Vorträge | Jahrbuch 2001

Die Rolle des Mennonitischen Zentralkomitees (MCC) in den Konflikten der Mennonitenkolonien in Paraguay
Peter P. Klassen (1)

Die Entstehung des MCC

Das Mennonitische Zentralkomitee ist in Nordamerika in direktem Zusammenhang mit den Russlandmennoniten gegründet worden, und gerade für sie hat es rückblickend über viele Jahrzehnte auch die größte Bedeutung gehabt. Nach dem Ersten Weltkrieg folgte für diese mennonitische Gruppe eine Krise nach der andern, und jedesmal war es das MCC, das sich helfend, beratend und steuernd für sie einsetzte.

Noch tobte der Bürgerkrieg in Russland, noch rauchten die Trümmer der von den Banden zerstörten Dörfer, da versammelten sich Ende 1919 Vertreter aus vielen Dörfern in Rückenau in der Kolonie Molotschna. Man suchte nach einem Ausweg aus der verzweifelten und hoffnungslosen Lage und dachte an Auswanderung. Nach einigen Beratungen wurde eine „Studienkommission" gewählt mit dem Auftrag, nach Europa und Nordamerika zu reisen, um alle Möglichkeiten zu untersuchen. Dazu gehörten A. A. Friesen, B. H. Unruh und C. H. Warkentin. Diese Männer kamen zu Beginn des Jahres 1920 über die Krim und Konstantinopel nach Europa, um Beziehungen zu den Mennoniten in der Schweiz, Holland und Deutschland aufzunehmen. Im Juni reisten Sie nach New York und stellten die Verbindung zu den Mennoniten in den Vereinigten Staaten und Kanada her. Dann reiste Unruh zurück nach Deutschland zu seinen Verwandten in der Gegend von Karlsruhe, wo er dann eine feste Position bezog. (2)

Angeregt durch die Berichte der Studienkommission versammelten sich am 27. Juli 1920 Vertreter aller mennonitischen Hilfsorganisationen Nordamerikas in Elkhart, Indiana, um nach Möglichkeiten für eine wirksame Hilfe für die Glaubensgenossen in Russland zu suchen. Hier beschlossen die Delegierten, ein Mennonitisches Zentralkomitee zu gründen (Mennonite Central Committee - MCC), und es trat sofort in Aktion.

Der Bürgerkrieg in Russland war noch nicht beendet und der Ausgang ungewiss, da machten sich schon die ersten Helfer auf den Weg: Arthur Slagel, Clayton Kratz und Orie O. Miller. Sie kamen bis Konstantinopel und hofften, mit Hilfe des Roten Kreuzes und amerikanischer diplomatischer Vertretungen in das Krisengebiet zu kommen.

Miller und Kratz fuhren weiter nach Sewastopol. Die Weiße Armee unter Wrangel war gerade im Vormarsch, so dass die beiden bis Halbstadt in der Molotschna kamen. Von hier aus erreichten sie noch Alexandrowsk bei Chortitza. Sie nahmen sofort Verbindung zu den mennonitischen Organisationen auf, doch da begann schon der Rückzug der Weißen. Miller fuhr zurück nach Sewastopol, Kratz wollte nach Halbstadt.

Auf dem Weg dorthin ist er spurlos verschollen. Wahrscheinlich ist er in den Strudel der vorrückenden Roten gekommen.

Dieser erste Vorstoß des MCC war zwar gescheitert, doch in unermüdlichem Einsatz über die diplomatischen Vertretungen und vielen mühsamen Verhandlungen gelang es den entsandten Vertretern in den folgenden Jahren, eine sehr wirksame Hilfe in die Sowjetunion zu bringen. Tausende Mennoniten und andere wurden in der Hungersnot, die dem Bürgerkrieg folgte, gerettet. Das MCC blieb bestehen. Es war zur anerkannten Zentrale der mennonitischen Gemeinden Nordamerikas geworden, und sehr bald ergaben sich neue Aufgaben.(3)

Es ist nichts Außergewöhnliches, wenn es bei einer so groß angelegten Hilfsorganisation, an der über Jahre viele Menschen beteiligt sind, zu Meinungsverschiedenheiten und Reibungen kommt. Verschiedene Interessen treffen aufeinander, Parteibildungen sind nicht immer zu vermeiden, um Ziele zu erreichen, muss auch Druck ausgeübt werden, Beziehungen zu anderen, nicht selten politischen Organisationen werden notwendig, und Menschliches und Allzumenschliches spielten in so einem Organismus dann oft auch eine Rolle mit.

Das war auch im MCC und in seiner Tätigkeit nicht zu vermeiden. Obwohl alles „In the Name of Christ" getan werden sollte, obwohl nur karitativer Zweck das Tun bestimmen sollte, wurde das, was getan wurde, manchmal unterschiedlich aufgefasst, und dann folgten Spannungen, die wieder nach Lösungen verlangten.

Ein MCC-Vertreter sagte auf einer öffentlichen Versammlung in Fernheim - es könnte 1948 nach der großen Hilfsaktion für die Flüchtlinge in Deutschland gewesen sein - : „Wenn man eine dargebotene Hand ablehnt, dann könnte man das noch verstehen, aber wenn man sie auch noch beißt, das schmerzt sehr". Die Empfänger der Hilfe waren mit der Art und Weise, wie sie ihnen vermittelt werden sollte, nicht einverstanden gewesen, und es war zu Auseinandersetzungen gekommen.

In dieser Darstellung soll der Versuch gemacht werden, objektiv über die Aktionen des MCC in Zusammenhang mit den Russlandmennoniten, vornehmlich mit den Gruppen, die durch seine Vermittlung nach Paraguay kamen, zu berichten. Dabei geht es vor allem um den Einfluss und die Nachwirkungen, die diese Aktionen für die Entwicklung der Mennonitenkolonien in Paraguay hatten.

Die Flucht 1929 und die Entscheidung für Paraguay

Die Wirksamkeit der Studienkommission führte in den Jahren 1923 bis 1926 dazu, dass etwa 20 000 Mennoniten, vor allem aus Südrussland, die Sowjetunion verließen und nach Kanada auswanderten.(4) Der größere Teil blieb auch nach den schweren Schicksalsschlägen noch in der lieb gewordenen Heimat in der Hoffnung, dass es wieder besser werden würde. Der Plan der „Neuen Ökonomischen Politik" (NEP) der Sowjetregierung, die vor allem dem Bauerntum eine Atempause gewährte, schien diese Erwartung zu erfüllen. Dann folgte 1928 der erste Fünfjahresplan Stalins, und bereits im Lauf des Jahre 1929 wurde klar, dass die Kollektivierung und Entkulakisierung das weitere Leben der Landbevölkerung der Sowjetunion bestimmen würde.

