Kulturelle Beiträge | Jahrbuch 2002

Undankbare Lena
Felizia Reuschel (1)

Später Nachmittag. Der dröhnende Gesang der Zikaden wurde langsam erträglicher, bald würde die Abenddämmerung die noch lästigeren Moskitos antreiben, über alles herzufallen, was sich bewegte und warmes Blut in den Adern hatte. Die kleine Tina wusste, dass an Tagen wie diesem - es hatte vor drei Tagen mächtig geregnet - viele von den kleinen, lästigen Blutsaugern zu erwarten waren. Sie wollte deshalb vor Einsetzen der Dämmerung ihren Platz auf dem Algarrobo-Baum verlassen und zur Mutter ins Haus laufen. Flink kletterte sie abwärts, die alte Stoffpuppe in der linken Hand, und machte sich auf den Weg nach Hause. Ein schmaler Pfad führte durch die blassgrüne, unkrautdurchwucherte Wiese bis zum roh zusammengezimmerten Tor vor dem Elternhaus. Tina rannte so schnell sie konnte, jedoch aufmerksam den Boden betrachtend, wo in den nassen Schlammstellen jederzeit ein Frosch auftauchen konnte. Frösche! Tinchen schüttelte sich bei dem Gedanken an diese Miniatur-Monster mit den schrecklichen Glupschaugen, die einen mit der breiten Fresse ständig anzugrinsen scheinen. Und nach dem Regen konnten sie überall sein! Zum Glück saßen die ekligen Reptile lieber im Schatten als auf dem festgetretenen Pfad quer durch den Graskamp, den die Sonne um diese Tageszeit noch glühend heiß erhitzte.

Tinchen lief trotz größter Vorsicht flink auf das Haus zu, das mit seinen dicken Wänden aus Lehmziegeln, dem festen Strohdach und seinen grün gestrichenen Türen (für die Fensterläden hatte die Farbe nicht mehr gereicht) sehr einladend aussah.

Tinas Mutter Lena saß in dem Raum, der Küche, Wohnzimmer und Tinas Schlafzimmer zugleich war und flickte Hemden und Hosen von Vater und Tinas Brüdern. Lena seufzte leise, als Tinchen ins Zimmer gerannt kam; das Mädchen sollte längst auch beim Flicken der Wäsche behilflich sein können, aber Lena erinnerte sich zu gern an die Kinder, die es in Russland gegeben hatte, bevor Flucht und Krieg und die Ansiedlung hier im Chaco die Menschen, die sie kannte, so hart werden ließ: Kinder waren damals mit sechs oder sieben Jahren noch Kinder gewesen - unbeschwerter .... fröhlicher. Ihr Tinchen musste etwa sechs - manchmal mehr - Stunden täglich fest mitanpacken - helfen, wo Lena sie gerade einsetzen konnte: Brot backen, Mandioka schälen (sofern welche vorhanden waren), Wasser holen, Wäsche waschen, aufräumen usw. Nähen hatte sie der Kleinen noch nicht beigebracht. Wenigstens ein, zwei Stunden am Nachmittag sollte ihr Mädchen doch spielen dürfen!

Lena seufzte lauter. Wie oft versuchte sie vergeblich, die schönen Erinnerungen an Russland aus dem Hirn zu verbannen... nicht mehr wehmütig an die „schöne Zeit" zu denken, die mit der Reise in dieses schreckliche Land zu Ende gegangen war, und damit auch ihre eigene Kindheit. Wie undankbar fühlte sich Lena, wenn sie dieses brennende „Heimweh nach Früher" spürte und sie diesen widerlichen Chaco nicht als Zufluchtsstätte, die ihnen von Gott geschenkt worden war, ansehen konnte - wenn nichts an dieser spröden, dornigen Landschaft ein Gefühl von „neuer Heimat" in ihr aufkommen ließ.

„Lena - du bist undankbar!", schalt sie sich selbst und wandte sich wieder der Arbeit zu. Ihre Augen brannten vor Müdigkeit - sie war morgens lange vor Tagesanbruch aufgestanden und hatte die Kühe gemolken. Sie wollte jedoch unbedingt noch alle Hosen und Hemden flicken, bevor die Dunkelheit endgültig hereinbrechen würde. Ihre Augen waren längst zu schwach, um nachts beim Licht einer einzigen kleinen Schmalz-Kerze die Nähte auszubessern.

