Vorträge | Jahrbuch 2001

Mennonitische Präsenz im Chaco aus katholischer Perspektive
Mons. Lucio Alfert OMI (1)

Einige Vorbemerkungen

- Die vorliegende Arbeit will ein Beitrag zum gegenseitigen Verständnis der katholischen und mennonitischen Christen sein. Deshalb werden Dinge zur Sprache kommen, die soweit wie möglich der Wahrheit nahe kommen, oder das ausdrücken, was empfunden wird, und deshalb auch schmerzhaft sein oder auch auf Ablehnung oder Missverständnis stoßen können. Es geht aber nicht um eine Konfrontation, sondern um Verständigung.

- Manche Dinge benötigen sicher auch eine Richtigstellung oder Vervollständigung, weil der vorliegende Vortrag nur ein kleiner Anfang des Studiums über das Thema ist und ich auch längst nicht alle existierenden Dokumente zur Verfügung hatte oder in Betracht ziehen konnte.

- Wenn im Text häufig über die Mennoniten gesprochen wird, dann sind nicht immer alle Mennoniten gemeint und auch nicht alle im selben Grad. Manchmal sind es nur einzelne Personen oder Gruppen, was man aber von außen nicht immer leicht feststellen kann.

- Mein persönliches Verhältnis zu anderen Religionen ist seit meiner Kindheit von sehr positiven Erfahrungen geprägt und deshalb tief verwurzelt. (Religionsunterricht in der Schule, Käfige der Wiedertäufer). Deshalb war der ökumenische Dialog für mich immer ein persönliches Anliegen.

- Wenn in diesem Vortrag viel von Dialog und Ökumene die Rede ist, dann geschieht das deshalb, weil gerade der Grad der Bereitschaft zur Ökumene auch ein wichtiger meinungsbildender Faktor der Katholiken den Mennoniten gegenüber ist.

„Sie sollen eins sein in uns: So wird die Welt glauben, dass Du mich gesandt hast" (Joh. 17, 21).

Einleitung

Lateinamerika wurde nach dem Prozess der Kolonialisierung vor 500 Jahren und der sog. Christianisierung als katholischer Erdteil angesehen. Auch in Paraguay hielt man es für ganz selbstverständlich, dass die Leute katholisch waren, abgesehen von einigen wenigen Indígenagruppen, die sich diesem Christianisierungsprozess widersetzt hatten, oder zu denen die Missionare noch nicht gelangt waren. Für viele Mitglieder der katholischen Kirche ist es bis heute nicht akzeptabel, dass Christen verschiedener Denominationen oder auch Nichtchristen gemeinsam das Leben einer kleinen Gemeinde oder eines Dorfes gestalten sollen. Sicher gibt es dafür historisch bedingte Gründe, aber auch theologische oder solche, die auf persönlichen Erfahrungen beruhen. Dennoch ist es an der Zeit, sich darauf zurückzubesinnen, was Jesus eigentlich wollte, als er die Kirche gründete, und welche theologischen und pastoralen Konsequenzen die einzelnen christlichen Kirchen und Gruppierungen für sich selbst und auch für das gemeinsame christliche Leben und Tun daraus ziehen sollten.

Wie wird heute von Katholiken Kirche verstanden?

Um die Beziehung der katholischen Kirche zu anderen Religionen und Kirchen, z.B. zu den Mennoniten zu verstehen, ist es wichtig, einen Blick auf ihr eigenes Selbstverständnis zu werfen. Die Tatsache, dass man heute in katholischen Dokumenten von der einen Kirche Christi wie auch von den Kirchen in Mehrzahl spricht, wirft das Problem auf, wie es sein kann, dass Jesus Christus nur die eine Kirche gegründet hat, dass es aber tatsächlich viele christliche Kirchen gibt. Das Neue Testament und die Geschichte und die Theologie danach betonen auf der einen Seite die Einheit und Einzigkeit der Kirche und auf der anderen Seite eine rechtmäßige und notwendige Diversität in der Kirche. Es entstehen so die Fragen, welche Beziehungen haben die einzelnen Kirchen untereinander, und wo finden wir die einzige Kirche Christi? Die Konstitution des zweiten Vatikanischen Konzils über die Kirche (Lumen Gentium) sagt:

In der Zeit der Gegenreformation hatten katholische Theologen die einzige wahre Kirche Christi oft in fast exklusiver Weise mit der katholischen Kirche identifiziert, woraus bisweilen sogar abgeleitet wurde, dass sie die allein selig machende sei, was natürlich bei vielen anderen christlichen Kirchen zu großem Ärgernis Anlass gab.

Das zweite Vatikanische Konzil und andere neuere kirchliche Dokumente sehen diesen Sachverhalt anders. Auch wenn das zweite Vatikanische Konzil auf der einen Seite sagt, dass man durch die katholische Kirche Christi auf einzigartige Weise die gesamte Fülle der Mittel der Erlösung erlangen kann, und wir glauben, dass der Herr alle Heilsgaben des Neuen Bundes dem einzigen Apostelkollegium, dem Petrus vorsitzt, anvertraut hat, um den einzigen Leib Christi auf Erden zu konstituieren, in dem sich alle vollständig inkorporieren müssen, die auf irgendeine Weise zum Volk Gottes gehören,(3) stellt es auf der anderen Seite fest:

Das bedeutet, dass die Kirche Christi in der kath. Kirche subsistiert, zum Ausdruck kommt, spürbar wird in einer einmaligen Art und Weise, aber nicht mit ihr absolut identisch ist.

So heißt es auch an anderer Stelle in der Konstitution über die Kirche:

Diese neue Form der Wertung anderer christlicher wie auch nichtchristlicher Gemeinschaften bewirkt auch eine neue Art der ökumenischen Annäherung von Seiten der katholischen Kirche. Anstatt nur noch von einem Ökumenismus der Rückkehr zu reden, anerkennen die Katholiken, dass sie sich schon einer gewissen Kommunion mit anderen christlichen Gruppen erfreuen je nach dem Grad, in dem sie einen gemeinsamen Glauben, ein gemeinsames sakramentales Leben und eine gemeinsame kirchliche Struktur haben. Von einer Exklusivität der römisch-katholischen Kirche als einzigen Heilsweg Gottes kann deshalb nicht die Rede sein. Der Ökumenismus ist so ein Bestreben, immer mehr auf eine Einheit hinzuwachsen, in der für alle Christen Platz ist, bis hin zur gemeinsamen Feier der Eucharistie.(7)

Beziehungen der katholischen Kirche zu mennonitischen Gemeinden auf nationaler Ebene

Wenn dieses ökumenische Gedankengut trotz einiger gegensätzlicher Tendenzen heute in der katholischen Kirche immer mehr an Bedeutung gewinnt, und wenn man auf diesem Weg voran kommen will, dann darf man nicht außer Acht lassen, dass es im Laufe der Geschichte der Beziehung zwischen Katholiken und Mennoniten in Paraguay viele Dinge gegeben hat, die eher an Abkapselung und Abgrenzung und manchmal fast an einen Religionskrieg erinnern, der viele Wunden aufgerissen hat, von denen noch so manche zu heilen sind.

