Kulturelle Beiträge | Jahrbuch 2002

Erlebnisse einer Neuländerin in einem Mennodorf
Sina Warkentin (1)

Die sehr langsame Bahnfahrt in den Chaco gab uns Gelegenheit, die Natur zu beobachten. Neben den dicken Flaschenbäumen sah ich auch Kakteen, so wie sie bei meiner Oma auf dem Fensterbrett gestanden hatten. In Puerto Casado entdeckten wir die verlockend aussehenden Feigenkaktusbeeren. Vorsichtig steckten wir sie in die Tasche und fragten den Fuhrmann nachher, ob man sie essen könne. Taschen und Körperteile waren aber schon voller kleiner Stacheln.

Auf dem Pferdewagen waren Erdnussballen als Pferdefutter, doch pflückten wir die kleinen Erdnüsse vom Stroh und verzehrten sie als Leckerbissen. Als wir abends ein Lagerfeuer machten, hat Peter Hiebert für uns Eier gebraten. Das war ein kostbares Essen, das wir lange nicht mehr gehabt hatten. Seine Frau hat später öfters für uns Rührei zubereitet oder Eier gebraten. Mir war jedes Ei zu schade, das der Hund bekam. Schließlich hatte ich aber von den Eiern genug, denn inzwischen hatte ich zu viel davon gegessen.

In Edental waren damals nur sieben Bauernhöfe, die jungen Ehepaaren gehörten. Deshalb gab es da auch noch keine Schule für uns, und zum Gottesdienst fuhren wir nach Weidenfeld. Dort fiel uns besonders der Gesang mit dem Vorsänger und den langen Liedern auf.

In der Regel fuhren wir jeden Mittwoch zu Mutta-Großmama nach Weidenfeld, um von dort Trinkwasser zu holen. Da sie einen Verkaufsladen hatten, konnten wir dort jedes Mal reichlich Candy im Stoa essen. Ich empfand das freundliche Grüßen und gemütliche Spazieren als sehr angenehm. In Russland wurde ja nur gearbeitet, auch sonntags. Das kam damals auch in unseren Kinderspielen zum Ausdruck, wo wir in die Rolle der arbeitenden Mütter schlüpften. Im Chaco wurde mir bewusst, dass zu einem gesunden und sinnvollen Leben nicht nur Arbeiten, sondern auch Ruhen gehört. Ich bin noch heute für die freien Sonn- und Feiertage sehr dankbar!

Da die jungen Bauern in Edental nur kleine Häuser hatten, wurde unsere Familie aufgeteilt. Mein Bruder, Peter Hildebrandt, und ich blieben bei Hieberts, während meine Mutter und meine Cousine zu Peter Klassens kamen. Im Haus und im Garten lernten wir nun die verschiedenen Arbeiten kennen. Besonders glücklich war ich, dass ich Hieberts erstes Baby hüten durfte. Durch diese Trennung von meiner Mutter konnte ich mich von ihr lösen, denn auf der Flucht hatte ich immer mit ihr in einem Bett geschlafen. Manchmal hatten wir nur einen Mantel zum Zudecken gehabt. Im letzten Winter hatte ich ein graues Soldatenhemd umgeändert und in ein Kleid verwandelt. Welch ein Gegensatz war es, als nun Frau Hiebert für mich vier hübsche Sommerkleider genäht hatte. Seither gehört ein neues Sommerkleid zu meinen Weihnachtserlebnissen.

Als im April 1948 mit Hilfe von Herrn Hiebert unser Häuschen in Friedensheim, Kolonie Neuland, gebaut wurde, erkrankte zu Hause seine Tochter Sauna. Die Mutter fuhr mit ihrem Baby zu ihrer Mutter nach Weidenfeld, denn einen Arzt gab es damals in der Kolonie Menno nicht. Aber selbst die beste Mutter konnte in solchen Fällen nicht immer helfen. Sauna starb über Nacht, noch ehe Vater Hiebert von Neuland nach Hause gekommen war. Die Reise mit dem Pferdewagen hatte allzu lange gedauert. Damals starben viele kleine Kinder in Menno an einer Krankheit, die starke Halsschmerzen hervorrief.

