Buchbesprechungen | Jahrbuch 2001

Harry Loewen (Hrsg.), Road to Freedom. Mennonites escape the land of suffering (Pandora Press, Kitchener, Ontario, 2000).

Der Herausgeber dieses gut ausgetatteten und sehr lesenswerten Buches hat damit den russlandmennonitischen Vätern und Müttern, die in Zeiten der Verfolgung und sehr großen Leidens sich in der Sowjetunion und auf der Flucht für das Leben ihrer Kinder eingesetzt und ihnen den Glauben an Gott ermöglicht und damit zur Tradierung christlicher Werte beigetragen haben, ein würdiges Denkmal gesetzt.

Anlass für die Herausgabe dieses Buches war die 50 Jahr-Feier der Mennoniten in Kanada, die nach dem Zweiten Weltkrieg in das Land der Freiheit gekommen waren. Nach einer umfassenden historischen Einführung, die den geschichtlichen Kontext beschreibt und damit den Hintergrund der zahlreichen Einzelschicksale erhellt, bekommt der Leser Einblick in das Leben zahlreicher Menschen, die in Notsituationen mit Gottes Hilfe und dem Beistand ihrer Mitmenschen leiblich und geistlich überlebt haben. Von den ca. 35 000 Mennoniten, die die Sowjetunion im Zuge des deutschen Truppenrückzugs verließen, wurden jedoch 23 000 zwangsweise wieder zurückgeschickt und nur 12 000 gelang es, im Westen zu bleiben, um dann größtenteils in Kanada oder Südamerika eine neue Heimat zu finden.

Um dem Leser einen Eindruck von dem Inhalt des Buches zu vermitteln, sollen im Folgenden drei Erlebnisberichte kurz wiedergegeben werden.

Da ist z.B. Irene Jantz, die ihre Erlebnisse und Reflexionen in den dreißiger und vierziger Jahren ihrem Tagebuch anvertraut hat. Geboren 1925, verbrachte sie ihre Kindheit in Friedensfeld (Miropol), Ukraine, und musste sehr bald erfahren: „In Russland lebten wir immer in Angst. Keiner fühlte sich sicher, und da keiner sicher war, fürchteten wir uns auch voreinander". (S. 44) 1937 kam der „Schwarze Rabe" und führte den Vater in die Verbannung. Dieses erschütternde Erlebnis veränderte ihr Denken und ihr Leben. Sie wusste nun: der Staat hat nicht immer Recht und die kommunistische Ideologie verlor für immer ihre Anziehungskraft.

Doch auch die Begegnung mit den deutschen Soldaten brachte Ernüchterung mit sich. Zwar hatte ihre Mutter ihr beigebracht, die deutschen Soldaten seien Christen, da auf ihrem Koppelschloss „Gott mit uns" zu lesen sei, doch Zweifel daran kamen auf, als sie miterlebte, wie die SS vier führende Kommunisten auf offenem Feld exekutierte. Angesichts von roher Gewalt und schreiender Ungerechtigkeit, die sie hautnah miterlebt hatte, verspürte sie einerseits einen unbändigen Drang nach Freiheit, war sich aber andererseits ihrer weiblichen Ohnmacht voll bewusst: „Ich wünschte, ich wäre ein Mann, dann würde ich dafür kämpfen, diese Freiheit zu sichern. Ich würde nach den Sternen greifen, ein Stück dieser Freiheit erhaschen und sie zu den Menschen herabbringen". (S. 49)

Nach jahrelanger Trennung von ihrer Mutter fand sie diese in Westdeutschland wieder und konnte schließlich im Jahre 1948 nach Kanada auswandern, um dort ein Leben in Freiheit zu beginnen.

„Krieg ist die Hölle" - so die Erkenntnis von Siegfried Bartel, einem westpreußischen Mennoniten, der als Offizier am Zweiten Weltkrieg teilnahm, ein Todesurteil zu fällen hatte und von Massenerschießungen erfuhr. Als er dann direkt an der Front über den Kopfhörer friedenverheißende Weihnachtslieder aus dem gegnerischen Schützengraben zu hören bekam, begann bei ihm ein Sinneswandel, der ihn nach Beendigung des Krieges dazu bewog, sich im Rahmen der MCC-Arbeit für den Frieden einzusetzen. Für ihn war nun klar: „Du kannst nicht deinen Feind lieben und abdrücken" (S.118).

