Vorträge | Jahrbuch 2002

Die Verwaltung der Menno-Siedler im Chaco
Gegenwart und Zukunftsperspektiven

Gustav T. Sawatzky (1)

Die Auswanderung der Mennoniten aus Preußen wurde von der Gemeinde organisiert und führte zur Ansiedlung am Dnjepr, konkret am Nebenfluss „Chortiza" in Russland im Jahre 1789.

Erbe von Russland

Die erste Siedlerverwaltung in Russland bestand aus einem Oberschulzen und einem Gebietsleiter.

Die Mennoniten in Russland hatten eine kommunale Selbstverwaltung, die den russischen Behörden unterstellt war. So hatte die russische Regierung 1763 ein Extraorgan zur Überwachung aller ausländlischen Kolonisten gegründet. Dieses Organ erhielt den Namen „Pflegschaftskanzlei". Es überwachte die mennonitischen Siedlungen mit ihrer Selbstverwaltung. Aber nicht nur die Mennoniten wurden von der Pflegschaftskanzlei überwacht, sondern sämtliche Kolonisationen verschiedener Völkergruppen überhaupt.

Im Jahr 1818 hatte dieses Verwaltungsbüro den Namen „Fürsorgekomitee" erhalten und war für alle ausländische Kolonisten im südlichen Russland zuständig. Das Fürsorgekomitee in Russland war also keine mennonitische Organisation, auch nicht speziell für die Mennoniten geründet worden, zumal es 1763 noch keine Mennoniten in Russland gab.

Später (1871) wurde es aufgelöst und die mennonitischen Siedlungen wurden direkt den russischen Provinzialregierungen und Autoritäten unterstellt.

Dies hatte zur Folge, dass sich die Mennoniten in ihrer Lebensweise eingeschränkt fühlten, weil mit der Integration der Selbstverwaltung in die Provinzialregierung ihrer Ansicht nach auch ihre Prinzipien (eigenes Schulwesen, Religionsfreiheit, Befreiung vom Militärdienst) in Gefahr standen. Diese Gründe führten unmittelbar zur Vorbereitung der Auswanderung nach Kanada.

Organisation in Kanada

In den Jahren 1874 - 1876 siedelten 7000 Mennoniten aus Russland in Manitoba Kanada an. Die wirtschaftliche sowie auch die administrative Organisation, die in Russland herrschte, wurde direkt auf ihre neue Heimat in Manitoba, Kanada, übertragen.

Der Bergthaler Oberschulze Jacob Peters aus Russland, wurde somit der erste Oberschulze der Mennoniten in Kanada. Dieser wurde auch von der Kleingemeinde anerkannt und verwaltete ihre Dörfer. Der erste Oberschulze von Fürstenland (Russland) war Isaak Müller.

In den achtziger Jahren griff die Regierung Manitobas in das Verwaltungswesen der Siedlungen ein. Die Verwaltung wurde mehr und mehr der Provinz- und Föderalregierung angepasst.

Dieser Eingriff traf direkt den empfindlichen Nerv der Mennoniten, weil altgewohnte Lebensweisen geändert wurden (z.B. geschlossene Dorfgemeinschaften 64 ha Landwirtschaften - Dorf).

Das betraf die Mennoniten zutiefst, weil die Verwaltungsformen ja auch ein wesentlicher Grund der Auswanderung aus Russland gewesen waren.

All diese Widerwärtigkeiten führten dazu, dass sich die Mennoniten nach anderen Ländern umsahen und eine Auswanderung in Erwägung zogen. Der Blick war jetzt auf Südamerika gerichtet (1919 - Mc. Roberts).

Als im Jahre 1919 das Zwangsschulgesetz in Kanada eingeführt und die staatlichen Schulen im Distrikt der Chortitzer Mennoniten (Ostreserve) eingerichtet wurden, wurde die Frage der Auswanderung wieder akut. Am 11. Februar 1921 ging die zweite Delegation (die erste im Jahr 1919 nach Argentinien und Brasilien) nach Paraguay auf Landsuche.

Nach der Rückkehr dieser Delegation aus Paraguay wurde ein Auswanderungskomitee ins Leben gerufen, das sich speziell mit der Auswanderungsfrage zu befassen und Lösungen zu suchen hatte. Zu seiner Aufgabe gehörte u. a. auch die Veräußerung der Besitzgüter und Wirtschaften. Dieses Auswanderungskomitee war die erste Siedlerverwaltung der Siedler, die sich vorbereiteten, um nach Paraguay auszuwandern.

