Vorträge | Jahrbuch 2002

Begegnung zwischen Neuländern und Mennos 1947/48
Dr. Jakob Warkentin (1)

Einleitung

Ende der vierziger Jahre fand im zentralen Chaco eine merkwürdige Begegnung statt: Gutmütige, einfache und konservativ gesinnte Bewohner der Kolonie Menno wurden vor die Aufgabe gestellt, ihre mennonitischen Brüder und Schwestern aus Russland, von denen sie sich vor etwa einhundert Jahren getrennt hatten, für mehrere Monate in ihre Heime aufzunehmen. Schlichte Landbewohner mussten nun Flüchtlinge beherbergen, die in der Sowjetunion in Kolchosen gearbeitet und viel Leid durch Flucht und Familientrennung erfahren hatten. Sie, die in der Tradition ihrer Vorfahren aufgewachsen waren, stets in abgeschiedenen mennonitischen Siedlungen gemäß ihres Glaubens und ihrer Weltanschauung gelebt hatten, mussten sich nun mit Menschen auseinandersetzen, die zwar auch Plattdeutsch sprachen, die aber in Russland die Revolution sowie Verfolgung und Enteignung erlebt hatten und durch den Zweiten Weltkrieg und die Flucht verunsichert und entwurzelt worden waren. Wie sollte und konnte das geschehen?

Um darauf eine Antwort zu finden, habe ich zunächst einmal die Protokolle des Chortitzer Komitees befragt, dann mehrere Interviews in Menno und Neuland durchgeführt und schließlich die eigenen Erfahrungen zu Rate gezogen. Die Interviews sind nicht repräsentativ, sind aber interessante Mosaiksteinchen, die für das Gesamtbild einen nützlichen Beitrag leisten.

Vorbereitung zur Aufnahme der Flüchtlinge

Die Protokolle des Chortitzer Komitees lassen erkennen, wie sich die Verwaltung und die Bürger der Kolonie Menno auf die Aufnahme der Flüchtlinge vorbereiteten. Mit „Flüchtlingen" bezeichnete man die mennonitischen Immigranten, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus Russland geflohen waren und dann ihren Weg über Polen und Deutschland nach Paraguay gefunden hatten. Die Bewohner von Menno wurden von den Bewohnern in Fernheim „Kanadier" oder „Strohhüte" genannt, während die Fernheimer bei den Mennos als „Russen" oder „Mützen" bekannt waren.

Am 19. August 1946 beschloss das Chortitzer Komitee im Beisein des Lehrdienstes, d.h. der Predigerschaft, auf einer Sitzung, dass die Dorfsbewohner in Verbindung mit dem Lehrdienst entscheiden sollten, wer wie viele Flüchtlinge aufnehmen und für einige Zeit beköstigen könnte.(2)

Im Laufe der Zeit wurde ein Flüchtlingskomitee gegründet und in jedem Dorf ein Bürger zum Flüchtlingsaufseher ernannt, der für die im Zusammenhang mit den Flüchtlingen aufkommenden Fragen zuständig sein sollte.

Am 6. März 1946 beschloss das Flüchtlingskomitee zusammen mit den Dorfsaufsehern im Beisein des Vorsitzenden des Chortitzer Komitees, dass die Flüchtlinge in der Kolonie Menno gut behandelt werden und die bis dahin angenommenen Verordnungen von beiden Seiten eingehalten werden sollten. Wörtlich heißt es im Protokoll dann so:

Es ist erstaunlich, wie fürsorglich und vorsichtig die Mennos bei der ersten Begegnung mit den Flüchtlingen vorgingen. Sie sorgten für keimfreies Wasser, um Magenverstimmungen vorzubeugen, wiesen zudem darauf hin, dass keine „gleichgültigen Personen" die Flüchtlinge abholen sollten. Dann einigte man sich auch darauf, diskret herauszufinden, ob die Einwanderer von Ungeziefer frei seien oder nicht.

