Kulturelle Beiträge | Jahrbuch 2003

Durch Urwald und Kamp (1)
(600 km mit Maultieren.)

Nikolai Siemens, Mennoblatt, Okt. 1944 -ff. (1)

Schon lange hatte ich in mir den Wunsch gehegt, näher mit dem südlichen bzw. südöstlichen Chacogebiet bekannt zu werden. Vor 10 Jahren wurde es mir vom damaligen parag. Oberkommando der Wehrmacht im parag. - boliv. Kriege gestattet, bis an den Pilcomayostrom (Grenze zwischen Paraguay und Argentinien) zu reisen, was mir damals großes Vergnügen bereitete. Ich hatte auf jener Reise auch die Gelegenheit, durch das Gebiet der drei großen Indianerstämme Chulupes, Tobas und Matacos zu reisen und wurde für kurze Zeit auch freundlich aufgenommen auf der Mission der deutschen katholischen Patres zu Esteros.

Nun war ich immer auch interessiert, einmal die Gebiete der anglikanischen Mission unter Lenguas und Sanapanas kennen zu lernen. Manche unserer Leute und auch unsere Missionare waren dort schon Gäste gewesen. Da auch unser Arzt, Dr. J. Schmidt, ähnliche Pläne hatte, so rüsteten wir beide zur Reise, denn Dr. Schmidt hatte nach längerer anstrengender Arbeit einmal einen Urlaub nötig. Durch neue Pflichten, die Missionar Giesbrecht erwachsen waren, mußte er davon abstehen, unser Führer zu sein. Freundlicherweise aber stellten die Brüder der Mission uns einen Federwagen (Buggy) sowie ein Pferd und Maultier zur Verfügung. Mit diesem Gespann sollte es uns vergönnt sein, rund 600 km durch Kamp und Busch zu reisen durch sehr interessante Gebiete des Gran Chaco von Paraguay.

So „starteten" wir denn am 4. Sept. von unserer Missionsstation. Frau Dr. Schmidt und die andern Missionsgeschwister umstanden den Wagen, nachdem in recht mütterlicher Weise alles schön verstaut war, nämlich der Vorratskasten, in welchem Brot, Zwieback, Eier, Zitronen, Zucker, Kakao, Kaffee, Yerba, Konserven u. drgl. gute Dinge sich befanden, ferner dann Decken, Kissen, Mückennetz und ein gemeinsamer Koffer mit Wäsche und Reserveanzügen. Aber auch väterlicherweise hatte man an alles gedacht wie z.B. an die übliche leinenumzogene „Caramayola" (Feldflasche), außerdem an eine „domojvana" (Korbflasche) für 20 l. Trinkwasser durch Trockengebiete. Ferner eine Zeltplane, eine Dose mit Wagenschmiere, einen Kochpott, Wassereimer, Axt, Zange, Eisendraht, Kafirrispen, etwas Erdnußstroh und Riemen waren nicht vergessen, und das war so ungefähr alles. Außerdem führte Dr. Schmidt noch einen Photoapparat und eine Jagdflinte mit Patronen mit sich, wie auch Schlangenserum und andere Kleinigkeiten.

Begleitet von vielen Segenswünschen ging's denn los in östlicher Richtung zunächst. Nach guten 3 Stunden bei ziemlich hoher Temperatur erreichten wir Isla - Poi, die Militärviehstation. Hier wurden wir im Hause des Chauffeurs, dessen Frau unlängst Patient von Dr. Schmidt war, nicht ohne Abendbrot vorbeigelassen. Nachdem auch unsere Tiere getränkt waren, ging es weiter. Da, halt! - Ein Reifen war locker geworden und rollte gemächlich vom Damm. Erstes Pech, aber dennoch ganz zeitgemäß hier in diesem Gebiet, wo der Schaden auszubessern ist. Mit vielem Klopfen gelang es uns, ihn fast auf das Rad zurückzubekommen. Nachdem er dann gut mit unserm Reserveriemen umwickelt war, konnte es doch Schritt für Schritt weitergehen, bis wir kurz vor Mitternacht das Gehöft von Freund H. Töws in Waldheim erreichten. Hier wurden unsere Tiere an die Krippe und wir ins Bett gebracht; denn die freundliche Wirtin und ihre Töchter erlaubten es durchaus nicht, daß wir auf dem Hofe unter freiem Himmel schlafen sollten.

Morgens, (5. Sept.) während wir ein sehr treffliches Frühstück einnahmen, hatte der Dorfschmied das Rad in Ordnung gebracht. Unsere Reise ging nun zunächst über Bergtal, und dann, nach einer kleinen Irrfahrt, kamen wir auf der mennonitischen Viehstation „Laguna Kapitan" an, wo wir Rast machten.

Gegen Abend brachen wir auf und erreichten zur Nacht die Fernheimer Kolonie-Viehstation „Laguna Ipuna", die von den Gebrüdern G. und H. Martens verwaltet wird. Freundlicherweise wurde uns hier gegen unser Pferd ein Maultier eingetauscht, was auch wirklich gut war.

Morgens (6. Sept) schlägt der Wind um nach Süden. Nach guter Nachtruhe und kräftigem Frühstück traben wir lustig weiter. Wir erreichen um die Mittagszeit „Campo Luque", wo heute Freund W. Dück seinen Wohnsitz hat. Unsere Tiere kommen an den Trog, und wir werden zur Hühnersuppe geladen. Freund Dück spendet uns für die Reise noch einen Sack Kafirrispen und gute Bataten.

Nun geht die Reise weiter durch lange, trockene Salzlagunen. Das Wetter ist angenehm kühl, und ein feiner Nieselregen sprüht über das Land, so daß wir unsere Mäntel hervorholen müssen. Fast hat man den Eindruck, während die Räder durch die blendend weiße Ablagerung der Salztäler knirschen, im Schnee zu fahren.

Gegen die Vesperzeit erreichen wir einen großen Kamp, und bald halten wir auf der Estancia von Freund Rudolf Linnert. „Campo Maria" hat man diesen Ort genannt. Die Anlage ist fein gewählt. Ein schöner See mit vielen Vögeln. Hier wurde ein gemütliches Häuschen gebaut und der Hof angelegt. Wir wollten hier eigentlich nur unsere Mulas tränken, nach dem Wege fragen, und dann weiter reisen. Aber so etwas gibt's gar nicht. Ehe wir uns versehen, sind die Pferde ausgespannt. Wir müssen hier über Nacht bleiben, um uns morgen die „Markation" anzusehen.

Nun denn, so müssen wir uns ins Unvermeidliche fügen. Der Wirt hat auf seinem Hof das Kommando. Es sieht hier eigentlich auch nach Leben aus. Ein ganz großer Korral aus Palmstämmen, unruhige Rinder, böse Stiere, die jeder für sich die Herrschaft beanspruchen und mit drohender Haltung ihrem Rivalen gegenüberstehen, die Erde mit den Vorderfüßen zu Staub aufwirbelnd, wobei sie wütend brüllen. Die Herde sieht gutgenährt aus; denn Hoch- und Niederkamp nebeneinander mit guten Süßwasserlagunen wie hier, sind treffliche Bedingungen für den Viehzüchter. Heute ist „Rodeo", also der Tag, wo möglichst alles Vieh eingetrieben wird, was übrigens bei kühlem Wetter nicht so ganz einfach ist, da das Vieh sich nun in den schützenden Busch verkriecht vor dem rauhen Pampero (Südwind). 16 Mennoniten sind hierher gekommen; meist sind es Besitzer des hier eingedungenen Viehs aus Menno und Fernheim. An 1200 Kopf werden heute auf Campo Maria geweidet; davon gehört nur der kleinere Teil Herrn Linnert. Auch einige mennonitische „Mumkis" sind mit ihren Gatten mitgekommen, um als rechte Wirtinnen ihre Kühe und Kälber selber zu sehen. Die Tanten werden aber auch in diesen Tagen reichlich Gelegenheit haben, der fleißigen Frau Linnert zur Hand zu sein bei der Bewirtung der vielen Gäste. Heute morgen wurde eine fette Kuh geschlachtet, und in der Küche kocht und brodelt es nur so. Die Bewirtung ist äußerst gut. Neben reichlichem Fleisch gibt es da auch Bataten, Sauerkohl, Tomaten, Zwiebeln, Butter, Milch, Kaffee, Tee und Gebäck. Niemand bleibt hier hungrig.

