Kulturelle Beiträge | Jahrbuch 2002

Das Tagebuch
Eugen Friesen (1)

Anne staubte das alte Heft, welches sie eben aus der von Mäusen angenagten Schachtel genommen hatte, mit der Hand ab. Da lag es nun vor ihr, dieses kleine vergilbte Heft. Sie kannte es. Vor über zwanzig Jahren hatte sie es zum letzten Mal gesehen. Damals hatte sie einen Blick hinein werfen wollen, war jedoch von ihrer Mutter dabei ertappt worden und hatte es rasch wieder zurück ins Regal gestellt. Später hatte sie es wieder versuchen wollen, doch dann war das Heft verschwunden und sie hatte sich nicht getraut, danach zu suchen. Doch jetzt hatte sie alle Freiheit, es zu lesen. Sie räumte sich zumindest dieses Recht ein. Ihre Mutter war zwei Monate zuvor gestorben. Anne war gerade dabei, die Sachen der Verstorbenen zu ordnen, zu säubern und zu sortieren. Dabei war ihr dieses Heftchen in die Hände geraten. Als sie es sah, bekam sie Schuldgefühle, wie damals. Ihre Mutter hatte es ihr damals strikt verboten, darin zu lesen. Während sie das Heft in der Hand hielt, wanderten ihre Gedanken zurück an den Tag, an dem ihre Mutter gestorben war. Es war an einem regnerischen Sommermorgen gewesen, als das Telefon sie aus dem Schlaf riss. Missmutig hob sie den Hörer ab und meldete sich. „Hallo, hier Anne. Was gibt's?" Als sie den Hörer nach wenigen Sekunden wieder auflegte, war jegliche Farbe aus ihrem Gesicht gewichen. Sie schlug sich mehrere Male an die Backe um sich zu vergewissern, ob sie wirklich wach war oder ob sie Hauptdarstellerin eines Alptraums sei. Erst als sie im Bad stand und ihr Gesicht gewaschen hatte, wurde ihr bewusst, dass es sich weder um eine Illusion noch um einen Traum handelte. Es war also wirklich geschehen. Wie oft hatte sie sich vor diesem Moment gefürchtet.

Bevor die vier Männer den Sarg ins Grab herunterließen, gab Anne ihrer Mutter den letzten Kuss auf die Stirn und nahm noch einmal Abschied. Die Leute standen neben ihr und versuchten sie trösten, aber es wäre ihr tausendmal lieber gewesen, wenn man sie alleine gelassen hätte. Sie brauchte ein paar Minuten, wo sie noch einmal mit Mutter alleine sein konnte. Wie gerne hätte sie noch einige Worte mit ihrer Mutter über die Dinge gesprochen, die sie solange verdrängt und die jetzt wieder an die Oberfläche gedrungen waren. Der zarte Duft der Rosen schien Anne noch mehr zu betäuben und zu verwirren. Alles schien ein Traum zu sein. „Wäre es doch ein Traum, so könnte ich aufwachen und das Leben ginge normal weiter, als ob nichts geschehen wäre. Doch es ist etwas geschehen und das Leben wird weitergehen, aber es wird nie wieder so sein, wie es früher war." Wie hatte sie ihre Mutter geliebt, und jetzt war so plötzlich alles aus. Noch am Vorabend hatten sie zusammen einen Kaffee getrunken. Etwa um neun Uhr hatte sich die Mutter von ihr verabschiedet und war mit leichten Kopfschmerzen ins Schlafzimmer gegangen. Anne hatte sich noch kurz mit ihrem Vater unterhalten und war dann nach Hause gefahren.

Wie üblich hatte die Mutter sich von ihr mit einem „Gott segne dich" verabschiedet. Für Anne war dieser Gruß ein Brauch geworden, den sie über sich ergehen ließ, der sie jedoch immer kalt gelassen hatte. Ja, ihre Mutter hatte an Gott geglaubt, aber sie? Sie hatte es zwar versucht, aber sie war nie perfekt gewesen und würde es auch nie werden. Außerdem sollte sie so vieles Liebgewordene aufgeben, und dazu war sie nicht bereit. Mutter hatte für den Glauben gelebt, und sie war ständig von ihm überzeugt gewesen. Gott war wohl nur für die schwachen und hilflosen Menschen da. Jedenfalls für die Fehlerlosen. Das war dann doch nichts für sie. Jemanden wie sie brauchte Gott bestimmt nicht.