Am 25. September 1947 fasste das Flüchtlingskomitee mit den Vertretern aus den Dörfern Beschlüsse, die den zukünftigen Neuländern das Einleben in der neuen Umwelt erleichtern könnten. So sollten die Bürger der Kolonie Menno den Flüchtlingen beim Ansiedeln helfen, ihnen zahmes Vieh im Tausch gegen wilde Ochsen und Kühe, die Casado den Einwanderern zur Verfügung stellen wollte, geben, die zur Zeit nicht gebrauchten Pflüge und Kultivatoren ihnen leihweise zur Verfügung stellen und ihnen zeigen, wie man Sielen für Ochsen und Pferde anfertigte, Fenster- und Türrahmen herstellte und Mandiokastangen zum Pflanzen vorbereitete.(4) Der Vorschlag zum Viehtausch wurde später jedoch vom Chortitzer Komitee dahingehend abgewandelt, dass die Mennos den Neuländern für fünf Jahre einige zahme Kühe leihweise zur Verfügung stellen sollten, die dann nach dieser Zeit Kuh gegen Kuh wieder zurückzugeben seien.(5)

Erlebnisse der Neuländer in der Kolonie Menno

Die zukünftigen Neuländer Bürger hatten bereits in Deutschland und auf der langen Reise bis Paraguay viel Negatives über den Chaco gehört, so dass sie voller Sorge herkamen. Der spätere Oberschulze Peter Derksen hat seine Gefühle bei der Ankunft auf der Endstation später zu Papier gebracht. Er bezieht sich zwar direkt auf die Fernheimer, was aber in diesem Fall auch auf die Mennos hätte zutreffen können. Er schreibt:

Derksen hat dann später die Erfahrung gemacht, dass sowohl die Fernheimer als auch die Mennos den Neuländern in vieler Hinsicht geholfen haben. Sie holten sie nicht nur mit eigenen Fahrzeugen von der Endstation ab, sondern nahmen sie für mehrere Monate in ihren Häusern auf, verpflegten sie teilweise gratis und gaben ihnen praktische Ratschläge für das Leben in einer für die Einwanderer völlig neuen Umwelt. Eine besondere Hilfe bedeutete der Häuserbau in der neuen Siedlung:

In Reinland hatten die Dorfbewohner ein Haus für 10 Familien gebaut, damit die Flüchtlinge nicht bei den einzelnen Bauern wohnen mussten. Das hatte praktische Vorteile, sowohl für die Flüchtlinge als auch für die Dorfsbewohner, denn auf diese Weise konnten die Einwanderer abends zusammen sitzen und singen, was wieder die Dorfsjugend anlockte, denn diese kannte bis dahin nicht den mehrstimmigen Gesang. Die Dorfsbewohner wiederum waren räumlich in ihren Häusern nicht so beengt und hatten zum Teil ein Privatleben mit ihren Familien. Das Verhältnis zwischen den Reinländern und den Flüchtlingen war sehr gut, das konnte man von den Beteiligten immer wieder hören. So berichtet eine Mutter von zwei Kindern über ihre Erlebnisse Folgendes:

Familien, in denen keine erwachsene männliche Person vorhanden war, wurde ein Häuschen auf dem Siedlungsgelände errichtet. Darüber berichtet eine damals 17-jährige junge Frau:

Was beeindruckte nun die jungen Menschen unter den Flüchtlingen, als sie nach Menno kamen?

Ein 17-jähriger junger Mann war beeindruckt von der Einfachheit und Schlichtheit der Mennobürger und besonders von deren Gastfreundschaft. Die einförmige Kleidung fiel ihm nicht besonders auf, da die Menschen in der Sowjetunion auch einheitliche Kleidung getragen hatten. Weniger gefiel ihm der eintönige Gesang und der traditionelle Gottesdienst. Durch die praktische Arbeit konnte er aber viel lernen, so z.B. Brunnen graben und Ochsen einfahren, alles Tätigkeiten, die er später auf dem Kamp gut anwenden konnte.(10)

