Vorträge | Jahrbuch 2003

Ökologische Aspekte in der Entwicklung der Mennonitenkolonien im Chaco
Wilfried Giesbrecht (1)

1. Einführung

Der Umweltforscher Meyer-Abich schreibt folgendes: „Wirklich betroffen sind wir von der Umweltzerstörung nur dort, wo sie schneller voranschreitet als die gleichzeitige Degeneration unserer Wahrnehmungsfähigkeit im Nahbereich".

Diese Aussage bedeutet, dass wir nicht gezwungenermaßen von den Veränderungen in der Umwelt betroffen sein müssen. Manche Veränderungen, verursacht durch menschliches Einwirken, schreiten langsam genug voran, so dass wir uns an diese gewöhnen, bevor wir sie als solche wahrnehmen. Einige Bäume werden gefällt, aber andere bleiben noch stehen; ein Kamp wird vom Strauch überwuchert; ein Wasserkamp wird schon seit einigen Jahren nicht mehr überflutet; jeden Tag hängen ein paar Plastiktüten mehr im Gebüsch usw. Diese Veränderungen betreffen oftmals nur kleine Flächen oder der Vorgang vollzieht sich so langsam, dass wir ihn kaum richtig bemerken und uns daher von den Veränderungen in unserer Umwelt auch nicht wirklich betroffen fühlen.

Klar, wenn eine großflächige Rodung gemacht wird, nimmt ein jeder die Veränderung wahr und manche reagieren betroffen darauf, aber das ist an dieser Stelle nicht unser Thema. Das Thema „Wald roden" und die gesetzlichen Bestimmungen dazu werden in diesem Jahrbuch separat behandelt. In den folgenden Ausführungen will ich einige andere Aspekte in der Entwicklung der Mennonitenkolonien im zentralen Chaco betrachten und ihre Auswirkungen auf die Umwelt ansprechen.

2. Der Chaco allgemein

Der paraguayische Chaco ist eine Ebene von etwa 260.000 km2, d.h. er nimmt ca. 60% der Landesfläche Paraguays ein, aber nur etwas mehr als 130.000 Einwohner, also rund 2% der Landesbevölkerung. Das aride Klima ist zum Teil der Grund dieser dünnen Besiedlung, denn die Temperaturen steigen im Sommer bis auf 47°C, wogegen sie im Winter manchmal bis um die 0°C reichen, was jährlich einige Nachtfröste verursacht. In Bezug auf die Winde können wir sagen, dass die warmen Nordwinde mit etwa 70% Anteil vorherrschend sind und diese auch sturmartige Stärken erreichen können. Abkühlung dagegen bringen die Winde aus südlicher Richtung.

Im feuchteren Ostteil des Chaco fallen bis zu 1200 mm Regen im Jahr, während die jährliche Niederschlagsmenge im trockenen Nordwesten selten mehr als 400 - 500 mm beträgt. Bedingt durch die unterschiedlichen Regenfälle und teilweise auch durch die Bodenbeschaffenheit, wobei diese beiden Faktoren gleichzeitig unterschiedliche Vegetationsformen hervorbringen, unterscheidet man zwischen dem oberen Chaco und dem niederen Chaco, die durch eine Übergangszone voneinander getrennt sind.

Der niedere Chaco bedeckt 47% der Fläche des paraguayischen Chaco und seine typische Vegetation bilden die ausgedehnten Palmsavannen, unterbrochen von Quebracho- (Shinopsis balansae) und Algarrobowäldern (Prosopis sp.). Die Vegetation entlang der Flussläufe besteht aus Galeriewäldern. In den tieferen Zonen der Palmsavannen breiten sich Sümpfe und andere Feuchtgebiete aus.

40% Flächenanteil hat der obere Chaco, der hauptsächlich aus dornigen Trockenwäldern besteht. Auf dem lehmigen Boden wachsen Baumarten wie Palo Santo (Bulnesia sarmientoi), gelber Quebracho (Aspidosperma quebracho blanco), Flaschenbaum (Ceiba insignis), Labón oder Palo Cruz (Tabebuia nodosa), Kandelaberkaktus (Stetsonia coryne) etc. Die am weitesten verbreitete Art ist das Rotholz (Ruprechtia triflora), das im feuchteren Ostteil zu einem richtigen Baum wächst, während es im trockenen Westen eher ein strauchartiges Gebüsch bildet. In den unteren Schichten des Chacobusches wachsen viele Arten von Kakteen und Bromelien.

