Vorträge | Jahrbuch 2002

Das Verhältnis der Bewohner der Kolonien Menno und Fernheim zueinander
Peter P. Klassen (1)

Dass andre klüger sind als wir,
das macht uns selten nur Pläsier,
doch dass der andre dümmer,
erfreut fast immer.
Wilhelm Busch

Die „Kanadier" und die „Russen"(2)

Es gibt keinen größeren Spaß als den, sich über den anderen lustig zu machen. Man hat die Lacher auf seiner Seite, und man selbst hat sein Wertgefühl auf Kosten der andern gesteigert. Warum sollte es im mittleren Chaco anders sein?

Kanadier wurden die aus Kanada, Russen die aus Russland in den Chaco eingewanderten Mennoniten genannt. Es hat im Verhältnis zwischen den Kanadiern und den Russen viel Spaß gegeben, und man hat viel übereinander gelacht, zum Teil noch bis heute. Der bekannteste Witz der Russen über die Kanadier sei vornean gestellt; denn er ist sogar in Abhandlungen gern zitiert worden.(3)

„Wenn die Kanadier einen Witz hören, dann lachen sie erst am nächsten Tag." Damit sollte zum Ausdruck gebracht werden, dass diese ein wenig begriffsstutzig seien, jedenfalls begrifstutziger als die Russen. (Dazu eine persönliche Bemerkung: Mir kam dieser Witz einmal sehr zustatten. Ich sollte im „Instituto Superior de Educación" in Asunción als Beitrag für eine Veranstaltung einen Witz über die Mennoniten erzählen. Mein Spanisch war nicht sehr gut. Zum Glück hatte ich vorher gesagt, dass Mennoniten bei einem Witz erst am nächsten Tag lachen. Niemand hatte meinen Witz verstanden. Alle meinten dann nachher wohlwollend und nachsichtig, sie würden erst morgen lachen).

Diese Einwanderer aus Kanada und Russland begegneten sich zum ersten Mal tief im Innern des Chaco auf der Bahnstation Km 145, die zugleich Endstation der Schmalspurbahn vom Hafen Casado war. Die Russländer hatten die Flucht aus der Sowjetunion hinter sich, und das Mennonitische Zentralkomitee (MCC) hatte sie in den Chaco von Paraguay gebracht, weil es außer der Alternative Brasilien keine andere Möglichkeit gegeben hatte. Fuhrleute aus der Kolonie Menno waren durch Vermittlung der Corporación Paraguaya, die das Unternehmen für die Russländer im Auftrag des MCC zu organisieren hatte, mit ihren Ochsenwagen zur Bahnstation gekommen, um die Einwanderer abzuholen und auf das für sie bestimmte Siedlungsland westlich ihrer Kolonie zu bringen.

Walter Quiring beschrieb diese erste Begegnung bald darauf:

Schon dieses äußere Erscheinungsbild mag für eine erste Beurteilung der Kanadier durch die Russen maßgebend gewesen sein. „So werden auch wir bald aussehen", sagte einer der Ankömmlinge deprimiert.(5) Der Eindruck, den diese Russen auf die Kanadier machten, war sicher nicht weniger gravierend. Ihre Kleidung und ihr Verhalten waren von Europa her geprägt, also mehr oder weniger modern, und bei den Kanadiern war die fortschreitende Modernisierung in Kanada mit ein Grund für die Auswanderung gewesen.

Ein junger Fuhrmann weigerte sich, eine ihm zugewiesene Familie auf seinen Wagen zu nehmen. „Warum denn?", fragte man ihn. „Vater hat gesagt, ich solle keinen Schnurrbartmenschen mitbringen", war die Antwort. Er ließ sich dann aber doch überreden.(6)

Durch diese schnell festgestellten Unterschiede machte sich bei den Russen sofort ein gewisses Überlegenheitsgefühl breit, bei den Kanadiern ein ablehnendes Misstrauen, und diese ersten Eindrücke voneinander nahmen die Russen mit in ihre neue Siedlung und die Kanadier in ihre Dörfer.

Vom äußeren Erscheinungsbild blieb sitzen, dass die Russen meist Schildmützen oder Filzhüte, die Kanadier ihre von den Strapazen der Fahrt stark mitgenommenen Strohhüte trugen. Dort schon mögen sich dann die gegenseitigen Spottbezeichnungen „Schildmützen" für die Russen und „Strohhüte" für die Kanadier festgesetzt haben.

Den schönsten Anlass zum Spott aber gab, jedenfalls bei den Russen, zunächst einmal die Sprache. Wer anders spricht als die Mehrheit, gibt immer Grund zum Lachen. Hier war es mehr die distanzierte Nachbarschaft, die Anlass dazu gab. Das Molotschnaer Platt galt in Russland als feiner, und es setzte sich überall in den Tochterkolonien schnell durch, wie Walter (damals Jakob) Quiring nachgewiesen hat.(7) Die meisten der angekommenen Russen sprachen diese Variation des niederpreußischen Plattdeutsch.

Die Kanadier dagegen sprachen das sog. Altkolonier Platt, wie es in Russland in der Kolonie Chortitza gesprochen wurde, noch unverfälscht. Von dort waren sie einmal hergekommen, und sie hatten es mit auf ihren langen Wanderweg genommen und beibehalten. Die andere Aussprache der Vokale, das Endungs-N bei den Verben, dazu eine vielleicht vom Englischen in Kanada herrührende etwas schnarrende Sprachmelodie waren genug Grund bei den Russen zum Nachahmen und zum Lachen.(8) (Umgekehrt mag das durchaus auch der Fall gewesen sein).

Hinzu kam, dass die Kanadier das Hochdeutsch anders sprachen als die Russen. In der Predigt und auch in der Schule wurde z. B. das A wie Au ausgesprochen, eine Sprachform, wie sie in Westpreußen zur Zeit der Auswanderung der Mennoniten Ende des 18. Jahrhunderts allgemein durchaus üblich war.