Eine 23-jährige junge Frau machte einige besondere Erfahrungen in der Begegnung mit den Mennos. Beeindruckend war für die Flüchtlinge immer wieder, dass in den Familien in Menno auch der Vater zugegen war, denn viele Flüchtlingskinder hatten ihren Vater in Russland oder im Krieg verloren. Väter arbeiteten nicht nur auf dem Feld, sondern halfen teilweise auch den Frauen in der Familie. So bürstete beispielsweise ein Vater am Sonnabend die Kinder beim Baden gründlich ab, während die Mutter die Kinder abtrocknete. War der Vater in dieser Hinsicht vielleicht modern, so bestand er aber, was die Kleidung betraf, auf die konservativen Grundsätze. Als die zukünftige Neuländerin einmal dessen Anzughose gebügelt hatte, war der Mann sehr aufgeregt und weigerte sich, die Hose mit einer Bügelfalte am Sonntag anzuziehen. Er zog die Hose erst wieder an, nachdem die Bügelfalte verschwunden war.

Eine andere Erfahrung überraschte sie noch mehr. Als sie einmal beobachtete, wie die Mennos, die nach Südmenno umzogen, mit allen Sachen zum neuen Wohnort gefahren wurden, platzte sie im Blick auf die eigene Sitaution mit der Bemerkung heraus: „So ist das, diese Umsiedler werden mit allen Sachen zum Bestimmungsort gebracht und uns will unser Wirt, der uns 100% ausgenutzt hat, nicht einmal auf unser Siedlungsland fahren." Der Wirt, der zu dieser Zeit nicht anwesend war, hörte später diese Beschuldigung und forderte die junge Frau auf, mit ihm zur Straße zu gehen, um dort die Sache zu besprechen. Nun bekam sie es mit der Angst zu tun, denn sie wusste nicht, was der Wirt mit ihr vorhatte. Vorsorglich sagte sie zu ihrem Verlobten, der in der Nähe war, dass er ihr unbedingt zu Hilfe kommen sollte, wenn der Wirt sie schlagen wollte. Der Wirt reagierte aber völlig anders, als sie erwartet hatte. Er fragte sie, ob sie die obige Aussage gemacht hätte. Sie sagte: „Ja, das habe ich gesagt." Darauf sagte der Wirt: „Reiche mir die Hand, jetzt sind wir Freunde bis an unser Lebensende." So hoch schätzte er es ein, dass die junge Frau bei der Wahrheit geblieben war.

Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit standen damals bei den Mennos sehr hoch im Kurs. Das bestätigt auch ein damals 21-jähriger junger Neuländer, der die Mennos als „arglose, grundehrliche und hilfbereite Menschen"(11) kennen lernte. So hatte er beispielsweise beim Einkauf folgende Erfahrung gemacht. Er und sein Bruder wollten in Sommerfeld im Geschäft einen Strick kaufen. Der Verkäufer sagte zu ihnen, sie sollten sich den Strick selber abmessen und abschneiden. Nachgemessen wurde nicht, als sie ihn zu bezahlen hatten. Das war „blind trusting", so sein Kommentar nach vielen Jahren.(12).

Ein anderer 24-jähriger junger Neuländer, der als Soldat und Arbeiter in der Kohlengrube seine Erfahrungen in Europa gemacht hatte, wollte nun auch im Chaco vieles erleben und vor allem lernen. So lernte er Baumwolle pflücken, Kafir schneiden und bewunderte vor allem die gehorsamen Pferde seines Wirts. Ihm fiel zwar auf, dass die Mädchen Kleider hatten, die von den Füßen bis zum Hals reichten, genoss aber an den Abenden das fröhliche Beisammensein mit den Jugendlichen aus Menno. Dabei spielten einige Jugendliche Mundharmonika oder Gitarre, während die anderen sich fröhlich beim Tanz drehten. Da er ein guter Tänzer war, machte er begeistert mit. Erst später merkte er, dass die Ohms der Gemeinde diese Vergnügungen nicht wünschten. Andererseits nahm er aber auch an Versammlungen teil, bei denen ernsthaft über die Bibel gesprochen wurde. Die Mennos waren in seinen Augen ganz anders als die Menschen in Deutschland, aber als rückständig hat er sie nicht empfunden.(13)

