Buchbesprechungen | Jahrbuch 2002

Ratzlaff, Gerhard: Ein Leib - viele Glieder, Die mennonitischen Gemeinden in Paraguay. Gemeindekomitee (Asociación Evangélica Mennonita del Paraguay), Asunción, 2001, 359 Seiten.

Mit dem Buch „Ein Leib - viele Glieder" legt Gerhard Ratzlaff, Lehrer am Instituto Bíblico Asunción und Leiter des Geschichtsarchivs der Mennoniten Brüdergemeinden, ein Werk vor, das er im Auftrage des Gemeindekomitees verfasst hat. Nach seinen eigenen Worten schreibt er dieses Buch „nicht nur über, sondern für die Gemeinden" in Paraguay. Er sieht also seine Leserschaft vor allem unter den paraguayischen deutschsprachigen Mennoniten selbst. Da, wie er darstellt, die Vielfalt der Gemeinderichtungen und Sprachen unter den Mennoniten in Paraguay besonders groß ist, geht es also darum, die Kenntnisse der Mennoniten über einander zu vertiefen und das gemeinsame Geschichtsbewusstsein zu entwickeln. Die Leser sollen auf diese Weise in ihrem Gemeindebewusstsein gestärkt und zu einem christlichen Leben motiviert werden. Hinsichtlich seiner Aufgabe als Geschichtsschreiber betont Ratzlaff, dass Geschichtsschreibung für ihn zugleich auch Geschichtsdeutung sei. Dabei verweist er auf die Sicht der Mennoniten, die ihre Einwanderung in den Chaco als einen Plan Gottes sehen, der sie beauftragt habe, die Indianer dieser Zone zu missionieren.

Diese Sicht ist sicher nicht ganz unproblematisch, da sie vom Ansatz her die Gefahr in sich birgt, Glaubensaussagen und den geschichtlichen Forschungsbefund nicht säuberlich zu trennen.

Seinen Standpunkt bestimmt Ratzlaff weiter, indem er sich dem deutsch-mennonitischen, fortschrittlich gesinnten Lager zuordnet. Dabei räumt er ein, dass bestimmte Gruppierungen wie die eher konservativ gesinnten Mennoniten seine Standpunkte und Sichtweisen nicht vollständig teilen dürften.

In seinem Buch stellt Ratzlaff zunächst die gemeinsame Geschichte dar, die in den Niederlanden beginnt und über Preußen nach Russland führt. Hier kommt es im 19. Jahrhundert zu den für das heutige Gemeindeleben entscheidenden Weichenstellungen: Im Zuge der Erweckungsbewegung, die durch deutsche pietistische und evangelisch-lutherische Prediger auch nach Russland und in die Mennonitengemeinden getragen wird, kommt es zu den zwei Aufbrüchen, die bis heute die Entwicklung der aus der russischen Tradition stammenden Mennoniten bestimmen: die Entstehung der Brüdergemeinden und die der Allianzgemeinden, die heute als evangelisch-mennonitische Bruderschaft fortbestehen. Im Paraguay von heute gibt es weiterhin alle vier Richtungen, diejenige der Altkolonier, die die Aufbruchbewegungen des 19. Jahrhunderts nicht mitgemacht haben, die Mennonitengemeinde, sowie die Brüdergemeinde und die evangelisch-mennonitische Bruderschaft. Dabei zeigt sich deutlich, dass die Brüdergemeinde mit ihrer Form des Gemeindelebens so stark auf die anderen Gemeinden eingewirkt hat, dass sich ihr Gemeindemodell, wenn man einmal von der Untertauchungstaufe absieht, weitgehend durchgesetzt hat. So gibt es heute in allen Gemeinden, die nicht mehr strikt dem Modell der Altkolonier anhängen, Gemeindestunde, Bibelstunde, Sonntagsschule, Jugendarbeit, Hauskreise und vieles andere mehr, die modernen Formen des Gemeindelebens der Mennoniten Brüdergemeinden.

Nachdem Ratzlaff diese gemeinsame Geschichte dargestellt hat, stellt er die einzelnen Gemeinden vor. Auch hier folgt er dem Muster, zunächst mit der Geschichte in Russland zu beginnen und dann die Entwicklung über Aus- und Einwanderung, Ansiedlung bis zur Gegenwart zu verfolgen. Dann wird der jeweilige Stand der Gegenwart dargestellt, wobei vor allem auch die verschiedenen Arbeitszweige wie Missionsorganisationen, Ausbildungsstätten und anderes dargestellt werden. Vor den Augen des interessierten Lesers entsteht so ein breites Panorama der unterschiedlichen Entwicklungen der Gemeinderichtungen. Für viele Leser ist es sicherlich neu, wenn er die traditionellen Mennoniten betrachtet oder von den konservativen amerikanischen Mennoniten berichtet, die einige kleine Siedlungen in Ostparaguay gegründet haben. Diese stammen historisch aus dem schweizerisch-süddeutschen Raum und unterscheiden sich in Gemeindeform wie auch im Umgang mit der nationalen Bevölkerung grundlegend von den russlanddeutschen Mennoniten.

In zwei weiteren Kapiteln werden jeweils die verschiedenen indianischen und die lateinparaguayischen Missionsgemeinden dargestellt. Und in einem abschließendem Kapitel, das gut ein Drittel des Buches einnimmt, werden die verschiedenen Einrichtungen beschrieben, die ein Großteil der in Paraguay lebenden Mennoniten gemeinsam betreibt. Hier kommt natürlich Ratzlaffs Ansatz voll zum Tragen, von dem zu berichten, was die Gemeinden aufbauen kann. Sicher dürfen die Gemeinden Paraguays nicht ohne Stolz auf ihre gemeinsamen vorwiegend sozialen Initiativen schauen. Allerdings fällt beim Lesen auf, dass es in den sechziger und siebziger Jahren ein größeres Engagement und eine lebendigere Debatte hinsichtlich der Frage eines Ersatzdienstes und des Einsatzes der Jugendlichen im Christlichen Dienst gegeben hat. Vielleicht kann das Buch hier eine stärkere Besinnung bewirken.