Mein Vater, ein Lehrer, kam von einem Besuch in der Kolonie Menno nach Hause. Er hatte dort in einem Haus, wo er zu Gast war, ein kleines Mädchen auf seine Schulkenntnisse geprüft. „Wie viel ist fünf und fünf?" - „Ssehn." - „Wie viel ist zehn und zehn?" - „Zwaunzig." Für uns Kinder war das ein Heidenspaß, und er wurde immer wieder erzählt.

Mein Bruder Jakob machte im Laden in Orloff, den er führte, gern Spaß mit Mumtje Ennsche von Straussberg. „Worom sinj ji ,Schautz, ach Schautz, warum so traurig'?", fragte er sie. „Daut heet doch Schatz, ach Schatz." - Mumtje Ennsche konterte: „Schatz, ach Schatz, warum so trarig - daut heat sich je uck no nuscht?"

Ein beliebtes Spottlied, in Fernheim gern nachahmend gesungen, war: „Saußen einst sswei Turteltauben auf nem dirren, dirren Aust, wo sich sswei Verliebte scheiden, da verweltjet Laub und Graus."

Solche Späße und viele andere machten schnell die Runde, und sie gaben Anlass für das notwendige Überlegenheitsgefühl bei den Russen. Auf der anderen Seite wird es wahrscheinlich ähnliche und ebenso verbreitete Späße gegeben haben.

Nur einen: Die Kanadier machten Scharwerksarbeit an einem Weg, wo sie wussten, dass Russen vorbeikommen würden. Alle jungen Männer hatten sich eine Krawatte umgebunden, um damit die Kleidung der Russen, die man für üppig hielt, zu verspotten. Das dunkle Kafirbrot nannten sie „Schlipsbrot". Die Russen seien so arm, dass sie sich Weizenbrot nicht leisten könnten, doch einen feinen Schlips müssten sie tragen.

Die historischen Hintergründe

„Volksdeutsches Wiedersehen" nennt Walter Quiring diese für beide Teile unvorhergesehene und unerwartete Begegnung in einer unbekannten Wildnis nach der Terminologie der dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts.(9) „Wiedersehen mennonitischer Glaubensbrüder" würde man heute vielleicht lieber formulieren.

Fast genau hundert Jahre waren verflossen, seit sich diese beiden mennonitischen Gruppen, die sich nun, 1930, auf der Bahnstation im Chaco zum ersten Mal begegneten, voneinander getrennt hatten. Um 1833 siedelte eine Gruppe von Bauern aus der ersten Mennonitenkolonie Chortitza am Dnjepr 200 km weiter im Osten in der Gegend von Mariupol an und gründete dort die erste sog. Tochterkolonie Bergthal. Zusammen hatten diese Mennoniten 1789, als sie aus dem Weichsel-Nogat-Gebiet und Danzig in Russland einwanderten, die Kolonie Chortitza gegründet.(10)

Martin W. Friesen hat in seinem Buch „Neue Heimat in der Chaco Wildnis" (1987) eingehend die Hintergründe und Ursachen untersucht, die zu den doch sehr markanten Unterschieden zwischen diesen beiden Gruppen, die sich nun im Chaco begegneten, geführt haben. Sie waren damals bei der Einwanderung in Russland sicher eine homogene Gruppe, und sie müssen in ihrem Denken und Handeln wohl ziemlich gleich gewesen sein. Nach Friesen spielten für die damalige Übersiedlung keine gesinnungsmäßigen Gründe eine Rolle, wie das bei späteren Neugründungen von Mennonitenkolonien in Russland und auch anderswo manchmal der Fall war. Die Umsiedler wurden damals im Wesentlichen von der durch den Bevölkerungsüberschuss verursachten wirtschaftlichen Not getrieben.

Um den in dann nur gerade vierzig Jahren in Russland entstandenen Gegensatz zwischen den Bergthalern und den anderen als fortschrittlich bezeichneten Kolonien besser herauszustellen, soll hier eine kurze Darstellung eben dieses Fortschritts zur Erklärung dienen. Die nach 1804 gegründete Kolonie an der Molotschna galt von Anfang an im Gegensatz zur Alten Kolonie (Chortitza) als geistig reger und kulturell fortschrittlicher. Hier setzte sich schon seit 1820 durch rege Beziehungen zum Mutterland Preußen eine gründliche Schulreform durch, die in der Gründung einer Fortbildungsschule, Zentralschule genannt, ihren Ausdruck fand. Es wurden ausgebildete Lehrer aus Preußen gerufen, wie Tobias Voth und Heinrich Heese. Allerdings geschah diese Reform auch in Molotschna gegen starken Widerstand von Seiten der Kirchengemeinde, wie Franz Isaac eingehend beschreibt,(11) doch die Fortschrittlichen setzten sich hier durch.

Um 1840 fand diese Reformbewegung unter dem starken Einfluss von Johann Cornies auch in der Kolonie Chortitza Eingang, wo auch eine Zentralschule und später ein Lehrerseminar gegründet wurden.

Der kulturelle Stand in diesen Mennonitenkolonien Russlands hatte dann eine stetige Aufwärtsentwicklung zu verzeichnen, die durch Studien junger Leute an den Universitäten im In- und Ausland und durch die Gründung von weiteren Fortbildungsschulen für Jungen und Mädchen und Lehrerbildungsanstalten stark gefördert wurde.(12) Man kann von einer geistigen und geistlichen Blütezeit sprechen, die um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert und dann bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges ihren Höhepunkt fand.