Eine 17-jährige Neuländerin konnte in Menno sogar einen Teil ihres Lebenstraumes verwirklichen. Da sie schon immer gerne gelernt hatte, wollte sie Lehrerin werden. Das Leben auf der Flucht erlaubte ihr aber nur eine vielfach unterbrochene Allgemeinbildung. Da sie gerne mit Kindern umging und diesen Geschichten erzählte, wurde sie von der Schwägerin ihres Wirts gebeten, ihre Kinder zu unterrichten. Diesen genügte der damalige Schulunterricht, der aus den Klassenstufen Fibla, Katechisma, Testamentla und Bibla bestand, nicht. So führte sie eine kleine Privatschule, in der anfangs in Bergtal und später in Schönwiese Unterricht abgehalten wurde. Sie begann ihren Unterricht mit zwei Kindern, später kamen die Kinder anderer Familien hinzu, so dass sie schließlich eine Schülerzahl von 10 Kindern hatte. Aus Fernheim hatte sie sich das entsprechende Unterrichtsmaterial besorgt, so dass der Unterricht wie in einer normalen Primarschule erteilt werden konnte. Zusätzlich lehrte sie die Kinder jedoch auch noch den Katechismus. Das war ein Zugeständnis an das Schulsystem in Menno.

Insgesamt hat sie auf diese Weise vier Jahre in Menno unterrichtet, und zwar in den Monaten April bis September. Während der übrigen Zeit war sie in Neuland, wo sie zusammen mit ihrer Mutter eine eigene Wirtschaft hatte. Entschädigt wurde sie für ihre Schularbeit mit Geld oder Materialien. So bekam sie im ersten Jahr sinnigerweise ein Pferd geschenkt, damit sie zum Schulanfang die weite Anfahrt von Neuland nach Menno machen konnte. Später hat sie dann noch drei Jahre in Neuland und ein Jahr auf der Leprastation als Lehrerin gearbeitet.

Auf diese Weise ging der Lebenstraum der jungen Neuländerin, Lehrerin zu sein, teilweise in Erfüllung und zugleich wurde sie eine Pionierlehrerin in der Kolonie Menno. Das war zu der damaligen Zeit durchaus revolutionär, denn damals gab es in Menno keine Lehrerinnen, sondern nur Lehrer und auch keinen modernen Schulunterricht. Auffallend ist, dass das in der damaligen Zeit möglich war. Die Lehrerin erhielt zwar einmal Besuch von den Ohms in der Schule, wobei diese sich ihren Unterricht anschauten, aber ihr gegenüber keine Kritik äußerten.(14)

Die kleineren Kinder der Neuländer machten in Menno ihre eigenen Erfahrungen. So berichtet ein damals 9-jähriges Mädchen über ihre Eindrücke und Erfahrungen Folgendes:

In Deutschland war sie in der 3. Klasse gewesen, nun wurde sie in Menno der Gruppe der Testamentla zugefügt. Alle Schulstufen waren in einem Raum beisammen. Wurde in der Schule gelernt, so wurde an den Werktagen hart gearbeitet. Dabei mussten die Kinder mithelfen. Das erfuhr sie an ihrem 10. Geburtstag auf schmerzliche Weise. Vormittags hatte sie frei gehabt, aber nachmittags musste sie Bohnen pflücken, denn es drohte zu regnen, und die Bohnen sollten unbedingt noch vor dem Regen gepflückt werden.

Was sie aber besonders beeindruckte war, dass in Menno alles so geordnet war. Die Dörfer waren alle in Ost-West oder in Nord-Südrichtung angelegt, die Höfe standen voller Paraisobäume, die Familien waren groß und hatten auch einen Vater in der Familie, die Häuser waren ordentlich und gepflegt. Das alles war für ein Flüchtlingskind, das den Vater verloren und Vertreibung und Krieg miterlebt hatte, nicht selbstverständlich.