1. Die Jahre der Gründung der mennonitischen Kolonien

Aus der Zeit der Gründungsjahre der mennonitischen Kolonien im paraguayischen Chaco findet man in den kirchlichen Archiven der Bischofskonferenz und des Erzbistums Asunción sehr wenig über das, was die Theologie und das religiöse Brauchtum der mennonitischen Einwanderer betrifft, vermutlich deshalb, weil sie weitab im Chaco ihre Kolonien gründeten und weil sie als geschlossene pazifistische Gruppen kamen und auch zunächst keine proselytistischen Tendenzen zeigten. Es mögen auch nationalpolitische Gründe mitgespielt haben; denn die damalige politische Konstellation war in diesem Zusammenhang sicher von großer Bedeutung, da sowohl Paraguay als auch Bolivien Anspruch auf weite Zonen des Chaco anmeldeten. So wurden im Interesse Boliviens vom Bischof von La Paz die Oblatenmissionare nach Esteros am Pilcomayo gesandt und von Paraguay her die Salesianer in den Nordosten des Chaco, die ebenso wie später die Mennoniten zwischen beiden Missionarsgruppen durch ihre Präsenz die paraguayische Oberhoheit bestärkten. Es mag auch Gründe gegeben haben, die noch zu erforschen wären, dass man den deutschsprachigen Oblaten die Mennoniten als Missionare mit der gleichen Sprache und mit ähnlichem kulturellen Erbe gegenüberstellen wollte.

Eigentlich ist das fast schweigende Zusehen der katholischen Kirche zur Einwanderung der Mennoniten verwunderlich, weil sie zu jener Zeit sehr wohl darauf aufmerksam war, dass andere religiöse Gruppen in Paraguay allgemein und auch im Chaco im größeren Umfang tätig wurden. Zu erwähnen wären hier z.B. die vielen neuen protestantischen Gruppierungen in Asunción oder die Missionen der Anglikaner im Chaco. So hatte sie wohl auch aus diesem Grund schon im Jahre 1917 dem Orden der Salesianer die Missionsarbeit unter den Indígenas im nordöstlichen Chaco übertragen.(8)

Im zivilen Bereich hingegen findet man viele Dokumente, die von Gesetzen, Dekreten wie auch von den zahlreichen Sonderrechten und Privilegien der ersten mennonitischen Einwanderungsgruppen handeln. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass es verschiedene Hinweise darauf gibt, dass der damalige Staatspräsident José. P. Guggiari und einige politische Instanzen sich darum bemühten oder auch sich dazu verpflichtet fühlten, die Sache der Aufnahme der Mennoniten im paraguayischen Chaco und die damit verbundene Gesetzgebung mit den kirchlichen katholischen Autoritäten zu besprechen. Das ist sicherlich aus der geschichtlich gewachsenen Bedeutung der katholischen Kirche in Paraguay und aus ihrer Beziehung zur Regierung und ihrer Teilnahme am konkreten politischen Leben des Volkes zu verstehen, hat vermutlich aber auch in einigen kirchlichen Kreisen das Rechtsbewusstsein geprägt, über andere religiöse Gruppen eine offizielle Meinung abgeben zu können oder auch auf gewisse Privilegien Anspruch zu haben.

2. Die katholische Kirche und protestantische Gruppen in Paraguay im 20. Jahrhundert.

Das Verhältnis der katholischen Kirche zu mennonitischen Gruppen muss daher sicher auch im Zusammenhang mit der allgemeinen Stellung der Kirche zu anderen protestantischen Gruppen gewertet werden, die seit dem großen Krieg der Triple-Alianza 1869/70 wachsende Bedeutung gewannen im Wiederaufbau des Landes. Besonders im Erziehungswesen waren sie willkommene Helfer und bekamen dafür vom Staat weitgehende Garantien in Bezug auf religiöse Freiheiten. Hatte vorher die katholische Religion z.B. in den Schulen die Vorherrschaft, so hatte sie in den nicht-religiösen Schulen durch die neue Gesetzgebung diese Stellung verloren. Die katholische Kirche blieb gegenüber dieser Tatsache nicht untätig, um ihre früheren sogenannten Rechte wiederzuerlangen.

Die Zeit zwischen 1945 und 67 war gezeichnet von dauernden Kämpfen um religiöse Rechte und Freiheiten zwischen dem Staat und protestantischen und katholischen Leitungsstellen. In dem neuen Grundgesetz von 1940 wurde der Artikel über die Religionsfreiheit von 1870 wieder aufgehoben und der Artikel 3 sagt: „Die Religion des Staates ist die römisch-katholische Religion, aber man duldet die anderen Kulte, die sich nicht der Moral und der öffentlichen Ordnung widersetzen. Das Oberhaupt der katholischen Kirche und die Bischöfe müssen gebürtige paraguayische Staatsbürger sein". Noch größeren Ärger verursachte das Regierungsdekret 8219 von 1945, das im Artikel 19 sagt: „Der Gottesdienst aller Religionen darf nur in den jeweiligen Tempeln oder in den von den nationalen Autoritäten speziell dafür vorgesehenen Orten realisiert werden, mit Ausnahme dem der katholischen Religion, die der Staat in dieser Republik beschützt, in Übereinstimmung mit dem Grundgesetz". Daraufhin gab es eine Menge von Anträgen von Seiten der „Coordinadora Central Evangélica (CCE)" an die Regierung mit der Bitte, diese diskriminierenden Gesetze und Dekrete wieder abzuschaffen, in einem Fall sogar mit dem Argument, dass man, wenn sogar der kommunistischen Partei Versammlungsfreiheit gewährt würde, den evangelischen Kirchen doch wohl mit mehr Grund dasselbe Recht zustehen müsse.(9) Trotzdem gab es 1953 eine neue Gesetzesvorlage, welche die katholische Religion in allen Schulen vorschrieb. Auch der Pastoralbrief von Bischof Aníbal Menaporta vom 29. Juni 1952 ist in diesem Interesse geschrieben, wenn er sagt, man habe „die größte Anstrengung ... zu machen, um den Vormarsch des Protestantismus... aufzuhalten und wenn möglich, ihn dazu zu verpflichten, sich aus den aktuellen Positionen zurückzuziehen". Ein ähnlicher Ton wurde auch schon vorher in Pastoralbriefen der Kurie und in Predigten in katholischen Pfarreien angeschlagen, wenn man das Thema der Sekten und des Protestantismus behandelte. Die Folge dieser intensiven öffentlichen Meinungsbildung war in nicht wenigen Fällen eine direkte und bisweilen brutale Verfolgung protestantischer Prediger und deren Anhänger. Erst im Jahre 1967 unter der Regierung von Präsident Alfredo Strössner hat das neue Grundgesetz die Religionsfreiheit wieder neu bekräftigt. Das geschah aber vermutlich auch mit dem Hintergedanken, die Opposition der katholischen Kirche der herrschenden Diktatur gegenüber zu brechen, dadurch dass er viele protestantische Gruppen ins Land rief, die sich in die Politik nicht einmischten oder die Regierung in einer Art Opportunismus unterstützten, ein Vorgang, der auf ähnliche Weise bei der Brechung der Macht der Militärs angewandt worden war.

