Vorträge | Jahrbuch 2002

Die Bergthaler Mennonitengemeinde aus Russland über Kanada nach Paraguay
Abraham S. Wiebe (1)

Einleitung

Nach 75 Jahren Aufenthalt in Paraguay ist es wohl nicht verfrüht, einmal über die Geschichte unserer Gemeinde zu schreiben, darüber nachzudenken und uns auszutauschen. So können wir uns unserer Vergangenheit mehr bewusst werden und aus der Geschichte lernen.

Es ist einerseits eine interessante Geschichte, wenn man an die unternehmungsfreudigen und starken sowie begabten Laienführer der mennonitischen „Pilger" denkt.

Andererseits ist es aber auch eine etwas traurige Geschichte im Blick auf die vielen Spaltungen, die oftmals aufgrund von uns heute mehr traditionell erscheinenden Dingen als aufgrund inhaltlich wichtiger Unterschiede entstanden sind. Es hat dadurch viele Schmerzen in der Geschichte unserer Vorfahren gegeben.

Wir sehen im Verlauf der Geschichte den Ernst unserer Vorfahren in Bezug auf ihre Religiosität und ihre Opferbereitschaft, die sie ihrer Kinder halber auf sich nahmen.

Gott hat diese Gemeinde bis heute in vielfältiger Weise wunderbar gesegnet und erhalten.

Die Bergthaler Mennonitengemeinde in Russland

Als die Alte Kolonie in Chortitz, Russland, nicht mehr Land in der Nähe hinzukaufen konnte, entwickelte sich eine landlose Bevölkerung in der Kolonie.

Die Mutterkolonie, Chortitz, kaufte für ihre jungen Leute ein größeres Landstück, welches etwa 200 km östlich von ihr entfernt lag. Auf diesem Landstück gründeten dann die Landlosen der Mutterkolonie 1836 die Kolonie Bergthal.

Martin W. Friesen beschreibt die Ansiedlung folgendermaßen:

Die Chortitzer Gemeinde gab den neuen Siedlern den erfahrenen Prediger Jakob Braun mit. Dieser wurde der erste Älteste der neuen Mennonitengemeinde, die unabhängig von der Muttergemeinde in Chortitz geführt wurde. Martin W. Friesen schreibt:

„Die Mutterkolonie gab ihren jungen Siedlern einen Prediger Namens Jacob Braun mit, der schon seit 1824 im Dienst stand. Er wurde dann 1840 als Gemeindeältester der neuen Tochtergemeinde eingesetzt."(3)

Außer diesem Prediger gab die Muttergemeinde den Ansiedlern noch drei erfahrene, tüchtige Bauern mit, die den unerfahrenen Siedlern als Vorbild und Berater in den wirtschaftlichen Angelegenheiten dienen sollten.

„Es waren dies die Familien Wilhelm Rempel, Jakob Martens und Johann Wiebe. Sie waren erfahren und auch fähig, die junge Ansiedlung zu fördern."(4)

Zur Zeit der Auswanderung und Ansiedlung 1874 zählte die Bergthaler Gemeinde 525 Familien.

Im Dorf Bergthal wurde später eine Kirche erbaut, die 12,19m x 30,48m groß war und etwa tausend Sitzplätze hatte, wie Delbert Plett und Adina Reger in dem Buch „Diese Steine" auf der Seite 335 beschreiben. Die Kirche war einfach gebaut, ohne Kreuz und ohne Glockenturm. Um die weltlichen Angelegenheiten zu verwalten, baute man 1860 in Bergthal ein Gebietsamt -Kolonieamt-, in dem 15 Ratsmitglieder ihre Beratungen abhielten.

Der Älteste Gerhard Wiebe (1827 - 1900) führte die (seine) Gemeinde aus Russland nach Kanada, um der vermeintlichen Gefahr durch die Zarenregierung in Russland zu entgehen, obwohl der Zar dem Ältesten ein großes Landgut mit Arbeitern, Leibeigenen und den Erhalt des Adelstitels anbot, wenn er sein Volk überreden würde, in Russland zu bleiben. Reger und Plett schreiben:

Wie zu hören ist, war die Versuchung wohl groß, doch zog Ältester Wiebe es vor, auf das Angebot zu verzichten und mit der Gemeinde nach Kanada auszuwandern, weil es ihm vor allem um den Erhalt und Fortbestand der Gemeinde ging.

