Kulturelle Beiträge | Jahrbuch 2001

Die Lammfellpantoffeln
Felizia Wolf (1)

Die Sonne war noch nicht aufgegangen, aber Wladimir hatte die gedämpften Stimmen seiner Eltern aus den Küche gehört. Er konnte an dem Lichtschimmer, der durch den breiten Türschlitz fiel, sehen, dass Mamuschka die große Laterne bereits angezündet hatte. Leise kroch er aus dem Bett. Sein Brüderchen Viktor schlief noch fest und Wladi wollte den Dreijährigen noch nicht wecken.

Aufgeregt zog er die Sachen, die ihm Mamuschka schon am Vorabend über den Stuhl gehängt hatte, an und ging in Küche. Die Mutter war dabei, noch etwas Proviant einzupacken, der Vater fing an, die Kisten hinauszutragen und auf dem Leiterwagen zu verschnüren.

Wladi hatte sich schon zwei Tage lang darauf gefreut: sie würden zum ersten Mal mit dem Zug fahren. Schweigend rutschte er auf einen Stuhl am Küchentisch und bekam von seiner Mutter etwas Brot und ein Schälchen mit zerlassener Butter vorgesetzt. Eifrig fing Wladi an, das Brot in Stücke zu reißen und durch das noch warme Fett zu ziehen. Es schmeckte ihm köstlich, jedoch das bedrückte Gesicht der Mamuschka ließ ihn lieber schweigen.

Er verstand nicht, was geschah, aber er hatte die Erwachsenen belauscht und mitbekommen, dass viele Leute - auch die Funks von nebenan - die Stadt Chortitza verlassen wollten, weil Krieg war. Sie alle würden jetzt Flüchtlinge sein. Und die Stadt zu verlassen bedeutete Zugfahren!

Etwas hektisch weckte Mamuschka den kleinen Viktor, kleidete ihn an und gab ihm die letzte heiße Milch.

Eine knappe Stunde später war die Familie abreisebereit.

Ein letztes Mal ging die Mamuschka mit Wladi an der Hand durch das kleine Haus. Fast die gesamte Einrichtung blieb einfach zurück, ihr standen die Tränen in den Augen. Wladis Blick fiel auf die schönen, matt glänzenden Pantoffeln des Vaters. Wladi hatte diese herrlichen Schuhe immer bewundert. Wie oft hatte er sich am Abend die Schuhe angezogen und so auf den Vater gewartet, bis dieser von seiner Arbeit in der Mühle nach Hause kam. Lächelnd hatte ihn dann der Vater aus den Pantoffeln gehoben, sie selber übergestreift und Wladi ins Bett getragen. Und diese Kunstwerke aus Lammfell und fest vernähter Ledersohle sollten ebenfalls einfach zurückbleiben? Wladi löste seine Hand aus der Mamuschkas. Diese machte sich seufzend daran, die kunstvoll bestickte Tagesdecke auf dem Bett glattzustreichen. Wladi überlegte einen Moment. Sein eigenes Reisebündel bestand aus einem kleinen Beutel aus Leinen, in dem er sein Spielzeugauto und fünf Bauklötze aus Holz mitnehmen durfte. Er sah sich um. Mamuschka hatte den Blick von ihm abgewendet. Blitzschnell zog er das Auto aus seinem Beutel und stopfte die wundervollen Pantoffeln des Vaters hinein. Mamuschka hatte nichts gesehen.

Es ging los. Der Vater, ein großer, kräftig gebauter Mann mit blauen, freundlichen Augen, hob die Jungen mit Schwung auf den vollgepackten Leiterwagen. Die Mamuschka hielt den kleinen Viktor an der Hand und ging neben dem Karren her, während der Vater die Deichsel mit beiden Händen griff, den Wagen zog und den kleinen Treck anführte.

Wladi wusste nicht, wie lange sie unterwegs gewesen waren, als sie endlich den Bahnhof erreichten. Dieser Zug! Die vielen Leute! Und das Stimmengewirr! Wladi konnte einige plattdeutsche Sprachfetzen ausmachen, jedoch verstand er so vieles, was gesagt und gerufen wurde, nicht, weil seine Mamuschka immer nur Russisch mit ihnen sprach und der Vater meistens schwieg. Jetzt unterhielt sich dieser aber angeregt auf Plattdeutsch mit zwei anderen Herren aus der Flüchtlingsgruppe, dann wies er die Mamuschka an, in welchem Abteil sie die

Jungen und das nötigste Reisegepäck unterbringen sollte. Er selbst kümmerte sich anschließend um Kisten und Leiterwagen.

