Buchbesprechung | Jahrbuch 2004

Klassen, Peter P.: „So geschehen in Kronsweide“

Mennonitische Theologie in Geschichten, aber mehr als Geschichten

Warum jeder Peter P. Klassens Buch „So geschehen in Kronsweide“ lesen sollte.

Peter Klassen gibt seinem Buch den Untertitel „Geschichten zur Geschichte mennonitischer Gemeinden und Kolonien“. In Wirklichkeit wird uns jedoch in den 4 Erzählungen viel mehr vorgelegt als Geschichten zur Mennonitengeschichte. Sie ranken sich um den Widerspruch, den die mennonitische Theologie in dem Begriff von der „Gemeinde ohne Flecken und Runzeln“ zusammenzuschmieden versucht hat: dem Widerspruch zwischen der Freiheit des Menschen, in religiösen Fragen seine eigenen Erfahrungen zu machen und nur seinem Gewissen zu folgen, und der Notwendigkeit, die Menschen mit ihren individuellen und meist so verschiedenen Erfahrungen in ein Gefüge einzubinden, das es ermöglicht, die durch die Gewissensfreiheit entfesselten Kräfte in geordnete Bahnen zu lenken.

Jede christliche Kirche sucht diesen Widerspruch auf dem Grund der Bibel und der Tradition zu lösen, und die Mennoniten haben in diesem Bemühen ihre besonderen Akzente gesetzt. Die Lehre von der Gemeinde ist das Herzstück mennonitischer Theologie, und seit der Reformation bis heute trägt ihre praktische Ausprägung die mennonitische Gemeinschaft. Aber wo Widersprüche sind, entstehen Spannungen, die sich im Alltagsleben der Menschen in ganz verschiedenen Schicksalen niederschlagen. Von solchen Schicksalen berichten Klassens Geschichten. Sie sind deshalb nicht nur Geschichten zur Geschichte, sondern auch Veranschaulichung mennonitischer Theologie und eine Aufforderung, über diese nachzudenken.

Da sind zuerst einmal Andreas, der lutherische Trommlerbub, und Helene, das Mennonitenmädchen, die einander lieben und heiraten möchten. Aber mit diesem so verständlichen und natürlichen Vorhaben geraten sie ins Konfliktfeld zwischen mennonitischer Gemeindeordnung, lutherischer Staatskirche und preußischer Verwaltung. Wenn beide ihrem Glauben treu bleiben, scheint es keinen Weg für sie zu geben. Und wäre da nicht Julius Töws, der den Mut hat, die geistliche Führung des Ältesten zu hinterfragen, wer weiß, ob Andreas und Helene das glückliche Ende als Besitzer eines Bauernhofs in einer mennonitischen Kolonie am Dnjepr hätten erreichen können.

Kein glückliches Ende gibt es für Heinrich Dyck. Sein tragisches Schicksal nimmt seinen Lauf in den Auseinandersetzungen um die Entstehung der Brüdergemeinde in den Mennonitenkolonien in der Ukraine. Sein feinfühliges und sinnliches Wesen hält die Spannungen nicht aus, die seinen Familien- und Bekanntenkreis in Aufruhr bringen, und er endet in geistiger Umnachtung. Indem der Leser sein trauriges Schicksal verfolgt, erfährt er Grundlegendes über den Werdegang von religiösen Bewegungen und das Heil und Unheil, das sie den Menschen bringen können.

Die Geschichte von Peter Unger und Martha Hamm beschert uns wieder ein Happy-end. Aber bis dahin müssen die beiden einen jahrelangen Weg von der Ukraine bis an den Fluss Amu Darja in Asien zurücklegen, Claas Epp nachfolgend, der seine Gemeinde an der Ort der Wiederkunft Christi führen wollte. Und von dort wandern sie schließlich weiter nach Nebraska in den USA. Der Leser begleitet das Paar auf diesem leidensreichen Weg und erfährt dabei, wohin religiöse Überspanntheit führen und wieviel Missgeschick fehlgeleitete Glaubensüberzeugung ertragen kann.

Nachdenklich wird der Leser gestimmt durch die Geschichte von Hermann Gies-brecht, dem jungen Prediger der Allianzgemeinde, der auf der Flucht aus der Sowjetunion in den paraguayischen Chaco im Flüchtlingslager in Mölln 1930 von Professor Benjamin Unruh den Auftrag erhält, sich in den neuen Siedlungen für die Überwindung der Gemeindespaltungen einzusetzen. Er tut das aus tiefster Überzeugung, und muss erfahren, dass dieses Bemühen wieder nur zur Fes­ti­gung einer neuen Gemeinderichtung führt, und dass abgrenzende Regeln, die in der Zeit der gemeinsamen Not überwunden schienen, wieder eingeführt werden. Und doch erkennt er dann im Rückblick aus der Gegenwart, dass Einheit, Kooperation und gegenseitiger Respekt gewachsen sind, wenn auch anders, als der Professor und er es sich vorgestellt hatten.

Das alles und viel mehr wird dem Leser mit Liebe zu historischen Details in anschaulicher Sprache dargelegt. Jede Geschichte hat ihren eigenen Spannungsbo-gen, der bis zum Schluss hält. Meine Frau sagte: „Wenn man eine Geschichte angefangen hat, kann man nicht aufhören, bis man ans Ende kommt“. Die Personen in den Geschichten sind aus Fleisch und Blut, Sünder und Heilige zugleich, jede auf ihre Weise. Und jede hat fast immer die besten und reinsten Absichten, die dann eben doch Leid verursachen. Aber der Leser spürt auch, dass hinter diesem Leid die Hand eines liebenden Gottes waltet.

Klassen schreibt, was ihm nach einem langen Leben mit, in und unter der „Gemeinde ohne Flecken und Runzeln“ aus dem Herzen fließt. Und deshalb kann er den Gemeindegliedern jeglicher mennonitischer Richtung, über spannender und kurzweiliger Lektüre, eine Hilfe bieten, ihre Gemeinde besser zu verstehen, mehr zu lieben und gleichzeitig kritisch zu hinterfragen, was in ihr gelehrt wird. Jedes Gemeindeglied, nicht nur die Prediger, sollte deshalb dieses Buch lesen.

Gerd Uwe Kliewer, Witmarsum, Brasilien
Quelle: Menno Aktuell, April 2003

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