Welche Möglichkeiten sich besonders für die jüngere Generation in den neuen Ländern bot, zeigt die Lebensgeschichte von Alfred Hecht, der als Flüchtlingsjunge nach Paraguay kam und später Geographieprofessor in Kanada wurde. In Paraguay lernte er die Freiheit und Begrenztheit des Landlebens kennen, und in Kanada begriff er sehr schnell, dass man als unbemittelter Einwanderer nur durch Arbeit und Studium vorankommen konnte. Durch seine Wochenendarbeit an der Tankstelle verschaffte er sich die Möglichkeit zum Schul- und Universitätsbesuch und durch seine zielgerichtete akademische Arbeit wurde er Professor an der Wilfried Laurier University in Waterloo, Ontario und Gastprofessor an mehreren deutschen Universitäten.

Doch zu jeder Zeit betrachtete Hecht sich als Mennonit, der durch sein Plattdeutsch auch die Zweifler überzeugen konnte. Er war Sonntagsschullehrer, Mitglied des Gemeindevorstands und betätigte sich auch im Rahmen der MB-Konferenz. Trotz Krieg und wirtschaftlicher Schwierigkeiten behielt er seine positive Lebenseinstellung, die ihm in Kanada akademischen und wirtschaftlichen Erfolg erreichen ließen.

In diesen Lebensbildern wird wiederholt betont, wie wichtig der Einfluss der Eltern und vor allem das Gebet der Mutter für ihre Kinder gewesen sind. Da die Väter von ihrem Verbannungort aus den Kindern kaum beistehen konnten, blieb die Last ihrer Versorgung und Erziehung oft auf den Schultern der Mütter und Großmütter. Sie waren es, die den Kindern den Glauben an Gott angesichts des atheistischem Unterrichts in Schulen und Hochschulen in ihrem täglichen Leben vorlebten, und sie waren es auch, die den Kindern in der neuen Heimat den Mut und das Selbstvertrauen zum Aufbau einer neuen Existenz vermittelten.

Harry Loewen und seinen zahlreichen Mitarbeitern aus Kanada, Deutschland, Südmerika und den Vereinigten Staaten ist zu danken, dass in diesem Buch das Drama des menschlichen Leidens, verursacht durch Gewalt und Unrecht, aber auch die Errettung aus schier ausweglosen Situationen, bewirkt durch Gottes Hilfe und die menschliche Nächstenliebe, dokumentiert worden ist. Das Buch ist ein beredtes Zeugnis von menschlicher Bosheit und göttlicher Liebe. Es zeigt aber auch, was Gottes Liebe im Leben eines Menschen bewirken kann, wenn er dafür empfänglich ist.

Dieses 302 Seiten umfassende Buch, eingeteilt in 10 Kapitel und mit einem Literaturverzeichnis versehen, überzeugt durch die Ehrlichkeit der Berichterstattung, die durch Interviews, Tagebücher, Briefe, Manuskripte und Artikel zustande gekommen ist. Die zahlreichen Fotos vermitteln einen unmittelbaren Eindruck von den berichtenden Personen und ihrer Erlebniswelt. Die historische Einleitung und die nachdenklichen Kommentare über Unmenschlichkeit und Vergebung im Schlusskapitel tragen dazu bei, die Einzelschicksale in das gesamte Weltgeschehen besser einordnen zu können.

Pandora Press und der Koproduzent Herald Press haben mit der Publikation von „Road to Freedom" ein Buch mit starkem Einband, gut lesbarer Schrift und hoher Bildqualität vorgelegt. Angesichts der vielen deutschsprachigen Interessenten wäre es wünschenswert, wenn die geplante deutschsprachige Fassung - möglicherweise in einer billigeren broschierten Ausgabe - recht bald erscheinen würde.

Jakob Warkentin


Peter P. Klassen, Die Mennoniten in Paraguay Bd. 1: Reich Gottes und Reich dieser Welt. Zweite erweiterte und aktualisierte Auflage. (Mennonitischer Geschichtsverein, Bolanden-Weierhof 2001), 480 Seiten.

Die erste Auflage dieses sehr informativen Buches über die Mennoniten in Paraguay erschien 1988 und fand das Interesse zahlreicher Leser. Da es seit fünf Jahren vergriffen war, ist die Neuauflage zu begrüßen. Die Qualität des Druckes und der Bilder ist verbessert, die Lesbarkeit durch eine größere Schrift erleichtert und der Text um fast hundert Seiten erweitert worden.

Worum geht es in dieser Publikation? Klassen beschreibt nicht nur, sondern problematisiert die spezifische Situation der Mennoniten in Paraguay, indem er auf den Grundkonflikt des Kolonisationsmennonitentums hinweist, „der daraus erwächst, dass die täuferische Glaubensgemeinde nach apostolischem Leitbild mit der Kolonisation eine ihren Grundprinzipien widersprechende Aufgabe übernehmen mußte, nämlich die der weltlichen Regierung". (S.8).