Diese kulturelle Entwicklung haben die Bergthaler nicht mitgemacht, und sie wehrten sich sehr bewusst dagegen. Ein wesentlicher Faktor für die dann sehr eigenwillige Entwicklung dieser Gruppe war sicher die räumliche Trennung; denn 200 km spielten in jener Zeit für den Verkehr mit Pferdewagen auf schlechten Wegen eine große Rolle. So meint auch Friesen, dass „die räumliche Abgeschlossenheit viel zu diesem - von außen gesehen - trotzigen Eigensinn und dieser Abwehrhaltung" beigetragen habe.(13)

Diese konservative Haltung und der konsequente Widerstand gegen den geistigen Fortschritt bei den Bergthalern ist aber sicher nicht nur durch die geographische Abgelegenheit zu erklären. Martin W. Friesen setzt sich eingehend auch mit dieser Frage auseinander.(14) Dafür hat er einen sehr zuverlässigen Kronzeugen, den Ältesten Gerhard Wiebe. Wiebe hat in seinem 1900 erschienen Buch „Ursachen und Geschichte der Auswanderung der Mennoniten von Russland nach Amerika" eine ungeschützte Darstellung seiner Lebenshaltung und der seiner Gemeinde geliefert. Ein ähnliches ebenso wertvolles Dokument hat der Älteste Isaak M. Dyck 1970 über „Die Auswanderung der Reinländer Mennonitengemeinde von Canada nach Mexiko"(15) verfasst. Die etwa zeitgleichen Ströme der beiden Wanderungen von Kanada nach Paraguay und nach Mexiko haben in der Auswanderung von 1874 aus Russland den gleichen Hintergrund. Beide Bücher sind als Vermächtnis für die nachfolgenden Generationen gedacht, und sie sollten die Richtung für die Fortführung der Tradition in Gemeinde und Siedlung weisen.

Dabei wird deutlich, unter welch starkem Einfluss der jeweiligen Ältesten die Gemeinden standen. Mit einer uneingeschränkten Autorität, verbunden mit strengen Gemeinderegeln legten sie die Denkrichtung ihrer Gemeinden fest. Durch Gemeindezucht, oft in Ausübung des strengen Bannes, hielten sie ihre Gruppen fest im Griff, alles untermauert mit ihrer eigenwilligen Schriftauslegung. Es ist erstaunlich, wie sich Glaubenshaltung und Lebensführung in diesen mennonitischen Gruppen von Generation zu Generation erhalten ließ. Am Beispiel der Mennoniten in Mexiko und deren Ableger in Bolivien (Santa Cruz) und Paraguay (Rio Verde und Nueva Durango) lässt sich das auch heute noch am deutlichsten nachweisen.

Meist wird die Auswanderung der Bergthaler um 1874 aus Russland nach Kanada - sie zogen auch andere konservative Gruppen aus der Alten Kolonie und dem Fürstenland nach sich(16) - mit der Einführung der Allgemeinen Wehrpflicht begründet. Bei Wiebe wird aber auch deutlich, dass ihn noch viel mehr Sorgen und Befürchtungen quälten als nur der drohende Militärdienst.

Erstens war um 1860 die Brüdergemeinde in Molotschna und Chortitza entstanden, und deren missionarischen Eifer verspürte man auch in Bergthal. Wiebe schreibt von dem „falschen Gottesdienst" und den „falschen Predigern", die er „Wölfe in Schafspelzen" nennt, und er fühlt sich und seine Gemeinde von dem „Unkrautsamen des bösen Feindes", der von ihnen ausgestreut wird, bedroht.(17) Auf keinen Fall sollte diese neue geistliche Strömung in seiner Gemeinde Eingang finden.

Eine ebenso starke Bedrohung sah er in dem schulischen Fortschritt, der in den Mennonitenkolonien auch von der russischen Regierung stark gefördert wurde. Bei Wiebe kommt die Angst vor diesen als Bedrohung empfundenen Reformversuchen am deutlichsten in der bekannten „Spinnengeschichte" zum Ausdruck.(18) (Ein Baron von Korff stellt in einer Bergthaler Schule neue Schulbücher vor. Der Schulze scheint schon schwach zu werden, bis ihm der Älteste Wiebe im Gespräch eine Spinne in der Ecke der Stube zeigt, die eine Fliege langsam einspinnt. So würden auch ihre Schulen vom Weltgeist eingesponnen werden, warnt Wiebe. Der Schulze sieht das ein, und die Schulbücher werden abgelehnt).

Über jene alte Schulform, die der Älteste Wiebe verteidigte und die dann mit nach Kanada wanderte, brauchen hier keine weiteren Ausführungen gemacht zu werden. In vielen geschichtlichen Abhandlungen wird sie ausführlich beschrieben, so auch in dem hier oft zitierten Werk von Martin W. Friesen.(19) Diese Schulform wurde dann einer der Hauptgründe für die Auswanderung der ehemaligen Bergthaler aus Kanada nach Paraguay, und sie prägte dann auch zu einem guten Teil das Verhalten der Kanadier hier. Bei den Russen gab sie viel Anlass für das gern zur Schau gestellte Überlegenheitsgefühl, denn sie hatten die fortschrittliche Schulform aus Russland mitgebracht. Immerhin war die konservative Schulform bis in die fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts in der Kolonie Menno maßgebend.

Diese kulturellen und geistlichen Gegensätze waren es, die das Verhältnis zwischen den Kanadiern und den Russen im Chaco über viele Jahre mit bestimmten.

Verwunderung und Mahnung

So schrieb Hendrik Hack 1961,(20) und diese Verwunderung ist besonders von Außenstehenden immer wieder zum Ausdruck gebracht worden.

Verwunderung und Mahnung gab es von Anfang an, wobei die Mahnung meist stärker an die Kolonie Fernheim, der man als der fortschrittlicheren mehr Verantwortung zuweisen wollte, gerichtet war. So mahnte Professor Benjamin H. Unruh in Deutschland, Wegweiser und Berater bei der Ausreise der Fernheimer nach Paraguay und bei der Gründung ihrer Kolonie, 1934 den Oberschulzen von Fernheim Jakob Siemens: „Wichtig ist auch das Zusammengehen mit der Kolonie Menno. Ich bitte sehr, dieses Zusammengehen auf allen Gebieten anzustreben. Es muss allseitig sehr taktvoll vorgegangen werden. Sie haben diesen Takt, lieber Oberschulze. ... Gott der Herr wird Ihre Bemühungen segnen."(21)