„Tinchen", sagte sie jetzt, ohne von ihrer Arbeit aufzuschauen, „du musst heute die Kühe holen, der Vater und die Jungs kommen erst morgen wieder". Sie waren seit einer Woche unterwegs auf einer „Bahnfahrt" (Fahrt zur Endstation der Schmalspurbahn).

Tina erschrak - sie wusste, dass die vier Kühe abends eingetrieben werden mussten. Draußen auf dem Kamp und im Busch konnten Pumas oder andere Bestien, die sie nicht kannte, über die Kühe herfallen. Außerdem mussten diese morgens früh gemolken werden. Sicher - es war notwendig, die Kühe zu holen. Aber warum gerade sie? „Warum ich? Und all die vielen Frösche? Sie werden mich anschauen... sie werden mich anspringen ... sie werden mich aus ihren riesigen, hervorquellenden Augen ansehen und auf mich zukommen...!" Tinas Gedanken rasten. Die Mutter hatte den gequälten Blick nicht bemerkt, sie nähte. „Mama, da sind so viele Sapos..." Tinas Stimme war kleinlaut, sie wusste, dass sie diese Arbeit heute würde erledigen müssen - es war ja kein anderer da und Mutter hatte genug anderes zu tun.

Lena sagte, immer noch ohne von ihrer Arbeit aufzusehen, „die Frösche sind völlig ungefährlich, die haben mehr Angst vor dir, als du vor ihnen". Sie konnte diese lächerliche Furcht vor den harmlosen Kriechtieren, die noch dazu überaus nützlich waren, überhaupt nicht nachvollziehen. Hätte das Kind gesagt, da draußen könnten Raubkatzen oder Schlangen gefährlich werden, hätte sie es verstanden, vielleicht Mitgefühl aufgebracht ... aber Frösche!

„Du gehst jetzt!", sagte sie deshalb kurz und bestimmt.

Tinchen ging hinaus, rief nach Brüna, dem Hund, und machte sich ängstlich auf den Weg über den Bittergraskamp.

Lena blickte nun endlich von ihrer Arbeit auf, sah dem Kind mit zur Seite geneigtem Kopf nach und dachte an Kinder in Russland. Kinder vor der Flucht, Kinder vor dem Krieg, Kinder vor der Not. Kinder, wie sie selbst eines gewesen war - damals ... in Russland.

„Kinder hatten es früher besser, als unsere Kinder heute", dachte sie bitter, „alles war besser, warum mussten wir hierherkommen"?

Sie erhob sich, um die Reste, die vom Mittagessen übriggeblieben waren, für Tinchen und sich selbst aufzuwärmen. Dazu musste Feuer gemacht werden. Es war zum Glück noch etwas trockenes Holz in der Küche. „In Russland hatten wir einen guten Herd ... Gusseisen... dieses armselige Lehmloch..." Lena konnte nicht verhindern, dass ihre Gedanken unablässig um die Zeit in Russland kreisten. Vergleiche mit der heutigen Zeit wurden immer grausamer. Sie merkte nicht, dass ihr Schmerz um die vergangene Zeit, um eine unbeschwerte Kindheit das Bild ihrer Heimat immer mehr verzerrten und vergoldeten.

