Vorträge | Jahrbuch 2004

Die politische Haltung im Täufertum
Abraham Friesen (1)

Wenn man das Täufertum richtig verstehen will, muss man es im größeren Rahmen der europäischen Geschichte des Spätmittelalters untersuchen. Das gilt besonders, wenn man seine politische Haltung richtig einschätzen will. In letzter Hinsicht gibt es verschiedene weitere sowie auch mehr lokale Kontexte, die man in Acht nehmen sollte. An erster Stelle wäre ohne Zweifel die Beziehung von Kirche und Staat im ausgehenden Mittelalter zu untersuchen; zweitens die Verschiebungen in diesen Beziehungen, verursacht durch die Reformation; drittens die politische Entzweiungen zwischen Reformatoren und Täufern über Politik und Religion; und viertens die Unterschiede in der politischen Haltung zwischen friedlichen und revolutionären Täufern. Wir beginnen mit dem politischen Kontext des späten Mittelalters.

Kirche und Staat im späten Mittelalter

Im späten Mittelalter sprach man allgemein von einem Sacerdotium und einem Imperium: einer universalen Kirche, die ihren Sitz in Rom hatte, und einem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, dessen Sitz in Deutschland war. Diese zwei universalen Mächte stritten sich immer wieder während des Mittelalters über die Frage, wer der Größere im christlichen Reiche - in dem berüchtigten corpus christianum -­sei. Und obwohl der Papst - wahrscheinlich in Anlehnung an Jesu Antwort auf die Frage seiner Jünger, wer der Größte unter ihnen im Reiche Gottes sein würde - sich servus servorum dei (der Diener der Diener Gottes) nannte, strebte er unaufhaltsam nach der plenitudo potestatis im corpus christianum - also, der Vollmacht im christlichen Reich.

Die Päpste benutzten zwei Gleichnisse, um dieses Streben zu rechtfertigen: zuerst das Gleichnis von den zwei Schwertern (das geistliche und das weltliche Schwert), und zweitens das Gleichnis von der Sonne und dem Mond, wo der Papst die Sonne darstellte und der Kaiser den Mond. In beiden Fällen wurde der Papst als höchste Macht im corpus christianum proklamiert, dem der Kaiser und die aufsteigenden Könige sich unterordnen sollten. Der Höhepunkt dieser päpstlichen Aussagen wurde in der Bulle Unam Sanctam des Bonifacius VIII. im Jahre 1302 erreicht.

Aber trotz dieser vielen päpstlichen Proklamationen war man sich immer bewusst, dass es zwei Machtbereiche in diesem christlichen Reiche gab, die ihre verschiedenen Aufgaben hatten und die zusammen arbeiten sollten.

Der Griff der mittelalterlichen Päpste nach der Weltmacht scheiterte aber an den politischen Entwicklungen der frühen Neuzeit. In dieser Zeit, ungefähr 1300 bis 1600, entwickelten sich die verschiedenen Königreiche Europas, vor allem die in England, Frankreich und Spanien zu selbständigen Mächten. Beeinflusst durch das Wiederaufblühen des Römischen Rechts, die Wandlung der wirtschaftlichen Verhältnisse, die auf Geld anstatt Tausch basierten, stehende Heere und anderes mehr, fingen die Könige an, fremde Einflüsse in ihren Königreichen auszuschließen, um ihre Selbständigkeit zu behaupten - auch über die Kirche und ihrem Reichtum. Diese Entwicklung begann um 1309, als der Papst Clemens V. seinen Sitz von Rom nach Avignon (in Frankreich), wegen verschiedenen Zwistigkeiten mit dem französischen König, verlegte. Von 1309 bis 1378 residierte der Papst in Avignon, anscheinend unter dem Einfluss des französischen Königs. Man nennt diese Zeit die Zeit der babylonischen Gefangenschaft der Römischen Kirche. England und Deutschland, die sich gelegentlich während dieser Zeit mit Frankreich stritten, behielten ihr Kirchengeld im Lande und versuchten ihre Kirchen zu nationalisieren.