Die Folge davon war der spontane Aufbruch von etwa 14 000 deutschstämmigen Bauern aus allen Teilen Russlands im Oktober und November 1929 in der Hoffnung, dass ihnen die Ausreise gewährt würde, die meisten von ihnen Mennoniten. Von diesen kamen dann knapp 6000 nach Deutschland.(5)

Für die in den Flüchtlingslagern Hammerstein, Prenzlau und Mölln untergebrachten Flüchtlinge musste dann fieberhaft nach einer Möglichkeit für die Weiterbeförderung gesucht werden, denn es war von vorne herein klar, dass sie nicht in Deutschland bleiben konnten. Deutschland hatte nach vielen diplomatischen Verhandlungen nur Asyl gewährt. Die Studienkommission war immer noch am Werk, B. H. Unruh in Deutschland, die anderen in Kanada, und auch das MCC war informiert und beauftragt.

Doch es war sehr schwierig, und das diplomatische Gerangel, das schon die Ausreise aus der Sowjetunion so erschwert hatte, fand nun seine Fortsetzung. Wohin mit den Flüchtlingen?(6) Kanada, das eigentliche Ziel aller, erschwerte die Einwanderung durch strikte Bedingungen, so dass nur wenige die Gesundheitskontrolle bestanden. „Kanada ist zugeschlossen und der Schlüssel abgebrochen", hieß es enttäuscht in den Lagern. Zudem lag die Notwendigkeit vor, eine Lösung für die ganze Gruppe mit allen Alten und Kranken zu finden, und dafür gab es in Kanada und auch in andern in Betracht gezogenen Ländern keine Möglichkeit.

Da öffnete sich ein Ausweg. Die „Hanseatische Kolonisationsgesellschaft", ein deutsches Siedlungsunternehmen in Hamburg, hatte die deutsche Regierung schon im November 1929 auf die Möglichkeit hingewiesen, dass sie bereit wäre, ihr Siedlungsgebiet in Santa Catarina, Brasilien, für geflüchtete Deutschrussen zu öffnen. Das Angebot war günstig, und als alle Flüchtlinge aus Moskau in Deutschland waren, drängte die Regierung B. H. Unruh, diese Lösung für das Problem zu akzeptieren. Auch Unruh sah hier eine Möglichkeit, doch die Sache hatte einen Haken. In Brasilien galt die allgemeine Wehrpflicht, und es gab kein Privilegium.(7)

Unruh saß zwischen zwei Stühlen, und das bereitete ihm schlaflose Nächte. Einerseits drängte die deutsche Regierung, und andererseits wusste er, dass das MCC die Frage der Wehrlosigkeit in die Waagschale werfen würde. Und so kam es auch.

Die Verhandlungen mit der HKG waren angelaufen, von den Flüchtlingen meldeten sich viele für Brasilien, und ein erster Transport von 179 Personen verließ bereits am 16. Januar 1930 Hamburg. Da traf ein Telegramm von Harold S. Bender aus den USA ein, das eindeutig die Stellung des MCC bekundete: „...send lutherans to Brazil, but not mennonites...".

Unruh verstand und war verzweifelt. „Ich fürchte", schrieb er an Bender, „dass die deutsche Regierung uns den Stuhl vor die Tür setzt, wenn wir mit halb ausgetragenen Projekten ihre Aktion (Brasilien) unterbrechen..." .

Er hatte recht. Die deutsche Regierung war tatsächlich unwillig; denn noch gab es keinen anderen Ausweg für die Flüchtlinge als Brasilien. Inzwischen hatte das MCC aber Paraguay stark ins Blickfeld gerückt. Dort siedelten bereits Mennoniten im Chaco, dort gab es seit 1921 ein Privilegium, das die Befreiung vom Wehrdienst sicherte. Die paraguayische Regierung telegrafierte, als Unruh hundert Mark für ein Telegramm bei der paraguayischen Botschaft hinterlegte, dass alle Mennoniten willkommen seien. Gemeint war der Chaco als Siedlungsgebiet.

Im Februar 1930 kam Bender nach Deutschland, und er bereiste mit Unruh die Flüchtlingslager, um für Paraguay zu werben. Das verursachte viel Unruhe; denn manche Familien, die sich schon für Brasilien entschieden hatten, meldeten sich nun für Paraguay. Schließlich gab auch die deutsche Regierung ihr Einverständnis für diesen neuen Plan und auch die Zustimmung, die Reisekosten bis zum Einwanderungshafen zu übernehmen, wie sie es auch für Brasilien zugesagt hatte.

Unter dem Einfluss des MCC kamen so im Lauf des Jahres 1930 1572 Personen nach Paraguay, und sie gründeten hier die Kolonie Fernheim. Nach Brasilien gingen 1244 Personen. Etwa 1000 hatten die Möglichkeit gefunden, nach Kanada zu kommen.(8)

In der vom MCC bewerkstelligten Gründung der Mennonitenkolonie Fernheim klafft ein merkwürdiger Zwiespalt, den damals - 1930 - aber wohl kaum jemand als solchen empfunden hat. Es ging einerseits um die Wehrlosigkeit und wohl auch um das konsequente „täuferische Leitmotiv", das Harold S. Bender selbst so eindringlich in die Täufertheologie eingebracht hatte: Konsequente Absonderung vom Staat und von der Welt, konsequente Hinwendung zur reinen Glaubensgemeinde im Sinn der ersten Täufer des 16. Jahrhunderts.

Andererseits zogen die mennonitischen Flüchtlinge unter dem starken Einfluss des MCC, vor allem Benders, in den Chaco mit dem festen Ziel, hier noch einmal eine selbstverwaltete Kolonie wie in Russland zu gründen, und Harold S. Bender gab seinen Segen dazu. In den ersten Septembertagen des Jahres 1930 - die Flüchtlingsgruppen aus Deutschland waren bereits zum größten Teil im paraguayischen Chaco eingetroffen - gab Bender auf der Mennonitischen Welthilfskonferenz in Danzig einen ausführlichen Bericht über die Situation, die sich ergeben hatte, und über die weiteren Pläne: „Uns schwebt ein zukünftiger Mennonitenstaat vor", führte er aus, „wo, wenn möglich, sämtliche russische Mennoniten in unbeschränkter Freiheit ihr Leben und ihre Kultur neu gründen und weiterentwickeln können".(9)

Es scheint Bender nicht bewusst geworden zu sein, dass dieser „Mennonitenstaat" dann alles das bewerkstelligen musste, was für das Täufertum nach seiner Theologie so gefährlich war, nämlich alle Funktionen eines Staates zu übernehmen, und gerade das MCC war es dann später auch, das in die Komplikationen eines solchen Staates verwickelt wurde.