Im November 1922 wurde das Auswanderungskomitee durch das Fürsorgekomitee abgelöst (zweite Verwaltung der Siedler). Der Name „Fürsorgekomitee" stammt, wie vorhin erwähnt, aus Russland.

Die Form dieses Fürsorgekomitees, das sich mit dem Verkauf der Wirtschaften in Kanada befasste, nahm man direkt auch in Paraguay als Verwaltungsmodell.

Fürsorgekomitee in Paraguay

Die nordamerikanische Zeitung „The Literary Digest" äußerte sich 1927 wie folgt über die Konzession der paraguayischen Regierung den Mennoniten gegenüber.

Tatsächlich wurde die wirtschaftliche Siedlerverwaltung damals als zweitrangig betrachtet. Sie lebten nach dem Motto Matthäus 6, 33: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches (das wirtschaftliche Notwendige) alles zufallen". Sie hatten wohl keine konkrete Vorstellung von einer Verwaltung dieser Art und auch keinen grundlegenden Plan dafür, um nicht zu sagen, keine Ahnung von der Handhabung dieses Verwaltungssystems.

Das Schema für die Verwaltungsorganisation in Paraguay war in groben Zügen von etlichen Männern ausgearbeitet und von einigen Rechtsanwälten in Asunción bearbeitet worden.

„Am 19. Juni 1928 wurde es dann im Verwaltungsbüro des Friedensrichters in Puerto Casado dem mennonitischen Gremium der Verwaltungsinstitution vorgelegt".

Es bestand darin eine Dreiergruppenvertretung aus folgenden Personen:
Ost Reserve: Martin C. Friesen, und Abram A. Braun.
West Reserve: Isaak K. Fehr und Bernhard F. Penner
Saskatchewan: Peter Peters und Korni H. Wiebe.

Der Vorsitzende war Isaak K. Fehr (erster Oberschulze in Paraguay).

Die Aufgaben/Begugnisse des Fürsorgekomitees waren unter anderem:

Im Gebiet des paraguayischen Chaco zu kolonisieren.

Materielle und moralische Unterstützung zu vermitteln, wo solche nötig ist, sei es Erleichterung für die Einrichtung und Entwicklung der Siedlung zu schaffen oder Kreditoperationen in Form von Darlehen zur Förderung der Siedlung zu vermitteln.

Handelsgeschäfte zu unternehmen im Inland wie im Ausland.

Hypothekenverträge und andere Arten von Garantien abzuschließen.

Alle durch die Gesetzte erlaubten Befugnisse auszuüben, wie sie einer juristischen Person verliehen sind.

Im Allgemeinen alle Handlungen auszuführen, die nützlich sind und dazu dienen, die in Paraguay ansässigen mennonitischen Siedler zu schützen und zu unterstützen.

Da die Bürger in diesem Fürsorgekomitee in sehr ungleicher Weise vertreten waren, entstanden einige Schwierigkeiten. Laut Statut war dieses Fürsorgekomitee mit zwei Drittel Stimmenmehrheit befugt, Beschlüsse zu fassen. D.h. konkret, dass die Vertreter von 20% der Bürger über die Vertreter von 80% der Bürger Entscheidungsbefugnis hatten. (Die beiden kleinen Gruppen waren wirtschaftlich stärker - Geld war auch damals schon Macht).

Die Ostreserve (Chortitzer Gemeinde) wählte zwei weitere Mitglieder ins Fürsorgekomitee: Jacob A. Braun und Johan R. Dörksen.

Diese konnten aber gesetzlich nur die früheren zwei ersetzen.

Als die Vertreter der Ostreserve nach mehreren Reformversuchen keine Reform des Verwaltungsrates des Fürsorgekomitees erwirken konnten, sahen sie sich gezwungen, auf das 1927 ins Leben gerufene „Transportkomitee" zurückzugreifen. Es war zwar ein von den Bürgern gewähltes Komitee, hatte aber keine gesetzlich geltende Vollmacht, sondern tat das Notwendigste für die Siedler. Man kann dieses als eine Parallelverwaltung zum Fürsorgekomite verstehen. Die Gründe der Reform waren lediglich darauf zurückzuführen, dass das Fürsorgekomitee nicht auf die Bedürfnisse und Notwendigkeiten der Siedler reagierte und die ungleiche Vertretung der Mitglieder im Fürsorgekomitee, die meines Erachtens als zweitrangig zu betrachten ist.