Das erste Kapitel dient vor allem der Hintergrunderhellung. Darin beschreibt Klassen die Einwanderungsgesetzgebung der paraguayischen Regierung sowie die zahlreichen Siedlungsversuche europäischer Einwanderer, die aber kaum zu dauerndem Erfolg führten, da sich unter den Immigranten nur wenige Bauern befanden. Auf Dauer sezten sich hauptsächlich die brasiliendeutschen Siedler in Itapúa, die deutschen Siedler um Villarrica, einige kleinere japanische Kolonien und die mittlerweile im ganzen Land verteilten Mennonitenkolonien durch.

Mennonitische Landsucher und einflussreiche Persönlichkeiten eröffneten den Weg für das Siedlungsunternehmen kanadischer Mennoniten in Paraguay, das jedoch erst konkrete Formen annahm, nachdem 1921 mit dem gesetzlich garantierten Privilegium die Grundlage für die mennonitische Siedlungspolitik in Paraguay geschaffen war.

Um das den Mennoniten in Paraguay mit Gesetz 514 gewährte Privilegium besser verstehen zu könnnen, untersucht Klassen die Gewährung mennonitischer Sonderrechte in mehreren europäischen Ländern und kommt zu der Feststellung: „Tatsächlich ist die Geschichte der Mennoniten eine Geschichte der Auseinandersetzung der Gemeinden mit dem Staat und seinen Ansprüchen und des Ringens um die Gewährung von Sonderrechten". (S. 56).

Parlament und Öffentlichkeit fiel es nicht leicht, den Mennoniten die Sonderrechte zuzugestehen, andererseits verbanden sie mit deren Einwanderung sehr große Hoffnungen. Das zeigt die Stellungnahme der Zeitung „Liberal" aus dem Jahre 1921, in der zu lesen war: „Sie werden eine Stadt im Chaco bauen - nicht einen Staat im Staate -, und wir werden hingehen, um sie dort zu begrüßen, die Asuncióner, die Pilarenser, die Concepcioner und die Villarricaner, alle, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit werden hingehen, die mennonitische Stadt zu sehen, wo das Motto unserer Fahne - Friede und Gerechtigkeit - in den Herzen der Bürger strahlt, die den Namen Gottes ehren, die das Blut des Nächsten und auch das ihrer Feinde nicht vergießen wollen und die sich nicht am Gut des Nächsten bereichern" (S.74). Angesichts der Missachtung staatlicher Gesetze im ganzen Land sind diese Erwartungen gerade heute von großer Aktualität. Die Besucher sind inzwischen in den Koloniezentren allgegenwärtig, sie suchen jedoch Teilnahme am wirtschaftlichen Erfolg und ob die oben genannten Tugenden hier zu finden wären, selbst wenn sie gesucht würden, bleibt eine offene Frage.

Bilden die Mennonitensiedlungen in Paraguay ein"mennonitisches Reich" oder gar einen „Staat im Staate"? Klassen weist auf ihre Eigenständigkeit auf religiösem, kulturellem, wirtschaftlichem und teilweise auch auf politischem Gebiet hin, hebt die damit verbundenen Vorteile hervor, verschweigt aber nicht die Schwächen, die in einem mangelhaften Rechts- und Ordnungswesen begründet sind.

Bezüglich Kultur, Sitte und Brauchtum bieten die unterschiedlichen Mennonitensiedlungen in Paraguay ein buntes Mosaik. Diese Unterschiede kann der Autor besonders deutlich am Erziehungs- und Bildungswesen zeigen. Jedoch in allen Mennonitensiedlungen, ganz gleich, ob sie konservativ oder fortschrittlich gesonnen sind, wirkt sich die „soziale Kontrolle" als eine strukturbewahrende Macht aus.

Ob „Streit und Spaltungen zum Wesen des Mennonitentums gehören" (S. 379), sei dahingestellt, fest steht, dass die Mennoniten in Paraguay, trotz der Zusammenarbeit auf vielen Gebieten, immer noch an der Eigenständigkeit ihrer Gemeinden, Verwaltungen, Kooperativen und Schulen festhalten.

Trotz unterschiedlicher „Formen und Normen" in den Mennonitengemeinden in Paraguay stellt Klassen jedoch auch „Gemeinsamkeit in der Vielfalt" fest. Als Beleg nennt er die KfK, die gemeinsame Missionsarbeit, die Bibelschulen, die Indianer-Beratungsbehörde sowie das Gemeindekomitee, in dem Oberschulzen und Gemeindeleiter gemeinsam geführte Projekte planen und beraten sowie anstehende Fragen miteinander klären.

