Kulturelle Beiträge | Jahrbuch 2002

Die zerbrochene Deichsel
Hans Krieg (1)

Rebekka Frees ist die Tochter Abraham Frees', des Jüngeren, und die Enkelin Abraham Frees', des Älteren.

David Bergmann ist der Sohn Peter Bergmanns, des Predigers und der Enkel David Bergmanns, des Auswanderers.

Beide sind zweiundzwanzig Jahre alt, blond, fleißig und fromm. Seit einem Jahr sind sie miteinander verheiratet. Schon lange war das so ausgemacht, und es hatte sich zwischen ihnen nichts ereignet, was man eine Liebesgeschichte nennen könnte. Nun haben sie ein Kind, ein Mädchen. Alles ist in Ordnung.

Nein, nichts ist in Ordnung. Im Gegenteil, traurig sieht es aus um die beiden. Dass ihr Kind die Augenkrankheit hat, die bei den Mennoniten gang und gäbe ist, seit sie im Chaco angesiedelt wurden, ist zwar ein Unglück, aber es ist doch nicht das Wesentliche. Da ist etwas anderes. Die Nachbarn merken's nicht oder wollen's nicht merken, und es gibt Zeiten, da merken sie es selber kaum. Denn sie arbeiten und sind des Abends müde. Man ist ja bei diesen Bauern nicht sentimental und nicht kompliziert. Man betet und singt Psalmen, man arbeitet und vermehrt sich. Punktum. Hader mit dem Schicksal ist Hader mit Gott; das gibt es nicht. Punktum. Und doch gibt es das. Ich will erzählen, wie es war und wie es ist.

Abraham Frees, der Ältere, lebt noch. Ich glaube, er ist der einzige unter den Kanada-Mennoniten im Chaco, der noch die Zeiten erlebt hat, als die deutschen Mennoniten zum zweiten Male die Heimat wechselten und von der Ukraine und Sibirien nach Kanada gingen, um dort nach den Regeln ihrer Sekte leben zu können. Die Mennoniten sind ja Kriegsdienstverweigerer, und ihre Lehre bringt es auch sonst mit sich, dass gerade die Strenggläubigen unter ihnen immer wieder in neues Land ihre Pflüge setzen müssen, sobald das alte aufhört, ihre Besonderheiten zu dulden. Deutschland - Russland, das war der erste Wechsel; Russland - Kanada, das war der zweite, Kanada - Chaco der dritte. Abraham Frees also, der Ältere, kann noch von Russland erzählen. Russisch hat er nie gelernt, auch in Kanada kein rechtes Englisch. Warum sollte er jetzt auf seine alten Tage noch Spanisch oder Guaraní oder gar die Lenguasprache lernen? Er bleibt wie alle seinesgleichen bei seinem alten Plattdeutsch, kann in der deutschen Bibel lesen und beim einstimmigen Gesang der Kirchenlieder mittun. Er versteht was vom Weizenbau und von Pferden und Rindern. Aber im übrigen will sein einfacher Geist nicht mit Dingen und Gedanken belastet werden, die das diesseitige Leben unruhig und das jenseitige ungewiss machen. Und so wie Abraham Frees, der Ältere, sind sie alle in seiner Sippe ein wenig stur, ein wenig engherzig und ein wenig bauernschlau trotz allem. Und sie sehen alle auf die Russländer mit leiser oder lauter Missbilligung, denn jene, die eine Generation länger in Russland geblieben und, ohne es zu wissen, ein wenig angekränkelt sind von den sogenannten Freiheitsgedanken unserer Zeiten, jene singen mehrstimmige Lieder, die weltlich klingen, ihre jungen Leute liebäugeln mit der Außenwelt, und ihre Lehrer sind neuerdings sogar nach Asunción gefahren, um Spanisch zu lernen.

Es wird mit den Russländern drum ein schlimmes Ende nehmen, meint Abraham Frees, der Ältere, und verzieht streng sein altes, faltiges Bauerngesicht, das sonst immer so unbeteiligt und ruhig in die Welt sieht.