Insgesamt liegt die besondere Stärke von „Ein Leib - viele Glieder" in der großen Fülle des verwendeten Quellenmaterials, das Ratzlaff geschickt ausgewählt hat. Es macht das Buch anschaulich, lässt den Leser das Leben der verschiedenen Persönlichkeiten, Gemeindeleiter und Prediger wie auch einfache Glieder, spüren. Die mitunter auch harten Auseinandersetzungen aus der Geschichte treten uns lebendig vor Augen.

So erreicht dieses Buch sein aufgetragenes Ziel sicherlich, über den vielgliedrigen Leib der Mennoniten Paraguays und seine Geschichte zu informieren und zwar so, dass dieser Bericht auch das Interesse der Angesprochenen weckt.

Was noch beschrieben werden muss, das ist ein weiteres Buch, das alle die Fragen aufnimmt, die für die weitere Entwicklung der mennonitischen Gemeinden in Paraguay von Bedeutung sind: - Wie können die Beziehungen zwischen deutschstämmigen, indianischen und lateinparaguayischen Gemeinden enger werden, so dass auch hier die Einheit spürbarer wird? Welche Rolle wollen die mennonitischen Gemeinden im größeren Leib Christi spielen, d.h. welche Stellung wollen sie zu den anderen christlichen Gemeinschaften einnehmen? Wie wollen sie zukünftig mit ihren internen Problemen umgehen: Peter P. Klassen hat mehrfach auf die Probleme hingewiesen, die dadurch entstehen, dass die Mennonitenkolonien auch „Reich dieser Welt" sind. Die Verführung, Macht auszuüben ist groß und sie wird noch größer dann, wenn man dieses Problem leugnet und wenn man nicht wahrnimmt, dass Gemeinden, Glieder und Kolonien auch ökonomisch einen erheblichen Machtfaktor darstellen. Das Hineinwachsen in die Konsumgesellschaft bleibt ebenfalls ein Problem, auf das die Gemeinden noch keine Antwort entwickelt haben: Wie stellen sich die Gemeinden zu wirtschaftlichem Wachstum, das immer auch auf Kosten anderer Menschen und der Natur geht, wie zu Fragen des sozialen Ausgleichs, zu Modellen eines einfachen Lebensstils, den die Bibel nahelegt, wie halten sie den Gedanken des Dienens auch unter den nachwachsenden Generationen aufrecht? Hier reicht es sicher nicht, nur an die bisher geleisteten Dienste und aufgebauten Einrichtungen zu erinnern, sondern hier muss die Gegenwart einer kritischen Analyse im Sinne des „Prüfet alles..." unterzogen werden. Aber dies war nicht mehr die Aufgabe dieses Buches.

Michael Rudolph


Regina Löneke: Die „Hiesigen" und die „Unsrigen" Werteverständnis mennonitischer Aussiedlerfamilien aus Dörfern der Region Orenburg/Ural. N. G. Elwert Verlag Marburg 2000, 425 Seiten (mit einigen Bildern).

Unter den Hunderttausenden von Umsiedlern oder Aussiedlern, die seit etwa 1970 aus Osteuropa in die Bundesrepublik Deutschland kamen, waren auch viele Mennoniten aus der damaligen Sowjetunion. Wie viele es waren, darüber schwanken die Angaben, denn es ist nicht ganz einfach festzustellen, wer ein Mennonit ist. Jedenfalls gibt es heute, geballt in einigen Gegenden Deutschlands, viele Gemeinden der mennonitischen Aussiedler.

Über diese Mennoniten hat Regina Löneke eine Untersuchung vorgelegt, die in der „Schriftenreihe der Kommission für deutsche und osteuropäische Volkskunde" erschienen ist. Sie hat sich bei ihrer Arbeit auf eine Gruppe beschränkt, die aus den Mennonitendörfern bei Orenburg stammt und sich 1990 in der Gemeinde Brakel im Kreis Höxter in Ostwestfalen angesiedelt hat. In Deutschland formieren sich die Mennoniten nicht in erster Linie in Siedlungen oder gar in Dörfern, wie das in Russland bis in die Zeit der Sowjetunion der Fall war, sondern in Glaubensgemeinden. Inwiefern diese Gruppe in Brakel nun als beispielhaft auch für andere mennonitische Aussiedlergemeinden in Deutschland gelten kann, wäre vielleicht eine Frage, obwohl so viel Generelles behandelt wird, dass es wohl auch für die meisten anderen Gruppen zutrifft. Bei dieser untersuchten Gruppe geht es um eine Mennoniten-Brüdergemeinde mit „baptistisch-fundamentalistisch orientierter Richtung", und Löneke stellt fest, dass „sie sich vor jeder offiziellen Registrierung auch innerhalb ihrer weltweiten mennonitischen Gemeinschaft verschließen, um sich damit vor Verweltlichung abzugrenzen."

Damit ist wohl auch ein Charakteristikum für sehr viele mennonitische Aussiedlergemeinden gegeben, und daraus resultiert dann auch die Kernfrage der Untersuchung: Wie integrieren sich diese Mennoniten in ihre neue Umwelt? Der Titel „Hiesige" (die dort lebenden Deutschen) und „Unsrige" (die Aussiedler) schon soll die Problematik zum Ausdruck bringen.

Interessant ist gleich zu Anfang die Frage nach der mennonitischen Identität, eine Frage, die das Mennonitentum heute weltweit bewegt. Wer ist ein Mennonit? Was kann als Kriterium gelten? Ist es ausschließlich die bewusste Glaubensüberzeugung, sind es die mennonitischen Familiennamen und der große Sippenverband, ist es die plattdeutsche Sprache mit Sitte und Brauchtum? Die bei dieser Frage entstehende Unsicherheit war auch der Grund dafür, dass bei der Untersuchung in den Auffanglagern keine ganz genauen Zahlen ermittelt werden konnten.

Viele der Befragten gaben sich als Baptisten aus. Dabei waren 50% der Namen dieser Leute einwandfrei mennonitisch, d.h. dass ihre Vorfahren zu einer Mennonitenkolonie gehört hatten. Die große Unsicherheit lässt sich aus dem Jahrzehnte langen Leben unter der Sowjetherrschaft erklären. In dieser Zeit wurden die Prediger verbannt, die Gemeinden zerstört, die Versammlungen verboten. Viele Mennoniten haben sich dann den nach 1943 erlaubten Organisationen der russischen Baptisten angeschlossen. Dabei ging bei vielen auch das Geschichts- und Herkunftsbewusstsein sehr oft verloren.

