Kulturelle Beiträge | Jahrbuch 2002

Wie vor hundertfünfzig Jahren ...
In einer russlanddeutschen Altväterschule im Chaco von Paraguay

Walter Quiring (1)

Über drei Monate bin ich nun schon auf der Ansiedlung, aber noch ist es mir nicht geglückt, eine einzige Schule zu besuchen. Ganz planmäßig arbeite ich beim Lehrer des Dorfes, einem jungen Bauern, auf mein Ziel hin, aber als ich meine Bitte endlich vorbringe, ist er doch überrascht und bittet sich Bedenkzeit aus.

Ich weiß, dass er sich vorher mit dem Prediger des Dorfes, einem misstrauischen, aber treuherzigen Menschen, verständigen will, doch auch dort habe ich vorgearbeitet, und meine Bitte wird gewährt.

Morgens regnet es leicht, und der Wind bläst kalt aus dem Süden. Solches Wetter erzeugt in diesen dürftigen Verhältnissen eine Stimmung der Miesepetrigkeit, die nur durch Einschaltung des Willens überwunden werden kann. Im Hause ist es genauso kalt wie draußen, denn Glasfenster und Öfen gibt es im Chaco nicht. Die Menschen laufen in Jacken und Mäntel gehüllt einher, dabei aber sind die meisten barfuß.

Mein kleiner Freund Franz, der mir morgens beim Waschen immer das Wasser in die Hände gießt (die ganze Familie ist trachomkrank), drückt sich vor Ungeduld die Nase platt an meinem Drahtgitterfenster und mahnt wiederholt schüchtern: „Onkel, de Leera jeet aul". Also los!

Auf der Straße hole ich eine Kindergruppe ein, die um eine tote Schlage herumsteht. „Habt Ihr die getötet"?, frage ich. „Ja, der Jakob hat das", erzählt zutraulich ein kleines Mädel, „mit der Tafel haute er ihr eins aufs Kreuz. Dann können sie nicht mehr kriechen. So tun die Indianer das auch..."

Der Jakob steht da wie ein kleiner Siegfried, vor Eifer und Stolz ganz rot im Gesicht. An seinen Backen bewundere ich die Dehnbarkeit der menschlichen Haut, so dick ist sie.

Wir gehen zusammen der Schule zu. Wie frisch die kleine Bande zwitschert und schwätzt. Völlig unbefangen geben sie sich, was sicherlich auch daher kommt, dass ich ihr Danziger Plattdeutsch spreche. Ein prachtvolles Schülermaterial ist das, völlig gesund und unbelastet. Aber wie ein Krampf greift wieder an mein Herz das Gefühl, dass wir ein Volk sind ohne Raum und dass hier wieder einmal wertvolles deutsches Volkstum hinausgehen musste, das nun in diesem elenden Busch ein kärgliches Dasein fristest.

Der Lehrer steht schon wartend am Pult, als wir eintreten. Schweigend begeben sich die Kinder auf ihre Plätze. Auf den langen Bänken sitzen einige Kinder und lernen. Niemand spricht laut, obzwar der Unterricht noch nicht begonnen hat.

Das Schulzimmer ist auch von innen nicht geweißt. Vorn auf einer quer durch das Zimmer reichenden gemauerten Erhöhung, hier Katheder genannt, steht der Lehrertisch mit einem Pult und einer langen Bank, auf der sonntags beim Gottesdienst die „Vorsänger" sitzen. Links sehe ich einen offenen Schrank mit Schiefertafeln, Gesangbüchern und Bibeln. Vorn an der Wand hängt eingerahmt unter Glas in großes, bedrucktes Blatt, auf dem ich noch gerade entziffere „Schulregeln".