Seufzend goss die hagere Frau nun etwas Fett über die Bohnen, mischte einige Grieben dazu und sammelte mit der Spitze des Küchenmessers jene Bohnen aus dem Brei heraus, die allzu durchlöchert und von Käfern zernagt waren und mit Sicherheit Würmchen bzw. Larven im weißen, stärkehaltigen Inneren beherbergten, weiß, glasig und verkocht. Eigentlich bemerkte man die Tiere beim Kauen nicht, jedoch der Gedanke... Wie verabscheute sie diesen „Fraß", der täglich der gleiche war, nur an besonderen Feiertagen oder bei Festen durch die eine oder andere Köstlichkeit wie Kartoffeln oder gar Nudeln aus weißem Mehl abgelöst wurde. Lena schämte sich schon einen Augenblick später für ihre Gedanken, die so undankbar, so unzufrieden waren. Sie müsste doch dankbar sein, dass sie die Typhus-Epidemie überlebt hatten, dass sie noch nicht wirklich hungern mussten, dass die Gemeinschaft hier im Chaco weiterhin bestehen durfte und dass die Söhne zeitweise zur Schule gehen konnten. Schule... immerhin war inzwischen sogar ein Gebäude dafür vorhanden, noch vor gar nicht langer Zeit hatten die Kinder im Busch auf Baumstümpfen sitzend ihren Unterricht erhalten. Sie sollte bereit sein zu sehen, wie es auch im Chaco immer angenehmer wurde. Lena schüttelte hilflos den Kopf, fuhr gleich darauf mit einer Hand den Hals hoch, um die Haarsträhnen, die sich aus den Kämmen, die sie noch aus Russland hatte, gelöst hatten, wieder festzustecken.

„Wieso, Gott", betete sie verzweifelt „wieso fällt es mir so schwer zu glauben, dass du uns liebst und uns deshalb in den Chaco gebracht hast. Wieso bin ich so jämmerlich und kann nicht dankbar sein für mein Leben. Wieso beklage ich mich über den Schweiß, die Fliegen, die Käfer in den Bohnen, über alles ... wenn ich doch lebe und gesund bin ... meine Kinder sind gesund. Wir dürfen dich alle zusammen anbeten, werden nicht verfolgt dafür. Wieso spüre ich nicht, dass du uns liebst, wieso kann ich nicht mehr glauben, dass du uns liebst"? Lena erschrak vor diesem Gedanken, sie verbot sich, ihn weiterzudenken und wandte sich schnell einer Arbeit zu. Zum Nähen war es im Haus schon zu dunkel, deshalb ging sie hinaus um nachzusehen, ob die Hitze des Nachmittags den Brotteig hatte etwas hochgehen lassen. Die Glut im Ofen sollte erst das wenige Essen für sie und das Mädchen erhitzen, dann wollte sie darin die Brote für den nächsten Tag - ein Sonntag - backen. Ihr Mann und die Söhne würden hoffentlich morgen zurück sein.

Inzwischen hatte Tinchen den Bittergraskamp überquert. Der festgetretene Pfad war zu Ende, sie kroch durch einen notdürftig gespannten Zaun, hier wechselten sich dorniges Gebüsch und trockene, goldbraune Grasbüschel ab. Hier und da waren noch Pfützen, an deren Rand oft eingetrocknete, dann aber wieder aufgeweichte Kuhfladen zu erkennen waren. Und lauter „Gesang" von Fröschen, zwischendurch langsam absterbendes Röhren der Zikaden ließen keine Vorahnung von „Abendfrieden" aufkommen. Nervosität, zusätzlich durch schrilles Summen der Moskitos angeheizte Gereiztheit lag über der Landschaft, in der irgendwo die Kühe herumstehen mussten. Vor allem war für Tina wichtig und beängstigend, dass sich jeder Kuhfladen jeden Moment in einen breiten, watschelnden Frosch verwandeln konnte, der sie dann mit großen, weit aufgerissenen Augen anstarren, die Backentaschen blähen und höhnische Geräusche von sich geben würde.

Tina trabte, die linke Hand bedeckte ihre Augen fast völlig, sie versuchte nicht auf den Boden zu sehen, hatte es längst aufgegeben zu versuchen, den Pfützen und matschigen Stellen auszuweichen, wollte nur diese ekligen Biester nicht auch noch anschauen müssen. Ihre rechte Hand vergrub sich im Fell des Hundes, der dicht neben ihr her lief. Täglich begleitete er „seine Leute", wenn sie die Kühe holten, er zeigte auch oft den Weg an zu dem Busch oder Weideflecken, an dem sich die Kühe gerade aufhielten. Aufmerksam hielt der Hund die ganze Umgebung im Blick, während Tinchen mit halbverdeckten Augen durch das Gestrüpp lief, in der Hoffnung, irgendwo die Kühe zu erkennen. Sie spürte die Bewegungen des Hundes, seine kräftigen Nackenmuskeln, sie fühlte sich beschützt und durch seine Nähe nicht so grausam ihrem Schicksal überlassen. Denn in ihrer kindlichen Wesensart erschien ihr die Situation beängstigend und bedrohlich. Jeder Beobachter hätte erkannt, dass Tina nicht von dem Hund begleitet wurde, sondern dass sie dem Hund folgte, wohl wissend, dass das Tier längst den Auftrag die Kühe zu holen verstanden und übernommen hatte.