Der dunkle, kühle Abend findet die Gesellschaft in traulicher Runde um ein wohliges Palosantofeuer auf dem Hofe. Mate kreist, und Erlebnisse werden zum Besten gegeben. Endlich sucht jeder sein Plätzchen für die Nacht auf. Wohnstuben, Eßzimmer, Küche und Gänge werden „belegt", da draußen ein Unwetter aufzuziehen scheint. Es gibt nachts auch Gewitter mit kleinem Regen, der den Staub etwas niederschlägt.

Der frühe 7. September findet die Gesellschaft wieder beim heißen Mate. Nach dem Frühstück besteigen mehrere Reiter ihre Pferde. Hei, wie die Lassos durch die Luft schwirren! Ein Brüllen und Fauchen seitens der Rinder, ein Pfeifen und Johlen der Menschen! Anders kann es wohl bei der Markation nicht zugehen. Jemand führt die Liste. Im Feuer nebenan liegen die verschiedenen Brennmarken. Auch mehrere Indianerjungen sind tapfer dabei. Die Tiere, die entweder Brennzeichen oder Ohrschnitt erhielten, oder die jungen Stiere, die kastriert wurden, sind nun frei. Hier kann man sich üben im Lassieren, aber auch im Klettern, denn ein Tier, welches alle drei Prozeduren durchmachen muß, ist, wenn es endlich aus der nicht gerade sanften Behandlung loskommt, bereit, den ersten besten seiner Peiniger auf die Hörner zu nehmen. Geschickt wird dann ausgewichen und der Korral erklettert, um so der Rache des Gereizten zu entkommen. Das aber sind alles Momentsachen.

Dr. Schmidt und ich reparieren etwas an unserm Geschirr und schmieren unsern Wagen. Dann wird zu Mittag gespeist. Obzwar man uns für eine weitere Nacht nötigt, müssen wir doch jetzt aufbrechen. Uns gefällt dieses Anwesen sehr. Es ist erstaunlich, wenn man bedenkt, daß Herr Linnert vor etwa 8 Jahren zurück aus Polen hier ankam. Während dieser Zeit gründete er zuerst Laguna Ipuna, welches dann Fernheim als Kolonieviehstation kaufte. Dieser Platz hier wurde vor weniger als 4 Jahren besiedelt. Es herrscht hier Ordnung und Sauberkeit, denn auch die tapfere Frau Linnert weiß überall anzupacken und scheut sich vor keiner Arbeit. Allerdings sagte mir einmal der energische Herr Linnert, daß er Raubbau mit seiner Gesundheit treibe, und jedenfalls darf man nicht sehr oft solchen Wechsel mit Plätzen durchmachen.

Wir verabschiedeten uns in Dankbarkeit von unsern freundlichen Gastgebern und eilen weiter. Hinten im Wagen liegt noch ein tüchtiges Stück Rindfleisch, welches die Hausfrau mitschickt für den nächsten Nachbar, die Familie Joh. Derksen. Diese gute Sitte herrscht hierzulande, daß man sich in dieser Wiese gegenseitig erfreut.

Bald erscheinen auch die ersten Palmen. Immer herrscht hier aber der Algarrobo vor. Wir kreuzen etliche trockene Salzbäche. Zuletzt fahren wir durch den jetzt trockenen „Riacho Yacare" (Krokodilenbach), und bald befinden wir uns nun auf einem Kamp mit 2 einsamen Höfen. Der Ort führt den Namen „Laguna Verde" (grüner See). Hier wohnen seit weniger als 2 Jahren die Familien Joh. Derksen und Wolf. Sie wanderten 1937 von Fernheim aus in die Gegend von Concepcion, von wo sie zurückkehrten nach hier. Man erzielte in diesem Jahre eine gute Ernte. Hauptsächlich besteht aber ihre Habe in Rindvieh. Dieser Ort ist nur etwa 60 km von der Pinaskobahn (Km 92) entfernt. Hier kann man auch gut Eier, Butter und Käse absetzen. Im Winter ist der Weg auch trocken, aber in der Regenzeit meist unpassierbar.

Das Gehöft von Freund Derksen ist gelegen an einer heute trockenen Laguna auf einer Anhöhe unter einer ganz sonderbaren Baumgruppe, wie man sie selten findet. Friedlich wachsen hier auf engem Raum zusammengedrängt wilde Kirschbäume, Flaschenbäume, Algarrobo, gelbe Quebracho, Palosanto und andere Gebüsche. Die Häuser sind noch nicht ganz fertig. Über den Betten hängen die unentbehrlichen Moskitonetze, denn, wie man uns erzählt, wird das Ungeziefer hier zur Regenzeit besonders schlimm. Dies gilt auch von den kleinen lästigen Polvorinos, vor denen man sich nur unter ganz dichtem Gewebe schützen kann. Doch in dieser Nacht müssen wir uns gehörig in dicke Wolldecken einhüllen, da das Thermometer bis zum Gefrierpunkt sinkt. Dann gibt's auch kein Ungeziefer. Auch bei Derksens war die Aufnahme warm und gut.

Nach dem Frühstück am 8. Sept. geht es nun los in südlicher Richtung. Uns begleitet der Sohn des Hauses eine Wegstrecke, bis wir an den trockenen „Riacho González" kommen. Dann fahren wir allein weiter. Der Weg ist streckenweise ganz tadellos und hart. Der niedere Busch weist meistens Gestrüpp auf, das nur noch im Salzboden wächst. Jetzt verlassen wir das Gebiet, wo die letzten Mennoniten wohnen.

Bald tauchen vor uns weite Palmenkämpe auf. Hohe, schlanke Stämme, auf denen in sonniger Luft die majestätischen Kronen sich wiegen, wobei auch im leisesten Winde die sonderbaren Wedel zauberhaft flattern. Mir kommt ein Sinnspruch der Wüstenaraber bezüglich der Dattelpalme ein, welcher lautet: „Diese Königin der Oase taucht ihren Fuß in Wasser und ihr Haupt in Feuer des Himmels".

Jetzt erscheint vor uns ein einsamer Hof. Freundlich tritt uns ein hochgewachsener Mann, der Verwalter der Viehstation des Herrn Arias, entgegen und begrüßt uns mit echt paraguayischer Höflichkeit. Wir wollten eigentlich weiter fahren, nur möchten wir um einen wegkundigen Indianer bitten und um genügend Trinkwasser, da vor uns eine längere Strecke lauter trockene Lagunen sein sollen. Der Indianer wird uns zugesagt, da es so Landessitte ist, daß man immer einem Fremdling den Wegweiser gern mitgibt. Aber wir dürfen doch nicht weiterreisen, ohne zuvor bewirtet zu werden. Heute morgen war ein fettes Rind geschlachtet worden. Bald schmort ein saftiger Braten („asado") am Spieß. Es gibt gute Galleten dazu und aufgekochte Milch. Der Verwalter und Herr Arias wundern sich nur, wie wenig wir vom Asado nehmen. Doch dieser ist wirklich gut und schmackhaft.

Nun ist auch unser Führer reisefertig. Es ist ein älterer Halbblinder Häuptling, „Cazice Montinyo" aus dem Stamme der hier wohnenden Sanapana-Indianer, die in der Sprache den Lenguas verwandt sind. Unsere Gastgeber lassen uns nicht fahren, ohne daß wir für die Reise noch ein tüchtiges Stück Fleisch zum „asado" mitnehmen. An der Laguna tränken wir unsere Tiere und nehmen auch unser Gefäß voll Wasser. Dann traben wir mutig weiter. Zunächst leitete uns eine Spur des hier unlängst durchgefahrenen Missionskarren. Dank des Südwindes ist es nicht heiß, und so reisen wir bis 3:30 Uhr nachmittags. Nun machen wir halt unter einem schattigen Algarrobo. Die Weide ist hier gut. Unser Häuptling schürt das Feuer. Er steckt Fleisch an den Spieß und backt uns Süßkartoffeln in der Glut. Wir trinken noch Kaffee dazu und sind dann wieder unterwegs, nachdem auch unsere Tiere noch etwas Wasser aus der Flasche erhielten. Unser Vorsatz ist es, heute noch die erste Missionsstation („Mission chica" oder auch „Campo Flores" genannt) zu erreichen.