Eine Kooperative im Chaco

Man muss sich vorstellen, dass die Flüchtlinge aus Moskau im Dezember 1929 nach Deutschland kamen und dass schon am 15. März 1930 die erste Gruppe die Reise nach Paraguay antrat. Diese überstürzte Maßnahme war eine Folge der Notsituation, die das MCC zu lösen versuchte, weil es Brasilien nicht akzeptieren wollte. Am 11. Dezember 1929 waren Vertreter des MCC in Chicago zusammengekommen, um über die Weiterbeförderung der Flüchtlinge in Deutschland zu beraten, und die Versammlung beauftragte eine Studienkommission (M. H. Kratz, H. S. Bender und P. C. Hiebert) mit der Aufgabe, eine Lösung zu suchen. Am 25. Januar schon, also nur einen guten Monat später, lag das Resultat ihrer Bemühungen vor.

Das MCC hatte Beziehungen zur „Corporación Paraguaya" aufgenommen, die schon die Einwanderung der Mennoniten aus Kanada nach Paraguay und alle damit zusammenhängenden Transaktionen bewerkstelligt hatte. Das MCC hatte zu ihr, wie Bender auf der Konferenz in Danzig betonte, volles Vertrauen. Die Corporación vermittelte den Landkauf im Chaco, und Bender betonte, dass nicht das MCC den Kaufvertrag mit der Corporación abgeschlossen habe, sondern jeder Familienvater mit seiner Unterschrift, auf je 40 Hektar Land zum Preis von 20 Dollar pro Hektar. Die ganze Siedlungsgemeinschaft haftete geschlossen für den Landkauf.

Jede Familie, die nun auf ihrem Land im Chaco angesiedelt war, hatte die Reisekosten, die Kosten für die erste Ausrüstung, die Kosten für das Land und für die Verpflegung in der ersten Zeit in einem Paket als Schuld übernommen. Alles lag als gemeinsame Hypothek auf dem Land. Insgesamt waren es 1500 Dollar pro Familie, für damalige Begriffe eine große Summe. Das MCC hatte für alles die Garantie übernommen.

Das ganze Siedlungsprojekt war der Corporación Paraguaya übergeben worden. Sie sollte das Land aussuchen, die Dorfplätze festlegen, Wege durch den Busch schlagen, für jedes Dorf zwei Süßwasserbrunnen graben, in jedem Dorf ein Gemeindehaus für die erste Unterkunft bauen, jedes Dorf mit eingezäunter Weide versehen, für jede Familie einen Acre Land reinigen und pflügen und für jede Familie zwei Ochsen und zwei Kühe zähmen.(10)

Als die erste Gruppe am 16. April 1930 auf dem „Corporationskamp" (heute Trebol) ankam, fand sie dort einen Brunnen und einen halbfertigen Lagerraum vor. Das war alles, was an Vorbereitungen getroffen worden war. Die von der Corporación beauftragten Herren, zuerst Langer und dann Noren, erwiesen sich als korrupt und für jede weitere Aktivität nur hinderlich. In dieser zusätzlichen Not war der vom MCC beauftragte Nordamerikaner G. G. Hiebert das Rettungsseil. Er leitete das ganze Unbehagen der Siedler weiter nach Akron, dem Sitz des MCC in Nordamerika, und am 12. Mai 1930 drahtete Bender: „Seid getrost, Komitee schützt Euch, wird alles verbessern, unabhängige Kooperative soll aufgerichtet werden", und P. C. Hiebert tröstete: „Eure Kämpfe sind unsere Kämpfe; Euer Schmerz ist unser Schmerz; Eure Freude und Euer Erfolg sind unsere Freude und unser Erfolg". Im Januar 1931 schrieb Bender: „Die Kolonie soll selbständig werden und eigene Geschäfte führen... Das MCC wird das notwendige Kapital zur Verfügung stellen".(11)

Die Aktion konnte anlaufen. Auf einer Delegiertensitzung am 13. Mai 1931 auf dem Korporationskamp wurde zuerst einmal ein „Handelskomitee" gegründet, das den Auftrag erhielt, „jegliche Handels- und Absatzoperationen zu vollziehen". Zwei Vertreter fuhren zusammen mit G. G. Hiebert nach Asunción, um den ersten Einkauf zu machen. Hiebert schickte an Miller in den USA ein Telegramm: „Um einer Panik vorzubeugen, schickt sofort 5000.- Dollar". Das Geld kam, und man konnte darangehen, eine Genossenschaft zu gründen.(12)

Das MCC schickte Orie O. Miller in den Chaco, um zu beraten und zu helfen. Er schrieb darüber viele Jahre später im „Gospel Herald" (Mai 1946): „Ich wußte 1931 nichts von einer Kooperative, doch an einem Nachmittag gründete ich mit einigen Führern eine Kooperative, die heute als Fernheimer Kooperative bekannt ist. Und wenn ich jetzt auf die 15 Jahre zurückschaue, bin ich davon überzeugt, dass sie nicht durchgehalten hätten, wenn sie es nicht in christlichem Geist gemacht hätten".(13)

Diese aus der Not mit der Hilfe des MCC geborene Genossenschaft stand dann später Modell für die kooperativen Zusammenschlüsse auch in den anderen Mennonitenkolonien Paraguays.

Sein oder Nichtsein

Über die Härte des Existenzkampfes der ersten beiden Siedlungen im Chaco, Menno und Fernheim, in den ersten Jahren der Ansiedlung kann man sich heute kaum eine Vorstellung machen. Die Kolonie Menno war in dem Sinn etwas günstiger dran, dass die Einwanderer aus Kanada meist etwas Kapital mitgebracht hatten. Zudem waren die Motive für ihre Wahl des Chaco andere gewesen als die der Fernheimer.

In Fernheim, wo die Siedler völlig verarmt und ohne irgendwelche Mittel angekommen waren, führte die Härte der Lage von einer Krise in die andere, die sich dann in Abwanderungsbewegungen niederschlugen. Einen ersten Umsiedlungsversuch in das östliche Paraguay unterband das MCC. Auf eine Umfrage des ersten Kolonieamtes in allen Dörfern im Oktober 1930 beschloss es, die Delegierten Gerhard Isaak und Kornelius Lagemann nach Ostparaguay zu schicken, um nach besseren Siedlungsmöglichkeiten zu suchen. Im Februar 1931 machten sie ihre Studienreise. Als die beiden Männer nach einem Monat zurückkehrten, war bereits klar, dass es keine Umsiedlung geben würde. Das MCC hatte erklärt, dass es keine zweite Ansiedlung finanzieren könne. G. G. Hiebert, der MCC-Vertreter in Fernheim, bezeichnete Langemann, der an dem Umsiedlungsplan festhalten wollte, als Aufwiegler und Kommunist.(14)

In den Jahren bis 1936 war die Abwanderung latent, doch es bröckelte ständig. 1936 kam eine Rückwanderungsbewegung in Gang, die Heinrich Hajo Schröder in Deutschland angeregt hatte. Sein Traum war, eine Friesenkolonie zu gründen, und bald hatten sich in Fernheim 60 Familien gemeldet. Warnungen von Professor Unruh und der deutschen Botschaft machten dem Traum dann bald ein Ende.(15)

In einem Brief des Oberschulzen Jakob Siemens an Walter Quiring vom 5. 10. 1937 werden für die Jahre von 1931 bis 1937 fünfzig Familien angegeben, die die Kolonie verließen. Das Eigenartige daran war, dass diese Familien eigentlich gar nicht hätten abwandern dürfen. Dass es nicht mehr waren, lag einmal an dem Mangel an Mitteln für so ein Unternehmen, zum andern aber auch an strikten Beschränkungen, die die Kolonieverwaltung auferlegen musste.

