Kulturelle Beiträge | Jahrbuch 2003

Als der Zug zu den Guaná kam
von Hans Krieg (1)

Am Rande des graugrünen Buschwaldes hockt ein brauner Fleck. Es ist ein Guaná-Indianer. Er heißt Ichmagkeinfett.

Ichmagkeinfett ist eifrig damit beschäftigt zu denken. Denken ist schwere, schwere Arbeit für arme Buschindianer. Aber denken, auch denken ist zuweilen nötig. War es früher auch nötig? Wer weiß das! Jedenfalls ist es heutzutage nötig. Denn seit man die kleine Schmalspurbahn gebaut hat, vom Paraguayfluss ganz einfach in den Chaco hinein, seither weiß man oft nicht so ohne weiteres, was man tun soll.

Indianer sind nicht dumm und nicht gescheit. Sie sind schlau. Aber was nützt alle Schlauheit, wenn da plötzlich etwas ist in der Welt, was vorher nicht da war? Wenn da plötzlich eine Eisenbahn ist?

Die Schienen und die Bahn, das ist eigentlich das wenigste. Die Schienen gehen gerade durch den Wald und die Savannen und führen auf Dämmen durch die Sümpfe. Man gewöhnt sich daran, wie die Pampastrauße und die Mähnenwölfe und die Füchse und Wildkatzen sich daran gewöhnen. Und die pfeifenden, rasselnden kleinen Züge, die zweimal in der Woche hier vorbeikommen, die sind auch nicht schlimm. Aber da steckt noch irgend etwas dahinter, das man nicht benennen kann, eine vage, süße Lockung und zugleich etwas namenlos Entsetzliches wie Lebensgefahr oder Waldbrand oder Geisterbosheit.

Weiße und halbweiße Cristianos sind ins Land gekommen. Sie hauen Bäume um und zermahlen vorne am Fluss in großen rauchenden Häusern das Holz und machen einen Brei aus der Kraft des Holzes und schicken ihn fort in Säcken, den Fluss hinunter. Aber auch das ist wieder nicht das Wesentliche, nein, sondern das Westliche ist eben, daß die Cristianos da sind und so tun, als seien sie immer dagewesen. Aber früher gab es hier nur Sanapaná und Angaité und Guaná, die nach Norden mit den Tschamakoko und nach Westen und Süden manchmal auch mit den Lengua und Toba Krieg führten. Auch untereinander hatten sie manchmal Mißhelligkeiten wegen der Wasserstellen und Jagdgründe. Aber das war alles einfach und klar, und es war gar nichts Unverständliches dabei.

Die Cristianos haben Messer und Gewehre und Revolver. Sie haben komplizierte Kleider aus dünnen Geweben. Sie haben viel Tabak, viele Rinder, Pferde, Ziegen, und ihre Hunde sind größer als die Indianerhunde. Manche Cristianos sind große Herren, die schreien, und die andern arbeiten dann für sie. Arbeiten .... das ist auch so etwas Neues. Sie sammeln nicht Algarroboschoten und Chañarfrüchte, suchen nicht Straußeneier und Gürteltiere; sie jagen wohl manchmal Hirsche und Wildschweine, aber nicht, um ihr Fleisch zu essen und ihre Häute als Lendenschürzen und Matten zu benutzen. Sie singen nicht, wie die Indianer singen. Sie trinken nicht aus Kürbisschalen Algarrobobier und Chañarbier aus hohlen Bäumen, sondern Zuckerrohrschnaps aus Flaschen. Einmal sind sie lustig und geben den armen Indianern Schnaps und alte Kleider. Dann wieder sind sie böse, und man weiß nicht weshalb.

Ichmagkeinfett ist hungrig und vom Denken müde. Heute oder morgen muß der Zug vorbeikommen. Dann will er hinübergehen zum Stationsrancho und warten. Manchmal gibt ihm jemand Schnaps für Felle oder Bogen und Pfeile oder schenkt ihm einen alten Hut oder eine alte Hose. Manchmal lachen sie ihn nur aus oder fluchen ihn an; aber es zieht ihn hierher von Zeit zu Zeit, hierher, wo diese reichen, glücklichen Cristianos sind, die so viele schöne Dinge haben, die ein armer Indianer nicht hat. Wenn man sie töten könnte und alles wegnehmen! Aber sein Vater hat das tun wollen, der Große Papagei, und da haben sie ihn totgeschossen samt seinem Bruder und dem Bruder seiner Mutter.