Die Sonne neigt sich zum Untergange. Lauter Wildnis! Niemand wohnt hier mehr. Dort sehen wir ein verlassenes Indianerlager. Wohl infolge der Dürre und des Wassermangels haben die Wilden jetzt diesen Platz verlassen. Uns gerade entgegen kommen 3 große Füchse, die im Sonnenuntergang einen Ausflug machen.

Nun senkt sich rasch das Dunkel der Nacht über den Chaco. Vorn und hinten, rechts und links rötet sich der Himmel. Es sind Kampbrände, die hin und her vom jagenden Indianer angelegt wurden. Morgen kann er so besser das Wild erkennen, als wenn es durch das graue Gras geschützt ist. Dann wird auch der Pampastrauß auf dem kohlschwarzen Gelände nach toten Schlangen und verbrannten Eidechsen suchen und so ein besseres Ziel für den Pfeil des heranschleichenden braunen Jägers bieten.

Nur noch im Schritt, im ganz langsamen, wie ihn nur ein Maultier eben zu gehen vermag, streben wir weiter. Cazice Montinyo hinten im Buggy hat Schlaf, sehr starken sogar. Er mag wohl träumen von dem saftigen Spießbraten und den leckeren Bataten am Lagerfeuer vorhin. Abwechselnd wecken ihn Dr. Schmidt und ich. Er reibt sich sein einziges Auge, schaut nach den Sternen und lispelt beruhigend: „Camino Mission!" um dann wieder einzunicken.

Da halt, die Maultiere können nicht weiter. Ein aus Rohr und Stäben gemachter Palisadenzaun muß durchbrochen werden, dann kommen wir an einen Indianerlager vorbei. Gesang. Lagerfeuer und davor ein glänzender Wasserspiegel. Sofort verstummt das Leben in der Tolderia. Das geübte Ohr der Wilden erkennt im schwarzen Dunkel der Nacht unbekannte Laute. Es ist unheimlich still dort über dem Wasserspiegel. Bald schwenken etliche Männer brennende Feuerscheite im Rad wie Fackeln. Sie umkreisen geisterhaft den Wassertümpel und stehen nun am Wagen. Wir glauben, daß vielleicht irgend eine Unterhaltung sich anbahnen wird zwischen ihnen und unserm Führer. Aber vergeblich! Alles ist still, nur ganz geheimnisvoll führen sie im halblauten Flüsterton eine Unterhaltung, wohl über den Zweck der nächtlichen Störung unsererseits. Seelenruhig schöpft unser Montinyo Wasser aus der Laguna und tränkt die Tiere. Ich schneide für die Braunen ein Stück Brot ab, und wir fahren weiter, in die Nacht hinein.

Wahrscheinlich waren wir, während unser Führer immer wieder einschlummerte, irgendwo in dieser Gegend vom Wege abgebogen. Bald befanden wir uns auf schmalem, aber gut ausgetretenem Indianerpfade. Cazice Montinyo behauptet, indem er immer nach den Sternen schaut, daß die Richtung recht sei. Ihn kümmert es wenig, daß unsere Tiere in diesen Palmenkämpen mit hohem Schilf ohne Weg schwer ziehen, er sitzt ja hinten in guter Ruhe im Wagen. Nur noch ganz mühsam kommen wir voran, bis wir endlich im dichten Buschdickicht an einem verlassenen Indianerdorf halten. Nun muß aber der schlaftrunkene Wilde vom Wagen und nach einem Ausweg suchen. Und wieder gehts durch schweren Sandweg oder durch Schilfrohr mühsam weiter. Wir wissen überhaupt nicht mehr, wo wir noch hinkommen, aber jedenfalls schon heute nicht mehr zur Missionsstation. Nachdem wir ein trockenes Flußbett gekreuzt haben, einigen wir uns, hier das Nachtlager zu machen, denn die Uhr geht bereits auf 10.

Am Buschrande spannen wir unsere Tiere aus. Sie erhalten das letzte Langfutter, da wir es nicht wagen, sie hier in der Wildnis auf die Weide zu lassen. Bald lodert ein lustiges Feuer. Der Häuptling macht rings um uns noch mehrere Feuer, der Tiere und Schlangen wegen. Bald schmort das Fleisch wieder am Spieß und Kartoffeln werden gebacken. Ein warmer Kaffee kommt dazu und dann gehen wir zur Ruhe. Recht gut zustatten kommt uns meine sibirische Filzdecke als Unterlage und unsere Decken und Mäntel, denn die Nacht ist sternenklar und kalt.

Am 9 Sept. in der Frühe weiden wir unsere Tiere, und nach dem Kaffee brechen wir auf. Bald sind wir wieder in dem ausgetretenen Pfad. Fast scheint es uns unmöglich, in dieser Richtung unser Ziel zu erreichen, aber der braune Mann bleibt dabei, daß wir recht fahren. Nach einem See, der am Morgen von dem Geschrei vieler Sumpfvögel widerhallt, wird schon der Wald höher. Hier gibt es auch wieder den uns bekannten Quebracho colorado in Mengen und von hohem Wuchs. Ob wir etwa in einer Obrache (Holzfällerei) der Pinasko-Gesellschaft landen werden?!

Ein Reiter! Wir winken ihm; er kommt näher. Wie weit es bis zur Mission sei. „Ein Kilometer", ist seine Antwort. Dieses kommt uns dann doch überraschend, und wir denken, ob er km und Legua (fast 5 km) verwechselt. Er scheint aber sicher zu sein und treibt einen Trupp Pferde in der eingebogenen Richtung weiter. Wenn wir geglaubt hatten, daß unsere Mulas bereits erschöpft waren, so sollten wir nun eines andern belehrt werden. Im vollsten Galopp jagen sie in steifer Leine hinter den Pferden daher und richtig, nach etlichen Minuten tauchen die Dächer von Campo Flores vor uns auf.

Am frühen Vormittag halten wir auf dem Missionshof. Freundlich werden wir begrüßt von Missionar J. Sanderson. Bald umkreist uns auch eine Schar neugieriger Indianer. Einer von ihnen ist der getaufte Evangelist Augustin, der schon etliche Male in Fernheim war und uns nun freundlich als alte Freunde begrüßt. Unser Tiere werden auf die Weide gebracht. Uns weist man in einem Häuschen, das als Hotel dient, ein Zimmer mit Betten und Wasch- und Badegelegenheit an.

Zu den Mahlzeiten sind wir Gäste der Familie Sanderson. Mr. und Frau S. mit ihrem 4jährigen Söhnlein sind die einzigen Europäer hier. Ihre Heimat ist England. Während die junge Frau erst etwa 5 Jahre hier lebt, ist ihr Gatte im Chaco aufgewachsen. Seine Eltern waren Mitbegründer dieses Missionsfeldes vor mehr als 40 Jahre zurück. Die Mutter lebt noch, war aber zur Zeit unseres Besuches abwesend. Mr. S. ist in einer Person Missionar, Wirtschafter, Ladenwirt u. sonst alles, was hier noch vorkommt. Er ist stark beschäftigt. Der Hausfrau stehen ein paar Indianerfrauen in der Küche zur Hand. Wir werden äußerst gut bewirtet und können uns trefflich unterhalten.

Zum Missionshof gehören das schon erwähnte Hotel, das Wohnhaus des Missionars, ein Warenladen und eine Kirche. Erstere Häuser sind von Wänden aus gespaltenen Palmenstämmen gebaut und mit Lehm ausgeschmiert. Die Kirche wurde aus Hartholzgerüst aufgeführt und die Wände mit Lehmziegeln ausgemauert. Der Raum ist etwa 20 mal 5 mt. groß und ringsum mit einem Schattendach umgeben, und ist mit Wellblech gedeckt. Die Fenster sind oben nach gotischem Stil spitz zugewölbt. Die Kanzel, Pulte und Stühle für die Kirchendiener am oberen Ende sind aus Algarroboholz angefertigt, die Bänke für die Zuhörer aus Lehmziegeln aufgemauert. Alles ist Arbeit von Indianern. Selbst ein kleines Fußharmonium fehlt nicht. Vorn am Eingang hängt eine richtige Glocke. Ein kleiner Windmotor auf dem Hofe sorgt für Licht durch Batterien.