Drei Jahre später schrieb der gleiche Absender an den gleichen Adressaten: „Geben Sie die Kolonie Menno niemals auf. Das Mennonitentum leidet an Zersplitterung und Sektiererei. Wir müssen sie überwinden um der Vernunft und des Evangeliums willen. Die Sache liegt mir so sehr am Herzen und vielen Brüdern mit mir ... Hören Sie nicht auf die Orthodoxen in allen Lagern. ... Schon Ihre Kinder werden es Ihnen danken. Wir müssen Menno gewinnen."(22)

Doch der Fernheim Oberschulze hatte wenig Hoffnung. „Für die Kanadier sind wir gefährliche Nachbarn", antwortete er Unruh. Man habe der Kolonie Menno deutsche Lesebücher zum Kauf angeboten, mit dem Vermerk, dass „es wirklich gute Bücher" seien.(23) Doch der Älteste habe sie mit der Begründung zurückgeschickt, sie könnten diese Bücher nicht einführen, solange die Gemeinde Gottes Wort vollständig anerkenne. „Wer denen von uns aus in ihren Kirchen kommen wollte", schrieb Siemens, „der . . .na, das ist nicht meine Sache. Ich arbeite hauptsächlich auf bürgerlichem Gebiet, und da kommen wir schon aus. ... Wir wollen einen langen Weg gemeinsam durch den Busch schlagen."(24)

Friedrich Kliewer, der 1934 zum Studium nach Deutschland gefahren war und das Verhältnis zwischen den beiden Kolonien gut kannte, mahnte den Fernheimer Oberschulzen, doch wenigstens wirtschaftlich mit Menno zusammen zu arbeiten:

Auch Auswärtige beobachteten scharf und urteilten scharf, so etwa der Forscher Professor Herbert Wilhelmy aus Deutschland: „Mit den Kanadadeutschen in Menno haben die Russlanddeutschen in Fernheim nicht mehr gemein als den Glauben. Nachbarschaftliche, freundschaftliche oder selbst kirchliche Beziehungen sind zwischen den beiden Kolonien nicht angebahnt worden."(26)

Der Gutachter F. K. Schmitz-Winnenthal wird dann sarkastisch. Die Oberschulzen der fünf Mennonitenkolonien Fernheim, Friesland, Menno, Neuland und Volendam hatten sich notgedrungen, als 1970 ein Schlachthofprojekt vom Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ), Deutschland, aus finanziert werden sollte, fester zusammengeschlossen. Dem Gutachter, den das Ministerium zur Untersuchung des Projektes nach Paraguay entsandt hatte, war das längst nicht genug, und er kritisierte die mangelhafte Bereitschaft der Kolonien zur Zusammenarbeit. „Die Autonomiebestrebungen der einzelnen Kolonien widerstreben jeder Wirtschaftlichkeit", schrieb er in seinem Gutachten. Er weist auf einen Antrag Mennos auf Finanzierung einer Erdnussölraffinerie hin, wo doch die Raffinerie in Filadelfia, nur 25 km entfernt, nicht ausgelastet sei. „Nur die Irrenanstalt wird gemeinsam getragen."(27)

Rückblickend könnte man wohl feststellen, dass bei der Kritik an der mangelnden Bereitschaft zur geistlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit die kulturelle und geistliche Annäherung dann doch leichter gewesen ist als die wirtschaftliche, wie weiter unten dargestellt werden wird.

Als der deutsche Botschafter Dr. Josef Rusnack die Oberschulzen in seiner Abschiedsrede vor etwa einem Jahr zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit mahnte, meinte der Oberschulze Gustav Sawatzky von Menno erklärend, es ginge uns allen wohl noch zu gut. Gemeint war, dass uns erst größere Not zusammentreiben würde.

Ansätze zur Annäherung und Zusammenarbeit

Ansätze, die dann eine allmähliche Annäherung zwischen den beiden Kolonien möglich machten, hat es von Anfang an gegeben. Oft fanden sie unauffällig auf der Ebene persönlicher Freundschaften statt. Bei den schweren Fahrten zur Bahnstation, bei denen die Fernheimer durch die Dörfer Mennos fahren und dort Station machen mussten, ist viel Gastfreundschaft zum Tragen gekommen. Die Fernheimer rühmten die unkomplizierte Art und Weise, mit der die müden Fahrer zu Tisch gebeten wurden. Wasser und Weide für die Ochsen war meist eine Selbstverständlichkeit.

„Was die Russländer bei den Mennoleuten sehr positiv bewerteten, das war die Zuverlässigkeit ihrer Aussage", schreibt Martin W. Friesen. „Wenn sie etwas aussagten, dann verhielt sich das auch so. Den Mennoleuten dagegen fiel die Handelsbeschwingtheit der Russländer auf. Sie sagten dazu auf Plattdeutsch: ,De Russlända vestohnen to juden.' (In Anspielung auf die Geschäftstüchtigkeit der Juden).(28)

In ähnliche Richtung weist auch ein Bericht von Walter Quiring aus dem Jahr 1934, den er 1973 im „Mennonitischen Jahrbuch" veröffentlichte. Zwei Fernheimer kommen nach Osterwick, weil sie kein Mehl mehr haben, damals das Grundnahrungsmittel und knapp, weil es importiert werden musste. Doch auch in Osterwick ist das Mehl knapp. Der eine Fernheimer kann bei einer Familie 20 kg kaufen, gibt dem andern aber nichts davon ab. Da gibt der Familienvater dem leer ausgegangenen Fernheimer auch sein letztes Mehl ab. „Wir werden ohne dieses Mehl sicher leichter auskommen als sie", sagt der Mann zu seiner Frau.(29)

Doch auch auf administrativer Ebene zeigten sich Ansätze der Verständigung. Jakob A. Braun, einer der führenden Männer Mennos, beschwerte sich im Mai 1930 darüber, dass die Spurweite der Wagen, die die Russländer aus Deutschland mitgebracht hatten, enger sei als die der Kanadier. Das hätte man doch bedenken müssen; denn die Wege würden durch Wagen mit verschiedener Spurweite arg zerschnitten, was den Transport erschwere. Als die Fernheimer so weit waren, dass sie eigene Wagen herstellten, beschlossen sie auf einer Sitzung am 3. Februar 1933, die Spurweite der Kolonie Menno zu akzeptieren.

