Kulturelle Beiträge | Jahrbuch 2000

Kazike Carayá
Eine Erzählung
Peter P. Klassen

1. Einführung

Von den Anden strömten ungeheure Wassermassen in die riesige Senke, die man später den Chacotrog genannt hat. Zu Tal flossen die Schmelzwasser der mächtigen Eismassen, die sich hier in den Falten des Gebirges als Eisfelder und Gletscher während der letzten großen Eiszeit, angesammelt hatten. Das war vor etwa zwanzigtausend Jahren.

Eine Warmzeit hatte wieder einmal eingesetzt, und in den Schüben der Jahreszeiten strömten größere oder kleinere Wassermengen zu Tal. In dem starken Gefälle der Hänge des Gebirges rissen sie viel Material mit sich. Das schwere Geröll blieb am Fuß der Anden liegen, und die leichten Sande, Tone und den Löß trugen sie weiter in die Ebene hinein und füllten sie langsam auf.

Hier im Tiefland bildeten sich regelrechte Ströme, in einer Breite von einem oder auch mehr Kilometern. Der Lauf war bei dem geringen Gefälle träge, und die etwas schwereren mitgeführten Sande lagerten sich bei kleineren Stauungen, die schon durch eine Bodenschwelle zustande kommen konnten, ab. Mit den Jahren, staute sich der Wasserlauf auf diese Weise durch seine eigenen Ablagerungen immer stärker nach rückwärts und versperrte sich so seinen eigenen Weg. Diese Stauungen, riesigen Sandbänken gleich, konnten viele Kilometer lang werden, zehn, zwanzig und mehr. Bei dem ständig nachdrängenden Wasser, das dann seitwärts vorbeifließen musste, reihten sie sich nach rückwärts aneinander, oft verbunden durch schmale Schneisen.

Mehrere solcher Urströme flossen gleichzeitig nebeneinander durch die Ebene des so entstehenden Gran Chaco, in Abständen von zwanzig, dreißig Kilometern, alle von Nordwesten nach Südosten, dem Gefälle folgend. Was wir heute davon sehen sind die Sand- oder Hochkämpe, richtige Parklandschaften, die die mennonitischen Einwanderer suchten, als sie ihre Dörfer anlegen wollten. Langgestreckt wie diese Kämpe waren dann auch ihre Siedlungen, und auf einer Luftaufnahme erscheinen sie wie Ketten, angepasst an jenen geologischen Vorgang nach der letzten Eiszeit.

Zwei dieser großen Urströme sollen für uns hier interessant werden, weil sich gerade hier, nachdem die Menschheitsgeschichte in diesem Raum begann, so viel abgespielt hat.

Auf einem dieser sandigen Landrücken liegen heute die Dörfer Waldesruh, Friedensfeld, Wiesenfeld, Gnadenheim, Schönfeld, Schöntal, Osterwick, Rosental, Reinfeld, Vollwerk und Neuanlage. Auf einem weiteren Rücken, etwa zwanzig bis dreißig Kilometer weiter südlich, liegt wieder eine Dörferkette: Neuhalbstadt, Lichtenau, Gnadental, Neuendorf, Landskrone, Hohenau, Blumental, Yalve Sanga und Pozo Amarillo.

Um von dem nördlichen Landrücken zum südlichen zu gelangen, mußte man einen breiten Buschstreifen durchqueren, dessen Böden aus schwerem Lehm oder Ton bestehen. Dieser Streifen macht heute, verglichen mit den Hochkämpen, den Eindruck einer Niederung, obwohl die Höhenunterschiede gering sind. Nach dem vorherrschenden Baumbestand werden sie als Palosanto Niederung oder Paloblanco Niederung bezeichnet.

Diese Lehm-, Ton- und Lössböden sind Ablagerungen von feinkörnigem Material. Zwischen den nun etwas höher liegenden Sandablagerungen war der Lauf der immer noch von den Anden herabfließenden Gewässer sehr langsam, oder sie blieben oft über längere Zeiträume überhaupt stehen. Dabei lagerte sich das feinste Material, das von den Anden mitgeschleppt wurde, schichtenweise ab. So entstanden hier schwere, gelbliche Lehmböden oder auch dunkle bis zu schwarzen Tonböden.

Da diese Landstriche mit schweren Böden etwas tiefer liegen als die Sandkämpe, floss hier auch in späteren Zeitperioden das Wasser eines regenreichen Sommers langsam nach Osten ab. So ist es bis heute geblieben. Eine merkwürdige Erscheinung dabei sind immer wieder Bodensenken, in denen das Wasser zurückbleibt. Der Boden ist hier so undurchlässig, dass diese Wasserstellen, später auch Lagunen genannt, das Wasser oft bis in den späten trockenen Winter hinein behalten.

Die Vegetation in dem nun mehr oder weniger fertigen Chaco folgte der Periode der alluvialen Ablagerungen, und sie passte sich einmal den klimatischen Verhältnissen an, dann aber auch den Gegebenheiten der Bodenbeschaffenheit. Während sich auf den sandigen Kämpen eine richtige Parklandschaft entwickelte, mit Fluren von Bittergras, einzelnen Sträuchern und großen Bäumen, bedeckten sich die fruchtbareren Lehm- und Lössböden dazwischen mit dichtem niedrigen Busch, verschiedenen Kakteenarten und einzelnen höheren Bäumen.

Die Senken, in denen das Wasser bis in den Winter stehen blieb, entwickelten ein besonderes Biotop. Das Wasser verhinderte den Wuchs von Bäumen und Sträuchern in der Senke, ließ aber am Rand einen Kranz üppiger Vegetation zu. Beim Rückgang des Wassers in der trockenen Jahreszeit bedeckte sich die Fläche mit Gräsern.