Der Abend verläuft in gemütlicher Unterhaltung. Auch hören wir Radionachrichten aus Europa. Dann ruhen wir in der Nacht gut aus.

10. September. Es ist Sonntag. Nach dem Kaffee um 8 Uhr läutete es zur Kirche. Sofort, nach den ersten Glockenschlägen, strömen Alte und Junge aus dem naheliegenden Indianerdorf in die Kirche, welche in wenigen Minuten mit Menschen besetzt ist. Missionar Sanderson erscheint im weißen Talar. Auf der Brust trägt er am blauen Band ein kleines Emblem mit einem Christuskreuz. Seine Frau setzt sich an das Harmonium und nun singt die Gemeinde ein Lied nach der Melodie „Siegend schreitet Jesus über Land und Meer". Nach der Liturgie, woran auch die Versammlung beteiligt ist am Hersagen des Glaubensbekenntnisses, predigt Mr. S. über Luk. 6, 36ff, wo vom Splitterichter die Rede ist und von den 2 Männern, welche auf versch. Grunde bauten. Die braune Schar lauscht der Botschaft nicht so, wie wir Weißen es wohl gewohnt sind, indem bei uns die Blicke des Redners und der Zuhörer sich treffen, sondern sie sitzen meist mit gesenktem Blick da. Und doch sagen die Kenner dieser Leute, daß sie sogar sehr aufmerksam zuhören. Zum Schluß spricht ein Indianer das Gebet und nach einem Lied wird die Versammlung entlassen.

Obzwar Dr. Schmidt und ich leider nichts verstanden haben, sind wir doch tief beeindruckt. Wir zählen draußen 90 Erwachsene und 30 Kinder. Familien mit 3-4 Kindern sind hier keine Seltenheit. Diese Indianer auf Campo Flores gehören zum Stamm der Sanapanas. Die Sprache ist ein Dialekt der Lenguas, mit welchen sie sich auch gut verständigen. Liederbücher und Testamente sind alle in der Lenguasprache gedruckt.

Nach der Mittagspause und dem hier üblichen „tea time" (Tee Zeit) läutet um 4 Uhr die Kirchenglocke wieder, und nun versammelt Miss. S. etwas 20 junge Leute beiderlei Geschlechts. Es sind dieses Kandidaten, die zur Taufe vorbereitet werden in etlichen Klassen. Dies dauert 2 Jahre. Der Missionar spricht mit den jungen Leuten heute über das Gleichnis von den 10 Jungfrauen und erklärt ihnen die Bedeutung des Öls als Vergleich mit dem hl. Geist.

Später habe ich mit ihm eine anregende Unterhaltung. Ob man es wirklich auch verstehen könne, daß diese Menschen eine Bekehrung durchmachen, ist meine Frage. Die Antwort ist etwa folgend: „Wir sind nicht interessiert, eine große Menge von „sogenannten Christen" zu registrieren, deshalb ist auch die lange Prüfungszeit vorgesehen. Natürlich ist der Anfangsbegriff von einer Umwandlung im bibl. Sinne bei diesen primitiven Naturkindern besonders am Anfang sehr bescheiden. Wir dringen aber auf niemanden ein. Jene junge Frau, die sie dort vor mir auf der Bank sahen, kam eines Morgens zu mir und erklärte, daß auch sie ein anderes Leben anfangen möchte. Ich lud sie ein, zu diesen Vorbereitungsstunden zu kommen. Ich habe nun gerade gute Gelegenheit, ihr inneres Wachstum zu prüfen, indem ich in Form von Fragen auf ihr inneres Seelenleben komme. Auch fordere ich in diesen Stunden die Kandidaten auf, ein lautes Gebet zu sprechen, wobei man recht gut wahrnehmen kann, wie manche unter ihnen zunehmen am inwendigen Menschen".

In den Mennonitenkolonien hört man immer wieder darüber klagen, daß unsere Indianer bei uns ein zu negatives Vorbild erhielten, um auch Christen zu werden. Mr. S. spricht nun darüber eine uns ganz neue Meinung aus und zwar, daß man bei ihnen glaube, daß es für diese Braunen von Nutzen ist, wenn sie prüfen und unterscheiden lernen, daß nicht alle Weißen auch von Geburt schon Christen sind. Dieses - so glaube er - kann die Christen unter den Braunen sogar mehr befestigen in ihrem neuen Leben. Dieser Gedanke war uns neu, er leuchtet aber ein, denn in der Tat, nicht die bloße Benennung „Christ" od. „Mennonit" gibt uns schon den Paß zum Himmel Welch große Verantwortung im Vorbild aber liegt, von dieser Warte aus gesehen, doch auf allen wirklich gläubigen Kindern Gottes!

Vor Abend machen wir einen Rundgang durch das Indianerdorf. Die Braunen wohnen hier nicht mehr in Grashütten, wie bei uns. Der Holzreichtum gestattet es ihnen, sich Wände u. Dächer aus Palmen aufzuführen. Obzwar der meist harte Lehmboden für größere Pflanzungen ungeeignet ist, haben doch die Indianer hier recht gute Lebensmöglichkeiten. Einmal ist es der hier abgedämmte Riacho Paraguay, der großen Fischreichtum aufweist. Auch werden jetzt bei niederem Wasser meterlange Aale mittels Spießen aus dem Sumpf geholt und schmecken gekocht oder am Feuer gebacken gut. Zu manchen Jahreszeiten kommen die sehr nahrhaften Algarroboschoten oder sonstige Waldfrüchte hinzu. Ferner liefert die junge Palme Strünke als Gemüse; so werden auch auf passenden kleinen Stellen etwas Kürbisse oder Bataten gezogen, oder man erhält Fleisch von der Jagd oder Vogeleier. Endlich hat man ein paar Ziegen oder Schafe, und im Notfall können diese Naturkinder sich im Laden gegen Straußfedern, Wildfelle oder Webewaren Mais, Bohnen oder Galetten einhandeln. So ist ihr Tisch immer gedeckt und sie sehen gutgenährt aus.

Der Besuch war hier wirklich anregend und belehrend. Wir glauben, daß dieser mit Arbeit überhäufte junge Missionar ein gutes Werk tut, das der Herr auch weiter segnen möge. Spät gehen wir zu Bett, denn morgen früh soll die Reise weiter gehen.

Am 11. Sept. stehen wir schon um 4 Uhr auf. Während ich die Sachen zusammenpacke, holt Dr. Schmidt die Mulas heran. Nach dem Frühstück und warmen Abschied von Mr. Sanderson fahren wir um 5.30 Uhr weiter. Unser Gastgeber war so freundlich, uns einen Evangelisten als Begleiter bis zur großen Missionsstation (120 km) mitzugeben. Hoch zu Roß reitet dieser unserm Wagen voran, was für unsere faulen Tiere ein guter Ansporn ist. Nachdem wir den Riacho Paraguay gekreuzt haben, nehmen wir südliche Richtung und kommen zunächst an großen Einzäunungen und auch an einer Viehstation von Pinasco vorbei.

Bald befinden wir uns nun in unermeßlichen Palmwäldern (Palmares). Unser Reiter bedeutet für uns eine große Hilfe. Nicht nur, daß wir den Weg finden, sondern es kommen auch immer wieder Tore, die er uns öffnet und wieder schließt. Das ist keine so kleine Aufgabe, denn es sind gewöhnlich zwei Torpfosten mit großen runden Löchern, durch welche 4 lange Palmenstämme geschoben werden. Einmal bleibt er an einem solchen Tore lange zurück. Wir werden unruhig und halten an, um zu warten. Da endlich taucht der Schimmel hinter uns auf; Augustin hatte sich beim Schließen an den Palmenstämmen die Hände ganz voll spitzer Nadeln getrieben, die erst einmal entfernt werden mußten. Während sich die Palmenkronen majestätisch auf ihren stolzen Stämmen wiegen, gerade auch in diesem Gebiet zwischen den 2 Missionsstationen, kommt mir immer wieder der Vers in den Sinn, der früher viel in Rußland gesungen wurde:
Warum fernhin ziehen,
Wo die Palmen weh'n?
Wenn vor unsern Türen
Seelen untergeh'n?
Hier, so längst die Bibel
Licht und Leuchte war,
Rauchen Götzenopfer
Auf dem Brandaltar.

Welches ist wohl noch mein Götze, dem ich etwa noch räuchere? Möchte doch jeder vor Gott diese ernste Frage zu beantworten suchen!

