Vorträge | Jahrbuch 2003

Probleme und Chancen des interethnischen Zusammenlebens im Chaco (1)
Jakob Warkentin (2)

Einleitung

Indianer, Brasiliendeutsche und Lateinparaguayer sind Menschen wie du und ich. Sie haben Bedürfnisse, die befriedigt werden wollen. Sie haben Wünsche, Hoffnungen und Sehnsüchte, die nach Erfüllung rufen. Sie müssen im Leben verschiedene Rollen übernehmen: sie sind, Vater, Mutter, Arbeiter, Lohnempfänger, Jäger, Sänger, Lehrer, Prediger, Gemeindeglied, Staatsbürger usw. Sie haben Hunger und Durst, sind gesund oder krank, schwitzen und frieren, arbeiten und feiern. Kurzum, sie sind Menschen wie du und ich. Sie sind gut und böse, sie leben vor Gott von der Vergebung wie du und ich, und sie werden von Gott ebenso geliebt wie du und ich. Sie haben ihre Geschichte, wir haben unsere Geschichte, und nun haben wir eine gemeinsame Geschichte, ob wir es wollen oder nicht.

Es ist daher gut, wenn wir uns einmal bewusst machen, wie unser Zusammenleben zustande kam, wie es sich gegenwärtig gestaltet und wie es eventuell weiter gehen könnte. Ich werde im Folgenden einige unserer Begegnungsebenen kurz charakterisieren, sie uns ins Bewusstsein rufen, damit wir dann in einem gemeinsamen Gespräch darüber und über die Möglichkeiten, wie sich unser Zusammenleben weiter gestalten könnte, sprechen können. Das Leben der anderen Ethnien im Chaco hat sich im Laufe der letzten Jahrzehnte ebenso verändert wie auch das unsere. Dabei tauchen im Zusammenleben Probleme und Spannungen auf, die objektive und subjektive Gründe haben. Diese Spannungfelder ausfindig und namhaft zu machen, kann uns weiterhelfen, wenn wir bestrebt sind, unsere gemeinsame Zukunft bewusst zu gestalten.

1. Wir brauchten Arbeiter, und es kamen Menschen.

Seit der Zeit unserer Ansiedlung waren wir in Neuland auf die Arbeitskraft der Indianer angewiesen. Da gab es zahlreiche Familien, in denen der Vater oder die erwachsenen Söhne fehlten. Frauen mit kleinen Kindern waren gezwungen, ihr Land mit Spaten und Axt von Bäumen und Sträuchern frei zu machen. Das ging meistens über ihre Kräfte. Da waren sie froh, wenn sich ein Indianer anbot, für geringes Entgelt den Kamp zu roden und ihn so zum Pflügen vorzubereiten. Auch Zaunpfosten mussten aus dem Busch geholt, Stämme gesägt und mit dem Pferdefuhrwerk zur Sägerei gebracht werden. Später, nachdem das Land gepflügt und bepflanzt worden war, halfen Indianer - Väter, Mütter und Kinder - beim Unkrautjäten und bei der Ernte. Schließlich kam das Traktorfahren und das Viehhüten und -besorgen hinzu. Oft wurde nur die Arbeitskraft des Mannes gebraucht, die Indianerfamilie war jedoch meistens dabei, zumindest wenn es zum Essen ging. Das waren sie so gewohnt, denn der Mann brachte das, was er durch seiner Hände Arbeit erworben hatte - ursprünglich waren es vor allem Honig und Fleisch _ seiner Frau, die das Essen zubereitete.

So kamen wir miteinander in Kontakt: die Mennoniten wandten sich an die Indianer, weil sie Arbeitskräfte brauchten, und die Indianer kamen zu den Mennoniten, weil sie Arbeit und Brot suchten. Die Ansprüche auf beiden Seiten waren zu Anfang sehr gering. Geld war oft nicht vorhanden, daher erhielten die Indianer Lebensmittel und Kleidungsstücke. Doch die Zeiten änderten sich, die Mennoniten wurden wohlhabender und die Bedüfnisse der Indianer stiegen. Dabei ging es nicht nur um die Bedürfnisse des Mannes, sondern auch um die der Frau und der Kinder. Wohnung und Essen genügten nicht mehr. Schulbildung, Land und Berufe waren gefragt. Das stellte uns als Mennoniten vor ganz neue Aufgaben.

