Kulturelle Beiträge | Jahrbuch 2004

Die Vorgeschichte des Hospitals Km 81

Die Würdigung für Dr. John R. Schmidt (und gewiss auch Frau Clara Schmidt) in der letzten Nummer des IM DIENSTE DER LIEBE (Sept.-Dez. 2003, Jahrgang 52) ist treffend und ganz an der Zeit. Dr. Schmidt und Frau haben nicht nur medizinisch für die Leprakranken (u. andere) gesorgt, sondern vielmehr auch geistliche Pflege, Seelsorge und andere Dienste mehr getan und somit der ganzen Station einen sehr hohen „Ton“ gegeben. Die vielen Mitarbeiter, einschließlich auch Dr. Carlos Wiens, wurden somit auf ein hohes Nieveau gestellt, das die ganze Arbeit auf der Station, jeden Patienten und CD Arbeiter beeinflusste und auch die unterstützenden Gemeinden und Kolonien. Km 81 ist ein neues Modell der Missionsarbeit, zu der uns die Nachfolge Christi ruft.

Es kann nun aber gerade uns helfen, wenn wir etwas von der Vorgeschichte des Hospitals Km 81 hören. Viele die diese Geschichte kannten, sind nicht mehr unter uns. „Der Plan war, dass unsere Arbeit ein Dienst an unserem Land als Dank an Paraguay sein sollte,“ sagte Dr. Schmidt, eben weil diejenigen Flüchtlinge aus Russland, die nicht von Kanada aufgenommen wurden, hier ohne Ansehen des Alters, der Gesundheit, usw. Aufnahme - eine neue Heimat - fanden. Viele wanderten später doch von Paraguay nach Kanada aus, aber die gegründeten Kolonien Neuland und Volendam blieben bestehen.

Etwa Mitte der 1940er Jahre hörte man beim MCC schon Diskussion über die Möglichkeit eines Dankprojekts für Paraguay – das schon seit den 1920er Jahre den Mennoniten freundlich gesinnt war. Ob dieses auf Anregung Fernheims oder Mennos geschah, weist die Korrespondenz nicht auf. Jedenfalls wurden die leitenden Leute in Nordamerika und im Chaco sich einig, dass es Lepra (Hansen) Arbeit sein sollte. Außer dem Gefängniß und dem großen Sammlungszaun in Asunción gab es nur Sapucai, wo ein Frachtzug gelegentlich mehr Kranke hinfuhr. Die Leprastation Sapucai war für mich ein Schock, eine furchtbar traurige Anlage, doch von einer amerikanischen Kirche (Disciples of Christ) unterstützt.

Das MCC bemühte sich sehr, die Lepraarbeit in Gang zu bringen, aber keiner der „Direktoren“ des MCC in Paraguay brachte sie in Schwung. Schließlich schickte MCC fünf Männer nach Paraguay, um mit dem Bauen zu beginnen. Aber wo? Es fehlte an energischer Anleitung. Einer der fünf war Homer Martin, der immer Arbeit fand. Ein anderer war Vernon Neuenschwander, der sich bald allgemein beliebt machte, weil er ein Telefonnetz zustande brachte, damit sich die Dörfer und Kolonien so manche Reise ersparen konnten. Die Anderen fuhren bald zurück nach dem Norden. Dieses war alles, ehe ich am 2. Januar 1949 in Asuncion ankam.

Bald kam auch die Regierung ins Spiel, und zwar boten sie ein großes Landstück nahe bei Concepcion, an – die alte Auffassung – so weit entfernt wie möglich von Siedlungszentren. Als ich das Land darauf besuchte, fand ich 92 Familien da ansässig, die meisten schon viele Jahre. Als ich den Major, der mich herumfuhr fragte, was nun zu machen sei, meinte er einfach, dass er sie alle mit militärischer Gewalt umsiedeln würde. Dies gefiehl mir aber gar nicht. Ich bat ihn nichts dergleichen zu unternehmen, ehe er von mir hören würde, welches er mir auch versprach.

Mittlerweile hatten sich ganz neue Behandlungsmethoden in Carville, LA (USA) und in Brasilien entwickelt. Die alte Methode, die Leprakranken in einem entlegenen, abgezäunten Gebiet einzusperren, wie in Sapucai, wich der neuen Methode der ambulanten Behandlung in einem modernen Hospital. Ich reiste bald nach Brasilien, um zwei solcher Hospitäler zu besuchen und war tief beeindruckt. Es schien mir klar, dass solch ein Hospital am besten in der Nähe Asuncións liegen sollte, welches auch Dr. John Schmidt vor kurzem betont hatte. Also ging es nun wieder auf die Landsuche, wobei uns die Regierung ganz zur Seite stand.

Eines Nachts träumte ich: Ich sah eine kleine Anhöhe rechts der Ruta, auf der ich noch nie gefahren war, und gerade da, träumte ich, sei die Lepra Anstalt. Morgens kam mir der Traum etwas komisch vor, aber so ist es eben. Nach etlichen Tagen fuhr ich mit unserem Jeep auf die Ruta, um die neu eingewanderten Mennoniten aus Kanada, die südlich angesiedelt hatten, zu besuchen und -Wunder der Wunder - da sah ich beim Dorf Itacurubi zur Rechten der Ruta die hügelige Anhöhe, die ich im Traum gesehen hatte. War dieses eine Leitung des Geistes, eine Gebetserhörung? Auf dem Rückwege hielt ich in Itacurubi an (ja es war auf Km 81) und holte mir mehr Information.

