohl die Bühnenstücke und Erzählungen von Arnold Dyck in plattdeutscher Sprache bekannt. Weniger bekannt sein dürften die plattdeutschen Gespräche und Interviews sowie die humorvollen Geschichten von Victor Peters und Jack Thiessen, die sie 1990 in einem Sammelband mit dem Titel Plautdietsche Jeschichten. Gespräche-Interviews und Erzählungen herausgegeben haben. Peters, ein Historiker, und Thiessen, ein Germanist, kennen nicht nur die mennonitische Sprache, sondern auch die mennonitische Seele sehr genau. Sie verfügen über eine gute Portion Selbstironie, Witz und Humor. Daher sind ihre Erzählungen leicht lesbar und kurzweilig. Zwei Auszüge bieten ich ihnen hier als Kostprobe an. Hier zunächst die Geschichte von Victor Peters. Sie heißt „Bitte, tjen Wotabad" und beschreibt die Erlebnisse, die er und Karl auf einer Reise in Kanada hatten:

Jack Thiessens Geschichte „De Schwoata opp'em Schepp" ist eine Hochzeitsgeschichte besonderer Art. Darin wird das Eheleben mit einer Schiffsfahrt verglichen, wobei Gott der Kommandant und Jesus der Pilot ist. Doch manchmal kommt auch „de Schwoata", der Teufel, aufs Schiff und bringt alles durcheinander, so wie auf dieser Hochzeit:

Anekdoten, humoristische Erzählungen und Satiren

Mennoniten predigen und unterrichten gern, denn sie wollen andere belehren. In der Öffentlichkeit geben sie sich meistens ernst und wortkarg, in der kleinen Tererérunde hingegen wird geredet, fabuliert und manch einem Zeitgenossen etwas angedichtet. Da wird deutlich, dass sie durchaus ein Organ für unbeschwertes Lachen, für Witz und Humor haben, vom Niveau einmal abgesehen. Bei Predigern und Missionaren kann man gelegentlich beim Volksliederabend beobachten, wie sie über das ganze Gesicht strahlen und unbeschwert lachen, bis ihnen plötzlich bewusst wird, dass sie in der Öffentlichkeit sind und ihren Berufsstand würdevoll zu vertreten haben. Urplötzlich verändern sich die entspannten Gesichtszüge und verwandeln sich in die allvertraute Maske. Schade! Auch Prediger und Missionare und erst recht die Lehrer brauchen Entspannung, unbeschwerte Freude und unkontrolliertes Lachen. Witz, Humor und Satire besitzen oft mehr Tiefe und Wahrheit als gespielte Ernsthaftigkeit und zur Schau getragene Tiefgründigkeit. Der liebe Gott hat uns mit einem reichhaltigen Repertoire an Emotionalität ausgestattet, und wir sollten m. E. dieses uns anvertraute Pfund nicht vergraben.

Ich bin froh, dass ich Ihnen hier einige dieser im wahrsten Sinne des Wortes erfreulichen Kostproben servieren kann. Doch bevor ich damit beginne, will ich ihnen als guter Mennonit erst einmal eine theoretische Rechtfertigung für mein Handeln liefern. Ich bin ja auch Lehrer, der normalerweise recht ernst dreinschaut. Wenn ich mal daraufhin angesprochen werde, sage ich sofort - quasi als Selbstverteidigung - dass das nur daran läge, weil ich so viel nachdenken müsse. Hier die etymologische Ableitung des Wortes „Witz" von dem sachkundigen Professor Lutz Röhrig, der da schreibt: „Das Wort ´Witz' gehört zum Wortfeld ´Wissen'. Mittelhochdeutsch ´witze'meint etwas viel Allgemeineres als Witz, nämlich: Verstand, Wissen, Klugheit, Weisheit. ´Mit witzen' bedeutet: verständig; ´úz den witzen kommen': den Verstand, die Besinnung verlieren; ´ane witze' ist ein dummer, törichter Mensch."(14)

Nach diesen Worten aus berufenem Mund können Sie sich unbeschwert und mit gutem Gewissen an den folgenden Ankedoten, Erzählungen und Satiren erfreuen.