Ein Mitarbeiter der Mennonitischen Umsiedlerbetreuung berichtete: „Oft kommen wir in unsern Gesprächen mit den Aussiedlern auf das Mennonitentum zu sprechen. Wenn sie angegeben haben, dass sie Baptisten, Pfingstler oder Adventisten sind, fragen wir sie, ob sie nicht Mennoniten seien, da sie doch von Mennoniten abstammen. `Natürlich', sagen sie, `sind wir Mennoniten. Sind das nicht die gleichen wie die Baptisten'?"

Andere begrenzen die Zugehörigkeit zur mennonitischen Gemeinschaft auf die Einhaltung bestimmter Richtlinien, wie z.B. die Ablehnung eines Fernsehers oder die Enthaltsamkeit von alkoholischen Getränken.

Bei der Brüdergemeinde in Brakel untersucht Löneke dann alle Seiten ihres Lebens und ihrer Lebenshaltung, die Bildung, das Familienleben, das Gemeindeleben, die Jugendarbeit, ihre Sprache und dann natürlich ihre Einstellung zu ihrer neuen Umwelt in Deutschland.

Sie haben es nicht leicht. Unter dem langen Druck, den diese Menschen unter der sowjetischen Herrschaft erlitten haben, unter der Verfolgung als Christen und der Diskriminierung als Deutsche hatten sich bei ihnen Traumvorstellungen von Deutschland gebildet. Deutschland, das Land der Freiheit, das Paradies, in das sie alle Wunschvorstellungen ihres entbehrungsreichen Lebens, einschließlich das einer soliden Frömmigkeit projizierten. Sie träumten von einer menschlichen Gesellschaft, die ihre Ideale von Redlichkeit, Ordnung und Sittlichkeit verkörperte.

Das führte, als sie nun nach Deutschland gekommen waren, erst einmal zu einer schweren Enttäuschung auf der ganzen Ebene. Sie kamen in eine Umwelt, die in vielen Stücken das Gegenteil von dem war, was sie erträumt hatten, jedenfalls was Sittlichkeit und Moral, vor allem unter der Jugend, anging, und diese Umwelt war in keiner Weise bereit, sich auf ihre Ansprüche einzustellen.

Löneke versucht dann, sich ein Bild von der religiösen Grundhaltung dieser Menschen zu machen; denn darin sieht sie einen Hauptgrund für die Integrationsschwierigkeiten. Natürlich ist eine Brüdergemeinde wie die in Brakel in den Jahrzehnten der Not und der Isolierung in Russland und in der bewussten Abgrenzung von ihrer Umwelt in einer bestimmten Glaubenshaltung geprägt worden.

Doch diese Haltung wurde in Deutschland dann noch besonders verstärkt. Die von der Gemeinde geforderte Bekehrung vor der Taufe ist weitgehend von Evangelisationsversammlungen abhängig. Die unter den evangelikalen Gemeinden in Deutschland bekannten Evangelisten wie Gerhard Hamm, Wilhelm Pahls, Johannes Reimer, Abraham Fast und einige mehr fanden schnell Zugang auch zu diesen Gemeinden, und sie trugen sehr stark zur weiteren Prägung ihrer Grundhaltung bei. Ein Charakteristikum dieser Evangelisationspredigten ist, (Löneke gibt davon einige Muster), dass die Welt, in diesem Fall die Umwelt in Deutschland, zunächst als sündig und verworfen dargestellt wird, um dann das Heil des Evangeliums anzubieten.

Auf diese Weise wurde - so Löneke - der Kontrast dieser mennonitischen Gemeinde zu ihrer Umwelt noch verstärkt. Sie stellt fest: „Die von mir untersuchten mennonitischen Aussiedler und Aussiedlerinnen nahmen das sie umgebende soziokulturelle Umfeld in vielen Bereichen nur mittelbar durch die Interpretation ihrer Prediger und Evangelisten wahr. Sie bewerteten Lebensformen und Werte der hiesigen Kultur anhand von Kriterien, die sie aus dieser Bibelauslegung bezogen ... Die hiesige Kultur und Lebensweise erschienen den Befragten als Bedrohung für ihre religiösen Werte ... und bewirkten erneut einen Rückzug in ihre Familien und Gemeinden. ... Ihre Werte und Grundhaltungen standen in vielen Bereichen konträr zu den Lebensweisen in der Bundesrepublik Deutschland." Eine noch stärkere Isolierung ist dadurch auch in der neuen Heimat - ebenso wie damals in der Sowjetunion - die Folge.

Andererseits - so stellt Löneke fest - „gibt gerade diese geschlossene religiöse Gemeinschaft dem einzelnen Mitglied Rückhalt und Sicherheit und hilft, sich in der teilweise fremden deutschen Gesellschaft einzurichten. Damit werden dann kontrollierte Akkulturationsprozesse gefördert, die neue Formen des Umgangs mit der hiesigen Kultur einleiten ... Grundlegende Veränderungen der religiösen Werte können nur durch eine erweiterte Bibelauslegung erfolgen. Die zunehmende Bildung der Kinder dieser Gemeinschaft kann Einfluss auf die Fortentwicklung ihrer speziellen Ausprägung mennonitischer Lebensformen haben und letztlich bewirken, dass mit der Öffnung gegenüber aufgeklärten Denkweisen das Weltbild der Mennoniten aus Russland aufgeweicht und weiterentwickelt wird."

Das Buch enthält außerdem ein sehr vollständiges Literaturverzeichnis zum Thema.

Peter P. Klassen


Gerd G. Giesbrecht: Ich sah der Lengua Hütten. Erfahrungen und Beobachtungen in der Missionsarbeit, Filadelfia 2000, 275 Seiten.

Es ist logisch, dass die Interpretation einer Geschichte erst nach den Ereignissen selbst erfolgen kann. Etwas mehr als sieben Jahrzehnte der Begegnung, Missionierung und des Zusammenlebens mit den Ureinwohnern liegen jetzt hinter uns, und die Dokumentation - deskripitive wie auch interpretative - dieses Prozesses hat sich neuerdings vermehrt. Auch dieses Buch ist in diesem Kontext angesiedelt. Der Autor ist ca. zwei Jahrzehnte lang direkt in der Missionsarbeit tätig gewesen, hat aber auch vorher und nachher vielfältige Beziehungen zu den Enlhet-Indianern gepflegt. Er kann als Sohn des ersten Enlhet-Missionars manche Einblicke in den Werdegang der Missionierung geben, die einem Außenseiter unzugänglich wären - die womöglich auch nicht ausreichend dokumentiert sind.