Im letzten Kapitel greift Klassen nochmals die Frage nach den zwei Reichen auf, analysiert sie im historischen Kontext und kommt zu dem Schluss, dass sich der Grundkonflikt letzlich nicht lösen lässt und manche Fragen offen bleiben müssen. In Bezug auf die paraguayische Situation macht er folgenden Vorschlag, der sich seit 1988 nicht verändert hat: „Sinvoller als eine radikale Integration des ´mennonitischen Systems´ in die Verwaltungsstruktur des Staates wäre wohl eine schrittweise Angleichung, ein Abbau von schroffen, abweisenden Normen und eine Übertragung der bewährten Methoden, vor allem der Wirtschaftsführung, auf einen möglichst weiten Umkreis über die Grenzen der Kolonien hinaus. Die Ausschaltung möglichst aller diskriminierenden Faktoren und die Einbeziehung möglichst vieler Normen des öffentlichen Rechts in die Verwaltung würden damit Hand in Hand gehen müssen" (S. 459f).

Die veränderte politische Situation in Paraguay seit 1989 und deren Auswirkungen auf die Mennonitenkolonien wird von Klassen an einigen Stellen kurz angsprochen, so z.B. auf S. 272 ff und S. 460. Eine eingehende Analyse der mennonitischen Beteiligung an der Politik, so z. B. durch die Stellung eines eigenen Abgeordneten und Gouverneurs oder eine Beschreibung der veränderten politischen Bewusstseinslage der mennonitischen Bürger hat er nicht geliefert. Vielleicht ist es auch noch zu früh und die Erfahrung zu kurz, um hier schon stichhaltige Ergebnisse aufzeigen zu können.

Bei der Fülle des kenntnisreich aufbereiteten Materials, das vom Autor in gut lesbarer Form präsentiert und in ansprechender Buchform vorgelegt wird, bleibt zu wünschen, dass das zu Recht neu aufgelegte Buch viele Leser findet.

Jakob Warkentin


Verein zur Erforschung und Pflege des russlandmennonitischen Kulturerbes (Hrsg.), Aber wo sollen wir hin. Briefe von Russlandmennoniten aus den Jahren ihrer Gefangenschaft, Verbannung und Lagerhaft in der Sowjetunion (Verlag Hirtenstimme e. V. Frankenthal 1998).

Diese den Leser beeindruckende Briefsammlung wurde von Julia Hildebrandt, Heinrich Klassen und Gerhard Wölk redigiert und mit einer ausführlichen Einführung über die Zeit und die Umstände, in denen die Briefschreiber lebten, versehen. Sie umfasst die Zeitspanne von 1932 bis 1971. Die Verfasser der Briefe sind „authentische Zeugen des während der kommunistischen Herrschaft verübten Unrechts an den eigenen Staatsbürgern. Vor allem aber eröffnen die Briefe einen Zugang zum Verständnis derjenigen Menschen, die sie einst in Unfreiheit und schwerer Bedrängnis schrieben" (S. 11).

Die Verhaftungswelle erreichte in den Jahren 1936-38 ihren Höhepunkt. Über die in dieser Zeit verbannten Menschen weiß man am wenigsten, da sie keine Schreiberlaubnis hatten und viele von ihnen sehr bald ihr Leben lassen mussten. Andere wiederum, die 1943/44 über Polen bis nach Deutschland gelangt waren, wurden zwangsweise in die Sowjetunion zurückgebracht, wo sie bis 1955 in Wäldern, Kohlen- und Uranbergwerken unter äußerst schwierigen Bedingungen Schwerstarbeit zu leisten hatten. Von ihnen gelangten Briefe in die Außenwelt. Sie erhielten aber auch Briefe von ihren Angehörigen, die sie trösteten und ihnen Kraft zum Überleben gaben. So half und tröstete man sich gegenseitig: „Und keinen der Männer, deren Briefe hier vorliegen", so die Meinung der Redaktion, „ließ das Gottvertrauen ihrer Frauen, Schwestern und Mütter gleichgültig." Und an anderer Stelle schreiben sie: „Manche Familienväter erziehen und belehren ihre Kinder auch aus der Ferne, alle sprechen ihnen Mut zu. Häufig wird damit auch die Mahnung verbunden, fleißig zu lernen, um ja nicht zurückzubleiben" (S. 19).