Die Russländer müssen durch einige Dörfer der Kanada-Mennoniten hindurchfahren, wenn sie mit ihren Ochsenkarren mühselig zur Endstation der Casadobahn reisen, um Weizenmehl und Zucker und andere Notwendigkeiten für ihre einsamen Dörfer zu holen. Die jungen Kerle, die auf den Karren hocken und lustig mit ihren langen Peitschen knallen, die schlagen nicht die Blicke nieder, wenn sie die blonden Kanadamädchen zum Ziehbrunnen gehen sehen, sondern rufen ihnen wohl sein paar herzhafte plattdeutsche Worte zu, und diese Worte haben sie nicht aus der Bibel und nicht aus dem frommen Liederbuch bezogen. Dann werden die Mädchen rot und gehen rascher, denn es wäre undenkbar, dass eine von ihnen sich etwa mit einem der Russländer einließe, von denen man sich so unfromme Dinge zu erzählen weiß.

Nun muss man aber wissen, dass Rebekka Frees ein gesundes und hübsches Mädchen war, ehe sie die Frau des David Bergmann wurde, und dass sie ein Erlebnis hatte kurz vor der Hochzeit, das ihr noch heute sozusagen in den Knochen sitzt.

Alles wäre gut gewesen, wenn nicht vor rund anderthalb Jahren am Ochsenkarren des Russländers Johann Klausner die Deichsel gebrochen wäre, gerade als er an der Zisterne eines Kanadierdorfes vorbeikam auf der Rückreise von der Bahn zu seinem Heimatdorf. Fünf Tage war er schon unterwegs gewesen, denn die Wege waren schlecht damals; seine Ochsen waren so schlapp, dass sie kaum mehr gehen konnten. Zwei Tagereisen mindestens musste er noch rechnen bis zu seinem Heimatdorf; denn es war eines der entlegensten.

Es blies ein schwerer, kalter Staubsturm von Süden her, der einem den Atem verschlug. Drum ließ er die Ochsen sich niedertun und flüchtete sich in den Windschutz des hohen Brunnenrandes.

Dort saß schon jemand. Dort saß Rebekka Frees mit ihrem großen Wassereimer und wartete auf das Ende des Sturmes. So kamen die beiden zusammen, und der Sturm und der Bruch der Deichsel hätten ihnen Glück bringen können, wenn sie beide Kanadaleute oder beide Russländer gewesen wären, und wenn es nicht zudem schon eine ausgemachte Sache gewesen wäre zwischen Rebekka Frees und David Bergmann.

Johann Klausner war ein lustiger Junge und hatte keine Angst vor den Mädchen. Er hockte sich neben Rebekka Frees und machte Späße, dass sie lachen musste. Da war ja weiter nichts dabei.

In wilden Stößen fegte der Pampero über das ebene Land, riss Äste von den beiden schlanken Urundeí-Bäumen, die dicht am Brunnen standen, und es schien, als wolle er die phantastisch gewundenen hellen Stämme der Paratodos zu immer wilderen Formen verwirren. Hörbar rieselte und rauschte der Sand, den der Sturm teils in der Luft, teils am Boden vor sich her trieb. Himmel und Landschaft lagen in einem düsteren Gelb, und es war eine Stimmung ringsum, als wollte etwas Ungeheuerliches vor sich gehen. Rebekka Frees war zuerst erschrocken, als der junge Mensch dahergerannt kam und sich kurzerhand neben sie setzte. Aber dann sah sie seine blonden Haare, und es war ihr, als sei alle Drohung des Sturmes jetzt nicht mehr so schlimm. Wenn Mädchen ein wenig Angst haben, dann werden sie leicht zutraulicher, als es sonst ihre Art ist; deshalb lachte sie zu seinen Späßen, zuerst vor Aufregung über den Sturm und den fremden Mann, nachher vor Freude am Lachen und am Spaß. Sie hatte wohl seit Wochen niemals Grund und Gelegenheit zu Spaß und Lachen gehabt, denn so etwas war selten bei der Familie Frees und bei allen andern Familien des Dorfes.

Warum soll man sich also sonderlich darüber wundern, dass sie sich schließlich über die Haare fahren und in die Augen gucken ließ, länger als für sie gut war?

Und als der Sturm aufgehört hatte, ohne dass die beiden es merkten, da hatte sie dem guten Jungen immer noch nichts von David Bergmann gesagt.

