Kulturelle Beiträge | Jahrbuch 2004

Die Gedanken des alten Wilhelm

Mein Name ist Wilhelm S. Ich bin schon recht alt. Manchmal denke ich, dass der Tod mich vergessen hat. Mit all der Arbeit, die er auf dieser von Gewalt und Terror beherrschten Welt hat, muss er mich wohl übersehen haben. Wäre ja denkbar. Zwei meiner Kinder sind schon gestorben, sogar ein Enkel. Ich hätte gerne ihre Stelle im Sarg eingenommen, wenn ich ihnen dadurch das Leben hätte zurückgeben können.

Es ist ja meistens so. Diejenigen, die gerne sterben möchten, können nicht, und diejenigen, die das Leben erst zu genießen beginnen, werden aus dem Leben gerissen wie eine junge Pflanze, die aus der Erde gezogen und weggeworfen wird. So war es auch bei uns. Mein Enkel starb bei einem Autounfall, mein ältester Sohn an Krebs, der zweite an einem Herzversagen. Sie waren auch nicht mehr die Jüngsten, aber immerhin. Ich fühle mich schon müde und lebenssatt, doch ich muss noch auf dieser Erde bleiben. Das versteh mal einer.

Doch diese Erinnerungen lenken meine Gedanken in eine nicht vorgesehene Richtung. Eigentlich wollte ich etwas ganz anderes erzählen. Ich bitte um Entschuldigung für diese Abweichung und auch für die, die noch kommen werden, denn ich kann meine Gedanken nicht mehr alle richtig ordnen. Nicht, dass ich die Kontrolle über meine Gedanken verloren hätte, aber ich habe schon so viele Dinge in meinem Leben erlebt, dass meine Gedanken manchmal selbständig zu werden scheinen. Auf jeden Fall gelingt es mir nicht immer, sie so zu kanalisieren, dass ich das Gewollte ausdrücken kann.

Ich denke, ich hatte schon gesagt, dass ich alt bin. Wenn die Informationen in den Dokumenten, die ich über meine Person besitze, sonst stimmen, bin ich momentan 95 Jahre alt. Das ist für einen sterblichen Körper nicht schlecht, finde ich. Geboren wurde ich noch in Kanada, wo ich auch meine ersten Lebensjahre verbracht habe. Die Erlebnisse aus diesen Jahren habe ich sorgfältig in meinem Gedächtnis gespeichert und sie so aufbewahrt, wie es manche Leute mit ihrem ersten Spielzeug machen, um es dann von Zeit zu Zeit hervorzuholen um ihre Kindheitserlebnisse wieder aufwärmen.

Ich denke, dass ich es aus dem Grund so gemacht habe, weil die Zeit in Kanada zu der besseren und leichteren meines Lebens gehört. Natürlich habe ich auch in Paraguay schöne Erfahrungen gemacht, doch die negativen Erlebnisse in den Anfangsjahren waren für mich sehr prägend. Die Ankunft und die raffende Pest in Puerto Casado im Jahre 1926 haben in mir tiefe Wunden hinterlassen. Meine Eltern musste ich beide an diesem verlassenen Ort begraben.

Manchmal habe ich mich später gefragt, ob es die Sache wert war. Wenn ich mir die Gründe unserer Auswanderung aus Kanada nach Paraguay durch den Kopf gehen lasse und sie mit dem Ist-Zustand unserer heutigen Gesellschaft vergleiche, bekomme ich gemischte Gefühle. Als wir aus Kanada auswanderten, hatten wir eine Vision vor Augen. Wir wollten eine Kolonie gründen, wo wir die deutsche Sprache ungehindert unterrichten könnten, wo wir unseren Glauben lehren und ausleben dürften, und wo man uns den Militärdienst erlassen würde.

Da ich schon seit Langem keine körperlichen Arbeiten mehr verrichten kann, habe ich genügend Zeit um zu überlegen. Das ist nicht immer gut, wenn man viel überlegt. Wer zuviel überlegt, gerät in Gefahr, entweder hochmütig oder melancholisch zu werden. Bei mir trifft das Zweite zu. Denn wenn man denkt, merkt man plötzlich, dass die Welt nicht mehr in Ordnung ist. Dazu braucht man übrigens nicht viel Verstand. Aber ich merke, dass ich schon wieder abweiche.

Wie gesagt, war der Wunsch, vom obligatorischen Militärdienst befreit zu werden, ein Grund unserer Auswanderung aus Kanada. Das war unseren Vätern sehr wichtig. Dafür haben sie alles aufgegeben. Manche haben dafür sogar mit dem eigenen Leben oder dem ihrer Kinder bezahlen müssen. Damals, in Puerto Casado. Auch ich hing diesem Ideal an.

Es ist schon einige Jahre her, da wurde ich von einem Jugendwart eingeladen, um auf einem Friedenslehrekursus (ich glaube, er wird auch „Bajakursus“ genannt) etwas über unsere Geschichte in Kanada und unsere Beweggründe zur Auswanderung zu sagen. Ich hatte mich gut vorbereitet. Ich hatte mir vorgenommen, den Jungs etwas über unser gutes System zu erzählen. Darüber, wie gut sie es hätten, dass sie keinen Militärdienst machen bräuchten, und das, ohne sich beim Militär zu einer Inspektion präsentieren noch vor Gericht ihre Gründe zur Verweigerung angeben zu müssen.