Hier ein Beispiel: Ältester Jakob Rempel, der es in Russland vom „Stallknecht zum Dorfschullehrer geschafft" hatte, in Basel ein Predigerschule besucht und anschließend an der Universität Theologie und Philosophie studiert hatte, wurde nach erfolgreicher Lehrtätigkeit an mennonitischen Schulen in Russland 1920 an die Universität von Moskau als Professor für Germanistik berufen. Als er jedoch gleichzeitig zum Ältesten einer Mennonitengemeinde gewählt wurde, veränderte sich sein Leben, das schließlich in der Verbannung endete. Am 7.7.1930 schrieb er an seine Frau Sonja:

„Herzlichen Gruß Dir und den Kindern aus dem weiten Norden. Noch bin ich am Leben und gesund, leide zwar etwas an Herzerweiterung. Vor drei Tagen schickte ich eine Postkarte an Euch ab, auf der ich Dich um Verschiedenes bat.[...]

Aber ich möchte durchaus nicht haben, dass Du von dem schickst, wovon Ihr selber nicht genug habt. Mir fällt es schwer genug, Dich mit diesen Bitten zu belästigen. Dein schweres Leben kann ich mir gut vorstellen. [...]

Auch Euch, Kinder bitte ich um ein paar Worte. Seid gehorsam, lernt, auf dass Ihr unter keinen Umständen zurückbleibt" (S. 49).

Und Elisabeth Teichröb, geb. Reimer, die vier Schwestern und zwei Brüder durch die Einwirkung von Straflagern und Gefängnissen verloren hatte und deren Mann 1932 verhaftet wurde, schrieb 1933 an ihre Schwester Katharina in Kanada: „Von meinem Mann habe ich schon 2 ½ Monate keine Nachricht. Es wird erzählt, dass im Gefängnis von Bachmeter der Hungertyphus ausgebrochen ist. Da fahren sie die Leichen autoweise auf den Kirchhof. Was soll man machen? Warten und warten, beten und beten, weiter kann man gar nichts tun. Er mag schon längst begraben liegen. Ich habe schon im Gefängnis angefragt, sie sollen mir berichten, ob er noch lebt oder nicht. Nun warte ich auf Nachricht. Ach wie ist das Leben so schwer! Gäbe der liebe Gott nicht immer neue Kraft, wir wären längst verzagt" (S. 75).

Neben dem vielen Leid, über das die Briefschreiber berichten, steht jedoch das unerschütterliche Gottvertrauen, das ihnen die Kraft zum Überleben und, wenn nötig, auch zum Sterben vermittelt. Mit Bibelversen und Gedichten tröstet man sich gegenseitig. Und oft müssen verschlüsselte Botschaften weitergegeben werden, damit sie die Zensur passieren. Dazu sind Phantasie und Einfallsreichtum erforderlich. Auch schöpferische Kräfte werden mobilisiert, wenn es darum geht, die eigene Erfahrung in Gedichtform zu verarbeiten.

Dem Verein zur Erforschung und Pflege des russlandmennonitischen Kulturerbes ist zu danken, dass diese Zeugnisse der leidgeprüften Menschen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat, und dem Redaktionsteam gebührt Lob und Anerkennung für die mühevolle Sammeltätigkeit und für die sorgfältige und kenntnisreiche redaktionelle Arbeit. Es bleibt zu wünschen, dass dieses aufregende und nachdenklich machende Buch zahlreiche Leser findet und sie zu einem besseren Verständnis von der menschlichen Leidens- und Liebesfähigkeit führt.

Jakob Warkentin


John D. Thiesen, Mennonite & Nazi? Attitudes Among Mennonite Colonists in Latin America, 1933 - 1945 (Pandora Press, Kitchener, Ontario, 1999), pp. 329.

Der Titel des Buches ist etwas provokativ - wohl absichtlich - aber der Untertitel umreißt den Inhalt des Buches ganz gut, „Auffassungen bei den mennonitischen Kolonisten in Lateinamerika".

Die drei behandelten Länder sind Mexiko, Brasilien und Paraguay. Für Mexiko ist die Fassung kurz, acht Seiten und drei Fotos. Der Situation in Brasilien werden 25 Seiten und 5 Fotos gewidmet, während Paraguay, besonders Fernheim, auf 172 Seiten, mit 15 Fotos, beschrieben wird. Darauf folgen noch 52 Seiten informative Fußnoten und 22 Seiten Bibliographie. Es ist bis jetzt das umfangreichste Werk über dieses umstrittene Thema - ein kleines Lexikon über die Nazifrage bei den Siedlern, sehr hilfreich für zukünftige Forscher. Auch die Quellen aus dem nationalen Archiv in Washington sind darin angegeben.