Das größte Hindernis war die vierfache Schuld, für die jeder Familienvater seine Unterschrift gegeben hatte. Die Hafenbehörde in Puerto Casado hatte Anweisung, niemandem eine Schiffskarte zu verkaufen, der nicht eine schriftliche Erlaubnis vom Kolonieamt hatte. Diese Situation steigerte den internen Druck und verursachte Spannungen, die sich im Lauf der Jahre steigerten. Bis 1937 war noch nicht ein Dollar der Schulden zurückgezahlt worden, da die schwachen Ernten kaum zur Deckung des Unterhalts der Familie genügten.

Das MCC war als Garant für die Schulden gehalten, auf Rückzahlung zu drücken. Das wollte es aber nicht mit den Einzelnen austragen, sondern nur über die Genossenschaft, was gleichbedeutend mit der Kolonieleitung war. Inzwischen hatte man festgestellt, dass der Landpreis von 20.- Dollar wucherisch hoch gewesen sei. Alles, die Armut, die drückende Schuld, die man für ungebührlich hoch hielt, und das Gebundensein an seinen Hof erzeugte allmählich Unzufriedenheit und Unwillen, und die richteten sich zunächst gegen das Kolonieamt und die Kooperative, die die Schuld eintreiben sollten, und schließlich auch gegen das MCC, in dem man den eigentlichen Gläubiger sah.

Die schweren Wirtschaftsjahre 1935 und 1936 steigerten diese Spannungen. Die Zahl der Abwanderungswilligen wurde immer größer. Sie organisierten sich, suchten Land in Ostparaguay und kauften schließlich einen Landkomplex bei Rosario.

Das MCC war strikt gegen jede Abwanderungsbewegung. Zu viel war in dieses Siedlungsunternehmen bereits investiert worden. Um doch noch eine Lösung für die Siedlung herbeizuführen und ihre Existenz zu retten, schickte es ihren Vertreter Orie O. Miller Anfang 1937 in den Chaco. Er konnte ein Angebot machen. Einer der Hauptaktionäre der Corporación Paraguaya war gestorben, und die Erben drängten auf eine schnelle Lösung der Landangelegenheit im Chaco. Das MCC war bereit, den ganzen Landkomplex zu kaufen, und es bot ihn der Kolonie für einen Dollar pro Hektar an. Das entsprach auch dem reellen Landpreis im Chaco in jener Zeit. Die Corporación Paraguaya hatte ihn willkürlich hochgetrieben, um Geschäfte zu machen, und das MCC hatte ihn gutgläubig angenommen.(16) Jeder Fernheimer Bürger könnte nun 100 Hektar kaufen, bei 15 Jahresraten für 150 Dollar.

Jeder Siedler konnte sich nun neu für den Kauf entscheiden. Wer abwandern wollte, konnte abwandern. Die Reise- und Verpflegungsschuld konnten die Abwanderer gegen Unterzeichnung eines Schuldscheins in ihre neue Siedlung mitnehmen.

Doch die Spannung war damit nicht gelöst. Die Vertreter des MCC waren der Meinung, dass die Mennoniten in Paraguay zusammen bleiben sollten. Außerdem bestand die Auffassung, dass die Privilegien nur für den Chaco galten. Nach Miller kam P. C. Hiebert im Juli 1937 in den Chaco, um den Versuch zu machen, durch die neue Landregelung alle zu bewegen, im Chaco zu bleiben. In einem „Entgegenkommen zum allgemeinen Wohl" machte er das Angebot, auf dem MCC-Komplex neue Dörfer anzulegen, da die alten ohnehin zu stark belegt waren. Tatsächlich reduzierte dieses Angebot die Zahl der Abwanderungswilligen von 206 auf 178 Familien.

Doch die Haltung des MCC und die Tätigkeit von P. C. Hiebert, obwohl von gutem Willen beseelt, hatten die Kluft in Fernheim zwischen den „Abwanderern" und den „Bleibenden", wie sie sich nannten, noch vertieft. Es war sehr stark zu ideologischen Deutungen gekommen. P. C. Hiebert brachte diesen Widerstreit, der die Kolonie so tief gespalten hatte, in einem späteren Bericht zum Ausdruck:

Die Abwanderer fassten dies als schwere Beleidigung auf, und sie nahmen viel Bitterkeit mit in ihre neue Siedlung Friesland, gegen das MCC und auch gegen Fernheim, die nur sehr langsam abgeklungen ist. Als Harold S. Bender im Januar 1938 nach Friesland kam, ließ er sich hier von dem damaligen Oberschulzen Rempel über die eigentlichen Gründe der Abwanderung aufklären, und er gab darüber Bericht. Nicht die wirtschaftliche Lage oder das Klima seien es gewesen, sondern die Unzufriedenheit mit der Kooperative und der Verwaltung in Fernheim. Das MCC hätte sich aber eindeutig auf die Seite der „Bleibenden" gestellt. „Wenn die Verhandlungen wegen des Landkaufs einen ehrenvollen Rückzug zugelassen hätten", schrieb Bender, „wäre die ganze Abwanderung noch zusammengebrochen".(18)

Am 13. Juli 1938 kam es dann zu einem endgültigen Landvertrag zwischen dem MCC und Fernheim, nach dem Fernheim unter günstigen Bedingungen den ganzen Landkomplex übernahm. In dem Vertrag hieß es in Punkt 6: „Da die Wahrung des Mennonitentums ein wesentliches Moment in diesem Vertrag ist, verpflichten sich beide Seiten (MCC und Kolonie), die Kolonie Fernheim als reinste mennonitische Kolonie mit mennonitischen Grundsätzen aufzubauen und als solche zu erhalten".(19)

Es scheint so, dass das MCC hier an den von Bender in Danzig vorgetragenen Traum vom „Mennonitenstaat" anknüpfte, wobei mennonitische Grundsätze und kommunale Selbstverwaltung nicht als Gegensätze empfunden wurden. Niemand hat damals wahrscheinlich geahnt, wie groß das Spannungsfeld werden sollte, das gerade dieser Landvertrag in sich barg.