Das vorliegende Buch ist Produkt eines längeren Reifeprozesses. Es begann als Materialsammlung während der Feldarbeit (1964-85), verwertete die Aufzeichnungen von Missionar G. B. Giesbrecht und interpretiert dieses Material nach den Erkenntnissen evangelikaler Missionsanthropologie, wie sie vor allem durch G. W. Peters hier im Chaco bekanntgeworden ist.

Das Buch gliedert sich in vier Teile:
I.    Der geschichtliche Hintergrund der Chacovölker und der mennonitischen Einwanderung.
II.   Die Kultur und Weltanschauung der Enlhet-Indianer.
III.  Die verschiedenen Phasen der Missionstätigkeit, auf die jeweilige Rolle des Missionars fokussiert.
IV.  Die ganzheitliche Entwicklungsarbeit durch die ASCIM.

Rückblickend muss man feststellen, dass die mennonitischen Einwanderer ohne jegliche Vorbereitung für eine Begegnung mit den Indianerkulturen in den Chaco kamen. Das äußere Erscheinungsbild prägte denn auch meist das innere Konzept welches sich die Einwanderer von den Indianern bildeten (S. 49). Und dieses Konzept, wurde sehr bald in eine Aufgabe umgesetzt - eine missionarische und zivilisatorische Aufgabe, wie sie sich im ursprünglichen Statut des Missionsbundes widerspiegelt. Was es der frühen Missionsarbeit an Erkenntnissen mangelte, wurde durch Überzeugung und Hingabe wettgemacht. Somit war die Evangelisierung und Sesshaftmachung bereits voll im Gange, als der Anthropologe Jakob A. Löwen 1964 engagiert wurde, die Kultur der Enlhet zu studieren und diese für die mennonitischen Einwanderer zu interpretieren. Dadurch wurde manch ein Aspekt der Missionsarbeit erhellt, manch ein schon eingeschlagener Weg korrigiert. Auch wurden die Missionare befähigt, zielbewusster in der Erforschung indianischer Kultur und Sprache vorzugehen, was wiederum zu einer festeren Basis in der Verständigung führte.

Das vorliegende Buch reflektiert diese Phase in der Begegnung, die in gewissem Sinne eine Aha-Erfahrung für viele Mennoniten wurde. Man sah erstmals die Komplexität und auch den Reichtum einer ganz anderen Kultur hinter der Fassade der äußeren Erscheinung. Man begann zu verstehen, wieso die Enlhet auch nach zahlreichen Versuchen nicht zu bewegen waren, mennonitische Denk- und Handlungsweisen anzunehmen.

Die Geschichte des interkulturellen Miteinanders im Chaco geht weiter. Die bisher gesammelte Erfahrung stellt eine Bereicherung dar, gerade auch für die Herausforderung der Zukunft. Die Enlhet in ihrer kulturellen Eigenart zu verstehen, ist die eine Seite der Münze, sich selbst in Bezug zur anderen Kultur besser zu verstehen, wäre die Kehrseite. Dazu wird die Geschichte der Begegnung Indianer-Mennoniten wieder und wieder, von verschiedenen Perspektiven her, aufgerollt werden. Nur wenn menschenwürdige Lebensmöglichkeiten für alle Beteiligten in Aussicht stehen, wird man sagen können, dass die Begegnung ein Segen war.

Gundolf Niebuhr



Neue Bücher zum 75-jährigen Jubiläum der Kolonie Menno
Sowohl von offizieller als auch von privater Seite war man anlässlich des 75-jährigen Jubliäums der Kolonie Menno darauf bedacht, die zurückgelegte Lebensstrecke in Buchform zu dokumentieren. Der Geschichtsverein hat zu diesem Zweck viele historische Fotos gesammelt und sie zusammen mit informativen Begleittexten in einem Bildband veröffentlicht. Während der Bildband in den Texten vor allem die institutionelle Entwicklung der Kolonie berücksichtigt, beschreiben einige Bürger ihre ganz persönlichen Erfahrungen. Die Bücher ergänzen einander, da auf der einen Seite die strukturellen Veränderungen sichtbar werden, auf der anderen Seite persönliche Schicksale den Leser mit in das Alltagsleben hineinnehmen.

1. Geschichtskomitee der Kolonie Menno (Hrsg.): Unter der heißen Sonne des Südens. Loma Plata, Paraguay, 2002. 228 Seiten.

Im Vorwort nennt Uwe Friesen, der Leiter des Geschichtskomitees der Kolonie Menno, die Absicht der Herausgeber: „Dieser Bildband soll den Nachkommen der Einwanderer - 75 Jahre nach dem Neunanfang im Chaco Paraguays - dazu dienen, Teile ihrer eigenen Geschichte mitzuerleben. Vergangene Zeiten sollen nicht vergessen, sondern immer wieder bewusst an die kommenden Generationen herangebracht werden" (S. 8).

Das Buch beginnt mit einer Reihe von Fotos, die mit der Expeditionsreise im Jahre 1921 anfangen und den Abschied in Kanada sowie den Neubeginn im paraguayischen Chaco zeigen.

Anschließend gibt Prediger Abram S. Wiebe einen Überblick über die Entwicklung der Gemeinde. Die Bewohner der Kolonie Menno gehörten in Kanada zur Chortitzer, zur Bergthaler oder zur Sommerfelder Gemeinde, schlossen sich aber in den fünfziger Jahren zur Mennonitengemeinde Menno in Paraguay zusammen. Im Laufe der Zeit wurde diese große Gemeinde in kleinere Gemeinden aufgeteilt, damit sie ihre Aufgaben in Gemeinde und Mission besser erfüllen konnten. Maßgeblichen Einfluss auf die Gemeinde hatte der langjährige Älteste Martin C. Friesen. Bilder von der ersten Kirche in Osterwick, von Gemeindeveranstaltungen, Sängerfesten und Jugendaktivitäten sowie von der ständig wachsenden Missionsarbeit vermitteln anschaulich die anhaltende Weiterentwicklung der Kolonie auf gemeindlicher Ebene.