Es ist noch ziemlich früh, als wir auf der Estancia „Pozo bigote" (Schnurrbartbrunnen) halten. Sie gehört dem Engländer Gormann und dem Nordamerikaner Eaton und ist gelegen am Riacho San Carlos. Auch hier nötigt man uns freundlich zu Mittag, aber da es nicht Weide gibt, so ziehen wir vor, noch anderthalb Stunden weiterzureisen.

Um 12 Uhr Mittags erreichen wir dann die Estancia des Italieners Carlos Gianni. Der Ort hier heißt „India sola" (einzige Indianerin). Der Besitzer selber ist wohnhaft in Concepcion. Vom Verwalter werden wir freundlich bewirtet, während auch unsere Tiere weiden.

Um 3 Uhr geht es dann weiter. Um 5 Uhr kommen wir beim Gehöft eines einsamen armen Paraguayers vorbei, der uns zum Mate einladet. Wir müssen aber eilen. Der Ort hier heißt „Laguna Santiago" (Jakobs See). Unser Augustin erklärt uns, daß hier sein Geburtsort ist. Wo wir durchkommen, da begrüßen ihn die Paraguayer mit dem Namen Santiago, so wie er früher bei den Einheimischen hieß. Erst nach seiner Bekehrung gaben ihm die Missionare den Namen Augustin. Nun kommen wir an einer Jaguarfalle vorbei. Sie ist aus starken Palmenstämmen hergestellt. Man befestigt in der Falle an einem Hacken ein Stück Fleisch. Sobald die Riesenkatze darnach schnappt, fällt die Tür zu, und der Räuber ist lebendig gefangen.

Um 6, 30 Uhr abends erreichen wir die Estancia „Laguna Salada". Hier ist der Besitzer ein Engländer M. Green. Er selbst ist Hauptadministrador der Land und Viehgesellschaft Lancaster & Cia, die hier weit und breit riesige Länderstrecken im Besitz hat. Der freundliche Verwalter bemüht sich, damit wir Abendbrot erhalten sollen; doch wir danken und kochen selbst ab. Er läßt es sich aber nicht nehmen, uns gute Betten herzurichten. Unsere Tiere bringt Augustin auf eine grasreiche Insel. Die Landschaft hier ist fein. Auf grünem Teppich am Ufer des Sees leuchten tausende von Glühkäferchen und spiegeln sich im See wider. Es ist, als ob auf einer Sammelfläche lauter funkelnde Edelsteinchen glänzten. Doch lästige Mücken nötigen uns, unter die Moskitonetze zu schlüpfen, was ich bisher nicht durfte auf dieser Reise.

Am 12 Sept., nach dem Kaffee eilen wir weiter. Schon seit gestern mittag war der Wald bedeutend stärker geworden. Hier streben die Stämme, auch des Laubwaldes, stolz himmelan. Manch einen schönen Baum bewundern wir, der hier jedenfalls noch lange stehen wird. Wie würde man wohl in den Kolonien diese schlanken Stämme ausnutzen, aber hier, in dieser Wildnis, finden sie kaum Verwendung. Die Landschaft hier deutet an, daß wir uns einem Flußbett nähern und richtig, da gehts auf ausgespültem Hohlwege schon ein steiles Ufer hinunter. Es ist der „Rio Verde" (grüner Fluß), der aber auch jetzt, im Winter, fast trocken ist. In der Regenzeit wird er zeitweilig zum reißenden Strom. Dann schwillt er an zu einer Tiefe von 5-6 m. und kann Roß und Reiter zum Verhängnis werden, da es hier nicht Brücken gibt. Hier ist auch die Heimat der Carpinchos, zahlreicher Wildschweine, Rehe und gar des stolzen Sumpfhirsches mit seinem Gabelgeweih. Hier ist, dank immer gedecktem Tisch, auch der gefleckte Jaguar, wie man sagt, stark vertreten. Leider zeigte sich jetzt selten ein Tier, und außer etlichen Rehen und Straußen ließ sich nichts sehen.

Um 11.30 Uhr halten wir auf der Estancia des Herrn Lima, eines Argentiniers, wo wir Rast machen. Der Ort heißt „Laguna sola". Der redselige Besitzer hat eine parag. Frau. Sie haben 3 Töchter und 2 Söhne. Eine Frage ist hier in der Wildnis auch die Schulung der Kinder. Herr Lima hat sich aus Asunción einen alten Mann von 70 Jahren hergebracht, der für 2500 Pesos monatlich bei freier Kost die Kinder unterrichtet. Wir werden nun auch zu Mittag geladen. Die Einrichtung des Hauses ist ganz primitiv. Außer etlichen Hirschgeweihen, einem riesigen Ochsenschädel mit seinen langen Hörnern und etlichen Waffen ist die Wand noch mit einigen Bildern geziert. Eine Photographie des Hausherrn in guter Kleidung wird mit Wohlgefallen gezeigt als aus der „guten alten Zeit". Herr Lima ist schon 20 Jahre im Lande und kennt fast jeden Menschen in weiter Umgebung. Er besitzt an 1000 Köpfen Rindern und ist zufrieden mit seinem Los. Allerdings ist er heute schon besorgt um die Dürre, trotzdem noch Wasser in den Lagunen ist.

Nach der größten Hitze brechen wir auf. Nachdem wir durch mehrere Kämpe und Buschwerk gekommen sind, meldet uns nun Augustin, indem wir wieder ein Tor passieren, daß wir uns jetzt auf dem Gebiet der großen Missionsstation befinden. Zunächst kommen wir durch einen riesigen Kamp, der mit tausenden von Termitenhügeln wie besät ist. Man wird erinnert an ein Feld mit Heuhäufchen in Rußland. Dann taucht aus der Landschaft, die nun schon wochenlang in einen blauen Dunst gehüllt ist in ganz Paraguay, eine ganz besondere Baumart auf und endlich, auf einer Anhöhe, lugt ein ziegelrotes Dach hervor. Es ist die Kirche der Mission. Bald halten wir mit unserm Wagen vor einem primitiven Haus, welches als Hotel für Fremde eingerichtet ist. Freundlich werden wir von einem spanischsprechenden Indianer begrüßt und zu Mr. Train, dem englischen Leiter der Station geführt, der uns willkommen heißt.

Der Leiter der Missionsstation, Mr. F. Train, weist uns ein Zimmer mit Betten und Waschgelegenheiten an. Unsere Tiere lassen wir frei laufen, da ja alles Land eingezäunt ist. Dann werden wir zum Abendbrot geladen. Nachher sitzt die ganze Gesellschaft beim Radio. Zu dieser M. Station gehören folgende Europäer:

Mr. Train mit Frau und 2 Kindern von 5 - 7 Jahren. Dr. Ed. Dermott, ein weißbärtiger, über 70 Jahre alter Arzt mit seiner 80jährigen Gattin. Trotz ihres Alters sind die beiden noch humoristisch und voll Übermut. Der Alte wird scherzweise „General Smuths" genannt, mit dem er gewisse Ähnlichkeit zeigt. Dann ist zu nennen Mr. William Caddow mit Frau. Schon um die Jahrhundertwende arbeitete er hier, hielt sich dann längere Zeit in Argentinien auf, bis seine Kinder alle versorgt waren. Nun sitzt er als der Majordomo (Verwalter) täglich stundenlang im Sattel trotz seiner Wohlbeleibtheit und seiner bald 70 Jahre. Ein junger Mann, Mr. Phil. Comerford, arbeitet in der Schlosserei mit Indianern. Endlich ist noch zu nennen Mr. H. Webb (Lehrer) und Frau und die alte Witwe Sanderson, die aber gegenwärtig verreist sind.

Wir gehen zur Ruhe, denn morgen wird es für uns interessant sein, mit vielem hier bekannt zu werden.

