Kulturelle Beiträge | Jahrbuch 2001

Freundschaft
Eugen Friesen (1)

Mühsam und auf einen Stock gestützt ging Francisco die staubige Straße entlang. Die Sonne brannte auf seiner Haut und der Schweiß tropfte vor ihm auf den betonierten Bürgersteig. Die schwachen Beine, der gekrümmte Körper und das graue Haar zeugten davon, dass der Zahn der Zeit auch an ihm nicht tatenlos vorbeigegangen war. Die Augen lagen tief in den Augenhöhlen und das Haar war mit einem aus Kaktus angefertigten Bändchen zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden.

Um sich vor der brennenden Sonne und dem starken Nordwind zu schützen, setzte er sich unter einen der vielen am Wegrande stehenden Algarrobos. Die an ihm auf der Schotterstraße vorbeifahrenden Autos wirbelten viel Staub auf und erschwerten dem Greis das Atmen. „Wie ist das bloß möglich", dachte Francisco, „dass die `mennonitas' so viel besitzen und doch so geizig sind. Den ganzen Vormittag bin ich von Haus zu Haus gegangen und habe gebettelt und habe nur zwei harte Galletas und einen Becher Wasser bekommen, und das auch nur, weil ich so starrköpfig war und nicht gleich davonging. Diese Welt ist wohl nur für die Weißen gemacht worden".

Als er so in Gedanken versunken unter dem spärlich Schatten spendenden Baum saß, wanderten seine Gedanken zurück in die Zeit, als die Mennoniten als arme, hilflose und doch tief gläubige Leute in den Chaco gekommen waren. Damals war auch er noch ein Kind gewesen. Doch die sozialen und wirtschaftlichen Unterschiede waren damals nicht vorhanden, zumindest nicht so krass erkennbar gewesen. Ja, er konnte sich noch gut erinnern, wie er mit dem damals achtjährigen Jasch ewige Treue geschworen hatte. Beide, er der Sohn eines Lenguas und auch Jasch, der Sohn eines weißen Einwanderers waren zwei junge Menschen gewesen, die außer ihren vielen Erfahrungen wohl kaum was besessen hatten. Jasch hatte die kalten Schneestürme Russlands miterlebt, die Flucht aus Russland und die strapaziöse Reise in den Chaco. Er, Francisco, war mit seinem Großvater durch die Wälder gezogen und hatte sogar schon einige Tiere mit seinem Bogen und Pfeilen erlegt.

Das alles lag jetzt so weit zurück, und doch konnte er sich gut erinnern, wie Jasch und er in der heißen Mittagszeit den kühlen Schatten eines Baumes gesucht hatten, so wie er es jetzt immer noch machte. Er hatte schon bald einigermaßen das Plattdeutsch beherrscht, und so waren diese Zeiten eine schöne Erinnerung geblieben. Sie waren beide so unkompliziert und anspruchslos gewesen und hatten alles miteinander geteilt. Er hatte Jasch gelehrt, welche Früchte man gut essen konnte und welche ungenießbar waren. Sein weißer Freund dagegen hatte ihm heimlich das übriggebliebene Mittagessen gebracht und ihm von einem Gott erzählt, der alle Menschen liebt, ganz egal wie sie aussehen. Heute bezweifelte Francisco allerdings, ob es diesen Gott wirklich gab, denn die Erfahrung hatte ihn gelehrt, dass es doch Unterschiede gibt. In jener Zeit war es auch gewesen, als sie sich ewige Treue geschworen hatten. Nie wollten sie einander vergessen und immer würden sie einander helfen und zueinander stehen.

Doch diese Ewigkeit war durch ihm unverständliche Gründe auf eine kurze Zeit begrenzt worden. Schon nach wenigen Jahren der bereits geschilderten Zeit hatten Jasch und er sich immer mehr auseinandergelebt. Er war mit seinem Stamm in den Süden gezogen, und Jasch hatte geheiratet und sich ganz seiner Arbeit gewidmet. Das war der Anfang vom Ende gewesen, denn Jasch war reich geworden und besaß ein schönes Haus und ein großes Auto, während er, Francisco, immer noch bettelarm war und sich von wilden Beeren ernährte, zumindest wenn er mal einige aufspüren konnte. Ansonsten war er von den milden Gaben der anderen abhängig. Wie gerne würde er Jasch mal wieder sehen und sich mit ihm unterhalten. Irgendwie verspürte er tief im Inneren, dass sie beide wirkliche Freunde waren, obzwar sie sich schon so lange nicht mehr gesehen hatten.

Francisco hatte so nachdenklich dagesessen und seiner Kindheit nachgetrauert, dass er nicht gemerkt hatte, dass sich ihm jemand genähert hatte. Erst als dieser seine Hand auf seine Schulter legte, fuhr er zusammen und schaute sich um. Durch den Tränenschleier hindurch erkannte er in dieser Person sofort seinen alten Freund. „Komm, Francisco", sagte dieser „wie welle mol eenen kolden Tereré drintje foare".

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Fussnoten:
Eugen Friesen ist gegenwärtig Student der Literaturwissenschaft an der Nationalen Universität in Asunción.