Endlich im Zug! Wann würde es losgehen? Da - ein Ruck ... der Zug setzte sich in Bewegung und fuhr etwa 20 Meter weit. Dann hielt er wieder. Draußen schien das Getümmel unverändert hektisch und aufgeregt. Es quietschte, ruckte wieder, dann fuhr der Zug rückwärts. Wladi versuchte aus dem Fenster zu schauen und zu erkennen, was geschah, aber er konnte nicht verstehen, warum sie nicht endlich losfuhren. Stunden vergingen. Viktor weinte. Mamuschka gab den Kindern etwas Brot. Warten. Endloses Warten, drei Tage lang. Nach drei Tagen kam die enttäuschende Nachricht: es würde keine Zugfahrt geben. Die Bahnstrecke sei durch Bomben beschädigt worden, man müsse zu Fuß gehen.

Wladi weinte. Als er sah, dass auch seine Mamuschka den Tränen nahe war und Vaters Wangenknochen wütend bebten, riss er sich zusammen und versteckte seine Enttäuschung so gut es ging. Er drückte seinen Leinenbeutel an sich und war nicht mehr so sicher, ob es klug gewesen war, die Schuhe des Vaters mitzunehmen und sein Auto zurückzulassen.

Alle verließen den Zug. Die Stimmung war schlecht, viele Leute konnten ihre Wut nicht unterdrücken. Jetzt musste man auch das letzte Hab und Gut in den Kisten zurücklassen! Mamuschka und der Vater brachen ihre Kiste auf, um wenigstens mitzunehmen, was sie tragen konnten. Mamuschka stopfte ein paar warme Sachen in ein zusammengeknotetes Betttuch, der Vater zog seine nagelneuen, schweren Lederstiefel an und ließ die alten am Bahnhof zurück.

Zu Fuß ging jetzt die lange Reise von Chortitza am Dnjepr über Polen nach Deutschland los. Gegen Abend wurde es jetzt im Oktober bereits bitterkalt, aber Wladimir meckerte nicht. Seine Mamuschka schien verzweifelt zu sein und der Vater machte nach zwei Tagen Fußmarsch einen gequälten Eindruck, sein Gesicht war schmerzverzerrt.

Nach vier Tagen hatte Wladis Gruppe das Glück auf einen weiteren Flüchtlingstreck zu treffen. Diese hatten Pferdewagen! Wladimir und seine Leute fanden auf einem offenen Pferdekarren Platz.

Erst hier auf dem Wagen sah Wladi, warum sein Vater einen solch gepeinigten Gesichtsausdruck bekommen hatte: der zog sich seine Stiefel, die er in letzter Minute am Bahnhof angezogen hatte, aus und versuchte die blutverkrusteten Socken von den völlig wunden Füßen zu lösen. Mamuschka war ihm behilflich und strich etwas von der letzten Butter, die noch im Proviantpaket übrig war, auf die offenen Stellen.

Wladi bekam Herzklopfen. Bisher hatten weder Mamuschka noch der Vater gemerkt, dass er die Pantoffeln des Vaters an sich genommen hatte. Sollte er jetzt zugeben, dass ihn das Lammfell so fasziniert hatte, dass er sein Auto einfach stehen gelassen hatte?

Er kämpfte mit sich selbst. Erst als es hieß, dass man absteigen sollte und er Vaters entsetzten Blick bei dem Gedanken an die schweren, neuen Stiefel sah, zog Wladi schweigend die Pantoffeln aus dem Beutel.

An jenem Nachmittag im Oktober 1943, als Wladi seinem Vater die Pantoffeln überreichte, hätte kein Geschenk einem Flüchtling größere Freude gemacht, als neue, harte Lederstiefel gegen warme Lammfellpantoffeln eintauschen zu können.

Niemals hat Wladi den glücklichen Ausdruck im Gesicht seines Vaters vergessen. Die Wanderung nach Polen war noch lang, die Lammfellpantoffeln haben sie nicht heil überstanden. Jedoch trug der Vater die Pantoffeln, bis sie unterwegs einen längeren Halt einlegen konnten. Hier tauschte Mamuschka die harten Stiefel gegen passende, gebrauchte Arbeitsschuhe. Diese trug er dann während der ganzen Zeit auf der Flucht, beim Aufenthalt in Polen, bis zur Ankunft im Lager in Deutschland.

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Fussnoten:
Felizia Wolf ist Studentin im dritten Kurs des gemeinsamen Lehrerseminars der Mennonitenkolonien in Filadelfia.