Große Veränderungen erlebte die Kolonie Menno vor allem auf dem Gebiet der Verwaltung und des Schulwesens. Die Veränderungen auf dem Gebiet der Verwaltung werden von dem ehemaligen Oberschulzen Jacob N. Giesbrecht dargestellt. Der Weg von der traditionellen Schule, die noch ganz dem Lehrdienst der Gemeinde unterordnet war, bis hin zur modernen Primar- und Sekundarschule, die der Schulverwaltung unterstellt sind und sich nach den Vorschriften des Erziehungs- und Kultusministeriums in der Landeshauptstadt zu richten haben, war lang und beschwerlich. Diesen Weg hat der erfahrene Schulfachmann Heinrich Ratzlaff ausführlich und sachkundig beschrieben.

Auch das Gesundheitswesen, die Sozialarbeit, das Abgabensystem, das die verschiedenen Abteilungen der „Asociación Civil Chortitzer Komitee" erst ermöglicht, werden von sachkundigen Autoren dargestellt. Der Bildbericht über die Indianer, „unsere Nachbarn", wird nur mit einem sehr kurzen Text eingeleitet. Hier hätte man sich eine ausführlichere und differenziertere Darstellung gewünscht, da diese Bevölkerungsgruppe sehr eng mit der Entwicklung der Mennonitensiedlungen verbunden ist.

Die wirtschaftliche Entwicklung der Kolonie Menno wird besonders deutlich, wenn man sich die Präsentation der verschiedenen Abteilungen der „Sociedad Cooperativa Colonizadora Chortitzer Komitee" vor Augen hält. Uwe Friesen beschreibt hier, wie die Bauern in gewohnter Weise mit dem Ackerbau begannen. Man pflanzte Baumwolle, Erdnüsse, Rizinus, Kafir, Bohnen und vor allem auch Gartenfrüchte. Später intensivierte man die Milch- und Fleischproduktion, die nicht ganz so stark von Witternungseinflüssen abhängig war und mit der man auch stabilere Preise erzielen konnte. Industrieanlagen und Handwerksbetriebe, die sehr bescheiden anfingen, wurden durch zunehmende Geldmittel und erworbenes „Know how" zu leistungsstarken Einrichtungen ausgebaut. In den letzten Jahrzehnten gewinnt der Handel und auch die Vermarktung der eigenen Produktion immer mehr an Bedeutung.

Alles in allem hat das Geschichtskomitee mit diesem Buch ein optisch eindrucksvolles Dokument der Siedlungsgeschichte seiner Kolonie dargestellt. Die vielen Fotos vermitteln nachhaltige Eindrücke aus der schwierigen, letztlich aber doch erfolgreichen Erlebniswelt der Bürger dieser Pioniersiedlung im Chaco. Die Texte erhellen die Zusammenhänge und Hintergründe der einzelnen Koloniezweige. Der nachdenkliche Leser hätte sich aber gewünscht, wenn neben der Darstellung auch die kritische Analyse und die Perspektiven für die Zukunft stärker berücksichtigt worden wären. Hierbei hätte dann das Zusammenleben mit den anderen Ethnien in diesem Raum einen höheren Stellenwert einnehmen können. Denn auf Dauer ist im Raum der Mennonitensiedlungen nur eine gemeinsame Zukunft vorstellbar.


2. Johann W. Töws: Unser Leben in Paraguay. Loma Plata 2002.

Der Autor ist der Enkel von Bernhard Töws, der 1921 Mitglied der Expeditionsgruppe aus Kanada war, die unter beschwerlichen Verhältnissen den paraguayischen Chaco als zukünftiges Siedlungsgebiet der Mennoniten erkundet hat. Bernhard Töws war es jedoch aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr vergönnt, selber im Chaco anzusiedeln, doch seine Briefe an seinen Sohn im Chaco konnte der Autor für seine Darstellung verwerten. Außerdem standen ihm für seine Darstellung das Tagebuch seines Großvaters, Aufzeichnungen seiner Eltern und eigene Notizen zur Verfügung.

Als einjähriges Kind begann Johann W. Töws 1927 zusammen mit den Eltern und neun Geschwistern sein Leben im Chaco. Auf Grund der ihm zur Verfügung stehenden Materialien beschreibt er kurz den Aufenthalt im Hafen Casado, die Ansiedlung im Dorf Waldheim und die ersten Versuche im Ackerbau.

Die Darstellung seiner eigenen Erinnerungen beginnt Töws mit der Schulzeit. Vorzeitig begann er bereits im Alter von fünf Jahren den Schulunterricht, lernte lesen, schreiben und rechnen nach der traditionellen Weise und wurde mit zwölf Jahren aus der Schule entlassen. Sein Wunsch, die Zentralschule in Filadelfia zu besuchen zerschlug sich, da die Gemeinde eine Weiterbildung grundsätzlich verbot.

Den Chacokrieg (1932-35) erlebte Töws teilweise bei der Feldarbeit, teilweise im Krankenhaus in Isla Poí, wo er mehrere Tage interniert war. Feindliche Soldaten bekam er nicht zu Gesicht, wohl aber sah er die feindlichen bolivianischen Flugzeuge, die Bomben abwarfen oder sich einen Zweikampf mit paraguayischen Flugzeugen lieferten. Der Kontakt zwischen Mennoniten und paraguayischen Offizieren und Soldaten war für beide Seiten von Vorteil, denn diese erhielten Nahrungsmittel und jene konnten endlich einmal ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen.

Der weitere Lebensweg von Johann W. Töws ist einerseits gekennzeichnet durch verschiedene berufliche Aktivitäten, andererseits durch langjährige Missionsarbeit unter den Indianern. Seine ersten intensiven Kontakte mit den Indianern knüpfte er, als seine Familie den indianischen Waisenknaben Erdmann in ihr Haus aufnahm. Mit ihm war er ständig zusammen, gemeinsam verscheuchten sie die Papageien von den Kafirfeldern und sie trennten sich erst, als Erdmann mit 15 Jahren ein Indianermädchen heiratete und für mehrere Jahre bei der Sippe des Indianermädchens lebte.