2. Wir missionierten Heiden, und es kamen Jäger und Sammler.

Lange vor unserer Ankunft hatten die Fernheimer eine Missionsarbeit unter den Indianern begonnen, der sich die Neuländer später anschlossen. Es ging dabei in erster Linie darum, den Indianern, die die Bibel nicht kannten, die Frohe Botschaft des Neuen Testamentes zu predigen. Hierbei ergab sich für die Missionsarbeit eine besondere Situation dadurch, dass der Missionar nicht zu den Indianern gehen musste, sondern dass die Indianer zum Missionar kamen. Das erleichterte und erschwerte die Arbeit zugleich. Auf der einen Seite war es einfacher, die Indianer mit dem Evangelium zu erreichen, wenn sie sich in der Nähe des Missionars aufhielten; auf der anderen Seite entstand dadurch eine unbeabsichtigte Abhängigkeit der Indianer vom Missionar. Wenn viele Indianer auf einem Platz wohnten, gab die Chacolandschaft nicht mehr genügend Nahrung für alle her. Jäger und Sammler mussten nun Ackerbauern und Viehzüchter werden, wenn sie auf Dauer überleben wollten. Hinzu kam, dass durch Gesundheitsdienste und bessere Ernährung die Familien der Indianer zahlenmäßig zunahmen. Um den Bedürfnissen, die sich aus dem Nebeneinanderleben der Indianer und Mennoniten ergeben hatten, gerecht zu werden, musste nun eine Organisation gegründet werden, die bei der Landbeschaffung und bei der Sesshaftmachung sowie der Krankenbetreueung und Schulbildung eigene und Fremdmittel beschaffte und die Arbeit koordinierte. Die ASCIM mit ihrem Mitarbeiterstab und ihrem differenzierten Arbeitsprogramm entstand.

Wir halten fest: Aus der anfänglichen Missionsarbeit erwuchs schließlich eine umfangreiche Wirtschafts- und Sozialarbeit, die sich daraus ergab, dass Jäger und Sammler sesshaft gemacht wurden. Aus einer anfänglichen kirchlichen Betreuungsarbeit der Mennoniten entstand schließlich eine soziale und wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Indianern und Mennoniten, die beiden Ethnien zum Vorteil gereichte, aber auch neue Verpflichtungen mit sich brachte.

3. Wir bauten Schulen, und es kamen Menschen, die eine eigene Kultur haben.

Bei dem anfänglichen Zusammenleben zwischen Indianern und Mennoniten herrschte die Auffassung vor, dass die Mennoniten den Indianern kulturell weit überlegen waren. Die Indianer konnten ja nicht einmal schreiben und lesen. Auch ihr Gesang und ihre Musik klangen in den Ohren der Mennoniten recht primitiv. Da die Indianer bald einige Brocken Plattdeutsch sprachen, weil sie durch die neue Lebensweise weitgehend von den Mennoniten abhängig geworden waren, waren diese ihrerseits _ abgesehen von den Missionaren - nicht gezwungen, sich mit ihrer Sprache und Kultur zu befassen. Schulen für die Indianer wurden daher von den Mennoniten weitgehend nach eigenen Vorstellungen eingerichtet, ohne dabei zu bedenken, dass bei den Indianern auf diese Weise notwendigerweise eine kulturelle Entfremdung einsetzen musste.

Erst Jahrzehnte später wurde durch den Einfluss von Anthropologen und Ethnologen den Mennoniten immer mehr bewusst, welchen kulturellen Wandel die Indianer durch die Missionierung und durch die Sesshaftwerdung zu durchlaufen hatten. Nun wurde mehr Gewicht auf die Zusammenarbeit und die Beachtung der indianischen Kultur gelegt. Vieles aber, was bereits zerstört und vergessen worden war, konnte jedoch nicht mehr zurückgeholt werden. Hinzu kam, dass durch die religiös eingeschränkte Sicht der Mennoniten manche kulturellen und sozialen Leistungen der Indianer nicht gesehen oder bewusst abgewertet wurden. In den letzten Jahren gibt es aber Ansätze, das kulturelle Erbe der Indianer wiederzubeleben bzw. ihrer Geschichte und Kultur mehr Beachtung zu schenken.