1. Schulen in Bergthal

Unter den Bergthalern hatten sich bis dahin schon tüchtige und unternehmungsmutige Bürger mit vielseitigem Horizont hervorgetan. Wiewohl jedes Dorf in Bergthal eine eigene Schule hatte, die mit Lehrern der Kolonie besetzt war, welche die Gabe und das Interesse für diesen Dienst hatten, wurden auch Lehrer aus der Chortitzer und Molotschnaer Kolonie angestellt. Die Schulen in Bergthal wurden nicht direkt von den Reformen des Johann Cornies betroffen, aber dies war wahrscheinlich nicht nur zum Nachteil derselben, sondern vielmehr ein Segen, weil es viele Zuzüge von anderen Kolonien gab, wie eben schon erwähnt, und die waren wiederholt durch die Reformen des Cornies verursacht.

Der Lehrerberuf wurde damals auch manchmal als Sprungbrett für den Gemeindedienst bzw. Leitungsdienst in der Gemeinde benutzt. Ist diese Tradition bis heute nicht noch teilweise bei uns erhalten geblieben?

Delbert Plett schreibt zur Situation der Schulen in Bergthal:

Die Bergthaler Gemeinde in Kanada

1. Die Auswanderung nach Kanada

Als 1780 die russische Regierung große Veränderungen durchführte, welche für die Gemeindeschulen der Mennoniten negative Auswirkungen hatten, entschloss sich die Bergthaler Gemeinde als geschlossene Gruppe nach Kanada auszuwandern. Im Voraus schickte man Kundschafter, um Erkundigungen zu machen und die Bedingungen für eine Ansiedlung mit der Regierung des in Aussicht stehenden Heimatlandes auszuhandeln.

In den Jahren 1874 - 1876 wanderten dann 3000 Personen nach Manitoba in Kanada aus. Ihre zwei Hauptgründe waren: Die Erhaltung des Gemeindeschulwesens und die Verweigerung des Militärdienstes (auch des Ersatzdienstes).

2. Ansiedlung in Kanada

Die Bergthaler siedelten an der Ostseite des roten Flusses (Red River) an. Deshalb wurden sie auch „Ost-Reserver" genannt. Diese Gemeinde war der Bahnbrecher von all den Russlandmennoniten, die nach Kanada auswanderten.

Ihr Anführer, Ältester Gerhard Wiebe, war mit Elisabeth Dyck verheiratet, und sie hatten zusammen zehn Kinder. Ältester Wiebe siedelte in Kanada im Dorf Chortitz an. Hier liegt Herr Wiebe auch begraben.

Schon 1878, ein paar Jahre nach der Ansiedlung auf der Ostreserve, begannen die Familien auf die Westreserve umzusiedeln. Der Grund dazu war: Es gab auf der Westreserve mehr und besseres Farmland. Diese Siedlung befand sich etwa 70 km von der Ostreserve entfernt. Deshalb bildete man dort aus Gründen der Entfernung eine neue Gemeinde, die zweite, die aus der von Russland ausgewanderten Bergthaler Gemeinde hervorging.

3. Die Entwicklung der Gemeinden

Die Bergthaler, welche sich schon in Russland auf eigene Art entwickelt hatten, versuchten in Kanada ihre besondere Eigenart beizubehalten. So beschloss man, dass die Gemeinde in Russland in verschiedenen Hinsichten schon zu weit mit der Welt mitgegangen war. Man wollte deshalb begangene Fehler rückgängig machen.

Weil die Bergthaler auf der Westreserve nahe mit den Fürstenländern und Chortitzern, die auch aus Russland gekommen waren, zusammen wohnten, wurden sie von den fortschrittlicheren Dingen, die diese aus Russland mitgebracht hatten, angesteckt. Zum Beispiel im Gesang in der Schule und in den Gottesdiensten, wo nach den Melodien des Choralbuches „Ein Singbuch mit Ziffern" gesungen wurde. Manche der Gemeindeglieder der Fürstenländer und der Chortitzer wechselten über zu den Bergthalern, wodurch die Gemeinde der Bergthaler von ihnen beeinflusst wurde. Nach einiger Zeit wechselten die Bergthaler das Singen in den Schulen und Kirchen von den alten Hausweisen zu den neuen Ziffernmelodien. Besonders der Älteste Johann Funk auf der Westreserve unterstützte eine Verbesserung in den Schulen. Das führte jedoch zu Konflikten innerhalb der Gemeinden. Als dann die Bergthaler der Westreserve im Jahre 1891 eine Fortbildungsschule erbauten und einen Lehrer aus Kansas, USA, namens Heinrich Ewert anstellten, kam es innerhalb der Gemeinde zu einem Bruch.