Plötzlich fing der Hund an zu knurren, seine Schritte wurden langsamer, zaghafter, seine Ohren stellten sich auf, der Nacken versteifte sich unter Tinas rechter Hand, der Kopf hob sich und sein anfänglich zögerndes Knurren wurde zu warnendem, drohendem Bellen. So reagierte er üblicherweise nicht, wenn er die kleine Kuhherde sichtete. Tina spürte, dass sich etwas Drohendes, Gefährliches abspielte, schaute angestrengt in die Weite, versuchte irgendwo etwas zu erkennen, das sich rührte oder gar auf sie zukam. Ihre rechte Hand krallte sich fester ins Fell des Hundes. Ihre Augen suchten beinahe zitternd die Umgebung ab, erkannten jedoch nicht die Bewegungen in nächster Nähe: Die dünnen Grashalme in nur etwa einem Meter Entfernung hatten sich zitternd bewegt, Tina lief zögernd geradeaus, achtete auf alles, nur auf die Signale am Boden nicht. Die Zikaden hatten mit ihrem schrillen Gebrüll zwar nachgelassen, es übertönte jedoch in Tinas Ohren noch das leise, warnende Zischeln aus dem Gras. Brünas Ohren jedoch waren gespitzt und sein Blick gespannt nach vorn gerichtet. Tina rannte geradewegs darauf zu, sie würde in wenigen Sekunden die Stelle erreicht haben, aus der der Hund das bedrohliche Zischen hörte.

Tina hielt Brüna fest. Ihr Atem ging flach und stoßweise. Zu deutlich lag in der Luft, dass etwas geschehen würde. Mit einem Ruck löste sich Brüna nun plötzlich aus Tinas krallendem Griff, sprang nach vorn, bellte heulend auf und setzte einen gezielten Biss ins Gras. Sofort darauf sprang er zur Seite, als rechnete er mit einem Schlag von unsichtbarer Hand. Jetzt konnte Tina erkennen, was Brüna angebellt hatte: Eine dunkelbraune Schlange wand sich sterbend im Gras. Tinas Herz raste, ihre Hände zitterten und ihr Atem stand für einen Augenblick still, als sie die rasselnde, hellbraune „Klapper" am Schwanzende erkannte.

Das Kind begann zu laufen. Es achtete kaum noch auf den Hund. Tina lief, traf dabei irgendwann auf die kleine Kuherde und trieb sie ohne überhaupt noch irgendetwas denken zu wollen in die Richtung des Hofes.

Zu Hause nahm Lena währenddessen einen schweren Kessel vom Feuer, welches aus nurmehr wenigen Stückchen Holzkohle bestand - die etwas größeren glühenden Hölzer befanden sich bereits im Backofen - und sie goss das kochende Wasser in eine Blech-Schüssel, die der Familie als Waschbecken für die Körperpflege, Teig- oder Salatschüssel und als Geschirrspüle sowie zum Wäschewaschen diente. Heute spülte Lena das Geschirr früher als sonst, weil allein sie und Tina mit dem Abendessen keinen neuen Berg schmutzigen Geschirrs entstehen lassen würden. Die beiden Teller könnten ruhig einmal bis zum nächsten Waschgang stehen bleiben.

Lena besaß genug Küchengeschirr, dass sie nur einmal am Tag spülen musste. Diese Zeit am Abend war zu ihrem eigensten Ritual geworden, bei dem sie meistens von niemandem gestört wurde. Sie stand da, vor dem Fenster über den kleinen, grob zusammengezimmerten Küchentisch gebeugt und spülte mit großer Sorgfalt, beinahe liebevoll das viele schmutzige Geschirr. Mit besonderer Achtsamkeit wusch sie die beiden Porzellantassen und die Glasschüssel. Diese drei Stücke stammten noch aus der Heimat , ... aus ihrem Elternhaus; alles übrige Geschirr war aus Blech, das die nachlässig überzogene Emailschicht schon zum großen Teil verloren hatte.