Als der große Zeiger der Wanduhr in der Kirche auf die Sieben gerückt war und das Programm beginnen sollte, taumelten die Jungen langsam und missmutig in den Saal. Bevor ich zu Wort kam, machte der Jugendwart die Einleitung. Er stellte den Jungen die Frage, warum sie an diesem Abend an diesem Ort erschienen wären. Na ja, das hätte man auch besser fragen können, finde ich. Ist wohl klar, dass man auf schlechte Fragen auch schlechte Antworten bekommt. So war es auch hier. Denn nach einer etwas längeren Denkpause antwortete einer der Jungen, dass er gekommen sei, weil man ihn dazu verpflichtet und er sowieso nichts Besseres vorgehabt hätte.

Nachdem sich das schallende Lachen gelegt hatte, stellte der eingeschüchterte Jugendwart noch einige Fragen, dieses Mal mit etwas mehr Erfolg. Die Stimmung für den gesamten Abend war jedoch bereits angegeben. So etwas hatte ich nicht erwartet. Heute nennt man das „gewitzt sein“. Früher hätte man das Respektlosigkeit genannt und hätte unbedingt einige Schwielen am Hintern davon getragen. Ja, früher war sowieso alles anders. Manche denken, dass alles besser war.

Auf jeden Fall verlief der Abend anders, als ich ihn mir vorgestellt hatte. Die Jungs verhielten sich zwar ruhig, manche zu ruhig, denn bei einigen bemerkte ich, wie ihre Köpfe nach vorn fielen und sich auch nicht mehr erhoben. Das konnte auf keinen Fall als andächtiges Zuhören interpretiert werden. Die Gedanken der Jungen waren außerhalb des Raumes, das stand fest. Ich ließ mich nicht beirren und beendete meinen Vortrag mit dem Appell an alle, dass man dieses Vorrecht als solches sehen und es schätzen solle. Dafür hätten schließlich ihre Großväter ihre Heimat aufgegeben. Einige nickten, manche lächelten, andere starrten vor sich hin oder schauten auffällig auf ihre Uhr und wollten mir wohl zu verstehen geben, dass meine Zeit abgelaufen sei.

Ich sagte schon, dass ich viel Zeit habe, um zu überlegen. Das habe ich nach diesem Abend auch ausführlich gemacht. Anfänglich gingen meine Gedanken in Richtung „Wo ist der für die Mennoniten so wertvolle Respekt den Älteren gegenüber geblieben?“ Nach und nach jedoch stieß ich auf Fragen, die mir unbekannt waren. Wo waren unsere Ideale geblieben? Warum hatte unsere Erziehung ihr Ziel verfehlt?

Nach diesem Abend habe ich erstmalig das Privileg der Wehrdienstverweigerung angezweifelt. Tief in meinem Herzen musste ich diesem Jungen, von dem ich bis heute nicht weiß, wie er heißt, Recht geben, obzwar ich mich am Abend sehr über seine Bemerkung geärgert hatte.

Dieser junge Mann, obgleich er sich über den Redner hatte lustig machen wollen, hatte doch den Kern der Sache berührt. Denn die Jungen hatten tatsächlich nichts Besseres zu tun als zu diesem Programm zu erscheinen, denn alle wurden ja dazu verpflichtet. Eine Woche lang Vorträge über verschiedene Themen anhören und schon war man ein friedfertiger Wehrdienstverweigerer. Welche Entscheidungsfreiheit bekommt der einzelne Jugendliche? Wären nicht manche ins Militär gegangen, hätte man ihnen die Entscheidung überlassen? Ist es das Beste, wenn alle den Friedenskursus mitmachen, auch wenn viele von diesen davon nicht überzeugt sind? Oder ist es besser, wenn es nicht unbedingt alle sind, und diese aber aus voller Überzeugung dabei sind?

Ich alter Mann habe mich von einem Jugendlichen eines Besseren belehren lassen. Natürlich bin ich immer noch gegen Gewalt und unterstütze die Wehrdienstverweigerung aus vollem Herzen. Meine Erfahrung hat mich jedoch gelehrt, dass auch bei uns, die wir uns wehrlose Mennoniten nennen, die Friedfertigkeit und Wehrlosigkeit nicht angeboren ist. Deshalb sollte man die Kinder und Jugendlichen mehr zum Frieden erziehen und ihnen nicht nur durch einen einwöchigen Kursus das Ticket ins Land der Friedfertigen überreichen.

Ich bin mir dessen bewusst, dass viele meine Meinung nicht teilen werden. Ich nehme es niemandem übel, denn ich habe schließlich auch lange anders gedacht. Es ist viel bequemer per Privileg wehrlos zu werden als per Überzeugung. Das Eine schließt das Andere nicht notwendigerweise aus, garantiert es aber auch nicht.

Eugen Friesen, 8. Oktober 2004

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