Von Asunción schickte ich dann unseren treuen Helfer Juan (Hans) Neufeld nach Km 81, um die Kaufmöglichkeit des Landes zu erkundigen. Es waren insgesamt etwa 1148 Hektar (2,835 Acker) und das Land war tatsächlich zum Verkauf angeboten. Zwei kleine Flüsschen liefen querdurch . Nun telegrafierte ich sofort dem MCC Akron diese Nachricht und bat um das nötige Geld für den Kauf. Ich musste recht anhalten, aber schließlich kam es. Am 28. Februar 1951 schrieb ich an Orie Miller in Akron, dass der Kaufvertrag für das Land unterschrieben sei und Hans Teichgraef und Frau aus Filadelfia bald kommen würden, um auf dem Lande als Aufseher zu wohnen, damit nicht andere Fremde sich da niederlassen würden. Auch würde er mit Ackerbau und einem Garten beginnen. Teichgraef sprach nicht nur Deutsch, sondern auch Spanisch und Guaraní, ein großer Vorteil!

Ein wohlhabender Mann, Manuel Ferreira, in Asunción bot sich an, dem Projekt 200 Kühe zu Gs. 200, 100 junge Kühe zu Gs. 160, und 15 Bullen zu je Gs. 600. zu verkaufen, sie sogar alle mit einem Brandmal zu versehen und sie uns auf Km 81 abzuliefern. Wir nahmen dieses Angebot an.

Also, endlich hatten wir das nötige Land und konnten die ersten Schritte zum Aufbau der Klinik unternehmen. Die amerikanische Lepra Mission (ALM) in New York hat mit gutem Rat und wesentlichen finanziellen Beiträgen dem Projekt viel geholfen, sich ursprünglich bis zu 60% der Unkosten zu tragen verpflichtet, doch weiß ich nicht, wie es schließlich ablief. Am 17. April 1951 schickten wir MCC Akron auch unseren weiteren Wunschbrief, um den Aufbau zu beginnen – in der Gesamtsumme von $25.000 – etwa Gs. 500.000, natürlich nach dem Wert des Geldes vor 50 Jahren. Dieses schloss viel ein, einen größeren LKW, verschiedene Sorten Stahl für Zementbau, einschließlich dass Errichten eines Wasserturms, usw. Zement, Glas, Badezimmer-Einrichtungen. Alles nötige Holz usw. sollte in Paraguay gekauft werden.

Am 23. August 1951 fuhren die John R. Schmidt-Familie, zusammen mit der Robert Unruh-Familie von New York ab auf dem Schiff S. S. Brazil mit dem Endziel Asunción. Dr. Schmidt hatte früher schon vier Jahre im Chaco als Arzt gedient. Unruh wollte den Betrieb der Chaco Experimental Farm (Versuchs­station) übernehmen. Ich reiste Ende Mai zurück nach Kanada-USA zu weiterem Studium. Doch vorher hatten wir vom MCC und dem Hilfskomitee in Filadelfia die erste Auflage unseres Nachrichtenblatts für Km 81 fertig gestellt und mit dem Namen Im Dienste der Liebe versehen, wie es auch heute noch heißt. Das war im Jahr 1951. In diesen Tagen habe ich den 52. Jahrgang erhalten! Dem Herrn die Ehre und denen, die auf Km 81 weiter arbeiten, Freude, Erfolg, und Gottes Segen.

Mein Auftrag vom MCC, als ich meine Arbeit von Europa nach Südamerika verlegte, war zwiefältig: mit den Flüchtlingsansiedlungen in Neuland, Volendam und Uruguay sowie auch mit allen Mennoniten den Kontakt aufrecht zu erhalten und, zweitens, die Lepra-Anstalt endlich in Schwung zu bringen. Mit Km 81 unter Dr. Schmidts kommender Leitung war ich wohl zufrieden und hatte auch keine weiteren Träume! Mit der Ansiedlung der Flüchtlinge, die ich meistens aus meiner Arbeit her in Fallingbostel, Gronau usw., kannte, war es mir doch schwer. Wenn ich, z.B. an Friedensheim (das „Frauendorf“) denke, oder wie die Frauen und Kinder in Volendam beim Waldroden schufteten, dann ist es mir immer noch schwer. Da habe ich meine MCC-Aufgabe nicht genügend erfüllt, aber ich tat, was ich konnte, schaffte den ersten „Bulldozer“ an zum Straßenbau—was endlich zur Ruta nach Asuncion zum Markt führte usw. So ist es einmal – Asi es la vida! Vaya con Dios!!

Cornelius J. Dyck, Prof. im Ruhestand
Associated Mennonite Biblical Seminary
Elkhart, Indiana 46517
e-mail: cjwdyck@juno.com

Zurück zum Inhaltsverzeichnis