Flüsternd unterhalte ich mich mit dem Kollegen. Auf ein Zeichen drängen die Kinder in die Klasse, und der Unterricht beginnt. Der Lehrer holt das dicke Gesangbuch hervor, ein uraltes, und beginnt zu singen. Nach und nach fallen auch die Kinder mit ein. Vier Strophen werden gesungen, dann beten alle gemeinsam das Vaterunser, worauf stehend, wie jeden Morgen, in schaukelndem Rhythmus die „Schulregeln" wiederholt werden:

Das erste, was Du tust,
Wenn Du erwachest früh,
Sei ein Gebet zu Gott,
Kind, das versäume nie!
 
Dann stehe schleunig auf
Und biete guten Morgen
Den Eltern, die für Dich
In treuer Liebe sorgen.
 
Dann wasch' und rein'ge Dich,
Zieh ordentlich Dich an,
Unreinlich darfst Du nie
Dich Deinem Lehrer nah'n....

 
und so fort - 23 Strophen.
 
Auch die Namen der Bibelbücher werden anschließend im Chor aufgesagt:
 
In des alten Bundes Schriften
Merke in der ersten Stell
Mose, Josua und Richter,
Ruth und zwei von Samuel,
Zwei der Kön'ge, Chronik, Esra,
Nehemia und Esther mit,
Hiob, Psalter, dann die Sprüche,
Prediger und Hohelied

 
usw., insgesamt sechs Strophen.

Dann dürfen wir uns setzen; beinahe eine Viertelstunde ist bereits herum.

„Lesen", befiehlt der Lehrer, und alles greift hastig unter die Tische.

Es gibt in diesen Schulen nur vier Abteilungen: Fibler, Katechismer, Testamenter und Bibler.

Die „Bibler", die Oberstufe, zerren schwere Bibelfolianten hervor, während die anderen Testamente, Katechismus und die Fibel vor sich bereitlegen. „Weltliche" Schulbücher - Lesebücher, Erdkunde-, Geschichts- und Rechenbücher - werden hier grundsätzlich nicht geduldet.

Zuerst lesen die Fibler. Alte Buchstabiermethode: hau, hau - au, au - te, te = haut (hat); de, de - au, au - es, es = daus (das)...

Das Hochdeutsche ist hier eine seltsame Ehe eingegangen mit dem Plattdeutschen: die Kolonisten sprechen auch im Hochdeutschen au statt a, also daus statt das, waus, Krauft, haute(hatte), gauns statt ganz usw. Für hochdeutsch u gerauchen sie ü, also Dü statt Du, Hüt = Hut, Wüt, Müt... Au wird von den Alten vielfach auch als äu ausgesprochen, z.B. äuf für auf, Häupt - Haupt, Gläuben - Glauben usw. Auch sprechen die Kolonisten statt hochdeutsch a z.B. vor g ihr Plattdeutsches öo; sagen heißt dann söogen (Plattdeutsch sajen), Wöogen - Wagen, klöogen - klagen...

„Das ist das eigentliche Hochdeutsch", erklärt mir später kampflustig der Lehrer, „das allein richtige Hochdeutsch. Nicht Ihr in Deutschland, sondern wir hier im Chaco sind die Träger des ursprünglichen Deutsch. Euch war die schlichte deutsche Sprache nicht mehr gut genug, Ihr wurdet stolz, und darum sprecht Ihr heute dieses komische Deutsch, das entstellte...."

Währenddessen lesen die anderen Abteilungen flüsternd vor sich hin. Von Zeit zu Zeit fährt dabei jemand in die Höhe und meldet: „Neues Wort"! Langsam begibt sich der Lehrer durch die Reihen zu dem Fragenden hin und spricht das „neue Wort" vor, ohne es jedoch zu erklären: Nebukadnezer, Zephanja usw.

Nach den Fiblern lesen nacheinander die Katechismer, Testamenter und die Bibler, während die Anfänger eine halbe Tafelseite vollschreiben sollen. Mich wundert die unnatürliche Stimmlage der Lesenden: das ist die Technik des überlieferten schleppenden Gesanges auf Lesen übertragen. Besonders kräftig betont werden aus irgendwelchen Gründen die Endsilben: hier wird die Stimme entweder stark gehoben oder auch gesenkt. Offenbar bleibt das dem Geschmack des einzelnen überlassen.