Mit 21 Jahren fing Töws an, sich selbständig zu machen. Er transportierte Waren für die Kooperative, richtete eine eigene Wirtschaft ein und verdiente sein Geld durch Zaunsetzen für die Kolonie Menno. Zeitweilig arbeitete er in der Palosantofabrik der Kolonie Fernheim auf Laguna Porá. Nachdem er 1950 geheiratet hatte, zog er mit seiner Frau zur Viehstation Río Verde. Nachdem er auch noch bei der Gründung der Estancia Cabeza de Tigre mitgewirkt hatte, begann er mit der Missionsarbeit, die ihn mit einigen Unterbrechungen jahrzehntelang festhielt. Töws beschreibt in realistischer Weise seine Erfahrungen während dieser Zeit. Während er abwechselnd die Funktionen des Wirtschaftsberaters, des Lehrers und Missionars wahrzunehmen hatte, musste seine Frau die Funktion einer Krankenschwester erfüllen. Dabei erlebten sie Situationen, die ihre Kräfte bis zum Äußersten forderten.

Neben diesen vielen Tätigkeiten gelang es Johann W. Töws immer wieder, auch seine eigene wirtschaftliche Existenz zu sichern und weiter auszubauen. Zeitweilig war er Mitbesitzer einer Zieglei und erweiterte seinen Viehzuchtbetrieb im Laufe von 45 Jahren von 37 auf 3.000 Rinder. So kann er heutzutage seinen wohlverdienten Ruhestand genießen, solange sein inzwischen labil gewordener Gesundheitszustand das noch zulässt.

Die Aufzeichnungen von Johann W. Töws waren ursprünglich nur für die eigenen Verwandten gedacht. Da ihn aber immer wieder Schüler aus der Zentralschule über seine Erfahrungen im Laufe seines langen Lebens befragten, entschloss er sich, sie in Buchform zu veröffentlichen. Damit stehen sie heutzutage allen Lesern zur Verfügung und geben Einblick in eine interessante und spannungsreiche Erlebniswelt eines Bürgers der Kolonie Menno und darüber hinaus in die Lebenswirklichkeit der Bewohner des paraguayischen Chaco.


3. Frau H. B. Töws (Maria geb. Wiebe): Meine Erinnerungen und Erlebnisse in Canada und Paraguay. o.O. und o. J., 83 Seiten.

Maria Töws, die Mutter des oben genannten Johann W. Töws, berichtet über ihre Lebensgeschichte, weil, wie sie schreibt, „der Herr mit mir sehr tiefe Wege gegangen ist, und ich von vielen Menschen gebeten wurde, meine Erlebnisse mit dem Herrn zu beschreiben". In der Tat, diese Frau hat in ihrem Leben viel gelitten. Sie wurde 1889 in Neuanlage bei Gretna, Manitoba, geboren. Die Schuljahre waren für sie die schönste Zeit. Sie hatte neun Geschwister und musste früh bei der Feldarbeit mithelfen.

Bereits als Kind hatte sie manche Leiden zu ertragen. Einmal wurde sie beim Brunnengraben fast verschüttet, das andere Mal verbrannte sie sich mit dem Kaffeewasser das Bein. In der Jugendzeit half sie auf verschiedene Weise ihren Eltern, ließ sich taufen und heiratete 1908 Heinrich B. Töws. Wirtschaftlich schwere Zeiten veranlassten ihre Eltern sowie auch das junge Paar mehrmals den Wohnort zu wechseln. Schließlich wanderte sie im Jahr 1927 mit ihrem Mann und ihren zehn Kindern nach Paraguay aus. Die Erlebnisse in diesem südamerikanischen Land bilden den Schwerpunkt ihrer Lebensbeschreibung.

Ausführlich beschreibt Maria Töws ihre Schiffsfahrt über den Ozean sowie ihre mehrtägige Reise mit dem Ochsenfuhrwerk in den Chaco. Nachdem sie elf Monate in Loma Plata gewohnt hatten, zogen sie im August 1928 nach Waldheim. Sie begannen in einfachen Verhältnissen: „Den ersten Tag stellten wir unsere Zelte auf und luden unsere Sachen ab und machten wieder alles fertig, in den Zelten zu wohnen. Wir hatten vier Zelte, zwei Schlafzelte, ein großes Zelt, wo wir wohnten und auch aßen, und ein Zelt, wo wir unsere Kisten drinnen hatten. Den zweiten Tag stellten wir einen Hühnerstall auf. Vier Pfosten wurden aus dem Busch geholt und eingegraben und dann mit Maschendraht umzogen. Das Dach wurde von Zinkblech gemacht" (S.29).

Krankheiten verhinderten den raschen wirtschaftlichen Aufstieg. Ein Sohn und eine Tochter waren abwechselnd an Typhus erkrankt und waren wochenlang ans Bett gefesselt. Einige Personen wurden von Schlangen gebissen, doch alle blieben am Leben. Schließlich hatte auch Frau Töws selber an Krankheiten zu leiden. Doch den schwersten Kampf hatte sie zu bestehen, als sie 1944 Krebs an der Zunge bekam. Mehrmals musste sie deswegen nach Buenos Aires fahren und hatte sich vieler sehr schmerzhafter Behandlungen zu unterziehen, die damit endeten, dass ihr der Unterkiefer und Teile der Zunge wegoperiert werden mussten. Frau Töws wurde gesund, doch ihr Mann starb 1953 an Herzschlag.

Nachdem einige ihrer Kinder nach Kanada gezogen waren, kehrte auch Frau Töws 1956 in das Land ihrer Geburt zurück. Es gab ein frohes Wiedersehen mit Verwandten und Bekannten. Doch auch hier hatte sie unter Krankheiten zu leiden, worüber sie in Tagebuchform berichtet. Das Buch schließt mit besinnlichen Gedanken zu ihrem 70. Geburtstag und mit der Bitte zu Gott: „Herr, verlasse mich im Alter nicht!"

Das Buch ist in schlichter Sprache abgefasst worden und zeigt die Wirklichkeit des Alltagslebens. Es ist allein schon deswegen ein wichtiges Dokument aus der Anfangszeit der Kolonie Menno, weil es von einer Frau geschrieben wurde, die sich zwar selber noch Frau H.B.Töws nennt und nicht einmal ihren Namen Maria auf das Titelblatt schreibt, dennoch aber den Mut hat, mit ihren Aufzeichnungen an die Öffentlichkeit zu treten. Dafür sollten wir ihr dankbar sein.


