Vorträge | Jahrbuch 2002

Deutschsprachige Mennonitenkolonien in Bolivien
Sieghard Schartner (1)

I. Mennoniten in Bolivien

a) Einwanderung

Der erste Kontakt der Mennoniten mit Bolivien kam durch Handel zustande, als etliche Leute aus den Mennonitenkolonien im Chaco über Mariscal Estigarribia (damals Camacho) mit Handelsleuten in Villa Montes, Bolivien, besonders im Bereich der Erdölderivate in Verbindung kamen.

Diese Verbindungen haben wohl das Interesse geweckt und die Verbindungsmöglichkeiten geschaffen, dass im Jahre 1953 Anfang Dezember rund 10 Familien meistens auf Pferdewagen von Fernheim in Richtung Bolivien losfuhren. Die Familien kamen im Januar 1954 auf dem erhandelten Landstück rund 25 km nördlich der damals kleinen Stadt Santa Cruz de la Sierra an und gründeten dort die erste Mennonitenkolonie „Tres Palmas". Diese Kolonie hat nie mehr als 14 Bürger gehabt und ist später an Baumwollfirmen verkauft worden, so dass sie heute nicht mehr existiert.

Während der Jahre 1956 bis 1958 kam dann eine größere Gruppe von Familien aus der Kolonie Menno nach Bolivien und gründete die Kolonie „Canadiense 1". Zum Umzug motiviert wurden diese Leute durch Armut und verschiedene Veränderungen innerhalb der Sozialzweige und des Gemeindelebens in der alten Kolonie im Chaco. Manche fuhren mit Pferdewagen, andere fuhren auf alten Lastwagen bis Villa Montes und von da mit dem Zug weiter bis Santa Cruz. Canadiense 1 ist heute die älteste noch bestehende Mennonitenkolonie in Bolivien.

Während der Jahre 1966 bis 1968 kamen dann die ersten großen Gruppen von Mennonitenfamilien aus Mexiko nach Bolivien und gründeten hier vier große Kolonien. Drei Kolonien wurden von Altkoloniern und eine Kolonie wurde von Sommerfeldern gegründet.

Seit diesen Jahren hat sich die Zahl der Tochterkolonien und der Kolonien mit neuen Einwanderern stetig erweitert, so dass es gegenwärtig 40 Mennonitenkolonien mit rund 38.000 Einwohnern in Bolivien gibt.

b) Verschiedenheit

Dass verschiedener Gemeindehintergrund, Landeskultur und kulturbedingte Bräuche und Gewohnheiten manche Unterschiede im Laufe der Zeit zwischen mennonitischen Gemeindegruppen geschaffen haben, kennen wir im Chaco auch, wo über „Russe" oder „Kanadia" nach 70 gemeinsamen Jahren immer noch manche Bemerkungen fallen.

Diese Situation haben wir noch verstärkt in Bolivien, wo die Abgrenzung zwischen den verschiedenen Gruppen bewusst gefördert wird. So haben wir in Bolivien wenigstens acht mennonitische Gemeindegruppen, die sich, wie sie sagen, „untereinander respektieren". Dies bedeutet so viel wie: Wenn du mich in Ruhe lässt, dann interessiere ich mich auch nicht für deine Probleme. Also nach Möglichkeit Abgrenzung voneinander.

Die größte Gruppe sind die Altkoloniergemeinden, die rund zwei drittel der Gesamtzahl - also ca. 25.000 Personen - ausmachen. Die Altkolonier selber teilen sich auch in 2 Gruppen auf.