4. Teilung der Bergthaler Gemeinde

Martin W. Friesen schreibt, dass von den 500 Familien, die die Bergthaler Gemeinde der Westreserve zählte, 440 Familien nicht mehr mitmachten. Weil Ältester Funk sich zu den Fortschrittlichen hielt, gründeten diese 440 traditionsgebundenen Familien eine neue Gemeinde. Sie wählten Prediger Abraham Dörksen, der im Dorf Sommerfeld wohnte, als ihren Ältesten und nannten sich nach dem Wohnort ihres Ältesten die „Sommerfelder Mennonitengemeinde". Der kleinere Teil der alten Gemeinde mit ihrem Ältesten Johann Funk behielt den Namen „Bergthaler Mennonitengemeide" bei.

Die ganze Gruppe der Bergthaler Mennonitengemeinde der Ostreserve wollte sich nun auch nicht mit der fortbildungsbewussten Westreserver Bergthaler Mennonitengemeinde identifizieren. Deshalb nannten sie sich nicht mehr Bergthaler Mennonitengemeinde, sondern wechselten den Namen und nannten sich „Chortitzer Mennonitengemeinde". Diesen Namen haben sie bis heute beibehalten.

So hatten sich in Kanada die Bergthaler innerhalb von 20 Jahren in drei Gemeinden gespalten. Zusätzlich hatte es unter den Ostreservern durch eine innere Erweckung eine Abspaltung gegeben. Dieser Splitter nannte sich „Gemeinde Gottes in Christo". Sie ist auch unter dem Namen „Holdemannsgemeinde" bekannt. Auf der Westreserve entstand zudem noch eine Brüdergemeinde. Nachzulesen bei MWF, Neue Heimat in der Chacowildnis, Seite 49.

Als die Regierung Kanadas der Chortitzer Gemeinde Geld zur Unterstützung ihrer Schulen anbot, reagierte diese sehr skeptisch. Man sagte diesem Reformunternehmen anfänglich jedoch zu. Als sie aber merkten, dass die Regierung dann doch mitsprechen wollte, lehnten sie weiterhin jegliche Unterstützung ab, wie Ältester Gerhard Wiebe dazu schreibt.

Schon im Jahr 1900 zog eine Gruppe der Bergthaler nach Saskatchewan und siedelte nahe bei Rosthern an, wo sie eine „Bergthaler Mennonitengemeinde" gründeten.

Eine weitere Gruppe, die in der Nähe von Herbert, auch in Saskatchewan, siedelte, nannte sich dort „Sommerfelder Mennonitengemeinde", nach Martin W. Friesen.

So wurde die Bergthaler Mennonitengemeinde, die von Russland nach Kanada ausgewandert war, in mehrere Gemeinden zerstreut. Alle diese Gemeinden, die ihren Ursprung in der Kolonie Bergthal in Russland hatten, hielten ganz fest an ihrem privaten Schul- und Gemeindewesen. Teilweise ausgenommen war die schon genannte kleine Gruppe der Bergthaler auf der Westreserve.

Wenn wir all die Gruppen zusammenzählen, die in Kanada von den Bergthalern aus Russland entstanden sind, ergibt sich folgendes Bild:
1. Ostreserve:
a. Chortitzer
b. Holdemanns
Westreserve:
Bergthaler
Sommerfelder
Brüdergemeinde in Manitoba
Saskatchewan:
Sommerfelder
Bergthaler

Insgesamt bestanden nach einigen Jahren des Zusammenlebens in Kanada sieben verschiedene Gemeinden.

5. Neues Schulgesetz und Militärdienst in Kanada

Als 1919 das neue Schulgesetz in Kanada wirksam wurde, versuchten die konservativen Gemeinden die Regierung durch Bittschriften zu überzeugen und umzustimmen. Aber als sie merkten, dass es wohl nicht geschehen werde, entschlossen sich viele Glieder dieser Gemeinden auszuwandern. Ältester Martin C. Friesen beschrieb die Situation, die dadurch in der Chortitzer Gemeinde der Ostreserve entstand, folgendermaßen: „Als die Regierung 1919 anfing, die Distriktschulen als Zwangsschulen in unserer Gemeinde einzuführen, wo bis dahin noch nur Privatschulen waren, gab es große Unruhe unter den Brüdern und eine fast babylonische Verwirrung. Sowohl die Altkolonier wie auch die Bergthaler Gemeinden machten ganzen Ernst mit der Sache und erwogen einen Ausweg. Einige Brüder liessen sich sogar für diese Sache ins Gefängnis stecken."

„Es ist denkbar, dass es sich die damaligen Regierungsparteien Manitobas und Saskatchewans in den Kopf gesetzt hatten, diesen konservativen Mennoniten ein für allemal zu zeigen, dass sie das letzte Wort hatten und nicht die Mennoniten", schreibt Martin W. Friesen im Buch „Neue Heimat in der Chacowildnis, Seite 69. Und weiter bemerkt er dann: „Viele Altkolonier und auch einige Altbergthaler wurden ins Gefängnis gesteckt und noch mehr zahlten Geldstrafen, weil sie ihre Kinder nicht in die Regierungsschulen schickten."