4. Wir tauften bekehrte Heiden, und es kamen Brüder und Schwestern.

Die ersten Missionare waren in erster Linie um das Seelenheil der Indianer besorgt. Sie wollten sie von ihrem Geisterglauben befreien und sie zu Jüngern Jesu Christi machen. Dabei wurde unreflektiert vorausgesetzt, dass die Indianer sich nicht nur glaubensmäßig, sondern auch sozial und kulturell den Mennoniten immer mehr anpassten, denn diese waren ja bewusst oder unbewusst das lebende Beispiel.

Als die ersten Indianer getauft worden waren, wurden die Mennoniten mit der Tatsache konfrontiert, dass sie nun braune Brüder und Schwestern gewonnen hatten. Darüber waren sie zunächst froh, denn sie freuten sich, wenn Menschen durch den biblischen Glauben vom Tod zum Leben durchgedrungen waren. Welche Auswirkungen das aber für das Zusammenleben der Mennoniten und Indianer mit sich brachte, darüber hatte man anfangs noch nicht gründlich nachgedacht.

Diese Tatsache stellt uns gegenwärtig aber immer wieder vor neue Aufgaben. Wir haben auf der einen Seite die deutsch-mennonitischen Gemeinden, auf der anderen Seite die indianisch-mennonitischen Gemeinden. Sie leben weitgehend nebeneinander. Durch einige Mitarbeiter und durch gelegentliche Missionsfeste stehen wir miteinander in Verbindung. Genügt das aber für ein brüderliches und schwesterliches Miteinander? Hier sind noch viele Überlegungen notwendig und viele Erfahrungen zu machen.

5. Gerufen und ungerufen kamen Lateinparaguayer und Deutschbrasilianer.

Die Mennonitenkolonien im Chaco sind im Laufe der Jahre wichtige Wirtschaftszentren geworden. Eine differenzierte Wirtschafts- und Sozialstruktur erfordert jedoch immer mehr beruflich qualifiziertes Personal. So wurden mit der Zeit immer mehr Lateinparaguayer und Deutschbrasilianer im Dienstleistungsektor der Mennonitenkolonien eingesetzt. Auf diese Weise kamen Ärzte, Lehrer, Büroangestellte, Facharbeiter, Traktoristen, Peone, Verkäufer, Krankenschwestern usw. in unsere Kolonien. Manche wurden von den Mennoniten gerufen, andere kamen aus eigenem Antrieb, da sie Arbeit und Brot suchten.

Dieser Bevölkerungszuwachs hat, besonders in den letzten Jahren dazu geführt, dass neue Wirtschafts- und Sozialmodelle gebraucht werden, um dieser Herausforderung gerecht zu werden. Die Frage des Wohnrechts, der Krankenversorgung, der Schulbildung und des politischen Mitspracherechts sind nur einige der Fragen, die sich immer dringlicher stellen und auf die eine für alle Seiten möglichst zufriedenstellende Antwort gefunden werden muss.

Eine ganz wichtige Frage, die sich in diesem Zusammenhang stellt, ist die Frage der Arbeitsbeschaffung. Wer keine Arbeit hat, kann leicht zum Bettler oder Kriminellen werden. An dieser Stelle zeigt sich sehr deutlich, dass die Mennoniten allein dieses Problem nicht lösen können. Denn bei dem Lösungsversuch gerät man ungewollt in einen Teufelskreis, der hierin besteht: Je mehr Lateinparaguayer und Deutschbrasilianer in den Mennonitenkolonien eine zufriedenstellende Arbeit bekommen, desto mehr werden bei der wirtschaftlich schwierigen Lage im Lande von außerhalb angelockt.

Die Erfahrungen der letzten Jahre zeigen, dass viele der aufkommenden Probleme, die sich aus dem interethnischen Zusammenleben im Chaco ergeben, nicht durch religiöse, wirtschaftliche oder soziale Programme allein lösbar sind. Sie verlangen nach einer politischen Lösung, die nicht von den Mennonitenkolonien allein, sondern nur in Zusammenarbeit mit der Gobernación und der Landesregierung erarbeitet und realisiert werden kann. Das aber macht die Sache recht kompliziert.

6. Wir waren Verfolgte und wurden Privilegierte.

Von unserer Geschichte und von unserer religiösen Erziehung her wissen wir, was es heißt, verfolgt zu werden. Wir schlagen da schnell einen Bogen, der von den verfolgten Aposteln über die Täufer bis hin zu den Mennoniten in Russland reicht. Verfolgte sollen und werden wir als Christen in dieser Welt sein, so wird es uns von der Kanzel verkündigt. Wir können uns gut vorstellen, was es heißt, recht- und schutzlos zu sein. Da brauchen wir nur auf die Geschichte unserer Eltern in der ehemaligen Sowjetunion hinweisen.

