Vorträge | Jahrbuch 2001

Zur Geschichtsschreibung über die Mennoniten in Paraguay
Dr. Jakob Warkentin (1)

1. Einleitung

„Es gibt keinen besseren Schlüssel zum Charakter einer Gesellschaft als die Art Geschichte, die sie schreibt oder eben nicht schreibt", behauptet der englische Historiker Edward Hallet Carr in seinem Buch „Was ist Geschichte", das 1963 erstmalig in deutscher Sprache erschienen ist.(2) Wenn wir diese Behauptung ernst nehmen - ich meine, es gibt genügend Gründe dafür -, dann tun wir gut daran, uns eingehender mit der Geschichtsschreibung der Mennoniten in Paraguay zu befassen. Mit meinen Ausführungen will ich dazu einen kleinen Beitrag leisten, der dann in den Gruppengesprächen und hoffentlich auch darüber hinaus ergänzt werden wird

Schon der Prediger Salomo stellte mit Besorgnis fest, dass des vielen Bücherschreibens kein Ende sei.(3) Wenn man sich die vielen Festschriften, Auftrags- und Forschungsarbeiten über die Mennoniten in Paraguay ansieht, kann man sein Urteil immer noch bestätigen. In diesem Zusammenhang interessieren uns vor allem die Publikationen, die einen Beitrag zur Geschichte der Mennoniten in Paraguay liefern. Offensichtlich sind die verantwortlichen Personen in Kolonie und Gemeinde daran interessiert, die Aufbau- und Entwicklungsarbeit in ihrem Verantwortungsbereich zu dokumentieren. Gerne werden dabei Erfolge hervorgehoben und Misserfolge verniedlicht oder gar verschwiegen. Als ich 1974 im Chaco Material für meine Dissertation über das deutschsprachige Siedlerschulwesen in Paraguay sammelte, fragte ich einen Oberschulzen, ob sie denn an einer solchen Forschungsarbeit interessiert seien. Er antwortete darauf unmissverständlich: „Wann wi doabi goat aufschniede, dann jo."

Sprach dieser Oberschulze nur für sich selbst oder drückte er dabei eine Grundhaltung aus, die bei den Mennoniten in Paraguay weit verbreitet ist? Denn sobald ein kritisches Referat oder ein Artikel mit unkonventionellen Gedanken erscheint, hört man die besorgte Frage: Was werden denn die „anderen" über uns denken, wenn sie das lesen oder hören? Haben wir denn so viel zu verbergen, oder darf das von uns durch Fremd- und Selbstdefinition entstandene Bild keine Kratzer bekommen? Ich glaube, es ist an der Zeit, bei der Beschäftigung mit unserer Vergangenheit die Akzente nicht mehr so sehr auf die Dokumentation guter Werke zu konzentrieren, als vielmehr zu erhellen, wo in der Gesellschaft Brüche entstanden sind oder Wege eingeschlagen wurden, die Menschen in die Resignation trieben oder zur Auswanderung zwangen.

Meine Ausführung habe ich in zwei Teile geteilt. Der erste Teil soll über grundlegende Begriffe der Geschichtsschreibung Klarheit verschaffen, und der zweite Teil soll verschiedene Beiträge der Geschichtsschreibung analysieren und dabei prüfen, welchen Beitrag sie zur Schaffung oder zur Veränderung des Images der Mennoniten in Paraguay geleistet haben. In meinem Referat beschränke ich mich auf die Geschichtsschreibung der deutschsprachigen Mennoniten in Paraguay. Der Beitrag der lateinparaguayischen und der indianischen Mennoniten zum Gesamtbild der Mennoniten in Paraguay müsste in einem eigenständigen Referat dargestellt und reflektiert werden. Es wäre gut, wenn die zukünftige mennonitische Geschichtsschreibung nicht nur den Wertehorizont der russlanddeutschen Mennoniten, sondern auch den der anderen mennonitischen Ethnien sowie auch der nichtmennonitischen Ethnien in diesem Land berücksichtigen würde.


2. Grundbegriffe der Geschichtsschreibung

2.1 Was ist Geschichte?
Ernst Opgenoorth antwortet auf diese Frage in seiner Einführung in das Studium der Neueren Geschichte so: 1. „Geschichte ist Geschehenes. Dabei denken wir vornehmlich an Begebenheiten, die aus dem Handeln des Menschen hervorgehen oder wenigstens darauf einwirken." 2. „Ebenso bezeichnet auch ´Geschichte´als Name einer Wissenschaft zugleich die Sache und die Kenntnis von ihr; Kenntnis sowohl im alltäglichen als auch im wissenschaftlichen Sinne."(4) Vereinfacht können wir mit Opgenoorth die drei Aspekte des Wortes Geschichte so unterscheiden: Die wissenschaftliche Kenntnis von Geschichte bezeichnen wir als „Geschichtswissenschaft", ihre Kenntnis und Darstellung als „Geschichtsschreibung" oder „Historiographie" und die Ereignisse selbst als „Geschichte"

Das ist zunächst einmal eine formale Antwort auf die gestellte Frage. E. H. Carr, der der Beziehung zwischen dem Historiker und seinen Fakten große Bedeutung beimisst, sagt: „Geschichte ist ein fortwährender Prozeß der Wechselwirkung zwischen dem Historiker und seinen Fakten, ein unendlicher Dialog zwischen Gegenwart und Vergangenheit."(5)

Das Verständnis der Vergangenheit, so Carrs Meinung, leistet Hilfe zur Bewältigung der Gegenwart: „Die Vergangenheit ist uns nur im Licht der Gegenwart verständlich; und umgekehrt können wir die Gegenwart nur im Licht der Vergangenheit ganz erfassen. Die zweifache Aufgabe der Geschichte besteht darin, den Menschen in die Lage zu versetzen, die Gesellschaft der Vergangenheit zu verstehen und die Gesellschaft der Gegenwart besser zu meistern."(6)

Damit dürfte klar sein, dass die Beschäftigung mit Geschichte nicht nur ein Hobby oder ein Zeitvertreib für wissbegierige Leser ist, sondern eine notwendige Tätigkeit für alle diejenigen Personen in der Gesellschaft sein sollte, die verantwortlich danach fragen, woher wir kommen, um aus den Antworten mögliche Hinweise für die Beantwortung der Frage, wohin wir gehen, zu finden. Der Historiker, der in der Gegenwart lebt, steht zwischen Vergangenheit und Zukunft. Er ist daher nicht nur um Klärung der Ereignisse in der Vergangenheit bemüht, sondern lenkt seine Gedanken auch über die Gegenwart hinaus in die Zukunft. Carr sagt: „Gute Historiker haben m. E., ob sie nun darüber nachdenken oder nicht, die Zukunft in den Knochen. Neben der Frage nach dem Warum stellt der Historiker auch die Frage nach dem Wohin."(7)