Doch ihre Mutter war weder schwach noch hilflos. Ganz im Gegenteil, sie war ausgeglichen, stark und freundlich, und hatte doch an Gott geglaubt. Ihr Verhalten, ihr Reden, ihr Handeln, alles war so rätselhaft, so liebevoll, selbstlos gewesen. Anne hatte immer gedacht, diese Ausgeglichenheit sei eine Frage des Charakters oder der Persönlichkeit gewesen. Doch jetzt, wo sie am Grab ihrer Mutter stand und die angenehme, kühle Luft einatmete, dachte sie über diesen „`Gott segne dich' Gruß" nach. Die Gesichtszüge der Mutter sahen entspannt aus. Ein Lächeln spielte um ihre Lippen und ein Abglanz tiefen Glückes und unbeschreiblicher Freude lag auf dem Gesicht der Verstorbenen.

Welch großer Schlag war der Tod der Mutter für sie gewesen. Anne wischte sich die Tränen aus den Augen und schaute wieder auf das Tagebuch. Vorsichtig öffnete sie es und fing an zu lesen. Die Schrift war durch den Lauf der Zeit beinah unleserlich geworden.

Die Eintragungen des Heftes fesselten Anne. Von Zeit zu Zeit musste sie sich die Augen abtrocknen, denn die Tränen ließen sie das Bild nur verschwommen wahrnehmen. Wie viel Leid und Sorgen musste die arme Mutter wegen ihrer widerspenstigen Tochter erlitten haben. Das erkannte sie erst jetzt. Sie hatte immer gedacht, dass Mutter sich keine Sorgen um sie gemacht hatte. Nie hatte sie Vorwürfe gehört. Doch was sie hier las, schien nicht von ihrer Mutter geschrieben worden zu sein. Viele Einträge waren verzweifelte Hilfeschreie. „Mama verzweifelte an meiner Dickköpfigkeit. Aber nicht nur daran. Auch der Glaube hat sie viele Tränen gekostet. Am eigenen Leib musste sie erfahren, was es bedeutet, zu entbehren."

Anne merkte plötzlich, dass auch die Mutter nicht ein leichtes Leben gehabt hatte. Nicht immer war sie von ihrem Glauben so überzeugt gewesen wie Anne angenommen hatte. „Auch Mama hat gezweifelt. Auch sie war nur ein Mensch, der ständig nach der Wahrheit suchte." Anne musste die Lektüre beenden, denn sie konnte ihre Gefühle nicht mehr kontrollieren. Sie fühlte sich leer, verlassen und fing an bitterlich zu weinen. „Warum hat Mama nie mit mir über ihren Glauben gesprochen? Wollte sie mir nicht das Bild von ihr vermitteln, dass auch sie Momente erlebte, in denen sie an allem zweifelte? Ach, wenn sie sich doch mit mir unterhalten hätte, wie vielem hätte vorgebeugt werden können." Wie sehr bereute sie es, nie mit ihrer Mutter über den Glauben gesprochen zu haben. Jetzt erst wurde Anne bewusst, dass nicht derjenige ein Christ ist, der problemlos durch die Welt wandert und schöne Worte spricht, sondern derjenige, der trotz schwerer Situationen bestrebt ist, sich selber und Gott gegenüber ehrlich und offen zu sein. Plötzlich merkte sie, wie sich ihr Herz entspannte und wie eine unbekannte Ruhe über sie kam. Anne faltete ihre Hände, kniete auf den Boden und betrat in diesem Moment den Weg, den ihre Mutter vor ihr gegangen war.

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Fussnoten:
Eugen Friesen ist Student der Literaturwissenschaft an der Nationalen Universität, Asunción.