Den Trockenwald durchziehen alte, versandete Flussläufe, die sogenannten Bittergraskämpe. Diese Kämpe entstanden vor ca. 3000 Jahren durch Ablagerungen, die vom Pilcomayofluss aus den Anden angeschwemmt wurden. Obwohl es auf den ersten Blick so aussieht, als würde diese Landschaft nur wenige Pflanzenarten aufweisen, sind doch 198 verschiedene Arten als ihr zugehörig identifiziert worden. Vorrangig jedoch besteht die untere Schicht aus Bittergras und der weitläufige Baumbestand setzt sich größtenteils aus rotem Quebracho (Schinopsis heterofila), Unrunde'i (Astronium fraxinifolium), Paratodo (Tabebuia caraiba) und Jacarandá (Jacaranda mimosifolia) zusammen.

Im Nordwesten des paraguayischen Chaco befinden sich die Sanddünen, die nur von einer spärlichen Vegetation bedeckt sind und deren Ausdehnung 4% der Chacofläche beträgt. Dieses Gebiet entstand durch die Einwirkung von Sedimenten, die aus der Zone des Parapitíflusses stammen.

Die restlichen 9% des Chacogebietes bilden die Übergangszone zwischen niederem und oberem Chaco. Diese Landschaft ist eher eine Mischung aus verschiedenen Vegetationsformen, wobei die Salzlagunen und Gebiete mit stark salzhaltigen Böden besonders typisch für diese Zone sind. Die Pflanzen hier sind allgemein salztolerante Arten, von denen der Nadelalgarrobo oder Viñal (Prosopis ruscifolia) wohl als die typischste bezeichnet werden kann.

Als Beispiel dafür, wie sich die natürliche Umwelt auch fast ohne den Einfluss des Menschen oder durch Eingriffe außerhalb des betroffenen Gebietes verändern kann, will ich hier kurz auf das Gebiet des Pilcomayoflusses eingehen. Bis 1940 füllte der Pilcomayo das Sumpfgebiet „Estero Patiño" im niederen Chaco regelmäßig und von da aus gelangte das Wasser über die Flüsse Confuso, Siete Puntas und unterer Pilcomayo bis in den Paraguayfluss. Durch die Ablagerung der riesigen Sedimentmengen aus Bolivien ist der Pilcomayo nach und nach versandet, so dass sein Wasserlauf zwischen den Jahren 1944 und 2000 um 250 km zurückgegangen ist. Allein im Jahr 1984 verkürzte sich dieser Fluss um 45 km. Die Folge ist, dass weite Landstriche, die früher einmal jährlich überschwemmt wurden und offene Naturweiden bildeten, heute diesen Wasserzufluss nicht mehr erhalten und daher mit Algarrobobusch zuwachsen. Die Art und Weise, in der Viehzucht in diesem Gebiet betrieben wird, verändert sich dadurch grundsätzlich.

3. Geschichte der wirtschaftlichen Landnutzung

Laut Studien werden die Möglichkeiten der Landnutzung im paraguayischen Chaco folgendermaßen festgelegt: 7% der Gesamtfläche sind relativ gut für den Ackerbau geeignet, während 43% nur beschränkt für diesen Zweck nutzbar sind. Fast die Hälfte, 46%, gilt als für extensive Viehzucht verwendbar und die restlichen 4% ermöglichen keine landwirtschaftliche Produktion(2). Es sei aber darauf hingewiesen, dass der Wald bei dieser Studie nicht als Potenzial für die Produktion miteinbezogen wurde.

Eine der bedeutendsten politischen Entscheidungen für den Chaco war die Privatisierung der Ländereien nach dem Dreibundkrieg (1870), eine Regierungsmaßnahme, die nie gesetzlich geregelt worden ist. Dies ist auch der Grund dafür, dass heute kaum noch Regierungsland im Chaco vorhanden ist. Die negativen Folgen dieser ungeregelten Situation spüren wir immer deutlicher je mehr dieses Gebiet für Siedlungs- und Produktionszwecke ins Visier genommen wird. Wäre das Chacoterritorium in den Händen der Regierung geblieben, so hätte diese die Möglichkeit gehabt, mit einem territorialen Ordnungsplan das Land zweckbestimmend einzuteilen. Damit stünde dann auch fest, wo die Landreserven für die Indianer, für den Naturschutz, für die Produktion, für Siedlungen etc. sind, und man hätte nicht dauernd Streitereien über die Nutzung schon gekaufter Ländereien. Die Privatisierung ging jedoch so weit, dass Anfang des 20. Jahrhunderts die Hälfte des paraguayischen Chaco in der Hand von 79 Eigentümern war, wovon die Firma Carlos Casado alleine 5.600.000 Hektar besaß. Außer für extensive Viehwirtschaft wurde das Land hauptsächlich zur Ausbeutung von Quebrachoholz genutzt. Dieses diente als Rohmaterial zur Tanningewinnung, wofür mehrere Großgrundbesitzer Fabriken entlang des Paraguayflusses aufgebaut hatten. Die Tanninfabrik von Puerto Casado wurde 1996 als letzte ihrer Gattung nach etwa hundert Betriebsjahren stillgelegt.