Ichmagkeinfett ist nicht schlauer noch tüchtiger oder schöner als andere Guaná. Aber er ist einer, dem keine fehlt von den Eigenschaften eines schlechten und rechten Indios: er findet den verschossenen Pfeil im Gebüsch, sieht die Schlange im Loch, hört das feinste Rascheln des schlüpfenden Spießhirsches. Nie verliert er die Richtung im Wald, und das Feuer wittert er weithin. Und wenn es gilt, eine Botschaft zu bringen zu einer andern der wandernden Sippen, dann rennt er stundenlang durch Busch und Prärie und stachligen Caraguatal und findet sicher die Spuren seiner Freunde. Und wenn die Samen des Algarrobo reif sind und man Bier daraus macht, dann ist er ein guter, lauter und ausdauernder Vorsänger beim Saufgelage der Männer. „Ho, hoh, ho", singt er dann, daß es weithin dröhnt, und schwingt den Rasselkürbis im Takt seines wippenden Tanzes.

Und heute hockt er hier am Waldrand, zum drittenmal schon seit der letzte Regen fiel, und wartet, wartet auf den Zug. Neben sich hat er drei graue, kleinfleckige Buschkatzenfelle ausgebreitet und das schöne kettenfleckige Fell eines Ozelotkaters. Er hat sie neben sich hingelegt und hübsch glattgestrichen, daß die Menschen an der Bahnlinie nicht wieder die Nase rümpfen über die schäbigen Felle und sie ihm wegnehmen ohne Entgelt. So ungefähr zehn Schritt hinter sich, gut versteckt in einem langstachligen Vinalbusch, liegt sein einfacher Holzbogen mit der Sehne aus gedrehter roher Hirschhaut und daneben ein Bündel Jagdpfeile aus Rohr mit langen Hartholzspitzen. Vielleicht gibt ihm heute einer ein Messer für die Felle oder eine halbe Flasche Schnaps. Ach, wie herrlich es ist es, ein Messer zu haben, und wie unbeschreiblich schön ist das Glück des Zuckerrohrschnapses!

Ein Pfiff tönte weit im Westen. Das war der Zug. Es klang ganz anders als der Lockpfiff der schwarzen Urubitingabussarde am Sumpfrand, eher wie der ferne Ruf des Mähnenwolfes, der eine Wölfin sucht und den die Sehnsucht treibt, zu rufen: Uaah...uaah....

Der Indianer wurde unruhig. Er fuhr noch einmal mit der Hand über die glänzenden Katzenfelle, ehe er sie zusammenrollte und aufstand. Dann ging er mit seinen leichten, lockeren Schritten hinüber, wo die kleine Blockhütte stand, an welcher der Zug zu halten pflegte. Amadeo, der Mischling, der Wildschweinjäger, wohnte dort und tat den kümmerlichen Dienst des Streckenwärters. Auch er hatte den fernen Pfiff gehört und schichtete jetzt eifrig die großen Holzscheite neben dem Geleise auf. Dieses Holz bekam der Zug zu fressen. Ohne Holz konnte der Zug ja nicht fahren und nicht pfeifen. Amadeo hätte Zeit genug gehabt, die Scheite in aller Ruhe schon gestern bereitzulegen. Aber er tut alles erst hastig, im letzten Augenblick.

Ichmagkeinfett war ganz gut bekannt mit Amadeo. Aber er beneidete ihn und haßte ihn sogar ein wenig; beneidete ihn, wie er alle Mischlinge beneidete, die sich als Weiße, als Cristianos betrachteten, haßte ihn, weil er - ebenfalls wie alle Mischlinge - gegen die Indianer mit despotischer Anmaßung auftrat.