Meines Wissens ist dieses das erste Buch über dieses Thema in englischer Sprache. Es bietet einen umfassenden Blick in die Nazibewegung (in Paraguay zieht man den Begriff „völkische Bewegung" vor) bei den Mennoniten Fernheims und Frieslands. Thiesen hat mehr als zehn Jahre Forschungsarbeit auf dieses Thema verwendet, ausgehend von einer Diplomarbeit zum selben Thema. Die zur Verfügung stehenden Quellen waren sehr vollständig. Forschung und Bewertung zu dieser Episode begann mit Postmas Buch „Fernheim = fernes Heim" (besonders wertvoll, weil es kurz nach den Ereignissen geschrieben wurde). Danach schrieben G. Ratzlaff und Peter P. Klassen. Thiesen hat also viel Material verarbeitet, und er hat es gründlich gemacht. Englische Leser haben jetzt ein Werk das jene dramatische und sensible Periode gründlich beschreibt, eine Periode die allgemein schwerverständlich ist, wegen ihres widersprüchlichen religiösen, kulturellen und emotionalen Kontextes.

Die Kolonie Fernheim wurde 1930 durch russlandmennonitische Flüchtlinge gegründet, unterstützt vom MCC und der deutschen Regierung. Alle wären lieber nach Kanada eingewandert. In Paraguay herrschten verzweifelt schwere Bedingungen. Anfänglich zweifelten die Siedler, ob es je möglich sein würde, in dieser Wildnis zu überleben. Wenn, dann könnte das nur mit Hilfe von außen geschehen. Als Hitler, ein starker Antikommunist, das neue Deutschland gründete und Interesse an Deutschen im Ausland bekundete, schöpften die Mennoniten Fernheims Hoffnung. Alle Ereignisse müssen im Licht dieser traumatischen Szene gesehen werden. Für Fernheimer sind es sehr sensible Ereignisse, für Außenseiter sind diese hochinteressant zu lesen.

Thiesens Beschreibung der Mennoniten Paraguays beginnt mit dem jugendlichen Aktivismus (Kap. 4). Er berichtet wie die völkische Bewegung in Fernheim bereits 1933 voll im Gange war (S. 104). Er beschreibt die Tätigkeiten des Jugendbundes, die grundsätzlich deutsche (völkische) und christliche Haltungen fördern wollten. Diese zwei Begriffe waren nach den Worten von Julius Legiehn identisch: „Deutsch leben ist so viel als heilig und keusch leben ... die Deutschheit schließt alle Tugenden der Vorfahren in sich... Nach dieser Deutschheit müssen wir streben, sie müssen wir pflegen"(S. 91). Fritz Kliewer, der einflussreiche und kontroverse Leiter dieser Bewegung, äußerte bei einer Gelegenheit: „Hingabe an Gott ist eng verbunden mit Loyalität zu unserem angestammten Volkstum. Rasse und Volkstum sind Teil der Schöpfungsordnung"(S. 103). Ein guter Christ sein, bedeutete also ein guter Deutscher zu sein, und umgekehrt auch. Ohne wesentliche Proteststimmen war dies der Hauptstrom des Denkens in Fernheim, und Thiesen beschreibt es richtig.

In Kap. 5 wird die schwierige Wirtschaftslage im Chaco erklärt sowie die Abwanderung eines Drittels der Siedler nach Ostparaguay, wo sie Friesland gründeten. In diese Zeit fallen auch die Proteststimmen in der völkischen Bewegung. Thiesen hat es richtig erfasst, dass die Spaltung nicht aufgrund von Deutschtum, sondern aufgrund eines wichtigeren mennonitischen Prinzips, nämlich der Wehrlosigkeit, erfolgte. Diese war in Gefahr preisgegeben zu werden. Eine starke Stimme war die von Nikolai Siemens, Schriftleiter des Mennoblattes. „Wenn wir in Wort und Tat an der Wehrlosigkeit festhalten, so halten wir doch auch zum Deutschtum, in welches wir nicht durch Menschenhand, sondern durch den Schöpfer hineingepflanzt wurden" (S. 131).

Unter dem Titel „Neue Entschlossenheit" wird in Kap. 6 die wachsende Spannung beschrieben. Einerseits die Proteststimmen, andererseits die Bemühung, das Deutschtum zu stärken mit konkreten Vorbereitungen für eine Rückwanderung nach Deutschland oder in die Ukraine, falls Hitler, der als erwähltes Werkzeug Gottes galt, den Kommunismus besiegen würde. In diesem Kapitel geht es auch um die verstärkte Stellungnahme des MCC und seiner Arbeiter gegen die völkische Bewegung und für „die fromme Gruppe". „John Schmidt unterstützte öffentlich die anti-völkische Gruppe", sagt Thiesen (S. 150).