Im Jahre 1927 kam die erste Gruppe Mennoniten aus Kanada in Puerto Casado an. Diese gründeten etwa 200 km westlich vom Paraguayfluss die Kolonie Menno und damit begann die mennonitische Besiedlung des zentralen Chaco. Damals lebten in dem Siedlungsgebiet etwa 500 Indianer der Ethnie Enlhit, mit denen die Siedler schon vorher freundschaftliche Kontakte geknüpft hatten. Etwas später, im Jahr 1930, legten mennonitische Siedler aus Russland die Kolonie Fernheim an und 1948 wurde die Kolonie Neuland von mennonitischen Flüchtlingen aus dem 2. Weltkrieg gegründet. Wo immer diese Siedler auch herkamen, ob von der kanadischen Prärie oder den russischen Steppen, sie waren an offene Landschaften und nördliches Klima gewöhnt. Von daher ist es auch verständlich, dass der Chaco mit seinem dornigen Busch und hartem Klima fremd oder sogar wie ein Schock auf diese Menschen gewirkt hat. Wie den Siedlern damals zumute war, bringt folgender Brief zum Ausdruck, und ich bin der Ansicht, dass viele, wenn nicht sogar die meisten, ähnlich empfunden haben.

Zu dieser Einstellung gibt David Sawatzky (Menno) in einem Vortrag folgenden Kommentar:

Während der ersten Jahrzehnte der Ansiedlung im Chaco, kämpfte man mehr ums Überleben, obwohl es wirtschaftlich ständig aufwärts ging. Für die wirtschaftliche Nutzung kamen hauptsächlich die Bittergraskämpe in Frage, da hier wenig gerodet werden brauchte, wofür man ohnehin nur Handwerkzeug zur Verfügung hatte. Zusätzlich war der sandige Boden leichter zu bearbeiten und für den Ackerbau gut geeignet.

Erst in den fünfziger Jahren kamen die ersten Bulldozer und man konnte bedeutend umfangreichere Rodungen zur Erweiterung der Anbauflächen machen. Anfänglich durfte beispielsweise in Menno nur ein Hektar pro Wirt gerodet werden, da die Verfügbarkeit der Maschinen einfach nicht weiter reichte. Etwa zur gleichen Zeit wurden auch die ersten Transportwege mit Maschinen gebaut, welches den Transport der Produkte erleichterte und beschleunigte. In den sechziger Jahren wurden auf der Versuchsstation in Fernheim Versuche zur Verbesserung der Landwirtschaft durchgeführt. Unter der Anleitung von Agronom Robert Unruh erzielte man bessere Resultate in der Landwirtschaft und es wurde auch der erste Büffelgrassamen aus Nordamerika importiert. Ab etwa 1970 wurde die Landwirtschaft weitgehend mechanisiert. Auch wurden immer größere Flächen für Rinderweide gerodet, wobei die Viehzucht durch angepflanzte Weide (Büffelgras und andere Sorten) großen Aufschwung erlebte. Heute ist der Ackerbau weit zurückgegangen und besteht zum großen Teil im Anbau von Futterpflanzen für die Viehwirtschaft, die im zentralen Chaco heute den stärksten Wirtschaftszweig darstellt. Verständlicherweise bleibt dieses wirtschaftliche Wachstum in den mennonitischen Kolonien im zentralen Chaco nicht ohne Folgen. Die Folgen sind sowohl negativer wie positiver Art und betreffen den ökonomischen, sozialen und ökologischen Bereich.

4. Wirtschaftlicher und sozialer Einfluss der Chacokolonien

Obwohl wirtschaftlicher und sozialer Einfluss der Chacokolonien nicht Hauptgegenstand dieser Ausführungen sind, so sind sie andererseits auch nicht von den ökologischen Auswirkungen zu trennen. Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt stehen im Zusammenhang und von daher will ich hier auch kurz auf die ersten beiden eingehen, bevor der ökologische Aspekt näher betrachtet wird.