1378 folgte das große westliche Kirchenschisma, wo zuerst zwei Päpste sich bekämpften, und dann, nach 1409, sich drei stritten. Wer war nun unter diesen der eigentliche Vikar Christi? Ein Land hielt zu dem Einen, das andere Land zu dem Zweiten, und noch ein anderes zu dem Dritten. Erst 1415 kam das Schisma zu Ende. Inzwischen aber besuchte der Schwarze Tod - beginnend 1347 - die europäischen Länder mit seinem Trauma, ein Trauma, das die Kraft der Kirche als Vermittler zwischen Gott und Mensch in Frage stellte, denn die Kirche konnte die Seuche nicht aufhalten.

Verschiedene Könige haben diese Zeit der Kirchenschwäche benutzt, um ihre Macht über die Kirche in ihren Ländern zu erweitern und die Macht der Päpste zu schwächen. So kam es, dass der spanische König die Kirche im Lande in seiner Hand hatte, der französische König von einer gallischen Kirche in seinem Lande sprechen konnte, und der englische, im Jahre 1534, eine anglikanische Kirche proklamieren konnte, in der der Papst seiner Macht beraubt war. In mancher Hinsicht machen diese Entwicklungen zum Staatskirchentum deutlich, warum - mit Ausnahme von England - keine Reformationen in diesen Ländern stattfanden.

Die Politik der Reformationszeit

In Deutschland, Heimat der Reformation, kam es anders. Dort gab es während des Mittelalters keine starke zentrale politische Macht, denn der Kaiser - seit 1356 und der Goldenen Bulle - verlor allmählich seine Macht an die Kurfürsten und Fürsten des Reichs. Die Letzteren aber waren der Kirche umso mehr ausgeliefert. Und so kam es, dass die schlimmsten kirchlichen Mißbräuche im deutschen Reich stattfanden, am sichtbarsten in der Institution des Ablasskaufs. Aus Protest gegen diesen schlug Luther 1517 seine 95 Thesen an die Tür der Wittenberger Schlosskirche. Seine soeben erworbene Überzeugung, dass die Erlösung des Menschen nur durch den Glauben zu erlangen sei, drängte ihn dazu.

Von seinem Angriff auf den Ablasskauf ging Luther über zu der Messe, die er nun einen Greuel vor Gott schalt. Wenn man schon den Ablass abschaffen konnte, konnte man die Messe auch abschaffen, eine Messe, die das Hauptstück des katholischen Gottesdienstes war und noch ist. Schon zu Beginn des Jahres 1519 fingen er, Karlstadt, Melanchthon, Amsdorf und verschiedene andere an, eine „evangelische“ - also eine gereinigte - Messe privatim zu feiern, und zwar in beider Gestalt. Man musste ja Wort Gottes und Kirchenbrauch in Übereinstimmung bringen. Und so kam es, dass Karlstadt die Einwohner Wittenbergs zu einer evangelischen Messe für den 1. Januar 1522 in des Kurfürsten Schlosskirche, einlud. Als der Kurfürst davon hörte, verbot er die Feier am 1. Januar (Luther war zu der Zeit auf der Wartburg, wo der Kurfürst ihn nach dem Wormser Reichstag in Schutz genommen hatte). Karlstadt aber vorverlegte die Feier auf den 25. Dezember 1521. Es kam zu Unruhen und Beschwerden, denn der Kurfürst hatte schon lange gewarnt, dass die Wittenberger Reformatoren, obwohl sie das „heilige Evangelium“ predigen durften, vielleicht auch sollten, keine Änderungen in dem Gottesdienst oder dem Kirchenbrauch einführen sollten.

Aber gerade hier lag das Problem: Auf der einen Seite schützte der Kurfürst Luthers Recht, das Evangelium frei zu predigen; auf der anderen Seite, weil er die Intervention in seine politischen Interessen von Seiten des Kaisers fürchtete, wollte er keine Kirchenänderungen zulassen. Karlstadt aber hatte jetzt eine solche eingeführt, und zwar in Bezug auf eine der wichtigsten kirchlichen Zeremonien. Und, wie gefürchtet, blieb die kaiserliche Intervention nicht aus. Schon am 20. Januar 1522 kam ein Mandat von dem Reichsregiment aus Esslingen, das unter Drohungen einen Rückzug in Wittenberg verlangte. Während die Reformatoren vor dem Mandat gesagt hatten, dass Friedrich der Weise die Folgen davon auf sich nehmen müsste, weil Gott das klare Evangelium in des Kurfürsten Land hatte aufgehen lassen, sahen sie jetzt die Konsequenzen. Und der Kurfürst machte ihnen klar, dass ihr ganzes reformatorisches Streben untergehen würde, wenn sie hartnäckig auf ihrer Sache bestehen blieben. So wurden die Messereformen rückgängig gemacht und die Hand des Kurfürsten gestärkt. Und so kam es auch, dass der Kurfürst die Frage der Reformation in seinen Ländern in dieser Weise löste - Wort Gottes predigen, aber keine Änderungen in den Kirchenbräuchen und Zeremonien zulassen.

