Kulturelle Beiträge | Jahrbuch 2002

Durchkreuzte Pläne
Eugen Friesen (1)

Es war an einem Dienstag Nachmittag, als Ralf den Neugeborenen unbeholfen in seinen Armen hielt und mit gerührter Stimme zum ersten Mal „mein Sohn" sagte. Jetzt war es mit der Ruhe im Haus, falls es so etwas überhaupt gab, wohl vorbei, dachte der knapp neunzehnjährige frischgebackene Vater. „Ach, was soll's. Andere haben es ja auch geschafft. So schlimm kann es doch auch nicht sein."

Auch die Großeltern beiderseits waren erschienen und bewunderten den kleinen Thronfolger. Jetzt würde doch alles gut werden. Die Verzweiflung, die sie bei der Trauung ihrer Kinder vor sieben Monaten gefühlt und die sie nicht zu verbergen vermocht hatten, war wie abgewischt. Der Neuankömmling hatte etwas Magisches an sich, das alle Sorgen, Befürchtungen und Beschuldigungen zumindest vorläufig in den Hintergrund zu stellen schien.

Das jungvermählte Ehepaar wohnte in einem nahegelegenen Dorf. Johannas Vater hatte ihnen eine Wirtschaft gekauft. Langsam hatten die beiden sich auch daran gewöhnt, dass es einen Dritten im Hause geben würde. Zuerst war der Schock groß gewesen. Er war erst achtzehn, sie stand kurz vor dem siebzehnten Geburtstag. Alle Zukunftspläne waren erschüttert, wenn nicht sogar zerstört worden.

Die Leute des ganzen Bezirkes munkelten, dass es wohl bald eine Hochzeit geben müsse, denn Johanna und Ralf hatten sich fürs nächste Tauffest angemeldet. Das war Grund genug zu dieser Annahme. Bestätigen konnte es jedoch niemand, bis man einige Wochen später die Nachricht von der Kanzel vernahm: „Johanna und Ralf geben ihre Verlobung bekannt und befehlen sich der Fürbitte an."

Jetzt wurde den Gerüchten freier Lauf gegeben und jeder sprach davon, dass die beiden eigentlich überhaupt nicht hätten heiraten wollen, aber den Kindern zuliebe tue man doch irgendetwas. Auch die Angelegenheit mit der Taufe wurde von vielen sehr skeptisch beobachtet und als eine Farce gedeutet. Manche äußerten sogar in ironischem Ton, dass es doch komisch sei, dass man noch kurz vor der Hochzeit zur Einsicht komme und das Ganze noch von Gott gutheißen lassen wolle.

In jeder Tererérunde unterhielt man sich über dieses Ereignis, und jeder wusste noch eine Neuigkeit beizutragen. Es dauerte allerdings nicht lange, bis die Geschichte von Ralf, Johanna und dem kleinen Tim in Vergessenheit geraten war. Die ständigen Ereignisse dieserart erlaubten es niemandem, sich über unbegrenzte Zeit mit einem einzigen Fall zu beschäftigen. Es wäre doch die reinste Zeitverschwendung gewesen, wenn man nur über diese eine „Blitzheirat", wie sie von vielen genannt wurde, diskutierte.

Die Dorfbewohner nahmen alle Fälle unter die Lupe und analysierten jede einzelne der betroffenen Familien um festzustellen, wem man wohl die Schuld in die Schuhe schieben könne. Immer fand man jemanden. Manchmal waren es die Eltern des Mädchens, die dem Pärchen erlaubten, sich zu treffen, wann immer es wolle. Manchmal traf die Schuld die Eltern des Jungen, weil sie sich ständig in den Haaren lagen und ihrem Sohne keine Werte mitzugeben vermochten. In einigen Fällen beschuldigte man die Braut, ihrem Freund eine Falle gestellt zu haben, um ihn für sich sicherzustellen. Oft kam man auch zu der Schlussfolgerung, dass es wohl ein Plan der beiden Jugendlichen gewesen sein könnte, die keine andere Lösung gefunden hätten, um sich von der ständigen Nörgelei der Eltern zu befreien und ein Leben in Freiheit führen zu können. Irgend jemand musste doch Schuld an der Situation haben.