So gab es in der Zeit von 1932 bis 1935 zwischen dem Fürsorgekomitee und dem Transportkomitee viele Spannungen.

Die erste Audienz beim damaligen Landespräsidenten zeigt die Auswegslosigkeit der Siedler und ihrer Verwaltung, sie baten den Präsidenten um Rat.

Als nach mehreren Bittgesuchen bei der damaligen Regierung die Anerkennung einer neuen Verwaltungsform nicht vorwärts kam, die Sache aber in der Kolonie ausgereift war, stellte der Gemeindevorstand im Juni 1935 die gewählten Mitglieder des neuen Verwaltungsrates Chortitzer Komitee an, obzwar die gesetzliche Anerkennung des Chortitzer Komitees noch auf sich warten ließ. Man wählte fünf Ratsmitglieder und einen Vorsteher.

Diese sechs Personen bildeten das Direktorium „Chortitzer Komitee". Es wurden weitere 33 Personen gewählt, Gesellschafter genannt, die als solche eingetragen waren und das Rückgrad der neuen Verwaltung Chortitzer Komitee bildeten.

Dieses Direktorium mit den 33 Vertretern musste nun am 30. Juli 1936 in Puerto Casado (bzw. Pozo Azul) vor dem Richter Hipólito Portillo das neu von der Bürgerversammlung verabschiedete Statut unterschreiben. (Statut der Sociedad Civil Chortitzer Komitee - 1936). Damit war die Selbstverwaltung der Kolonie Menno, so wie im Gesetz N°514 formuliert, endgültig legitimiert worden. (Was in Russland und in Kanada in dieser Form nicht der Fall gewesen war).

Das Ziel, das 90% der Bürger unterstützten, nämlich eine gleichmäßige Vertretung in der Verwaltung zu haben, war jetzt erreicht.

Die Mitglieder der Verwaltung wurden jedes Jahr auf der Generalversammlung neu bzw. wieder gewählt. Eine Amtsperiode betrug zwei Jahre für die Mitglieder und anfänglich ein Jahr für den Vorsteher. Um eine Kontinuität in der Verwaltung zu gewährleisten, durften nicht alle Mitglieder zur gleichen Zeit neu gewählt werden. (In unserem heutigen Wahlstatut ist dieses Prinzip unverändert beibehalten worden).

Das zu verwaltende Vermögen betrug damals 400.000 paraguayische Pesos, 1500 argentinische Pesos und 42.360 ha Land (Land der Ostreserve/Westreserve hatte 13.500 ha, das nicht im Statut von 1936 figuriert), das auf den Namen des Fürsorgekomitees stand und gelegentlich auf die Sociedad Civil Chortitzer Komitee übertragen werden sollte. (Das Fürsorgekomitee wurde in den fünfziger Jahren aufgelöst und das Land wurde erst in den sechziger Jahren auf das Chortitzer Komitee übertragen). Außer dieses Vermögen zu verwalten hatte die Verwaltung folgende Aufgaben zu bewältigen:
Die neue Verwaltung, des Chortitzer Komitee hatte nun die große Aufgabe, das Siedlungsprojekt der Kolonie Menno nach diesen Zielsetzungen voranzutreiben. (1928 - 14 Dörfer und in den vierziger Jahren - 33/34 Dörfer).

Ab 1936 funktionierte das Chortitzer Komitee (3. Verwaltung) ohne weitere Schwierigkeiten. In dem Maße, wie sich die Kolonie ausdehnte, kamen in der Verwaltung mehr Mitglieder dazu. So zählte der Verwaltungsrat im Jahre 1940 - sechs Mitglieder und einen Vorsteher.

Im Jahre 1948 machte die Kolonie Menno wohl ihren größten Landkauf in der Geschichte. Es waren die 63 Leguas = 118.000 ha. Es kamen zwei weitere Mitglieder in den Verwaltungsrat, was mit der Erweiterung bzw. Gründung der Paratodo-Siedlung 1948 zusammenhing. 1950 waren es elf Mitglieder und 1961 findet man in den Verwaltungsrat-Protokollen erstmalig zwölf Mitglieder im Verwaltungsrat. Im Jahr 1947 wurde ein Geschäftsführer angestellt, zuerst teilzeitig, später vollzeitig.

