Kulturelle Beiträge | Jahrbuch 2004

Toleranz – eine Sache die man aus der eigenen Vergangenheit lernen sollte!

Fröhlich und vor sich hinsummend sieht man die 10jährige Sarah mit einer Tasche in der Hand die Dorfstraße entlang gehen. Sie ist auf dem Weg zu ihrer Oma, die zwei Höfe weiter von ihnen entfernt wohnt. Eigentlich ist es gar nicht ihre Großmutter, sondern ihre Urgroßmutter. Aber da ihre richtige Oma schon vor etlichen Jahren bei einem Unfall starb, ist es für sie die Oma. Es gehört zum Tagesablauf des kleinen Mädchens, diesen Besuch zu machen. Heute hat sie noch frische Plätzchen mit dabei, die ihre Mutter gebacken hat. Schon von morgens an freut sich Sarah auf diesen Besuch. Die Oma kann richtig gut Geschichten erzählen. Meistens erzählt sie von früher, damals, als sie von Kanada in den Chaco kamen. Sarah denkt immer, es muss damals richtig abenteuerlich gewesen sein. Heutzutage erlebt man ja ganz andere Sachen. Nicht so aufregend, findet sie.

Schon von Weitem sieht Sarah, dass die Oma nicht an ihrerm gewohnten Platz unterm Mangobaum sitzt wie meistens, wenn sie um diese Uhrzeit kommt. Da ahnt Sarah schon, dass es der Oma heute mal wieder nicht so gut geht. In der Regel sind die Geschichten an solchen Tagen dann traurig.

Sich dem Hause nähernd sieht Sarah die Oma durchs Küchenfenster. Sie sitzt am Küchentisch und scheint mit ihren Gedanken sehr weit weg zu sein. Ihrem Gesicht sieht man an, dass sie an irgendetwas Trauriges denkt. Zum wievielten Male fallen Sarah die Falten im Gesicht und die Risse in den Händen der Oma auf. Die Oma erzählt oft, wie schwer sie damals gearbeitet haben, als sie sich im Chaco angesiedelt haben. Es muss gar nicht so einfach gewesen sein, denkt sie, kann sich aber die damalige Situation überhaupt nicht vorstellen.

„Hallo Oma“, grüßt Sarah, während sie durch die Küchentür schlüpft und die Tasche mit den Plätzchen vor Oma hinstellt. „Hallo meine Liebe“, kommt die Begrüßung müde zurück. „Warum bist du heute so traurig, Oma?“ „Weißt du, Sarah, ich denke heute den ganzen Tag an deinen Uropa. Es sind nämlich heute genau 20 Jahre her, seitdem er gestorben ist. Deine Mama war damals so alt wie du heute.“ „Oh, und ihr seid bestimmt alle sehr traurig gewesen.“ „Ja, das waren wir. Wir hatten deinen Opa immer sehr lieb.“ „Erzähl mir was von Opa. Ich kenne ihn ja nur von den Bildern, die du hast.“ „Dein Opa war ein sehr strenger Mann. Er glaubte fest an Gott. Zwanzig Jahre lang war er Prediger. Schon in Kanada setzte er sich für unseren mennonitischen Glauben und unsere Traditionen ein. Heute sagen die Menschen, er war einer von den ganz Konservativen. Und doch weiß ich genau, er hat immer versucht, das, was er für Gottes Willen hielt, zu tun.“ „Oma“, unterbrach Sarah sie. „Was ist das, ein ganz Konservativer?“ „Weißt du, meine Liebe, als wir damals im Jahre 1927 aus Kanada auszogen, glaubten wir, keinen anderen Ausweg zu haben, wenn wir unseren Glauben in der Form behalten wollten, wie wir ihn hatten. Die kanadische Regierung wollte uns nämlich zwingen, die englische Sprache in unseren Schulen einzuführen, ihre Lehrer anzustellen und sogar den Religionsunterricht in der Schule verbieten. Das wollten wir nicht. Wir wollten ja, dass unsere Kinder und Großkinder auch noch so leben könnten wie wir. Deshalb entschlossen wir uns, auszuwandern und ein ganz neues Leben, weit ab von aller Welt, anzufangen. Hier im Chaco ging es uns auch sehr gut. Die ersten 25 Jahre. Klar, es war sehr hart, aber man ließ uns in Frieden. Dann kam in den 50er Jahren die Schulreform, d.h. man wollte die ganze Schule und den Unterricht anders machen als bisher. Die Situation war eigentlich wieder genau dieselbe wie damals in Kanada. Nur mit dem Unterschied, dass die Änderung von unseren Leuten kam. Das machte den Opa sehr traurig. Davor waren wir ja gerade geflüchtet. Es zerbrach ihm das Herz, dass unsere Leute sich der Welt so anschließen wollten.“ „Was meinst du mit ‚Welt’?“ Sarah verstand nicht ganz. „Na ja, das Neue, was kam und seiner Meinung nach nicht Gottes Wille war. Dein Opa wollte alles so halten, wie es immer war. Und deshalb bezeichnete man ihn als konservativ oder auch ‚altmodisch’, verstehst du? Am Anfang horchten auch noch viele Leute auf ihn, aber mit der Zeit wurden es immer weniger, bis er eines Tages, mit einigen wenigen anderen, alleine dastand. Die Veränderungen, die jetzt folgten, waren nicht mehr aufzuhalten. Deinem Opa ging es sehr schlecht. Er war sich dessen ganz sicher, dass die Menschen in der Kolonie falsch handelten. Und das machte ihn krank. Er wollte nur das Beste für sie. Die Sorgen um die Gemeinden und Schulen ließen ihn erkranken und nach einigen Monaten sterben.“ Sarah wurde nachdenklich. Obwohl sie den Sachverhalt lange nicht ganz verstand, machte es sie traurig, dass der Opa, der doch anscheinend ein sehr mutiger Mann gewesen war, so leiden musste, nur weil er Gottes Willen befolgen wollte.