Wenn wir die Geschichte aber genauer unter die Lupe nehmen, sind die Verfolgungen der Mennoniten keineswegs nur um ihres Glaubens willen geschehen. Da spielten wirtschaftliche, soziale, ethnische und politische Gründe ebenfalls eine wichtige Rolle. Das wird bei uns aber nicht so betont wie gerade die Verfolgung aus religiösen Gründen. Mit der Rolle eines Verfolgten können wir uns daher leicht identifizieren.

Wie steht es aber mit der Rolle der Privilegierten? Hierfür finden wir schwerlich eine biblische Begründung, wohl aber praktische Gründe. Historisch gesehen führte das Verfolgtendasein zur Begründung des Privilegiertendaseins. Mennoniten, die um ihres Glaubens willen verfolgt wurden, gelangten nur durch ein Duldungsedikt, das ihnen von wohlgesinnten Herrschern gewährt wurde, zu einem dauerhaften Wohnsitz, der eine Voraussetzung für den wirtschaftlichen Erfolg war.

Privilegien führen aber immer zu einem Sonderstatus, der sowohl im eigenen Bewusstsein als auch im Bewusstsein der sie umgebenden Bevölkerung wahrgenommen wird. Der Sonderstatus ermöglicht wirtschaftlichen Wohlstand, soziale Gerechtigkeit und kulturellen Fortschritt innerhalb der Gemeinschaft. Er schafft ein Solidaritätsbewusstsein, das sich aber in erster Linie immer auf die eigene Gemeinschaft erstreckt. Gleichzeitig führt er zu Maßstäben, die einerseits für die eigene Gemeinschaft gelten, andererseits aber auf die sie umgebende Bevölkerung angewandt werden.

Natürlich darf nicht verschwiegen werden, dass der Fortschritt innerhalb der Gemeinschaft auch Auswirkungen auf die sie umgebenden Ethnien hat. Sie partizipieren auf die eine oder andere Weise an deren Weiterentwicklung, sind jedoch nur insoweit als Objekt oder Subjekt daran beteiligt, als es die mennonitische Gemeinschaft erlaubt. Bei gemeinsamen Projekten, die zum Wohl der die Mennoniten umgebenden Ethnien gedacht sind, sind die Mennoniten aufgrund ihres Bildungstandes, ihrer Beziehungen und ihrer Finanzen federführend.

Die Rolle der Verfolgten hat den Mennoniten viel Leid gebracht, hat aber ihre Identität gestärkt. Die Rolle der Privilegierten hat ihnen oftmals Wohlstand und Wohlergehen ermöglicht, brachte sie jedoch in religiöser Hinsicht oft in prekäre Situationen, die sie zu Konzessionen und Kompromissen zwangen und ihnen öfters ein schlechtes Gewissen verschafften. Das führte zu Überempfindlichkeiten, die immer dann zum Ausdruck kamen, wenn das Thema „Privilegien" wieder mal auf der Tagesordnung stand.

7. Wir waren Fremdlinge und wurden im neuen Land heimisch.

Als Fremdlinge kamen wir in den Chaco, in dem die Indianer schon seit Jahrhunderten beheimatet waren. Anfänglich schien uns die Chacolandschaft feindlich gesonnen zu sein. Es gab Trockenheit und Sandstürme, Ameisen und Heuschrecken fraßen das Gepflanzte auf, das Gras war bitter und die Sträucher stachelig. Die Indianer aber waren friedlich und uns freundlich gesinnt. Mit viel Schweiß und Arbeit gelang es den Mennoniten mit Hilfe der indianischen Arbeitskraft, aus der unwirtlichen und fremden Landschaft eine Heimat zu schaffen, in der sie sich wohlfühlen und in der sie bleiben wollen.