Man hat diese kleinen grünen Auen mitten im dichten Chacobusch später auch Wasserkämpe genannt. Sie haben dann, als die Geschichte der Menschen in diesem Raum begann, eine ganz besondere Bedeutung bekommen. Das Wasser dieser Lagunen sicherte den Indianern über viele Monate im Jahr die Existenz in ihren Jagdgründen, und sie bauten hier am Ufer der Lagunen ihre Grashütten. Später, als die Paraguayer und Bolivianer den Streit um das unerschlossene Gebiet des Chaco, in dem es noch keine festgelegten Grenzen gab, begannen, suchten auch sie gerade diese Wasserstellen, um hier ihre militärischen Stützpunkte anzulegen. Auch die eingewanderten Mennoniten erkannten bald den Wert dieser tonigen Senken. Wenn sie tief ausgebaggert wurden, konnte man hier Wasserreserven für das Vieh für ein ganzes Jahr anlegen.

Einige dieser Lagunen haben in der neueren Zeit politische Bedeutung erlangt. Ungefähr auf der Mitte der Strecke zwischen den oben beschriebenen Höhenrücken lag so eine grüne Aue, die, nach einem Indianerhäuptling benannt, Kazike Carayá hieß. Etwa fünfzig Kilometer weiter nach Osten in der gleichen Bodensenke liegt eine weitere Aue, die den Namen Kazike Ramón und später Isla Po'i erhielt. Über den Landrücken hinweg, etwa fünfzig Kilometer nach Süden hin, erhielt eine dritte Aue Bedeutung. Sie ist unter dem Namen Boquerón bekannt geworden. Diese Namen wurden während der kriegerischen Auseinandersetzungen mit Menschenblut geschrieben, und sie waren nur die ersten einer langen Reihe blutiger Namen in dieser über lange Zeiträume so friedlich entstandenen Ebene.

Doch Leben gab es hier schon lange, ehe der Mensch seinen Fuß auf die abgelagerten Schichten des Chaco setzte. Die Saurier, die über lange Zeitperioden das Leben auf unserem Planeten bestimmten, hatten auch dieses Tiefland erreicht, und sie scheinen sich hier wohlgefühlt zu haben.

Ein häufig auftretendes Tier war das Glyptodon, ein Riesengürteltier. In mehreren Arten von unterschiedlicher Größe und verschiedenem Aussehen bevölkerte es die weite Chacoebene von der südlichen Pampa bis an die Gebirgszüge von Chiquitos im Norden. Sie waren bis zu zwei Meter lang und einen Meter hoch, bewehrt mit einem starken Panzer. Bei manchen endete der Schwanz in einer kugelartigen, stachelbewehrten Keule. Als eines von ihnen in der Senke zwischen den genannten Höhenrücken in der Nähe des späteren Carayá Nahrung suchend stapfte, wurde es von Wassermassen, die immer noch periodisch von den Anden strömten, überrascht. Es ertrank, und die Lehm- und Lössmassen schwemmten es ein und deckten es zu. Schicht auf Schicht, drei Meter hoch, lagerte sich dann im Lauf der Jahrtausende darüber.

Neben den Gürteltieren trat hier auch eine Elefantenart auf, das Mastodon. Seine Stoßzähne steckten im Unterkiefer und waren nach unten gerichtet. Auch diese schwer bewaffneten Riesen wurden manchmal von Fluten überrascht, eingeschwemmt und luftdicht abgeschlossen, so dass ihre Knochen versteinerten. Eines von ihnen ereilte solch ein Schicksal in der Nähe des heutigen Bahía Negra. Auch riesige Raubtiere soll es hier in jener Zeit gegeben haben. Wissenschaftliche Werke zeigen Bilder vom Säbelzahntiger, dem Smilodon, der mit seinen riesigen Reißzähnen wohl auch einen Riesenelefanten anfallen konnte.

Die Riesen starben aus, und nur wenige Reste von ihnen sind übriggeblieben. Kleinere Verwandte folgten ihnen in späteren Perioden, Gürteltiere und Ameisenbären in mehreren Variationen und in großer Zahl die Pekaris, die Spießhirsche und anderes Wild. Sie wurden die Nahrungsgrundlage sowohl für die Raubtiere wie Jaguar und Puma als auch für die später eingewanderten Menschen.

Zeichnung von Hans Krieg
Eines von den Pekaris, das Taguá, gab den Wissenschaftlern Fragen auf. Einige der Forscher, die es mit versteinerten Funden verglichen, meinten, in ihm eines der ausgestorben geglaubten Urtiere, das Catagonus wagneri, entdeckt zu haben. Andere widersprachen diesem Forschungsergebnis. Die Indianer, die dann Jagd auf diese Pekariart machten, kümmerte der wissenschaftliche Streit wenig. Für sie war das Taguá eine beliebte und lohnende Beute.

Ein Rudel Pekaris wühlte wohlig im Uferschlamm der Lagune, die die Lenguas, ein Indianerstamm, dem dieses Jagdgebiet gehörte, Popyit Amyip nannten, was Kamp der Spießhirsche bedeutet. Der Keiler von enormer Größe, denn es waren Taguás, verschwand fast in der aufgewühlten Brühe, während sich die Frischlinge um einige Bachen drängten.

In dem Moment, als sich der Keiler bis zur halben Höhe aus dem Schlamm hob und heftig schnaufte, warf er sich plötzlich fast kerzengerade in die Höhe und sank rückwärts in den Schlamm zurück. In seiner Seite steckte ein Pfeil, der sein Herz durchbohrt haben musste. Schon schwirrte ein zweiter Pfeil, und eine der Bachen stieß ein fauchendes Bellen aus. Der Pfeil hatte etwas zu weit nach vorn getroffen, auf das harte Blatt, wo er stecken blieb. Das ganze Rudel war im Nu fauchend und quiekend im nahen Busch verschwunden.

Aus dem Dickicht am gegenüberliegenden Ufer wand sich eine braune Gestalt. Sie erhob sich, atmete tief durch, und die Morgensonne ließ den Schweiß auf dem muskulösen Körper glänzen. Es war Hakuk, der Häuptling eines Clans der Lenguas, die unweit auf dem großen Bittergraskamp ihre Grashütten gebaut hatten. Eigentlich hieß er Hakuk Kinik-Piyim. Das heißt, der Waisenknabe, dessen Vater von den Ayoreos erschlagen wurde. Doch alle nannten ihn einfach Hakuk.