4. Heinrich Ratzlaff (Hrsg.): Das kurze, leidvolle Leben des Heinrich J. Töws. Loma Plata 2001, 28 Seiten.

Heinrich Ratzlaff, der Archivar der Kolonie Menno, hat in dieser Broschüre zwei aufregende und zum Nachdenken anregende Dokumente veröffentlicht. Hier der Sachverhalt: In der Schule in Altona, Manitoba, werden am 9. Oktober 1902 drei Männer und drei Schülerinnen angeschossen und der Schütze versucht anschließend, sich selber zu erschießen. Er überlebt, ist jedoch erblindet und mehrere Tage bewusstlos. Eine Schülerin stirbt an den Folgen der Schussverletzungen.

Dieser Vorfall ist für die Leser im Chaco bedeutungsvoll, weil er sich in einem mennonitischen Umfeld abspielte und der Täter ein Mennonit war. Der Schütze, Heinrich J. Töws, war der Bruder des Delegaten Bernhard Töws, der 1921 an der Chacoexpedition teilnahm. Bei den Dokumenten handelt es sich erstens um einen Brief, den der Lehrer Heinrich J. Töws am 15. Februar 1900 an seinen Freund Jacob Braun in Kanada geschrieben hat, und zweitens um eine Beschreibung des Ereignisses von seinem Bruder Bernhard Töws. Beide Dokumente sind zum besseren Verständnis von Heinrich Ratzlaff eingeleitet worden.

Der Brief offenbart den zerrütteten Seelenzustand eines intelligenten, aber im Leben gescheiterten Menschen. Seine Lehrerausbildung hat er nicht beendet, er ist krank und kämpft ums finanzielle Überleben. Die mennonitische Gesellschaft hat er verlassen, weil er sich in sie nicht integrieren konnte, leidet aber daran und ist am Verzweifeln: „Mir däucht mein Grab nahe, nahe zu sein, und was bringe ich mit? Weiter nichts aus dem ganzen reichen Leben als Irrtümer, Sünden, Krankheit; einen verstümmelten Körper, eine verödete Seele, die Brust voll Kummer und ein Alter voll Reue" (S.6). Seine letzte Hoffnung sind noch drei Freunde aus Altona, die ihm Briefe geschrieben haben, und vor allem seine Mutter, die für ihn betet. Doch er weiß: „Bis zum Kreuz Christi mag eine Mutter ihr Kind bringen, aber glauben muss jeder für sich selbst" (S.9).

Das Dokument seines Bruders Bernhard beschreibt kurz den Vorfall und dann vor allem die Besuche und Gespräche mit ihm im Krankenhaus und im Gefängnis. Der Leser erfährt, dass Heinrich J. Töws seine Tat offenbar im Zustand der Bewusstseinstrübung verübt hat und später vor allem darunter leidet, dass er ein Mädchen erschossen hat. Nach vielen Gebeten und hartem Ringen findet er Vergebung bei Gott und den Menschen und stirbt am 19. Januar 1903 im Gefängnis.

Die Broschüre schließt mit 26 Strophen eines Liedes, das Abram Harder über „diese traurige Geschichte" verfasst hat.

Jakob Warkentin


5. Braun, Jacob A. Im Gedenken an jene Zeit. Mitteilungen zur Entstehungsgeschichte der Kolonie Menno, Loma Plata, 2001, 120 Seiten.

Der Autor des Buches „Im Gedenken an jene Zeit" kam mit 17 Jahren in den paraguayischen Chaco. Jacob A. Braun gehörte zu den Pioniersiedlern und hat die ganze Ansiedlung der aus Kanada eingewanderten Mennoniten bewusst miterlebt. Die Tendenzen der heutigen Geschichtsschreibung konzentrieren sich darauf, nicht nur eine „Geschichte der Helden" zu schreiben, sondern auch auf den gesamten Prozess der geschichtlichen Entwicklung acht zu geben und in diesem Sinn kann das vorliegende Büchlein ganz bestimmt einen bedeutenden Beitrag liefern. Das Buch, mit einer interessanten Umschlaggestaltung, enthält rund 120 Seiten eindrucksvoller Geschichten, die Ende der sechziger Jahre von Braun in Kanada geschrieben wurden. Der Hauptteil des Buches beinhaltet die Auswanderung der Mennoniten aus Kanada und ihre Ansiedlung im zentralen Chaco. Die Berichte aus der Ansiedlungszeit im Chaco beziehen sich größtenteils auf die Verwaltungsarbeit und wirtschaftlichen Aktivitäten während der ersten Jahre des Bestehens der jungen Kolonie.

Der Vorteil dieser Berichterstattung ist, dass Braun ein „Insider" der damaligen geschichtlichen Ereignisse ist. Weniger positiv ist die relativ späte Aufzeichnung seiner Erinnerungen, die manchmal einige zeitliche Unklarheiten erkennen lassen. Schon bald nach der Ankunft in Puerto Casado kamen die Leitereigenschaften von Jacob A. Braun voll zum Zuge. Er übernahm mit die Hauptverantwortung des Siedlungsprojektes. Nachdem in den vierziger Jahre andere Personen die Hauptverantwortung in der Kolonie Menno übernahmen, verpflichtete er sich für die Abwicklung der Geschäfte in Asuncion. Nach einiger Zeit verschlug ihn das Schicksal zurück nach Kanada, wo er dann nach dem Tod seiner Frau seine Erinnerungen aufgeschrieben hat. Sie bestehen größtenteils aus Mitteilungen und Briefen die an Martin W. Friesen und hauptsächlich an Jacob D. Harder gerichtet sind.