Das Nürnberger Mandat vom 6. März 1523

Obwohl der Wormser Reichstag durch das Edikt vom 9. April 1521 Luther in Acht und Bann gestellt hatte, war das Problem der Reformation im Heiligen Römischen Reich nicht gelöst. Denn Luthers Schriften wurden immer noch gedruckt und in alle Welt geschickt und die Zahl seiner Nachfolger wurde immer größer. So kam es in den Jahren 1522-1523 zu einem zweiten Reichstag, der die Lutherfrage regeln sollte. Weil der Kaiser aber in Spanien war, musste das Reichsregiment, das 1521 stellvertretend die exekutive Macht im Reich ausübte, die Leitung übernehmen. Zwanzig führende Männer des Reichs machten das Reichsregiment aus; zwei Präsidenten - Friedrich der Weise und Friedrich von der Pfalz - wechselten sich alle sechs Monate ab.

In diesem Reichsregiment führte Friedrich der Weise, Kurfürst von Sachsen, durch seinen Stellvertreter Hans von der Planitz seine Reformationspolitik durch. Und am 6. März 1523 wurde diese Politik durch ein Reichsmandat Gesetz für das ganze Reich. Die Schwerpunkte des Gesetzes waren: 1) Es befahl, dass alle politischen Instanzen im ganzen Reich darauf achten sollten dass alle Prediger nur das heilige Evangelium nach der Deutung der besten Kirchenlehrer predigen sollten. Obwohl solch ein Gebot der Reformation zugute kam, kam die Reformation - und allmählich die reformatorischen Kirchen - dadurch unter die Kontrolle der politischen Mächte. (Im Jahre 1530 sagte der Straßburger Gesandte Jakob Sturm von den Predigern auf dem Augsburger Reichstag, dass sie alle die Theologie ihrer Fürsten predigten) 2) Obwohl alle Priester und evangelischen Prediger nur das heilige Evangelium predigen sollten, konnten sie keine Änderungen in den Gottesdiensten einführen, bevor nicht ein Kirchenkonzil die ganze Sache der Reformation untersucht hatte. Solch ein Konzil sollte in einem Jahr stattfinden - aber erst 1545 kam das Konzil zustande. „Mittlerweile“ aber sollte man nur das heilige Evangelium nach der Deutung der von der christlichen Kirche anerkannten Kirchenlehrer predigen. Wer waren diese Lehrer? Katholiken behaupteten die Letzten, wie Duns Scotus, Thomas von Aquin usw. Protestanten meinten die Frühesten, die großen Kirchenväter des 3. und 4. Jahrhunderts. Man konnte sich in dieser Frage nicht einigen, und so wurde der Satz ohne Namen in das Reich geworfen. Zuletzt war der Streit zwischen Katholiken und Protestanten ärger als zuvor.

Das Mandat in Wittenberg und Zürich

a) Wittenberg

Obwohl Luther, nachdem er von der Wartburg im März 1522 zurück kam, Karlstadts Reformen unter Friedrichs Anleitung abschaffte, wurde ihm innerhalb eines Jahres klar, dass er dem Mandat nicht gehorchen konnte, denn während er die Messe einen Greuel vor Gott schalt, musste er sie jeden Sonntag als Priester öffentlich feiern. Er tat es, weil Friedrich ihn überzeugt hatte, dass die Leute für eine solche Änderung im Gottesdienst nicht genügend vorbereitet seien. Aber als Albrecht von Mansfeld ihn im April 1523 fragte, ob ein Fürst die Messe feiern könne wenn er überzeugt sei, dass sie ein Greuel vor Gott sei, musste er es verneinen. Als er daraufhin selber die Messe in Wittenberg abschaffen wollte, stand ihm Friedrich der Weise mit seinem Nürnberger Mandat im Weg. Erst am 10. Mai 1525, nachdem Friedrich gestorben war, wurde die Messe in Wittenberg abgeschafft und weitere Änderungen in den Gottesdienst eingeführt.

