Kulturelle Beiträge | Jahrbuch 2001

Das rätselhafte Buch
Eugen Friesen (1)

Die Tür des kleinen Buchhandels wurde geöffnet und ein etwa fünfundzwanzigjähriger Mann trat auf die Straße. Er schien es eilig zu haben, denn er ging schnellen Schrittes die Straße hinunter und steuerte auf ein altes Haus zu. Die verwachsene Hecke und der seit langer Zeit nicht mehr gemähte Rasen vor dem Haus ließen erkennen, dass der Bewohner sich wohl eher mit anderen Arbeiten als mit denen eines Gärtners zu beschäftigen pflegte. Der junge Mann öffnete das Gartentor und eilte auf die Haustür zu. In seiner rechten Hand hielt er ein Manuskript, welches vielleicht fünfzig Seiten haben mochte und nur mit einem einfachen Einband versehen war. Es war das einzige vorhandene, dazu noch gebrauchte Exemplar gewesen und er hatte es für einen niedrigen Preis ergattern können.

Er betrat ein kleines, schlecht beleuchtetes Zimmer. Einige Lichtstrahlen drangen durch die matte Fensterscheibe. Er ließ sich auf einen in der Ecke stehenden Sessel fallen, öffnete voller Begierde das kleine weiße Buch, auf dem in schwarzen Lettern „Kleine Einblicke in das Zusammenleben verschiedener Kulturen und Religionen" stand, nahm einen Füllhalter und schrieb mit beinahe unleserlicher Schrift seinen Namen und das Datum auf das Titelblatt. Das Buch enthielt sieben Kurzgeschichten. Der Titel der ersten Geschichte „Mennoniten = Rassismus"? war es gewesen, der ihn dazu genötigt hatte, das Buch zu kaufen. Er wollte gerade mit der Lektüre beginnen, als er mit Schrecken feststellte, dass die ersten zwei Blätter des Buches herausgetrennt worden waren. War es ein Zufall oder hatte sie jemand absichtlich entfernt? Und wenn ja, wer und aus welchem Grund mochte er es wohl getan haben? Diese und andere Fragen beschäftigten den jungen Literaturstudenten. Doch die Unvollständigkeit dieser Geschichte hielt ihn nicht davon ab sie zu lesen. Ganz im Gegenteil, es schien, als ob es dadurch noch interessanter für ihn zu werden schien.

„ ... der fünfzehnjährige José strich sich über das dunkle Haar. Seine schwarzen Augen waren immer noch feucht vor Wut und Verzweiflung. Der alte Antonio schaute in das vor ihm im Kamin lodernde Feuer und fuhr fort, ohne José anzusehen: `Ja, mein Sohn, ich kann es auch nicht verstehen, warum die Mennoniten manchmal so lieblos und hart sind. Als ich in deinem Alter war, das sind wohl beinah sechzig Jahre her, dann war das ganz anders. Damals waren sie so demütig und liebevoll. Sie waren gerade erst eingewandert. Sie haben ja nicht immer in Paraguay gelebt, wie du weißt. Sie haben ihre Heimat im kalten Norden aufgegeben, all ihre Güter zurückgelassen und sind in den heißen Chaco gekommen. Warum, fragst du mich? Das ist eine gute Frage, die ich jedoch auch nicht beantworten kann. Einer der wenigen, die damals einige Brocken Spanisch sprachen, erzählte mir, dass sie einen bestimmten Auftrag von Gott hätten. Was das bedeutet, weiß ich auch nicht so genau'.

José hatte den Worten des Greises schweigend gelauscht und starrte ebenfalls ins Funken sprühende Feuer. Nach einer kleinen Gedankenpause ergriff der jüngste der beiden wieder das Wort: `Es scheint , als würden die Mennoniten alle Menschen, die anders aussehen als sie und die nicht ihre Sprache sprechen, verachten. Sie führen sich auf, als gehöre ihnen das ganze Land. Sie denken, alles müsste sich nach ihrer Nase richten. Sie genießen eine Menge Privilegien. Sie leisten weder Militär- noch irgendeinen Zivildienst. Sie leben im Überfluss, und alles was zählt, ist ihre eigene Tasche. Ob es uns miserabel geht oder nicht, ist ihnen scheißegal. Vielleicht ist es ihnen sogar lieber, wenn wir nicht zu viel besitzen. Hauptsache auf jeden Fall ist, ihnen geht es gut. Dabei leben sie doch in unserem Land. Wie kann man nur so respektlos und undankbar seinem Gastgeber gegenüber sein. Was leisten sie schon für unser Land. Nichts. Absolut nichts'.