Um so überraschender in diesem Zusammenhang ist die Bemerkung von Bischof Bogarín in einem Pastoralbrief über die Sekten vom Januar 1946, in dem er zwar sehr kritisch über die nordamerikanischen Sekten spricht und sie falsche Propheten nennt, die unter dem allgemeinen Namen von Protestanten in der Hauptstadt unterwegs seien und gegen die katholische Religion predigten und sie lächerlich machten und an gesetzlich verbotenen Orten ihre Versammlungen abhielten, weshalb die Polizei im Namen des Gesetzes gegen sie vorgehen müsse. Aber auf der anderen Seite erwähnt er im gleichen Pastoralbrief, dass im Grundgesetz die Religionsfreiheit verankert sei, und betont deshalb Folgendes: „In diesem Sinn und um der Gerechtigkeit genüge zu tun, können wir feststellen, dass die europäischen Protestanten wie die weißen Russen unter uns (gemeint sind u.a. die Mennoniten) buchstabengetreu unser Grundgesetz erfüllen und keine verbotenen Dinge realisieren, die das katholische Volk belästigen könnten". Deswegen wurde auch ihre Präsenz in Paraguay von vielen eher positiv bewertet. Allerdings war diese Meinung in der katholischen Kirche keine allgemeine.

3. Die letzten drei Jahrzehnte im vorigen Jahrhundert.

In den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts gab es nur sporadische offizielle Kontakte zwischen den beiden Kirchen zum Teil wohl deshalb, weil man sich auf beiden Seiten nicht besonders um einen echten Ökumenismus kümmerte oder eigentlich nicht daran glaubte. Man sah sich gegenseitig mit mehr oder weniger Argwohn oder auch Unkenntnis an, man ließ einander gewähren und versuchte, die eigenen Leute zusammenzuhalten, bis dann später besonders von einigen Pastoren und fanatischen Stellen der mennonitischen Kirchen wie auch verschiedener protestantischer Gruppen in Asunción ausgehend, sich unter dem Argument der Treue zum Missionsauftrag Christi wieder starke proselytistische Tendenzen breit machten, die auch heute noch nicht überwunden sind, wie es in gewissen mennonitischen Berichten über Missionserfolge und große Tauffeste zum Ausdruck kommt.

Als im Jahre 1991 das Komitee der mennonitischen Kirchen an die paraguayische Bischofskonferenz eine Anfrage in Bezug auf die abzuschaffende allgemeine Wehrpflicht richtete, wurde geantwortet, dass man das Bestreben, diese abzuschaffen, zwar gern unterstütze, dass man aber in Zukunft einen breiteren ökumenischen Dialog suchen sollte, da es doch noch viel Intoleranz und schlechte Behandlung der Mennoniten den Katholiken gegenüber gäbe (laut Berichten von katholischen Missionaren und Gemeinden), was doch eigentlich unverständlich sei von Seiten gerade der Gruppen, die sich gern Pazifisten nennen.(10) In diesem Zusammenhang wurden manche Dinge zum Ausdruck gebracht, die an den Mennoniten und ihrem Vorgehen kritisiert werden: Seit ihrer Ansiedlung haben sie viele Sonderrechte, die andere Bewohner des Chaco benachteiligen. Sie sind ein Staat im Staat. Sie bilden geschlossene Gruppen mit rassistischen und fundamentalistischen Tendenzen. Sie versuchen nicht selten, kleine Gemeinden und auch einzelne Personen mit Geldversprechungen und ökonomischen Unterstützungen auf ihre Seite zu ziehen. Es entsteht so viel Konfusion unter den Christen.(11) Sie haben viel finanzielle Hilfe aus dem Ausland und einen Plan systematisch mehr Land zu kaufen zu Preisen, die für die einfachen Leute nicht erschwinglich sind, so dass die paraguayische Bevölkerung und die Indígenas immer mehr an den Rand gedrängt werden.

Am Ende der Überlegungen meint die Vollversammlung, dass man mit Klugheit vorgehen müsse, dass man aber diesen kleinen Ansatzpunkt zum Dialog wahrnehmen solle und dass man sich besser über die mennonitischen Kirchen informieren müsse, weil man spürte, dass man sie eigentlich sehr wenig kannte.

In den Hauptversammlungen der Bischöfe N° 126 (Asamblea Extraordinaria de la C.E.P. Julio, 1991) und 127 (Asamblea Ordinaria de la C.E.P. Nov. 1991) wurde im Zusammenhang des Studiums des geplanten neuen Grundgesetzes zum einen gefordert, dass es in Zukunft eine völlige Unabhängigkeit zwischen Kirche und Staat geben müsse, obwohl eine Zusammenarbeit in vielen Bereichen notwendig und nützlich sei. Zum anderen wurde ein ökumenischer Dialog mit anderen christlichen Kirchen erwünscht, um zunächst die Abschaffung des Pflichtwehrdienstes zu unterstützen, später aber den Dialog auf andere Themen auszuweiten wie z.B. Religionsfreiheit, Gewissensfreiheit, Verteidigung des Lebens und der Familie, Beziehung zwischen Kirchen und Staat und Militärdienst. Man wollte zu einem Konsens in diesen Fragen kommen und wenn möglich sogar zu einem Gemeinsamen Dokument über das geplante neue Grundgesetz. Zu diesem Zweck hat es zwei Versammlungen gegeben, an denen der Generalsekretär der Bischofskonferenz und Vertreter verschiedener christlicher Kirchen teilnahmen (Mennonitas, Anglicanos, Iglesia Evangélica de la Plata, Discípulos de Cristo und Bautistas). Auffallend ist, dass man in diesem Moment noch keine theologischen Fragen anschneiden mochte, weil man befürchtete, dass es zu unfruchtbaren Diskussionen kommen würde, da man sich noch nicht genügend kannte und noch keine ökumenische Offenheit erwarten konnte. Obwohl in diesem Zusammenhang wiederum von Konflikten speziell bei Indígenagruppen in Ostparaguay und im Chaco die Rede war, die durch mennonitischen Druck und ihre Intoleranz verursacht würden, wurde doch darauf bestanden, dass man sich dadurch nicht von dem begonnenen Weg des ökumenischen Dialogs abbringen lassen dürfe.