Auch dann, wenn die Not groß wurde, fand man manchmal zueinander. So unterzeichneten Vorsteher Jakob Hiebert aus Menno und Oberschulze Jakob Siemens aus Fernheim am 9. August 1938 ein Abkommen, nach dem die beiden Kolonien einen Arzt aus Camacho (heute Mcal. Estigarribia) bezahlen wollten, der dann einmal im Monat in die Kolonien kam.(30)

Die weitere Entwicklung der Beziehungen und der Annäherung ist nicht mehr gut isoliert nur zwischen den Kolonien Menno und Fernheim zu betrachten. Die Ebene hatte sich durch die Zuwanderung der Flüchtlinge aus der Sowjetunion ab 1947 sehr stark erweitert, und gerade diese Erweiterung war mit ein Anlass dafür, dass sich die Kanadier äußeren Einflüssen gegenüber stärker zu öffnen begannen. Das MCC war sehr bestrebt, auch die Kolonie Menno in die Hilfsaktion für die aus Europa in Schüben eintreffenden Flüchtlinge einzubeziehen, und sie ließ sich einbeziehen.

An den Beratungen, die zur Regelung dieser Einwanderung und besonders zur Unterbringung der Flüchtlinge in den Kolonien dann im Mennonitenheim in Asunción stattfanden, nahmen Vertreter der Kolonien Fernheim, Friesland und Menno teil. Unvorhergesehen und vielleicht ungewollt wurde so eine Begegnung auf breiter Ebene herbeigeführt, die deutlich feststellbare Folgen hatte. (Darüber, welchen Einfluss diese Begegnung der Bewohner Mennos mit den Flüchtlingen aus Europa dann hatte, wird sicher im nächsten Vortrag von Dr. Jakob Warkentin ausführlich berichtet werden).

Fast immer waren es dann Anforderungen von außen her, die die immer noch stark eigenbrötelnden Kolonien zu gemeinsamen Aktionen trieben. Im Oktober 1957 hatte das MCC bei der US-Regierung einen Kredit von 1 Million Dollar für die Mennonitenkolonien in Paraguay zur Entwicklungshilfe locker gemacht. Um dieses Geld richtig zu kanalisieren, gründeten die Kolonien ein „Comité Económico Mennonita" (CEM) mit einem ständigen Büro in Asunción.

Weitere geschäftliche Beziehungen mit dem Ausland führten dann nach 1961 zur Gründung des Oberschulzenrates und zur Erweiterung des CEM zum „Comité Social Económico Mennonita" (CSEM) und damit zu einem noch stärkeren administrativen Zusammenschluss der Kolonien. Äußerer Anlass war die über die Deutsche Botschaft in Asunción in Aussicht gestellte Entwicklungshilfe von der „Evangelischen Zentralstelle" in Deutschland und dann auch Angebote auf Entwicklungshilfe vom „Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit" (BMZ).(31)

Diese Entwicklungshilfe und die langfristigen Kredite, für die auch „Brot für die Welt" gewonnen werden konnte, haben für die Entwicklung der Mennonitenkolonien in Paraguay einen wesentlichen Beitrag geliefert. Was vielleicht weniger konstatiert worden ist, war auch eine durch diese Beziehungen bewirkte starke Öffnung äußeren Einflüssen gegenüber, der sich auch die Kolonie Menno nicht entziehen konnte. Man wollte auch den Erwartungen der Geldgeber entsprechen, und so überwanden auch die Kanadier schnell manche Hemmungen, die sie noch wenige Jahrzehnte zuvor solchem Fortschritt gegenüber gehabt hätten.

Wenn weiter oben für die konservative Haltung der Bergthaler der Einfluss führender Persönlichkeiten, dort der der Ältesten, verantwortlich gemacht wurde, dann waren auch hier für den relativ schnellen Fortschritt in der Kolonie Menno wieder Persönlichkeiten, Oberschulzen, Lehrer, Prediger und Geschäftsleute zuständig.

Dabei muss hier vermerkt werden, dass die von außen her so dringend geforderte wirtschaftliche Zusammenarbeit der Kolonien meist nur so lange funktionierte, wie dieser Druck bestand. Ließ er nach oder verschwand er ganz, versanken die Kolonien mit ihrer wirtschaftlichen Planung meist wieder in den alten separatistischen Zustand.

Anders war es auf der kulturellen und geistlichen Ebene, sprich dem Schulwesen und der Glaubensgemeinde. Hier funktionierte die Zusammenarbeit, verbunden mit fortschrittlichen Maßnahmen, reibungsloser und dauerhaft. Das ist eigentlich um so verwunderlicher, als gerade auf diesen Gebieten einmal die Hauptgründe für die Auswanderung aus Kanada nach Paraguay zu suchen sind, wobei der Kampf um die alte Schulform dort und sein Scheitern als schwerwiegendster Faktor angesehen werden muss.(32)

Es waren einsichtsvolle Männer in Menno, die schon Anfang der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts erkannten, dass die Siedlung im Vergleich mit Fernheim und Neuland zu weit ins Hintertreffen geriet, wenn das Schulwesen nicht gründlich reformiert würde. Martin W. Friesen beschreibt diese Entwicklung aus seiner Sicht in der Jubiläumsschrift von 1977 „Kanadische Mennoniten bezwingen eine Wildnis". Friesen nimmt dort aber kaum Bezug auf das Verhältnis zu den anderen Kolonien. Er führt die Reform fast ausschließlich auf die eigene Einsicht und Erkenntnis zurück. (33) Dem damals erforderlichen Selbstbewusstein einer aufstrebenden Siedlung mag diese Haltung auch durchaus dienlich gewesen sein.

Nicht von der Hand zu weisen ist aber der gegenseitige Einfluss, der bald zu einem sehr guten Einvernehmen führte. 1950 lud der aus Kanada vermittelte Lehrer C. C. Peters, damals Leiter der Fernheimer Zentralschule, erstmalig zu einer allgemeinen Lehrertagung in Filadelfia ein, zu der die Lehrervereine aus Friesland, Volendam und Neuland erschienen. Auch Menno hatte einige Vertreter als Beobachter geschickt. Man könnte wohl feststellen, dass dies der Anfang einer sich immer mehr verstärkenden Fühlungnahme und Zusammenarbeit war.