Vertreter der Chortitzer Gemeinde der Ostreserve, der Sommerfelder Gemeinde der Westreserve sowie der Bergthaler Gemeinde aus Saskatchewan entschlossen sich deshalb, nach Paraguay auszuwandern. Dort wollten sie dann eine einzige Gemeinde gründen. Prozentmäßig setzte sich die Gruppe der Auswanderer nach Paraguay etwa wie folgt zusammen:
70% waren Glieder der Chortitzer Mennonitengemeinde;
20% waren Glieder der Sommerfelder Mennonitengemeinde;
10% waren Glieder der Bergthaler Mennonitengemeinde aus Saskatchewan.

Laut Protokoll einer Beratung am 17. Januar 1923 in Rosthern im Hause des Ältesten Aaron Zacharias wurde beschlossen, in Paraguay, wenn eben möglich, nur eine Gemeinde zu bilden. Auf dieser Sitzung waren folgende Personen zugegen:
- Ältester Johann Dück von Schönsee,
- Prediger Johann Sawatzky und Peter Falk von der Ostreserve,
- Prediger Johann Schröder und Bernhard Töws von der Westreserve Manitoba,
- Prediger Kornelius Reimer und Diakon Peter Harder von Star City,
- Prediger Heinrich B. Bergen, Kornelius Hamm, Heinrich Martens, Diakon Heinrich Dück und der schon erwähnte Älteste Aaron Zacharias von Rosthern.

Außerdem wurden auf dieser Sitzung 20 Regeln für die in Paraguay zu gründende Gemeinde erarbeitet. Darunter befanden sich auch solche, die heutzutage keinen Einfluss mehr auf das Gemeindeleben haben oder uns sogar manchmal etwas komisch erscheinen, obwohl sie für die damalige Situation ganz ernst gemeint waren. Beispiele sind:

Im Jahre 1926 war es dann so weit, dass die erste Gruppe Kanada Richtung Paraguay verließ. Diese erste Gruppe der mennonitischen Auswanderer aus Kanada kam am 31. Dezember des Jahres in Puerto Casado an und ging dort an Land. Es folgten bis zum November 1927 weitere sechs Gruppen, so dass in den insgesamt sieben Einwanderergruppen 1743 Personen in den Chaco kamen, wovon jedoch 332 noch zurückzogen, bevor die Ansiedlung im Chaco durchgeführt wurde.

Die Bergthaler Mennonitengemeinde in Paraguay

Einwanderung in Paraguay

Aus den drei Gemeinden der Chortitzer, Sommerfelder und Bergthaler kamen die mennonitischen Einwanderer. Die Ältesten waren Aaron Zacharias aus Saskatchewan und Martin C. Friesen aus Manitoba von der Chortitzer Mennonitengemeinde. In Paraguay sollte nur eine Gemeinde bestehen. Da der Älteste Aaron Zacharias zu den 171 Verstorbenen in der langen Wartezeit bis zur Ansiedlung auf dem eigenen Land gehörte, ergab es sich, dass Ältester Martin C. Friesen der alleinige Führer der Gemeinde wurde. Es dauerte jedoch noch Jahre, bis alle einzelnen Gemeindeglieder aus Kanada sich dieser Gemeinde, die die „Chortitzer Mennonitengemeinde von Menno" genannt wurde, unterstellten.

„Mennonitengeschichtlich stellt die Entwicklung der Gemeinden in der Kolonie Menno, ebenso wie die des Schulwesens, eines der merkwürdigsten Phänomene dar: Die drei Gemeinden vereinigten sich in wenigen Jahren zu einer, und diese Gemeinde machte wiederum die radikalsten Reformen durch, ohne dass es dadurch zu einer nennenswerten Zersplitterung kam." So schlussfolgert Peter P. Klassen in seinem Buch „Die Mennoniten in Paraguay"(7)

Wartezeit

In Paraguay mussten die aus Kanada eingewanderten Personen fast 1 ½ Jahre warten, bis sie auf ihrem eigenen Land ansiedeln konnten, da das gekaufte Land nicht, wie vorher abgemacht, vermessen war und die Eisenbahn noch längst nicht ins Siedlungsgebiet reichte. Während dieser langen Wartezeit wurde die Gemeinde hart geprüft, denn durch Krankheiten starben während dieser Zeit 171 Personen, bevor sie überhaupt ins Siedlungsgebiet kommen konnten.(8)

Gottesdienste

Schon in den Lagern während der langen Wartezeit wurden an den Sonntagen und Feiertagen Predigtgottesdienste abgehalten. Außerdem galt es, auf den vielen Begräbnissen mit dem Worte Gottes zu dienen und den trauernden und oftmals schier verzweifelnden Pionieren Trost zu spenden.