Zeichnung von Hans Krieg
Hakuk führte seit Kurzem einen Doppelnamen. Paraguayische Soldaten, die Volay, die seit einiger Zeit in dieser Gegend auf Patrouille ritten, hatten ihn Kazike Carayá genannt, vielleicht seiner etwas gedrungenen Gestalt und seiner Wendigkeit wegen. Außerdem war er zu Späßen aufgelegt, wenn man sich mit ihm einließ. Carayá ist der Guaraniname für den Brüllaffen der dichten Laubwälder Ostparaguays. In den Trockenwäldern des Chaco kommt er selten vor, und Hakuk kannte die Bedeutung seines neuen Namens sicher nicht.

Der Häuptling ging gemessenen Schrittes zu seiner Beute. Der Keiler rührte sich nicht mehr, und Hakuk zog ihn mit einiger Anstrengung aus dem Schlamm in das saubere Wasser. Eigentlich hätte er ihm gleich die Stinkdrüse aus dem Rücken schneiden müssen, denn das war jedesmal die erste Handlung des Jägers. Ein erlegtes Pekari verbreitet sonst einen penetranten Geruch, der sich auch auf das Fleisch überträgt.

Doch Hakuk horchte gespannt in den Busch, ob die getroffene Bache einen Laut von sich gab. Dann folgte er der Fährte einige Meter weit in das Dickicht, bis die stacheligen Caraguatá ihm den Weg versperrten. Wahrscheinlich hat der zweite Schuss nur leicht getroffen, überlegte er, und das Rudel ist längst im tiefen Dickicht verschwunden. Hakuk trauerte weniger um die verlorene Beute als um seinen Pfeil, der sicher stecken geblieben war und nun unauffindbar irgendwo im dichten Busch liegen bleiben würde.

So ein Pfeil war schwer zu ersetzen. Es war ein ganz modernes Gerät, viel besser als jene Pfeilspitzen aus Hartholz, deren Herstellung allerdings ebenfalls viel Mühe kosteten. Doch die beiden Pfeile, mit denen er auf Pekarijagd gegangen war, hatte er aus den Klingen von Stahlmessern gemacht. Messer aus Stahl konnte man im Tauschhandel erwerben. Indianer anderer Stämme, die näher am großen Fluss wohnten, kamen gelegentlich bis hierher und boten diese schönen Klingen gegen Felle des Ozelot oder auch für ein gutes Bündel Straußenfedern an. In neuerer Zeit, seit die berittenen Soldaten vorbeikamen, boten auch sie feine Messer an, doch sie wollten keine Felle oder Federn dafür haben, sondern eins der Mädchen. Wenn die Volay nicht gewalttätig waren, gingen die Lenguas auch auf solch einen Handel ein.

Wunderschöne Sachen fanden so ihren Weg zu dem Clan an der Spießhirschlagune, Äxte aus Eisen zum Beispiel, mit denen sich so viel besser die Honigwaben aus dem harten, hohlen Stamm des Quebracho hacken ließen. Das war längst nicht so mühsam wie mit dem Steinbeil, das Hakuks Vater ständig in seiner Jagdtasche getragen hatte. Auch das Steinbeil war ein kostbarer Tauschartikel gewesen. Indianer, die weit aus dem Westen gekommen waren, vom Rand des großen Gebirges, brachten diese feingeschliffenen Geräte mit. Dort musste es Steine im Überfluss geben, Steine, die man in der weiten Ebene des Gran Chaco nicht fand. Manches Schöne und Brauchbare war so ins Grashüttendorf der Lenguas gekommen, auch wunderschöne Glasperlen oder ein Stück feines Tuch oder ein Filzhut. Am Lagerfeuer auf dem Platz im Rund der Hütten drehte sich das Gespräch an den Abenden oft um all diese Kostbarkeiten, und die Jagd auf Ozelote, Pekaris oder Strauße hatte nun auch Handelswert bekommen.

An dem Pfeil, dem Hakuk nun nachtrauerte, hatte er viele Tage mühsam gearbeitet. Er hatte die Klinge aus dem Griff des Messers gelöst und ihr dann eine andere Form gegeben. In mühsamer Schleifarbeit auf einem Stück Sandstein, das schon sein Vater im Tauschhandel erworben und ihm geschenkt hatte, bekam die Klinge allmählich die Form einer Pfeilspitze, etwa zwanzig Zentimeter lang. Die nun lanzettförmige Klinge wurde sorgfältig in ein Bambusrohr eingefasst. Mit Wachs und Garn wurde die Befiederung angebracht, und dann war so ein Pfeil eine Waffe, mit der man nicht nur einen Keiler wie diesen hier erlegen konnte, sondern auch einen Jaguar. Das war am besten möglich, wenn die Hunde das Raubtier auf einen Baum gehetzt hatten. Dann legte sich Hakuk auf den Rücken, stemmte beide Füße gegen den langen Bogen, fasste den Pfeil mit beiden Händen, und der Druck der starken Sehne genügte, um einen Jaguar zu durchbohren.

Der kostbare Pfeil war verloren. Hakuk wandte sich seiner Beute zu. Er wusch ihr den Dreck von der Schwarte und schnitt mit seinem scharfen kleinen Messer, das immer hinter dem Gürtel aus Tapirhaut steckte, die Stinkdrüse aus dem Rücken. Dann weidete er das Tier aus, band ihm die Beine mit einer festen Schnur aus Caraguatáfasern zusammen, und hängte es sich über die rechte Schulter. Hakuk war stark genug, um so eine schwere Jagdbeute die fünf Kilometer durch den Busch bis zu den Grashütten zu tragen.

Die Frauen und Kinder im Dorf stimmten ein Jubelgeschrei an, als sie Hakuk in der Ferne am Rand des Busches auftauchen sahen. Die halbwüchsigen Jungen liefen ihm entgegen und nahmen ihm den Keiler von der Schulter. Sie hängten ihn über einen starken Stecken, und zwei von ihnen trugen die Last bis zu den Hütten.

Dort herrschte frohe Stimmung, weil die Versorgung des Clans wieder für zwei Tage gesichert war. Womöglich brachten die Männer, die sich in den weiten Graskamp auf die Jagd begeben hatten, einen Spießhirsch mit oder doch Gürteltiere oder Leguane, die noch schmackhafter waren als das zähe Fleisch eines alten Keilers.