2.2 Die Bedeutung der Fakten
Wer Geschichte schreiben will, muss sich erst einmal mit den verfügbaren Fakten vertraut machen. Dabei benutzt der Historiker die verschiedenen Quellen, die ihm in Form von Dokumenten, Protokollen, Briefen, Zeitschriften, Büchern, Quellensammlungen usw. zugänglich sind. Die Bedeutung der Fakten für die Geschichtsschreibung begann vor allem mit Leopold von Ranke, der um 1830 aus Protest gegen die moralisierende Geschichtsschreibung forderte, dass die vornehmliche Aufgabe des Historikers darin bestünde, zu dokumentieren, „wie es eigentlich gewesen" sei. Diese Parole machten sich die deutschen, englischen und französischen Historiker der folgenden drei Generationen zu eigen. Unter ihnen vor allem die Positivisten, die darauf bedacht waren, die Geschichte als Wissenschaft zu etablieren. Nach dieser Auffassung habe der Historiker in erster Linie Fakten, d. h. Daten zu erheben, die in Form von Dokumenten, Inschriften u.a.m. zugänglich sind. Geschichte wäre, so gesehen, eine Summe von Fakten.(8)

Wo bleibt dann aber die Interpretation? Nun, darüber hat es unter den Historikern ebenfalls eine Diskussion gegeben. Sir George Clark unterschied zwischen dem „festen Kern der Fakten" und dem „Fruchtfleisch der anzweifelbaren Interpretation" und der liberale Journalist C. P. Scott drückte es so aus: „Die Fakten sind heilig, die Meinung ist frei."(9)

Nun müssen wir einschränkend sagen: Nicht alle Fakten der Vergangenheit sind historische Fakten. Manche sind der Auffassung, dass es grundlegende Fakten gebe, die für alle Historiker verbindlich seien und sozusagen das Rückgrat der Geschicht bilden würden. Dem gegenüber betont Carr, dass die Entscheidung, welches nun grundlegende Fakten seien, nicht in der Qualität der Fakten zu suchen sei, sondern eher auf eine A-priori-Entscheidung der Historiker zurückzuführen sei. Es stimme also nicht, dass die Fakten für sich selbst sprächen. „Die Tatsachen sprechen nur", so Carr, „wenn der Historiker sich an sie wendet: er nämlich entscheidet, welchen Fakten Raum gegeben werden soll und in welcher Abfolge und in welchem Zusammenhang".(10) Er fährt dann an anderer Stelle fort: „Der Glaube an einen festen Kern historischer Fakten, die objektiv und unabhängig von der Interpretation des Historikers bestehen, ist ein lächerlicher, aber nur schwer zu beseitigender Trugschluß".(11) Und Barraclough, Professor für mittelalterliche Geschichte, stellt fest: „Es wird immer noch viel zu wenig wahrgenommen, dass die Geschichte, die wir lesen, genaugenommen nicht so sehr Tatsachen bringt, obwohl sie sich auf Tatsachen gründet, als eine Reihe angenommener Meinungen."(12)

Bei der Mitteilung von historischen Fakten fließen oft bewusst oder unbewusst Meinungen und Interpretationen mit ein. Das soll an den folgenden drei Aussagen gezeigt werden. Als der Matrose auf dem Ausguck des Segelschiffes, mit dem Columbus seine Seereise nach Westen angetreten hatte, eines Tages ausrief: „Land in Sicht", da konnten die mitfahrenden Seeleute mit ihren eigenen Augen seine Aussage überprüfen. Bei dieser Aussage handelt es sich um eine reine Tatsachenfeststellung, die unabhängig von der Meinung des Hörers gültig ist. Anders verhält es sich mit der Aussage, die wir in vielen Geschichtsbüchern lesen können: 1492 wurde Amerika entdeckt. Es stimmt zwar, dass Columbus in dem besagten Jahr den neuen Erdteil erstmalig gesehen und betreten hat. Das Wort „entdeckt" enthält aber weit mehr als eine Tatsachenfeststellung, denn es impliziert den ausgesprochenen Standpunkt des Westeuropäers und dessen Weltverständnis. Aus der Sicht der Indianer könnte dieselbe Tatsache so lauten: 1492 begann unsere Unterdrückung. Und hier das dritte Beispiel. 1920 telegraphierte der Landsucher Fred Engen im Gran Chaco an seinen Auftraggeber Mc Roberts in Buenos Aires: „I´ve found the promised land". Auf der einen Seite ein lapidare Tatsachenfeststellung, auf der anderen Seite die Mitteilung einer erfüllten Prophezeihung, verbunden mit einer optimistischen Zukunftserwartung.

An diesen Beispielen wird deutlich, dass die Faktenmitteilung noch keine Geschichtsschreibung im eigentlichen Sinn ist, sondern erst die kritische Interpretation entscheidet über die Aussagekraft und den Stellenwert der Fakten.

2.3 Erklären und Verstehen
Wir halten fest: Die enzyklopädische Kompilation von Fakten ist noch keine Geschichtsschreibung im eigentlichen Sinn, sie bietet aber eine gute Grundlage dafür. Auch eine Zusammenstellung von Fakten, die unkommentiert veröffentlicht werden, ist keine objektive Widerspiegelung der jeweiligen Wirklichkeit. Denn die jeweils vorhandenen Dokumente lassen nur Aussagen über ganz bestimmte Teilbereiche der Realität zu, während andere Teilbereiche auf Grund fehlenden Quellenmaterials im Dunkeln bleiben. Hinzu kommt, dass die Auswahl und Anordnung der Dokumente bereits eine Tendenz der zu erwartenden Interpretation verrät.

Bei der Interpretation von Texten, die sich auf ein geschichtliches Ereignis beziehen, geht es darum, die jeweiligen Ursachen und Wirkungen zu erklären und die Handlungsweise der jeweiligen Akteure in ihrem Kontext zu verstehen. Ob sich der Historiker nun mehr um die Erklärung der Ereignisse oder um das Verstehen der Vergangenheit bemüht, hängt davon ab, ob er zu den Positivisten oder zu den Hermeneutikern gehört. Nach Auffassung der Positivisten gibt es nur eine Art von Erklärungen, nämlich die der kausalen, d. h. der gesetzmäßigen Erklärungen. Sie lehnen sich dabei an das naturwissenschaftliche Erklärungsmodell an und sehen in der Geschichtswissenschaft nur eine Variante dieses Modells.(13)

Dieser positivistische Ansatz wird jedoch von einer anderen Gruppe, die sich Hermeneutiker nennen, abgelehnt. Sie lehnen es ab, den Begriff der „Erklärung" aus der Naturwissenschaft abzuleiten. Sie bevorzugen das intentionale und narrative Erklärungsmodell und verweisen darauf, dass man die historische Erklärung nur dem Werk des Historikers selbst entnehmen könne.