„Das Ende der völkischen Bewegung" ist das Kapitel der traumatischen Ereignisse unter Fernheimer Mennoniten. Heute noch wünscht man, dass diese Vorfälle nie passiert wären. Auch gibt es heute noch wunde Gefühle bei solchen die dabei waren und deshalb wird das Thema vorsichtig gehandhabt, obwohl jüngere Leute durchaus offen sind, darüber zu diskutieren. Thiesen hat diese traurige Episode mit allen Details aufgerollt (sogar dramatisiert) und er braucht dazu Dokumente, die lange unter Verschluss waren, unter anderem die zensierten Briefe, die von der US-Botschaft in Paraguay abgefangen wurden und in Washington gelagert waren. Wenn dies auch nicht die zuverlässigsten Quellen sind, so bestätigen sie, was man bereits wusste, nämlich die Einmischung der US-Regierung in den Kolonieangelegenheiten.

Das Buch als Ganzes ist gut geschrieben und dokumentiert. Es sind ein paar Fehler da, die nur für dem „Insider" auffallen. Wenn man bedenkt, dass Thiesen keine Feldforschung gemacht hat, muss man sagen, er hat sehr gute Arbeit geleistet. Nun wird aber die Interpretation der Tatsachen und Dokumente unterschiedlich ausfallen, je nach Motivation der Forschung. Das sollte respektiert werden. Im Blick auf das delikate Thema und von einem paraguayischen Blickwinkel her gesehen, fragt man sich, ob der Autor sich nicht besser etwas vorsichtiger ausgedrückt hätte - schon nur aus Respekt vor seinen mennonitischen Geschwistern in Paraguay. Ein paar Beispiele dazu:

Das Foto auf dem Deckel zeigt Primarschüler beim Sport. Die Erklärung dazu lautet. „Die kämpfende Jugend wurde zum Hauptinstrument der Naziideen in Fernheim..." Alle befragten Personen in Paraguay, die das Foto sahen, fanden die Erklärung irreführend und entstellend. Sie fragten sich unmittelbar, was wohl die Absichten des Autors seien. Das erste Kapitel beginnt mit dem Zitat „Man ist entweder ein Deutscher oder eine Christ. Beides kann man nicht sein" - Adolf Hitler. Ist dieses Zitat auf Mennoniten gemünzt?

Das Kapitel über Brasilien beginnt mit dem Zitat „Aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden". - Immanuel Kant. Oder Ausdrücke wie „gewaltsamer Ruf zu den Waffen" S. 91 „Gewaltsam konfrontierender Artikel" S. 96 ... War es das wirklich? Solche Vergleiche und Behauptungen werden beleidigend wirken für Leser auf diesem Ende.

Im Schlusskapitel des Buches äußert der Autor nochmals: „Die Begegnung der Mennoniten Lateinamerikas mit dem Nationalsozialismus hinterließ ein bleibendes Erbe von Bitterkeit, besonders in Paraguay. Dieses Buch wird wohl nichts dazu beitragen, um dieses Erbe abzubauen". (S. 226). Eine solche Haltung beim Schreiben eines Buches finde ich sehr bedauerlich. Vielleicht sollten wir im nächsten Buch die versöhnenden Kräfte hervorheben, die es bei dieser traumatischen Episode und ihrem Nachklang ebenfalls gab. Wäre das nicht in Übereinstimmung mit unseren mennonitischen Prinzipien? Oder vielleicht wäre eine Friedenskonferenz über dieses Thema angesagt, an der alle beteiligten Gruppen teilnähmen. Das würde sicherlich zur Heilung noch vorhandener Wunden beitragen, sowie auch zur Versöhnung gegensätzlicher Einstellungen.

Gerhard Ratzlaff


Edgar Stoesz and Muriel T. Stackley, Garden in the Wilderness. Mennonite Communities in the Paraguayan Chaco 1927 - 1997 (CMBC Publications, 1999), 219 pp.

Beim Archiv der Kolonie Fernheim herrschte Hochbetrieb. Der Fotograf Mark Beach sortierte die alten Photos nach brauchbaren Szenen der Ansiedlung. Edgar Stoesz suchte nach Daten in Protokollen und Korrespondenz der Kolonieverwaltung. Nur in kurzen Momenten konnten wir über den Charakter des Buches sprechen, welches zu schreiben er sich vorgenommen hatte.