Gepielt wurde in der Freizeit zwar auch, aber Spielzeuge waren weitgehend unbekannt. Man spielte Verstecken, Fangen u.a.m. Sie half der Wirtin auch mit den Kindern, während ihr Bruder dem Wirt beim Vieh und mit den Pferden half. In der Mittagszeit lernte er beim Wirt in der Scheune, wie man einfache Möbelstücke an der Hobelbank anfertigen konnte. Das waren praktische Tätigkeiten, die bei der Ansiedlung auf dem Kamp von Nutzen waren.(15)

Nun will ich selber etwas aus der Perspektive eines neunjährigen Jungen über die Begegnung mit den sogenannten Mennoleuten berichten.(16) Das Wichtigste für uns Kinder, als wir in Reinland von Ohm Peta und Sauntjemum aufgenommen wurde, war, dass wir jetzt keine Angst mehr zu haben brauchten. Flucht und Krieg hatten ein Ende gefunden. Nun galt es, sich in der neuen Heimat zurechtzufinden.

Auf dem Land gab es viel zu lernen. Wir lernten, wie man Mandioka und Süßkartoffel pflanzt, wie man Erdnüsse und Baumwolle erntet und vor allem wie man die Felder von Unkraut frei hält. Ich selber half beim Taubenhüten, meistens auf dem Rücken des alten Piet, von wo aus ich eines Tages zusammen mit dem Schaffell eine schnelle Bodenlandung machte. Wir genossen den Obstgarten, das Essen und das freie Leben.

Da meine Schwester und ich noch jung genug waren, durften wir auch die Schule besuchen. Meine Schwester war Bibla und ich Testamentla. Hier lernte ich die gotische Schrift, das schriftliche Dividieren und die Schulregeln, die so beginnen: Wenn du des Morgens früh aufstehst, so danke Gott und sei zufrieden... Das endete dann mit den folgenden Rechenoperationen: 10 mal 10 ist 100, 100 mal 100 ist 10 000, Tausend mal Tausend ist eine Million. Dann setzten wir uns alle schwungvoll in die Schulbänke. Mein Lehrer war Johann B. Giesbrecht, der eine wunderschöne Handschrift hatte, die ich sehr bewunderte. Überhaupt hatten die Giesbrechts sehr geschickte Hände. Ohm Peta konnte nach meiner Vorstellung alles machen: Bettgestelle, Fenster und Türen, Küchenschränke und Wagenräder. Alles, was mit Holz und Eisen zusammenhing, das wurde mit seinen geschickten Händen schnell in die gewünschte Form gebracht.

Nur - ein Bauer war Ohm Peta nicht, diese Arbeit mussten größtenteils die Töchter verrichten. Pferde hatte er daher auch nicht so schöne wie die Nachbarn. Kurzum, diese Erfahrung und die kümmerlichen bäuerlichen Anfänge auf dem Kamp, zusammen mit meiner Schwester, meiner Mutter und meiner Grossmutter haben gewiss dazu beigetragen, dass ich selber keine Neigung verspürte Bauer zu werden. So wurde ich Lehrer und habe alle Gelegenheiten genutzt, um mich weiterzubilden.

Die Schattenbäume und die Obstbäume hatten es mir angetan. Manchmal dachte ich, wenn jetzt die russischen Soldaten kämen, würde ich mich in einem dichten Apfelsinenbaum verstecken. Kriegserlebnisse kann ein Kind nicht so schnell vergessen. Mir gefiel auch die Zisterne, die nach oben abgerundet war. Wenn ich abends die Füße gewaschen hatte, brauchte ich keinen Fußlappen. Ein paar Schritte auf der Zisterne trockneten die Füße sehr schnell. An diese Sisterne habe ich in Neuland noch lange zurückgedacht, als wir in Gnadental unser Trinkwasser in einem Fass herbeiholen mussten. Wenn ich an die Zisterne, an die Schattenbäume und an die Obstbäume dachte, dann konnte ich es nicht verstehen, wie Peter B. Giesbrechts Ende der vierziger Jahre Reinland verlassen konnten, um in Südmenno neu anzufangen. Abends saßen Groß und Klein oft vor dem Flüchtlingshaus. Da wurde erzählt und vor allem viel gesungen, einstimmig und mehrstimmig, geistliche und weltliche Lieder.