Der wirtschaftliche Fortschritt im zentralen Chaco bringt wie überall auf der Welt eine bessere Lebensqualität oder zumindest einen höheren Lebensstandard mit sich. Der wirtschaftliche Fortschritt schafft Arbeitsplätze, ermöglicht Verbesserungen im Erziehungs- und Gesundheitswesen sowie den Ausbau der Infrastruktur u.a.m. Der wirtschaftliche Fortschritt hat auch bewirkt, dass viele Chacobewohner in das Gebiet der Chacokolonien gewandert sind und dass auch ausländische Investoren ihr Land möglichst in der Nähe dieser Kolonien kaufen. Heute leben im zentralen Chaco ungefähr 30.000 Personen unterschiedlicher Herkunft, die mehr oder weniger mit dem Wirtschaftssystem der Mennonitenkolonien verbunden sind. Soziale Schwierigkeiten bis hin zur Kriminalität bleiben da nicht aus und alltägliche Dinge wie Abfallentsorgung und Wasserversorgung sind immer schwieriger zu bewältigen.

Zweifellos ist unser gut ausgebautes Wegenetz einer der Faktoren der einen starken Einfluss ausübt und das in allen drei Bereichen, d. h. Natur, Wirtschaft und Gesellschaft. In einer flachen Landschaft wie dem Chaco kann ein Weg, auch wenn er nur 30 cm hoch aufgeschüttet wird, wie eine Abdämmung wirken. Dadurch wird der natürliche Wasserlauf in einer Niederung gestaut, was zu Überschwemmung der Felder und Weiden führen kann oder die Ursache der Bodenversalzung ist. Auch wenn noch Brücken gebaut werden, ändert sich der natürliche Wasserdurchlauf, weil dabei meist ein breiter, flacher Strom auf wenige Meter eingeengt wird, was an und für sich schon zu einem Stau führt. Wirtschaftlich betrachtet erfüllen die Wege eine sehr wichtige Funktion, da sie uns den Zugang zum Markt ermöglichen, andererseits aber auch das Land teurer machen, da mittlerweile auch auswärtige Käufer gemerkt haben, wie wichtig eine gute Zufahrt zum Landgut oder zur Rinderstation ist. Bedingt durch die vielseitige wirtschaftliche Bewegung auf unseren Straßen bleiben auch Gesellschaft und Kultur nicht von fremden Einflüssen verschont. Die tatsächlichen Auswirkungen unseres Wegnetzes auf den zentralen Chaco sind umfangreich genug, um dieses Thema separat zu behandeln.

Immerhin kommen 70% aller Milchprodukte des Landes sowie 45% des Rindfleisches mit Exportqualität aus den Chacokolonien, und auch sonst ist der wirtschaftliche Anteil des zentralen Chaco an der paraguayischen Produktion beachtlich. Heutigen Tages hat das Wirtschafts- und Sozialsystem des Chaco eine so bedeutende Rolle eingenommen, dass es oft als Lösung für Entwicklungsprobleme wie Landknappheit und Entwaldung dargestellt wird(3).

5. Auswirkungen der wirtschaftlichen Landnutzung auf die Natur

Unsere natürliche Umwelt muss als ein dynamisches System angesehen werden, in welchem ständig irgendwelche Veränderungsprozesse stattfinden. Nichts in der Natur bleibt, wie es ist, sondern die ganze Natur ist in Bewegung auf der Suche nach ihrem Gleichgewicht. Daher ist der Eingriff des Menschen in dieses System auch meist drastisch und kann verheerende Folgen haben, sofern er unüberlegt und rücksichtslos vorgenommen wird. Ob nun ein Siedler den Wald rodet oder ein Einheimischer einen Kamp abbrennt, spielt dabei keine Rolle, denn beide suchen durch ihre Tätigkeit ihre Existenz zu sichern. Stärker tritt dabei in Erscheinung, welche Mittel dem Menschen zur Verfügung stehen und wie dicht die Bevölkerung in dem betreffenden Gebiet ist, d.h. wieviele Einwohner sich in einem begrenzten Gebiet ernähren müssen. Bei der Betrachtung eines Satellitenbildes vom Chaco sieht man sofort, dass im zentralen Chaco, wo die Mennonitenkolonien sind, die stärksten Veränderungen stattgefunden haben. Wie schon vorher erwähnt, sollen hier nicht die Rodungen analysiert werden, sondern vielmehr ist es die Absicht auf andere weniger auffallende Aspekte hinzuweisen.