Die Diskussion zwischen Positivisten und Hermeneutikern ist bereits mehr als hundert Jahre alt. Sie entstand, weil die jeweilige theoretische Erkenntnis auch praktische Konsequenzen hat. An dem Verhältnis zwischen Geschichtswissenschaft und den Sozialwissenschaften wie Soziologie, Psychologie und Wirtschaftswissenschaften kann man das verdeutlichen. Positivistisch ausgerichtete Historiker betonen die Bedeutung der Sozialwissenschaften für das Geschichtsstudium und streben manchmal sogar deren Integration an. Diese Integration von Geschichte und Sozialwissenschaften wird von den hermeneutisch orientierten Historikern jedoch abgelehnt. Sie sehen vielmehr eine enge Verwandtschaft zwischen Geschichte, Literatur und Rhetorik sowie der bildenden Kunst.

Johann Gustav Droysen, ein deutscher Historiker des 19. Jahrhunderts, schrieb in seiner „Historik": „Wir erklären nicht. Interpretation ist nicht Erklärung des Späteren aus dem Früheren, des Gewordenen als ein notwendiges Resultat der historischen Bedingungen, sondern ist Deutung dessen, was vorliegt, gleichsam ein Lockermachen und Auseinanderlegen dieses unscheinbaren Materials nach der Fülle seiner Momente, der zahllosen Fäden, die sich zu einem Knoten verschürzt haben, das durch die Kunst der Interpretation gleichsam wieder rege wird und Sprache gewinnt."(14)

Droysen hat auch näher erläutert, wie ein Historiker vorgeht, wenn er die Vergangenheit verständlich machen will. Dabei unterscheidet er vier Phasen. In der ersten Phase, die er „pragmatische Interpretation" nennt, verschafft sich der Historiker mittels der Quellensammlung und Quellenkritik ein möglichst zutreffendes Bild von der Vergangenheit. In der zweiten Phase erfolgt nach Droysen die „Interpretation der Bedingungen", wozu die geographischen, materiellen und technischen, aber auch die mentalen Umstände gehören, die das Handeln der jeweiligen Individuen beeinflusst haben. In der dritten Phase folgt die „psychologische Interpretation", wobei der Historiker versucht, sich in die Motive und den Geist der handelnden Personen hineinzuversetzen. Im vierten Schritt erschließt der Historiker die Beziehungen zwischen den handelnden Personen und dem Zeitgeist.(15)

In der Naturwissenschaft eignet sich die Erklärung, da Ursache und Wirkung in einem deterministischen Zusammenhang stehen. D. h. bestimmte Bedingungen ziehen gesetzmäßige Folgen nach sich. Das ist in der Geschichte anders. Naürlich kann man auch bei Geschichtsabläufen Ursache und Wirkung aufeinander beziehen, deren Abfolge ist jedoch nicht zwangsläufig determiniert, da das menschliche Handeln nur teilweise determiniert, teilweise aber durch seine Entscheidungsfähigkeit offen und damit nicht eindeutig vorhersehbar ist.

2.4 Objektivität und Subjektivität
Schon die klassischen römischen Schriftsteller, wie z. B. Cicero, strebten in ihrer Geschichtsschreibung Objektivität an. Sie wollten die Tatsachen unverfälscht und vorurteilslos darstellen. Inzwischen weiß man längst, dass man Geschichtsschreibung weder von „God´s eye point of view" (Hillary Putman) noch von einem „view from nowhere" (Thomas Nagel) schreiben kann und ist daher bemüht, wie Chris Lorenz es ausdrückt „die Ideen der Objektivität und der Perspektivität miteinander zu versöhnen."(16)

Da sich die sozio-historische Wirklichkeit dauernd ändert, bleibt auch der Standpunkt des Historikers nicht immer derselbe. Es ist daher angebracht, dass der Historiker seinen Standort zu Beginn seiner Ausführungen reflektierend darstellt. Jeder Historiker arbeitet innerhalb eines bestimmten Werthorizontes, d. h. seine Darstellung erfolgt aus einer bestimmten normativen Perspektive heraus. Deutlich erkennbar wird sie aber erst durch die Absetzung von anderen Werthorizonten. Chris Lorenz schreibt:

Hier, so meine ich, tut sich für die mennonitische Geschichtsschreibung ein weites Feld auf. Zu oft sind die Mennoniten nach Maßgabe des eigenen Werthorizontes beschrieben worden, von wo aus dann mit demselben Maßstab die sie umgebenden anderen Bevölkerungsgruppen definiert und kritisiert wurden. Die Betrachtung der Mennoniten aus dem Blickwinkel eines anderen Werthorizontes könnte für uns jedoch eine Spiegelung ermöglichen, die zu einem realistischeren und wahrhaftigeren Selbstbild und zu einer objektiveren Beurteilung der anderen Ethnien in ihrem Lebensraum führen würden.

2.5 Geschichte und Identität
Wer sind wir? Diese Frage beschäftigt immer wieder die Menschen. Eine Möglichkeit besteht darin, sie über ihre Geschichte zu bestimmen. Hermann Lübbe sagt: „Identät ist das, was als - zutreffende - Antwort auf die Frage erteilt wird, wer wir sind."(18) Jörn Rüsen meint, dass die wesentliche Funktion von Geschichte darin besteht, Identitäten zu „präsentieren" oder zu „konstruieren".(19) Zu beachten ist dabei, dass der Historiker immer einer bestimmten Gesellschaftsgruppe angehört und auch deren Sichtweise repräsentiert. Bei der Definition der kollektiven Identität ist zwischen Selbstdefinition und Fremddefinition zu unterscheiden, die in einem Spannungsverhältnis zueinander stehen. „In multikulturellen Gesellschaften", so Chris Lorenz, „hat sich diese Spannung bei der Definition ethnisch-kultureller Identitäten immer weiter verstärkt."(20)

Bei den Identitätsvorstellungen spielen nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die Gegenwart und die Zukunft eine wichtige Rolle. Werthorizont und Historiographie sind eng miteinander verknüpft,

Identitätsvorstellungen sind für Individuen und Gruppen wichtig, weil sie ihr Handeln daran orientieren. Bei der Konstruktion dieser Identität sind sie maßgeblich mitbeteiligt, indem sie ihre eigene Vergangenheit aufarbeiten, sich in bestimmte Traditionen einordnen und daraus ihre Identität ableiten.(22)