4. Kontakte auf dem Gebiet der Arbeit mit Indígena-Gruppen.

Wichtige Anhaltspunkte über die Beziehung der beiden Kirchen zueinander finden wir auch in der konkreten Arbeit in den Indígenagemeinden, in denen Mitglieder beider Kirchen aus dem einen oder anderen Grund tätig sind. Für eine authentische Identitätsfindung und eine gesunde Entwicklung der einzelnen Gemeinden und Volksgruppen und für ihren Glauben ist es unumgänglich, dass Personen, die von außen unter ihnen wirken, zusammenarbeiten, sich untereinander verstehen, sich die Arbeit aufteilen nach Kriterien, die für die Leute wichtig sind, und besonders dass sie mit denselben Kriterien und wenn möglich auch mit den gleichen Methoden arbeiten, um die Leute nicht zu verwirren. Das gilt für alle Lebensbereiche wie Politik, Erziehungs- und Gesundheitswesen, soziale Bereiche, Religion und Kultur etc. Deshalb ist es schwerwiegend und unverantwortlich, wenn man sich nicht einigen kann über das, was z.B. Entwicklung und Fortschritt bedeutet oder Erziehung, welchen Stellenwert die Einheit im Bereich Kultur und Religion einnimmt, z.B. Schamanentum und spezielle Gebetsformen, welches die authentischen Organisations- und Autoritätsstrukturen sind, die Art der Meinungsbildung und Beschlussfassung, welche Rolle der Missionar oder der von außen kommende Berater einnimmt, oder welche ihm zugewiesen wird etc. Erfreulich ist in diesem Zusammenhang, dass man sich in einigen Fällen bei der Bemühung um Land für Indígenas einigen konnte, wie z.B. beim Kauf des Landes für Campo Loa oder im Fall von Laguna Negra, wo es ein Übereinkommen über die Betreuung der beiden Indígenagruppen gibt. Leider gibt es aber auch aus ideologischen Gründen noch eine ganze Menge Uneinigkeiten und Reibereien, die dem jeweiligen Volk nur schaden können. Am schlimmsten ist, wenn man im Namen Gottes oder der Bibel Streit unter den Leuten anstiftet, sich gegenseitig verunglimpft und dadurch unglaubhaft macht, was auch heute noch geschieht, um angeblich den wahren Glauben zu verteidigen, was aber tragischer Weise zur Folge hat, dass die Leute vom Christengott nichts mehr wissen wollen oder den Glauben ganz verlieren.

Unverständlich sind auch gewisse Fälle, wo mennonitische Gruppen aus materiellem Interesse Indígenagruppen ihr Recht auf Land absprechen. Da ist der Fall Sommerfeld in Caaguazú, wo seit mehr als zehn Jahren den Indígenas das Land vom Parlament zugesprochen wurde und wo bis heute die mennonitische Gruppe trotz nationaler und internationaler Vermittlung das Land nicht für die Indígenas frei gibt, sondern sogar versucht hat, die Indígenas zu deportieren oder sie mit Gewalt umzusiedeln. Es ist auch nicht akzeptabel, wenn man ihren natürlichen Lebensraum nicht respektiert wie bei den Ayoreos, oder wenn ihr ursprünglicher Glaube als Aberglaube abgetan wird oder wenn bei Arbeitern und Angestellten die sozialen Pflichten nicht erfüllt oder umgangen oder Kranke in Hospitälern zurückgewiesen werden, weil sie kein Geld haben, oder wenn Indígenas einmal mennonitisch getauft, vielleicht aus ethnischen Gründen doch nicht als vollwertige Mennoniten angesehen werden.

Was Katholiken hier im Chaco über Mennoniten denken und sagen

Die Meinung katholischer Christen über mennonitische ist geprägt von ihrer je persönlichen Einstellung und Erfahrung, manchmal begrenzt auf eine konkrete Region, wie in unserem Falle den Chaco, von ihrer Kenntnis der eigenen und der anderen Religion, von ihrer Vorstellung über das, was Kirche ist, und von der persönlichen ökumenischen Offenheit Andersgläubigen gegenüber. Unter diesen Vorgaben muss man deshalb die folgenden Meinungen verstehen und ihnen Wert beimessen. So kann man über die Mennoniten hören:

- Sie erklären die Katholiken und Mitglieder vieler anderer Religionen als Nicht-Christen, als noch nicht zu Christus Bekehrte.

- Sie schließen Sünder aus der Gemeinde aus, obwohl wir doch die Kirche der Sünder sind, für die Christus gestorben ist.

- Sie haben keine Klarheit in vielen theologischen und pastoralen Fragen, z.B. die Wiederverheiratung von geschiedenen Partnern gültiger Ehen. Gilt die Ehe fürs ganze Leben oder nicht?

- Sie taufen verschiedene Male dieselbe Person, weil sie sich angeblich in der je neuen Gemeinde erst richtig bekehrt habe. Eine katholische Taufe hat scheinbar keinen Wert.

- Sie sind sich nicht einig untereinander und in verschiedene religiöse Gruppen getrennt, die sich manchmal nicht einmal untereinander verstehen. Ein echter Ökumenismus unter den Mennoniten selbst wäre sehr nützlich.

- Sie verpflichten Menschen anderer Religionen, diese zu wechseln, wenn sie sich mit Mennoniten verheiraten wollen. Wo bleibt da die Religionsfreiheit?

- Sie lehnen Schamanen und religiöse Praktiken der Naturreligionen als Heidentum und Zauberei ab, obwohl der Geist Gottes in allen Völkern einen Heilsweg auf Gott hin vorgezeichnet hat, der seine je eigenen Ausdrucksweisen hat.

- Sie sehen ökumenische Bestrebungen als falsch und nicht wünschenswert an, obwohl die Einheit eines der wichtigsten Zeichen des wahren Christentums ist.

- Viele Pastoren haben einen extrem proselytistischen Geist, der nichts mit der Glaubensfreiheit und mit wahrer Missionierung zu tun hat. Die Zahl der Getauften scheint wichtiger zu sein als ein wirklicher innerer Bekehrungsprozess, obwohl dieser doch immer als das wichtigste Anliegen dargestellt wird.

- Die sogenannten Bekehrungsmethoden sind oft verquickt mit lügenhafter Diffamierung anderer Religionen und deren Vertreter (P.J. Seelwische, P.F. Bosch. P.M. Fritz) mit Falschdarstellungen und Lächerlichmachung ihrer Glaubenswahrheiten, mit falschen Versprechungen und Ausnutzung schwieriger Lebenssituationen, mit Handel zwischen Religion und Geld und anderen materiellen Gütern.

- Manche Pastoren zeigen fanatische und fundamentalistische Tendenzen, was die Auslegung der Bibel angeht, die je nach Gutdünken oder Lebenssituation oft auf widersprüchliche Weise tendenziös interpretiert wird (z.B.: Das Verbot oder die Verpflichtung einer direkten Teilnahme in der Politik). Nicht selten auch haben sie den Sekten sehr ähnliche Verhaltensweisen.

