Vorträge | Jahrbuch 2004

Die Politik der Mennoniten in Russland:
Verfolgung und Lebensmöglichkeiten

Abraham Friesen (1)

Die Verfolgungen der Täufer, besonders nach der münsterischen Katastrophe, beschränkten das politische Handeln der Täufer auf Appelle an die Obrigkeiten um Religions- und Gewissensfreiheit. So schrieb Menno in den fünfziger Jahren an die „christliche Obrigkeit“, in der Schweiz, wo die Verfolgungen vielfach am schwersten waren, schrieben die Täufer noch 1575 und 1585 zwei größere Bittschriften, „Einfältige Bekenntnisse“ genannt. Die eine ist etwa 460 Manuskriptseiten lang! Ihr Hauptargument war, wie sie selbst schrieben: Wir würden wohl zufrieden sein, wenn die (Zürcher) Obrigkeit uns an Hand der frühen Schriften ihrer eigenen Reformatoren leben ließe. Damit wollten die Täufer sagen, dass die magistralen Reformatoren selber - Luther, Zwingli, Bullinger, Bucer, Melanchthon, und wie sie noch alle hießen - ihre ersten, besten Einsichten in das „heilige Evangelium“ kompromittiert hatten, um die Gunst ihrer Obrigkeiten zu gewinnen. Wie wir gestern Abend sahen, geschah dies an Hand des Nürnberger Mandats vom 6. März 1523. Als diese Reformatoren die Gunst der Obrigkeiten gewonnen hatten, verlangten sie die Verfolgung ihrer Gegner: Luther die Verfolgung Thomas Müntzers und Zwingli die von Felix Mantz.

Auf dem zweiten Reichstag zu Speyer im Jahre 1529 wurde dann ein allgemeines Verbot gegen die Täufer herausgegeben, dass sie zum Tode verurteilte. Wer sollte sie weiterhin schützen? Wie Konrad Grebel in seinem im September 1524 an Thomas Müntzer verfassten Brief schrieb, in dem er Müntzers revolutionäre Ansätze verwarf:


Von der Welt, ja, sogar von den Reformatoren selber, kam die Verfolgung. Die Täufer aber sahen sich als „schaffe der schlachtung.“

Das Überleben der Täufer

Wo konnten sich die Täufer in solch einer Welt halten? Gewiss nicht in den habsburgischen Ländern, wo der Kaiser direkte Kontrolle über die Kirche ausübte - also weder in Österreich, den Niederlanden (vor der Revolution von 1559), noch in anderen katholischen Teilen des Reichs. Und meistens auch nicht in den Städten, wo sie durch den Einfluss katholischer oder evangelischer Prediger verketzert wurden - und es waren hauptsächlich die Theologen, die die Obrigkeiten gegen die Täufer hetzten. Vereinzelt konnten die Täufer - wie in Ostfriesland - gnädige Landesfürsten finden, die sie schützten, aber auch hier nur unter strengen Bedingungen. Diese Bedingungen wurden oft in Schutzbriefen niedergelegt. Es gibt eine Reihe solcher Schutzbriefe, und zwar ist der erste - soweit wir jetzt wissen - der ostfriesische Schutzbrief vom Jahre 1623. Die Hauptbestimmungen waren immer dieselben: 1) Die Täufer/Mennoniten durften keine Kirchen haben und auch keine öffentlichen Gottesdienste halten; 2) sie durften keine Proselyten machen, niemanden für ihre religiösen Ansichten zu gewinnen suchen; und 3) sie mussten auch außerordentliche Steuern zahlen usw.

Durch solche Verträge wurden die Täufer oder Mennoniten „die Stillen im Lande.“ Sie wurden dazu durch die Verfolgungen gedrängt, denn in der Reformationszeit und im ganzen 16. Jahrhundert waren sie aggressive Missionare gewesen. Jetzt aber, machten sie Kompromisse mit dem Missionsbefehl Christi: „Gehet hin in alle Welt und prediget das Evangelium allen Kreaturen,“ um ihr Leben zu retten, und dann später den Kriegsdienst zu vermeiden. So blieben sie im Schatten der Politik und hingen an ihren Prinzen, die ihnen ihre werten Schutzbriefe gegeben hatten. Das politische Leben war ihnen verboten; sie hatten nur ihre Schutzbriefe, die später in Privilegien verwandelt wurden, als die Zeiten sich änderten.

In Polen bekamen die Mennoniten eine ganze Reihe solcher Privilegien von den Königen. Aber wenn ein König starb, verlangten sie von seinem Nachfolger entweder eine Bestätigung ihrer alten Privilegien oder ein neues Privilegium. Solch ein Privilegium schützte sie - so glaubten die Mennoniten wenigstens - vor dem Neid und dem Hass der Umwelt und der Laune des Prinzen-Königs selbst. Aber als Polen durch die drei Teilungen von Polen ab 1772 in die Hände der preußischen Herrscher kam, wurden ihre Privilegien - besonders ihre Befreiung vom Kriegsdienst - allmählich angegriffen. Die Mennoniten wandten sich an den preußischen König, in dessen Land sie sich nun befanden. Dieser aber wollte keine Kriegsverweigerer in seinem Lande dulden. Ihr Recht, Land zu kaufen, wurde eingeschränkt und ihre Privilegien in Frage gestellt. Da griffen die polnischen Mennoniten zu ihrer altehrwürdigen Politik - zur Auswanderung - und zwar dieses Mal nach Russland.