Wir halten fest: Historisch gesehen steht fest, dass wir zu den Indianern kamen, bevor die Indianer zu uns kamen. Die Einheimischen waren und sind die Indianer und Lateinparaguayer, während wir und die Deutschbrasilianer die Fremden sind, die sich hier nun immer mehr heimisch machen. Waren es ursprünglich nur einige Mennonitendörfer, die nach und nach ihr Land einzäunten und bearbeiteten, so sind es jetzt riesige Landflächen, die von Mennoniten eingezäunt, gerodet und als Viehweide benutzt werden. Für die Indianer und Lateinparaguayer wird dadurch die Naturlandschaft, die ihnen früher kostenlos für Wohnung, Jagd und Sammeltätigkeit zur Verfügung stand, immer begrenzter. Hinzu kommt, dass durch die intensive wirtschaftliche Nutzung der bisher bestenfalls extensiv genutzten Landflächen diese kostenmäßig immer teurer für den Eigenerwerb werden. Je mehr Land die Mennoniten kaufen, desto mehr schreitet die Landspekulation fort, worunter vor allem die armen Lateinparaguayer und die Indianer zu leiden haben.

Verantwortungsbewusste Mennoniten haben sich daher schon seit vielen Jahren für die Landbeschaffung für die Indianer und für die Wirtschaftshilfe von lateinparaguayischen Kleinbauern in der Nähe der Mennonitenkolonien eingesetzt. Das geschah aus missionarischen oder aus karitativen Gründen. Mittlerweile wird es uns aber immer mehr bewusst, dass wir diese Hilfe nicht nur um der anderen Ethnien willen, sondern auch im eigenen Interesse betreiben. Denn wir haben erkannt, dass es uns auf die Dauer im Chaco nur dann gut gehen kann, wenn auch die anderen Ethnien in unserem Bereich mindestens das Existenzminimum haben. Da wir durch unsere Existenz im Chaco sowie durch unsere wirtschaftliche Expansion, gewollt oder ungewollt, massiv in ihren Lebensbereich eingegriffen haben, ist es nur folgerichtig, wenn wir unseren Beitrag dazu leisten, dass sie in der neuen Situation ebenfalls ihr wirtschaftliches und kulturelles Fortkommen haben. D. h. unsere kulturelle und ökonomische Hilfe ist neben der missionarischen Tätigkeit eine unbedingte Notwendigkeit, allein schon im eigenen Interesse.

8. Wir waren Koloniebürger und wurden Staatsbürger.

Als die Mennoniten im paraguayischen Chaco ansiedelten, hatten sie sich zum Ziel gesetzt, Kolonien mit weitgehender Selbstverwaltung zu gründen. Das war, historisch gesehen, konsequent und wirtschaftlich betrachtet sinnvoll. So lebten sie als Bürger der Kolonien Menno, Fernheim und Neuland und verwendeten nicht viele Gedanken darauf, dass sich diese Kolonien in Paraguay befanden. Sie waren staatspolitisch gesehen entweder staatenlos, kanadische oder deutsche Staatsbürger und nahmen kaum wahr, dass ihre in Paraguay geborenen Kinder automatisch paraguayische Staatsbürger waren. Kein Wunder, dass sie sich an der Politik im Lande nicht beteiligen wollten. In Asunción hatten sie einen gemeinsamen Vertreter, der sich je nach Bedarf in ihrem Interesse an die jeweiligen Minister oder direkt an den Staatspräsidenten wenden konnte.

Politik war im Bewusstsein der meisten Koloniebürger ohnehin ein schmutziges Geschäft. Daher war die Frage der Wahlbeteiligung für sie kein akutes Problem, höchstens für die Studenten, die in Asunción studieren sollten oder wollten. Diese mussten die Frage für sich selbst lösen, und da sie in der Regel keinerlei politische Vorbildung besaßen, ist anzunehmen, dass sie sich in der Regel der herrschenden Partei anschlossen, denn auf diese Weise waren die wenigsten Schwierigkeiten auf politischer und studentischer Ebene zu erwarten.

Die „politische Unschuld" oder der „Dornröschenschlaf" der Mennoniten im paraguayischen Chaco war jedoch mit dem politischen Umsturz im Jahre 1989 jäh zu Ende. Der oberste politische Ansprechpartner in Asunción wurde aus dem Lande gewiesen, eine neue Verfassung in Auftrag gegeben und die Bedeutung der politischen Parteien in einen neuen Kontext gestellt. Nun setzte bei den Mennoniten plötzlich eine Neubesinnung ein, und als im Jahre 1993 nach langer Zeit der erste zivile Präsident sein Amt antrat, da hatten die Mennoniten durch ihre eigene Wahlbeteiligung einen eigenen Gobernador und einen eigenen Abgeordneten im Landesparlament.