Hier nun lag die große Schwierigkeit: Auf Grund des Evangeliums schalt man, schon mindestens seit 1521, die Missbräuche in der Kirche von der Kanzel als Greuel vor Gott, und besonders die Messe. Aber man musste sie trotzdem alle beachten und feiern, weil das Mandat Änderungen verbot, bis ein Konzil sie abschaffen oder ändern würde. Das Konzil aber ließ auf sich warten, weil der Papst und der Kaiser sich nicht einigen konnten, wo und wie das Konzil einberufen werden sollte und was es zuerst behandeln sollte. Und so wurde es erst 1545 einberufen, und zwar in der Grenzstadt Trient.

Dieser Sachverhalt führte zu einer Scheidung der theologischen Geister: Radikale Reformatoren meinten, die Politiker sollten mit kirchlich-theologischen Fragen nichts zu tun haben; wenn man überzeugt sei dass der kirchliche Brauch nicht auf einer biblischen Basis ruhe, müsse man ihn sofort ändern. Änderungen aber waren durch das Nürnberger Mandat gesetzlich verboten.

b) Zürich

In der Fastenzeit vor Ostern 1522 hatte Ulrich Zwingli, Reformator von Zürich, an einer Veranstaltung teilgenommenn auf der gegen das Kirchengesetz Fleisch gegessen wurde. In seiner nächsten sonntäglichen Predigt rechtfertigte er die Übertretung. Der Bischof von Konstanz aber, der die Aufsicht über Zürich hatte, konnte Zürichs Verbrechen nicht übersehen. Er griff ein, schrieb dem Rat und verlangte einen Rücktritt. Der Rat dagegen, veranstaltete Ende Januar 1523 ein öffentliches Gespräch über die Frage. Inzwischen wurde das Nürnberger Mandat vorbereitet. Schon im Januar war es an die Öffentlichkeit gekommen in Form eines Reichsabschieds. Und Zürich wusste wohl, was sich in Nürnberg abspielte - sie hatten ihre Emissäre am Platz.

Das Gespräch also, das in Zürich Ende Januar 1523 zwischen Zwingli und Johann Fabri stattfand, musste auf Grund der Bibel - da nichts als das heilige Evangelium in solchen Gesprächen zu gelten habe - geführt werden. Das kanonische Recht der katholischen Kirche sowie ihre Tradition und die Erlasse der Päpste und Konzilien waren in den Predigten und Gesprächen plötzlich ungültig geworden. Und so kam es, dass das Zürcher Gespräch vom 29. Januar 1523 auch die Entscheidung traf, nur das heilige Evangelium müsse gepredigt werden. Es blieb aber nicht bei der Entscheidung derer, die am Gespräch teilgenommen hatten: der Bürgermeister und Rat griffen zu und gaben ein Mandat heraus, das befahl, dass alle Priester in Zürich und seiner Umgebung von nun an nur das heilige Evangelium predigen sollten, und zwar nach der Auslegung Zwinglis!

Der Bruch der Täufer mit Zwingli

a) Das Zweite Zürcher Gespräch - Oktober 1523

Soweit waren Zwinglis Nachfolger mit ihm zufrieden, und sie fingen an das Evangelium in Stadt und Land zu predigen. Aber um in den Gottesdiensten Änderungen einzuführen die mit der neuen Proklamation des Evangeliums übereinstimmen würden, ordnete man ein zweites Gespräch für Oktober an, wo man die Missbräuche der Kirche besprechen könnte. In diesem zweiten Gespräch wurden Messe und Heiligenbilder verurteilt, aber irgendwelche Reformen in diesen Sachen wurden „meinen Herren vom Stadtrat“ überlassen. Dies war Zwinglis Entschluss; viele seiner Jünger wollten ihm aber hierin nicht folgen. So sprach Simon Stumpf, einer der Letzteren: „Meister Ulrich, wir können diese Reformen den Herren vom Stadtrat nicht überlassen, denn der Heilige Geist hat gesprochen.“