Die Reihenfolge der beschriebenen Themen wirkt im ersten Ansatz etwas verwirrend, und einen Gesamtzusammenhang erhält man erst, nachdem man das Buch ganz gelesen hat. Inhaltlich spiegelt es eine breite Palette von Themen wieder, die mit allgemeinen Gedanken zur Täufergeschichte und der Auswanderung nach Paraguay ansetzt. Nach weiteren allgemeinen Abhandlungen wie Schulwesen, Verweigerung des Militärdienstes und Gründe zur Auswanderung, wird dann konkret auf die Ankunft der kanadischen Mennoniten in Puerto Casado Bezug genommen. Die ersten Erfahrungen in Puerto Casado und die ganze Organisationsarbeit, um die Übersiedlung in den zentralen Chaco einzuleiten, werden ziemlich ausführlich behandelt. Sehr interessant wird auch der Entstehungsprozess des „Chortitzer Komitee" und die allmähliche Auflösung des „Fürsorgekomitee" geschildert. Erlebnisse aus dem administrativen Bereich des ersten Jahrzehntes der Ansiedlung wie z.B. der Aufgabenbereich der verschiedenen Verwaltungsorgane, Gründung des Kolonieladens, Kauf und Installierung von Industrieanlagen, Auswirkungen des Chacokrieges auf die Mennoniten, wirtschaftliche Kontakte mit der Landeshauptstadt Asuncion usw. nehmen einen breiten Raum ein.

Wenn die geschichtlichen Darstellungen von Braun auch nicht in wissenschaftlicher Form geschrieben sind, so bilden sie doch einen sehr wichtigen Bestandteil in der Geschichtsschreibung der Kolonie Menno, da sie die authentischen Erfahrungen eines wichtigen Mannes der Kolonisierung des paraguayischen Chaco widerspiegeln. Auffallend ist wohl auch, wie selten über den Sinn dieses Kolonisationsprojektes philosophiert wird. Dagegen beinhalten die Berichte aber wertvolle, informative und dokumentarische Elemente. Lesenswert ist dieses Buch auf alle Fälle und besonders, wenn man sich für die alltäglichen verzwickten Umstände der Ansiedlungszeit der ersten mennonitischen Kolonie in Paraguay interessiert.

Hans Theodor Regier


Hiebert, Abram W. und Jacob T. Friesen. …eine bewegte Geschichte… die zu uns spricht. Materialien zur Entwicklungsgeschichte der Kolonie Menno. Ein Beitrag zur 75. Gedenkfeier Juni 2002, Loma Plata, 2002, 330 Seiten.

Die Jubiläumsfeier zum 75-jährigen Bestehen der Kolonie Menno hat auch für die Geschichtsschreibung der Mennoniten in Paraguay einige wertvolle Beiträge geliefert. Dazu zählt ganz bestimmt auch die Materialsammlung zur Entwicklungsgeschichte der Kolonie Menno von Abram W. Hiebert und Jacob T. Friesen. Beide Autoren sind eng mit dem Aufbauprozess dieses Siedlungsunternehmens im zentralen Chaco verbunden. Besonders Abram W. Hiebert hat jahrzehntelang im Dienst der Gemeinschaft gestanden. Seine Arbeit für die Gemeinschaft begann im ersten kleinen Kaufladen der Kolonie Menno. Nach der Ausführung verantwortungsvoller Arbeiten in der Kolonieverwaltung innerhalb der Kolonie Menno zog Hiebert gemeinsam mit seiner Familie Anfang der fünfziger Jahre nach Asunción, wo er die Leitung der Vertretung Mennos in der Landeshauptstadt übernahm. Seine Hingabe und der breite Erfahrungsrahmen waren für den Aufbau der Gemeinschaftsarbeit von großer Bedeutung.

In der Einleitung dieses Werkes wird von Jacob T. Friesen darauf hingewiesen, dass die Zielsetzung des Buches darin besteht, an erster Stelle den Bürgern der Kolonie Menno ihre Geschichte in Form von Berichten eines Zeugen erster Hand zugänglich zu machen. Es geht also nicht um eine wissenschaftliche Abhandlung der Geschichte Mennos, sondern darum, dem interessierten Leser eine übersichtlich gegliederte Berichterstattung des geschichtlichen Prozesses dieser Siedlung zu ermöglichen.

Das umfassende Buch mit 330 Seiten, ist in vier Hauptteile gegliedert. Im ersten Teil geht es um die Einwanderung der kanadischen Mennoniten um 1927 unter der Verwaltung des „Fürsorgekomitees". Weiter werden der Anfang der neuen Ansiedlung und die ersten Schritte ihrer Entwicklung bis 1936 geschildert. Im zweiten Teil wird die Gründung der „Sociedad Civil Chortitzer Komitee" während der ersten Entwicklungsstufe und der kolonisatorischen Erweiterung während der Jahre 1936 bis 1961 beschrieben. Ein gewisser Stabilisierungsprozess kann in diesem Zeitraum festgestellt werden. Der dritte Teil des Buches enthält die Zeitspanne von 1962 bis 1997, in der der starke Entwicklungsfortschritt auf Grund starker finanzieller Unterstützung die Hauptthematik bildet. Unter anderem wird in diesem Zusammenhang immer wieder auf die Errungenschaften im Produktionsbereich, die Verbesserungen der Transportmöglichkeiten, die wirtschaftlichen Erfolge und Erweiterungen in den Vermarktungseinrichtungen Bezug genommen. Die gesamte Entwicklung spielt sich im Rahmen der „Sociedad Cooperativa Colonizadora Chortitzer Komitee" und der „Sociedad Civil Chortitzer Komitee" ab. Im vierten und letzten Teil werden einige weitere Abhandlungen zur Geschichte der Kolonie Menno aufgeführt.

Wie es schon im Titel des Buches heißt, erwartet den Leser keine wissenschaftlich ineinander greifende Abhandlung eines wichtigen Teiles der mennonitischen Geschichte in Paraguay, sondern mehr eine Sammlung von historisch wichtigen Materialien zur weiteren Geschichtsforschung. Besonders wertvoll ist auch die Fülle von Fotos, die wir in diesem Buch vorfinden. Viele noch nicht veröffentlichte fotografische Materialien finden hier ihren Weg zum geschichtsinteressierten Leser. Auch statistische Daten und Landkarten aus der Ansiedlungszeit ergänzen das Geschichtspuzzle in wertvoller Art. Eine gut gegliederte Aufmachung erleichtert die Lektüre der oft schweren und leidvollen Geschichte der Pioniere Mennos. Man auch sehr bald merkt, dass der Autor selber Teil dieser Geschichte ist.

Hans Theodor Regier

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