Durch die nun verstärkt einsetzende Demokratisierung im Lande fiel den Indianern plötzlich eine neue Rolle zu. Durch ihre Dokumentenbeschaffung, bei der die Mennoniten behilflich waren, verfügten sie nun über ein wichtiges Wählerstimmenpotenzial, das sich die jeweiligen Kandidaten auf die eine oder andere Weise zu sichern suchten. Die Indianer selbst gerieten dadurch in Konflikte, da sie zwar die konkrete Hilfsbereitschaft der Kandidaten beurteilen konnten, aber nicht in der Lage waren, die politischen Machenschaften, die damit verbunden waren, zu durchschauen.

Mittlerweile sind Mennoniten und Indianer in gleicher Weise daran gewöhnt, dass sie über Wählerstimmen verfügen. Durch die politische Entwicklung in den letzten Jahren sind viele von ihnen nicht nur desillusioniert, sondern auch enttäuscht worden, so dass es verständlich ist, wenn manche von ihnen eine resignative Haltung der Politik gegenüber eingenommen haben.

Für das interethnische Zusammenleben im Chaco ist es aber nach wie vor wichtig, dass wir alle unser politisches Bewusstsein schärfen, kritisch die Reden und Handlungen der Politiker beurteilen, um dann dem Kandidaten unserer Wahl die Stimme zu geben. Es kommt nicht so sehr darauf an, welche Partei im Departament Boquerón die Wahl gewinnt, wohl aber darauf, dass der Gobernador und die Junta eine Regierung darstellen, die das Wohl der Bürger im Auge hat, Recht und Gesetz achtet, keine Rassendiskrimierung betreibt und die Steuern und Gelder gewissenhaft verwaltet. Eine politische Grundbildung für alle Bewohner im Departament Boquerón wäre eine gute Voraussetzung, um sich bewusst und gezielt an der Wahl zu beteiligen und für die Gewählten eine Hilfe bei der Wahrnehmung ihrer politischen Verantwortung.

9. Wir waren Arbeitnehmer und wurden Arbeitgeber.

Männer und Frauen, die während der Kolchoszeit in Russland Arbeitnehmer gewesen waren, kamen hier in Paraguay, gewollt oder ungewollt, in die Rolle der Arbeitgeber. Sie, deren Eltern möglicherweise vor der Revolutionszeit noch Arbeitgeber gewesen waren, kannten ein solches Arbeitsverhältnis nur noch von den Erzählungen her. Sie selbst aber waren stets Arbeitnehmer gewesen. Nun fand ohne Vorbereitung ein Rollenwechsel statt. Sie waren faktisch Arbeitgeber der Indianer geworden. Zwar arbeiteten sie selber viel, wahrscheinlich mehr als ihre Arbeitnehmer, aber sie hatten nun zu entscheiden, ob ein Indianer Arbeit bekam, was er tun sollte und wie er es tun sollte. Die Kinder dieser Pioniergeneration wuchsen schon in dieses Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverhältnis hinein und hatte später weniger Schwierigkeiten, einen Indianer oder später einen Lateinparaguayer oder Deutschbrasilianer als Arbeitnehmer einzustellen und ihn entsprechend zu behandeln.

Patrón zu sein hat aber mehr auf sich als nur Arbeiter einzustellen und die Arbeit einzuteilen. Ein Patrón hat für seine Arbeiter auch ein hohes Maß an Verantwortung. So ist er in erster Linie mitverantwortlich für die Wohnsituation des Arbeiters und seiner Familie. Hinzu kommt selbstverständlich die Versorgung der Familie mit den Grundnahrungsmitteln. Später kamen noch die Sorge für die Krankenbetreuung und die Schulausbildung der Kinder hinzu. Inzwischen haben wir Organisationen geschaffen, die Teile dieser Verantwortung anstelle des Patróns übernommen haben. Es bleiben aber immer noch Lücken im Versorgungssystem. Diese werden infolge des Bevölkerungszuwachses unter den Indianern immer größer, so dass der einzelne oder die Koloniegemeinschaft zusätzlich Verantwortung zu übernehmen haben. Das betrifft beispielsweise die Mithilfe beim Schulbau, in der Krankenbehandlung und beim Schülertransport. Im Einzelfall ist es nicht einfach, eine Lösung zu finden, die alle Beteiligten zufriedenstellt.