- Es scheint, dass der ökonomische Fortschritt und das Wohlergehen zentrale Werte sind im mennonitischen Denken und im Prozess der Entscheidungsfindung.

- Man bemerkt ein gewisse Scheinheiligkeit, weil sie behaupten, dass die Katholiken das Alkoholtrinken verteidigen, sie selber aber dagegen eintreten, aber nur scheinbar von diesem Problem frei sind.

- Sie kapseln sich gegen andere Volksgruppen ab, betrachten sie oft als minderwertig und wollen sich kulturell und ethnisch rein halten. Abfällige und erniedrigende Ausdrücke und Bezeichnungen für Leute anderer Hautfarbe sind geläufig. Man fragt sich, ob Menschen anderer ethnischen Gruppen überhaupt vollwertige Mennoniten werden können.

- Sie haben sich eine eigene Welt konstruiert, in der andere oft keinen Platz haben. Befürchtet man durch den näheren Kontakt, die eigene Identität zu verlieren?

- Andersdenkende sind in ihren eigenen Reihen nicht erlaubt, und der soziale und ökonomische Druck ist so stark, dass niemand aus diesem System ausbrechen kann, wenn er nicht alle Rechte verlieren will. Ebenso müssen katholische Angestellte oft unter ökonomischem oder moralischem Druck ihre Kinder in mennonitische Schulen schicken.

- Sie nützen die Schulsituation aus, indem in Schulen mit vorwiegend katholischen Kindern (z.B. Nivaclé- und Guaraníkinder) diese zu mennonitischen Kultakten verpflichtet werden. Auch werden katholische Kinder vor mennonitischen lächerlich gemacht.

- Sie greifen andere Religionen und ihre Vertreter an wegen gewisser Glaubenslehren, obwohl sie selber untereinander den einzelnen Pastoren große Freiheiten in der Auslegung der Bibel zugestehen.

Auf der anderen Seite werden die Mennoniten auch sehr geschätzt:

+ Sie sind überzeugte Christen, die ihren Glauben ernst nehmen und wirklich versuchen, danach zu leben, und werden deshalb von vielen Katholiken geschätzt.

+ Sie sind arbeitsam, wissen sich zu organisieren, arbeiten gemeinsam und halten innerlich zusammen und helfen sich gegenseitig in Notzeiten.

+ Sie sind pflichtbewusst und man kann sich auf sie verlassen.

+ Sie sind hilfsbereit, uneigennützig und solidarisch, wenn Menschen in Not sind, und haben sich viel um verschiedene Indígenagruppen gekümmert.

+ Sie haben große Verdienste an der wirtschaftlichen Entwicklung des Chaco.

+ Sie suchen ein friedliches Zusammenleben und freundschaftliche Beziehungen zu anderen Menschen, obwohl sie immer auf gewisse Distanz bleiben zu Menschen anderer Kulturen.

All diese Einstellungen und Denkweisen kann man unter den Katholiken in mehr oder weniger ausgeprägter Weise vorfinden, hervorgerufen durch einen direkten Kontakt oder durch Informationen aus zweiter Hand, die bisweilen die Dinge nur oberflächlich betrachten, bisweilen aber auch ins Schwarze treffen. Gegenseitige Missverständnisse und Falschinterpretationen kommen bisweilen zustande durch unzureichende Kenntnis der anderen Religion, ihrer theologischen Grundlagen, ihrer Gründungserfahrung und ihrer Geschichte wie auch durch religiösen Fanatismus, der blind macht für anders Denkende.

Solange man sich nur von fern betrachtet und jeder das Seine über den anderen denkt, wird vermutlich der Abgrund zwischen beiden religiösen Gruppen immer größer werden. Wenn man aber den Mut hat, sich unvoreingenommen gegenseitig zu nähern, sich dem andern zu öffnen, wenn man in einen wirklich ernsten Dialog eintritt, der auf gegenseitiges Verstehen, auf Gemeinsames, auf Vertiefung unserer gemeinsamen christlichen Wurzeln abzielt, gibt es Hoffnung, dass wir dem Hauptanliegen Christi, der Einheit unter denen, die an ihn glauben, einen Schritt näher kommen werden.

Gelungene und misslungene Kontaktversuche

1. Gelungene Kontakte.

- Meine ersten persönlichen Kontakte mit Gruppen der mennonitischen Kirche hatte ich im argentinischen Chaco in Castelli und in Saenz Peña in den Jahren 1972 bis 78. Diese Kontakte waren auf der ganzen Linie positiv und es gab eine wirkliche Zusammenarbeit, besonders bei den Indígenagruppen der Zone. Bis heute nehmen Vertreter dieser mennonitischen Gruppen an unseren jährlichen Missionarstagungen hier in Paraguay teil.

- Hier im Chaco wurde in den ersten Jahren die mennonitische Präsenz von den katholischen Missionaren, den Oblaten, durchaus positiv angesehen. Es gab zahlreiche freundschaftliche Kontakte und persönliche Freundschaften zwischen katholischen Missionaren und mennonitischen Familien, die zum Teil vermutlich durch die kulturelle Nähe der beiden Gruppen entstanden sind, vor allem da, wo man es nicht mit fanatischen Personen zu tun hatte.

- Gute Beziehungen und gegenseitige Hilfe gab es besonders auf Gebieten, die nicht direkt mit der Religion zu tun hatten: Im sozialem Bereich, im Gesundheitswesen, in technischen Dingen, bei Entwicklungsprogrammen etc. Z.B.: Heriberto Wiens mit noch einem anderen jungen Mann waren jahrelang als Mitarbeiter in der Mission Escalante in der Schreinerwerkstatt tätig. Herr Walter Regehr war ab 1980 fast zehn Jahre lang als Anthropologe ein sehr geschätzter Mitarbeiter vom Equipo Nacional de Misiones (ENM ,heute CONAPI) der katholischen Bischofskonferenz und arbeitete mit katholischen Indianergruppen hier im Chaco. Herr Abraham Hiebert (ab 1982) arbeitete eng zusammen mit P. Josef Seelwische in einigen Indígenadörfern. Diese Zusammenarbeit war möglich, weil man weitgehend die gleichen Kriterien in der Arbeit mit Indígenas und den Respekt vor ihren Kulturen hatte.

- Kontakte gab es, laut P.J. Seelwische, in den siebziger Jahren unterstützt von Herrn Harry Unruh auf dem Gebiet der Jugendpastoral: Treffen von mennonitischen und katholischen Jugendlichen in Mcal. Estigarribia und Filadelfia, ebenso Gesangfestivals, Kontakte durch Sport etc.