Schon 1950 kam es zur Gründung des „Allparaguayischen mennonitischen Lehrervereins", der dann 1956 in Volendam in „Lehrerverband der Mennoniten in Paraguay" umbenannt wurde. In Volendam nahmen Lehrer der Kolonie Menno bereits in größerer Zahl teil, und sie schlossen sich dem Lehrerverband an. Als Markstein für die dann allgemeine und parallele Entwicklung des Schulwesens in den Mennonitenkolonien kann die Gründung der „Allgemeinen Schulbehörde" 1970 angesehen werden, die aus der Erkenntnis der Schulverwaltungen erwuchs, einen gemeinsamen Weg für das Schulwesen der Mennoniten in Paraguay zu suchen. Sie ist dann oft als Beispiel dafür angeführt worden, dass eine Zusammenarbeit bei gutem Willen durchaus möglich ist. Das Lehrerseminar in Filadelfia, die Berufsschule in Loma Plata, die Hauswirtschaftsschule in Neuland und die staatliche Anerkennung der Schulen waren gezielt geplante Ergebnisse dieser gemeinsamen Tätigkeit.(34)

Nicht weniger merkwürdig, doch stetig war die Annäherung der Glaubensgemeinden der Mennoniten in Paraguay untereinander, wobei der Wandel in der Einstellung der Gemeinden in Menno am auffälligsten ist. Die meisten Reformen in mennonitischen Gemeinden haben sich bis in die Gegenwart hinein unter schmerzhaften Spannungen und Spaltungen vollzogen. In den Gemeinden der Kolonie Menno fand der Wandel unauffällig und beinah unmerklich statt.

Vielleicht liegt das zum Teil auch an einer gewissen Gesetzmäßigkeit, die in der Kirchen- und auch in der Mennonitengeschichte zu beobachten ist. Auf Zeiten großer Gegensätze und Spaltungen folgen wieder Zeiten des Ausgleichs und der Nivellierung. Die Entwicklung des Gemeindelebens in der Kolonie Menno traf gerade in so eine Zeit der Nivellierung hier in Paraguay hinein.

Als einschlägiges Beispiel soll hier das Verhältnis der Gemeinden in der Kolonie Fernheim anführt werden. Die drei Gemeinden hier - MG, MBG und EMB - gründeten sich bei der Ansiedlung klar und eindeutig nach dem von Russland her bekannten Muster, d.h. in schroffer Abgrenzung voneinander. Obwohl das Konzept der Brüdergemeinde auf Grund ihrer zahlenmäßigen Dominanz stark im Übergewicht war, haben die Jahrzehnte eine sehr deutliche Angleichung der Gemeinden untereinander bewirkt. Die MBG wurde in manchen Stücken toleranter, die MG führte strengere Regeln ein. Heute wären außer einigen Äußerlichkeiten kaum noch Unterschiede zwischen den drei Gemeinden festzustellen.

Doch dieser Nivellierungsprozess hat auch auf die Gemeinden der anderen Kolonien übergegriffen, und es wäre eine Untersuchung wert, wie viele der Glaubenselemente und Praktiken von den Gemeinden Fernheims beispielsweise in den Gemeinden Mennos übernommen worden sind. Die Abschaffung des Katechismusunterrichts als Bedingung für die Taufe und die Einführung von Evangelisationen, um eine Bekehrung herbeizuführen, wären nur Beispiele.

Ohne hier tiefer auf diesen Prozess einzugehen, kann wohl festgestellt werden, dass sich diese Angleichung im Allgemeinen segensreich und wohltuend auf das gesamte Mennonitentum in Paraguay ausgewirkt hat. Viel Gemeinsamkeit ist dadurch auch unter Beibehaltung der organisatorischen Grenzen möglich geworden. Durch die Gründung des Gemeindekomitees, das geistliche Pendant zum Oberschulzenrat, konnten manche gemeinsamen karitativen Einrichtungen, wie die Leprastation und andere geschaffen werden.(35) Auch die gemeinsamen geistlichen Bildungsanstalten CEMTA und IBA, obwohl getrennt von den Konferenzen geführt, haben viel zu dieser Angleichung und zum Ausgleich beigetragen. Dadurch konnte dann auch die Missionstätigkeit, obwohl in getrennten Formationen, ohne größere Rivalitäten untereinander durchgeführt werden.

Die „Mischehen"

Die Heirat war in den mennonitischen Gemeinden, spätestens seit den Jahren des 17. und 18. Jahrhunderts in Westpreußen, ein sehr wirksames Regulativ für die Ordnung in den Gemeinden und für eine sichere Tradition. In den Gemeinden dort war die Außentrau, d.h. die Heirat mit Andersgläubigen, zeitweilig auch mit Angehörigen anderer mennonitischer Gemeinden (Friesen und Fläminger), strikt verboten. Diese Endogamie hat ohne Frage wesentlich zur Herausbildung eines „mennonitischen Menschenschlages" oder - wenn man so will - des „mennonitischen Volkes" - beigetragen.(36)

Auch in Russland, in Kanada und dann auch in Paraguay wachten die Gemeinden mehr oder weniger streng über die Institutionen Heirat und Ehe, weil man darin nicht nur eine Garantie für die Integrität der Gemeinde, sondern auch für die gesamte mennonitische Gesellschaft sah. Die Verordnungen der Gemeinde, besonders in Menno, spielten dann auch für das Verhältnis der Kolonien untereinander, vor allem auch für das zwischen Menno und Fernheim, über Jahre eine bedeutende Rolle.