Die deutsch-völkische Zeit

Über den Einfluss des Dritten Reiches und der völkischen Idee unter den Mennoniten in Südamerika liegen viel Aktenmaterial und einige einschlägige Veröffentlichungen vor. Immer ist dabei auch vom MCC die Rede, das von seiner Position her Einfluss auf die Entwicklung vor allem in der Kolonie Fernheim nahm.

Dafür lagen triftige Gründe vor, und es trafen einige Umstände zusammen. Der Fortbestand der Kolonie Fernheim lag, wie schon während der Auswanderung der Friesländer, nicht zuletzt auch wegen der unerledigten Schuldenzahlung stark im Interesse des MCC. In Verbindung mit dem oben erwähnten „Landvertrag" war das Interesse des MCC an einer gesunden Entwicklung der Kolonie Fernheim „mit mennonitischen Grundsätzen", wie es hieß, sehr stark. Ein Beispiel: Die Kolonie bekam 1940 in Dr. John R. Schmidt durch Vermittlung des MCC zum ersten Mal seit ihrer Gründung einen Arzt, der sich systematisch für das Gesundheitswesen einsetzte.

Hinzu kamen andere zeitbedingte Ursachen, die die Beziehungen des MCC zur Kolonie Fernheim aktivierten. Viele der nordamerikanischen Mennoniten waren nach dem Ausbruch des Krieges auch wirtschaftlich schnell erstarkt. Sie hatten dann erst die Depression der dreißiger Jahre richtig überwunden. Das hatte auch das MCC, das von den Spenden der Gemeinden abhängig war, finanzkräftiger und damit einflussreicher gemacht.

Immer stärker ins Gewicht fiel dann die ideologische Konfrontation, die sich aus dem Aufstieg des Dritten Reiches ergab. Sie zeigte sich zuerst in Auseinandersetzungen des MCC mit den Mennoniten in Deutschland, vor allem mit seinem engen Mitarbeiter Professor Benjamin H. Unruh. Die Mennoniten dort sahen in Hitler den Retter des Reiches und das Bollwerk gegen den gefürchteten Kommunismus, während man in Nordamerika immer stärker die politische Bedrohung erkannte. Auf das Dreieck der seit der Gründung Fernheims bestehenden Beziehungen Deutschland - Nordamerika - Paraguay blieb das nicht ohne Einfluss.

Alles zusammen führte mit dem Ausbruch und Fortgang des Zweiten Weltkrieges allmählich auch zu einer Verstärkung der personellen Präsenz des MCC in Paraguay, beseelt von dem Willen, Einfluss zu nehmen und die Lage der Mennoniten im Chaco zu verbessern und zu festigen.

Eine der Triebkäfte, die hinter dieser verstärkten Aktivität des MCC in Paraguay steckte, war auch die seit 1939 immer schwerer ins Gewicht fallende Parteienbildung in Fernheim, über die das MCC laufend informiert wurde. Unter dem Einfluss von Dr. Fritz Kliewer, der im Mai 1939 mit seiner Frau von seinem Studium in Deutschland zurückgekehrt war, nahm die Bewegung, nach dem Krieg „heim ins Reich" kehren zu wollen, schnell an Umfang zu. Immer noch trieb die wirtschaftliche Not die Siedler an, nach einem Ausweg zu suchen. Nach dem Protokoll einer Sitzung des Volksbundes in Fernheim vom 26. Mai 1940 hatten bis dahin „rund 240 Familienväter und selbständige Personen das Einbürgerungsgesuch gestellt und damit bekundet, ...sich in die Volksgemeinschaft des Dritten Reiches einzuordnen".(20) Das waren etwa 80 % der Bevölkerung der Kolonie. Die Situation war, was den Bestand der Kolonie betraf, also noch bedrohlicher als die von 1937 bei der Abwanderung der Friesländer.

Den „Völkischen", wie sich die Anhänger dieser Bewegung nannten, stellte sich in langsam stärker werdendem Maße eine Gruppe von Bewohnern Fernheims entgegen, die an dem traditionellen Mennonitentum, verbunden mit dem Willen, im Chaco zu bleiben, festhalten wollte. Da eines ihrer Hauptargumente gegen die Völkischen das bedrohte Prinzip der Wehrlosigkeit und das damit in Gefahr gebrachte Privilegium waren, nannten sie sich „die Wehrlosen".

Das MCC schaltete sich ein und nahm sehr bald eindeutig Partei für die Wehrlosen, zum einen, weil es diese Gruppe in ihrer Stellung zum traditionellen Mennonitentum stärken wollte, zum andern, um die Existenz der Kolonie zu sichern. Ein Brief vom 15. Juli 1940, unterschrieben von P. C. Hiebert, A. Warkentin, Orie O. Miller und Harold S. Bender, brachte das deutlich zum Ausdruck. Er war an den Oberschulzen, seinen Stellvertreter, an alle Schulzen, den Vorsitzenden der KfK, den Ältesten der Mennonitengmeinde, den Leiter der Brüdergemeinde und den Leiter der Allianzgemeinde gerichtet. Es heißt dort unter Berufung auf den „Landvertrag" von 1938:

Das Schreiben wurde, wie von den Absendern gewünscht, auf einer Kolonieversammlung am 22. Juli 1940 verlesen und diskutiert. Im Protokoll steht:

Es ist bekannt, dass sich die Spannungen in der Kolonie trotz des bekundeten guten Willens im Lauf der Jahre steigerten. Zu den ideologischen Meinungsverschiedenheiten kamen gesellschaftliche und wirtschaftliche, die sehr tief im Wesen einer Mennonitenkolonie verankert waren, und gerade sie wurden dann zum Auslöser der Ausschreitungen am 11. März 1944.

Das MCC blieb während der ganzen Zeit in engem Kontakt mit der Kolonie Fernheim, und es war über alle Ereignisse gut informiert, was eine umfangreiche Korrespondenz von offizieller und privater Seite beweist.(21) Es war in der Lage, seinen Arbeiterstab in Paraguay zu erweitern und schließlich in Asunción eine Zentrale zu gründen, aus der später das Mennonitenheim entstand.

Die Entwicklung der Kriegslage begünstigte auch die Position der MCC-Arbeiter, die Staatsbürger der USA waren. Paraguay hatte 1943 unter dem Druck der USA seine diplomatischen Beziehungen zu den Achsenmächten abgebrochen. Wenn die meisten der MCC-Arbeiter sich auch dagegen wehrten, mit in die politische Verantwortung einbezogen zu werden, war es für sie doch schwierig, sich vollkommen herauszuhalten. Die Entwicklung des Krieges beurteilten sie selbstverständlich vom Standpunkt der Alliierten aus, womit sie mit dem größten Teil der Bürger Fernheims, die auf den Sieg Deutschlands hofften, kollidierten.