- P. Francisco Bosch hatte nach seinem Bericht vom März 2001 in den Jahren 73 bis 75 mit verschiedenen mennonitischen Missionaren und auch mit den Verantwortlichen der Colonia Menno gute freundschaftliche Kontakte. Manchmal gelang sogar eine pastorale Zusammenarbeit. So haben einige Pastoren und Jugendliche in katholischen Grundschulen Bibelstunden gegeben oder auch den Sonntagsgottesdienst unterstützt (z.B.: in San José Obrero und Cruce Boquerón und andere). Zu dieser Zeit gab es auch in Loma Plata regelmäßige monatliche Treffen von P. Bosch und verschiedenen mennonitischen Lehrern (Abraham Giesbrecht, Helmut Isaak, Pablo Klassen, Friesen aus Paratodo, Neufeld vom Colegio in Loma Plata und Martin Siemens.) Bei diesen Treffen wurde die Guaranisprache studiert und auch über soziale und religiöse Themen gesprochen. Auch wurde P. Bosch von mennonitischen Jugendlichen eingeladen, um mit ihnen über die katholische Missionsarbeit zu sprechen, über die soziale Situation der Paraguayer und was diese über sie denken. In diesem Zusammenhang wurde auch Herr Martin Siemens eingesetzt, um auf sozialem Gebiet mehr für die Paraguayer zu tun. Später musste er sich allerdings von dieser Arbeit zurückziehen, weil er aus angeblich ideologischen Gründen keine Unterstützung mehr bekam.

- Im Jahre 1993 gab es auf Wunsch beider Seiten ein Treffen in Mcal. Estigarribia, an dem Vertreter der Mennoniten, Oberschulze Jakob Giesbrecht und einige Pastoren und Bischof Lucio Alfert und einige Patres und Schwestern teilnahmen. Dabei wurde über die folgenden Themen gesprochen: Darstellung des Apostolischen Vikariates und seiner Arbeit und das Verständnis von Kirche und christlicher Gemeinde. Man wollte versuchen, zu einem größeren gegenseitigen Verständnis kommen.

- Im Laufe der Zeit waren die ersten ökumenischen Trauungen möglich, bei denen nicht nur die je eigene Religion der Partner respektiert wurde, sondern auch offiziell die Trauhandlung unter Mitwirkung des katholischen Pfarrers und des mennonitischen Pastors vollzogen wurde. Heute sind solche Annäherungen keine unbedingte Seltenheit mehr, werden aber nicht von allen Pastoren befürwortet.(12)

- Verschiedene Male wurden von katholischen Missionaren mennonitische Pastoren und andere Mitarbeiter eingeladen, bei kirchlichen Veranstaltungen mitzuwirken. So z.B. bei den jährlichen Missionarstagungen Herr Wilmar Stahl und Herr Walter Regehr, oder bei der Jahresversammlung des Apostolischen Vikariates vom Pilcomayo im Januar 2000 Herr Gundolf Niebuhr und Herr Werner Franz, wobei es den katholischen Missionaren um bessere Kenntnis der Mennoniten als Freikirche und um Möglichkeiten der ökumenischen Verständigung ging. In einem anderen Fall gab es bei einem Besinnungstag der Priester des Vikariates mit zwei mennonitischen Freunden schon vor Jahren einen regen Austausch über Glaube, Kirche und religiöses Leben. Solche Begegnungen haben immer den Wunsch zum gegenseitigen Verständnis wachgehalten.

All diese zaghaften Versuche des Miteinanders sind kleine, aber wichtige Schritte, die von größter Bedeutung sind für die Wahrhaftigkeit und auch für die Zukunft unserer Kirchen.

2. Misslungene Kontakte.

Es ist auf der anderen Seite aber auch wahr, dass all diese Versuche bisher nur sporadische Ereignisse sind, die nicht darüber hinwegtäuschen können, dass es viele Missverständnisse gab und noch gibt, manchmal auch böser Wille, falsche Beschuldigungen und Verleumdungen, womit wir uns gegenseitig das Leben schwer machen und unsere christliche Botschaft als nicht akzeptabel und nützlich für das menschliche Zusammenleben erscheinen lassen.

- Nach dem Bericht von P. Bosch verschlechterten sich ab 1976 die guten Beziehungen zunehmend. Die erbetene Erlaubnis, in Loma Plata mit den dort ansässigen katholischen Christen im privaten Rahmen die Eucharistie feiern zu dürfen, wurde ihm von den Autoritäten in Loma Plata verweigert, woraufhin auch er nicht mehr erlaubte, dass mennonitische Pastoren katholische Schulen besuchten. Von dieser Zeit an gab es in den einzelnen kleinen paraguayischen Gemeinden wie Cruce Boquerón, San José Obrero, María Auxiliadora, Santa Cecilia, Sta. Aurelia, Pirizal, Campo Aceval und andere fast überhaupt keine Zusammenarbeit mehr, sondern es bildeten sich verhärtete Frontstellungen und jeder fühlte sich vom anderen verfolgt, was zum Teil der Wirklichkeit entsprach. Es ist hier nicht angebracht, die vielen Begebenheiten der Missverständnisse und gegenseitiger Belästigungen zu erwähnen, die ich eigentlich Anekdoten nennen möchte, wenn es dabei nicht um so wichtige Dinge ginge wie die Treue zum eigentlichen Missionsbefehl Christi, der Einheit des einen Gottesvolkes, und um unsere eigene Glaubwürdigkeit in unserer missionarischen Arbeit.

- Einzelne mennonitische Missionare, besonders auch ex-katholische, haben Missionsmethoden, die mit Christentum wenig zu tun haben. Sie gehen in kleine katholische Gemeinden, oft ohne eingeladen zu sein, reden schlecht und verleumderisch über die katholische Kirche und ihre Missionare, behaupten, dass die Katholiken keine Christen seien, verursachen so Streit und Teilung, versprechen oder geben ökonomische Mittel, um Menschen zu bekehren und sie schon nach sehr kurzer Zeit zu taufen mit dem Argument, dass die Leute nun wirklich bekehrt seien. Auf diese Weise werden die einzelnen Leute manchmal von verschiedenen Missionaren in verschiedenen Kongregationen zwei- oder dreimal getauft, ganz zu schweigen von der Wiedertaufe auch der als Erwachsene getauften katholischen Christen. Welche Bedeutung misst man unter diesen Umständen eigentlich der Taufe bei? Eine ausgeprägte fundamentalistische und proselytistische Denkweise scheint die Grundlage zu sein für diese Art zu handeln.(13) Bei manchen Missionaren hat man auch den Eindruck, dass sie sich in ihrem Glauben und in ihrem Handeln bestärkt fühlen, wenn es einen Verfolger gibt, den man bekämpfen kann.

- Ein misslungener Versuch, gemeinsam etwas für die Menschen zu tun, war z.B. das Schulprojekt in Villa Choferes del Chaco. Anfänglich gab es eine gute Zusammenarbeit. Es war ein wirklicher Erfolg, dass sich 1990 alle an einen Tisch setzten, Autoritäten der Kolonie und offizielle Vertreter beider Kirchen, dass eine gemeinsame Kommission durch ein großes Verdienst von Herrn Harry Unruh ein Schulprojekt für das Dorf plante und ausführte. Leider machte sich später doch wieder gegenseitiges Misstrauen oder Unverständnis breit, welches keine offizielle Zusammenarbeit mehr ermöglichte.