Eine entscheidende Änderung war die Gründung der Sociedad Cooperativa Colonizadora Chortitzer Komitee im Jahr 1961 - 62.

Diese Genossenschaft verfolgte wirtschaftsspezifische Ziele:
Im Gründungsstatut der Kooperative von 1961 sieht man, dass der Verwaltungsrat sich wieder aus neun Mitgliedern zusammensetzte. Laut den Protokollen der Verwaltungsratsitzungen variert die Zahl aus mir unbekannten Gründen zwischen zehn und elf Personen.

Im Jahr 1977 wurden Lichtenau und Grünau in zwei Bezirke geteilt. Ab dann führen wir regelrecht zwölf Verwaltungsratmitglieder und einen Oberschulzen im Verwaltungsrat der Kolonie Menno.

Seit der Gründung der Sociedad Cooperativa Colonizadora Chortitzer Komitee ist auch der Aufsichtsrat auf den Verwaltungsratsitzungen präsent. 1980 - 82 gab es zwei stellvertretende Aufsichtsratmitglieder, 1983 und 1984 jeweils einen. Später tauchen keine Stellvertreter mehr auf.

Die Verwaltungen der Kolonie Menno gingen durch Höhen und Tiefen. Die Verwaltungsform der Nachbarkolonie Fernheim (1930 gegründet) hat wesentlich zur Stabilisierung unserer Verwaltung in Menno beigetragen. In diesem Aspekt haben die Mennoverwaltungen vieles von den Fernheimern gelernt und übernommen.

Ab 1961 - 62 galt es nun zwei legitime Institutionen zu verwalten; die Sociedad Civil Chortitzer Komitee und die Sociedad Cooperativa Colonizadora Chortitzer Komitee.

Die Verwaltung dieser beiden Institutionen ging immer Hand in Hand. Die Verwaltungsform hat sich bis heute nur insofern verändert, als die beiden Institutionen gewachsen sind (Heute 9 Betriebsleiter in der Asociación Civil und 13 in der Genossenschaft. Einige sind für beide Institutionen tätig, weil die Betriebe ineinandergreifende Funktionen haben).

In dem großen Verwaltungsapparat der Kolonie Menno haben sich bis heute 11 Oberschulzen, 137 Verwaltungsratmitglieder und 34 Aufsichtsratmitglieder bedingungslos für unser Gemeinschaftswerk in der Kolonie Menno eingesetzt.

Oberschulze und Verwaltungsrat - heute

So sieht das Statut der Genossenschaft, das 1994 neu überarbeitet und dem Kooperativgesetz angepasst wurde, einen Verwaltungsrat mit acht oder mehr Mitgliedern vor. Das Statut der Asociación Civil Chortitzer Komitee vom 14. September 2000 sieht es genau so vor, mit der einen Ausnahme, dass der stellvertretende Oberschulze auch auf der ersten regulären Verwaltungsrat-Sitzung von diesem bestimmt wird.

Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass bei der Asociación Civil Chortitzer Komitee der Vorsitzende bei Stimmengleichheit entscheidet. In der Genossenschaft ist der Verwaltungsrat in einer ungleichen Zahl vertreten, wo der Vorsitzende bei gleicher Stimmenzahl die Entscheidung trifft. Die Befugnisse und Pflichten des Verwaltungsrates sind in beiden Statuten klar definiert, die in Zweifelsfällen gegebenenfalls interpretiert werden, immer mit der Absicht, dass sie die in den Statuten festgelegten Ziele zum Wohl ihrer Mitglieder im Auge behalten.

Hatten es unsere Vorfahren mit verschiedenen Herausforderungen wie Lebensmittelbeschaffung, Landbeschaffung u.a. zu tun, so ist die Problematik heute ganz anders. Die Genossenschaft verfügt heute über ein Vermögen von 100.000.000.- US Dollar. Wenn die Verwaltung in den Anfangsjahren es mit drei Gruppen und verschiedener Auffassungen zu tun hatte, so hat sich dieses bis heute in manchen Fällen nicht geändert, nur erscheinen die Meinungsverschiedenheiten und Auffassungen der Bürger in einer anderen Form. Klar definierte Aufgaben für die Verwaltung müssen wahrgenommen und entschieden werden. Die Denkweise, dass der Oberschulze höchste Autorität ist, auch in der Gerichtsbarkeit, ist bei manchen Bürgern bis heute so geblieben. Wir Mennobürger sind immer noch ein oberschulzengläubiges Volk und meinen, dass der Oberschulze sich in bestimmten Fällen über alle Verordnungen hinwegsetzen soll, um konfliktive Situationen zu Gunsten einzelner Bürger zu lösen.