Auf jeden Fall schufen diese Art von Ereignissen in der Kolonie immer Gesprächsstoff und der Blick wurde von den eigenen Problemen auf die der anderen gelenkt. Dadurch wurde auch das eigene Leben viel schöner und angenehmer, und die eigenen Fehler waren nicht so auffällig.

In seiner frühesten Kindheit war Tim ein fröhlicher Junge und er fühlte sich wohl in seiner Familie. Doch als er fünf Jahre alt war, erlebte er seine erste große Enttäuschung. Ralf hatte manche Dinge gesagt, die er nicht verstand. Und zwar hatte er diese Dinge in einem sehr unfreundlichen Ton gesagt. Das stand fest. Das spürte sogar der Fünfjährige und er hörte das Schluchzen der Mutter. Ob sie sich ungefähr so fühlt, wie ich mich in der letzten Woche fühlte, als die großen Jungen aus der Schule mir und Bert mit Prügel drohten? Dabei war es doch nur ein Zufall gewesen, dass sie mit angesehen hatten, wie die Jungen in der Pause hinter einem dichten Gebüsch eine Zigarette geraucht hatten. Aber wenn Mama sich jetzt so fühlt, dann muss es ihr sehr schlecht gehen.

Tim saß gedankenverloren auf seinem Bett. Hin und wieder drangen Wortfetzen zu ihm durch, denen er aber keine Beachtung schenkte. Er war einfach zu traurig. Er wollte nichts hören. Ihm war übel und er fing an zu weinen. Mama und Papa verstehen sich nicht. Das war Grund genug, traurig zu sein. „...ich hab's satt...nur geheiratet, weil du nicht aufpassen konntest... nie wieder..." Tim hörte diese Worte, aber er verstand sie nicht. Worüber ist Papa nur so böse? Und weshalb hat Mama nicht aufgepasst? Irgendetwas sehr Schlimmes muss da passiert sein. Inmitten dieser Gedanken war er eingeschlafen. Er wachte noch einmal auf, als irgendwo eine Tür voller Macht ins Schloss fiel, schlummerte jedoch sofort wieder ein.

So waren die Jahre verstrichen und diese Art von Diskussionen hatten sich allmählich in die Tagesordnung dieser Familie eingeschlichen. Natürlich war es auch für Ralf und Johanna keine angenehme Lage. Aber sie hatten alles versucht. Zumindest fast alles. Hilfe bei einem Fachmann hatten sie nie gesucht. Das ist etwas für Schwächlinge. Was werden bloß die Leute von uns denken, wenn sie erfahren, dass wir bei einem Seelenarzt gewesen sind? Irgendetwas war in ihrem Leben schiefgelaufen. Beide vermuteten, dass ihre überstürzte Heirat damit zusammenhing. Oft war sie Thema der Diskussionen gewesen. Mehr als einmal hatte Johanna Ralf mit Fragen bombardiert. „Waren wir wirklich füreinander bestimmt? Hättest du mich auch geheiratet, wenn nichts dazwischen gekommen wäre? Liebtest du mich wirklich oder hast du mich nur geheiratet, weil alle auf uns schauten und es dir einen schlechten Namen eingebracht hätte, wenn du mich sitzengelassen hättest?" Viele Fragen dieser Art drangen immer wieder hoch und nagten wie ein bösartiger Krebs an der Beziehung. Das hatte zur Folge, das Johanna meist nervös und oft stark depressiv war, Ralf hingegen widmete sich immer mehr seiner Arbeit. Seltsamerweise war jedoch Tim derjenige, der sich immer stärker für diesen Zustand der Ehe seiner Eltern verantwortlich fühlte. Er wusste nicht warum, aber er fühlte es. Und er konnte nichts dagegen tun.