Eine Änderung in der Messe wurde aber erst Ostern 1525 eingeführt, nachdem der Bürgermeister gestorben war. Und so mussten Zwingli und seine Mitarbeiter die Messe bis zu dieser Zeit feiern, obwohl sie die Messe als einen Greuel vor Gott verdammten. Solche Kompromisse wollten Zwinglis radikale Jünger nicht mitmachen. Sie kamen daher zu ihm und sagten, dass sie es so tun wollten, wie es die Apostel in der Zeit Christi getan hatten - eine freiwillige Kirche wahrer Nachfolger Christi zu errichten. Zwingli aber wehrte sie ab mit Augustins Deutung des Gleichnisses vom Weizen und dem Unkraut, und sagte ihnen, dass Christen auch unter dem Unkraut leben könnten. So wählten die Jünger Zwinglis den Weg der Freikirche, und am 21. Januar 1525 vollzogen sie die erste Glaubenstaufe nach vielen Hunderten von Jahren.

b) Die Verfolgung der „christlichen Brüder“

Und nun zeigte sich, was für ein Staat der sogenannte protestantische „christliche Staat“ eigentlich war, denn unter Zwinglis eigener Anleitung fing er an, anders Glaubende zu verfolgen und ums Leben zu bringen. Schon im September 1524 hatte Konrad Grebel, Führer der radikalen Gruppe, Thomas Müntzer geschrieben, dass wahre Christen „schaffe der schlachtung“ seien, die in „angst und not, trübsal, verfolgung, liden und sterben getaufft“ werden müssten. Auch sie wussten, wie alle Protestanten im 16. Jahrhundert, dass die wahre Kirche nur eine verfolgte Kirche sein konnte. Wenn eine Kirche anfing andere zu verfolgen, war sie schon eine abgefallene Kirche; eine Kirche, die sich mit der Welt vermählt hatte. Welcher wahre Christ konnte nun irgend etwas mit diesen beiden Institutionen zu tun haben?

Aus obigen Gründen machten die ersten Täufer so einen starken Unterschied zwischen Reich Gottes (Kirche) und dem Reich dieser Welt (der Staat). Nach ihrer Ansicht konnte der Christ keine Kompromisse mit solch einem Staate machen. Also sagten sie in ihrem Schleitheimer Bekenntnis von 1527:


Am 5. Januar 1525 wurde Felix Mantz in Zürich ertränkt. Konnte Zwingli, der dieses verursacht hatte, ein Christ sein? Der Staat war zwar gegen die Täufer, aber es waren die evangelischen Prediger - wie die Täufer überall beteuerten - die den Staat zur Verfolgung der Täufer hetzten. Und diese selben evangelischen Prediger, wie Sebastian Castellion in seinem Buch über die Verbrennung der „Ketzer“ schrieb, hatten zuerst selber - als sie gegen die katholische Kirche auftraten - für ihre Religionsfreiheit plädiert. Er verglich sogar ihre frühen Schriften in dieser Beziehung mit den späteren, in denen sie dieselbe Freiheit ihre protestantischen Gegnern verweigerten - nachdem sie die Gunst des Staates durch ihre Kompromisse erworben hatten.

Es ist kein Wunder, dass die Täufer von solch einer Kirche, von solch einem Staate, nichts wissen wollten. In solch einem Staate konnte kein wahrer Christ dienen, keinen Posten bekleiden. Und obwohl in dessen Kirchen die Prediger das Wort Gottes rühmten, zeugten diese Predigten keine geistliche Frucht. „Von all diesem,“ sagten sie, „sollen wir getrennt leben und keine Beziehungen zu ihnen haben, denn sie sind lauter Greuel, die uns gehasst machen wollen vor unserm Herrn Christus, der uns von der Knechtschaft des Fleisches befreit hat und uns für den Dienst Gottes geeignet hat, und den Geist den er uns gegeben hat.“

Luther und viele andere hatten die katholische Kirche die Hure Babylons gescholten, weil sie die wahren Christen töteten; ja, sagten die Täufer, wie kann die evangelische Kirche besser sein?