Dann haben wir Sommerfelder aus Mexiko, Sommerfelder und Bergthaler aus Paraguay, Kanadier (Menno) aus Paraguay, Reinländer und Bergthaler aus Kanada und Paraguay, eine Kolonie als Resultat der Missionsarbeit von GMU (Gospel Mission Union) und eine größere Kolonie unter der Gemeindeleitung der Kleingemeinde von Belize.

c) Gemeinsamkeit

So unterschiedlich der Hintergrund und die Gewohnheiten dieser verschiedenen Gemeindegruppen auch sind, so gibt es aber doch auch sehr konkrete Gemeinsamkeiten. Ich will nur kurz etliche Dinge erwähnen:
- Alle stützen sich auf das mennonitische Glaubensbekenntnis und die Grundlinien des Täufertums.
- Die allermeisten haben ihre Gottesdienste nach althergebrachter Art und Weise mit Vorsängern, Predigten usw.
- Die allermeisten haben das althergebrachte Schulsystem nach dem Muster der altpreußischen Mennonitengemeinden.
- Die allermeisten leben in Bolivien, weil sie sich zu Neuerungen in den Gemeinden und Kolonien der alten Heimat nicht schicken wollten.

II. MCC-Arbeit in Bolivien

a) Beginn und Entwicklung der MCC-Arbeit

Das MCC begann mit seiner Arbeit in Bolivien im Jahre 1960, als die beiden Mennonitenkolonien Tres Palmas und Canadiense I um eine Krankenschwester und landwirtschaftliche Beratung baten.

Die Arbeit der Krankenschwester und die Eröffnung einer kleinen Klinik brachten auch manche Kontakte mit der armen bolivianischen Bevölkerung in der Umgebung. Als dann nach rund zehn Jahren die Klinik an die Mennonitenkolonien abgegeben wurde, konzentrierte sich die MCC-Arbeit auf Wunsch mancher armer Bevölkerungsgruppen in Bolivien hauptsächlich auf Leute aus dem spanisch-sprachigem Umfeld.

b) MCC-Programm Centro Menno

Da die Anzahl der Mennonitenkolonien und ihre Einwohnerzahl aber stark zunahm, wurde auch hier manche Not gesehen. So enstand um 1980 neben sieben anderen MCC-Programmen unter spanischsprachigen Gruppen wieder ein MCC-Programm, welches das Wohlergehen der plattdeutschsprachigen Mennonitenkolonien in Bolivien im Blickfeld hatte. Dieses MCC-Programm wurde „Centro Menno" genannt.

Dazu muss gesagt werden, dass die Mennonitenkolonien beim MCC nicht um Hilfe baten, sondern dass das MCC von sich aus eine Begleitung der Glaubensbrüder in Bolivien in ihren verschiedenen Herausforderungen und Nöten für angebracht hielt. Von daher ist es verständlich, dass Centro Menno bis heute eine begleitende und keine führende Stellung in der Zusammenarbeit mit den Kolonien hat.

c) Centro Menno-Arbeit heute

Durch die begleitende Stellung von Centro Menno wird nicht mit konkreten Aufbau und Entwicklungsprojekten gearbeitet, sondern es wird auf verschiedenen Gebieten auf Wunsch Beratung und Begleitung angeboten. Dabei haben sich während der Jahre verschiedene Beratungsebenen herauskristallisiert, an denen heute gearbeitet wird.
III. Heutige Situation der Mennoniten in Bolivien

a) Kirchliche Gemeindearbeit

Die Kirchengemeinde ist die tragende Institution in jeder Kolonie in Bolivien. Es gibt wohl Ansätze von Gemeinschaftsunternehmen in Gruppen wie z.B. eine Molkerei für etliche Dörfer zusammen, aber Koloniegemeinschaften, wie wir sie hier im Chaco kennen, gibt es dort nicht. Die Gemeinde ist die einigende und ausschlaggebende Institution in allen Lebensbereichen der Kolonie.

In jeder Kolonie gibt es nur eine Gemeinde, die von einem Ältesten und etlichen Predigern und Diakonen geleitet wird. Es gibt aber in den größeren Kolonien mehrere Kirchen, wo sonntäglich Gottesdienste abgehalten werden.