Die Bittergraskämpe bilden wohl die am meisten veränderte Vegetationsformation und gelten als stark gefährdet, da es im zentralen Chaco anscheinend keinen Kamp mehr gibt, der groß genug wäre, um ein Muster dieses Landschaftstyps in seiner ursprünglichen Form zu erhalten(4). Die Bittergraskämpe haben einen für den Ackerbau bevorzugt geeigneten Boden, sind leicht urbar zu machen und von daher besonders beansprucht worden. Heutigen Tages gibt es noch kleinere Kämpe die jedoch häufig mit Kulturgräsern durchsetzt und auch oft weitgehend zugewachsen sind, da sie aus Schutzgründen nicht mehr periodisch abgebrannt werden, was aber zum Erhalt dieser Graslandschaft erforderlich zu sein scheint. Allerdings müssten diesbezüglich zunächst wissenschaftliche Studien durchgeführt werden um festzustellen, ob oder inwieweit kontrolliertes Brennen sinnvoll für die Erhaltung dieses Ökosystems ist. Der Ñandú oder Pampastrauß (Rhea americana) hat in dieser Landschaft seinen idealen Lebensraum. Eigentlich müsste diese Vogelart durch das Verschwinden der natürlichen Graskämpe in seiner Existenz bedroht oder zur Abwanderung gezwungen sein, was aber nicht stimmt. Vielmehr ist sie im Gebiet der Kolonien heute häufiger anzutreffen als vor 30 bis 40 Jahren, da ihr Lebensraum durch die Schaffung von Weideflächen erweitert wurde, wobei der Ñandú mit den Rinderherden gut zusammenlebt.

Weitgegend verdrängt dagegen sind Säugetiere, die ein größeres Waldgebiet beanspruchen um zu überleben und zudem von Menschen als Schädlinge oder zur Fleischversorgung verfolgt wurden. Zu diesen gehören besonders Jaguar, Puma, Pekari, Riesengürteltier, Ozelot etc., die heute nur noch am äußeren Rand oder außerhalb der Kolonien anzutreffen sind. Der Spießhirsch und der Fuchs haben es in dieser Hinsicht leichter, da sie sich besser an die Veränderungen in der Natur anpassen. Besonders begünstigt ist der Fuchs, der eher als ein Kulturfolger einzustufen ist und kaum noch natürliche Feinde hat. Außerdem findet er auf den Weiden reichlich Nagetiere für seine Ernährung.

Im oberen Chaco gibt es mehr als 300 Vogelarten, von denen aber nur 25 Arten endemisch sind, d.h. nur im Chaco vorkommen. Andererseits gibt es etwa 60 Wandervogelarten, die zu gewissen Jahreszeiten hier leben. Da Vögel im Chaco keine natürlichen Barrieren (z. B. Gebirgsketten) haben, könnten sie sich theoretisch über den ganzen Chaco verbreiten, was aber nicht der Fall ist, da sie meist an ein bestimmtes Ökosystem als Lebensraum gebunden sind. Dem entsprechend reagieren sie auch empfindlich auf Veränderungen in ihrem natürlichen Lebensraum. Der Eingriff des Menschen in die Natur kann leicht dazu führen, dass Vogelarten aus einem Gebiet verschwinden, aussterben oder dass sich auch neue Arten ansiedeln. Beispielsweise zu erwähnen wären der Uhu oder Ñacurutú (Buho virginianus), der im zentralen Chaco relativ selten geworden ist, und die Moschusente (Caraina moschuata), die stille, von Wald umgebene Gewässer bevorzugt und sich heute weitgehend aus dem Gebiet der Kolonien zurückgezogen hat. Sicher hat die Jagd auf diese Entenart auch dazu beigetragen, dass sie immer weniger vorkommt. Ein anderer im Koloniegebiet selten gewordener Vogel ist der Königsgeier (Sarcoramphus papa), der aber in fast menschenleeren Gegenden des Chaco, wie der Zone am Pilcomayofluss oder im Nationalpark Defensores del Chaco, noch öfter anzutreffen ist. Überhaupt gelten Vögel allgemein als hervorragende Anzeiger für Veränderungen in der Natur. Das Vorhandensein oder Verschwinden von Vogelarten in einem Gebiet gibt Aufschluss über Wandelprozesse in unserer Umwelt, die oft langsam und für uns kaum wahrnehmbar stattfinden.