Wir erwarten vom Oberschulzen - wohlgemerkt nicht vom Verwaltungsrat, dass er Probleme, die eine gesetzliche Lösung erfordern nach eigenem Gutdünken löst. Die Bürger sehen den Verwaltungsrat immer noch losgelöst vom Oberschulzen. Das Verwaltungsgremium muss aber als ganzes angesehen werden, in dem der Oberschulze nichts weiteres als ein Koordinator und Teamleiter ist. Persönliche Auffassungen oder Interessen der Verwaltungsratmitglieder spielen in der Glaubwürdigkeit wie auch in der Arbeit der Verwaltung eine nicht zu unterschätzende Rolle.

Das demokratische Denken scheint sich schwer zu entwickeln. Nicht entsprechendes demokratisches Denken bringt uns allzuoft in Schwierigkeiten. Am stärksten sieht man dies bei Abstimmungen. Mehrheitsbestimmungen werden andiskutiert, kritisiert, in Frage gestellt und mit dem schwachen Argument „ich war nicht dafür" oder „ich war nicht zugegen" untermauert. Das trifft auf allen Ebenen zu, im Verwaltungsrat wie auch in der Bürgerschaft. Ein sehr häufiger Ausspruch, den man oft richtig missbraucht, ist der Bürgerwille oder die Meinung der Bürger. Klargestellt sei hier, dass es überhaupt keine Volks- oder Bürgermeinung gibt, es handelt sich in den allermeisten Fällen um die Meinung einzelner einflussreicher Personen. Diese manipulieren unkritisch denkende Bürger, um ihre Ziele zu erreichen unabhängig davon, ob sie der Gemeinschaft dienlich sind oder nicht.

Was immer wieder auffällt ist, dass unsere früheren Verwaltungen konsequenter Beschlüsse durchführten, als es heute manchmal der Fall ist. Heute identifizieren sich Verwaltungsratmitglieder zu wenig mit ihrer Arbeit und mit ihren eigenen Mehrheitsbeschlüssen, in dem sie im Handumdrehen institutionelle Beschlüsse ändern und zu wenig Wert auf Kontinuität legen. Natürlich hängt viel davon ab, wie die Führungskräfte diesem Druck widerstehen.

Gegenwärtig steckt unser Land in einer tiefen Wirtschaftskrise. Bemerkenswert dabei ist, dass diese nicht einmal unser größtes Problem ist, sondern das sind wir selbst.

Wieviel Zeit und Geld wir dabei verlieren, ist uns wohl noch nicht bewusst. Vielleicht begreifen wir dies, wenn es uns wirtschaftlich noch schlechter geht.

Umstrukturierung des Verwaltungsrates:

Im Jahre 1999 wurde in diesem Rat eine interne Umstrukturierung vorgenommen. Sämtliche Betriebe wurden der Asociación Civil und der Sociedad Cooperativa Colonizadora Chortitzer Komitee zugeordnet. Jede der beiden Institutionen erhielt jeweils zwei Abteilungen der die Betriebe nach Zweck und Ziel zugeordnet wurden. Die Mitglieder des Verwaltungsrates teilten sich in vier Gruppen auf, wobei jede Gruppe für bestimmte Betriebe zuständig ist. Jede Abteilung hat einen Koordinator, der die Sitzungen nach einem festen Terminkalender in den Betrieben durchführt und mit dem Betriebsleiter zusammen leitet.

Gründe für diese Umstrukturierung waren, dass die gesamte Verwaltungsratarbeit und die Verantwortung dafür nicht nur auf dem Oberschulzen lasten sollte, sondern auf dem gesamten Rat. Negativ zu werten bei dieser Umstrukturierung ist, dass die Mitglieder zu viel Zeit in den Betrieben verbringen und zu wenig Zeit für ihre Bezirke haben.

Herausforderungen/Perspektiven der Gegenwart und Zukunft

1. Genossenschaft/Asociación Civil

Die Vergangenheit unserer Vorfahren als abgeschlossenes Kapitel anzusehen, wäre falsch. Die Basis, die sie uns in einer wohlerhaltenden Form zurückgelassen haben, verdient hohe Anerkennung. Nur durch unsere Vorfahren sind und haben wir das, was wir sind und haben.