Willard H. Smith, der im März 1944 als erster den Posten eines MCC-Direktors in Asunción antrat, berichtete später, dass die MCC-Vertreter schon zwei Tage nach ihrer Ankunft in die US-Gesandtschaft gerufen wurden, um Anweisungen entgegenzunehmen. Smith versprach dort, die Lage in Fernheim zu untersuchen und der Gesandtschaft dann zu berichten.(22) Berichte von MCC-Vertretern über die Lage in Fernheim für ihre Zentrale in den USA wurden vom US-Geheimdienst abgefangen und ausgewertet. In diesen Berichten wurden alle Vorgänge in der Kolonie mit Nennung von Namen geschildert, so dass die Gesandtschaft in Asunción gut informiert war.(23)

Die im März 1944 kulminierenden Spannungen in Fernheim waren, nach dem Ablauf der Ereignisse zu urteilen, eigentlich eine Auseinandersetzung zwischen Genossenschaft und Privathandel.(24) Es war aber bei der Verzahnung der Ereignisse mit dem Gesamtgeschehen in der völkischen Zeit, wo noch Spannungen zwischen Kliewer und einer Gruppe von jungen Männern hinzukamen, schwierig, die Vorgänge am 11. März isoliert zu betrachten. Schwierig war es auch deshalb, weil die meisten jener Bürger, die sich für die Genossenschaft und das Kolonieamt einsetzten, gleichzeitig auch zur völkischen Gruppe gehörten. Schon damals und auch nachher in der Geschichtsschreibung herrschte die starke Tendenz vor, die Ausschreitungen als Höhepunkt der völkischen Tätigkeit zu sehen. In diesem Sinn hatten sich auch die Vertreter des MCC eingeschaltet.

Am 21. Mai 1944 traf eine Delegation von Vertretern der amerikanischen Gesandtschaft in Begleitung von Vertretern der paraguayischen Miltitärbehörde aus López de Filipis (heute Mcal Estigarribia) in Filadelfia ein und überbrachte den Ausweisungsbefehl für Julius Legiehn, den Oberschulzen und Dr. Fritz Kliewer, den Leiter der Zentralschule. Sie stiegen bei den amerikanischen Ärzten ab, von wo aus sie ihre Mission ausführten.

Dieser Vorgang stand unmittelbar in Verbindung mit den Geschehnissen im März. Dr. Gerhard S. Klassen, seit einigen Monaten ein vom MCC entsandter Zahnarzt in der Kolonie, hatte auf der Koloniesitzung am 14. März, die den Vorgängen am 11. folgte, kategorisch gefordert, dass die beiden oben genannten Männer die Kolonie verlassen sollten und betont, dass er seine Forderung im Namen des MCC und seiner Regierung stelle.(25) Die beiden vom MCC vermittelten amerikanischen Ärzte in Filadelfia waren in der Nacht vom 11. zum 12. März von den durch den Übergriff betroffenen Personen um Hilfe gebeten worden. Sie hatten sich noch in derselben Nacht eingeschaltet, und Dr. Klassen hatte darauf das Militär von Isla Poí gerufen.

Dieser Eingriff von außen her, durch den zwei Familien in die Verbannung geschickt wurden, löste in der Kolonie Betroffenheit auf der einen Seite und zum Teil auch Genugtuung bei den andern aus. Es ist verständlich, dass dieser Vorgang unmittelbar darauf und auch später bei jeder Geschichtsschreibung zu Interpretationen über die Rolle des MCC Anlass gab. Immerhin war von einem MCC-Vertreter Militär in die Kolonie gerufen worden, und auch die Einschaltung einer politischen Macht hatte er veranlasst.

Die unmittelbar durch diesen politischen Eingriff Betroffenen verteidigten sich in Briefen an das MCC. Beide, Kliewer und Legiehn, waren von den amerikanischen Ärzten beschuldigt worden, die Ausschreitungen ausgelöst zu haben. Beide betonten nun, dass sie mit den Vorgängen am 11. März nichts zu tun hätten, und sie verurteilten die tätlichen Ausschreitungen.

Fritz Kliewer schrieb am 10. Oktober 1944 an das MCC: „Dr. Klassen und Dr. Schmidt, die Vertreter des MCC, haben mich mit den Vorfällen am 11. März belastet und daraufhin meine Ausweisung aus der Kolonie verlangt... Es handelte sich dabei aber um persönliche und wirtschaftliche Dinge, die Abram Martens (ein Privathändler) und seine Anhänger mit der Verwaltung der Kooperative austrugen". In seinem Brief an die gleiche Adresse vom 10. Juli 1944 heißt es: „Das MCC hat immer behauptet, dass es eine unpolitische Organisation sei. Dieses Prinzip haben die MCC-Vertreter in Fernheim mißachtet, indem sie sich ganz bewußt in den Dienst einer politischen Macht stellten". Auf einer Abschiedskonferenz des Lehrervereins am 18. März, auf der Kliewer den Vorwurf des MCC in gleicher Weise zurückgewiesen hatte wie in seinen Briefen, fügte er hinzu: „Vom pädagogischen und gesetzlichen Standpunkt müssen die Ereignisse vom Sonnabend, dem 11. März, verurteilt werden".

Julius Legiehn schrieb an Orie O. Miller am 11. Juli 1944:

Gerhard Ratzlaff schrieb 1974 in seiner Thesis nach dem Hinweis, dass die MCC-Arbeiter, bevor sie in die Kolonie kamen, die amerikanische Botschaft passieren mussten: „Absichtlich oder unabsichtlich wurden sie so in die politische Maschinerie ihres Staates verwickelt", und in Bezug auf Dr. Klassen: „Er war beauftragt, Dr. Kliewer aus der Kolonie zu entfernen".(26)

Dagegen wurde das gleiche Geschehen von der damals bereits stark gewordenen Gegenseite allgemein so interpretiert, dass die Vorgänge am 11. und 12. März 1944 die Kulmination der völkischen Bewegung in der Kolonie gewesen sei, und in diesem Sinn empfand man das Vorgehen des MCC als eine Hilfe in der schwierigen Lage. Dr. Gerhard S. Klassen selbst schrieb in einem ersten Bericht nach den Vorfällen an das MCC am 17. März 1944: „Allgemein wurde eingesehen, dass dies die schmutzige Arbeit des Voksbundes war". Er schreibt, dass eine Reihe von bedeutenden Männern in der Kolonie zu ihm gekommen seien, um sich für das, war er getan habe, zu bedanken. Sie waren der Meinung, dass er dadurch, dass er das Militär rief, Schlimmeres verhütet habe.