- Auch der Versuch der privaten Institutionen, die mit Indígenas auf nationaler Ebene arbeiten, gemeinsame Kriterien für diese Arbeit zu finden, scheiterte, weil es diese nach der Meinung eines mennonitischen Vertreters nie geben werde. Ebenso ist es hier im Chaco, wenn verschiedene Organisationen mit verschiedenen Kriterien bei denselben Leuten arbeiten, die dadurch verwirrt werden und so nie zu einer klaren Linie in ihrer Zukunftsplanung und zur Eigenverantwortung kommen können, sondern diese Situation in unguter Weise für sich ausnützen und die einzelnen Organisationen gegeneinander ausspielen (z.B.: Wert und Einstufung der traditionellen Religionen, der verschiedenen Kulturen und ihrer Ausdrucksformen, der Schamanen etc., die Art der Schulbildung, das Verständnis von Fortschritt und Entwicklung etc.). Es kommt dabei zu tragisch-komischen Situationen wie in dem Fall des Indígenas, der mich fragte, wie oft er sich noch taufen lassen müsse, damit er endlich sein Land bekäme, wodurch die Taufe doch wohl zum Handelsobjekt wird.

- Das ökumenische Denken ist in gewissen mennonitischen Kreisen und leider auch in katholischen oft unbekannt, manchmal auch verpönt als etwas, was dem missionarischen Auftrag Christi widerspricht. Das Wort Ökumene wird fast als Schimpfwort aufgefasst. Man zieht es vor, sich gegenseitig wegen verschiedener Auffassungen über theologische Wahrheiten zu beschimpfen, anstatt das Gemeinsame zu suchen und zu betonen und den Glauben von den Wurzeln her zu vertiefen. Hinzu kommt, dass nach der politischen Öffnung im konservativen Sektor der mennonitischen Kirchen scheinbar die Abkapselung und der Fanatismus wieder zunehmen, und in der Missionsarbeit der alte Proselytismus wieder betont wird. Es ist zu vermuten, dass diese Bewegung nicht nur zur Diskussion mit anderen Religionen führen wird, sondern unter den Mennoniten selbst einen heftigen Streit auslösen wird, der hoffentlich in einen gesunden, lebensbringenden Dialog umgewandelt werden kann.

Einheit im Glauben: Grundlage und Glaubwürdigkeit der Kirche Christi

1. Die Einheit als Grundlage der Kirche.

Von der Gründung der Kirche und von ihrer eigenen Sinngebung her ist nach katholischem Verständnis die Kirche oder sind die Kirchen und alle christlichen Gemeinden und Gruppen von innen her verpflichtet, auf die Einheit hinzuwachsen und alles dafür zu tun, wirkliche und praktikable Wege zur Einheit zu suchen. Die Verpflichtung zur Einheit als sakramentales Zeichen der Erlösung ist der eigentliche Missionsauftrag Christi.

So sagt die päpstliche Enzyklika „Ut Unum Sint" (Damit sie eins seien.):

Das alles bedeutet, dass die Einheit nicht ein zufälliges Attribut des Werkes Christi ist, sondern sein eigentliches Zentrum. In diesem Zusammenhang ist die trinitarische Theologie zu erwähnen, in der man den eigentlichen tiefen theologischen Grund und die Verpflichtung zur Einheit im Mysterium der Dreieinigkeit Gottes findet. Daraus muss man die Folgerung ziehen, dass es nicht den einzelnen christlichen Gruppen und Kirchen überlassen ist, ökumenisch zu sein und zu denken, sondern dass sie ohne den festen Willen zur Einheit sich schlichtweg nicht Christen nennen können, da sie der eigentlichen Sache Christi untreu geworden sind. Christus hat den Seinen das neue Gebot der bedingungslosen gegenseitigen Liebe gegeben und ihnen gleichzeitig die Möglichkeit eröffnet, dieses auch wirklich zu leben dadurch, dass er ihnen die Gegenwart und den Beistand des Heiligen Geistes, des Trösters, versprochen hat. Durch ihn hat er sein Volk vereint im Neuen Bund, welcher die Kirche ist, in der Einheit des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe. So sagt der Apostel: „Es gibt nur einen Leib und nur einen Geist; denn durch eure Berufung von Gott, habt ihr dieselbe Hoffnung empfangen. Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe (Epheser 4,4-5). Denn alle, die ihr in Christus getauft seid, habt euch mit dem Gewand Christi bekleidet....Denn ihr alle seid eins in Christus".(15) Nur da, wo diese Einheit gelebt und immer mehr vertieft wird, kann die eigentliche Kirche Christi existieren.

2. Die Einheit als Glaubwürdigkeit der Kirche.

Von dieser Grundlage her muss man der Einheit noch eine andere große Bedeutung beimessen, die besonders für die missionarische Sendung der Christen wichtig ist. Jede Gabe Gottes, die wir empfangen, - und die Einheit aus der Liebe ist eine der größten -, birgt immer in sich auch den Auftrag, die Sendung, diese Gabe an andere weiterzugeben, sie anderen Menschen mitzuteilen, damit sie so zum Sakrament, das heißt zum wirksamen Zeichen des Heils und der Erlösung wird. So sagt Jesus vor seinem Tod in seinem Gebet für uns zum Vater, welches gleichsam sein Testament ist: „Damit sie alle eins seien, wie Du, Vater, in mir bist und ich in Dir, damit auch sie in uns eins seien, so dass die Welt glaube, dass Du mich gesandt hast" (Joh. 17,21). Wenn also die Kirche und wir Christen unserem Missionsauftrag treu sein und wirklich für uns in Anspruch nehmen wollen, Zeugen der Liebe Gottes zu sein, dann ist es unumgänglich, dass wir uns ernsthaft um die Einheit im Glauben bemühen. Es gibt viele Menschen, die ihren Glauben verloren haben, weil wir Christen uns untereinander streiten und uns und anderen das Leben schwer machen. So etwas geschieht leider auch heute noch immer bei uns im Chaco. Und es sind auch nicht wenige, die wegen der Zwietracht und des Streites unter Christen das Leben verloren haben. Wir brauchen nur einmal an die vielen Kriege zu denken, die noch immer auch aus religiösem Hass oder Intoleranz geführt werden.