Abram W. Hiebert schreibt in seinem Memorandum 1988: „Ein Volk, das seine Vergangenheit nicht kennt, kann und wird die Gegenwart nicht verstehen".

Weil manche Mitglieder die Vergangenheit nicht gut genug kennen, stoßen viele einmal getroffenen Entscheidungen in der Kolonie auf Widerstand.

Aus unserer eigenen Vergangenheit müssen wir Schlüsse ziehen und auf dieser Basis weiter unser Gemeinschaftswerk vorantreiben.

Eine Herausforderung ist die Sozio - kulturelle Integration: Wie werden wir es schaffen, uns hier mit den verschiedenen Volksgruppen in Paraguay zu integrieren ohne dabei unsere Identität und Struktur zu verlieren? Unsere Nachbarn merken sehr wohl, dass wir immer reicher werden.

Die Gründung einer Munizipalität ist im Moment sehr aktuell. Die Munizipalisierung unserer Kolonien darf an uns nicht leichtfertig vorbeiziehen. Es ist nur eine Frage der Zeit und es wird an uns liegen, ob wir dieses Thema früh genug vorbereiten, um den bestmöglichen Weg für eine ausgewogene Integration zu finden. Auf die Länge können die Kolonien die soziale Last, die auf uns liegt, nicht mehr tragen (z.B. doppelte Beiträge und Auflagen zahlen).

Wenn wir hier nicht die Initiative ergreifen werden, machen das andere. Ob uns das gefällt oder nicht. Wir müssen Vordenker dieser Tatsache sein und nicht alles mit geschlossenen Augen wie einen Film an uns vorbeiziehen lassen, um dann nachträglich zu reagieren, wenn es zu spät ist. Es sind schon einige konkrete Vorschläge erarbeitet worden (1999), die aber noch nicht durchgeführt wurden. Klargestellt werden muss hier, dass unser Verwaltungsrat in der Praxis eine Munizipalitätsverwaltung ersetzt.

2. Herausforderung: Produktion und Vermarktung:

Auf Planung wird in Zukunft mehr Gewicht gelegt werden müssen. 70 Jahre haben wir alles verkauft, was wir produzierten. In den letzten fünf Jahren war das schwieriger. Wie es im Moment aussieht, kann die Vermarktung unserer Produkte noch größere Tiefen erleben, weil die Kaufkraft des paraguayischen Volkes ständig sinkt.

Jetzt ist es Zeit Märkte zu suchen und aufzubauen. Danach wird sich die Produktion in Zukunft ausrichten müssen. Dazu müssen Personen vorbereitet und befähigt werden. Die Frage, die sich hier stellt ist, was wollen wir auf den nationalen Markt und was wollen wir auf den internationalen Markt verkaufen? An dieser Stelle zeigen sich ganz besonders die Schwächen unseres Verwaltungsrat Systems, weil die Entscheidungsprozesse zu langsam sind. Dies kann nur durch einem mit Vollmacht ausgestatteten Ausschuss behoben werden. Dieser muss dann seine Entscheidungen nach den marktüblichen Spielregeln treffen und dafür Verantwortung ablegen.

3. Herausforderung: Werteskala

Die Wertevorstellung und die Ausübung derselben, die über einige hundert Jahre unsere Gemeinschaft durchgetragen haben, ändern sich in den letzten Generationen rasant. Werte wie Arbeitsamkeit, Treue, Aufrichtigkeit, verantwortungsvolles Reden, Moral und Vertrauen verlieren immer mehr an Bedeutung. Das ständige Bemühen von Gemeindevorständen und Kolonieverwaltung sind die Eckpfeiler dieser Werte, zumal die Grundlage derselben nicht in allen Familien gegeben ist. Dieses ist wohl die größte Herausforderung, weil sie nur über die Erziehung und durch Umsetzung in die Praxis erlernt werden können.

4. Herausforderung. Konsumgesellschaft

Die guten Wirtschaftsjahre haben einen Großteil unserer Bürger in eine Konsumgesellschaft verwandelt. Die schwindende Arbeitsamkeit der jüngeren Generationen, verstärkt durch leichte Kredite für die Tertiärausbildung tragen wesentlich dazu bei. Erstes Ziel mancher Absolventen ist, ein hohes Gehalt zu verdienen, bevor man eine Leistung erbringt. Bildung und Leistung müssen in ausgewogenem Verhältnis honoriert werden. Luxuswagen, Luxushäuser, Luxuskonsum sind keine Seltenheit mehr, sondern drücken die arme Schicht immer tiefer herab, da sie den ersehnten höheren Lebensstandard nicht erreichen kann. Wie werden wir diese Problematik in Zukunft bewältigen?