Die Versorgungslage im Sommer war gut. Der kleine Acker auf dem lockeren Sandboden in der Nähe der Hütten lieferte Süßkartoffeln und Kürbisse, und die Frauen brachten vom Ufer der Lagune reichlich Wasser und die nahrhaften Schoten des Algarrobo, einer Akazienart, die den Wasserkamp wie ein grüner Kranz umgab. Auch die Früchte der verschiedenen Kakteen füllten ihre Taschen. Alles trugen sie auf oder mit dem Kopf, die Tonkrüge mit Wasser und die schweren Tragetaschen an einem breiten Band. Wenn die Frauen dann reich beladen zu den Hütten kamen, herrschte nicht geringere Freude als bei der erfolgreichen Heimkehr der Männer von der Jagd.

Im Winter allerdings, wenn die Lagune allmählich austrocknete, die Pekari Rudel sich weiter nach Osten verzogen und der Boden nichts mehr lieferte, konnte es hart werden. Dann musste sich der Clan auf Wanderschaft begeben, auf die Suche nach den letzten Wasserstellen, die oft noch versteckt im dichten Busch zu finden waren. Dann waren nur noch Kleintiere zu erlegen, Schlangen und Eidechsen, und die Bromeliendickichte bargen in ihren harten Kelchen, die ins Feuer geworfen wurden, einige Vitamine. Es ging dann ums Überleben, und die Lenguas hatten in den weiten Graskämpen und Buschstrecken ihrer Jagd- und Sammelgebiete die entsprechende Strategie entwickelt.

Für die Alten und Kranken konnten diese Wanderungen der Winterzeit dann allerdings zum Verhängnis werden. Sie mussten, wenn sie zu schwach waren, einfach zurückgelassen werden oder, und das war das gnädigere Verfahren, man tötete sie mit einem Schlag auf den Schädel. Auch die Familienplanung war ein hartes, aber unverzichtbares Mittel der Überlebensstrategie. Nur zwei Kinder konnte eine Mutter mit auf die Wanderung nehmen, eines in der Tragetasche und eines an der Hand. Der Mann mit den Waffen musste für den Schutz der Wandernden und für die Jagd frei bleiben. Die unerwünscht Geborenen mussten deshalb gleich nach der Geburt getötet werden.

Hakuk saß vor seiner Hütte und war des Lebens zufrieden. Er blickte auf seinen etwa siebenjährigen Sohn, der sich mit einem kleinen Bogen, den er für ihn gemacht hatte, im Zielschießen übte. Die Jahre wurden bei den Lenguas nicht gezählt, und auch einen Namen hatte der Junge noch nicht. Beides war vorerst unwichtig. Die Jahre kamen und gingen, wie die Sommer mit dem reichlichen Wasser und den Algarroboschoten, und einen Namen bekam der Mensch erst dann, wenn ein besonderer Umstand dazu Anlass gab. Sie nannten ihn einfach Sepe, das heißt Junge. Manchmal, wenn man ihn genauer bezeichnen wollte, hieß er auch Apviski Apkitka, das heißt Sohn des Häuptlings. Später, als er schon erwachsen war, hieß er Kintem, weil er sich einmal ein Bein gebrochen hatte. Er war auf einen Baum gestiegen, um Honig aus dem hohlen Stamm zu hacken. Dabei war er abgestürzt.

Das Fleisch des Keilers war am Spieß gebraten worden, lange und langsam, bis es schön weich wurde. Nach der Jagd gab es keine Hast. Die Süßkartoffeln wurden währenddessen in der heißen Asche gebacken, ebenso lange und langsam, und nun zog der Duft der reichlichen Mahlzeit durch die Grashütten. Er lud alle ein, und keiner blieb je hungrig, wenn die Jagdbeute ins Lager gebracht worden war.

Plötzlich schlugen die Hunde an. Die wachsame Meute scharte sich zusammen und stürmte aus dem Lager nach Westen hin. Die Männer erhoben sich und blickten in die Richtung, in die die Hunde immer wütender kläfften. Ganz fern auf dem offenen Kamp konnte man Reiter ausmachen, die sich langsam näherten. Ein Warnruf des Häuptlings, und alle Frauen und Mädchen verschwanden in den Hütten.

Als die Reiter sich näherten, beschwichtigten die Männer ihre Hunde, und Hakuk trat vor. Es waren keine Volay, das sah er auf den ersten Blick. So große Maultiere hatten die Grünuniformierten nicht. Die graugelbe Kleidung und die Schirmmützen wiesen andere Soldaten aus. Doch eines war gleich, jene wie diese hier trugen Gewehre, Patronengurte und noch andere Waffen.

Es waren vier Reiter, und Hakuk sah, dass fern am Buschrand noch mehr stehen geblieben waren. Der Erste, wohl der Häuptling, wie Hakuk mutmaßte, stieg ab, kam auf ihn zu und reichte ihm die Hand. „Kazike Carayá", sagte er freundlich und klopfte ihm auf die nackte Schulter. Diese Männer kannten ihn, und das war Freude und Schrecken zugleich. Kazike Carayá, so hatten ihn die Volay genannt, und nun war sein Name also auch im Westen, bei den andern, bekannt. Doch dann überwog der Schrecken den eben aufgestiegenen Stolz. Was wollten diese fremden und schwerbewaffneten Männer von ihm?

Die Verständigung war nur durch Zeichen möglich, doch Hakuk verstand bald, dass es um ihre Lagune ging, und was noch schlimmer war, dass diese Männer hier bleiben wollten. Ihm blieb nichts anderes übrig, als hilflos zu nicken, wenn der fremde Häuptling eine Frage stellte. Der sprach dann wieder mit seinen Leuten, und alle nickten und lachten und zeigten in Richtung des Wasserkamps, der bis dahin und in all den erdenklichen Zeiten Popyit Amyip geheißen und ihnen, den Lenguas, gehört hatte. Lachend und grüßend bestiegen der Offizier und seine Männer ihre Maultiere. Alle wendeten, und dann galoppierten sie auf den Buschrand zu, wo eine Kompanie bolivianischer Soldaten wartete, bewaffnet mit Karabinern und Maschinengewehren. Alle verschwanden dann in langer Reihe auf dem engen Pfad im Busch, der hinunter zur Lagune führte.