Über die Mission erhalten wir folgendes Bild:

Dieses Werk hier wurde gegründet von einer anglikanischen Miss. Gesellschaft im Jahre 1888. Der Platz, bekannt unter dem Namen „Mission Central", auf dem heute die Arbeit betrieben wird, ist jedoch nicht der erste; man hat längere Zeit getastet, bis endlich der geeignete Ort gewählt wurde. Die Indianer nennen diese Station „Makthlawaiya" und zwar nach einem schirmartigen Baum mit hellgelber Rinde, der nur hier zu finden ist. (Maktlha=Ort; waiya=Name dieses Baumes). Dieser Baum ist auch eben als Wappen für den Stempel der Mission gewählt worden. Mit der Zeit sind denn nach und nach 10 Quadratlegua Land angekauft worden, die jedoch auf etliche Stellen verteilt sind. Es wird ausschließlich Viehzucht getrieben und die Mission verfügt heute über rund 5000 Rinder mit einer entsprechenden Anzahl von Pferden.

Der Missionshof ist angelegt auf einer Anhöhe an den Ufern eines Flusses. Zur Hochwasserzeit befindet man sich auf einer Insel, denn das ganze Gehöft ist ringsherum mit Wasser umgeben. Auf einem weiß umzäunten Platze, der genau von West nach Ost liegt und etwa 100 m. Länge und 50 m. Breite mißt, ist ein schöner Rasen mit Fußstegen. Eine riesige Dattelpalme, etliche Algarrobo und einige „Waiya-Bäume" als Wahrzeichen der Gegend leuchten weit in das Land hinein. Auf dem westlichen Ende ist das Haupttor, welches auf schwarzem Schild die weiße Aufschrift in spanischer Sprache trägt: Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig! nebst der Jahreszahl 1888.

Auf dem östl. Ende dieses Platzes erhebt sich die Kirche, in T-Form erbaut. Es ist ein hohes Hartholzgerüst unter Blechdach und hat eine Größe von etwa 30 mal 20 mtr. Bisher waren die Wände aus Palmenstämmen. Jetzt ist große Reparatur, denn das ganze Dach wird von unten weiß und von oben rot mit Farbe gestrichen, während man die Wände mit Backsteinen ausmauern will. Der Altarraum ist mit bunten Glasfenstern und Gedenktafeln geziert. Alles Mobiliar wie Kanzel, Pulte, Sessel und Bänke ist aus Algarroboholz von Indianern angefertigt.

Am Ende der Kirche befindet sich eine in Holz geschnitzte Tafel, die vom Bau der Kirche berichtet. Hier liest man in der Lenguasprache folgende Worte:
Dios sata nelsowaschama kiso
nimpitkina sa yantesiksik
(Gott wird unsere Freude sein)
Juni 29. 1906

Rings um diesen würdigen Platz sind dann von allen Seiten die Gebäude für die Missionare, Hotel, Laden, Schule und Werkstätten errichtet. Es sind auch Pflanzungen von Orangen, Guayaba, Gemüse und Blumen, was in diesem harten Boden besonderer Pflege bedarf. Endlich befinden sich in verschiedenen Gruppen je nach der Sippe der Indianer zu 4 - 5 beieinander die 60 Häuschen der 90 Indianerfamilien. Die Wände und Dächer der Hüttlein sind aus Palmenstämmen. Manche Höfe zeigen auch kleine Anpflanzungen

Ein Tagewerk auf dieser Station verläuft folgend: Um 5.15 Uhr läutet die Glocke zur Gebetsstunde. Wer das Bedürfnis hat und ab kann, findet sich in der Kirche ein. Einer der Missionare behandelt kurz ein Bibelwort nach einem Programm. Alle beten still und zuletzt einer laut. Nachher ist Frühstück und um 6.30 geht jeder an seinen Arbeitsplatz. Um 8.30 macht man eine kurze Teepause. Dann geht die Arbeit bis Mittag fort um 11.30 Uhr. Jetzt folgt eine gute Siesta bis etwa 3 Uhr. Nun gibts Tee und dann wird gearbeitet bis 5.30 Uhr.

Etliche male in der Woche gibts um die Abendzeit noch einen Gottesdienst, geleitet von einem eingeborenen Evangelisten; so auch an den Sonn- und Festtagen.

Stillenden Müttern und kleineren Kindern wird von der Frau des Missionars jeden Morgen ein kleines Frühstück, eine Mais- od. Mehlsuppe mit Milch, verabreicht. Mehrere Frauen od. junge Mädchen stehen sowohl bei dieser Arbeit als auch in den Küchen, Waschstuben od. Gemüsegärten den Missionsfrauen helfend zur Seite.

Was die Arbeit mit dem Vieh betrifft, so tun diese hier ausschließlich die braunen Männer, die sehr geschickt mit dem Lasso umzugehen wissen. So sind auch in den Werkstätten für Tischlerei und Schmiede einige Handwerker herangebildet worden, die unter Anleitung recht gute Arbeit liefern können. Klugerweise haben schon frühere Missionare oder deren Frauen angeknüpft an die angeborenen Handfertigkeiten der Indianerrinnen im Spinnen und Weben. Es werden Leibbinden, Taschen und dergleichen Dinge angefertigt in lebhaften farbigen Mustern. Man stickt sogar Ornamente oder Initialen ein. Auch die sogennanten „jergas", die Satteldecken, und malerische Ponchos aus Schafwolle werden hier hergestellt und in der ganzen Umgebung gern gekauft.

Endlich sei noch eines wichtigen Zweiges, der Schule, gedacht. Dr. Schmidt und ich treten an einem schönen Morgen in ein Haus, in welchem in 2 Räumen etwa 55 Kinder unterrichtet werden. Der eingeborene Oberlehrer Esteban reicht uns freundlich die Hand. Er imponiert ganz in seinem Wesen. Als ein Mann von etwa 50 Jahren trägt er eine Brille. Auf ein Zeichen erheben sich seine 34 Zöglinge von 8 - 15 Jahren, die alle im blauen, gelbumborteten Schulkittel gekleidet sind und hübsch zu zweien auf einer Schulbank sitzen, stramm von ihren Plätzen. „Buenos dias!" sagen uns alle im Chor. Der freundliche Lehrer zeigt uns nun die Künste seiner Schüler. Man singt uns schöne christliche Liedchen in der Lenguasprache vor; der Inhalt wird uns dann in Spanisch erklärt. Da der Indianer nur die Zahlen von 1 - 5 kennt, so rechnet man in spanischer Sprache. Zunächst zählen die Kinder bis 100, dann die Hunderter bis 1000, nun die Zehntausender bis 1.000.000. Das Einmaleins wird aufgesagt. Uns werden auch die schriftlichen Arbeiten gezeigt, von denen einige recht sauber aussehen. Auch in die kleine Schulbibliothek machen wir einen flüchtigen Einblick.

Im Nebenzimmerchen unterrichtet eine junge anständige Indianerin eine Gruppe von 20 Kleinen im Alter von 5 - 8 Jahren. Man malt und schreibt hier etwas, man singt Kleinkinderliedchen und zählt ganz flott. Auch die Kleinen sind alle in der Schuluniform, die nach dem Unterricht hier in den Schränken hängt.

Nach Schluß erhalten alle Schüler draußen einen Brei und verlaufen dann in ihre Hütten. Nicht alle aber wohnen auch in der Nähe; manche von ihnen sind etwa 3 km entlegen.

Diese Arbeit wird beaufsichtigt von Mr. Webb, der aber gerade verreist war. Uns hat dieses Werk wirklich gefallen, und es ist, mit Christentum verbunden, wohl als eine der wichtigsten Tätigkeiten, auch im Hinblick auf die Zukunft, zu nennen.

Wie uns Mr. Train mitteilt, zählt das Missionsfeld heute 185 getaufte Mitglieder. Im Durchschnitt hat hier jede Familie 4 Kinder. Auf 25 Geburten, die pro Jahr gezählt werden, gibt es 10 - 15 Todesfälle. Erfreulich ist es auch, daß diese Indianer hier in der Zeit der Algarroboschoten keine Saufgelage dulden, sondern die süßen Früchte nur als Nahrung benutzen. Dieser Einfluß geht, wie man uns berichtet, von den Christen über auch auf die noch Unbekehrten. Welch ein Segen! denn wer schon einmal dieser unmäßigen Trunksucht zugesehen hat, muß diesen Fortschritt unter den Wilden dankbar begrüßen.

An einem Abend leitet Dr. Schmidt in englisch eine Bibelstunde über Pauli Bekehrung. Nachdem uns dann von dem freundlichen Mr. Train alles gezeigt und manches mitgeteilt worden ist, sind die geplanten 2 Tage unseres Besuches verlaufen.