Aber der Haß hatte noch einen andern Grund, der schwer zu erklären war. Amadeo war vor zwei Jahren allein hierher gekommen, als die Bahn gebaut wurde. Und weil Amadeo keine Frau hatte, wollte er vom „Weißen Haarschopf", dem Unterhäuptling der Guaná und Führer der Sippe, mit aller Gewalt ein Mädchen einhandeln. Er hatte dem „Weißen Haarschopf" ein altes Maultier und ziemlich viel Schnaps dafür geboten, aber der Handel war damals nicht zustande gekommen. Amadeo hatte dann einmal eine Frau der Sippe mit Gewalt genommen. Es war ihm auch gelungen, sie ein paar Monate bei sich zu halten. Die Indianer waren damals sehr erbittert auf ihn gewesen, hatten es aber nicht gewagt, etwas gegen ihn zu tun. Die Sache hatte sich bald dadurch erledigt, daß die „Lockende Drossel" ihm ausgerissen war.

Es wäre damals schön gewesen, ihm einen Denkzettel zu geben, aber was sollte man machen gegen einen solch mächtigen Mann, der vielleicht die Milicos, die Soldaten, herbeiholte, indem er einfach in die Wand neben der Haustür hineinrief, einen Mann der vielleicht ein guter Freund des großen Don José war, dem alle Häuser vorne am Fluß gehörten und alles Land und vielleicht die ganze Welt? Was, ihr Guten, wollte man machen?

Amadeo war schlechter Laune. Er wir immer schlechter Laune, wenn er arbeiten mußte.

„Komm her", brüllte er den Indio an, „und hilf, statt dumm zu glotzen!" - Der Indianer half ihm stumm, das Holz zu schichten.

Dann kam plötzlich der Zug, fauchte, ratterte und stand. Laute Menschen wimmelten heraus, fünf, zehn, viele.

Ichmagkeinfett war glücklich. Er hatte ein Wasserglas voll billigen jungen Zuckerrohrschnapses zu trinken bekommen, von Amadeo, und ein Beamter des Tanninwerkes, der mit dem Zug von einer Holzschlagstelle aus dem Innern kam, hatte ihm seine Felle abgehandelt um einen königlichen Preis: Eine Machete, ein Buschmesser, steckte jetzt in der Hüftbinde des glücklichen Indianers. Was tat es, daß die Machete schartig war und keine Spitze mehr hatte? Sie war ja noch zu vielem gut, und wer sie hatte, der gewann Ansehen unter seinesgleichen.

Unter dem Busch, in dem sein Bogen und seine Pfeile steckten, schlief der Indianer eine Nacht und einen Tag und noch eine Nacht. Denn der Schnaps hatte ihn bald lahm und hundemüde gemacht. Dann weckte ihn der Hunger. Mit leisem Geschwindschritt ging er eilig durch den Wald und suchte seine Sippe. Eine kleine Schlange, die er unterwegs mit dem Bogen totschlug, aß er im Gehen. Er konnte es kaum erwarten, den Seinen dieses herrliche Buschmesser zu zeigen. Beneiden würden sie ihn, ha, und auch eins haben wollen.

Ein Jahr ist um, kein kurzes rasches Jahr. Draußen in der Welt ist vieles geschrieben, geschrieben und gedruckt worden in diesem Jahr. Aber wenig ist wirklich geschehen. Fast nichts. Der Karren der Zeit ist ein wenig weitergelaufen. Ein paar verdammt feine neue Maschinen hat man erfunden, ein paar hundert Rekorde aufgestellt.

Die kleine Eisenbahn läuft immer noch zweimal pro Woche in den Chaco hinein und zweimal zurück. An der kleinen Station tut immer noch Amadeo, der Mischling, seinen kümmerlichen Dienst.

Aber er ist nicht mehr allein. Er hat eine Indianerin bei sich in der Hütte, und es wird nicht mehr lange dauern, dann wird sie ein Kind von ihm haben. Er ist ein großer Herr geworden und hat Helfer genug zum Fällen der Bäume und zum Herrichten des Holzes für die Lokomotive. Denn am Waldrand drüben, wo Ichmagkeinfett früher saß und auf den Zug wartete und sein Hirn ihm platzte vor lauter Denken, an diesem Waldrand stehen seit Monaten schon die grasgedeckten Hütten seiner Sippe.