2.6 Ziel und Aufgabe der Geschichtsschreibung
Wozu schreibt man denn Geschichte? Gerhard Ratzlaff antwortet auf diese Frage in seinem Buch „Ein Leib - viele Glieder" so: „Das Ziel der Geschichtsschreibung ist die Verherrlichung Gottes, die Ausbreitung seines Reiches und der Dienst am Nächsten."(23) Und an anderer Stelle: „Die Geschichte soll Werte unserer Gemeinden übermitteln und Wegweiser für die Zukunft sein."(24) Er fügt dann noch hinzu, dass die Geschichtsdeutung ein entscheidendes Merkmal der Geschichtsschreibung sei und stellt fest: „Die Auslegung historischer Ereignisse ist richtunggebend für die Gemeinden und ihre Tätigkeit."(25) Solche Formulierungen lassen den Schluss zu, dass nach seiner Auffassung der Geschichtsschreiber - zumindest wenn es um die Geschichte der Gemeinden geht - wohl eher einem verkündigenden Prediger als einem reflektierenden und kritisierenden Analytiker gleichen solle. Ratzlaff will mit seiner Geschichtsschreibung den Leser zu guten Werken animieren, das zeigt auf eindrückliche Weise sein Buch über die „Ruta Transchaco", deren Bau er als ein Werk der Bruderschaftshilfe deutet, „um dadurch den Leser und die heutige Generation zu motivieren, in gleichem Sinne praktische Hilfe im christlichen Geiste zu üben."(26)

Nüchterner und weitgefasster ist Carrs Aufgabenstellung für den Historiker, wenn er schreibt: „Die Funktion des Historikers besteht weder darin, die Vergangenheit zu lieben, noch sich von ihr zu emanzipieren, sondern darin, sie als Schlüssel zum Verständnis der Gegenwart zu bewältigen und zu verstehen."(27) Weder Verherrlichung noch Verleugnung der eigenen Vergangenheit, sondern Erhellung und kritische Bewertung unserer Vergangenheit, mit dem Ziel, daraus hilfreiche Hinweise zur Bewältigung der in der Gegenwart sich uns stellenden Fragen und Probleme zu erhalten, scheint mir eine angemessene und sinnvolle Aufgabe der Geschichtsschreibung zu sein.

3. Beiträge der Geschichtsschreibung

3.1. Das Bild der Mennoniten in Paraguay wird gemalt.
„Unser Bild ist schon vor uns für uns ausgewählt und bestimmt worden, nicht so sehr durch den Zufall als durch Leute, die bewusst oder unbewusst von einer ganz bestimmten Sicht durchdrungen waren und die Tatsachen, die diese Sicht stützten, des Aufschreibens wert fanden." Diese Aussage des Historikers Carr in Bezug auf die Geschichtsschreibung des Mittelalters lässt auch uns aufhorchen, wenn wir uns mit mennonitischer Geschichtsschreibung befassen. Carr fährt dann fort: „Aber das Bild des tiefreligiösen mittelalterlichen Menschen ist, ob es nun wahr ist oder nicht, unzerstörbar, da fast alle bekannten Fakten durch Menschen ausgewählt wurden, die es glaubten und denen daran lag, dass auch andere es glaubten, und da eine Menge anderer Tatsachen, die uns möglicherweise das Gegenteil bezeugt hätten, unwiderruflich verlorenging."(28) Mir scheint, dass das Bild der Mennoniten in Paraguay in der schwierigen Anfangszeit einen wichtigen Beitrag zur Überlebensstrategie geleistet hat und in der Folgezeit eine systemstabilisierende Funktion hatte. Im Laufe der Zeit hat sich das Bild der Mennoniten wiederholt auch als Störfaktor erwiesen, da dadurch oft Erwartungen an sie gestellt wurden, die nicht einlösbar waren, oder Abgrenzungen vollzogen wurden, die weder plausibel noch notwendig waren. Aus welchen Grundelementen sich dieses Bild zusammensetzt, lässt sich an Hand einiger Publikationen deutlich zeigen. Die Grenzen zwischen Fremddefinition und Selbstdefinition sind dabei durchaus fließend.

Paraguay als Zufluchtsort für verfolgte Mennoniten tauchte bereits auf, als hier noch keine Mennoniten eingewandert waren. Otto Xenos, alias Heinrich Braun, der für seine mennonitischen Glaubensgeschwister in Russland eine neue Heimat suchte, nachdem diese infolge des Ersten Weltkrieges und der nachfolgenden Revolution „ausnahmslos arm, bettelarm und fremd" geworden waren, schrieb 1927 im Christlichen Gemeinde-Kalender der Süddeutschen Mennoniten über seine Studienreise durch Uruguay und Paraguay, die er 1924 durchgeführt hatte: „Paraguay ist heute ein kulturell armes Land, hat aber viele Bodenschätze, die zu heben sind, und die Vegetation verfügt über viele Heilkräuter. Der Chaco bietet ein nicht zu unterschätzendes Siedlungsgebiet. Es müßten aber die Wasserfrage mehr geklärt werden und die Verkehrsschwierigkeiten beseitigt werden."(29)

Bereits hier werden Grundelemente für das zukünftige Mennonitenbild zusammengetragen, die ich in folgendem Satz zusammenfassen kann: Verfolgte Mennoniten aus Russland sind potentielle Kulturbringer in einem unbesiedelten Land.

Von weit aus größerer Bedeutung für die Gestaltung des Mennonitenbildes im Chaco war jedoch der Beitrag von H.S.Bender, der sich im Auftrag des MCC für die Siedler der Kolonie Fernheim in besonderer Weise verantwortlich fühlte. Er und seine Mitarbeiter in der Studienkommission, zu der neben ihm M.H. Kratz und P.C. Hiebert gehörten, sahen im paraguayischen Chaco ein viel versprechendes Siedlungsgebiet:

Hier werden einzelne bereits genannte Elemente des Mennonitenbildes verstärkt, andere hinzugefügt: Chaco als menschenleere und kulturlose Wildnis, Abgeschiedenheit als Vorteil für den eigenen Kulturerhalt, Möglichkeit der Errichtung eines „Mennonitenstaates", was auch immer das heißen mochte.

Bender legte in seinem Vortrag großen Wert darauf, zu betonen, dass „die Auswanderung nach Paraguay von Anfang an eine freiwillige gewesen" sei. Er sagte: „Ich habe niemand für Paraguay angenommen, der nicht völlig überzeugt war, dass dieses Land seine zukünftige Heimat sein sollte." Und noch eines stellte er klar: „Die ganze Sache ist für uns alle, für die Mennonitengemeinden in Nordamerika, für das M.C.C., für mich und für die ausfahrenden Flüchtlinge eine Glaubenssache gewesen."(31)

Das Bild der Mennoniten in Paraguay erhielt durch Bender noch eine andere entscheidende Färbung durch die folgende Aussage: „Ich bin Amerikaner bis zu den Zähnen, ich bin kein Deutscher. Ich bin aber dafür, dass die neuen Mennoniten-Siedlungen deutsch sind und bleiben. Wir amerikanische Mennoniten werden darauf hinarbeiten, dass diese neuen Ansiedlungen ganz und gar deutsch bleiben und sich weiter in dieser Richtung entwickeln."(32) Gewiss hat er sich damals nicht vorstellen können, in welche Zerreißprobe gerade das Bekenntnis zu Deutschland die Fernheimer Siedler stürzen würde.