Meine Mutter war mit meiner Cousine Katja Willms bei Familie Abram Klassen untergebracht, denn diese Familie hatte bereits fünf Kinder, was mit viel Arbeit verbunden war. Für uns war es eine neue Erfahrung, am Familientisch einen Familienvater zu sehen, der im guten Sinne Anordnungen auf dem Hof und im Garten geben konnte. So ein riesiges Ehebett, wie die Klassens hatten, war uns bis dahin unbekannt. Besonders beeindruckte uns die darüber hängende Babyschaukel, in der die Mutter beim Liegen das Kind in den Schlaf schaukeln konnte. Heute weiß man, wie wichtig der Körperkontakt zwischen Mutter und Kind ist, wenn es angstfrei aufwachsen soll. In der Geborgenheit der Familie erwirbt es ein Urvertrauen, das für das spätere Selbstvertrauen eine wichtige Voraussetzung ist.

Als wir in Edental waren, erkrankte Herr Klassen schwer. Er bekam Lähmungen und konnte nicht mehr gehen Es war erstaunlich, wie viele Leute am Sonntag bei Klassens zu Besuch kamen und mithalfen, wenn es nötig war. Für uns war das Leben bei und mit diesen Familien sehr wichtig, um uns in dem für uns neuen Land Paraguay zurecht zu finden. Auf diese Weise lernten wir das praktische Leben in dieser neuen Umgebung kennen. Wir wussten nun, wie man hier im Chaco lebt und arbeitet. Für mich war es eine wohltuende Erfahrung zu erleben, dass man ein willkommener Gast war, den man gerne wiedersehen möchte. Das war das genaue Gegenteil von dem, was wir als Flüchtlinge auf unserem weiten Weg von Russland bis Paraguay erlebt hatten.

Mit unseren Gastfamilien in Menno sind wir immer in Kontakt geblieben. Als Kinder machten wir später mit dem Ochsenfuhrwerk eine Reise von Friedensheim in Neuland nach Edental in Menno. Einen ganzen Tag und eine Nacht waren wir unterwegs. Der Wagen war mit Kafirstroh, das als Futter für die Ochsen diente, gefüllt. Unterwegs diente es als Schlaflager, wenn einige von uns müde geworden waren. Tags liefen wir manchmal auch zu Fuß hinter dem Wagen her, wenn uns das Fahren zu langweilig wurde. Nachts zählten wir die vielen Königinnen der Nacht, die weiß aus dem dunklen Busch leuchteten. Wir zählten damals auf der Fahrt insgesamt mehr als 900 dieser Prachtblüten. Daneben erzählten wir uns auch Gruselgeschichten. Kein Wunder, dass wir immer sofort an einen Jaguar oder Puma dachten, wenn wir irgendwo im Dunkel ein paar Augen leuchten sahen. Viel konnten wir in der Dunkelheit allerdings nicht sehen, denn wir besaßen damals nicht einmal eine Taschenlampe. Die Reise lohnte sich trotz der Strapazen, denn in Menno konnten wir uns einmal wieder richtig an Obst satt essen. Auch das Wiedersehen mit unseren guten Bekannten und Freunden tat uns gut.

Unterwegs hatten wir immer feste Standplätze, wo wir auf den Hof fuhren, um eine kurze Rast einzulegen und die Ochsen oder Pferde zu füttern und zu tränken. Ich denke manchmal, ob wir heute auch noch so bereit wären wie unsere Gastgeber damals, nämlich alles mit anfänglich ganz fremden Menschen zu teilen und sie für ein halbes Jahr in unser Haus aufzunehmen? Wäre diese Einstellung, wie sie damals in Menno und auch in der Kolonie Fernheim verbreitet war, heute noch in gleicher Weise vorhanden, so könnte viel Not und Elend in der Welt gelindert werden.

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Fussnoten:
Leicht gekürzter Bericht aus dem Vortrag vom 25.6.2001 in Loma Plata
Sina Warkentin erlebte als Kind die Flucht aus Russland, sowie die Ankunft und Ansiedlung in Neuland.