5. Herausforderung: Bildungsfeindlichkeit

Klarstellen möchte ich vorweg, dass ich unter Bildung etwas anderes verstehe als unter Lernen oder zur „Schule gehen". „Bildung ist nämlich die bewußte, planmäßige Entwicklung der natürlich vorhandenen geistigen und körperlichen Anlagen des Menschen". Auch der durch Entwicklung erreichte Zustand ist als Bildung zu betrachten.

Unsere Schulen sind zu sehr auf die Erfüllung des staatlichen Lehrprogramms fixiert (besonders die Sekundarschule). Erste Ansätze zur Veränderung sind bereits in unserem Schulprogramm vorhanden. Wenn wir aber die Bildung und nicht nur unser Schulwesen fördern wollen, muss noch einiges geschehen. Dazu muss die Bildungspolitik ständig revidiert, definiert und unserem Genossenschaftswesen angepaßt werden. Die Genossenschaftserziehung in der Schule kann sich nicht nur auf einige Gelegenheitsdiskussionen, was im Moment läuft, oder was die Verwaltung wieder falsch gemacht hat, beschränken, sondern der gesamte Kontext (Geschichte, Wirtschaft, Sozialleben) muss darin erfasst werden. Nach meinen Erfahrungen sind wir als Mennos wieder neu auf der Suche nach unserer eigenen Identität im Bildungswesen. Es ist aber noch nicht allen klar, dass unsere altbewährte Einstellung „handklug ist effektiver als kopfklug" irgendwann an ihre Grenzen stößt; spätestens jetzt in einer technologisch hoch spezialisierten Arbeitswelt. Wie werden wir dieser Einstellung in Zukunft begegnen?

6. Herausforderung: Fortbildung der Bürger - Erwachsenenbildung

Wenn das Genossenschaftliche Erziehungskomitee (G.E.K.) in diesem Jahr z.B. 1,4 Milliarden Gs. für Ausbildung und Stipendien ausgibt, und nicht mindestens die Hälfte (um nicht zu sagen die gleiche Summe) in die Fortbildung der Bürger, sprich Produzenten investiert, ist ein Ungleichgewicht unserer Wirtschaftsexistenz vorprogrammiert, deren Folgen wir uns heute bewusst werden sollten. Weil die Produzenten unsere Basis für das Gemeinschaftswesen sind und in Zukunft bleiben werden, muss hier mehr geleistet werden.

Die Frage, die sich stellt, ist, wie werden wir die 130 Studenten mit Arbeit ver-sorgen oder wie sollen sie ihr Stipendium abzahlen ohne Arbeit? Unsere Bauernschule (Berufsschule) ist immer noch nicht gefüllt mit zukünftigen Produzenten und Technikern, die die Produktion fördern und begleiten.

Wann werden wir als Führungskräfte und Eltern endlich begreifen, dass die Berufsschule unsere wichtigste Bildungsinstitution ist?

7. Herauforderung: Unser Verwaltungssystem

Unser heutiges Verwaltungssystem ist zu schwerfällig in Entscheidungsprozessen und dies ganz besonders im wirtschaftlichen und komerziellen Bereich. Heute haben wir gut ausgebildete Personen, die sich den Herausforderungen unserer Verwaltung stellen können. Verwaltung im weiteren Sinne des Wortes schließt Betriebsleiter und Geschäftsleiter mit ein.

Die Kompetenzen müssten klar definiert werden. Ganz besonders die Entscheidungsbefugnisse der Geschäftsführer und Betriebsleiter müssen so definiert sein, dass sie im Rahmen der Kostenvoranschläge agieren können, und die Verwaltung hat nichts anderes zu tun, als die Beschlüsse der Bürger und des Verwaltungsrates wie auch die Einhaltung der Statuten und Richtlinien zu überwachen und zu reglementieren. Natürlich überwacht sie auch die Betriebe. Damit die Verwaltung diese Herausforderungen in Zukunft schneller und effektiver bewältigen kann, wird eine Umstrukturierung des Verwaltungssystems meines Erachtens unumgänglich sein. Klargestellt sei hier, dass Quantität nicht gleich Qualität in der Mitgliederzahl des Verwaltungssystems ist.