Eine Fremddefinition der Mennoniten im Chaco ergänzte und verstärkte das Selbstbild der Siedler in Bezug auf ihren Fleiß und ihre Arbeitsbereitschaft. So ist im Vorwort der 1934 vom Ministerio de Economía herausgegebenen Broschüre über die Mennoniten im paraguayischen Chaco von den Siedlern Folgendes zu lesen:

1937, noch ehe etwa ein Drittel der Fernheimer Bürger die Kolonie verließ, um in Ostparaguay die neue Siedlung Friesland zu gründen, besuchte P.C.Hiebert aus den USA die von russlanddeutschen Mennoniten gegründete Siedlung im paraguayischen Chaco. Er reiste im Auftrag der Bundeskonferenz der Mennoniten-Brüdergemeinden in Nordamerika, um den Brüdern im Süden Trost und Liebe zu spenden und ihnen das Evangelium zu predigen.

Hiebert sah in der Kolonie Fernheim ein „Asyl unseres Volkes, wohin Gott sie in seiner Gnade und Weisheit gebracht hat." Er fügte dann hinzu: „Es ist aber deshalb kein irdisches Paradies".(34) Er war davon überzeugt, dass Gott die Mennoniten in diese Gegend gebracht hatte, um den Indianern das Evangelium zu verkünden. Hier taucht ein weiteres Element des Mennonitenbildes auf: Mennoniten als Missionare der Indianer im wilden Chaco.

Hiebert musste aber feststellen, dass sich in diesem Mennonitenbild bereits die ersten Risse erkennen ließen. Infolge von anhaltender Dürre und Heuschreckenplagen und angesichts drückender Schulden begann eine Reihe von Siedlern an ihrem Sendungsbewusstsein zu zweifeln. Die eine Gruppe sah es nach wie vor als ihre Verantwortung, der Führung Gottes zu vertrauen und den Indianern die frohe Botschaft zu verkündigen. Die andere Gruppe aber meinte, sie müsse im Interesse ihrer Familien ein Siedlungsgebiet finden, wo es mehr regne, mehr Obst und Gemüse wachse, ein Gebiet, das näher zur Eisenbahn und zur Stadt sei.

Hiebert stellte in seiner feinsinnigen Beobachtung noch einen anderen Tatbestand fest, nämlich die Unzufriedenheit mehrerer Bürger, die sich gegen die beschränkenden Ordnungsmaßnahmen der zentralistisch organisierten Kolonieverwaltung richtete. Seine Deutung fiel allerdings recht einseitig aus, denn in den Reden der Nonkonformisten erkannte er keine demokratischen Bestrebungen, sondern verglich sie mit den in der ganzen Welt verbreiteten Unruhen, so wie sie besonders im russischen Kommunismus zum Ausdruck kämen.(35)

Fritz Kliewer, der sich zu Studienzwecken in Deutschland aufhielt, konnte 1936 an der Mennonitischen Weltkonferenz in Holland teilnehmen. In seinem Vortrag bestätigte er die bisher genannten Bildelemente. So berichtete er, dass die Mennoniten in Fernheim vor 6 Jahren der „Sowjethölle" entronnen und nun im Begriff seien, „sich unter den denkbar schwierigsten Verhältnissen mitten im Urwald von Paraguay eine neue Heimat zu schaffen, wo sie ihres Glaubens und Volkstums leben können."(36)

Er führte dann weiter aus:

Trotz wirtschaftlicher Schwierigkeiten bekannte er stellvertretend für die Siedler: „Wir sind der Überzeugung, dass uns Gott in dieses neue Land geführt und uns in Paraguay auch Aufgaben gestellt hat, die wir erfüllen müssen."(37)

Ein offizielles Schreiben der Verantwortlichen in Kolonie und Gemeinde an die Mennonitische Weltkonferenz in Holland bestätigte die von Kliewer gemachten Ausführungen auf mehrfache Weise. Auf überzeugende Weise drückten sie ihren Dank aus für die Errettung aus Russland, die durch die Hilfe Gottes, der mennonitischen Brüder und des Deutschen Reiches ermöglicht worden war, und fügten hinzu: In Deutschland „konnten wir nicht bleiben; wir wollten und mußten weiter, denn wir sehnten uns nach einer neuen Heimat, wo wir unseres Glaubens und unserer mennonitischen Eigenart leben könnten."(38)

Auch der Missionsauftrag der Mennoniten im paraguayischen Chaco wurde betont: „Im letzten Jahr durften wir auch eine Missionsstation unter den in unserer nächsten Nähe wohnenden Indianern gründen. Wir erkennen es als unsere allerheiligste Pflicht, diesen Ureinwohnern des Landes das Wort vom Kreuze zu verkündigen."(39)

Voller Bedauern erwähnten sie auch die potientiellen Abwanderer nach Ostparaguay: „Sie werden sich einfach nicht halten lassen, und unsere verantwortlichen Stellen werden sie nicht halten können. Das wäre sehr zu bedauern, denn die Gefahr der völligen Assimilierung ist hier unter den Einheimischen gar zu groß."(40)

Bereits diese knappe Auswahl von Dokumenten zeigt deutlich, dass das Bild der Mennoniten in Paraguay von mehreren „Künstlern" angefertigt wurde, das dann in der Folgezeit durch viele Broschüren und Schriften bestätigt worden ist. Dieses Bild wurde immer wieder dann verteidigt, wenn jemand daran ging, an diesem Bild Kritik zu üben, denn Kritik am Bild wurde immer als Kritik an den Mennoniten und deren sicher nicht zu unterschätzenden Leistungen betrachtet.

Wenn wir jedoch in Zukunft den Herausforderungen, die an uns als Mennoniten in der Gegenwart und der Zukunft in Paraguay gestellt werden, gerecht werden wollen, werden wir an diesem Mennonitenbild weiter malen und es mit neuen Farben verändern müssen oder aber es gänzlich zur Seite stellen. Wenn nicht, dann werden wir das alte Bild, dessen Farben längst brüchig geworden sind, von der Wand nehmen müssen, um uns mit ihm auf eine weitere Wanderschaft zu begeben, von der wir nicht einmal ahnen, wohin die uns führen könnte.

3.2 Das Bild wird farbiger gestaltet.
Die Zahl der Jubiläumsschriften der verschiedenen mennonitischen Kolonien in Paraguay ist ein beredtes Zeugnis für das eigene Selbstverständnis der Mennoniten und sie weisen in Bild und Wort die großen Erfolge auf, die im Laufe von 25 bzw. 50 Jahren erzielt worden sind. Und an diesen Erfolgen soll auch nicht gezweifelt werden. Die Frage ist nur, in welchen Bereichen die Mennoniten besonders erfolgreich waren, und in welchen Bereichen kaum Fortschritte erzielt wurden. Aus Zeitgründen will ich mich hier auf die Festschriften der Kolonien Fernheim und Menno beschränken.