Jeden Abend, wenn das dünne Licht der Kerze auf das Porzellan ihrer guten Stücke fiel, erinnerte sich Lena an ihre Kindheit und Jugend in Russland. Es war alles so weit weg. 16 Jahre waren seit dem Überqueren der russischen Grenze am Roten Tor schon vergangen. Seit 14 Jahren war sie nun schon hier im Chaco, seit 14 Jahren verheiratet und seit 14 Jahren hatte sie Heimweh. Heimweh nach der Zeit am „Nippa". Sie dachte an ihr Dorf. An den Hof des Vaters. Sie dachte an den Vater. Sie erinnerte sich so gern an ihn, sein Lachen und seine blauen Augen, an den hochgezwirbelten Schnurrbart, der lustig zitterte, wenn der Vater redete. Er hatte oft erzählt von seiner Zeit auf der Forstei, was er und die andern Jungs alles erlebt hatten. Er hatte erzählt, wie er dreimal seinen zukünftigen Schwiegervater um die Erlaubnis bitten musste, die Mutter heiraten zu dürfen und er hatte auch zu seinen Kindern davon gesprochen, wie sie die Mutter verloren hatten. Lena hatte ihre Mutter als Kind früh verloren. Ihre Schwestern hatten sich jedoch liebevoll um die kleine Lena gekümmert. Die ganze Familie hatte auf dem Hof mitgearbeitet. Jeder hatte seine Aufgabe gehabt, doch schien niemand unter seiner Arbeit zu leiden, oder irgendwie daran kaputt zu gehen. Hier im Chaco erschien Lena beinahe jede Aufgabe mühseliger und härter. Sie konnte nicht wissen, dass ihr Widerwillen und ihr ständiger Drang woanders zu sein, das Leben für sie nur noch härter machten, als es ohnehin schon war.

Schweres Seufzen. „Ich war noch so jung damals ...", träumte Lena wehmütig. „Hätte ich geahnt, dass mein Leben als Erwachsene so aussehen würde ..., hätte ich Angst davor gehabt".

Wieder seufzte sie.

„Du bist wieder undankbar!", schalt sie sich selbst. „Du hast genug zu essen, gesunde Kinder, einen arbeitsamen Mann, eine Kirche zum Beten und die Freiheit dazu". Aber zynisch dachte sie weiter: „Und du hast Mücken, Käfer in den Bohnen, Würmer im Mehl, ständig Angst um die Kinder, keinen Mut mehr zum Singen..." Ihr Atem stockte. Wie konnte sie sich solche Gedanken überhaupt erlauben! Hatte nicht Gott ihr und ihrer Gemeinschaft ein freies Land geboten, ein Land in dem sie loben und beten und öffentlich Hosiannah rufen durfte? Hatten sie nicht miterlebt, wie aus dem Landstrich und seinem „Krüppelbusch" fast schon so etwas wie ein ordentliches Dorf mit festen Häusern geworden war? Erlebte sie nicht mit, wie es aufwärts ging? „Undankbare Lena!", schimpfte sie jetzt laut vor sich hin. „Was sind schon Hitze, Schweiß, Moskitos, Würmer im Essen und Angst vor Krankheiten gegen die Gewissheit, niemals mehr verfolgt zu werden, Versammlungen in Gotteshäusern halten zu dürfen und Freiheit zu erleben? Spüre doch endlich, wie Gott dich liebt!"

Lena spürte es nicht.