Langsam kamen die Frauen und Kinder wieder aus den Hütten und schauten verstört in die Richtung, aus der der unerwartete Einbruch gekommen war. Die Hunde hörten nicht auf zu kläffen, und die Männern hatten den Appetit verloren. Die Sonne neigte sich langsam in die Richtung, aus der die Soldaten in den Khakiuniformen gekommen waren.

Das war im November 1928.

Der fremde Häuptling, der Hakuk in Verlegenheit gebracht und in Schrecken versetzt hatte, war Hauptmann Abel Florentín aus La Paz. Er hatte nichts weiter getan, als den Befehl ausgeführt, der vom Oberkommando im Fortín Muñoz erteilt worden war. Er sollte einen Vorposten 40 Kilometer nördlich von Boquerón und 50 Kilometer westlich von Isla Po'i, zwei paraguayische Befestigungen, anlegen. Die schöne Lagune hatte eine Patrouille ausgemacht. Der schon legendäre Hauptmann Victor Ustarez, ein verwegener Buschläufer im Chaco seit Jahren, hatte insgeheim alles bis in die Einzelheiten untersucht, und er hatte auch erfahren, dass die Paraguayer den Häuptling Hakuk Kazike Carayá nannten. Alles war wichtig bei dem langsamen, aber gezielten Vordringen nach Osten. Mit der Besetzung dieser Lagune hatte die bolivianische Heeresleitung eine Faust in die gegnerische Verteidigungslinie geschoben.

Das bolivianische Oberkommando in Muñoz, in der Nähe des Rio Pilcomayo, war dabei, seine militärischen Stützpunkte möglichst unauffällig aber stetig nach Osten in Richtung des Paraguayflusses vorzuschieben, in ein Territorium, auf den es vom historischen Standpunkt aus meinte Anspruch erheben zu können. Der eigentliche Grund waren aber geopolitische Ziele. Der eroberte Chaco sollte den Zugang zum Rio Paraguay und damit zum Atlantischen Ozean sichern.

Die Regierung von Paraguay hatte das gleiche strategische Ziel, nur in entgegengesetzter Richtung. Sie hielt den ganzen Chaco Boreal, wie man den nördlichen Teil der großen Ebene nannte, bis an den Rio Parapití für ihr historisches Erbe. Die entdeckten Erdölvorkommen am Andenrand spielten dabei auf beiden Seiten eine bedeutende Rolle. Nun verzahnten sich die strategischen Maßnahmen bereits, und die militärischen Stützpunkte, Fortines genannt, rückten einander stellenweise gefährlich nahe.

Hauptmann Florentín, Absolvent der Militärschule in La Paz, hatte einen langen Weg hinter sich, als er auf die Grashütten des Kazike Carayá, dessen Name bereits in die Strategie eingeplant worden war, traf. Sein Regiment hatte den Auftrag, die Positionen im Chaco zu verstärken. Vom Fuß der Anden in Villa Montes, wo das Regiment seinen Standort hatte, war Hauptmann Florentín mit seiner Kompanie von Stützpunkt zu Stützpunkt dem Lauf des Rio Pilcomayo gefolgt, überzeugt davon, seinem Vaterland und einer guten Sache zu dienen. Er sah, wie seine Soldaten, meist Hochlandindianer, unter dem herben Klimawechsel litten. Sie kamen aus der dünnen, kühlen Luft des Altiplano unvermittelt in die heiße, dornige Chacoebene. Doch Hauptmann Florentín war ein guter Vorgesetzter. Er verstand es, seine Untergebenen zu ermutigen und sie davon zu überzeugen, dass der Chaco bolivianisches, von Paraguay bedrohtes Territorium sei.

Die Tieflandindianer, die in diesem Raum lebten, hatten für die strategische Planung auf beiden sich nun feindlich gegenüber stehenden Seiten keine Bedeutung. Sie waren nicht viel wichtiger als das Wild dieser Gegend. Sie konnten allerdings gelegentlich für die Kundschaft eingespannt werden, denn sie waren die besten Kenner ihrer weiträumigen Jagdgebiete. Die Indianer wussten, wo die dauerhaften Wasserstellen waren, und sie durften sich nicht weigern, die Patrouillen zu führen. So war auch die Begegnung mit Kazike Carayá, so freundschaftlich Hauptmann Florentín es auch meinte, eine bloße zweckbedingte Formalität.

Hakuk und einige seiner Männer schlichen in der Dämmerung des nächsten Morgens an ihre Lagune Popyit Amyip. Sie blieben im Gebüsch versteckt stehen. Am gegenüberliegenden Ufer stellten sie emsiges Treiben fest. Einige Soldaten hatten als erstes einen schlanken Paloblanco gefällt, ein dreifarbiges Tuch, rot, gelb und grün, daran gebunden und den Mast aufgerichtet. Hakuk erkannte, dass es die gleichen Farben waren, die er an der Schirmmütze des fremden Häuptlings gesehen hatte. Zelte waren am Ufer der Lagune aufgestellt worden. Der Busch hallte wider von Axtschlägen. Dort wurden Bäume gefällt, und am Buschrand wurde ein Graben ausgehoben.

Hier würden keine Pekaris mehr an die Lagune kommen, und keine der Frauen würde sich hierher wagen, um die Tonkrüge mit Wasser zu füllen. Das war die realistische Schlussfolgerung des Häuptlings Hakuk. Schweigend zog er sich mit seinen Männern zurück. Als sie wieder bei den Grashütten waren, fiel eine schnelle Entscheidung.

„Wir müssen hier weg", sagte Hakuk zu seinen Leuten. Zum Aufbruch brauchten Sie nicht mehr als eine halbe Stunde. Im Nu hatten die Frauen ihre Habseligkeiten in den großen Tragetaschen verstaut, die Felle, die als Bodenmatten dienten, eingerollt und die Kinder an sich genommen. Die Männer nahmen ihre Waffen, und die Wanderung konnte beginnen, nach Osten hin, weg aus der Richtung, aus der diese Reiter gekommen waren.