Ein Blick in die Zukunft

Wenn wir aus der gegenwärtigen Situation heraus ernsthaft einen gemeinsamen Blick in die Zukunft werfen wollen, dann ist eine der wichtigsten Bedingungen, dass wir daran glauben, dass es diese gemeinsame Zukunft wirklich geben wird, und die Angst verlieren uns einander zu nähern, dass wir den Mut haben, uns gemeinsam auf den Weg zu machen. Wenn Menschen gemeinsam unterwegs sind, ein gemeinsames Ziel haben, das sie wirklich erreichen wollen, dann werden sie bald anfangen, alles miteinander zu teilen, was sie sind und was sie besitzen: Ihre Hoffnungen und Träume, ihre Erfahrungen und ihr Wissen, ihre inneren und auch ihre physischen Kräfte und Schwächen, einfach alles, was für sie lebenswichtig ist. Alle Grenzen und Zäune werden abgerissen, alle Ängste und Blockierungen abgebaut, bis sich ein solches gegenseitiges Vertrauen breit macht, das die ersehnte Zukunft in Wirklichkeit so nahe rücken lässt, dass sie in gewisser Weise schon als Gegenwart erfahren werden kann.

Der Mut, auch hier im Chaco miteinander einen offenen Dialog zu wagen, wie er schon auf Weltebene unter Mennoniten und Katholiken im Gange ist, sollte uns von einer Vertiefung unseres je eigenen Glaubens her kommen; denn in den Wurzeln werden wir am ehesten das Gemeinsame entdecken, das uns allen Leben gibt. Den wohl gewagtesten Dialog, der die Welt verändert hat, hat Gott selbst mit uns Menschen begonnen, als er sich in unsere menschliche Natur inkarniert hat, als er es nicht scheute uns gleich zu werden. So schreiben schon 1991 die Kongregation für die Glaubensverbreitung und der Päpstliche Rat für interreligiösen Dialog im Dokument „Dialog und Verkündigung" Folgendes:

Dieser heilbringende Dialog unter uns ist möglich, wenn wir Menschen anfangen wirklich zu glauben und zu lieben.

FRAGEN, die uns alle angehen:


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Abkürzungen

UUS - Ut Unum Sint - Konstitution über die Einheit der Christen
LG - Lumen Gentium - Konstitutiion über die Kirche
UR - Unitatis Redintegratio - Konstitution über die Ökumene
DTE - Diccionario Teológico Enciclopédico
CCE - Coordinadora Central Evangélica

Literaturverzeichnis
  1. Juan Pablo II: - Mensaje para la celebración de la Jornada Mundial de la Paz. Librería Editrice Vaticana, 2001.
  2. Juan Pablo II: - Carta Apostólica „Tertio Millennio Adveniente", Litocolor - Asunción, 1999
  3. Congregación para la Doctrina de la Fé: - Declaración Dominus Iesus, sobre la unicidad y la universalidad salvífica de Jesucristo y de la Iglesia, Librería Editrice Vaticana, 2000.
  4. Juan Pablo II: - Carta Encíclica „Ut unum sint" (UUS) - Sobre el empeño ecuménico, Librería Editrice Vaticana, 1995.
  5. Juan Pablo II: - Carta Encíclica Redemptoris Missio - Sobre la permanente validez del mandato misionero, Librería Editrice Vaticana, 1990.
  6. Juan Pablo II: - Carta Apostólica „Novo Millennio Inuente" - Al Episcopado, al Clero y a los Fieles, al concluir el Gran Jubileo del Año 2000, Librería Editrice Vaticana, 2001.
  7. Pablo VI: - Exhortación Apostólica „Evangelii Nuntiandi", El Gráfico/ Asunción, 1975.
  8. Pontífico Consejo para la Promoción de la Unidad de los Cristianos: - Directorio para la aplicación de los principios y normas sobre el Ecumenismo - Colección Documentos del CELAM 128, Kimpres Ltda. Santa Fé de Bogotá, Colombia.
  9. IV Conferencia General del Episcopado Latinoamericano - Santo Domingo, República Dominicana, 12 - 28 de Octubre de 1992 - „Nueva Evangelización, Promoción Humana y Cultura Cristiana", ARFO Ltda. Santa Fé de Bogotá, Colombia, 1992.
  10. Colección del Centanario Salesiano Nr. 8: - Reseña histórica de las Misiones Salesianas del Chaco Paraugayo, 1917 - 1995. Don Bosco, Asunción, 1996.
  11. Jahrbuch für Geschichte und Kultur der Mennoniten in Paraguay, Litocolor, Asunción, 2000.
  12. Hans-Jürgen Goertz in: Theologische Realenzyklopädie, Vlg. Walter de Gruyter, 1993.
  13. P. Sosa: El Protestantismo en el Paraguay (Pags. 95 - 104).
  14. Mons. Juan Sinforiano Bogarín: Carta Pastoral sobre el protestantismo: 1895 - 1948, El Gráfico/Asunción.
  15. Conferencia Episcopal Paraguaya (C.E.P.): Actas de las Asambelas 126 y 127, 1991.
  16. Pastoral Colectiva del Episcopado Paraguayo: Sobre algunos puntos de la Doctrina Social Católica y los Deberes Cívicos de los Católicos, El Gráfico - Asunción, 1946.
  17. Genaro Romero: Colonización Mennonita, Imprenta Nacional, Asunción 1933.
  18. Cardenal Francis Arinze y Cardenal Josef Tomko: Diálogo y Anuncio, 1991.
  19. Ministerio de Economía: Las Colonias Mennonitas en el Chaco Paraguayo, Imprenta Nacional, Asunción 1934.
  20. P. José Seelwische, OMI; P. Francisco Bosch, OMI; P. Miguel Fritz, OMI: Apuntes y experiencias misioneras.
  21. Akten des 2. Vatikanischen Konzils, 1968.
  22. Konrad Algermissen: Iglesia Católica y Confesiones Cristianas, RIALP S. A. Madrid 1964.
  23. Diccionario Teológico Enciclopédico - Secciones: Sagrada Escritura, Historia, Espiritualidad, Teología fundamental, Dogmática, Moral, Ecumenismo, Religiones; Verbo Divino, 1995.

Fussnoten:
(1)
 
 
Studium der Theologie in Deutschland, seit 1972 als Priester und Missionar in Paraguay und Argentinien tätig. 1986 zum Bischof geweiht, gegenwärtig apostolischer Vikar der Missionsprovinz des Pilcomayo und Mitglied in der paraguayischen Bischofskonferenz.
Vgl. LG.13.
UR3.
UR 3; UR 15-17; 20-23; LG 15.
UR3.
LG 13.
DTE 455-456.
Dekret von Bischof Bogarín, 19.03.1917.
CCE 19.9.1946.
(Asamblea extraordinaria 126 de la Conferencia Episcopal Paraguaya (C.E.P.) del 15-19.6.91)
P.M. Fritz, Berichte.
Informationen von P. Miguel Fritz und P. José Sander.
Beispiele von P.P. Peña, Fischat San Leonardo, Yishinachat, Sta. Teresita, Casanillo, Macharety, Cayin´ô clim etc.
UUS 6.
Gal 3,27-28, UR 2.