In den meisten Gemeinden wird nach der langen Weise aus ihren alten Gesangbüchern gesungen. Jeder Kirchgänger nimmt zwar keine Bibel, aber immer sein Gesangbuch mit in die Kirche. Die Kinder gehen meistens nicht mit in die Kirche, da sie ja in der Schule den Bibelunterricht bekommen.

Den Jugendlichen steht es frei, am Gottesdienst teilzunehmen oder nicht, solange sie nicht durch die Taufe zur Gemeinde gehören.

Die Tauffeste finden nur während der Pfingstfeiertage statt, und es wird befürwortet, dass die Täuflinge nicht unter 18 Jahre alt sind.

In den Kolonien findet man viele sehr gläubige Menschen und für die gewählten Prediger und den Ältesten ist ihr Aufgabenbereich ein von Gott und der Gemeinde anvertrautes Gut, das gewissenhaft und den hergebrachten Erkenntnissen gemäß verwaltet wird.

b) Wirtschaftslage

Die Wirtschaftslage innerhalb der Mennonitenkolonien hat sich während der letzten Jahre sehr verschlechtert. Hauptgründe dafür sind, dass sich während der letzten vier bis fünf Jahre die Regenzeit stark verschob und die Preise für die Agrarprodukte gegenwärtig bis zu 50% niedriger liegen als vor sechs Jahren.

Da innerhalb der Mennonitenkolonien in Bolivien nicht das Genossenschaftswesen im Wirtschaftsbereich läuft, muss jeder Bürger für die Finanzen der Aussaat und Ernte selber aufkommen und seine Ernteerträge alleine vermarkten. Dadurch sind in den letzten Jahren viele Familien verarmt und viele haben hohe Kreditschulden bei Banken und Agrarfirmen. Diese Situation hat die Auswanderung nach Mexiko und Kanada während der letzten zwei Jahre stark ansteigen lassen.

Die Ernteerträge sind in diesem Jahr durchschnittlich wieder zufriedenstellend, obzwar die Schuldenlast nur etwas gelindert, aber noch nicht befriedigend gelöst werden kann.

Gegenwärtig sind die Kolonisten für Alternativen im Produktionssektor offen und erste Schritte in Richtung Genossenschaftswesen (besonders in der Milchverarbeitung) werden gemacht.

c) Gesundheitswesen

In jeder größeren Kolonie gibt es Gesundheitsförderer aus den eigenen Reihen. Diese haben keine theoretische Vorbildung auf dem Gesundheitsgebiet und arbeiten privat, obzwar sie die moralische Unterstützung und Anerkennung der Gemeinde und der Gesellschaft brauchen.

In den kleinen Privatkliniken werden Dienste wie Erste Hilfe, Geburten, Massagearbeit, Hilfe bei kleineren Knochenbrüchen, Zahnbehandlung usw. angeboten, während die schwierigen Krankheitsfälle in die gut ausgerüsteten Krankenhäuser von Santa Cruz gebracht werden.

Eine Not im Gesundheitssektor ist, dass die Mennonitenfamilien meistens groß sind, die Finanzlage sich stark verschlechtert hat und es keine Krankenversicherung gibt. Das Resultat dieser Situation ist, dass man oft erst dann zum Arzt geht, wenn keine Hausmittel mehr helfen und als Folge dann oft lebenslange Schäden bleiben oder Kranke sterben.

d) Sozialleben

Das Sozialleben wird sehr stark von der Gemeinde und dem Familienleben bestimmt.

Die Nachbarn treffen sich sonntäglich im Gottesdienst, obzwar hier recht wenig miteinander gesprochen wird. Im Zentrum steht eben der Gottesdienst.

An Weihnachten, Ostern und Pfingsten werden immer drei Feiertage gehalten, wo sich dann nach den Gottesdiensten die Großfamilien zu den uns bekannten Familienfesten zusammenfinden.

Die allgemeinen Sonntagsgottesdienste beginnen in vielen Kolonien recht früh und nach dem Mittagessen um 10 Uhr geht's dann ans Spazieren.