Genugtuung äußerte auch Willard H. Smith, der erste MCC-Direktor in Paraguay. Am 27. März 1944, bald nach seiner Ankunft in Asunción, hatte er dem MCC in Nordamerika berichtet: „...die Gesandtschaft weiß, dass das MCC tut was es kann, um den Nazimus in der Kolonie zu bekämpfen". Er machte im April 1944 einen ersten Besuch in Fernheim. Darüber schrieb er nachher: „Wir standen vor der Frage, wie wir den Naziführer bewegen könnten, die Kolonie zu verlassen; denn so lange er blieb, war er ein störenden Faktor. Diese Frage löste sich für uns bald von selbst, als die paraguayische Regierung, die von den Unruhen in Fernheim wußte, die Nazi-Führer, den Leiter der Schule und das zivile Oberhaupt, aufforderte, die Kolonie zu verlassen".(27) Am 29. Mai 1944 schrieb er an die MCC-Zentrale in Akron: „Wir sind gespannt, wie die Reaktion in der Kolonie sein wird, da nun auch Legiehn gehen mußte. Wir hoffen und beten zu Gott, dass alles so geregelt werden könnte, dass seine Sache nicht leidet".

Die obige Interpretation der Vorgänge fand ihre Bestätigung dann auch in dem Buch von John D. Unruh „In the Name of Christ" 1952. Er schreibt in Bezug auf Fritz Kliewer:

Vom MCC in Akron selbst, das in dieser Zeit sicher sehr vielseitige Informationen erhalten hat, ist immer größte Zurückhaltung gewahrt worden. P. C. Hiebert schrieb am 15. Oktober 1944 an den Ältesten Jakob Isaak in Fernheim:

Eine weitere Stellungnahme des MCC zu den Vorgängen im März 1944 in Fernheim ist nicht auffindbar.

Als Letzter hat sich John D. Thiesen in seinem Buch „Mennonite & Nazi", das 1999 erschien, mit all diesen Fragen in einer anerkennenswerten Ausführlichkeit und Sachlichkeit auseinandergesetzt. Dabei hat er auch die Rolle des MCC in dem Fernheimer Konflikt untersucht, und er kommt zu dem Resultat, dass die Vorwürfe, das MCC habe sich während des Krieges als politisches Werkzeug brauchen lassen, nicht stimme. Dr. Gerhard S. Klassen, der immer als Hauptakteur genannt wird, habe im März 1944 in eigener Regie gehandelt.(29)

Auf den Hinweis, dass sich Dr. Klassen bei seiner Forderung zur Ausweisung der führenden Männer der Kolonie auf der Bürgerversammlung am 14. März 1944 auf das MCC und seine Regierung berufen habe, schrieb Thiesen in einem Brief vom 16. Juni 1999, dass Klassen wahrscheinlich gelogen habe, um Eindruck zu machen. Alles andere, das Eingreifen der US-Gesandtschaft mit den Folgen, sei dann erst nach den Ereignissen im März 1944 angelaufen. Mehr könne er aus den Akten nicht ableiten. Er fügt hinzu, dass es nach seiner Meinung eine Selbstüberschätzung sei, zu meinen, dass die USA, die Krieg mit den mächtigsten Staaten der Welt führten, sich so sehr für eine kleine Kolonie im Hinterwald des Chaco interessiert hätten.

Alles hinterlässt jedoch den Anschein, dass jene Konflikte, die für Einzelne doch sehr tiefgreifend waren, noch nicht endgültig geklärt sind. Vielleicht bleibt dies auch eine der vielen ungeklärten Fragen mehr in der Geschichte.

Das MCC hat sich dann nach dem Abklingen der Spannungen in Fernheim und nach der Beendigung des Krieges mit großer Intensität, seinem eigentlichen Auftrag folgend, eingesetzt. Dabei ging es neben der materiellen und beratenden Hilfe für die wirtschaftliche Stabilisierung in gewissem Sinn auch um eine Umerziehung durch die Vermittlung von Lehrern aus Nordamerika für die Zentralschule in Filadelfia und von Predigern für die Gemeinden.

Das war in den nun folgenden Jahren auch nicht so schwierig, weil einer der Hauptgründe für das Anwachsen der völkischen Bewegung, nämlich die Rückkehr nach Deutschland, durch das Ende des Krieges gegenstandslos geworden war. Allerdings begann dann sehr bald, in den fünfziger und sechziger Jahren, die große Abwanderung nach Kanada und die Rückwanderung nach Deutschland, die trotz der Bemühungen des MCC, die wirtschaftliche Lage in den Siedlungen stabilisieren zu helfen, nur sehr langsam abklang.

Neuland und Volendam

Auch in der für Paraguay letzten Phase der MCC-Tätigkeit war es nicht zu vermeiden, dass sich der christliche Hilfsdienst auch mit Politik oder besser vielleicht mit Diplomatie verbinden musste. Das jedenfalls wurde bei der groß angelegten Hilfsaktion des MCC nach dem Sieg der Alliierten über Deutschland für die aus dem Osten geflüchteten Mennoniten deutlich.

Zwei Beispiele: Peter J. Dyck erzählte in Filadelfia 1948 während eines Vortrags über die Tätigkeit für die Flüchtlinge in Deutschland folgende Episode, um die Schwierigkeiten aufzuzeigen, die sich ihnen als MCC-Arbeiter oft entgegenstellten: Die gesammelten Flüchtlinge mussten in irgendeiner Stadt untergebracht werden. Das war nur mit Hilfe der amerikanischen Besatzungsarmee möglich. Das Militär ließ Wohnungen räumen, damit die Flüchtlinge einziehen konnten. „Händeringend baten uns die Bewohner", erzählte Dyck, „ihnen doch ihre Wohnung zu lassen, aber was sollten wir tun"?

Eine andere Episode, die sich ergab, als die Ausreisegenehmigung für die Flüchtlinge nach Paraguay von der Militärverwaltung der Alliierten erteilt werden sollte, erzählt Peter Derksen, ehemaliger Oberschulze von Neuland:

Doch am eindrucksvollsten bleibt wohl der von Peter und Elfrieda Dyck selbst geschilderte Vorgang bei der Ausreise der Berliner Gruppe durch den Sowjetsektor nach Bremen, wo sie das wartende Schiff „Volendam" besteigen konnte. Er ist ein Wunder Gottes genannt worden, und das bleibt er auch, wenn man erfährt, mit welcher Zähigkeit und mit welch diplomatischem Geschick Dyck mit dem in Berlin kommandierenden amerikanischen General Clay und dieser wieder mit dem russischen Marschall Sokolowski verhandelte, um das „Unternehmen Mennonit" möglich zu machen. Am 1. Februar 1947 fuhr der Zug mit den Flüchtlingen ungehindert durch den sowjetischen Sektor nach Bremen.(31)

Doch auch mit den Geretteten gab es unvorhergesehene Probleme. Als die erste Gruppe der Flüchtlinge auf dem Weg nach Paraguay in Buenos Aires in einem Lager warten musste, weil in Paraguay ein Bürgerkrieg ausgebrochen war, wurde die Stimmung unter den Wartenden immer schlechter. Das Gerücht verbreitete sich schnell, dass sie vom MCC zwangsweise in die „Grüne Hölle" des Chaco gebracht werden sollten. Als die Weiterfahrt dann möglich wurde, meuterten 135 Personen. Trotz aller Überzeugungsversuche, auch mit dem Hinweis, in welch prekäre Lage sie, die aus höchster Not Geretteten, das MCC brächten, waren sie nicht zu überzeugen. Sie blieben in Buenos Aires.(32)