Der Kuhreiher (Ardeola ibis) ist heute praktisch bei jeder Rinderherde auf der Weide anzutreffen und wir können sagen, dass er schon fester Bestandteil der Viehzucht im Chaco geworden ist. In Wirklichkeit ist der Kuhreiher kein einheimischer Vogel, sondern stammt ursprünglich aus Afrika, wo er den Großwildherden folgt und die von den weidenden Tieren aufgescheuchten Insekten jagt. Von dort wanderte er vor etwa 60 bis 70 Jahren nach Südamerika. Im zentralen Chaco Paraguays tauchte er vor ca. 25 bis 30 Jahren erstmals in größeren Gruppen auf. Die Frage ist nur, wieso diese Reiherart sich in Südamerika ansiedelt. Unser Klima ist dem von Afrika recht ähnlich, und als erst die Rodungen immer größer wurden, entwickelte sich eine Landschaftsform, die mit den Savannen Afrikas vergleichbar ist. Als Ersatz für die Großwildherden dienen die Rinderherden und damit sind die Bedingungen geschaffen, dass auch der Kuhreiher hier einen Lebensraum vorfindet, der weit genug an seine Anforderungen angepasst ist. Das Auftreten des Kuhreihers im Chaco verläuft ziemlich parallel mit dem Aufschwung der Viehwirtschaft in den Mennonitenkolonien während der siebziger Jahre.

Ein weiteres Phänomen, das besonders im östlichen Teil der Chacokolonien in Erscheinung tritt, ist die Versalzung der Lagunen und Böden. Dieses Gebiet befindet sich ohnehin schon in der Übergangszone zwischen oberem und niederem Chaco, wo die Salzschichten entweder in geringer Bodentiefe liegen oder ganz an die Oberfläche treten. Das Wetterphänomen „El Niño" hat einen starken Einfluss auf das Wetter im Chaco. Dieses trat deutlich in den niederschlagsreichen Jahren 1983, 1992 und 1997 in Erscheinung. An dieser Stelle sind besonders die Jahre 1983/84 zu erwähnen, wo die Regenmengen weit über dem Durchschnitt lagen. Hier wirkten verschiedene Umstände wie abgedämmte Lagunen, viel Regen, kahle Böden in salzgefährdeten Gegenden etc. zusammen, wodurch dann ein großer Teil der Lagunen im östlichen Koloniegebiet, entlang des Riacho Yacaré Sur, versalzte. Obwohl es schon immer Salzlagunen gegeben hatte, erweiterte sich die Fläche derselben beträchtlich im Zeitraum von ein paar Jahren. Damit war aber andererseits auch der Lebensraum für eine neue Vogelart geschaffen, den Flamingo (Phoenicopterus chilensis). Diese Zugvögel stammen aus Chile und ich habe sie im Chaco erstmals im September 1990 gesehen. Anfänglich machten die Flamingos im zentralen Chaco nur einen Halt von drei Monaten im Jahr auf ihrer Reise, heute jedoch scheint eine größere Population das ganze Jahr hindurch die östlichen Salzlagunen zu bewohnen. Auch der Coscoroba-Schwan (Coscoroba coscoroba) ist durch die Versalzung der Lagunen begünstigt worden und daher gegenwärtig häufiger anzutreffen als noch vor 20 Jahren.

An Hand von diesen Beispielen erkennen wir, dass die Entwicklung der Mennonitenkolonien einen beachtlichen Einfluss auf die Umwelt ausgeübt hat. Probleme wie Versalzung, Winderosion, Abfallentsorgung, Wassermangel, Staubbelastung usw. werden spürbarer, aber erfreulicherweise wächst auch das Umweltbewusstsein und man ist bestrebt, Wege zur Minderung der negativen Auswirkungen zu finden. Die positiven Folgen sollen nicht unbeachtet bleiben, denn der zentrale Chaco ernährt heute viele tausend Personen und die angelegten Wasserreserven (Tajamares und Zisternen) kommen sowohl den Menschen, wie auch den Rindern und Wildtieren zu Gute.

6. Entwicklung des Umweltschutzes in den Chacokolonien (siehe dazu die Karte mit den Naturschutzgebieten)

Wie in jeder Volksgruppe hat es unter den Mennoniten im zentralen Chaco von Anfang an Naturliebhaber gegeben, die ein Interesse an der Naturbeobachtung und dem Naturschutz zeigten. Anfänglich waren es wohl nur einzelne Personen, aber deren gute Spuren sind bis in die Gegenwart klar sichtbar. Als die Wirtschaft im raschen Tempo voranzuschreiten begann, mehrten sich auch die Stimmen die ihre Bedenken diesbezüglich äußerten. Die ersten, die für den Naturschutz eintraten, kamen aus den Reihen der Lehrer und mit einigen anderen Naturfreunden zusammen bildeten sich die ersten Naturschutzvereine. Der damalige Naturschutzverein in Menno hat in den sechziger Jahren das paraguayische Jagdgesetz (Código rural N° 1248) ins Deutsche übersetzt, damit möglichst alle Bewohner der Chacokolonien Zugang zu dieser Information hatten. In diesem Gesetz wurde genau festgelegt, wann die Jagdzeit war, welche Tiere gejagt und welche nicht gejagt werden durften, wieviele Tiere von den zur Jagd freigegebenen Arten man schießen durfte, welche Jagdmethoden verboten waren etc. Unter ökologischen Gesichtspunkten betrachtet, war das Gesetz sehr gut ausgearbeitet und ein jeder hatte die Möglichkeit im gesetzlichen Rahmen zu jagen.