Ralf wollte zumindest die Beziehung zu seinem Sohn retten. Doch auch da stieß er immer wieder auf Schwierigkeiten. „Ich müsste eigentlich viel mehr Zeit mit meinem Sohn verbringen. Ich hätte gerne eine Vertrauensbeziehung zu ihm aufgebaut, doch ich fühlte mich nie fähig dazu. Ich habe mich nie getraut, mich mit ihm über Partnerschaft und Ehe zu unterhalten. Was hätte ich ihm auch schon von einer gesunden Partnerschaft sagen können. Wie gerne würde ich ihm die Wahrheit sagen und ihm helfen, nicht dieselben Fehler zu begehen. Aber wie wäre seine Reaktion gewesen, wenn er erfahren hätte, was zwischen Johanna und mir alles gelaufen ist, und dass er der Grund unserer Heirat war? Nein, da ist es doch besser, dass wir etwas distanzierter voneinander leben und niemand schneidet sich in die Finger. Er wird schon alleine seinen Weg finden müssen. Er schafft das schon. Er ist ja jetzt in der 6. Klasse der Zentralschule. Er hat es schon weiter gebracht in der Schule als ich."

Johanna plagte sich mit ähnlichen Fragen herum, aber auch sie war sehr vorsichtig in ihren Äußerungen und achtete ständig darauf, Tims Sympathie und Unterstützung zu bekommen. So glaubte sie zumindest einen kleinen Ersatz von dem zu haben, was sie verloren hatte. Vielleicht hatte sie es auch nie besessen.

So ging jeder seinen Weg und versuchte, sein Leben möglichst gut zu meistern. Ralf verlor sich in seiner Arbeitswelt, die Mutter zu Hause. Tim konnte die ständige Streiterei seiner Eltern nicht mehr ertragen. Das Leben zu Hause hing ihm zum Halse heraus. Er hatte nie den Vater gehabt, den er sich gewünscht hatte. Nie hatte er sich mit ihm über wirklich wichtige Dinge unterhalten. Immer hatte er alles alleine meistern müssen. Er hatte sehr unter dieser Distanz zu seinen Eltern gelitten. Er hatte längst begriffen, dass er nicht in den ursprünglichen Lebensplan seiner Eltern passte und dass das etwas mit der gestörten Beziehung seiner Eltern zu tun haben musste. Wie gerne hätte er es von seinem Vater erfahren. Wie gerne hätte er von seinem Vater gehört, dass Mama und er ihn trotzdem lieben und dass sie nie bereut hätten, seine Eltern zu sein. Doch er hatte es nie gehört. Auch nicht gespürt. Nicht von seinem Vater, der war immer ernst und kühl gewesen. Er hatte dieses Leben satt. Deshalb verbrachte er auch immer öfter und immer längere Zeit mit Claudia, seiner Freundin. Bei ihr fand er, was er zu Hause nie empfunden hatte. Es war ein schönes Gefühl, geliebt zu werden. Er genoss diese Geborgenheit und fühlte sich von ihr angenommen wie sonst von niemandem.

Es war an einem Freitag, als Ralf es erfuhr. Er kam später als gewöhnlich von der Arbeit. „Erstaunlich, in der Küche ist noch Licht. Dabei wollte Johanna doch schon früh schlafen gehen. Vielleicht ist es ja auch Tim, der noch etwas zu essen braucht." Ralf stieg aus dem Wagen, schaute durchs Küchenfenster und erblickte Johanna. Sie saß am Tisch, hatte ihren Kopf auf die Tischplatte gelegt und schien zu schlafen. Doch er wusste, dass sie nicht schlief. Irgendetwas musste geschehen sein. Sonst würde sie nicht auf ihn warten.

Als er die Tür öffnete und ins Haus trat, hob sie ihren Kopf an und ihre Blicke trafen sich. Ihre vom Weinen angeschwollenen Augen teilten ihm mit, dass sie sich auf einen neuen Lebensabschnitt vorzubereiten hatten, und zwar anders, als sie ihn sich vorgestellt hatten.

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Fussnoten:
Eugen Friesen ist Student der Literaturwissenschaft an der Nationalen Universität, Asunción.