Die erste Jubiläumsschrift der Mennoniten in Paraguay war die nach Form und Inhalt dünne Schrift der Fernheimer Siedler anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Kolonie. Herausgegeben wurde sie 1955 vom Echo-Verlag in Winnipeg, Kanada. Die Flucht aus Russland, die schwere Ansiedlungszeit, verbunden mit dem großen Massensterben, die bescheidenen Anfänge im Bereich des Kolonieamtes und der Kooperative, des Industriewerkes, des Schulwesens und des Krankenhauses sowie die Anfänge mit der Mission unter den Indianern waren die beherrschenden Themen dieser Publikation. „Diese Schrift soll" - so die Meinung der Jubiläumskommission - „unseren Nachkommen von der Schwere und den Leiden der Anfangszeit, aber auch von der Durchhilfe Gottes in der Not Kunde geben."(41)

Weit umfangreicher als die erste Jubiläumsschrift ist die Festschrift der Fernheimer zum 50-jährigen Bestehen der Kolonie. Aufmachung und Inhalt verraten ein deutlich gewachsenes Selbstbewusstsein der Siedler. Fachlich qualifizierte Personen hatten auf der Grundlage von Quellenmaterial und unter Verwendung der vorhandenen Literatur die einzelnen Koloniezweige sachkundig dargestellt, was durch einen informativen statistischen Anhang ergänzt wurde. Im geschichtlichen Teil des Buches zeigte Peter Wiens auf, was die Siedler im Chaco bewogen hatte, trotz der vielen Schwierigkeiten weiterzumachen:

Man hatte sich inzwischen damit abgefunden, dass Deutschland das „Mutterland" geblieben, Paraguay aber inzwischen zum „Vaterland" aufgerückt war. So endete der Befund über die 50 zurückgelegten Jahre mit den Worten:

Die Kolonie Menno brachte ihre erste Jubiläumsschrift erst 1977 zum fünfzigjährigen Bestehen der Siedlung heraus. Diese von Martin W. Friesen und seinen Mitarbeitern verfasste Schrift mit dem bezeichnenden Titel „Kanadische Mennoniten bezwingen eine Wildnis" bringt in den folgenden Aussagen ein klares Selbstverständnis zum Ausdruck:

Es ist auffallend, wie hier rückblickend die bescheidenen Auswanderer aus Kanada, die um des Erhaltes ihrer Schulen und der damit verbundenen Eigenart von Glauben und Leben das entwickelte Land Kanada verlassen hatten, als heldenhafte Pioniere in der Chacowildnis dargestellt werden. Zweifel, ob das hohe Menschenopfer in der Anfangszeit diese doch stark wirtschaftlich ausgerichtete Zielsetzung gerechtfertigt habe, werden nicht geäußert. Von einem Sendungsauftrag im Missionsbereich, so wie ihn die Fernheimer von Anfang an artikulierten, war anfänglich nicht die Rede. Erst 25 Jahre nach der Siedlungsgründung begann die Kolonie Menno, sich direkt an der Missionsarbeit unter den Indianern zu beteiligen.

3.3. Versuche, das Bild umzufärben.
In der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre gab es Bestrebungen, das Mennonitenbild in Paraguay umzufärben. Die deutschen Farben, vor allem die braunen, traten mit einmal deutlicher zum Vorschein. Nicht alle waren damit einverstanden, aber führende Männer in der Kolonie Fernheim meinten, es wäre an der Zeit, die deutschen Farben heller leuchten zu lassen. In der Kolonie Menno kümmerte man sich in dieser Zeit nicht um diese Malkünste, sondern begnügte sich mit dem althergebrachten mennonitischen Bild, dessen Farben zwar schon etwas verblichen waren und bereits kleine Risse zeigten, aber man brachte das Bild ja auch nicht zur Ausstellung.

Die Schule schien das Bildelement zu sein, das am schnellsten und eindrücklichsten umgefärbt werden konnte. Die ersten Versuche dieser Art wurden dann auch anerkennend zur Kenntnis genommen. Herbert Wilhelmy war 1938 nach seiner Forschungsreise im Chaco, wobei er Fernheim und Menno besucht hatte, zu folgender Situationsanalyse gekommen:

Bezüglich des Fernheimer Schulwesens kam er zu folgendem Schluss:

Walter Quiring unterstützte mit seinem Buch „Deutsche erschließen den Chaco" diese Sichtweise, indem er ebenfalls die Wichtigkeit der Fernheimer Zentralschule für die neue Weichenstellung betonte. Er schrieb: „1934 entschlossen sich die Zentralschullehrer zu einer pädagogischen Neugestaltung ihrer Schule von wahrhaft geschichtlichem Ausmaße: sie gründeten die auslanddeutsche Schule der Zukunft, das erste auslanddeutsche Landerziehungsheim."(47) Folgende Zielvorstellung wurde mit diesem Landerziehungsheim, das faktisch nach wie vor eine normale Zentralschule war, verbunden:

Fritz Kliewer, der durchaus mit den deutschen Farben vertraut war, sie auch in seiner späteren Schularbeit anwandte, zeichnete in seiner Dissertation über die „Die Deutsche Volksgruppe in Paraguay" jedoch ein Bild von der Fernheimer Zentralschule, das sich durch moderate und vielfältige Farben auszeichnete. Er schrieb:

Dieser Umfärbungsversuch war nicht von langer Dauer, hat aber doch viel Kummer und Streit mit sich gebracht, vor allem auch dadurch, dass in Ermangelung von Konfliktlösungsstrategien Übertünchungsbemühungen und Verdrängungsprozesse Hand in Hand gingen.

3.4 Das Bild wird retuschiert.
Die Maler aus Menno, die sich lange zurückgehalten hatten, traten nun immer mehr in den Vordergrund und begannen mit kräftigen Farbstrichen das Mennonitenbild zu retuschieren. M. W. Friesen hatte sich lange auf diese Arbeit vorbereitet und brachte zuerst die Jubiläumsschrift zum fünfzigjährigen Bestehen der Kolonie Menno heraus und dann sein groß angelegtes Werk „Neue Heimat in der Chacowildnis".(50) Friesen schrieb in seinem Vorwort zur Jubiläumsschrift: „´Kanadische Mennoniten bezwingen eine Wildnis´ klingt etwas romantisch und abenteuerlich. Beides lag nicht im Charakter und der Absicht dieser schlichten, obwohl beherzten Wildnispioniere. Und doch haben sie einen interessanten Stoff fuer beides gegeben."(51) Und der langjährige Oberschulze Jacob B. Reimer schrieb: „Ich habe immer wieder, wenn ich auf meinen Reisen von Leuten gefragt wurde, wie es moeglich war, dass die Mennoniten so eine Siedlung in der Wildnis schaffen konnten, geantwortet: Es ist ein Wunder Gottes; aber auch das starke Gottvertrauen und der beharrliche Mut der Siedler."(52) Die Richtlinien für das Schulwesen bestimmte nach wie vor die Allgemeine Schulverordnung, die jegliche Beeinflussung durch das nationalsozialistische Gedankengut von vornherein ausgeschlossen hatte. Friesen schrieb:

Hier wird bereits deutlich gemacht, dass nicht nur das gesamte Mennonitenbild zu retuschieren war, sondern auch die typischen Farben der Kolonie Menno aufzuhellen waren. Das gelang dann auch, indem die leitenden Männer in der Kolonie, in der Gemeinde und im Schulwesen auf Grund ihrer Erkenntnis und Weitsicht für sich beanspruchten, zu wissen, was für die Mennoniten in Menno gut sei und eine Revolution von oben durchführten. Friesen schrieb:

3.5 Einzelne Bildelemente werden genauer unter die Lupe genommen.
Bereits die Erfahrungen der Fernheimer zur Zeit der Beeinflussung durch den Nationalsozialismus und die revolutionäre Umgestaltung von Kolonie, Gemeinde und Schule in der Kolonie Menno zeigen, dass die Geschichte der Mennonitensiedlungen in Paraguay keine ungebrochene Linie der Aufwärtsentwicklung zeigt. Irrwege, Sackgassen, aber auch Auswege und Höhepunkte verzögerten oder beschleunigten den Entwicklungsprozess. Das führte auch zu Irritationen bei der Bildgestaltung. Immer deutlicher wurde sichtbar, dass es nicht genügte, dilettantisch, mehr oder weniger planlos am Mennonitenbild herumzumanipulieren. Eine genaue Analyse von Einzelaspekten, von grundlegenden Widersprüchen, von wiederholt auftretenden, aber sachlich begründeten Konfliktsituationen machten es erforderlich, einzelne Bildelemente einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. Diese Aufgabe übernahm Peter P. Klassen mit seinem Buch „Die Mennoniten in Paraguay: Reich Gottes und Reich dieser Welt". Darin untersucht er ausführlich den bereits im Buchtitel angesprochenen Grundkonflikt des Siedlungsmennonitentums in Paraguay. In seiner Einleitung gibt er die Zielrichtung seiner Arbeit an:

3.6 Das Bild wird auf Normalmaß gebracht.
Ein weiteres Konfliktfeld innerhalb des mennonitischen Siedlungswesens habe ich zum Gegenstand der Untersuchung in meiner Dissertation über „Die deutschsprachigen Siedlerschulen in Paraguay"(56) gemacht. Die ganze Anlage und auch die Ausführung der Arbeit selbst zeigen, dass es mir vor allem darum ging, nicht die Mennoniten als solches, sondern als Teil eines größeren sozialen, kulturellen und politischen Ganzen zu begreifen. Ich meine, dass es längst an der Zeit ist, nicht mehr die mennonitische Sonderrolle zu betonen, sondern die Mennoniten als integrativen Bestandteil der paraguayischen Gesellschaft zu verstehen. Wir sollten aufhören, uns als Verfolgte und Privilegierte zu charakterisieren, sondern damit beginnen, uns mit der Rolle von Normalbürgern vertraut zu machen. Damit rede ich keiner Gleichmacherei das Wort. Unsere religiösen, kulturellen und wirtschaftlichen Leistungen brauchen wir keineswegs unter den Scheffel zu stellen, müssen sie aber auch nicht auf den Leuchter heben, sondern da stehen lassen, wo sie sind. Es wäre wünschenwert, wenn wir immer mehr begreifen würden, dass wir tatsächlich so sein dürfen, wie wir sind, um dann von einer bewusst realistischen Basis aus zielgerichtet zu neuen Ufern aufzubrechen.

4. Ausblick.

Ich komme zum Schluss meiner Überlegungen und frage: Wozu brauchen wir ein Bild? Hat es sich nicht längst erübrigt? Wenn andere ein Bild von uns malen, können wir das schwerlich verhindern, aber wir selbst sollten uns an diesen Malversuchen nicht mehr beteiligen. Stattdessen sollten wir bemüht sein, uns anderen gegenüber so zu zeigen, wie wir tatsächlich sind und nicht wie wir sein möchten. Wir sollten zeigen, dass wir eine Gemeinschaft sind, die Stärken und Schwächen hat, wie andere Gemeinschaften auch. Das würde uns dazu befähigen, nicht nur bereit zu sein zu geben, sondern auch bereit zu sein zu nehmen. Und auf diesen Austausch, auf dieses gegenseitige Geben und Nehmen werden wir angewiesen sein, wenn wir unsere Heimat auf Dauer in Paraguay behalten wollen.

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Literaturverzeichnis
  1. Carr, Edward Hallett: Was ist Geschichte? W. Kohlhammer Verlag: Stuttgart-Berlin-Köln-Mainz 1969.
  2. Christlicher Gemeinde-Kalender für das Jahr 1927, hrsg. von der Konferenz der Süddeutschen Mennoniten. Kaiserslautern 1927.
  3. Die Bibel oder Die ganze Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments nach der deutschen Übersetzung D. Martin Luthers. Württembergische Bibelanstalt Stuttgart. o. J.
  4. Friesen, Martin W. (Bearbeiter): Kanadische Mennoniten bezwingen eine Wildnis. 50 Jahre Kolonie Menno - erste mennonitische Ansiedlung in Suedamerika. Eine Gedenkschrift zum fuenfzigjaehrigen Jubilaeum, o.O, o.J.
  5. Friesen, M. W.: Neue Heimat in der Chaco Wildnis. D. W. Friesen & Sons Ltd.: Altona, Manitoba 1987.
  6. Hiebert, P. C.: Mitteilungen von der Reise nach Süd-Amerika. Mennonite Brethren Publishing House: Hillsboro, Kansas, o. J.
  7. Klassen, Peter P.: Die Mennoniten in Paraguay: Reich Gottes und Reich dieser Welt. Mennonitischer Geschichtsverein e. V. Bolanden-Weierhof 1988.
  8. Kolonie Fernheim (Hrsg.): 50 Jahre Kolonie Fernheim. Ein Beitrag in der Entwicklung Paraguays. Filadelfia 1980.
  9. Kliewer, Friedrich: Die deutsche Volksgruppe in Paraguay. Eine siedlungsgeschichtliche, volkskundliche und volkspolitische Untersuchung. Hans Christians-Verlag: Hamburg 1941.
  10. Lorenz, Chris: Konstruktion der Vergangenheit. Eine Einführung in die Geschichtstheorie. Böhlau-Verlag:Köln-Weimar-Wien 1997.
  11. Ministerio de Economía: Las Colonias Mennonitas en el Chaco Paraguayo. Asunción 1934.
  12. Neff, Christian (Hrsg.): Bericht über die Mennonitische Welt-Hilfs-Konferenz vom 31. August bis 3. September 1930 in Danzig. Karlsruhe o. J.
  13. Neff, Christian (Hrsg.): Der Allgemeine Kongreß der Mennoniten, gehalten in Amsterdam, Elspeet, Witmarsum (Holland), 29. Juni bis 3. Juli 1936. Karlsruhe o. J.
  14. Opgenoorth, Ernst: Einführung in das Studium der Neueren Geschichte. Westermann-Verlag: Braunschweig 1969.
  15. Quiring, Walter: Deutsche erschliessen den Chaco. Karlsruhe [1936].
  16. Ratzlaff, Gerhard: Die Ruta Transchaco - wie sie entstand. Asunción 1998.
  17. Ratzlaff, Gerhard: Ein Leib - viele Glieder. Asunción 2001.
  18. Schmieder, O. und Wilhelmy, H.: Deutsche Ackerbausiedlungen im südmerikanischen Grasland, Pampa und Gran Chaco. (Wissenschaftliche Veröffentlichungen des Deutschen Museums für Länderkunde, Neue Folge 6). Leipzig 1938.
  19. Warkentin, Jakob: Die deutschsprachigen Siedlerschulen in Paraguay im Spannungsfeld staatlicher Kultur- und Entwicklungspolitik. Waxmann-Verlag: Münster/New York/München /Berlin 1998.
  20. Wiens, Peter/Klassen, Peter (Bearbeiter): Jubiläumsschrift zum 25jährigen Bestehen der Kolonie Fernheim, Chaco Paraguay (Historische Schriftenreihe des Echo-Verlags 12/1956) Winnipeg, Kanada, o. J.