Ein besonderes Fest fand an Weihnachten oder an besonderen Sonntagen statt, wenn alle Verwandten und auch wir bei Abram Giesbrechts, Großmaume en Großpaupe, zusammenkamen. Da wurde nach Herzenslust gespielt und gegessen. Und Geschenke gab es, das war für uns immer etwas Besonderes.

Giesbrechts hatten uns, als wir auf den Kamp zogen, für den Anfang mit dem Nötigsten ausgestattet. Die Kuh, Nietel mit Namen, gab uns die eigene Milch und der Hund Ali fing die ersten Füchse, die unsere Hühner stehlen wollten. Wenn wir später einmal Giesbrechts in Reinland besuchten, fuhren wir wie nach Hause. Meistens fuhren wir dann reich beschenkt nach Neuland zurück. Einmal wollten wir gerade vom Hof fahren, da kam Sauntjemum angelaufen, maß mit der Hand schnell meinen Oberkörper, lief zurück an die Nähmaschine und brachte mir nach wenigen Minuten ein Hemd, das sie in der Schnelle zusammengenäht hatte. Was uns aber am meisten freute, war das Obst im Garten, denn in den ersten Jahren auf dem Kamp haben wir unter dem Mangel an Obst und Gemüse sehr gelitten.

Die Begegnung der Mennos mit den Neuländern

Als die Mennos die Flüchtlinge von der Endstation abholen wollten, mussten sie dort lange warten. Casado, der Eigentümer der Eisenbahn, ließ ein paar Ochsen schlachten, damit alle genug zu essen hatten. Ein 27-jähriger Bauer aus Bergfeld holte eine alte Frau sowie eine jüngere Frau mit drei kleinen Kindern ab und brachte sie in sein Haus. Er war jung verheiratet, und sie hatten wenig Platz im Haus, dennoch waren sie bereit, den Flüchtlingen Aufnahme zu gewähren. Die Flüchtlinge waren arm und deswegen störten sie sich auch nicht an der Armut der jungen Familie, denn sie waren froh, überhaupt mit dem Leben davongekommen zu sein. Die Fernheimer waren ja nicht so arm und ausgehungert in den Chaco gekommen, sie hatten mehr Bildung als die Mennos und fühlten sich diesen gegenüber auch überlegen.(17)

Ein 21-jähriger junger Mann aus Waldheim sollte ebenfalls Flüchtlinge von der Endstation abholen. Sein Vater hatte ihm gesagt, er könne jeden mitbringen, ganz gleich, ob die Männer Haare unter der Nase hätten oder die Frauen auffällige Kleider trugen. Die Flüchtlinge machten auf ihn von Anfang an einen guten Eindruck, denn sie waren recht freundlich. Für ihn war der Kontakt mit moderner eingestellten Menschen ohnehin kein Problem, denn er kam aus einem Dorf und aus einer Familie, wo man fortschrittlich gesonnen war. Mit den Neuländern verstand er sich dennoch besser als mit den Fernheimern, denn diese gebrauchten bei der Anrede das förmliche „Sie" anstelle des vertrauteren „Du".(18)

Für ein 14-jähriges Mädchen in Reinland war die Begegnung mit den Neuländern eine interessante Abwechslung. Gespannt lauschte sie den Berichten der Flüchtlinge, wenn diese von Russland, von der Flucht und vom Krieg erzählten. Als eine Frau wieder einmal von den erfahrenen Ungerechtigkeiten und Schikanen sprach, meldete sie sich zu Wort und machte Vorschläge, wie sie den Missetätern mutig entgegen getreten wäre. Sehr bald aber sah sie ein, dass man gegen brutale Gewalt als Mädchen oder Frau wenig hätte ausrichten können.

Mit den Flüchtlingen hatten sie überraschenderweise sehr gute Erfahrungen. Bevor die ersten Neueinwanderer ins Dorf kamen, hatten manche Bürger Befürchtungen in Umlauf gesetzt, die nicht allzu Gutes erwarten ließen. Es hieß, die Flüchtlinge seien stolz und „verlebt". Besonders vor den Frauen fürchtete man sich, denn diese hatten so viel auf der Flucht und im Krieg erlebt, so dass sie sich vermutlich schwerlich problemlos in das Familienleben würden einfügen können. Die Erfahrung zeigte dann später, dass das genaue Gegenteil eintrat. Man konnte von diesen Frauen viel lernen, sowohl was Lebenserfahrung als auch das christliche Leben betraf.