Nachdenken müssen wir hier darüber, ob es sinnvoll wäre, die Wahlen für die Verwaltunsgratmitglieder unabhängig von der Bezirkszugehörigkeit durchzuführen. Die Bezirksleiter könnten im Bezirk sämtliche Verwaltungsaufgaben wie Schulen, Wirtschaft, Kultur und Sport übernehmen, dann könnte die Chortitzer Komitee-Verwaltung folgendermaßen strukturiert werden:

Der Verwaltungsrat würde sich aus sieben bis neun Mitgliedern zusammensetzen, die aus der ganzen Kolonie gewählt werden. Begründung: Die Bürger sind sehr ungleichmäßig durch die Verwaltungsratmitglieder vertreten (z.B. Loma Plata - Lichtenau).

Diese Mitglieder wählen aus ihrer eigenen Mitte den Oberschulzen, den Sekretär und den Schatzmeister. Die Exekutive wird vom Verwaltungsrat ernannt: Ein Geschäftsleiter, einer für Industrie und Handel, einer für Produktion, einer für Finanzen, einer für Vermarktung, einer für das Gesundheitswesen, einer für das Schulwesen und der Oberschulze.

Ich habe versucht die Entwicklung der Verwaltung der Kolonie Menno in geraffter Form darzustellen. Weiter habe ich einige Schlüsse und Herausforderungen/Perspektiven aus der Verwaltungsgeschichte gezogen. Natürlich basieren diese auf meiner persönlichen Erfahrung und Meinung, die hier nur als Diskussionsgrundlage zu verstehen ist.

Angesichts unserer heutigen Lage auf sozialer, wirtschaftlicher, geistiger und geistlicher Ebene scheint mir zum Schluss meines Referats ein Zitat von einem unserer bedeutendsten Führer in der Geschichte der Kolonie Menno, Herrn Martin C. Friesen, interessant zu sein.

Er schrieb 1928, als er von einem Besuch aus Puerto Casado zurückgekehrt war, an seinen Amtskollegen Abram E. Giesbrecht:

Zum Abschluss spreche ich meinen innigsten Dank aus an alle alten Bürger der Kolonie, die sich ganz besonders für das große Gemeinschaftswerk der Kolonie und Kooperative eingesetzt haben. Sie haben damit eine gesunde Basis für unsere Generation geschaffen.

Auch möchte ich heute unserer verstorbenen Führungskräfte und Bürger, die in außergewöhnlich schwierigen Umständen diese Siedlergemeinschaft, die Kolonie Menno, aufgebaut haben, gedenken. Ehre ihrem Andenken.

Anhang:

Oberschulzen bzw. Vorsteher der Kolonie Menno von 1927 bis 2002:
1927 - 1935
Isaak K. Fehr
1936 - 1939
Jacob A. Braun
1940
Jacob H. Hiebert
1941 - 1948
Heinrich F. Harder
1949
Cornelius R. Funk
1950
Johan T. Dyck
1951 - 1967, 1974 - 1975
Jacob B. Reimer
1968 - 1973, 1976 - 1983, 1996 - 1998  
Jacob N. Giesbrecht
1984 - 1992, 2002 -
Cornelius B. Sawatzky
1993 - 1995
Bernhard F. Wiebe
1999 - 2001
Gustav T. Sawatzky

Verwaltungsrat - Mitglieder von 1927 - 2002: 137

Aufsichtsrat - Mitglieder von 1962 - 2002: 34

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Quellenverzeichnis:
  1. Abram W. Hiebert, Entstehung und Entwicklung der Civil - Gesellschaft Chortitzer Komitee, 1988.
  2. Heinrich Ratzlaff, Die Verwaltungsgeschichte der Kolonie Menno,15.08.2000.
  3. Jacob N. Giesbrecht, Mündliche Aussagen vom langjährigen Oberschulzen.
  4. M. W. Friesen, Kanadische Mennoniten bezwingen eine Wildnis, 1977
  5. M.W. Friesen, Neue Heimat in der Chacowildnis, 1987.
  6. Statut der Genossenschaft und der Asociación Civil Chortitzer Komitee.
  7. Verwaltungsrat: Protokolle.


Fussnoten:
Ehemaliger Oberschulze und ehemaliger Leiter der Berufsschule in Loma Plata. Heute Leiter von FECOPROD
Friesen Martin W. - S. 565.