Als dann die Dörfer im Chacoinneren angelegt wurden, bauten die Siedler Schulhäuser und eine Kirche. Die erste Kirche wurde im Dorf Osterwick, wo auch Ältester Friesen ansiedelte, erbaut, und im September 1932 eingeweiht, während die erbitterte Schlacht um Boquerón im Chacokrieg ihren Lauf nahm.

Außer in dieser Kirche wurden in den Schulhäusern der Dörfer Andachten abgehalten. Die Prediger gingen zu Fuß, ritten mit dem Pferd, falls sie eines hatten, oder fuhren mit dem Ochsenwagen in die Dörfer, um ihren Predigtdienst zu erfüllen.

Gottesdienstgestaltung

Der Gottesdienst begann pünktlich um 9.00 Uhr. Diese Tradition hat sich ja bekannterweise bei uns bis heute durchgesetzt. Die Vorsänger, die den Gesang anleiteten, kamen aus dem sogenannten Predigerstübchen, wenn eines vorhanden war, in die Kirche und nahmen vorne Platz. Einer der Vorsänger sagte ein Lied an, das dann von diesem angestimmt wurde. Nach und nach fiel dann die Gemeinde in den Gesang ein.

Wenn das erste Lied zu Ende war, traten die Prediger und der Diakon in die Kirche ein.

War der Älteste zugegen - er konnte ja nur auf einer Stelle dabei sein - ging er immer als erster voran hinter die Kanzel. Mitten in der Kirche auf dem Weg zur Kanzel blieb er stehen und grüßte die Versammlung mit den Worten: „Der Friede des Herrn sei mit euch!"

Wenn diese Platz genommen hatten, sagte ein zweiter Vorsänger ein Lied an, das dann gesungen wurde.

Danach trat der diensthabende Prediger hinter die Kanzel um seine Botschaft zu bringen. Nach einer Einleitung wurde knieend gebetet. Daraufhin wurde die Botschaft, meistens im Leierton, vorgelesen.

Nach der Predigt betete die ganze Versammlung nochmals knieend.

Der dritte Vorsänger sagte ein letztes Lied an, das von der Versammlung gesungen wurde.

Am Schluss sprach der dienende Prediger den Segen über die Versammlung, womit der Gottesdienst abgeschlossen war.

Still gingen die Gottesdienstbesucher hinaus und fuhren bzw. gingen heim.

Predigten wurden wiederholt verwendet, auch in derselben Kirche. So kam es vor, dass eine einzige Predigt bis zu 45 mal vorgetragen wurde. Eine Predigt wurde in Grüntal, Kanada, von 1884 bis 1923 25 mal in derselben Kirche vorgetragen, so dass der Prediger sicherlich nicht so viele Predigten auszuarbeiten hatte.

In der Kirche wurde streng getrennt gesessen. Die Frauen an der linken Seite, von der Kanzel aus gesehen, und die Männer an der rechten Seite. Jede Gruppe hatte eine Tür, um ein- bzw. auszutreten. Nach dem Eintritt in die Kirche beteten die älteren Gemeindeglieder ein stilles Gebet. Erzählt werden durfte in der Kirche nicht.

Feste

An Weihnachten, Ostern und Pfingsten wurden am ersten und zweiten Feiertag Andachten gehalten. Zusätzlich wurde noch der dritte Feiertag gehalten, aber ohne eine offizielle Andacht durchzuführen. Er diente grundsätzlich dazu, Familienfeste durchzuführen.

An Pfingsten gab es immer Tauffeste.

Die Jugendlichen, die „bei Gemeinde" gehen wollten, das heißt, die sich taufen lassen wollten, mussten in der Zeit davor ab Ostern pünktlich an den Gottesdiensten teilnehmen.

Wer getauft werden wollte, ließ sich am zweiten Sonntag nach Ostern zuerst durch den Vater in der Kirche anmelden, und dann anschließend zusätzlich noch zweimal von einem Zeugen, den er dazu selber befragt hatte. Am Sonntag vor Christi Himmelfahrt und am Himmelfahrtstag musste der Katechismus in zwei Teilen vor der gesamten Gemeinde aufgesagt werden.