Unübertroffen für eine Darstellung dieser Situation in der Zeit jener ersten Begegnung dieser beiden mennonitischen Gruppen im Chaco ist eine einfühlsame und reizvolle Kurzgeschichte von Professor Hans Krieg, der um 1931 als Zoologe und Ethnologe im Chaco Forschungsarbeit betrieb und dabei die Siedler in Menno und Fernheim kennen lernte. Die Geschichte heißt „Die gebrochene Deichsel".(37)

Einem jungen Fernheimer Fuhrmann bricht auf der Rückreise von der Bahnstation in einem Dorf der Kolonie Menno die Deichsel. Verzagt und hilflos sitzt er am Brunnen, wo er seine Ochsen tränken wollte. Kalter Südwind weht. Da kommt Rebekka Frees (Fröse), ein gesundes und hübsches Mädchen aus dem Dorf, zum Brunnen, um Wasser zu holen. Der etwas freche Fernheimer beginnt ein Gespräch, das schüchterne Mennomädchen geht zaghaft darauf ein, und in kurzer Zeit springt der Funke über. Es hätte eine große Liebe werden können. Doch ein Liebesverhältnis zwischen einem Russen und einer Kanadierin ist bei den strengen Regeln der Gemeinde ausgeschlossen. Rebekka heiratet den für sie bestimmten David Bergmann und birgt in ihrem Herzen die Sehnsucht nach dem fröhlichen Johann, dem sie damals nur so flüchtig begegnet ist.

Die Jahre gingen ins Land, und bis 1946 kam es nach einer Statistik des Heiratsregisters der Kolonie Menno zu keiner einzigen Heirat zwischen Jugendlichen aus Menno mit Auswärtigen.(38) Dann beginnen sich zaghaft und langsam Bande zu knüpfen: je eine oder zwei oder auch gar keine „Mischehe" jährlich bis 1970. Erst ab diesem Jahr wird es dann reger, bis zu neun, später auch bis zu dreizehn Ehen mit Auswärtigen werden in einem Jahr geschlossen, bis zum Jahr 2001 sind es insgesamt 185. Leider ist in der Statistik des Heiratsregisters nicht vermerkt, woher die Partner dieser Mennojugend kommen. Nach einem Vermerk könnten 80 % davon Fernheimer gewesen sein.

Etwas detaillierter ist eine andere Statistik, die Ingrid Epp, damals Archivarin der Kolonie Fernheim, 1988 für das Mennoblatt ermittelte.(39) Die Angaben sind mit denen aus Menno nicht ganz identisch. Wahrscheinlich ist die Statistik in den ersten Jahren in Menno noch unvollständig gewesen. Das beweist der Bericht von Andreas F. Sawatzky im Mennoblatt. Isaak Funk aus Menno heiratete in den dreißiger Jahren Suse Penner aus Fernheim. Die Gemeinde in Menno erlaubte die Heirat nicht, und Penner wurde ausgeschlossen.(40) So eine Ehe ist dann sicher auch nicht in die Statistik gekommen. Doch es geht hier nicht so sehr um statistische Genauigkeit als um den Gesamteindruck.

Nach den Ermittlungen von Ingrid Epp fanden in Fernheim in 57 Jahren 1426 Eheschließungen statt, von denen 499 „Mischehen" waren, d.h. Ehen mit Partnern, die nicht aus Fernheim kamen.

Im Verhältnis zu Menno: Von 1930 bis 1939 heiratete ein Fernheimer Mädchen einen Mann aus Menno. (Wahrscheinlich jene Suse Penner mit Isaak Funk). Von 1940 bis 1949 heirateten zwei Fernheimer Männer Mädchen aus Menno. Bei den folgenden Zahlen wird immer nur die Zahl der Fernheimer, die Partner in Menno heirateten, genannt. Von 1950 bis 1959 zwei Männer und eine Frau. Von 1960 bis 1969 bereits 14 Männer und 5 Frauen. Von 1970 bis 1979 waren es 30 Außenheiraten, 24 Männer und 6 Frauen. Von 1980 bis 1987 (Stichdatum der Erhebung) 46 Eheschließungen, 39 Männer und 7 Frauen. Insgesamt gab es in diesen 57 Jahren 101 Mischehen zwischen Russen und Kanadiern. Professor Krieg hätte das Herz gelacht.

Nach der Ursache für diesen Aufwärtstrend in der Liebe zwischen Menno und Fernheim braucht man nicht lange zu suchen. Neben der wachsenden Aufgeschlossenheit von Seiten Mennos und der Abnahme des Überlegenheitsgefühls der Fernheimer waren es vor allem die gemeinsamen Institutionen, in denen sich die jungen Leute begegneten, kennen und lieben lernten: Die theologischen Institute, das gemeinsame Lehrerseminar, die Universitäten in Asunción, der „Christliche Dienst" und natürlich auch die gemeinsamen Jugendtreffen, Sportveranstaltungen usw.

Diese vielen Eheschließungen haben sicher erheblich zur Verbesserung des Verhältnisses zwischen den Kanadiern und den Russen beigetragen. „Die Liebe überwindet alles" nach 1. Korinther 13, 7.

Ausblick

Das Geschichtskomitee der Kolonie Menno hat das Thema über das Verhältnis der beiden Kolonien Menno und Fernheim zueinander anlässlich des Jubiläums zum 75-jährigen Bestehen seiner Kolonie sicher in der Absicht gestellt, nach den Ursachen für die als nicht gerade gut bekannten Beziehungen zu suchen und wohl auch mit dem Wunsch, dass sie sich bessern möchten.

In diesen Ausführungen hat sich unschwer nachweisen lassen, dass sich das Verhältnis seit jener ersten Begegnung auf der einsamen Bahnstation im Chaco im Lauf der vielen Jahren langsam wirklich gebessert hat. Die Gründe dafür sind angeführt worden.

Was geblieben ist, sind liebgewordene Witze und Anekdoten, die immer noch gern erzählt werden. Warum sollten sie nicht auch bleiben? Man erträgt sie heute sehr gut, und man freut sich darüber. Ein bisschen Rivalität wird es wohl immer geben, solange es Grenzen zwischen den Kolonien gibt. Wenn es in einer Kolonie mehr regnet als in der andern, hebt das schon das Selbstwertgefühl.