Fussnoten:
Langjähriger Dozent und Direktor am interkolonialen Lehrerseminar in Filadelfia. Dr. phil., der Universität Marburg.
Carr, Edward Hallett: Was ist Geschichte? W. Kohlhammer Verlag: Stuttgart - Berlin - Köln - Mainz 1969, S. 43.
Prediger 12,12
Opgenoorth, Ernst: Einführung in das Studium der Neueren Geschichte. Georg Westermann Verlag: Braunschweig 1969, S. 3.
Carr, S. 30.
Ebd., S. 54.
Ebd., S. 106.
Vgl. hierzu Carr, S. 8 f.
Zitate nach Carr, S. 10.
Carr, S. 11.
Ebd., S. 12.
Zitat nach Carr, S. 14.
Vgl. hierzu und zum Folgenden: Lorenz, Chris: Konstruktion der Vergangenheit. Eine Einführung in die Geschichtstheorie. Böhlau-Verlag: Köln-Weimar-Wien 1997, S. 7 ff.
Zitat nach Lorenz, S. 95.
Vgl. hierzu Lorenz, S. 92 f.
Lorenz, Seite 370.
Ebd., S. 384 f.
Ebd., S. 401.
Siehe Lorenz, S. 403.
Ebd., S. 405.
Ebd., S. 407.
Ebd., S. 410.
Ratzlaff, Gerhard: Ein Leib - viele Glieder. Asunción 2001, S. 17.
Ebd., S. 11.
Ebd., S. 16.
Ratzlaff, Gerhard: Die Ruta Transchaco - wie sie entstand. Asunción 1998, S. 14.
Carr, S. 25 f.
Carr, S. 14.
Christlicher Gemeinde-Kalender für das Jahr 1927, hrsg. von der Konferenz der Süddeutschen Mennoniten, Kaiserslautern 1927, S. 126.
Zit. nach Neff, Christian (Hrsg.): Bericht über die Mennonitische Welt-Hilfs-Konferenz vom 31. August bis 3. September 1930 in Danzig. Karlsruhe o. J., S. 121 f.
Ebd., S. 125.
Ebd., S. 137.
Ministerio de Economía: Las Colonias Mennonitas en el Chaco Paraguayo. Asunción 1934.
Hiebert, P.C.: Mitteilungen von der Reise nach Süd-Amerika. Mennonite Brethren Publishing House: Hillsboro, Kansas, o. J., S. 55 f.
Ebd., S. 64.
Neff, Christian (Hrsg.): Der Allgemeine Kongreß der Mennoniten, gehalten in Amsterdam, Elspeet, Witmarsum (Holland), 29. Juni bis 3. Juli 1936. Karlsruhe, o. J., S. 75.
Ebd., S. 75 ff.
Ebd., S. 79.
Ebd., S. 81.
Ebd., S. 83.
Wiens, Peter/ Klassen, Peter (Bearbeiter): Jubiläumsschrift zum 25jährigen Bestehen der Kolonie Fernheim, Chaco-Paraguay (Historische Schriftenreihe des Echo-Verlags 12/1956) Winnipeg, Kanada, o. J., S. 7.
Kolonie Fernheim (Hrsg.): 50 Jahre Kolonie Fernheim. Ein Beitrag in der Entwicklung Paraguays. Filadelfia 1980, S. 13.
Ebd., S. 37.
Friesen, Martin W. (Bearbeiter): Kanadische Mennoniten bezwingen eine Wildnis. 50 Jahre Kolonie Menno - erste mennonitische Ansiedlung in Suedamerika. Eine Gedenkschrift zum fuenfzigjaehrigen Jubiläum. o.O, o.J., S. 102 ff.
Schmieder, O. und Wilhelmy, H.: Deutsche Ackerbausiedlungen im südamerikanischen Grasland, Pampa und Gran Chaco. (Wissenschaftliche Veröffentlichungen des Deutschen Museums für Länderkunde, Neue Folge 6), Leipzig 1938, S. 127.
Ebd., S. 128 f.
Quiring, Walter: Deutsche erschliessen den Chaco. Karlsruhe [1936] , S. 180.
Ebd., S. 180
Kliewer, Friedrich: Die deutsche Volksgruppe in Paraguay. Eine siedlungsgeschichtliche, volkskundliche und volkspolitische Untersuchung. Hans Christians-Verlag: Hamburg 1941, S. 166.
Friesen, M. W.: Neue Heimat in der Chaco Wildnis. D. W. Friesen & Sons Ltd.: Altona, Manitoba 1987.
Friesen, Jubiläumsschrift, S. 3.
Ebd., S. 170.
Ebd., S. 116 f.
Ebd. S. 122.
Klassen, Peter P.: Die Mennoniten in Paraguay: Reich Gottes und Reich dieser Welt. Mennonitischer Geschichtsverein e.V. Bolanden - Weierhof 1988, S. 6.
Warkentin, Jakob: Die deutschsprachigen Siedlerschulen in Paraguay im Spannungsfeld staatlicher Kultur- und Entwicklungspolitik. Waxmann-Verlag: Münster/New York/München/Berlin 1998.