„Jetzt muss ich nach Hause gehen", sagte sie. Und er sagte: „Jetzt muss ich die Deichsel flicken". Sie trennten sich und hatten beide heiße Köpfe und waren ein wenig hilflos wegen des Neuen, das in ihr Leben gekommen war. Aber es war ja gewiss ein Erlebnis, wie es bei jungen Leuten eben vorkommt, und Johann Klausner sang und pfiff bei seiner Arbeit am Karren, sang und pfiff auch noch, als er mit dem ächzenden Wagen langsam weiterfuhr durch den Sand, fast die ganze Nacht hindurch. Erst am nächsten Tag begann er sich zu überlegen, wie diese Sache nun eigentlich weitergehen sollte. Er fand keine Lösung. Denn wie hätte er, der Russländer, sich in ein Kanadierdorf begeben können, um dort ein Mädchen zu besuchen?

Rebekka Frees aber wagte nicht, irgend etwas zu denken. Sie war ganz ohne Trost und ohne Phantasie, fühlte sich verworfen und elend, träumte vom Fluch des Predigers und des Großvaters und fand es ganz sicher, dass keine Qual der Hölle groß genug sei für ihre Verderbtheit. Sie heuchelte Tag für Tag und wagte kaum mehr laut zu beten und tüchtig zu singen in der Betstunde. Es grauste ihr vor sich selbst, wenn jeden Abend David Bergmann in allen Ehren seinen stillen, langweiligen Besuch machte, wie es Sitte war unter Brautleuten. Niemand hätte einen Funken von Verständnis für sie gehabt, wenn sie gesprochen hätte; und sie selber war zu fromm, zu schwerblütig und zu weltfremd, um über die Sache wegzukommen. Kläglich sah es aus mit ihr.

Und doch, Ihr mögt es glauben oder nicht, wurde später ihr Gesicht und ihr Wesen allmählich hochmütiger von Tag zu Tag. Durch ein kümmerliches kleines Fensterchen hatte sie einmal hinausgesehen aus dem eignen Alltag von Sippe und Dorf, und man könnte wahrhaftig meinen, das steige ihr jetzt, nach Jahr und Tag zu Kopf. Griesgrämig und fast hoffärtig sieht sie manchmal aus, als meine sie mehr zu sein, als die Menschen um sie her, und der arme David Bergmann hat mit seinen zweiundzwanzig Jahren eine Frau, die viel, viel älter ist als er selber, ein müdes, kaltes Bauernweib.

Und doch ist ja auch sie nur zweiundzwanzig. Immer wieder bildet sie sich ein, dass sie es hätte anders haben können, frei, lustig und voller Abwechslung.

Denn sie hat erfahren, dass Johann Klausner von der Sekte abtrünnig geworden und auf einem Schiff nach Buenos Aires gefahren sei. Dort sei er in einem Kaufladen angestellt, der in einem riesengroßen steinernen Haus liege, und in diesem Laden verkaufe er wunderschöne Anzüge, Hemden, Schlipse und bunte Flaschen mit wohlriechenden Wassern an Argentinier, Deutsche und Engländer. Abends gehe er durch die hellen Straßen als feiner Herr, trinke Bier und streue das Geld mit vollen Händen unter das Volk. So erzählt man sich's in den Dörfern der Mennoniten im Chaco. Es steht in einem Brief, den Samuel Frees, der Lehrer, bekommen hat von Jakob Zimmer, dem Händler in Asunción. Und der hat es erfahren von Jonathan Zimmer seinem Vetter, der erst vor kurzem angekommen ist, und dem man es in Buenos Aires gesagt hat auf der Agentur.

Die jungen Leute haben es überall herumerzählt. Wenn nach der Betstunde von diesem traurigen Fall unchristlicher Weltsucht gesprochen wird, dann sagt Abraham Frees, der Ältere, mit bösem, strengem Gesicht: „Ja, ja, es nimmt ein schlimmes Ende mit den Russländern. Drum betet, betet und arbeitet! Und fürchtet Gottes Zorn"!

Dann sehen die jungen Leute einander verstohlen an, und man hat fast den Eindruck, als teilten sie nicht ganz die strenge, fromme Meinung Abraham Frees', des Älteren. Man könnte meinen, es glimme in ihnen ein ganz kleiner, zaghafter Funke des Widerspruchs. Manche sehen hinüber zur blassen Rebekka Frees, David Bergmanns Frau. Es ist, als ahnten sie etwas von dem dummen kleinen Erlebnis, welches sie damals hatte an der Zisterne, als dem Russländer Johann Klausner die Deichsel brach.

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Fussnoten:
Quelle: Menschen, die ich in der Wildnis traf,Stuttgart, 1935.