Für die Verlobungen und auch für Begräbnisse werden Verwandte und Freunde schriftlich zur Feier eingeladen. Bei beiden Anlässen wird ein gemeinsames Essen serviert. In den meisten Kolonien findet die Trauhandlung für Brautleute in der Kirche statt, und es gibt selten anschließend noch ein einfaches Familientreffen.

Ein wichtiges Fest sind die Ausrufe. Die Einladungen für einen Ausruf werden in alle Kolonien geschickt und es kommen dann oft bis 2000 und mehr Leute zusammen. Oft sind ganze Familien dabei. Man kauft nicht unbedingt, aber es ist ein Tag, an dem man Freunde trifft und spaziert.

Eine Not auf sozialem Gebiet ist, dass für die Jugend sehr wenig oder keine gezielt geplante Freizeitbeschäftigung angeboten wird. Das Resultat ist, dass sich besonders die männliche Jugend dann mit Zigaretten, Alkohol, Unmoral und sonstigen schmutzigen Dingen beschäftigt, was dann wiederum zu Belastungen und Lastern führt, die bei der Taufe und dem Eintritt in die Gemeinde und auch in der Ehe manche Schwierigkeiten mit sich bringen.

e) Beziehung zum Landesvolk

Die Beziehung der einzelnen Mennoniten zur spanischsprechenden Bevölkerung ist in den meisten Fällen gut und sogar freundschaftlich. Gefördert wird dieser Kontakt dadurch, dass jeder Bauer seine Produkte selber an jemand aus der Landbevölkerung verkauft und meistens dort dann auch wieder seine Ware einkauft. Dazu kommt, dass in den meisten Kolonien die Kolonisten nicht eigene Wagen fahren und sich von sogenannten „Einheimern" in Taxis oder Omnibus fahren lassen und diese dann auch die Ernte mit dem Lastwagen abtransportieren.

Die meisten Männer sprechen so viel Spanisch, dass sie sich im Handelsbereich durchschlagen können, obzwar in der Schule kein Spanisch gelernt wird. Die allermeisten Frauen und Mädchen können nicht Spanisch sprechen.

Allgemein sehe ich es so, dass das Verhältnis zwischen der Landesbevölkerung und den Kolonisten direkter und positiver ist als in unseren Chacokolonien.

IV. Erziehungskonzept und Schulsituation

a) Das Erziehungskonzept in den Gemeinden und Gemeinschaften

Um die Schulsituation innerhalb der Mennonitenkolonien in Bolivien zu verstehen, müssen wir uns kurz etliche recht verschiedene Erziehungskonzepte ansehen.

Das Erziehungskonzept in der allgemeinen sekularen Schulbildung geht davon aus, dass der Schüler möglichst befähigt werden soll, sich einen Platz im Rahmen der heutigen und zukünftigen Gesellschaft zu sichern, an dem er während seiner Lebenszeit zum Wohle und zur Entwicklung der eigenen Gesellschaft und des Vaterlandes beiträgt. Deshalb wird dem Schüler erst ein allgemeines Grundwissen und dann je nach persönlicher Wahl und Begabung ein solides Fachwissen übermittelt.

Das Erziehungskonzept der konservativen Mennonitengemeinden und Gemeinschaften geht davon aus, dass der Schüler möglichst befähigt werden soll, innerhalb des klar abgegrenzten Rahmens der Kirchengemeinde und der gottesdienstlichen Veranstaltungen einen Platz zu bekommen, von wo aus er die ewige Seligkeit anstrebt. Da Gott alles, was zum Leben, zum Sterben und zum Seligwerden in seinem Worte - der Bibel - den Menschen übermittelt, wird in den Schulen dafür gesorgt, dass die Schüler so viel lesen lernen, dass sie in der Bibel lesen können. Dann werden der Katechismus, Abschnitte des Neuen Testamentes und des Alten Testamentes auswendig gelernt. Dazu kommen dann noch Kirchenlieder, Schulregeln, lange Weihnachts- und Neujahrswünsche und anderes mehr.