Ich beginne mit zwei Anekdoten, die der bekannte Professor und Gemeindeälteste Johannes Harder in seinem Alter gesammelt und zu Papier gebracht hat. Sie befinden sich in dem Büchlein mit dem Titel: Und der Himmel lacht mit. Heiteres von Theologen und Theolunken: Unter der Überschrift „Von Professoren und Konfessoren" befindet sich die folgende Anekdote:

Unter der Überschrift „Aus dem Munde der Kinder..." findet sich folgende Anekdote:

Von Missverständnissen, die unter Menschen aus verschiedenen Ethnien und mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund aufkommen können, erzählt der bekannte Anthropologe Jash Leewe, der Anfang der sechziger Jahre hier im Chaco war, aber vorher mehrere Jahre als Missionar in Kolumbien und Panamá gearbeitet hatte. Die Geschichte heißt: „Fonn Hunj, Muttash, en Indiauna doutschloone". Sie ist in seinem Buch Onze ieaschte Missjounsreiz" 1996 erschienen ist.

Während Missjenoa Leewe seine neue Post durchsah, bemerkte er, dass sich vor dem Haus eine Menge Indianer versammelt hatten, die drohend ihre Flinten, Spieße sowie Pfeil und Bogen in den Händen hielten und aufgeregt hin und her liefen. Als Leewe herauskam, merkte er sofort, dass diese Drohgebärden ihm galten und ihm wurde die Situation sehr schnell klar:

Hans Adolf Hertzler, langjähriger Pfarrer der Mennonitengemeinde in Krefeld, hat eine spitze Feder, die Menschen wachrüttelt und erfreut. Er gibt im Vorwort zu seiner Sammlung von Glossen, Satiren und Sprüchen, die unter dem Titel Kirchenspitzen im Jahr 2000 erschienen sind, folgende Begründung für die Herausgabe: „Mit meinen kleinen Texten, gerade mit den Satiren, bewahre ich mir die Utopie einer wahrhaft christlichen Kirche und einer Gesellschaft, die sich an Impulsen des christlichen Ethos orientiert. Indem ich die einzelne Satire entwickle, erinnere ich auf indirektem Weg an gute, überzeugende Lebensformen, die zu erreichen sich lohnen würden. Schreibe ich also, um bei mir oder bei anderen Veränderungen an Einstellungen oder Verhaltensweisen zu erreichen. Vielleicht." Hertzler lässt aber keinen Zweifel daran, dass er sich und andere mit diesen Satiren zum Lachen bringen will.

Hier ein Auszug aus seiner Satire über einen echten Mennoniten, mit der ich meine Ausführungen abschließen will:

Zum Schluss bekennt der Autor, dass er das Gespräch mit dem mennonitischen Herrn erfunden habe: „Einfach so. Darum ist es ja so wahr, wenn ich sage: Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen würden mich überraschen, wirklich, besonders in real existierenden mennonitischen Gemeinden."(19)