Nach 1975 legte man die ersten Schutzgebiete in den Kolonien fest und heute hat jede der drei Chacokolonien ihre eigenen Naturschutzgebiete, deren Handhabung, wenn auch nicht gesetzlich festgelegt, so doch durch interne Vorschriften wirksam geregelt ist. Als Beispiele erwähne ich hier einige Naturschutzgebiete die mehr als 2000 ha Fläche umfassen: Campo Maria (Menno), Corralón (Fernheim) und Selva Serena (Neuland), obwohl es noch mehr kolonieeigene Schutzgebiete gibt, so dass ihre Gesamtfläche nahe bei 40.000 ha liegt. Außerdem sind schon manche private Naturparks oder vielleicht eher naturnahe Parks entstanden, was auf ein zunehmendes Interesse an der Chaconatur hinweist. Hinzu kommt, dass jede Kolonie eine für den Naturschutz zuständige Abteilung unterhält und auch über die Beratungsdienste immer größeres Gewicht auf die Verbreitung von nachhaltigen Wirtschaftsmethoden legt.

Weiter kann man feststellen, dass die Lerninhalte in den Schulen zu Themen wie Umwelt, Naturschutz, umweltschonende Entwicklung, Abfallbeseitigung u.a.m. heutigen Tages mehr betont und auch gründlicher durchgearbeitet werden. Besonders bei den jüngeren Generationen ist ein Umweltbewusstsein vorhanden, das sich mit dem von Jugendlichen in Europa oder Nordamerika durchaus vergleichen lässt. Andererseits ist auch bei den Bauern das Bewusstsein vorhanden dass es notwendig ist, bodenschonend und umweltfreundlich zu produzieren, was zudem von den Beratungsdiensten der Kolonien gezielt gefördert wird. Der Zwiespalt zwischen schnellem Reichtum und nachhaltiger Entwicklung wird aber auch in den Mennonitenkolonien des zentralen Chaco bis zu einem gewissen Grad bestehen bleiben.

Seit 1995 besteht die „Fundación para el Desarrollo Sustentable del Chaco", eine Organisation, die sich mit Naturschutz und nachhaltiger Entwicklung befasst und die unter Mitwirkung von Mennoniten (ehemaliger Abgeordneter Heinz Ratzlaff sowie David Sawatzky, Peter Dürksen, Eduard Klassen, Jacob Harder, Heinrich Dyck u.a.m.) aus dem zentralen Chaco ins Leben gerufen wurde. Diese Organisation unterhält internationale Beziehungen und ihr Wirkungskreis bezieht sich auf den Gran Chaco, was auch den argentinischen, bolivianischen und brasilianischen Chaco mit einschließt. Weiter sucht die „DeSdel Chaco" auch Arbeiten im Gebiet der Mennonitenkolonien durchzuführen. Besonders im Gebiet des Riacho Yacaré Sur sind verschiedene Studien gemacht worden und heute gibt es eine Interessengruppe unter den Bewohnern, die nach neuen Nutzungsmöglichkeiten (z. B. Tourismus) der Salzlagunen sucht. Weiter erwähne ich Laguna Salada, ein Feuchtgebiet im Chaco, dass demnächst von der UNESCO als „Ramsar-Gebiet" anerkannt werden soll. Laguna Salada, ein 2500 ha großes Schutzgebiet, wäre damit das erste international anerkannte Feuchtgebiet im Chaco. Der Eigentümer von Laguna Salada, Herr Peter Dürksen (Fernheim), ist Mitglied der genannten Organisation und ein geschätzter Mitarbeiter in Sachen Naturschutz.