Um im Alltag mit den verschiedenen Berechnungen fertig zu werden, wird ein starkes Mathematikprogramm in der Schule durchgearbeitet.

Wenn wir diese beiden recht verschiedenen Erziehungskonzepte nebeneinander stellen, dann haben sie beide ihre Werte und ihren Platz in einer christlichen Gesellschaft. Von daher geht es uns in unserer Arbeit in Bolivien auch nicht darum, das eine oder das andere Konzept zu unterstützen und zu fördern, sondern es geht darum, zwischen diesen beiden Konzepten gesunde Brücken zu bauen, damit sie beide in der Gesellschaft und in der Gemeinde zum Tragen kommen.

b) Allgemeine Erwartungen im Erziehungssektor

Vom Schullehrer wird erwartet, dass er in erster Linie eine straffe Ordnung in der Schule hat. Weil Gehorsam eine biblische Verordnung ist und gelernt werden muss, wird dem Schullehrer hier eine wichtige Rolle zuerkannt. Der Schullehrer ist während des Unterrichts, auf dem Schulhof und auf dem Schulweg für ordentliches Benehmen seiner Schüler verantwortlich.

Es wird erwartet, dass der Lehrer Ungehorsam mit der Rute der Zucht bestraft.

Es wird erwartet, dass die Kinder den Katechismus und Bibelabschnitte auswendig hersagen können.

Besonderes Gewicht wird darauf gelegt, dass die Kinder am Weihnachtstag und an Neujahr ein langes Gedicht aufsagen können, wobei ein guter Lehrer jedes Jahr ein anderes Gedicht sucht oder selber schreibt, um Wiederholungen zu vermeiden.

Vom Lehrer wird erwartet, dass er wenigstens 100 Schultage im Jahr in sein Programm hineinbekommt.

c) Allgemeine Schulsituation

In den Mennonitenkolonien in Bolivien gibt es rund 250 Schulen mit insgesamt 8500 bis 9000 Schulkindern. Die Schulsprache ist Hochdeutsch. In den Mennonitenkolonien in Bolivien ist es klar, dass jedes Kind während des Schulalters in der Schule ist. Schulflucht kennt man nicht.

Die Mädchen sind vom sechsten bis zum zwölften und die Jungen vom sechsten bis zum dreizehnten oder auch vierzehnten Lebensjahr in der Schule. Dann schließt für jedes Kind das „zur Schule gehen" fürs ganze Leben ab.

Die Mädchen lernen dann zu Hause von der Mutter den Haushalt führen und die Jungen lernen vom Vater die Landwirtschaft zu betreiben.

Die Schullehrer werden für die Schularbeit bezahlt. Da am Samstag kein Unterricht ist, die 100 Schultage aber gefordert werden, ist der Schullehrer vier oder fünf Monate im Jahr mit dem Unterricht beschäftigt. Für diese Monate bekommt er ein Gehalt, das je nach Schülerzahl und den ökonomischen Möglichkeiten der Kolonie oder des Dorfes zwischen 180 und 450 US$ beträgt.

Weitere Vergünstigungen sind, dass der Schullehrer im Schulhaus wohnen darf und die dazugehörigen Ländereien entweder bepflanzen oder zur Milchwirtschaft brauchen kann.

Jedes Dorf hat einen Schulschulzen, der für die Anstellung des Lehrers und dem Einsammeln des notwendigen Geldes zuständig ist.

Die Finanzierung der Schule wird in den verschiedenen Kolonien verschieden gehandhabt, doch wird die Verpflichtung der Schulgeldzahlungen meistens ganz oder wenigstens zum Teil nach dem Landbesitz der einzelnen Dorfsbürger verrechnet.

Die Schulen unterstehen konkret dem Gemeindevorstand und einigemal im Jahr kommt ein Ohm oder der Älteste selber zur Schulinspektion in die Schule.