Sie wanderten, wie sie immer gewandert waren, wenn die Not sie trieb, wenn die Lagune leer war, wenn die Jagd nicht mehr lohnte, wenn die Umgebung der Grashütten verschmutzt war oder wenn eine Gefahr drohte. Sie wanderten in langer Reihe auf den engen Pfaden, die sie gut kannten, durch Busch und Kamp, vornan Hakuk und einige Männer, dann die Frauen, vornüber gebeugt, das Trageband der schweren Taschen mit aller Habe über dem Kopf, obenauf das kleinste Kind, und hinten in der Reihe wieder bewaffnete Männer.

Sepe, Hakuks ältester Sohn, den sie später Kintem nannten, lief vorne neben seinem Vater her. Er war stolz auf seinen Vater, den starken Mann, der den Clan führte, und ehrfurchtsvoll schaute er auf die scharf geschliffenen Pfeile im Gürtel und den langen starken Bogen. Sein Vater hatte ihm eine Bogenschleuder gemacht, einen Bogen mit einer Doppelsehne, in die seine Mutter eine Schlaufe eingeknüpft hatte. Mit Kugeln, aus Ton gedreht, konnte er so auf Täubchen und Eidechsen schießen und damit einen Beitrag für die Ernährung leisten.

Drei Tage dauerte der Marsch, dann erreichten sie wieder eine Lagune, die in derselben Bodensenke lag wie Popyit Amyip, ziemlich weit im Osten, in der Nähe jener großen und wasserreichen Lagune, die die Volay, die Reiter in den grünen Kleidern, Kazike Ramón genannt hatten, nach dem Lenguahäuptling dieser Gegend. Dass sie inzwischen den Namen Isla Po'i bekommen hatte und ein befestigtes Heerlager geworden war, erfuhren Hakuk und seine Männer erst einige Tage später auf einem Streifzug, auf dem sie den Wildbestand der Gegend untersuchen wollten. Kazike Carayá wurde in Isla Po'i freundlich begrüßt und mit Fragen überschüttet. Hakuk begriff ungefähr, was die Volay von ihm wissen wollten, und er gab Auskunft, so gut er konnte. So erfuhr das paraguayische Oberkommando, dass die Bolivianer die Lagune Kazike Carayá, wie sie inzwischen in die Kartenskizzen von diesem Gebiet eingetragen worden war, besetzt hatten und auch, wie stark die Einheit war.

Die Lagune, an der Hakuks Clan wieder seine Grashütten gebaut hatte, war wunderschön. Sie war groß und rund, und in der Mitte lag eine kleine Insel. Die Paraguayer waren bereits da gewesen, und sie hatten ihr den Guaraninamen Curucao gegeben. Doch Hakuk fühlte sich hier vorerst unbehelligt. Noch am Tag der Ankunft hatten die Frauen die Hütten fertiggestellt. Sie lehnten große Äste aneinander und warfen dann Büschel von Bittergras darüber, so lange, bis ein dichtes Dach entstand. Den Boden bedeckten sie ebenfalls mit Gras, und darauf legten sie die gegerbten Felle vom Spießhirsch. Es war wieder wie bei der Lagune Popyit Amyip, und abends brannte bereits das Lagerfeuer im Rund der Hütten.

Noch war dem Häuptling Hakuk nicht bewusst, dass er vom Regen in die Traufe gezogen war. Noch glaubte er, in dem neuen Revier, das er in Besitz genommen hatte, Herr zu sein. Hier würde die ganze Sippe genug Jagdbeute und Früchte der Natur finden. Die Volay waren immerhin fast eine Tageswanderung weit weg, und die Frauen konnten ungehindert Wasser an der Lagune schöpfen, ohne befürchten zu müssen, von Soldaten belästigt zu werden.

Hakuk wusste nichts von der Strategie der beiden Staaten, die Anspruch auf die Jagdgebiete der Chacoindianer erhoben, und er hatte keine Ahnung davon, dass er in einem strategischen Niemandsland lagerte. Er wusste auch nicht, dass sein Name bereits eine wichtige Rolle im Ablauf der Ereignisse zu spielen begonnen hatte.

Er sollte bald noch mehr erfahren. Um diese Zeit waren nämlich, vom großen Fluss im Osten her kommend, in langen Karawanen Einwanderer in diese Gegend gelangt. Auf einem Streifzug nach Norden hin blieben Hakuk und seine Männer plötzlich wie angewurzelt am Buschrand eines großen Kampes stehen. In knapp hundert Metern Entfernung sahen sie Wohnungen, wie sie weder die Indianer noch die Volay bauten, Wohnungen mit schwarzen Fenstern und Türen und manche mit glänzenden Dächern. Drumherum sahen sie Männer, Frauen und viele Kinder in merkwürdiger Kleidung und mit großen Hüten auf dem Kopf. Sie konnten die weiße Hautfarbe erkennen, und sie hörten unverständliche Laute und fröhliches Lachen. Sie waren auf das Dorf gestoßen, das die mennonitischen Einwanderer Ebenfeld genannt hatten.

Keiner der Männer sagte ein Wort. Sie blieben eine Weile betroffen stehen. Ihr Weltbild war zu begrenzt, um zu erfassen, was nun um sie herum vor sich ging. Sie hatten keine Ahnung von dem fernen Land Bolivien, nicht einmal von Asunción, der Hauptstadt des Landes, zu dem sie politisch gehören sollten. Man hätte ihnen schwer klarmachen können, dass diese Menschen hier auf dem schönen Kamp, auf dem sie gerade Spießhirsche jagen wollten, aus Kanada gekommen waren, schon vor einem Jahr, und dass sie in schwierigen Etappen vom Hafen Casado am Paraguayfluss her in den Chaco vorgedrungen waren, um hier ihre Dörfer anzulegen und den Boden zu pflügen.

Hakuk gab seinen Männern ein Zeichen, und alle zogen sich lautlos in den dichten Busch zurück. So viel hatten sie begriffen, dass im Westen, im Osten und nun auch im Norden andere Menschen da waren, die sich wenig darum zu kümmern schienen, wo die Lenguas ihr Wasser holen und ihre Pekaris und Spießhirsche jagen sollten.