„Ich möchte ein `coffee-table Buch' (Bildband)produzieren" sagte er. Auf den Einwand, dass wir solche Bücher schon durch die verschiedenen Jubiläumsschriften der Kolonien zur Verfügung hätten, war seine Antwort die, dass es jetzt eben um ein englisches Werk dieser Art gehe. Erie Sauder habe ihn beauftragt, eine Geschichte zu schreiben, welche die junge Generation in Nordamerika ansprechen würde. Diese sei nämlich in Gefahr, ein wesentliches Kapitel der Geschichte des MCC zu vergessen. Also äußerte Stoesz die Absicht des Buches sehr klar: „Es ist ein Buch voller Lob, welches eine Erfolgsgeschichte nacherzählt". Und noch einmal auf S. 4 „Das Buch ist absichtlich voller Lob".

Es ist ein Bericht über die mennonitische Kolonisation des Chaco aus der Perspektive eines sympathisierenden Beobachters, der das MCC repräsentiert. Indirekt dürfte man es auch als Bewertung dieses großen Projektes in den ersten drei Jahrzehnten der Pionierarbeit ansehen. Ein leichtes Unbehagen oder zumindest einige offene Fragen bezüglich der Autoritätsstrukturen und Entscheidungen ist über die Jahre spürbar geblieben. Stoesz deutet das an, wenn er sagt „Abhängigkeit zieht unweigerlich Entrüstung nach sich"(S. 207). Aber er baut auf das Sprichwort „Ende gut, alles gut". Und die Schlussfolgerung ist, dass es schlußendlich doch ohne Vorbehalte als eine Erfolgsgeschichte bezeichnet werden darf. Die Mennoniten waren erfolgreich, wirtschaftlich, politisch und geistlich. Ihre Interaktion mit den Indianerkulturen des Chaco, wenn auch von ethnozentrischen Fehlern begleitet, war doch beispielhaft. Ihr Beitrag zu dem Land, welches in schwieriger Zeit die Türen öffnete, kann heute nicht übersehen werden.

Inhaltlich ist das Buch in vier Abschnitte geteilt:
1) Geschichte (des Landes);
2) Fremde befreunden sich in der Wildnis;
3) Gemeinschaft wird in der Wildnis gebaut;
4) Heute.

Der Erzählstil ist durchgehend auf Einzelpersonen konzentriert. Dadurch werden die historischen Berichte persönlicher und leserfreundlich. Die „von-bis" und „früher-jetzt" Dialektik ist durchgehend zu verfolgen und entspringt der Absicht, den Fortschritt in allen Bereichen des Gemeinschaftslebens zu betonen. Alle wichtigen Bereiche werden tatsächlich abgedeckt, Gesundheit, Erziehung, Kommunikation, Verwaltung, Wirtschaft, Gemeinde und Mission, Freizeit und die interkulturelle Begegnung.

Für Leser, die nicht bekannt sind mit den unterschiedlichen Mennonitengruppen, die im Chaco siedelten, gibt es eine Erklärung über ihre Ursprünge und über die Beweggründe für ihre Wanderungen.

In Kapitel 18 wird die Zukunft ins Blickfeld gerückt. Wie weit hat Integration stattgefunden? Wie wird es damit weitergehen? Wie wird man den wirtschaftlichen sowie kulturellen Spalt zwischen mennonitischen Siedlern und der umgebenden Bevölkerung überbrücken? Der Autor hebt auch den warnenden Zeigefinger und plädiert dafür, Russland nicht zu vergessen. Dort hat man „die Zeichen der Zeit" nicht wahrgenommen. Deshalb war das Verhängnis während der Anarchie und während der Kulakensäuberungen umso größer.

Es muss betont werden, das der Autor dass erreicht hat, was die Absicht des Buches ist. Es bietet einen panoramaartigen Überblick über die 70-jährige Siedlungeschichte im Chaco. Für Leser in Kanada und den USA, wird es eine wertvolle Informationsquelle darstellen, aber auch für Leser hier in Paraguay. Deshalb wurde sofort mit einer spanischen Übersetzung angefangen, die letztes Jahr schon unter dem Titel „Tierra de Refugio, Patria adquirida" publiziert wurde. Weil die spanischsprachige Literatur zu diesem Thema noch mangelhaft ist, fand dieser Titel in der paraguayischen Gesellschaft große Aufmerksamkeit.

Dieses Buch kann und will nicht die wissenschaftliche Arbeit zur Geschichte der Mennoniten in Paraguay ersetzen. Einzelaspekte davon verlangen eine gründliche Erforschung, wie z. B. die Beziehungen zu MCC während der völkischen Zeit, die interethnische Begegnung oder die ökologischen Auswirkungen der Siedlungen. Für die jetzige Generation eröffnen sich neue Möglichkeiten, die Geschichte zu erforschen. Wäre es nicht angesagt, dass Historiker aus Nord und Süd darin kooperieren?

Gundolf Niebuhr

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