Schulprogramme für die Eltern oder Dorfsbewohner werden nicht erwartet, doch haben Eltern das Recht, auch einmal einen Schulbesuch zu machen.

d) Die Not im Schulwesen und seine Folgen

Trotz eines mehr oder weniger klaren Schulkonzeptes und einer bewährten Schulsprache (das Hochdeutsch) entsteht durch dieses Bildungswesen eine konkrete Not für diese Leute. Hier nun etliche Nöte, die spürbar sind:
Die Folgen dieser Schulsituation sind:

Innerhalb der Mennonitenkolonien in Bolivien haben wir auf keinem Gebiet eigene Fachleute. Das bedeutet, dass es keine ausgebildeten Schullehrer, keine Ärzte, keine Krankenschwestern, keine Wirtschaftsexperten, keine in einer Bibelschule ausgebildeten Prediger, keine Techniker usw. gibt. Da man sich bei Fachleuten von draußen nur in Notfällen Rat holt, diese aber als Außenseiter nicht innerhalb der Kolonien wohnen und arbeiten lässt, werden unsere Kolonien immer mehr an den Rand gedrängt.

Für die Zukunft kann dies nur bedeuten, dass unsere Mennonitenkolonien sowohl auf wirtschaftlichem als auch auf geistigem und geistlichem Gebiet immer mehr verarmen und oft nicht einmal merken, wie weit dieser Weg schon beschritten wurde.

Da 60% der Einwohner der Mennonitenkolonien laut Statistik unter 20 Jahren ist, bedeutet dies, dass heute in Bolivien in den Mennonitenkolonien 20.000 junge Menschen heranwachsen und keiner dieser Heranwachsenden eine solide Grundschulausbildung und die Möglichkeit einer Berufsausbildung in der Zukunft hat. Dies sind deutsche junge Menschen! Dies sind Kinder aus mennonitischen Familien und Gemeinden! Hier muss doch etwas unternommen werden.

e) Mögliche Entwicklung im Schulsektor in absehbarer Zeit

Es gibt heute drei kleinere Kolonien und etliche Gruppen, die an einer besseren Schulbildung interessiert sind. In der Kolonie Chihuahua (rund 60 Familien) wird langsam, aber gezielt an einer Verbesserung des Schulniveaus gearbeitet. Die Gemeinde wird von der Kleingemeinde in Belize betreut und von dort kommt auch das deutsche Schulmaterial.

In der kleinen Kolonie Campo Leon hat man sich vor drei Jahren auf Anraten von Missionaren entschlossen, ihre Schule in Englisch und nach kanadischem Lehrprogramm zu führen.

In der neuen Siedlung Buena Vista (seit 1999) gibt es eine kleine Schule, die seit zwei Jahren mit einer ausgebildeten Lehrerin aus Neuland nach dem Schulprogramm der Chacokolonien arbeitet. Diese Schule ist dabei, die legale Anerkennung zu erhalten und wäre somit die erste deutschmennonitische Schule in Bolivien, die staatlich anerkannte Zeugnisse herausgeben kann.

In der neueren Kolonie Cariño wird teilweise nach einem deutschen Schulprogramm aus Kanada gearbeitet.

In einigen Familien der Kolonie Las Palmas wird in Hausschulen nach einem ähnlichen deutschen Programm aus Kanada gearbeitet wie in Cariño.

In einigen Familien, die auf Privatländereien neben den Kolonien oder in kleinen Städtchen in Miethäusern wohnen, wird nach Möglichkeiten der Eröffnung einer Schule gesucht.

In den meisten alten Kolonien gibt es Familien, die für ihre Kinder eine bessere Schule wünschen.

Es gibt eine begrenzte Anzahl von Lehrern in den alten Kolonien, die konkret an der Verbesserung ihrer Schulen arbeiten.