Das erste Tauffest wurde dann am ersten Pfingstfeiertag in der Hauptkirche durchgeführt. Am Nachmittag und jeweils am Vor- und Nachmittag des zweiten Feiertags wurden in anderen Kirchen bzw. Schulhäusern Tauffeste abgehalten, wenn die Notwendigkeit bestand. Es ergab sich auch manchmal, dass sogar an Werktagen Tauffeste gefeiert wurden, weil die Pfingstfeiertage nicht ausreichten, um überall die Taufhandlungen zu vollziehen. Bei all diesen Festen wurde dann noch anschließend das Heilige Abendmahl mit der Gemeinde gefeiert. Dass heißt, am ersten Sonntag nach Pfingsten wurde eine Vorbereitungspredigt zum Abendmahl gehalten, und am darauffolgenden Sonntag führte man dann das Abendmahl durch.

Der Grund dieser Verteilungsform der Tauffeste war, dass nur der Älteste die Tauf- und Abendmahlshandlungen durchführen durfte. Er konnte nicht alles an den Feiertagen bewerkstelligen, weil die Transportmöglichkeiten es nicht ermöglichten oder die Feiertage nicht reichten.

Am Sonntag nach dem Abendmahl gab es eine Danksagungspredigt für das abgehaltene Heilige Abendmahl. Erst danach durften dann Verliebte ihre Verlobung feiern und bekanntgeben. Die Verlobungsfeier fand normalerweise am Samstagnachmittag im Heim der Braut statt. Wie uns Mennos bekannt ist, findet heute die Verlobung normalerweise auf dem Hof der Eltern des Bräutigams statt. - Diese Wandlung hat sich wahrscheinlich deshalb vollzogen, weil es Familien gab, wo nur Jungen waren, und so konnten diese auch wenigstens ein Fest vorbereiten. Die Hochzeit läuft ja schon auf Kosten der Brauteltern. - Am Sonntag darauf wurde das Brautpaar dann in der Kirche aufgeboten. Zwölf Tage nach dem Aufgebot in der Kirche, am Freitag, durfte dann die Hochzeit gefeiert werden. Diese Sitte wurde auch strikt eingehalten.

Außerdem gab es im Rahmen der Gemeinde nur noch Hochzeiten, Begräbnisse und Bruderberatungen. Weitere Programme, zum Beispiel für Teenager, Jugendliche oder sogar die Sonntagsschule gab es keine.

An den normalen Sonntagsgottesdiensten wurden in den Kirchen keine Kollekten eingesammelt. Diese wurden am Erntedanksonntag und am Abendmahlssonntag eingesammelt. Das geschah, indem die Gemeindeglieder das Geld in den sogenannten Gotteskasten, welcher neben der Kirchentür angebracht war, einlegten.

Erste Reformansätze

In den fünfziger Jahren fing man an einigen Stellen mit Singstunden an. Zuerst wurde in Heimen gesungen, wozu sich zumeist jugendliche Gruppen versammelten, etwas später dann in den Dorfschulen, weil sehr oft die Lehrer die Dirigenten waren. Erst in den sechziger Jahren begann man mit dem Chorgesang in den Gottesdiensten, obwohl man auch damals noch auf erheblichen Widerstand stieß.

Auch wurden seitdem, zuerst auch nur vereinzelt, Bibelstunden abgehalten. So unternahm man in dieser Zeit auch erstmalig die ersten Schritte zur Organisation der Jugendarbeit.

Dies alles geschah zur Zeit des Ältesten Martin C. Friesen, der sein Ältestenamt, das er 1925 in Chortitz, Kanada, angetreten hatte, im Jahre 1966 in Menno niederlegte.

Weitere Veränderungen in den Gottesdiensten und im Rahmen der Gemeindearbeit wurden erst in den siebziger Jahren eingeführt.

Als ich - Abraham S. Wiebe - 1973 zum Ältesten gewählt und eingesetzt wurde, hat die Gemeinde auf einer Bruderberatung folgendes beschlossen:

Dass jeder ordinierte Prediger seitdem befugt sei, das Heilige Abendmahl an die Gemeinde auszuteilen.

Die Taufhandlung durfte der Ex-Älteste, der amtierende Älteste, der Gehilfe sowie der Missionar (Die Gemeinde hatte schon seit den fünfziger Jahren jeweils in Nord- und Südmenno einen Missionaren für die Arbeit unter den Indianern) vollziehen.

Die Aufteilung der Gemeinden in Nordmenno

Als der Gemeindeälteste von Nordmenno 1974 einmal auf einer Prediger- und Diakonenberatung den Gedanken von einer Aufteilung der großen Gemeinde in Nordmenno vorlegte, wurde der Gedanke von mehr als 30 Teilnehmern abgelehnt. Nur eine Person unterstützte diese Idee. Langsam reifte jedoch dieser Gedanke, bis man dann in den Jahren 1977 und besonders 1978 Vorbereitungen treffen konnte, um die große Gemeinde in Nordmenno in kleinere Lokalgemeinden aufzuteilen.