10. Wir waren in der Minderheit und wurden im Rahmen der Mennonitenkolonien Mehrheit.

Geschichtlich betrachtet haben die Mennoniten sich größtenteils als Minderheit verstanden. Das hat ihnen manche Nachteile, aber auch manche Vorteile eingebracht. Unter den Religionsgemeinschaften während der Reformationszeit waren sie die verfolgte Minderheit. In Preußen und Russland sowie in Paraguay, Bolivien und Mexiko waren sie eine geachtete Minderheit, die ihr Eigenleben führen konnte, ohne sich um politische Belange zu kümmern. Sie regelten ihr religiöses, soziales und wirtschaftliches Leben selber und hatten damit größtenteils Erfolg.

Hier im Chaco ergab sich nun aber eine besondere Situation. Die Mennonitenkolonien befanden sich in einem sehr dünn besiedelten Gebiet. Erst im Laufe der Zeit kamen immer mehr Indianer hinzu. Auf jeden Fall waren die Mennoniten im Raum ihres Siedlungsgebietes mit einem Mal die Mehrheit und hatten damit ungewollt eine Reihe von politischen Verpflichtungen zu übernehmen. Die Mennoniten waren nun für die Wege, für das Gesundheitswesen, für das Schulwesen sowie für die Ordnung und Arbeitsbeschaffung in ihrer Region verantwortlich, ganz gleich, ob sie es wollten oder nicht. Denn innerhalb der Kolonie hatten sie eine eigene politische Ordnung geschaffen, die aber auch für die anderen Ethnien galt und auch entsprechend genutzt wurde. Das ging bald über die eigenen Kräfte. Daher waren die Mennoniten gezwungen, staatliche Organisationen um Mithilfe zu bitten. Das betraf in erster Linie die Aufrechterhaltung der Ordnung. Auf diese Weise kam zunächst die Militärpolizei, dann die Nationalpolizei in unsere Kolonien. Später kamen Antelco und Ande hinzu. Und seit mehreren Jahren haben wir jetzt sogar die Gobernación vom Departamento Boquerón in unseren Kolonien. Eine Municipalidad in den Mennonitenkolonien wurde anfänglich von den Mennoniten abgelehnt, wird aber inzwischen von uns immer mehr befürwortet, da wir es uns auf die Dauer nicht leisten können, Gelder in Form von Steuern und Abgaben an staatliche Behörden abzugeben, ohne sicherzustellen, dass ein Teil dieser Gelder zurückkommt und uns in die Lage versetzt, unsere gewachsenen Verpflichtungen zu erfüllen.

11. Wir werden wieder Minderheit.

Aufgrund der demographischen Veränderungen in unserem Departament, besonders im Raum der Mennonitenkolonien, ergibt sich in letzter Zeit eine neue Situation. Die Mennoniten sind wieder dabei eine Minderheit in ihrem eigenen Einzugsbereich zu werden, denn allein die Zahl der Indianer im Umkreis der Mennonitenkolonien ist inzwischen auf ca. 26.000 Personen angewachsen. Hinzu kommen noch die Lateinparaguayer und die Deutschbrasilianer. Für die politischen Verhältnisse in unserem Raum kann das zu Veränderungen führen, die für uns völlig fremd sind. Wenn die politische Beteiligung der Mennoniten in Zukunft nicht zunimmt, ist zu erwarten, dass in absehbarer Zeit die verantwortlichen Posten in der Gobernación und möglicherweise auch in der zu gründenden Municipalidad nicht mehr mit deutsch-mennonitischen Personen besetzt werden können. Grundsätzlich ist das auch nicht so schlimm, solange sicher gestellt ist, dass die uns vertrauten ethischen Grundsätze in der Realpolitik beachtet werden. Dazu gehört vor allem die gerechte Behandlung der Bürger und die verantwortliche Verwaltung der Gelder.

An diesem Beispiel wird uns klar, dass wir in Zukunft stärker als bisher nicht nur unsere Ethnie, sondern auch die anderen Ethnien in unserem Gebiet zu beachten haben. So ist das Recht auf einen eigenen Wohnsitz, das politische Mitspracherecht der anderen Ethnien, die Mitbeteiligung an der wirtschaftlichen Entwicklung in dieser Region in nächster Zeit auf die Tagesordnung zu bringen und es muss nach gemeinsamen Lösungen gesucht werden. Demokratische Zustände werden zum großen Teil nach dem Zahlenverhältnis der beteiligten Bürger geregelt. Daher ist es notwendig, dass hier möglichst viele Personen bildungsmäßig und berufsmäßig qualifiziert werden. Diese Aufgabe übersteigt aber die Möglichkeiten der Mennonitenkolonien. Daher ist sie nur durch gemeinsame Anstrengungen zu lösen.