Trennung von Kirche und Staat

Hätte Friedrich der Weise nicht in der Luthersache eingegriffen, wären zwei Ergebnisse möglich gewesen: 1) Entweder hätte die lutherische Bewegung sich zur Freikirche entwickelt - die ersten Anfänge dazu waren schon vorhanden, als Friedrich eingriff; oder 2) die Bewegung wäre von ihren katholischen Gegnern vernichtet worden. Das Letztere fürchteten sie. Aber es hätte auch nicht so kommen müssen, denn die Täuferbewegung blieb trotz der schwersten Verfolgungen von außen, und die schlimmsten Anfechtungen von innen durch die Gewaltanwendung der Münsteraner bestehen.

Die Frage für uns ist aber: Welche Konsequenzen haben die friedlichen Täufer aus diesen Umständen für ihr politischen Handeln gezogen? Die erste Konsequenz war, dass man eine scharfe Trennung ziehen musste zwischen Kirche und Staat. Die Täufer sind die ersten gewesen, die eine solche Scheidung verlangten. Hier spielten theologische wie zeitlich-politische Faktoren eine Rolle. Der amerikanische Täuferforscher Franklin H. Littell hat so darüber geschrieben:


Das war die eigentliche Politik der Täufer - diese Trennung zustande zu bringen. Als sie das nicht tun konnten, wandten sie sich von dem „christlichen“ Staat und der „staatlichen“ Kirche ab und wollten mit beiden nichts zu tun haben.

Was hätten die Täufer getan, wenn die Kirche vom Staat im 16. Jahrhundert getrennt gewesen wäre? Hätten sie den Staat und die bestehende Staatskirche so schroff abgelehnt? Und wenn sich in dieser Hinsicht vieles in den Ländern der Welt geändert hat - in den Vereinigten Staaten und anderen Ländern der westlichen Welt - müssen wir uns an ihre schroffe Ablehnung binden lassen? Auch ist es in einem demokratischen Staate anders als in den Staaten des 16. Jahrhunderts. Ändert das die Einstellung eines Christen zur politischen Welt? Ich glaube schon. Das täuferische Prinzip ist hier Trennung von Kirche und Staat; wenn solch eine Trennung vorhanden ist, kann auch die Stellung eines Christen zum Staat positiver sein. Man könnte sogar in einem demokratischen Staate, in dem Kirche und Staat getrenntn sind, einen politischen Posten bekleiden. So tun es zumindest viele kanadische und auch einige amerikanische Mennoniten.

Politik und Wehrlosigkeit

Als ich noch ein junger Dozent war - etwa drei Jahre im Beruf - bekam ich eine Einladung, einen Vortrag über Reformation und soziale Ethik an einem christlichen (evangelischen) College zu halten. In dem Referat kam ich auch auf die Wehrlosigkeit der Täufer zu sprechen. Nach dem Vortrag wurde ich über diese Wehrlosigkeit befragt. In meiner Antwort sagte ich ganz offen, dass ich Mennonit sei und an die Wehrlosigkeit des Christen glaubte - und sie auch übte. Noch hatte ich keinen Menschen erschlagen!

Da kam es sofort: Wenn ich zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt werden sollte, was würde ich tun - also, mit der Armee. Ohne mich auch nur eine Sekunde zu bedenken, sagte ich: Ich würde sie abschaffen! Da konnte man ein schweres Seufzen in dem Saal hören. Ich meinte aber, dass sie keine Furcht haben sollten. Wäre ich ein Kandidat für die Präsidentenwahl, so würde ich den Wählern frei heraus sagen, was ich im Sinn hätte. Deshalb würde meine eventuelle Kandidatur nur von kurzer Dauer sein.

Aber nun zur Sache. Kann ich als wahrer Mennonit überhaupt einen Posten in einer Regierung bekleiden, die das Schwert braucht, um Verbrecher zu strafen und Krieg gegen „enemies foreign and domestic“ zu führen, wie es in dem Präsidenteneid der USA heißt? Wenn man die Wehrlosigkeit aufgegeben hat, wie es die meisten europäischen Mennoniten schon um die Zeit der napoleonischen Kriege getan haben, dann kann man sogar als Mennonit Kriegsminister werden, wie vor Kurzem in den Niederlanden. Kann man einen Regierungsposten bekleiden, zwar nicht den des Kriegsministers, wenn man wehrlos sein will? Ist man nicht von der Kriegseinstellung aller Regierungen kompromittiert, wenn man irgendeinen Regierungsposten bekleidet? Die Täufer sagten, ja. Es gibt aber in Kanada und auch anderswo, Personen die in solchen Posten dienen und gedient haben.