Hauptmann Florentín war enttäuscht und betroffen, als seine Männer die Grashütten des Kazike Carayá verlassen vorfanden. Es war unschwer festzustellen, dass der Clan nach Osten abgezogen war, in Richtung Isla Po'i, wo sich der Feind festgesetzt hatte. Die Paraguayer würden über diesen neuen Stützpunkt, der sich tief in das gedachte Niemandsland vorgeschoben hatte, schneller Bescheid wissen als erwartet, und Kazike Carayá war der Verräter, darüber gab es keinen Zweifel.

Jetzt war Eile geboten. Es mussten doch wenigstens einige Hütten gebaut und Schützengräben ausgehoben werden, damit diese Lagune als besetztes Territorium gelten konnte, und sie musste einen authentischen Namen haben. Hauptmann Florentín nannte die Lagune Huijhay. Das war ein Ketschuaname aus dem Altiplano, und damit sollte die Besitznahme durch Bolivien symbolisiert und legitimiert werden. Stafetten meldeten die Einnahme der Lagune und den neuen Namen im Fortín Arce und dann bei der nächsten Dienststelle in Saavedra. So wurde das neue Fort nun auch in die Karte des bolivianischen Oberkommandos in Muñoz eingetragen.

Hauptmann Florentín war auf alles gefasst, denn die Feindseligkeiten zwischen den beiden Ländern hatten sich inzwischen solcher Spannung gesteigert, dass scharf geschossen wurde, wenn man sich begegnete. In den Fortines Sorpresa im Süden und Vanguardia im Norden war bereits Blut geflossen.

Die gleiche nervöse Spannung, die sich in dem neuen Fortín Huijhay gleich nach seiner Gründung breit machte, zeigte sich auch im paraguayischen Oberkommando in Isla Po'i, und beides hatte der Kazike Carayá verursacht, ohne es zu wollen.

Paraguays Heeresführung durfte es unmöglich dulden, dass der Gegner seinen Fuß so weit nach Osten hin setzte. Der Hauptmann Valentín Morínigo, erst vor einigen Wochen mit seiner Kompanie aus Asunción eingetroffen, erhielt den Befehl, mit einer Einheit von sechzig Mann auf jenen Stützpunkt Boliviens vorzustoßen und ihn in Besitz zu nehmen, koste es, was es wolle.

In einer langen Reihe, denn es gab nur Indianerpfade, machte sich Morínigo mit seinen Reitern auf den Weg nach Westen. Bei der Lagune Curucao machten sie Halt. Morínigo wusste bereits um das Lager der Lenguas hier, und Kazike Carayá war im paraguayischen Oberkommando dem Namen nach gut bekannt. Wieder flüchteten die Frauen in die Hütten, als die vielen Reiter auftauchten. Die Soldaten umringten das Lager, lachten und machten wilde Scherze, doch die Lenguas konnten ihr Guaraní nicht verstehen. Morínigo gebot Ordnung, und die Reiter mussten sich in respektvollen Abstand zurückziehen. Dann überreichte er dem Häuptling ein großes Bündel Tabak, ein Messer mit einem buntverzierten Griff und einen Poncho. Hakuk war überwältigt von den Herrlichkeiten.

Dann stellte Morínigo gezielte Fragen, und die beiden konnten sich durch Zeichen und Worte verständigen. Hakuk begriff, dass es um seine Lagune Popyit Amyip ging, und dass der Offizier alles über die Besatzer dort wissen wollte, ihre Zahl, ob sie beritten seien und was für Waffen sie hätten. Hakuk gab gern Auskunft. Warum auch nicht? Auch diese Männer nannten ihn Kazike Carayá, und er war bereits stolz auf diesen neuen Namen. Sie hatten ihn beschenkt, und der Hauptmann deutete an, dass die anderen Reiter vertrieben werden würden und dass die Lenguas wieder zurück zu ihrer Lagune kommen könnten.

Hauptmann Morínigo hatte jedenfalls feststellen können, dass seine Einheit zahlenmäßig in der Übermacht war. Doch wahrscheinlich musste er beim Gegner mit Maschinengewehren rechnen, und das könnte gefährlich werden. Der Verteidiger im Schützengraben mit einem Maschinengewehr war immer im Vorteil. Doch Eile war geboten; denn je mehr Zeit er dem Gegner ließ, desto besser konnte der seine Verteidigungsstellung ausbauen. Der Vorstoß musste beginnen.

Es war ein mühsamer Ritt. Die engen Indianerpfade führten durch dichtesten Busch, und oft mussten die Reiter ihre Pferde am Zügel führen. Die dornigen Sträucher, die den Pfad versperrten, zerrissen die Uniformen und die Bromelien und Kakteen am Boden das Schuhzeug. Erst am Vormittag des dritten Tages näherten sie sich ihrem Ziel. Sie trafen auf den ersten Vorposten, der völlig überrascht war und beim Anblick der Übermacht keinen Versuch zur Verteidigung machte. Die drei bolivianischen Soldaten waren schnell entwaffnet, und sie gaben ohne Widerstand Auskunft über die Truppenstärke und Bewaffnung. Die Paraguayer erfuhren auch, dass das neue Fortín von den Bolivianern Huijhay genannt wurde.

Hauptmann Morínigo war ein Mann kühler Überlegungen. Er kannte seine Männer nun schon, und ihr Geschick lag ihm am Herzen. Die meisten waren achtzehnjährige Burschen, die gerade im Zug der steigenden politischen Spannungen eingezogen worden waren, ohne ausreichende Ausbildung, doch verwegen und unvorsichtig. Sie brannten auf einen Angriff. Am Lagerfeuer, an dme immer auch eine Gitarre erklang, hatten sie die alten Lieder aus dem großen Dreibundkrieg vor nun fünfzig Jahren gesungen, in denen der Heldentod des Marschalls López gepriesen wurde. „Sieg oder Tod", das war ihnen von der Schule her in Fleisch und Blut übergegangen, und so stand es nun auch auf dem Koppelschloss ihrer olivgrünen Uniform.