Dieses Panorama von verschiedenen Initiativen und Unterrichtsmaterialien passt einerseits gut in das Denken unserer Kolonisten hinein, dass eben jeder seinen eigenen Brei kochen darf, doch werden sie sich nur gemeinsam auf die Länge behaupten und entwickeln können. Damit wurde begonnen, indem wir schon etliche Zusammenkünfte mit den verantwortlichen Schulkomitees einiger Kolonien und Gruppen hatten, um gemeinsame Schritte in der Schulentwicklung zu erwägen. Nicht alle interessierten Gruppen machen mit, doch ist dies der Anfang.

Es wurde auf Wunsch von Buena Vista ein Projekt erarbeitet, wie sich diese Siedlung zu einem Schulzentrum für alle Mennonitenkolonien in Bolivien entwickeln könnte. Diese Möglichkeit wird in drei klar abgegrenzten und doch sich ergänzenden Programmen gesehen:
  1. Die Schule mit einem staatlich anerkannten Lehrprogramm muss in den nächsten Jahren alle Schüler aufnehmen können, für die die Eltern eine bessere Bildung wünschen. Diese Schule sollte so schnell wie möglich bis zur 12. Klasse aufgestockt werden. Diese heutigen Schüler werden die Schullehrer und leitenden Personen nach 20 Jahren sein.
  2. Alle Schullehrer, die keine Ausbildung haben, aber an konkreten Verbesserungen in ihrem Schulwesen arbeiten, sollen durch Besuche und Kurse gefördert werden.
  3. Da in den Gemeinden und Gemeinschaften nur ein langsames Öffnen im Schulwesen zustande kommen kann, muss den interessierten Lehrern ein Material in die Hände gelegt werden, das von den Gemeinden und den Eltern angenommen wird. Deshalb wird die Materialbeschaffung für diese Schulen einen breiten und wichtigen Platz einnehmen müssen.
Für solche Pläne und Projekte sind die Kolonien aber von auswärtigem Fachpersonal und auswärtigen Finanzierungsmöglichkeiten abhängig und damit kommen wir dann zum letzten Punkt.

Der Platz der paraguayischen Mennonitenkolonien im Entwicklungsprozess der Mennonitenkolonien in Bolivien.

In welche Richtung und wie schnell sich die Mennonitenkolonien in Bolivien auf den verschiedenen Gebieten entwickeln werden, wird daran liegen, von wo und in welcher Form sie Begleitung bekommen.

Meines Erachtens wäre eine nahe Begleitung von Seiten der Mennonitenkolonien aus Paraguay und besonders der Chacokolonien aus folgenden Gründen wünschenswert und zweckmäßig:
  1. Die beiden Länder Bolivien und Paraguay sind Nachbarstaaten. Daraus ergibt sich, dass die Situation der Kolonien im Kontext des Heimatlandes sehr ähnlich ist und manche Parallelen zu ziehen sind. Es ist dieselbe Landessprache, eine sehr ähnliche Landbevölkerung, sehr ähnliche Wirtschaftssituationen usw.
  2. Durch die Nachbarschaft werden beeinflussende Kontakte und konkrete Begleitung ohne zu große finanzielle Belastungen und Kulturschocks ermöglicht.
  3. Die plattdeutsche Sprache ist auf beiden Seiten die Umgangssprache und das Kolonie- und Gemeindeleben hat denselben Ausgangspunkt und Hintergrund. Wo die Mennonitenkolonien in Bolivien heute sind, da waren wir vor 50 oder 100 Jahren auch und dadurch gibt es besseres Verständnis füreinander.
  4. Wir stehen auf derselben Glaubensgrundlage und treffen uns auf dieser Ebene. Als Mennonitengemeinden und Mennonitenkolonien haben wir eine Verantwortung füreinander und wenn in unserem Nachbarland Mennonitengemeinden langsam verarmen und zerbrechen, wird das auch unser Dasein beeinflussen.
  5. In unseren Kolonien und Gemeinden haben wir viel gut vorbereitetes Personal auf den verschiedenen Gebieten.

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Fussnoten:
Lehrer und Prediger Sieghard Schartner ist gegenwärtig als Entwicklungshelfer des MCC in Bolivien tätig.