Ausblick: Intention und Funktion

Zum Schluss möchte ich noch zwei Begriffe einführen, die uns möglicherweise dabei helfen könnten, unsere Zukunftsentwicklung sachlicher und klarer zu verstehen. Es handelt sich dabei um die Begriffe „Intention" und „Funktion". Mit dem Begriff Intention bezeichnen wir die Absichten, die wir mit unseren Reden und unserem Handeln, kurz mit unserem Sein verwirklichen wollen. Unter Funktion verstehen wir die tatsächlichen Auswirkungen, die wir durch unser Sein verursachen. Intention und Funktion stehen oft im Widerstreit zueinander.

An zwei Beispielen will ich das erklären. Das eine stammt aus dem Familienbereich, das andere aus dem Bereich der Politik. Eltern haben bei der Erziehung in der Regel das Beste für ihre Kinder im Auge. Und doch geht es dabei manchmal schief, so dass die Eltern nach einem gravierenden Fehlschlag zur niederschmetternden Erkenntnis gelangen: „Und dabei habe ich es doch so gut gemeint." Die sogenannte gute Meinung hat uns im Zusammenleben mit anderen Menschen schon oft einen bösen Streich gespielt. Offenbar haben die Eltern trotz guter Absichten im Erziehungsprozess vieles verkehrt gemacht. Natürlich will ich hier nicht ausschließen, dass Kinder sich auch dann negativ entwickeln können, wenn Eltern im Erziehungsprozess vieles richtig gemacht haben. Aber das steht hier nicht zur Debatte.

Wie sieht das nun auf politischer Ebene aus? Als die ersten Mennoniten aus Kanada in den Chaco kamen, herrschte bei ihnen die Absicht vor, in einer abgeschiedenen Gegend das Leben nach ihren eigenen Grundsätzen führen zu können. Auch die späteren Siedler von Fernheim und Neuland kamen in den Chaco, um hier ihr Leben in Frieden und Ruhe nach dem Vorbild der mennonitischen Siedlungen in Russland aufzubauen. Das war ihre Absicht.

Inzwischen wissen wir, dass die Mennonitenkolonien wiederholt als politischer Spielball benutzt worden sind, ganz gleich, ob sie es wollten oder nicht. Für die paraguayische Regierung waren die Mennonitensiedlungen von Anfang an ein wichtiges Faustpfand in der Auseinandersetzung mit Bolivien über die politische Oberhoheit im Chaco. Stroessner förderte die Mennoniten auf wirtschaftlichem Gebiet, nicht zuletzt auch durch den Bau der Ruta Transchaco. Die Mennonitenkolonien waren für ihn aber stets ein wichtiger Faktor für die Entwicklung der Chacoregion. Sie trugen dazu bei, dass internationale Gelder für Projekte im Chaco zur Verfügung gestellt wurden und verbesserten die strategische Infrastruktur in diesem Raum erheblich, die eine wichtige Voraussetzung für die politische und militärische Beherrschung dieses großen und weitgehend unbesiedelten Raumes war.

Diese Beispiele zeigen, dass wir in Zukunft unsere eigenen Absichten mit den daraus sich ergebenden Auswirkungen besser in Einklang bringen sollten. Um das tun zu können, müssen wir in Zukunft informierter sein, über mehr Sachkenntnisse verfügen und kritischer und begründeter unsere Urteile fällen. Hinzu kommt, dass wir unser ethnozentrisches Denken verabschieden und uns den Herausforderungen einer offenen Gesellschaft unverkrampft und mutig stellen müssen. Denn der Chaco gehört weder nur den Indianern noch den Lateinparaguyern, sondern auch den Mennoniten und den Deutschbrasilianern, d. h. uns allen, die hier wohnen, arbeiten und leben. Unsere gemeinsame Zukunft kann daher auch nur unter Beteiligung aller hier vertretenen Ethnien sinnvoll und erfolgreich geplant und gestaltet werden.

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Fussnoten:
Vortrag auf dem Gemeinschaftsseminar in Neuland am 25.8.2001
Gegenwärtig Schulrat in der Kolonie Neuland.