Man hatte den geografischen Aufteilungsplan so gemacht, dass es fünf Lokale geben sollte. Die bis dahin einzige große Gemeinde Nordmennos hatte schon zehn Kirchen aufgebaut, wo sonntäglich Gottesdienste gefeiert wurden.

Am Ende des Jahres 1978 wurde die große Gemeinde dann in fünf Lokalgemeinden aufgeteilt, die ab Januar 1979 selbständig voneinander funktionierten, jedoch in einer Konferenz zusammengeschlossen blieben:
  1. Die Schöntal Mennonitengemeinde mit Osterwick und Umgebung. Dazu gehörten die zwei Gotteshäuser in Osterwick und Schöntal.
  2. Die Mennonitengemeinde von Loma Plata mit einem Gotteshaus in Loma Plata.
  3. Die F.N.B. Mennonitengemeinde in den südlichen Dörfern von Nordmenno mit den drei Gotteshäusern in Friedensfeld, Neuhof und Buena Vista.
  4. Die Eigenheim Mennonitengemeinde im Osten von Nordmenno mit den Kirchen in Bergthal und Eigenheim als Versammlungsräumen.
  5. Die Mennonitengemeinde von Weidenfeld und Umgebung, mit den zwei Gotteshäusern in Weidenfeld und Grüntal. Diese Gemeinde zögerte noch einige Monate, bis sie sich schließlich doch eigenständig organisierte und die fünfte Lokalgemeinde in Nordmenno bildete.
Die Umstrukturierung

Nach der Aufteilung der großen Gemeinde in Nordmenno in mehrere kleine Lokalgemeinden beendigte die Mennonitengemeinde in Menno das Ältestensystem. An Stelle des Ältestenamtes übernahm die Gemeinde das Gemeindeleitersystem, bei dem ein Leiter auf eine festgelegte Zeit - drei Jahre - von der jeweiligen Lokalgemeinde gewählt wurde. In allen Gemeinden ist dieser Wahlmodus bis heute bestehen geblieben.

Wahlsystem

Bis in die siebziger Jahre wurden die Prediger und Diakonenkandidaten von der Gemeinde gewählt. Anschließend wurde dann durch das Los entschieden, wer von den Kandidaten der einzusetzende Gemeindediener würde.

Dieses Lossystem musste dann jedoch dem Wahlsystem, bei dem durch Wahlzettel mit Stimmenmehrheit die Dienstposten besetzt wurden, weichen. Statt durch Losentscheidung musste ein Kandidat 50% plus eine der Wählerstimmen erreichen, um in das jeweilige Amt eingeführt zu werden.

Die neu entstandenen Lokalgemeinden schlossen sich, wie schon erwähnt, zu der „Nordmennokonferenz" zusammen. Es wurde ein Statut erarbeitet, welches diesem Zusammenschluss als Richtlinie diente.

Aus den ursprünglich fünf Lokalgemeinden in Nordmenno sind bis heute elf geworden. Diese weitere Aufteilung ist Folge des beständigen Wachstums der schon bestehenden Gemeinden.

Die Gemeinde in Südmenno

Im Jahre 1948 wurde südlich der alten Kolonie von der Verwaltung ein Landstück gekauft, auf dem viele Familien ansiedelten. Zwei Jahre wurde die Gemeinde der Siedlung von der sogenannten „Alten Kolonie" (Nordmenno) aus betreut, bis es eine Aufteilung gab, die anfänglich auf Widerstand stieß.

Aus Entfernungsgründen organisierte man dort also eine eigenständige Gemeinde und wählte bald einen Ältesten, um diese zu leiten. Das Ältestenamt in dieser neuen Gemeinde wurde Prediger Martin T. Dück übergeben. Längere Zeit wurde diese Gemeinde noch teilweise mit bzw. von der Nordmenno Gemeinde geführt. Zum Beispiel wurde in der Gemeinde in Südmenno kein separates Gemeinderegisterbuch und kein Konto für die Missionsgelder nach außen geführt, sondern bis in die siebziger Jahre hinein in Zusammenarbeit mit der schon bestehenden Gemeinde in Nordmenno.

In den achtziger Jahren teilte sich die schon große Gemeinde in Südmenno in drei Lokalgemeinden auf: Mennonitengemeinde Paratodo, Mennonitengemeinde Lolita und die Mennonitengemeinde von Lichtenau. Äußerlich haben sich diese drei Gemeinden in der „Südmennokonferenz" zusammengeschlossen.