Neugierig wie sie war, versuchte sie als junges Mädchen es den Flüchtlingen gleich zu tun. Wenn ihre Eltern einmal verreist waren, trat sie vor den Spiegel, verkürzte ihren Rock und ging so zu den gleichaltrigen Flüchtlingsmädchen. Nachher trennte sie die Naht wieder auf, so dass die Eltern nichts von ihren Modernisierungsversuchen merkten. Diese erkannten es vielmehr an, als die Flüchtlingsfrau, die bei ihnen wohnte und Mumtje genannt wurde, ihr von der MCC-Kleiderspende erhaltenes kurzes Kleid durch einen angenähten Stoffstreifen auf die in Menno übliche Kleiderlänge brachte.

Die Mennos haben von den Neuländern viel gelernt, so ihr Kommentar nach vielen Jahren. Das enge Zusammenleben mit ihnen habe auch das bessere Zusammenleben mit den Fernheimern ermöglicht. So sei es heute nichts Besonderes mehr, dass ihre beiden Söhne Fernheimer Mädchen geheiratet hätten.(19)

Einen damals 22-jährigen jungen Mann aus Menno gefiel von Anfang an der mehrstimmige Gesang der Neuländer. Er war von den Flüchtlingen angenehem überrascht worden, denn sie waren ganz anders, als sie sich diese vorgestellt hatten. Er kam mit ihnen sehr gut aus und lernte auch deren Kinder kennen, da diese die Schule besuchten, in der er zeitweilig als Lehrer angestellt war. Besonders gefiel ihm, dass die Neuländer nicht stolz waren und sich ihnen gegenüber nicht überlegen fühlten. Von den Fernheimern wurden sie damals als niedriger stehend angesehen. Das habe den ungezwungenen Umgang mit ihnen erschwert. Mit den Neuländern hingegen hätten sie sich gleich verbunden gefühlt.(20)

Beurteilung der Begegnung zwischen den Mennos und den Neuländern

Ich will nun einige Überlegungen anstellen, um zu zeigen, welche Bedeutung die oben beschriebene Begegnung zwischen den Neuländern und Mennos für das spätere Zusammenleben der Mennoniten im Chaco gehabt hat.

Die Begegnung zwischen den einfachen, konservativen, aber sehr hilfsbereiten Mennoleuten mit den entwurzelten und in vieler Hinsicht desorientierten und desillusionierten Neuländern war ein Lernprozess, aus dem beide Seiten nicht unverändert auseinandergingen. Die Neuländer hatten erfahren, dass es in dieser Welt noch Menschen gibt, die friedlich miteinander umgehen, an Gott glauben und bei Bedarf einander helfen. Die Mennos hatten gesehen, dass Menschen, die moderne Kleider tragen, sich die Haare krausen und mehrstimmig singen im Grunde genommen doch mennonitische Brüder und Schwestern sind.

Diese Erfahrung wirkte sich befruchtend auf das weitere Zusammenleben der Mennoniten in den Chacokolonien aus. Es gab nun nicht mehr nur zwei Gruppen, die sich gegenüberstanden und einander mit Hochmut und Misstrauen begegneten, wie es lange zwischen den „Russen" und den „Kanadiern" der Fall gewesen war, sondern drei Gruppen, die zwar alle verschieden waren, dennoch aber zusammenarbeiten mussten und es schließlich auch konnten.

Auf diese Weise wurde in der Kolonie Menno der Reformkurs, der von innen kam, von außen ideell und praktisch unterstützt und dadurch beschleunigt.

Die Fernheimer und Neuländer erkannten, dass sich die Einfachheit und Treuherzigkeit der Mennos auf christliche Werte gründete und nicht auf Naivität oder Beschränkheit zurückzuführen sei.