Ernster sind allerdings die Fragen der wirtschaftlichen Zusammenarbeit zu nehmen, wie sie der deutsche Botschafter in dem oben angeführten Beispiel anregte. Es müsste uns ja nicht unbedingt schlechter gehen, um ein gemeinsames Vorgehen auf wirtschaftlicher Ebene zu erreichen. Die Frage wäre höchstens, ob die Konkurrenz zwischen den mennonitischen Genossenschaften heilsam ist, oder ob man sich dadurch gegenseitig schadet.

Bei einem Besuch des im Bau befindlichen Schlachthofes bei Loma Plata erklärte mir David Sawatzky eingehend und interessant, wie lange man hatte planen und sprechen müssen, bis die Ideen für dieses große Projekt Eingang gefunden hätten. Meine Frage am Schluss der für mich sehr aufschlussreichen Führung war, wie lange man wohl hätte planen und sprechen müssen, damit man einen gemeinsamen Schlachthof der drei Kooperativen Menno, Fernheim und Neuland hätte bauen können.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis
Weiter zum nächsten Vortrag: Jakob Warkentin: Begegnung zwischen Neuländern und Mennos 1947/48

Verwendete Literatur
  1. Dyck, Isaak M.: Die Auswanderung der Reinländer Mennonitengemeinde von Canada nach Mexiko, Cuauhtémoc, 1970
  2. Friesen, Martin W.: Kanadische Mennoniten bezwingen eine Wildnis, Asunción, 1977
  3. Friesen, Martin W.: Neue Heimat in der Chaco Wildnis, Altona, Manitoba, 1987
  4. Froese, Leonhard: Das Schulwesen der Mennoniten in Russland, in Menn. Lexikon, 1967 Band 4, 109
  5. Hack, Hendrik: Die Kolonisation der Mennoniten im paraguayischen Chaco, Amsterdam, 1961
  6. Isaak, Franz: Die Molotschnaer Mennoniten, Halbstadt, Taurien, 1908
  7. Klassen, Peter P.: Die Mennoniten in Paraguay - Reich Gottes und Reich dieser Welt - Filadelfia, 2. Aufl., 2001
  8. Krieg, Hans: Menschen, die ich in der Wildnis traf, Stuttgart, 1935
  9. Quiring, Jakob: Die Mundart von Chortitza in Russland, München, 1928
  10. Quiring, Walter: Russlanddeutsche suchen eine Heimat, Karlsruhe, 1938
  11. Schmieder, O./ Wilhelmy, H. : Deutsche Ackerbausiedlungen im südamerikanischen Grasland, Pampa und Gran Chaco, Leipzig, 1938
  12. Schmitz-Winnenthal, F. K. : Gutachten über den Antrag der Mennonitenkolonien im paraguayischen Chaco zur Erweiterung des TH - Projektes für das BMZ - maschinenschriftlich -, Bonn, 1971
  13. Wiebe, Gerhard: Ursachen und Geschichte der Auswanderung der Mennoniten von Russland nach Amerika, Winnipeg, 1900
Fussnoten:
Langjähriger Schulrat der Kolonie Fernheim und Historiker der Mennoniten in Paraguay und Brasilien.
Diese Bezeichnung für die Einwanderer in den Chaco aus Kanada (1927) und aus Russland (1930) fand sehr bald allgemeine Anwendung, auch ohne spöttischen Unterton. Sie werden in dieser Abhandlung deshalb ohne Anführungsstriche geführt. - Heute werden weitgehend die Begriffe Mennos und Fernheimer gebraucht.
Hack 1961, 200 und Friesen 1987, 461
Quiring 1938, 141
Friesen 1987, 456
Quiring 1938, 142 (Auf einer Predigerberatung in Saskatchewan war vor der Ausreise aus Kanada beschlossen worden, dass Schnurrbarttragen von der Gemeinde aus verboten werden sollte. Klassen 2001, 88 ).
Quiring 1928, 45
Verbreiteter Witz in schnarrendem Ton erzählt: „Etj schnoa nich, mine Frau schnoat nich, und de Tjinja schnoren aula.
Quiring 1938, 141
Friesen 1987, 2
Isaac 1908, 278
Froese in Menn. Lexikon1967, Band 4, 109
Friesen 1987, 6
Friesen 1987, 5 und 6
Dyck 1970
Eine ausführliche Erklärung für den Begriff „Altkolonier" gibt Heinrich Ratzlaff im „Jahrbuch für Geschichte und Kultur der Mennoniten in Paraguay" 2001, S. 181
Wiebe 1900, 7 ff
Wiebe 1900, 17 ff
Friesen 1987, 6
Hack, 1961, 199
Brief vom 29. 11. 1934 - Archiv Fernheim
Brief vom 26. 1. 1937 - Archiv Fernheim
Wahrscheinlich waren es die bekannten grünen Schadeschen Lesebücher aus Russland, die der Kolonie Fernheim in größerer Menge zugeschickt worden waren.
Brief vom 21. 6. 1937 - Archiv Fernheim
Brief vom 26. 11. 1934 - Archiv Fernheim
Schmieder/ Wilhelmy 1938, 128
Schmitz-Winnenthal 1970, 21
Friesen 1987, 461
Walter Quiring: "Schulvisite in Osterwick - 1834 in der Ukraine und 1934 in Paraguay", in Mennonitisches Jahrbuch 1973, Karlsruhe, 52
Beide Zitate in Klassen 2001, 230
Klassen 2001, 232 ff
Friesen 1987, 34 ff
Friesen 1977, 110 ff
Klassen 2001, 323 ff
Klassen 2001, 434 ff
Klassen 2001, 291
Hans Krieg: „Die gebrochene Deichsel" in „Menschen, die ich der Wildnis traf", Stuttgart, 1935
Statistik vom Heiratsregister der Kolonie Menno von 1928 bis 2001
Peter P. Klassen: „Der Philister Weiber" in Mennoblatt Nr. 12, 1988
Andreas F. Sawatzky: Opfer der Diskriminierung, in Mennoblatt Nr. 8, 2002