Nichts war mehr schön im Leben. Russland! Das Verbot, Gottesdienste zu halten hatte sie in Russland, als Kind, kaum bewusst erlebt, die politische Situation nur am Rande mitbekommen. Sie wusste nur, dass der Chaco schrecklich war. Und sie musste hier leben. Und sie sollte hier glücklich und zufrieden sein und sie sollte hier dankbar sein. Dankbar für Gottes Liebe. Sicher war seine Liebe da! Aber sie spürte sie nicht mehr! Schon so lange nicht mehr. „Oh Gott - lass mich doch wieder fühlen, wie du mich liebst." Lena wollte sich - ganz allein im Haus - endlich erlauben, zu weinen; zu trauern um die tiefe Gewissheit, von Gott bedingungslos und ohne Ende geliebt zu werden. So schmerzlich vermisste sie diese Gewissheit!

Gerade wollte sie sich auf einen der knarrenden Holzstühle fallen lassen, um ihren Tränen hemmungslos freien Lauf zu lassen, als sie im Schein der Dämmerung Tinas Gestalt in der Ferne ausmachen konnte. Tina rannte, offensichtlich ohne auf die Kühe zu achten, auf das Haus zu. Die Kühe trotteten einige Meter hinter dem Mädchen gewohnheitsmäßig in die Richtung des Hofes, Brüna, der Hund, rannte treibend hinter der Herde her.

Die müde aussehende Lena erhob sich, zog schniefend die Nase hoch, holte tief Luft und fuhr sich mit der flachen Hand über die Stirn und den Haaransatz, glättete die Strähnen am Kopf. Rasch ging sie aus dem Haus an den Zaun und wartete dort auf ihr Tinchen. Sie spürte, dass etwas mit dem Kind nicht stimmte.

Tina rannte, ohne irgendetwas zu sehen, mit starrem Blick auf das Haus, auf ihre Mutter zu. Sie lief, ohne langsamer zu werden, bis in Mutters Arme. Lena torkelte beinahe, Tinchen krallte sich fest um ihren Leib. Das Mädchen war völig außer Atem, ihr Gesichtchen kalkweiß und die Augen standen weit offen, die Pupillen schreckgeweitet.

„Aber mein Tinchen, was ist passiert?", fragte Lena angstvoll, zählte schnell mit den Augen die Kühe, suchte die Landschaft nach irgendeinem wilden Tier ab, wandte sich dann wieder fragend an das Kind.

„Die Klapperschlange ..." Jetzt brach der Sturm aus dem Mädchen hervor. „Die Schlange lag da, wo ich rannte ... Brüna ist gesprungen und hat sie gebissen, die Schlange ist tot ... auf dem Weg ... ich hab die Kühe nicht ... ich will sie jetzt nicht mehr holen! ... da sind Schlangen..."

Zusammenhanglos schluchzte aus Tina heraus, was schuldbewusst in ihr tobte, sie hatte nicht auf die Kühe geachtet.

Lena drückte das Kind an sich und wartete, dass es sich beruhigte. Sie versuchte Tinas sprachliches Durcheinander zu einem verständlichen Bild zusammenzupuzzeln. „Tina ist beinahe auf eine Schlange getreten, Brüna hat sich auf das Biest gestürzt und es getötet". Erst allmählich begriff Lena, welchem Schicksal ihr Mädchen entkommen war, wovor sie der Hund gerettet hatte.

Der Hund?

Brüna kam gerade mit hängender Zunge auf den Hof gelaufen, setzte sich vor die Beiden hin. „Der Hund hat Tinas Leben gerettet!"

Der Hund?

Lena hätte bei diesem schmerzenden Stich beinahe laut aufgestöhnt. Tinchen bemerkte nicht die Qual ihrer Mutter, sie weinte jetzt ruhiger. Lena schossen jetzt auch heiße Tränen in die Augen. In ihrem Kopf dröhnte die sinnlose, nachträgliche Angst um ihre Tochter und die anklagende Wucht des Gewissens, die die Augen des Hundes, der ruhig vor seinen Menschen hockte, nur noch verstärkten.

„Oh Hund", dachte die Frau mit zitternder Unterlippe, „du hast mein Mädchen nicht gerettet, aber du warst da! Du warst da und hast die Schlange umgebracht!

Oh Gott - du hast den Hund benutzt, um meine Zweifel an deiner Liebe restlos zu tilgen! Oh mein Gott, ich spüre deine Liebe wieder!"

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Fussnoten:
Felizia Reuschel ist gegenwärtig Lehrerin an der Concordiaschule in Asunción.