7. Nachhaltige Entwicklung: Ansichten über die Zukunft
  1. Auf Dauer sollten wir eine gezielte Dezentralisierung in der Besiedlung des Chaco anstreben, denn irgendwann laufen wir Gefahr den zentralen Chaco zu ersticken. Es ist zudem nicht gut, wenn Menschengruppen aus ihrem ursprünglichen Gebiet abwandern, weil sie dort keine Existenzmöglichkeit haben. Die Siedlungspolitik sollte darin bestehen, die Hilfe zu den Bewohnern zu bringen und nicht zu warten bis Menschen in den zentralen Chaco kommen um Hilfe zu suchen.
  2. Um die Wasserversorgung im zentralen Chaco langfristig zu sichern, muss ein zusätzliches System eingerichtet werden (z.B. Aquädukt). Dieses Versorgungssystem ist nicht als Ersatz für die schon bestehende Wasserversorgung durch Zisternen und „Tajamares" (künstlich angelegte Teiche), sondern als Ergänzung derselben zu sehen. Die Wasserernte (Sammeln von Regenwasser) gewinnt heute weltweit an Bedeutung und auf diesem Gebiet haben wir Chacobewohner viel Erfahrung, die wir an andere weitergeben können.
  3. Wir werden mehr in Betracht ziehen müssen, dass Umweltschutz, die Entwicklung neuer Technologien sowie die Differenzierung in der Produktion auch Geld kostet. Wenn wir neue Produktionsalternativen und Einnahmequellen entwickeln wollen, was für die Zukunft notwendig sein wird, ist es erforderlich, schon jetzt mehr in die Forschung zu investieren. Vor allen Dingen brauchen wir mehr Kenntnisse über Boden, Klima, Umwelt, Wasser, Natur etc. damit diese Faktoren als Teil der wirtschaftlichen Entwicklung berücksichtigt werden können.
  4. Wie hoch ist die „Ladekapazität" des Chaco oder wieviele Einwohner können hier pro Quadratkilometer leben und wieviel Land braucht eine Familie, um den Lebensunterhalt zu sichern? Wir haben weder einen Fluss, der unsere Abwässer wegspült, noch einen großen See, der uns mit Wasser versorgt, und die Produktionsmöglichkeiten sind auch begrenzt. Die Siedlungspolitik sollte dieses unbedingt beachten, denn bei den besonderen Eigenschaften des Chaco kann auch nur eine entsprechende Bevölkerungsdichte gelten, damit das Land nicht „überladen" wird.
  5. Nur wenn wir die Umwelt als Bestandteil unserer Wirtschaft miteinbeziehen, werden wir eine nachhaltige Entwicklung erreichen. Entwicklung ist mehr als wirtschaftliches Wachstum und G. Altner schreibt dazu Folgendes: „Der christlich-biblische Schöpfungsauftrag des „dominium terrae" kann nicht mit seinem neuzeitlichen Endresultat - nutzt alles Nutzbare - gleichgesetzt werden. Dieser Säkularisierungsprozess muss gleichsam als Ungehorsamsgeschichte gegenüber dem Schöpfungsauftrag gesehen werden, der ebenso ein Solidaritätsauftrag gegenüber der Mitkreatur ist".
  6. Als gute Mennoniten sollten wir ruhig einmal 3. Mose, Kapitel 25 lesen und darüber nachdenken oder die Worte von Paulus in 1. Timotheus 6, 8: „So ihr Nahrung und Kleidung habt, lasst es euch genügen..." beachten. Eine gesunde Entwicklung ist eng mit Zufriedenheit und Dankbarkeit dem Schöpfer gegenüber verbunden.

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Weiter zum nächsten Vortrag: Rosali Goerzen: Landnutzung in den mennonitischen Kolonien im Chaco unter dem Blickwinkel der Forst- und Umweltgesetze in Paraguay

Bibliographie
  1. Grzimeks Tierleben, Band 7. dtv, 1975.
  2. Kanadische Mennoniten bezwingen eine Wildnis. Martin W. Friesen, 1977.
  3. Statut vom Menno Umwelt Komitee. 1998.
  4. Código Rural N° 1248. (Übersetzung 1967).
  5. Iniciativas Transfronterizas de Conservación en el Chaco Paraguayo. Victor Vera y otros, 2000.
  6. Documento Base sobre el Sector Pecuario y su impacto ambiental. ENAPRENA, 1995.
  7. Documento Base sobre el Sector Agrícola y su impacto ambiental. ENAPRENA, 1995.
  8. Außer der Bibliographie habe ich eigene Beobachtungen und Inhalte aus Gesprächen mit anderen Personen in den Aufsatz eingebaut.
  9. Dank an die Herren David F. Sawatzky und Levi F. Hiebert für die kritische Durchsicht dieses Aufsatzes.


Fussnoten:
Geschäftsführer der „Fundación para el Desarrollo Sustentable del Chaco"
VERA, u.a., 2000
GRAGSON, 1998
SINASIP, 1995