Heute ist Sarah selber Mutter von drei Kindern. Ihre Oma ist längst gestorben. Oft denkt sie noch an die täglichen Stunden zurück, die sie mit ihr verbracht und in denen sie vieles über die mennonitische Geschichte gelernt hat. In Gedanken bewundert sie immer wieder die Pioniere, die damals weder Mühe noch Not gescheut haben, sich für die Erhaltung ihres Glaubens einzusetzen. Sie zweifelt daran, nein, sie weiß es eigentlich genau, dass es heute nur wenige Leute gibt, die sich einer solchen Herausforderung stellen würden. Womit sie sich immer wieder beschäftigt ist, dass heutzutage eigentlich wenig von den Personen gesprochen wird, die von der konservativen Tradition nicht weg wollten. Meistens werden jetzt nur die erwähnt, die sich für die Reformen und Erneuerungen in der Kolonie eingesetzt haben. Ist ja auch gut. Sarah selbst ist froh, dass sie heute da sind, wo sie sind. Und sie hält die mutigen Leute, die diese Veränderungen bewirkt haben, auch hoch in Ehren. Aber immer wieder denkt sie an ihren Uropa zurück, von dem sie weiß, dass er ein gottesfürchtiger Mann war. Tief im Herzen wollte er nur Gottes Willen befolgen. Und doch wird er (und andere auch) heute so leicht als ‚Altmodischer’ abgestempelt. Oder sie denkt an die konservativen Mennoniten, die es immer noch gibt, z.B. in Rio Verde. Von ihnen wird behauptet, sie hätten ein gewaltiges Brett vor dem Kopf, da sie so stur an ihren traditionellen Werten festhalten. Klar, das weiß Sarah, werden dort auch Dinge passieren, die nicht in Ordnung sind. Aber hat man überhaupt das Recht, andere wegen ihrer Meinung oder Glaubensauffassung zu verachten? Ganz bestimmt nicht. Sarah nimmt sich vor, toleranter gegenüber Andersdenkenden zu sein.

Während sie so in Gedanken da sitzt, schlüpft ihre 7-jährige Nora ins Zimmer, umarmt sie und bringt eine Bitte hervor. Sie ist in diesem Jahr eingeschult worden und pflegt regen Kontakt zu ihrer Klassenkammeradin Ana Maribel. Maribel ist Lateinparaguayerin, kommt also aus einem nicht-mennonitischen Elternhaus. Nora bittet jetzt darum, die kommende Nacht bei Maribel verbringen zu dürfen. Sogleich schießen Sarah verschiedene Gedanken durch den Kopf: ‚Was wird meine Tochter in einem Heim sehen und lernen, wo nicht der Glaube an Gott ausgelebt wird? Kann ich das verantworten oder soll ich lieber eingreifen und die Beziehung der beiden Mädchen beenden? Auch wenn die Eltern ganz nett sind und ordentliche Leute zu sein scheinen, sie sind eben so anders als wir.’ Während die kleine Nora noch auf eine Antwort wartet, erinnert Sarahs innere Stimme sie an das Vorhaben, das sie vor wenigen Minuten in Bezug auf Offenheit und Toleranz gegenüber ‚anderen’ Leuten machte. Sarah lächelt ihre Tochter an und denkt im Stillen, dass das praktische Ausleben einer theoretischen Entscheidung gar nicht so einfach ist.

Beate de Penner, Colegio Friesland

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