Der alte Antonio hatte sein Taschenmesser genommen und schnitzte an einem Holzsplitter. Er überlegte lange, bevor er auf diese Worte Josés antwortete. `Zum Teil muss ich dir leider Recht geben. Doch nicht alles ist schlecht. Nehmen wir schon nur...'"

Hier stutzte der Leser, denn es fehlte eine weitere Seite. Das durfte doch nicht wahr sein. Grübelnd saß er über seinem lückenhaften, mysteriösen Buch. Was würde wohl die Antwort des alten Antonios sein? So konnte er der Geschichte doch nicht folgen. Eines war jedoch klar: hier war jemand, der die Mennoniten aus einer anderen Perspektive beschrieb als die meisten Autoren. Bisher hatte er immer nur Positives über die Mennoniten gehört und gelesen. Doch jetzt sah das Bild doch gleich ganz anders aus. Was mochte dieser José wohl erlebt haben, dass er jetzt so zornig auf die Mennoniten war? Die Neugierde trieb ihn dazu an, die Lektüre auf der nächsten Seite fortzusetzen.

„...'Ja, natürlich. Wenn du nur das Wirtschaftliche bedenkst, dann können sie schon etwas aufweisen,' antwortete José und fuhr fort: `Sie arbeiten ja auch, als seien sie verrückt. Aber ist das Leben nur Arbeit, Genuss, Luxus und Geld? Ich kann mich genau erinnern, wie unser Lehrer, übrigens auch ein Mennonit, bei einer Gelegenheit im Religionsunterricht gesagt hat, dass die Harmonie mit Gott und die Liebe zu ihm und den Mitmenschen das Wichtigste im Leben sei'. José betonte besonders das Wort Mitmenschen. Aber er war mit seinem Diskurs noch nicht am Ende angelangt. `Was ich nicht verstehen kann, ist, dass die Mennoniten in der Kirche und in der Schule über Nächstenliebe sprechen, dass es in ihrem alltäglichen Leben aber ganz anders aussieht. Es ist, als ob sie zwei Lebensstile hätten, ein Sonntags- und ein Alltagsleben. Denn die Theorie oder ihr Glaube ist nicht deckungsgleich mit ihrem praktischen Leben. Wie kann man zum einen Liebe predigen, andererseits aber so lieblos mit den Mitmenschen umgehen, wie sie es mit mir getan haben. Da stimmt doch etwas nicht. Wie ich dir schon erzählt habe, haben einfach alle Klassenkameraden, ohne Ausnahme, mit dem Finger auf mich gezeigt und wiederholt gesagt, dass ich die Fensterscheibe zertrümmert habe. Dabei wussten doch alle, dass es der große Manuel getan hat. Doch weil ich der einzige „Schwarze" in der Klasse bin, so haben sie mir die Schuld in die Schuhe geschoben. Und der Lehrer hat es ihnen abgenommen. Das ist für mich das Schlimmste. Denn auch er spricht ständig von Gerechtigkeit und Liebe. Aber das kann er sich in Zukunft sparen. Ich kenne jetzt ihre Gerechtigkeit. Die Schuld wird einfach auf uns Paraguayer abgeschoben. Dafür bin ich jetzt für zwei Wochen aus der Schule geflogen, muss nachher alles nachholen und außerdem die Glasscheibe bezahlen. Erstens habe ich sie ja nicht zerschlagen, und zweitens habe ich auch kein Geld, aber der zweite Grund ist ja relativ unbedeutend. Was ist das für eine Gerechtigkeit und Nächstenliebe'?

Der Alte war noch nachdenklicher geworden, denn er war überzeugt davon, dass sein Enkel die Wahrheit sprach. Trotzdem wollte er einen letzten Versuch wagen, den Groll in José zumindest etwas zu dämpfen. `Schau doch, José, auch die Mennoniten sind Menschen mit allen möglichen Schwächen und können folglich auch Fehler begehen'. Doch José ließ sich nicht erweichen, sondern erwiderte: `Aber Opa, das müsstest du doch besser durchschauen können als ich. Was die mit mir gemacht haben ist doch kein Fehler. Es ist eine Niederträchtigkeit, eine absichtliche Bosheit".

Der junge Mann schloss das Buch und blieb nachdenklich im Sessel sitzen. Wem von den beiden musste er Recht geben, dem alten Antonio oder dem jungen José? Seine Vorstellung von Mennoniten war ins Schwanken geraten.

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Fussnoten:
Eugen Friesen ist gegenwärtig Student der Literaturwissenschaft an der Nationalen Universität in Asunción.