Am Freitag, 15. Sept. verabschieden wir uns von allen lieben Menschen, die uns wirklich freundlich aufnahmen. Auch mancher braune Mann streckt uns seine Hand entgegen. Mr. Train ist so gefällig, uns einen wegkundigen Indianer anzubieten für die etwa 140 km, denn nun wird der Evangelist Augustin, den wir wirklich liebgewonnen haben, zurückkehren. Begleitet von den Segenswünschen unserer Gastgeber nehmen wir die Richtung westwärts, um auf der Rückreise noch andere Teile des Chacos kennen zu lernen.

Wir nehmen die westliche Richtung. Bald passieren wir den Ort, „Canja Castilla", wo die englische Mission noch vor etlichen Jahren zurück eine große Kirche hatte. Der Arbeitermangel aber war die Ursache, daß hier das Werk aufgegeben werden mußte. Durch Gelände von Algarrobo, Seen und Weidekämpen erreichen wir um die Mittagszeit die Viehstation des deutschen Besitzers C. Bischof. Er ist nicht zuhause. Wir werden aber freundlich aufgenommen von seinem Verwalter, einem deutschen Jungen aus der Gegend bei Concepcion, namens Niedhammer. Nach der Mittagsrast setzen wir unsere Reise fort durch eine Gegend, welche nun gekennzeichnet ist durch tausende von Termitenhügel und Palmenwälder. Nachdem wir durch etliche Tore gefahren sind, befinden wir uns nun auf dem Gelände eines der reichsten Chacokrösusse, des Nordamerikaners Jorge Lohmann. Nach Sonnenuntergang halten wir auf offenen Felde zur Rast und machen hier Nachtlager.

16. September. Wir brechen schon früh auf, und sind um 9 Uhr auf der Estancia des Mr. Lohmann. Der Ort heißt „Pozo Colorado" (roter Brunnen). Mitten auf weitumzäuntem Hof an einer Laguna befinden sich die Gebäude, deren Wände in einfacher Art aus Palmenstämmen aufgeführt und mit Lehm verputzt sind. Die Dächer sind aus halbierten und ausgehöhlten Palmen, die Fußböden aus Lehm. Der Hof ist von 3 Seiten mit Gebäuden umsäumt. Alles trägt hier einfachen Charakter. Ein Dienender führt uns unter ein Schattendach, wo wir freundlich von der Hausherrin begrüßt werden, die uns nach Landessitte heißen Mate serviert. Don Jorge, so wird allgemein Herr L. genannt, sei in den Kamp geritten, käme aber bald heim.

Während wir uns unterhalten, steigt im Hofe ein kräftiger, gesetzter, freundlich aussehender Mann von etwa 55 Jahren aus dem Sattel. Er drückt uns warm die Hand und stellt sich vor als der Besitzer. Nun spricht Dr. Schmidt nur noch in englisch, denn sie sind ja Landsmänner. Auf die Frage an seine Frau, ob sie ein gutes Frühstück für die Gäste bereit habe, werden wir zu Tische genötigt. Und das Essen ist kräftig und fein serviert, denn Herr L. hat bei der Wahl seiner Ehehälfte nicht Wert gelegt auf Reichtum - den hat er selber - sondern auf eine arbeitsame, tüchtige Wirtin. Er heiratete eine Frau, die im Hotel das Kochen lernte.

Der geräumige Speisesaal ist mit gemütlichem Korbmöbel ausgestattet. Der Hauswirt erklärt uns einige Bilder an der Wand, die inmitten von Waffen und Hirschgeweihen angebracht sind. Manche erzählen von alter Zeit. Mit besonderem Stolz wird uns ein großes Bild gezeigt. Es sind 2 hübsche Mädchen von 20 - 22 Jahren, Töchter des Hausherrn von einer Lenguaindianerin, bevor die heutige Wirtin hier waltete. Diese Mädel besuchten in Asunción die Schulen und erhielten dann ihre weitere Ausbildung in England. Auch die andren Kinder mit dieser Frau werden in den Städten ausgebildet.

Mr. L. berichtet uns nun etwas aus seinen Anfängen im Chaco, wohin er vor etwa 35 Jahren als armer Texas-Cowboy und Wildfellhändler kam. Das Glück war ihm hold, die Zeiten damals noch angemessen, um rasch emporzukommen, was heute längst nicht mehr der Fall sei. Auf unsere Frage nach der Zahl seiner Rinder erklärt er achselzuckend: „Vielleicht 40-50.000 Stück.

Ja, wer mag das wohl wissen in diesen unermeßlichen Weiten?! Es wird uns berichtet von ganz romantischen Sachen, wie auch z. B. von Jagden auf Viehdiebe, wie es vor etwa 2 Jahren einmal passierte, daß man einer gestohlenen Herde auf der Spur war. Es war gerade Trockenperiode, und die Diebe beabsichtigten, etliche hundert Rinder über den Pilcomayo nach Argentinien zu bringen. Die durstigen Tiere stürzten sich bei der fluchtartigen Jagd auf eine Salzwasserlagune, denn anderes Wasser war überall versiegt, und als Mr. Lohmann mit seiner Reiterkafalkade endlich die Rinderherde erreichte, lag alles am Salzsee tot. Selbst die Pferde der Diebe lagen verendet, mit einer aus dem Schenkel herausgeschnittenen Brennmarke. Die Diebe waren in den Busch geflüchtet; vielleicht mußten auch sie verdursten. M. Lohmann verachtet jeglichen Prunk und Staat. Er erklärt uns, weshalb manche Viehzüchter nicht hoch kommen. Sie bauen schöne Häuser, geben viel um hübsche Kleider, anstatt sich im Winter die Trockenflüsse abzudämmen. Die Regen kommen, das Wasser läuft ab, und im Winter leiden die Herden an Wassermangel und viel Vieh geht verloren. Mr. L kann es sich leisten, auch einmal eine Reise in den Kreis der Zivilisation zu machen, wie auch z.B. vor etlicher Zeit nach Argentinien, aber er fühlt sich beengt im Gesellschaftstaat; besser gefällt es ihm im Reitanzug u. hoch zu Roß, durch die Kämpe streifend.

Mr. L. ist auch sonst ein Menschenfreund. Kommt ein Arbeitsloser bei ihm durch, so findet er hier eine Stelle. So ist er auch ein Freund der Mennoniten. Jährlich kauft er gegen gute Preise den mennonitischen Viehaufkäufern hunderte von jungen Rindern ab, läßt sie auf seinen Kämpfen ausweiden, um sie dann nach etlichen Jahren laut Verträgen an das Militär im Chaco als gutes Schlachtvieh abzuliefern. Er gibt auch etwas auf gute Pferde. Für die Trockenzeit benutzt er seine Autos. Er ist auch im Besitz eines Radiosenders und eines Flugplatzes. Wenn es einmal die Not der fordert, so verlangt er per Radio aus der Hauptstadt ein Flugzeug und ist dann in zwei Stunden in Asunción. Wir haben nun auch Gelegenheit, per Radio unsere Angehörigen in Philadelphia zu benachrichtigen, wo wir uns befinden und wann wir heimzukommen gedenken, und man erhielt die Nachricht gut. Es ist dieses doch auch eine noble Einrichtung, überaus hier in der Wildnis.

Bald werden wir zu Mittag geladen, was eigentlich nach dem späten reichlichen Frühstück eine zu große Belastung bedeutet. Nach der Siesta u. einer guten Dusche verabschieden wir uns von unsern freundlichen Gastgebern, die uns nötigen, noch eine Nacht zu bleiben. Wir müssen aber eilen. Man will uns wenigstens Lebensmittel mit auf den Weg geben. Wir danken für das Angebot, denn unser Kasten ist noch gut versehen. Um 4 Uhr verlassen wir die Estancia in nunmehr wieder nördlicher Richtung.

Nun kommen wir an Seen vorbei, wo es von tausenden verschiedener Vögel wimmelt, die hierher kamen, um zu fischen oder ihren Durst zu stillen. Hier sieht man die kleinen flinken Schnepfen, das zierliche Wasserhuhn, den grauen und schneeweißen Reiher, den riesigen Storch Marabú und einige andere dieser Gattung, den plumpen Sumpftruthahn, Chahá, den krummschnabeligen Curukau, die behäbige Löffelgans, den rötlich schimmernden Flamingo u. vor allem verschiedene Sorten von Wildenten. Dr. Schmidt erlegt mit einem Schuß 2 Enten. Als sich die andern Vögel durch den Knall in die Luft erheben, hört man von den tausend Flügelschlägen ein eigentümliches Pfeifen. Dann läuft uns ein Panzerschweinchen über den Weg. Unser brauner Begleiter betäubt es mit einigen Schlägen und wirft es in den Wagen.

