Kulturelle Beiträge | Jahrbuch 2004

Niemand hat größere Liebe als der, der sein Leben für seinen Freund hingibt.

Zum Andenken an die Opfer der Brandkatastrophe am 1. August 2004 in Asunción und den Hinterbliebenen gewidmet, die fortan damit leben müssen dass ein Platz in ihrem Herzen und ihrer Seele leer bleibt.

Der 39jährige Marco Gutiérrez war Unternehmer und reiste momentan durchs ganze Land, um die ersten Kontakte für sein vor Kurzem gegründetes Unternehmen zu knüpfen. Er war wenige Stunden zuvor von einer längeren Dienstreise zurückgekehrt und war froh, nun endlich wieder bei seiner lieben Frau Victoria und seinen beiden Kindern Ariel und Alissa sein zu können. Der sechsjährige Ariel hatte die Ankunft seines Vaters kaum abwarten können. Ständig hatte er nachgefragt, wann der Papa endlich kommen würde. Er liebte seinen Papa über alles, und sie verbrachten viel Zeit miteinander.

Marco war glücklich. Ihm waren einige viel versprechende Angebote gemacht worden und er war voller Hoffnung, dass sein eben gestartetes Projekt gelingen würde. Ein guter Grund, um mit seiner Familie zu feiern. Marco lud seine Familie ein, beim Supermarkt Ycuá Bolaños essen zu gehen. Dieses gigantische Einkaufszentrum war nah gelegen und verfügte neben einem Schnellrestaurant auch über ein Spielzimmer. Auch die Nichten von Victoria, Jennifer und Sandra, befanden sich gerade bei Gutiérrez, da ihre Eltern verreist waren.

So machte sich die Familie an diesem 1. August, einem sonnigen Sonntagmorgen, um etwa 10 Uhr auf den Weg. Victoria wollte vor dem Essen noch einige Sachen für den Haushalt kaufen. Alle waren bester Laune und froh über die Einladung.

Während Ariel mit Jennifer und Sandra durch den Raum spazierten, erledigten Victoria und Marco den Einkauf. Marco kutschierte den Einkaufswagen, auf dem der Kindersitz der erst viermonatigen Alissa befestigt war. Alissa strahlte ihren Vater an. Marco wurde von einem Gefühl des Stolzes und des Glücks durchflutet.

Nachdem Marco und Victoria die Sachen bei der Kasse bezahlt und in ihrem Wagen, der sich im Erdgeschoss befand, verstaut hatten, begaben sie sich in den „Patio de comidas“, wo sich Jennifer, Sandra und Ariel bereits an einem der wenigen noch unbesetzten Tische niedergelassen hatten. Der Geruch eines guten Asados durchflutete den Raum. Auf dieses Essen hatte Marco sich schon gefreut. Es schien ihm eine angemessene Belohnung für all seine Errungenschaften während der letzten Woche zu sein. Nachdem das Tischgebet gesprochen worden war, holte sich jeder etwas nach seinem Geschmack.

Nachdem Marco sich noch ein saftiges Steak vom Rost geholt hatte, gingen Jennifer und Sandra noch einmal ins Einkaufszentrum, um sich in der Kleiderabteilung nach einem passenden Rock für die Geburtstagsparty ihrer Freundin umzuschauen. Die Feier sollte zwar erst in einer Woche stattfinden, doch man musste sich zeitig um so wichtige Dinge wie um Kleidung kümmern. Da auch Victoria noch beim Essen war, boten sich die Mädchen an, Alissa mitzunehmen. Victoria schaute zu Marco, dieser nickte nur kurz, und die drei Mädchen verschwanden in dem von Menschen gefüllten Raum, nachdem sie abgemacht hatten, sich in ungefähr einer halben Stunde am Ausgang zu treffen.

Marco, Victoria und Ariel befanden sich noch im „Patio de Comidas“, als sich die erste Explosion ereignete. Die im ersten Moment eingetretene und durch den Schock verursachte Stille wurde jedoch sofort von einem Geschrei der Panik und Angst abgelöst. Die Menschen liefen durcheinander, ein Stimmengewirr stellte sich ein, Namen wurden gerufen, Leute klammerten sich aneinander und versuchten im Rauch den Ausgang zu erkennen. Die aus dem Speisesaal entflohenen Leute strebten dem Ausgang an der Santísima Trinidad-Straße zu. Auch Marco und Victoria ergriffen den kleinen Ariel beim Arm und schleppten ihn förmlich aus dem Saal. Während sie dem Ausgang zustrebten, hielten sie Ausschau nach den drei Mädchen, von denen jedoch keine Spur zu sehen war. Vielleicht waren sie ja schon am Eingang und warteten auf sie. Mit dieser Hoffnung eilten sie auf die Straße.