Die unruhigen Abc-Schützen stören übermütig. Längst haben sie die halbe Seite vollgeschrieben und schnellen der Reihe nach in die Höhe;

„Haub schon ne haulbe Seite voll, haub schon ne haulbe Seite voll...."

In der Klasse wird es immer kälter und ungemütlicher. Der Südwind streicht ungehindert durch die Drahtgitter. Zusammengekauert und fröstelnd sitzen die Kinder an den viel zu hohen Tischen.

Der Lehrer legt seit einiger Zeit Pausen zwischen die Stunden. Bis zu unserer Bekanntschaft hat er immer drei Stunden ohne Unterbrechung unterrichtet. Wer verschwinden musste, durfte sich melden.

Aber die Pausen sind nur sehr kurz. Das ist wie auf einer deutschen D-Zugfahrt: sobald die Reisenden eingestiegen sind, geht die Fahrt weiter.

Der Lehrer baut einen Stapel „Probeschriften" vor mir auf. Jeden Monat werden sie geschrieben und dem Prediger zur Begutachtung vorgelegt. Die Schrift ist ordentlich und sauber.

Endlich ist es halb zwölf. Ganz steif sind wir von dem langen Sitzen geworden.

Die Kinder sagen gemeinsam das Einmaleins auf (abends zählen sie bis Hundert - vorwärts und rückwärts), und nach einer kurzen Andacht verlässt die kleine Gesellschaft ruhig und gesetzt die Klasse.

Langsam gehe ich auf der sandigen Straße durch das langgestreckte Dorf meiner Wohnung zu. So also sah es in einer preußischen Schule um 1789 aus. Mein Ideal ist diese Schule allerdings nicht, nein, wirklich nicht. Aber wenn ich mir die Menschen, die diese Altväterschule auch besucht haben, näher ansehe, komme ich doch zu interessanten Feststellungen.

Vom ersten Tage meines Aufenthaltes hier fiel mir das unbefangene Vertrauen dieser Volksgenossen zu ihrem Nächsten auf und die stete Hilfsbereitschaft die weit über eine gewöhnliche Gastfreundschaft hinausgeht. Immer wenn ich wieder weiterreisen muss, werden mir von verschiedenen Kolonisten im Dorf Fuhrwerke angeboten. Und eine Ochsenfahrt von 30 bis 40 Kilometer durch den engen Busch, über dem tagsüber die glühendheiße Chacosonne brütet, ist hier ein größeres Unternehmen als etwa eine Autofahrt von Berlin nach Hamburg.

Gekränkt sind die Siedler immer, wenn ich ihre Gastfreundschaft, die ich wegen meiner Arbeit manchmal 2 bis 3 Wochen lang in Anspruch nehmen muss, irgendwie vergüten will. Erstaunt und beschämt wehren sie dann ab: „Nein, nein, bezahlen, das gibt es bei uns nicht"!

Bei einem Vergleich - auch einem wirtschaftlichen - mit den Russlanddeutschen in dem benachbarten Fernheim schneiden diese so zäh an der Überlieferung festhaltenden Siedler keineswegs schlecht ab. Und in Fernheim sind die Schulen im allgemeinen auf der Höhe und brauchen hier und dort sogar einen Vergleich mit den Schulen im Reich nicht unbedingt zu scheuen.

Aber irgendwann einmal werden auch jene Kolonisten einer Auseinandersetzung mit der „Welt" nicht länger aus dem Wege gehen können, und es bleibt nur zu wünschen, dass sie sich selber bei den kommenden Kämpfen nicht aufgeben.

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Fussnoten:
Quelle: Post aus dem Osten, 8. Aug. 1936.