Die Mennos sahen ein, dass das sture Festhalten an überlieferten Normen und Traditionen auf die Dauer Rückständigkeit zur Folge haben würde. Ein differenziertes Schulwesen und ein abwechslungsreiches Gemeindeleben brachte nicht notwendigerweise den Abfall von Gott und die Abkehr vom überlieferten Glauben der Väter mit sich, sondern bedeuteten echte Lebenshilfe.

Die häufigen Kontakte zwischen den Neuländern und den Mennos trugen dazu bei, dass auch das Verhältnis zwischen den Fernheimern und Mennos sich nach und nach normalisierte. Vorurteile wurden abgebaut, wirtschaftliche, schulische, gemeindliche und sportliche Kontakte zwischen den Bewohnern aller drei Kolonien auf- und ausgebaut, so dass im Laufe der Zeit die drei Kolonien zwar weiter bestehen blieben, die Beziehungen untereinander aber zunahmen und sich in zahlreichen gemeinsamen Projekten manifestierten.

Es bleibt zu wünschen, dass sich die Beziehungen zwischen den Kolonien weiterhin verbessern, Vorurteile weiter abgebaut werden und Unterlegenheits- und Überlegenheitsgefühle einer nüchternen und realistischen Selbsteinschätzung Platz machen. Es wäre für alle Beteiligten gut, wenn die Gemeinsamkeiten in unseren Köpfen und Herzen mehr Raum gewinnen und die immer noch bestehenden Unterschiede realistisch eingeschätzt würden.

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Quellenmaterial
  1. Interviews mit Neuländer Bürgern
  2. Interviews mit Bürgern aus der Kolonie Menno
  3. Jakob und Sina Warkentin: Vortrag auf dem Menno-Gedenktag am 25.Juni 2001
  4. Protokolle des Chortitzer Komitees 1946/47
  5. Walter Regehr (Hrsg.): 25 Jahre Kolonie Neuland, Chaco Paraguay (1947-1972), Karlsruhe 1972.

Fussnoten:
Langjähriger Dozent und Direktor des Gemeinsamen Lehrerseminars der Mennonitenkolonien in Paraguay. Dr. phil., der Universität Marburg.
(2)
 
 
Prot. des Chortitzer Komitees vom 19.8.1946. Alle zitierten Protokolle befinden sich im Archiv der Kolonie Menno und zwar im Aktenordner der Jahre 1944-59. Die Protokolle aus der damaligen Zeit sind sehr knapp gefasst, meistens werden nur die Beschlüsse festgehalten. Ich danke Heinrich Ratzlaff, dass er mir dieses Aktenmaterial zur Verfügung gestellt hat.
(3)
 
 
Prot. vom 6. März 1946. Mit „Bahn" ist hier die Endstation der Schmalspurbahn gemeint, die vom Hafen Puerto Casado 145 km landeinwärts führte und hauptsächlich für den Holztransport genutzt wurde. Mit Federwagen sind die von Pferden gezogenen „Buggies" gemeint, die die Mennos von Kanada aus kannten.
Prot. der Sitzung des Flüchtlingskomitees mit den Dorfsvertretern am 25.Sept.1947
Prot. der Sitzung des Chortitzer Komitees am 30. Okt. 1947
25 Jahre Kolonie Neuland, S. 102
ebd., S. 34
Justina Warkentin in: 25 Jahre Kolonie Neuland, S. 105
Agnes Martens in ebd., S. 111
Interview mit Heinrich Franz am 8.5.2002
Heinrich Ratzlaff: Das Schulwesen der Kolonie Menno. Maschr. Manuskript 1992, S. 25
Interview mit Heinrich Ratzlaff am 24.5.2002
Interview mit Peter Dyck am 8.5.2002
Interview mit Agnes Martens am 8.5.2002
Interview mit Lily Regehr am 15.5.2002
Leicht gekürzter Bericht aus meinem Vortrag vom 25.6.2001 in Loma Plata
Interview mit Abram Ginter am 23.5.2002
Interview mit Johann Töws am 23.5.2002
Interview mit Anna Harder am 23.5.2002
Interview mit Johann B. Giesbrecht am 23.5.2002