Schlussgedanken

Die ganze Reformierung und Aufteilung der Gemeinden in Menno hat bisher zu keinerlei Spaltung geführt, obwohl manches Mal Meinungsverschiedenheiten (meistens verursacht durch Äußerlichkeiten) bestanden, die jedoch zufriedenstellend gelöst werden konnten.

Eine kleine Gruppe, die den Fortschritt bzw. die Erneuerungen der Gemeinde und Schulen nicht mitmachen wollte, suchte 1958 in Bolivien eine neue Heimat. Andere meinten, dass sie dann auch in Kanada hätten wohnen bleiben können, von wo sie der Reformen halber ausgewandert waren, und zogen in den fünfziger und sechziger Jahren dorthin zurück.

- In den neunziger Jahren hat sich zum ersten Mal ein kleine Gruppe abgespaltet oder unabhängig gemacht und eine eigene Gemeinde gebildet, weil sie mit der bestehenden Gemeindeform nicht einverstanden war. Diese Gemeinde nennt sich „Evangelische Missionsgemeinde".

In den siebziger Jahren fingen die Gemeinden mit der Einführung der Sonntagsschule an, um die Kinder bis zum 15. Lebensjahr in der biblischen Unterweisung anzuleiten. Hinzu kamen später die Jungschar und Jugendarbeit, die erheblich erweitert und intensiviert wurde.

Ein Taufunterricht für Personen, die sich zur Taufe gemeldet hatten, wurde eingeführt, um ihnen die Bedeutung der Taufe und Nachfolge bewusster zu machen. Diese Erneuerung wurde schon in den sechziger Jahren eingeführt. Seit den siebziger Jahren wurde auch ein Nachfolgekurs für neugetaufte Gemeindeglieder eingeführt.

Seit den sechziger Jahren haben die Nordmenno-Gemeinden bzw. die Nordmennokonferenz eine eigene Bibelschule. Hier kann man sich allgemeine Bibelkenntnisse aneignen. Außerdem werden viele spezielle Kurse für Sonntagsschullehrer, Diakone, Prediger, Jugendarbeiter, Gesangleiter, Missionsarbeiter und andere geboten, um dadurch tüchtige Gemeindearbeiter heranzubilden.

Auf der Ebene der Südamerikanischen Konferenz (S.A.K.) haben wir Anteil am Bibelseminar „CEMTA", wo auch schon manche der heutigen Prediger und Gemeindeleiter eine intensive theologische Ausbildung erhalten haben.

Durch die Aufteilung der großen Gemeinde in Menno ist viel Segen geflossen. Besonders auch, weil die Verantwortung und die Aufgaben auf viel mehr Personen verteilt wurden, und somit die Gemeindeglieder viel besser betreut werden konnten.

Bei alledem empfinde ich, dass die Aufteilung einen Mangel aufzuweisen hat: Wir haben nicht einen Lehrer, der danach sieht, dass die Gemeinden von Menno nicht von den biblischen Wahrheiten und Werten abweichen. Durch die vielseitige Aufteilung besteht leichter die Gefahr, dass eine Lokalgemeinde von den Wahrheiten und Werten der Bibel abweichen könnte. Gleichzeitig besteht in der Teilung der großen Gemeindegliederzahl Mennos auch ein großer interner Reichtum, der sich segensreich weit über die eigenen Grenzen hinaus bemerkbar machen kann und sollte.

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Weiter zum nächsten Vortrag: Gustav T. Sawatzky: Die Verwaltung der Menno-Siedler im Chaco Gegenwart- und Zukunftsperspektiven

Literaturverzeichnis
  1. Adina Reger und Delbert Plett, Diese Steine, Die Russlandmennoniten, Crossway Publications Inc. Steinbach, 2001
  2. Friesen, Martin W., Neue Heimat in der Chacowildnis, 2. Auflage, 1997
  3. Protokolle der Gemeindevorstandssitzungen
  4. Klassen, Peter P., Die Mennoniten in Paraguay, Band 1, 2001
  5. Protokolle und Schriften zur Menno-Geschichte


Fussnoten:
Gemeindeleiter der Elim Gemeinde in Loma Plata, letzter Ältester der in Nordmenno tätig war, und die Lokalgemeinden organisierte.
Friesen Martin W., Neue Heimat in der Chacowildnis, Seite 18.
ebd., Seite 20.
ebd., Seite 20.
Reger Adina und Plett Delbert, Diese Steine Die Russlandmennoniten, Crossway Publications Inc., Steinbach 2001.
ebd., Seite 341.
Klassen Peter P., Die Mennoniten in Paraguay, Band 1, 2001, Seite 397 und 398.
Giesbrecht Abram B., Die ersten mennonitischen Einwanderer in Paraguay - 1994.