Reicht es aus, dass man vielleicht den Kriegsenthusiasmus mildert? Hätte ein Mennonit in George W. Bushs Regierungskabinett seinen Hunger nach Rache bremsen oder den Präventivkrieg gegen den Irak aufhalten können? Im 16. Jahrhundert wollten die Täufer überhaupt nichts mit einer weltlichen Regierung zu tun haben; sie sagten frei heraus, dass ein Christ keinen Regierungsposten bekleiden dürfe. Aber die Verhältnisse waren zu der Zeit auch anders. Und diese veränderten Verhältnisse muss man doch in Betracht ziehen. Es gab ja schon unter den Täufern Männer wie Felix Mantz die sogar die amtliche Todesstrafe einer Regierung verneinten, und Männer wie Balthasar Hubmaier, die meinten, der Christ müsse der Regierung in den Kampf folgen.

Der Eid

Im 16. Jahrhundert, in einer Welt, in der die meisten Leute nicht lesen noch schreiben konnten, war der geleistete Eid der Klebstoff, der die Gesellschaft zusammenhielt. Überall wo gesellschaftliche Obligationen vorhanden waren mussten die Parteien einen Eid ablegen, um ihr Versprechen zu erhärten oder zu konfirmieren. Wenn man unter diesen Umständen einen Eid verweigerte - wie es die Täufer taten nach Christi Wort: Euer Ja sei Ja und Euer Nein, Nein - so wurde man als ein Umstürzler angesehen. Die Täufer verweigerten ihn trotzdem, nach dem Wort, man müsse Gott mehr als den Menschen gehorchen.

Aber auch in dieser Hinsicht hat sich manches geändert. In den Vereinigten Staaten darf man an Eides statt eine feierliche Erklärung leisten. Auch dieses ändert das Verhalten eines Christen zum Staat. Mir will also scheinen, dass die Linie zwischen Gut und Böse in vielen modernen Staaten nicht mehr so markant ist, wie sie im 16. Jahrhundert den friedlichen Täufern vorkam. „The times they are a-changing“ sagt ein altes amerikanisches Volkslied, und der Staat steht vielfach nicht mehr in Konflikt mit dem Christentum, wenigstens nicht prinzipiell. Und so kann - oder sollte - der moderne Mennonit das politische Handeln der Täufer nicht so einfach übernehmen und auf seine eigene Zeit anwenden. Denn das politische Handeln der Täufer bezog sich auf ihre Welt, nicht auf unsere. Wir sollten eher ihre christlichen Prinzipien prüfen, und wenn sie die Probe bestehen, für unsere Zeit und Verhältnisse anwenden.

Was kann man nun zur Politik der Täufer, der friedlichen Täufer, sagen? Vielleicht zuerst, dass die politischen Normen, die in den verschiedenen Ländern maßgebend waren, sich über die Zeiten geändert haben. Solche Änderungen können die Lage bessern oder verschlechtern. Im 16. Jahrhundert waren sie besonders schlecht, und die Täufer lehnten deshalb jegliche Beteiligung an der Politik ab. Anhand derselben täuferischen Prinzipien, glaube ich, könnte der Mennonit heute eine andere Stellung zum Staat einnehmen. Weil die politische Lage sich zum Besseren - ich mache ein Fragezeichen - geändert hat. Man muss sich aber seiner Prinzipien sicher sein, und sie immer wieder anhand der Heiligen Schrift prüfen. Man muss auch die politischen Zustände immer wieder untersuchen, um zu prüfen, ob der Christ zum Guten des Landes und seiner Einwohner in der Politik arbeiten kann, oder ob er von den nicht-christlichen Mächten überwältigt wird. Die Täufer aber sagten sich: „Christus, durch seinen Missionsbefehl in Mt. 28, hat uns berufen, das Evangelium in aller Welt zu predigen. Also, wir haben eine höhere Berufung als uns in die Politik einzumischen. Wir sind berufen, das Evangelium von Jesus Christus, die frohe Botschaft, in alle Welt zu tragen“. Das, sagten sie, ist des Christen eigentliche Berufung. Alles andere ist viel weniger wichtig. Und so haben sie es anfänglich gemacht.


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Fussnote:
Professor für Reformationsgeschichte an der University of California, Santa Barbara.