Reichtum ist eingezogen. Mindestens einmal in jeder Woche liegen die Männer besoffen im Busch. Sie alle haben Messer, und viele haben eine alte Hose oder wenigstens eine Unterhose. Der „Weiße Haarschopf" trägt sogar einen alten Uniformrock über der nackten Haut, und Amadeo hat ihm eine Winchesterbüchse und zehn Patronen versprochen als Gegenleistung für das Weib, das die Sippe ihm geschickt hat.

Nur die alten Frauen schimpfen. Natürlich, sie haben ja nicht Teil am Schnaps und auch nicht an den mancherlei Geschenken, welche die Cristianos den jungen Weibern bringen für ihre Bereitwilligkeit: Galletas (Hartbrot), Charqui (Trockenfleisch) und manchmal auch Geld. Die Holzfäller, die Bahnarbeiter und auch ganz richtige Weiße vom Flußufer kommen nicht selten hierher, um sich bei den Indios einen lustigen Tag zu machen. Und unter ihnen ist besonders einer, ein feiner Mann mit hellen Haaren und roten Backen, der bringt viel Schnaps und bunte Tücher und gibt den Weibern auch Geld, damit sie sich von ihm ohne Hüftschurz fotografieren lassen.

Aber trotz allem Glück ist da so manches, was einen nicht froh werden läßt. Oder ist es vielleicht ein Spaß für die Männer, ihre Weiber und ihre Geliebten in den Armen dieser übelriechenden Fremdlinge zu sehen? Manchmal blicken sie finster und tuscheln miteinander und hecken Pläne aus gegen die Weißen. Aber dann kommt wieder diese jähe Sehnsucht über sie nach Cañaschnaps und wildem Vergessen. Dann will der eine Messer, jener Tabak und ein dritter einen alten Hut, und alle Bedenken werden beiseite geschoben.

Aber da ist noch etwas anderes: die Weiber sind krank geworden von den Weißen, und sie wiederum haben die Männer krank gemacht. Man nimmt es zwar nicht allzu ernst, nicht viel ernster als die Kleiderläuse, die mit den Weißen und ihren alten Fetzen gekommen sind und die den lieben altgewohnten indianischen Kopfläusen an Lästigkeit entschieden über sind.

Die Männer sind faul geworden und untüchtig zur Jagd. Sie basteln schundige Bogen und miserable Pfeile, um sie den Weißen zu verkaufen, die mit ihren Indianerwaffen prahlen wollen, wenn sie vielleicht einmal rasch nach Asunción oder Buenos Aires reisen. Aber auf solchen Handel folgt immer nur wieder Faulheit und Betrunkenheit und Weibergeschimpf. „Wovon sollen wir leben?" schreien die alten Weiber. „Schafft Fleisch und Kürbisse und Straußeneier herbei, daß wir zu essen haben! Seht ihr nicht, wie eure Kinder aufgetriebene Bäuche bekommen vor Hunger, und wie sie hinsterben? Seht ihr nicht, daß eure Weiber sich abmühen, Nahrung zu schaffen? Aber die Strünke der Caraguatá geben keine Kraft, und was die Cristianos uns geben, das reicht nicht aus. „Auf, ihr Männer, schießt wieder Wildschweine", schreien die alten Weiber, „fangt wieder Gürteltiere, stehlt wieder Kälber und Ziegen, daß eure Weiber und Kinder zu essen haben!"

„Finster blicken dann die Männer der Guaná und murren. Aber manchmal denken sie auch, daß es wahr ist, was die alten Frauen sagen, spüren vielleicht, daß dieses Glück der Weißen kein rechtes Glück ist. Daß irgend etwas Entsetzliches über sie gekommen ist, das sie lähmt und verdirbt.

Manchmal hocken sie beisammen und sprechen davon mit kargen, leisen Worten. Aber es ist, als duckten sie die Köpfe. Sie finden nicht mehr zurück.

Wie die Pfefferfresser sind sie und die Wildtauben. Die fliegen in die Pflanzungen der Weißen, weil dort süße Früchte sind. Dort lauert der Tod. Und doch fliegen immer wieder Scharen zu den süßen Früchten.

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Fussnoten:
Auszug aus: „Begegnungen mit Tieren und Menschen" Verl. Paul Parey, Hamburg Berlin 1965.