Auch der weitere Verlauf der Ansiedlung dieser Flüchtlinge verlief nicht reibungslos. Das MCC wollte alle, wohl dem Grundsatz Benders vom Mennonitenstaat im Chaco getreu, in den Chaco bringen. Doch die Einwanderer hatten die schlechte Stimmung vom Lager in Buenos Aires mit nach Asunción gebracht. C. A. DeFehr, einer der Betreuer vom MCC, musste schließlich zugeben, dass niemand gegen seinen Willen in den Chaco gebracht werden würde. So kam es zur Gründung von zwei neuen Kolonien in Paraguay, Neuland im Chaco und Volendam in Ostparaguay. Hier wie in Buenos Aires konnte die Lage durch eine einsichtsvolle Großmütigkeit von Seiten der Verantwortlichen des MCC entschärft werden.

Das MCC blieb auch weiter noch über Jahre ein bestimmender Faktor in der Entwicklung der Mennonitenkolonien in Paraguay, vor allem für die neuen Kolonien. Die Vermittlung des 1-Million-Dollar-Kredites vom „Punkt-4-Programm" der USA 1957 war eine der letzten großen Hilfsaktionen.(33) Mit der Gründung des Gemeindekomitees, die vom MCC angeregt wurde, übernahmen die Mennoniten in Paraguay einen wesentlichen Teil der vom MCC getragenen karitativen Einrichtungen, Beispiel die Leprastation. Dann zog es sich mehr und mehr zurück, um sich andern Gruppen zuzuwenden, die in größerer Not waren.

Schlussgedanken

Diese Ausführungen zeigen, dass es auch für Christen mit den entschiedensten Grundsätzen sehr oft nicht einfach ist, die Lösung der Lebensfragen nur nach der Bergpredigt zu finden. Bezogen auf die Mennonitenkolonien in Paraguay ergaben sich für die Vertreter des MCC zusätzlich Konflikte, die aus einer sehr spezifischen Situation des Kolonisationsmennonitentums resultierten. Sie haben deren Ursachen damals wahrscheinlich oft selber kaum gemerkt.

Von ihrem Grundkonzept und Gemeindeverständnis her beurteilten die nordamerikanischen Mennoniten ihre russischen und später die paraguayischen Glaubensgeschwister von der Glaubensgemeinde nach täuferischen Grundsätzen her. Tatsächlich aber waren diese Gruppen, für die sie sich einsetzten, auch eine ethnische Sippengemeinschaft geworden, „eine totale Gesellschaft mit Getauften und Ungetauften, mit Heiligen und Sündern", wie E. K. Francis es formulierte(34), auch mit der Verantwortung für Ordnung, Recht und Gerechtigkeit. Dies alles hatte Bender mit seinem Konzept vom Mennonitenstaat in Paraguay noch verstärkt und sanktioniert.

Das MCC hatte es hier mit einer Gesellschaft von Menschen zu tun, die ihre Lebenssituation auch auf bürgerlicher, wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Ebene regeln musste, wobei sich dann immer wieder verschiedene Interessengruppen auseinander zu setzten hatten. Die MCC-Vertreter gerieten dabei nicht selten mitten hinein in diese Reibungen, und sie sahen sich dann gezwungen, auch mit oft sehr menschlichen Mitteln Partei zu ergreifen. Kein Wunder, dass das Urteil über sie dann längst nicht immer einmütig war, wie die obige geschichtliche Untersuchung beweist.

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Literaturverzeichnis
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  4. Derksen, Peter: Erinnerungen, maschinenschriftlich - Neuhalbstadt, 1983.
  5. Epp, Frank H.: Mennonite Exodus, Altona, Manitoba, 1962.
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  8. Hershberger, Guy F.: Das Täufertum - Erbe und Verpflichtung, Stuttgart, 1963.
  9. Hiebert, P. C.: Mitteilungen von der Reise nach Südamerika, Hillsboro, Kansas, o.J.
  10. Hildebrandts Zeittafel (J. J. Hildebrand), Winnipeg, 1945.
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  12. Klassen, Peter P.: Die russlanddeutschen Mennoniten in Brasilien - Alto Rio Krauel und Stoltz Plateau, Bolanden - Weierhof, 1995.
  13. Klassen, Peter P.: Die deutschvölkische Zeit in der Kolonie Fernheim 1933 - 1945, Bolanden - Weierhof, 1990.
  14. Postma, J. S.: Fernheim - fernes Heim, maschinenschriftlich, 1948.
  15. Quiring, Walter: Deutsche erschließen den Chaco, Karlsruhe, 1936.
  16. Quiring, Walter: Russlanddeutsche suchen eine Heimat, Karlsruhe, 1938.
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  20. Thiesen, John D.: Mennonites & Nazi? - Attitudes Among Mennonite Colonists in Latin America, 1933 - 1945, Kitchener, Ontario, 1999.
  21. Toews, John B.: Ein Vaterland verloren, Winnipeg, 1971.
  22. Unruh, John D.: In the Name of Christ, Scottdale, Penn., 1952.
  23. Wiens, P. und Klassen P.: Jubiläumsschrift zum 25jährigen Bestehen der Kolonie Fernheim, Winnipeg, 1956.

Fussnoten:
Langjähriger Schulrat der Kolonie Fernheim und Historiker der Mennoniten in Paraguay und Brasilien.
Toews, 1971, S. 41.
Toews, 1971, S. 42 ff.
Epp, 1962, S. 202.
Klassen 1988, S. 75 ff.
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Klassen, 1995, S. 58 ff.
Quiring 1938, S. 115.
Bender, H.S. in Neff, 1930, S. 121 ff.
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Alle Korrespondenz im Archiv Fernheim.
Wiens und Klassen, 1955, S. 49.
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Quiring, 1936, S. 152 f - und Langemann, K., „Bericht über die Kundschaftsreise 1931", maschinenschriftlich, (Archiv Fernheim).
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Bender H. S., Report 1938 (Archiv Fernheim).
Vertrag im Archiv Fernheim.
Postma, 1948, S. 81.
Korrespondenz im Archiv der Kolonie Fernheim.
Smith, 1950, S. 81 f.
Ablichtungen von Dokumenten aus dem „National Archives, Washington, D.C." im Archiv Fernheim.
Siehe Klassen, 1990, S. 105 ff.
Protokoll der Koloniesitzung am 14. März 1944, Archiv Fernheim.
Ratzlaff, 1974, S. 226.
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Francis in: Hershberger, 1963, S. 264.