Um 9 Uhr machen wir Rast auf einem Kamp. Am Lagefeuer häuten wir unsere Enten ab, da das Rupfen zu langweilig ist und schmoren sie am Spieß. Der Indianer entweidet sein Gürteltier, steckt es voll glühender Kohlen und bratet es dann im eignen Panzer. Auch wir schmecken etwas; es ist ein zartes Fleisch. Nachdem wir unsern Entenspießbraten verzehrt und Tee getrunken haben, schlafen wir nach einem gemeinsamen Abendsegen durch die Nacht.

Der 17. September (Sonntag) findet uns schon um 5 Uhr morgens wieder unterwegs. Hart am Wege lebt hier eine arme paraguayische Familie, die für Bezahlung einen Damm für einen Viehzüchter aufschüttet. Der Mann bittet uns um etwas Zucker für seine kranke Frau. Wir können ihm außerdem noch etliche Sauerorangen geben und eilen weiter. Der arme Mann kennt keinen Sonntag, sondern arbeitet hier in der trostlosen Einöde unter Sonne und Ungeziefer, um kümmerlich sein Leben zu fristen.

Nun kreuzen wir wieder den Rio Verde, der auch hier hohe Ufer, aber jetzt fast kein Wasser hat. Noch etliche Kilometer weiter durch eine liebliche Landschaft, und wir halten um 10 Uhr auf dem einsamen Gehöft, des am weitesten von allen Mennoniten nach Süden vorgedrungenen Mennoniten Dietrich Dück. Eine parag. Familie führt dem Junggesellen den Haushalt. Der Herr sei vor etlichen Tagen ausgeritten, so erklärt man uns. Nach kurzer Zeit erscheint er selber. Wir sind seine Mittagsgäste. Er treibt Handel als Vermittler mit Vieh oder landwirtschaftlichen Erzeugnissen der Mennonitenkolonien mit seinem reichen Nachbarn, Herrn Lohmann. Unter Lebensgefahr hat er mitunter den Kafir auf einem Floß aus Strauch u. Rinderhäuten über den hochangeschwollenen Fluß geschafft. Er hat heute vielleicht einige 60 oder 70 Köpfe Rindvieh.

Nach der Mittagsrast verlassen wir um 3 Uhr diesen Ort und erreichen durch Niederkämpe um 6 Uhr die Estancia des Mister Kent, wie der Mann weit und breit bekannt ist. Mr. K. war Engländer und fing hier etwa seine Arbeit gleichzeitig mit Mr. Lohmann an. Man erzählt, daß es ihm gelang, ein einziges Mal seine englische Frau zu überreden, von Asunción in den wilden Chaco zu kommen. Nachdem sie dann zurückkam, sei sie nie wieder hier gewesen. Der Vater starb vor einem Jahr und hinterließ seinen Söhnen ein armseliges, vernachlässigtes Erbe. Vielleicht hatte auch noch der Schnaps das seinige getan. Einer der Söhne dient heute auf einer Estancia, während der andere nun der Besitzer des einst ziemlich großen Gutes ist, das heute bis auf etwa 1000 Köpfe Vieh herabgesunken ist. Doch wir finden heute den Wirt nicht daheim und schlafen im Hofe des Verwalters.

18. September. Frühmorgens um 5.30 sind wir bereits wieder unterwegs. Hier verläßt uns unser Indianer Enrique, um zur Mission zurückzukehren. Ein anderer Brauner begleitet uns eine kurze Wegstrecke, bis wir nicht mehr verirren können. Unser Weg führt hier durch unermeßliche Palmenwälder, wie wir sie vorher wohl noch nirgends antrafen. Von hier holen auch schon die Mennoniten Palmstämme. Um 9 Uhr halten wir zum Frühstück bei Bürger P. Töws, aus Menno, der hier ein kleines Sägewerk mit Dampfkraft errichtet hat. Er halbiert Palmenstämme und höhlt sie mittels einer entsprechenden Maschine aus für Dächer. Er kann gar nicht soviel herstellen, wie angefordert werden. Der Ort wird „Campo Techo" (Dachziegelfeld) genannt. Hier in unmittelbarer Nähe haben auch die Fernheimer Bürger W. Martens und P. Wieler als Viehaufkäufer ihre Estancia. Frau Töws stellt uns zum Kaffee auch feinen Fischbraten auf den Tisch, da bei den jetzt austrocknenden Seen die Indianer sehr den Fischfang betreiben. Übrigens will die Familie Töws bald diesen Ort verlassen, einmal aus dem Grunde der Schulung der Kinder und dann auch der furchtbaren Ungezieferplage wegen. Mücken und Polvorinos sollen hier z.B. in der nassen Zeit ungeheuer sein. Wir dürfen uns auch glücklich schätzen, daß unsere Reise jetzt in der Trockenzeit so glatt von statten geht. Wir fahren bald weiter und kommen an der Viehstation der beiden Vetter Kliewer vorbei. Der Ort heißt „Campo de los Buenos Amigos" (der guten Freunde). Dann füttern wir unsere Tiere über die Hitze und trinken Kakao.

Um 3 Uhr brechen wir wieder auf und erreichen um 6 Uhr das am weitesten nach Süden vorgeschobene Mennonitendörflein „Pozo Amarillo" (Gelbbrunnen). Es wohnen hier 8 Wirte, die abseits des Blocks der Kolonie Menno siedelten. Neben Ackerbau wird sich auch die Viehzucht hier lohnend gestalten. Im Hause der Familie W. Unrau werden wir überaus freundlich bewirtet. Wir schlafen dann im Hofe.

19. September. Frühe um 5.30 verlassen wir dieses Dörflein und erreichen nach etlichen Stunden die Viehstation „Campo Leon" (Löwenfeld), wo 2 Familien die Aufsicht haben über Vieh, das der Kolonie Menno gehört. Man zieht eben ein junges Rind aus dem Brunnen, welches durch Drängen und Stoßen hineinfiel. Etwas steif durch die ungewohnte Lage, sonst aber unversehrt, geht es wieder auf die Weide. Nach kurzer Kaffeepause eilen wir weiter und erreichen um 10.30 Uhr Neu Mölln. Wir besuchen noch vormittags etliche Wirte und die Schule. Die Leute hier sind so froh, daß endlich auf etlichen Stellen Süßwasserbrunnen entdeckt wurden, nachdem man jahrelang in der Winterzeit das Trinkwasser von weit her holen mußte.

Nach der Mittagsrast im Hause von Isaak Neufelds eilen wir um 2.30 Uhr weiter und fahren über die Militärstation „Villa Militar" der Missionsstation zu, wohin unser Fuhrwerk gehört. Anders Hätten wir auch geradewegs nach Philadelphia näher gehabt. Um 9 Uhr Abends sind wir dann auf dem Missionshof, wo man uns willkommen heißt.

Resumen: Für diese Reise von rund 600 km hatten wir 15 Tage gebraucht. Wir fuhren total 100 Stunden, machten auf 25 Stellen halt, davon auf offenem Felde 5 mal und schliefen 7 Nächte im Freien. Wir sind durch 44 Tore gefahren, schmierten 6 mal den Wagen und verbrauchten 2 Sack mit Kafirrispen. Sonst lebten unsere treuen Mulas Ginn und Philipp von Gras, welches mitunter recht dürre war, und Wasser. Wir selber hätten es kaum nötig gehabt, Lebensmittel mit uns zu nehmen, dank der Gastfreundschaft aller Leute. Wir hatten recht viel Vergnügen an der ganzen Reise und werden immer gern uns dieser Fahrt durch Urwald und Kamp erinnern. Auch nachträglich sei allen lieben Menschen für ihr freundliches Entgegenkommen unser wärmster Dank ausgesprochen.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

Fussnoten:
Dieser Reisebericht aus den frühen Nummern des Mennoblattes, gibt Aufschluss über den Prozess der Landnahme und Missionierung im südöstlichen Teil des Gran Chaco, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.