Die Personen im Einkaufszentrum zeigten zwar eine besorgte Miene, von Panik war hier jedoch noch keine Spur. Die Detonation war hier nicht so klar vernommen worden. Auch Jennifer und Sandra hatten den dumpfen Klang gehört, sich jedoch nichts darunter vorstellen können. Während Sandra einen rotgestreiften Rock anprobierte, schaute sich Jennifer nach einer dazu passenden Bluse um. Weiß müsste sie schon sein, sonst passte sie nicht zum Rock. Doch entweder waren die Blusen zu klein oder sie waren zu groß. Typisch. Wenn man schon was Gutes findet, passt es nie. Ärgerlich wandte sie sich von den Blusen ab und ging zurück zu Sandra, die sich für den Rock hatte entscheiden können und ihn nun von einer jungen, attraktiven und freundlichen Verkäuferin einpacken ließ.

Während die Verkäuferin den Rock eingepackte, ereignete sich eine zweite Explosion. Diese war jedoch schon größer, lauter und näher. Es handelte sich um die Autos, die im Erdgeschoss geparkt worden waren, Feuer gefasst hatten und jetzt reihum buchstäblich in die Luft gingen. Sandra zog Jennifer, die Alissa auf den Armen hielt, mit sich, um aus dem Supermarkt zu fliehen. Die Luft wurde dichter und stickiger, je mehr sie sich dem Ausgang näherten. Da hörten sie eine Stimme aus dem Lautsprecher: „Cierren las puertas“.

Marco und Victoria schauten sich verzweifelt um. Ariel klammerte sich ängstlich an Victoria. Doch auch hier war von den Mädchen keine Spur zu sehen. Als sich jetzt die zweite Explosion ereignete und dicker, schwarzer Rauch aus dem Eingang zum Parkplatz hervorquoll, ließ Marco Victoria und Ariel stehen und stürmte entschlossen zurück ins Gebäude. Auf seinem Weg ins Innere, hörte er eine Stimme, die bekanntgab, dass alle Türen geschlossen werden sollten, damit nicht etwa jemand den Raum verlassen könne, bevor er seine Rechnung bezahlt habe. Schert euch zum Teufel, fuhr es Marco durch den Kopf. In dieser Situation konnte man die Leute doch nicht einsperren. Dies ist ein Massenmord. Die Türen verschließen, wenn beinah tausend Personen im Raum sind. Voller Verzweiflung versuchte er an den ihm entgegen strömenden Menschen vorbeizukommen und rief ununterbrochen den Namen seiner Tochter. Allen, denen er begegnete, war eine höllische Angst ins Gesicht geschrieben. Er rief, schrie, brüllte.

Als er endlich im Einkaufszentrum war, stand das ganze Gebäude in Flammen. Feuer fiel von der Decke und brannte Marco auf der Haut. Das Gebäude begann, stellenweise, mit großem Getöse einzubrechen. Marcos einziger Gedanke war, seine Tochter zu retten. Tränen der Ohnmacht strömten aus seinen Augen. Alissa, du darfst nicht sterben, du bist zu jung. Der dichte Rauch machte es Marco beinah unmöglich zu atmen und verhinderte jegliche Sicht. Als Marco in einem Versuch, sich zu orientieren, hochschaute, sah er, wie ein großes brennendes Objekt auf ihn herabstürzte.

Dicke Rauchwolken stiegen aus dem ungefähr dreißig Meter hohen Gebäude und verdunkelten den Himmel. Aus jedem winzigen Loch qualmte es. Die soeben eingetroffenen Feuerwehrleute handelten tapfer und entschlossen. Der Führer der Patrouille gab präzise und prägnante Anweisungen an seine Männer weiter. Während sechs Männer die schweren Schläuche der drei Feuerwagen zur Brandstelle schleppten, war ungefähr ein Dutzend Männer damit beschäftigt, die 15 Millimeter dicken Fensterscheiben mit ihren Beilen einzuschlagen. Durch die Scheiben konnte man verschwommen zahllose Menschengesichter erkennen, die vergeblich an den von den Wachleuten verschlossenen Türen zerrten, um aus diesem Inferno auszubrechen.

Manchmal meinte Victoria, Marcos und Alissas Gesicht in der Tür zu sehen. Als jedoch die ersten Personen mit einem verzerrten Gesicht, nach Sauerstoff schnappend, zu Boden fielen, sank auch Victorias Hoffnung auf ein Wiedersehen mit ihrem Mann und ihrer Tochter und fühlte sich wie von einem Lastwagen überfahren.

Wenige Meter vom verkohlten Körper Marcos entfernt suchten Jennifer und Sandra vergeblich den Ausgang. Jennifer drückte Alissa an sich, die mittlerweile aufgehört hatte zu schreien.

Eugen Friesen, 2. August 2004

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