Morínigo versammelte seine Leutnants um sich. „Wir werden dem Gegner freien Abzug anbieten. Vielleicht können wir unnötiges Blutvergießen vermeiden," sagte er, und er rief den Leutnant Dionisio Bareiro nach vorn. „Sie nehmen zehn Mann ihres Zuges. Diese bolivianischen Soldaten werden sie zum Fortín führen. Dort fordern Sie, mit Hauptmann Abel Florentín sprechen zu wollen. Sie bieten freien Abzug an und geben sechs Stunden Zeit. Nach Ablauf der Frist werden wir angreifen."

„Zu Befehl", sagte Leutnant Bareiro und salutierte. Er war stolz auf diesen ersten Auftrag an der bisher nur gedachten Frontlinie, und er wusste, dass seine Mission nicht ungefährlich war.

Der Stoßtrupp brach auf. Es waren noch fünf Kilometer bis zur Lagune. Sie ritten im Schritt; denn bis an das Fortín führten nur enge Pfade. Etwa fünfzig Meter vor den Hütten, die inzwischen errichtet worden waren, blieben sie stehen, und der Leutnant gab Zeichen, dass er eine Unterredung wünsche. Zehn bewaffnete Männer kamen heraus und führten Leutnant Bareiro ins Lager. Zwei selbstbewusste Männer standen sich hier zum ersten Mal gegenüber, Leutnant Dionisio Bareiro aus Asunción und Hauptmann Abel Florentín aus La Paz, Männer aus zwei Welten hier an der Lagune im Chacobusch. Sie wussten nicht, dass sich ihre Wege noch zweimal kreuzen würden, unter ganz anderen Umständen.

Die Information Bareiros war knapp. Die drei bolivianischen Soldaten bestätigten die Truppenstärke des Gegners. Der Hauptmann akzeptierte die Bedenkzeit von sechs Stunden. Beide salutierten, und Leutnant Bareiro trat mit seinem Zug den Rückweg an. Er spürte die Blicke der überraschten Gegner in seinem Rücken, und er wusste, dass diese Situation nicht ungefährlich war. Vor etwas mehr als einem Jahr hatte Leutnant Rojas Silva ein ähnliches Unternehmen beim Fortín Sorpresa mit seinem Leben bezahlt. Eine Kugel im Rücken hatte ihn getötet.

Doch Leutnant Dionisio Bareiro wusste damals noch nicht um die ritterliche Gesinnung des Hauptmanns Abel Florentín. Auch er, ebenso wie Hauptmann Valentín Morínigo, verabscheute sinnloses Blutvergießen. Dazu wäre es bei einem Gefecht aber unweigerlich gekommen, und damals hoffte man noch darauf, dass der Grenzkonflikt zwischen Paraguay und Bolivien am Konferenztisch der Neutralen gelöst werden könnte.

Als Hauptmann Morínigo sich mit seinem Stoßtrupp am späten Nachmittag vorsichtig der Lagune näherte, fanden sie den Stützpunkt verlassen vor. An den umgelegten Fahnenmast befestigten seine Soldaten die rotweißblaue Fahne und richteten ihn auf. Der Hauptmann ließ seine Truppe antreten, lobte sie für ihre Unerschrockenheit und Besonnenheit und erklärte die Lagune für rechtmäßigen paraguayischen Besitz.

„Sie heißt nun nicht mehr Huijhay", verkündete er feierlich, „sondern Kazike Carayá, zu Ehren jenes Häuptlings, der uns rechtzeitig gewarnt und so gut informiert hat. Kazike Carayá soll mit seiner Sippe wieder hierher ziehen, und wir wollen ihn, seine Sippe und sein Jagdgebiet respektieren."

Der Hauptmann ließ den Leutnant Bareiro am nächsten Morgen mit dreißig Mann in dem Fortín, das nun kurz Carayá genannt wurde, und er kehrte nach Isla Po'i zurück. Bei der Lagune Curucao machte er Halt und versuchte Hakuk verständlich zu machen, dass er mit seinem Clan wieder an seine Lagune zurückkehren könnte. Er sagte ihm auch, dass die Lagune nun Kazike Carayá heiße, und er klopfte dem Häuptling dabei wieder respektvoll auf die Schulter. Hakuk fühlte sich geehrt, und er war glücklich.

Die ganze Sippe zog nun wieder zu ihrer Lagune zurück. War es der Zug in die vertraute Umgebung, die ihn das Wagnis unternehmen ließ? Die einzelnen Sippen hatten ihre gegenseitig respektierten Jagd- und Sammelgebiete, und Hakuk gehörte in die Gegend von Popyit Amyip. Oder war es die Unsicherheit, die sich nun um ihn herum immer stärker abzuzeichnen schien, im Westen, im Osten und im Norden? Nach einer Woche jedenfalls näherte sich die Sippe wieder ihrer Lagune Popyit Amyip. Allerdings war Hakuk misstrauisch, trotz der Anerkennung und der Zusicherung durch den paraguayischen Hauptmann, und sie zogen nicht mehr in die verlassenen Grashütten, sondern bauten sich neue in weiterer Entfernung.

Das Nebeneinander von Soldaten und Indianern war um diese Zeit noch nicht so spannungsgeladen, wie zwei Jahre später. Dennoch, hier standen sich zwei Kulturen, zwei Lebensweisen, zwei Denkweisen gegenüber.

Hier die Indianer, sozusagen unberührt in ihrem Urzustand, von der Jagd und vom Sammeln lebend, in einer Weise, wie sie es tausend oder mehr Jahre gepflegt hatten. Die Frauen und Mädchen kamen, nur mit einem Lendenschurz bekleidet, ungeniert mit nacktem Oberkörper an das gegenüber liegende Ufer der Wasserstelle, als Hakuk ihnen versichert hatte, dass ihnen keine Gewalt angetan werden würde. So hatte es ihm der Hauptmann Morínigo zugesichert.

Dort die jungen Soldaten voller Lebens- und Abenteuerlust, die schon monatelang ein normales gesellschaftliches Leben entbehrt hatten, und die sich in der Eintönigkeit der Tage hier im fernen dichten Busch langweilten. Doch Leutnant Bareiro hielt

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