Kulturelle Beiträge | Jahrbuch 2003

Die Indianerin Lena
Paulhans Klassen

Wenn im Frühjahr wenig Regen fällt, dann sind die Algarroboschoten gut, lang, glatt und enthalten viel Zucker, für die Indianer eine nahrhafte Speise.

Lena, die zum Stamm der Lenguas gehörte, nahm ihre große Tasche, schlug das Tragband über die Stirn und ging mit einigen Frauen ihrer Sippe auf die Suche nach Algorroboschoten. Sollte das Sammeln heute ergiebig sein, dann hätten die Frauen noch ein gutes Stück Arbeit vor sich: Für ihre Männer von den zuckerhaltigen Schoten die Chicha zu brauen.

Der uralte Algarrobobaum mit knorriger Rinde, der schon viele Jahrzehnte gute Schoten getragen hatte, war nicht weit vom Dorf der Lenguas entfernt. Schwüle Tage und warme Nächte, ein Regen mit Blitzen und Donnerschlägen hatten Millionen Insekten, Frösche und Eidechsen vom langen Winterschlaf aus der Erde getrieben, und die Schlangen auch.

In ihrer Trägheit war eine Klapperschlange in der letzten Nacht nicht gut vorangekommen, der Schlaf saß noch in ihren Gliedern. Deshalb blieb sie im trocknen Laub versteckt unter den stachligen Blättern der Bromelien, für einen Tag, träumend, beobachtend, was um sie herum unter dem alten Algarrobobaum geschah.

Lena und die Lenguafrauen, die mit ihr gingen, freuten sich. Kichernd gingen sie im Gänsemarsch den engen Pfad durch den Busch zu dem uralten Algarrobobaum. In der letzen Nacht hatte der Wind die gelben Früchte auf die Erde geworfen. In großer Menge bedeckten sie das dürre Laub. Die Frauen sammelten fleißig, langten mit ihren Händen weit unter das dornige Gestrüpp und unter die Bromelien.

Das fröhliche Geplauder der Frauen, das Knacken der brüchigen, trockenen Ästchen und die schwüle Luft hatten die Klapperschlange wach werden lassen. Lena beugte ich, schob mit der Hand ein Häufchen Laub zur Seite, faßte die Schote. - Dann schrie sie, wie man in ihrer Sippe vor Angst und Schmerz schreit. Die Klapperschlange hatte ihre Giftzähne in ihre Hand geschlagen. Lena rieb die Bißwunde mit den Fingern, spuckte immer wieder auf die Blutflecken, saugte mit dem Mund an der Wunde, um den Schmerz zu lindern.

Alle Frauen liefen ins Dorf zurück. Lena setzte sich in ihre Hütte und kühlte die verwundete Hand im Wasser, aber das Fieber stieg von Stunde zu Stunde. Hilflos saßen die Frauen um Lena herum, die große Giftmenge der Klapperschlange wirkte schnell, und als ihr Man abends von der Arbeit nach Hause kam war sie bewußtlos. Sie starb in derselben Nacht.

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