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Literaturverzeichnis
  1. Harder, Johannes: Und der Himmel lacht mit. Heiteres von Theologen und Theolunken, Herderbücherei: Freiburg im Breisgau 1982.
  2. Hertzler, Hans Adolf: Kirchenspitzen, Glossen, Satiren, Sprüche, Kümpers Verlag: Hamburg 2000.
  3. Klassen, Peter P.: Und ob ich schon wanderte ... Geschichten zur Geschichte der Flucht und Wanderung der Mennoniten von Preußen über Rußland nach Amerika. Mennonitischer Geschichtsverein: Weierhof 1997.
  4. Klassen, Peter P.: Kampbrand und andere Geschichten aus dem paraguayischen Chaco, Asunción 1989.
  5. Klassen, Peter P.: Die schwarzen Reiter. Geschichten zur Geschichte eines Glaubensprinzips, Sonnentau Verlag: Asunción 1999.
  6. Leewe, Jash ( Loewen, Jacob A.): Onze ieashte Missjounsreiz ouda Waut je emma fonn´ne Missjoun weete wulle, ooba kjeena junt fêtale deed. Abbotsford, B. C., Canada, 1997.
  7. Loewen, Harry: No permanent City. Stories fom Mennonite History and Life, Herald Press: Waterloo 1993. Deutsche Fassung: Keine bleibende Stadt. Mennonitische Geschichten aus fünf Jahrhunderten, Kümpers Verlag: Hamburg 1995.
  8. Peters, Victor/Thiessen, Jack: Plautdietsche Jeschichten. Gespräche-Interviews-Erzählungen, N. G. Elwert Verlag: Marburg 1990.
  9. Röhrig, Lutz: Der Witz. Seine Formen und Funktionen. Mit tausend Beispielen in Wort und Bild, Deutscher Taschenbuch Verlag: München 1980.
  10. Spinner, Kaspar H: Vorschläge für einen kreativen Literaturunterricht, Diesterweg Verlag: Frankfurt am Main 1990.
  11. Tsepeneag, Dumitru: Hotel Europa. aus dem Rumänischen von Ernest Wichner, Alexander Fest Verlag: Berlin 1998.
  12. Wiebe, Rudy Henry: Peace shall destroy many, WM. B. Eerdmans Publishing Co.: Canada 1962.
  13. Wilpert, Gero von: Sachwörterbuch der Literatur, 5. Aufl., Alfred Kröner Verlag: Stuttgart 1969.

Fussnoten:
Vortrag, gehalten auf der Tagung des Mennonitischen Lehrerverbandes in Paraguay am 8.7.2000 in Loma Plata, Kolonie Menno
Spinner, Kaspar H.: Vorschläge für einen kreativen Literaturunterricht, Diesterweg Verlag: Frankfurt am Main, 1990, S. 9 f.
Wilpert, Gero von: Sachwörterbuch der Literatur, 5. Aufl., Alfred Kröner Verlag: Stuttgart, 1969, S. 440
Tsepeneag, Dumitru: Hotel Europa. Aus dem Rumänischen von Ernest Wichner, Alexander Fest Verlag: Berlin, 1998, S. 175 f.
Loewen, Harry: No permanent City. Stories from Mennonite History and Life, Herald Press: Waterloo, 1993
Ders.: Keine bleibende Stadt. Mennonitische Geschichten aus fünf Jahrhunderten, Kümpers Verlag: Hamburg, 1995
Klassen, Peter P.: Und ob ich schon wanderte... Geschichten zur Geschichte der Flucht und Wanderung der Mennoniten von Preußen über Russland nach Amerika. Mennonitischer Geschichtsverein: Weierhof, 1997, S. 285 f.
Wiebe, Rudy Henry: Peace shall destroy many, WM. B. Eerdmans Publishing Co. Grand Rapids, 1962
Klassen, Peter P.: Kampbrand und andere Geschichten aus dem paraguayischen Chaco, Asunción 1989, S. 20 f.
ebd., S. 27 f.
Klassen Peter P.: Die schwarzen Reiter. Geschichten zur Geschichte eines Glaubensprinzips, Sonnentau Verlag: Asunción, 1999
Peters, Victor/Thiessen, Jack: Plautdietsche Jeschichten. Gespräche - Interviews - Erzählungen, N. G. Elwert Verlag: Marburg, 1990, S. 213 f.
ebd., S. 266 f.
Röhrich, Lutz: Der Witz. Seine Formen und Funktionen. Mit tausend Beispielen in Wort und Bild, Deutscher Taschenbuch Verlag: München, 1980, S. 4
Harder, Johannes: Und der Himmel lacht mit. Heiteres von Theologen und Theolunken, Herderbücherei: Freiburg im Breisgau, 1982, S. 74
ebd., S. 32
Leewe, Jash (Jacob A. Loewen): Onze ieashte Missjounsreiz ouda Waut je emma fonn´ne Missjoun weete wulle, ooba kjeena junt fêtale deed. Abbotsford, B.C., Canada, 1997, S. 72 f.
Hertzler, Hans Adolf: Kirchenspitzen. Glossen, Satiren, Sprüche, Kümpers Verlag: Hamburg, 2000, S. 156 f.
ebd., S. 158