Die Mennonitenpolitik in Russland vor der Februar-Revolution von 1905

Zarin Katharinas erstes Landangebot von 1763 wurde von den preußischen Mennoniten ignoriert. Aber ihr zweites, nach den Teilungen von Polen, wurde angenommen. Sie sandten ihre Männer - Höppner und Bartsch - nach Russland, um das Land an Ort und Stelle zu untersuchen. Sie verhandelten über Privilegien mit Potemkin und auf die Versicherung Katharinas, dass die mennonitischen Privilegien von kaiserlicher Hand selbst geschrieben, ihnen zugestellt werden würde, nahmen sie das Angebot an. So wurde ihnen im Jahre 1800 das Große Privilegium, von Paul I. selbst geschrieben, zugestellt. Im Chortitzer Gebietsamt aufgehoben, versicherte das Große Privilegium den Mennoniten ihre Sonderstellung im Reich „auf ewige Zeiten.“

Das mennonitische Vertrauen auf die autokratischen Mächte der Zeit hatte sich gelohnt, denn hier nun im Land der Zaren und der orthodoxen Kirche wurde ihnen 1) die freie Ausübung ihre Religion versichert (es gab in Russland aber keine Trennung von Kirche und Staat, obwohl eine Art von Religionsfreiheit existierte); 2) der Kriegsdienst auf ewige Zeiten erspart; 3) verschiedene Steuern zeitweilig erlassen; 4) sie konnten in geschlossenen Ansiedlungen leben (warum ist umstritten; wahrscheinlich wollte die Landeskirche - wie schon alle anderen Landeskirchen vorher - keine Konkurrenz von ihnen dulden); 5) sie konnten sich selbst regieren und ihre eigenen Schulen aufbauen; aber 6), war ihnen verboten Proselyten unter den Orthodoxen zu machen. Also, obwohl sie Religionsfreiheit hatten, existierte keine Gewissensfreiheit in Russland, und jeder Austritt aus der Landeskirche wurde hart bestraft. 7) Die Mennoniten durften auch keine richtigen Kirchen mit Glocken und Türmen bauen, sondern nur schlichte und einfache Bethäuser.

Obwohl nun das Große Privilegium den Mennoniten Russlands viele Vorteile bot, so schränkte es sie doch in der Verkündigung des Wortes Gottes auf ihre eigenen Leute ein. Aber das waren sie doch schon lange gewohnt; dies war ihnen überall geschehen, wo eine Landeskirche herrschte. In den Akten gibt es auch keine Diskussion unter den auswandernden Mennoniten über dieses Verbot. Im Jahre 1800 war dies schon lange kein Hindernis mehr. Erst als die Mennoniten Brüder 1860aufkamen wurde das Proselytenverbot problematisch. Und zwar unter den beiden mennonitischen Gruppen, weil die Mennoniten Brüder das Verbot überschritten; und zwischen den Mennoniten als solchen und der Regierung.

Trotzdem könnte man die mennonitische Politik in Russland von 1800 bis 1905 eine Politik der Erhaltung des Großen Privilegiums nennen. Denn sie bestand hauptsächlich in der Einreichung von Bitten um die Erhaltung ihrer Privilegien, wenn ein neuer Zar den Thron bestieg, weil sie in der Vergangenheit des Öfteren die Erfahrung gemacht hatten, dass Regierungs- oder Königswechsel althergebrachte Verträge aufheben konnten. Und sie spürten ganz klar, wenn sie die Gunst des Zaren verlieren sollten, hätten sie keinen Halt im Lande mehr. Sie waren ja eine sehr kleine Minderheit in einem großen, fremden Völkerreich. Konnte man sich als eine kleine religiöse und ethnische Gemeinschaft in solch einem großen Reiche erhalten, wenn man das Wohlwollen des Kaisers verlieren sollte?

Kirche und Staat in den mennonitischen Kolonien

Diese religiöse und ethnische Gemeinschaft war auch eine politische Gemeinschaft, die sich selbst verwaltete. Abgeschlossen von der größeren Gesellschaft, arbeiteten Kirche und Staat zusammen, ohne viel Aufsicht von Seiten der russischen Regierung. So verschmolzen im kleineren Rahmen mennonitische Kirche und mennonitischer Staat zu einem corpus mennoniticum, der sich im Jahre 1860, als die Mennoniten Brüder sich von ihm trennten, in der Sprache der lutherischen Landeskirche verstand als eine „gemischte“ Kirche von Weizen und Unkraut. Ältester Lenzmann von Gnadenfeld hat die mennonitische Kirche mit diesem Gleichnis 1860 gerechtfertigt, spätere Konferenzen haben es in ihren Resolutionen bestätigt, und Ältester Heinrich Dirks hat es im Jahre 1892 in seinem Buch Das Reich Gottes im Lichte der Gleichnisse theologisch schriftlich aufgearbeitet. Aber hier ist nicht der Platz, wo man die innere Politik der mennonitischen Kolonien Russlands untersuchen kann. Vor Jahren schon hat Robert Kreider einen Aufsatz darüber geschrieben wie auch vor kurzem James Urry in seinem Buch None but Saints.

Um die Zeit der Gründung der Mennoniten Brüdergemeinde fingen in Russland auch die großen Reformen an: die Emanzipation der leibeigenen Bauern; die Errichtung von eigenständigen Gerichten; die Verleihung von demokratischen Institutionen an das ländliche Volk in den Zemstvos. Diese Zemstvos, die den Rahmen der mennonitischen Politik erweiterten, weil sie größere Landesteile repräsentierten, brachen die Geschlossenheit der mennonitischen Kolonien zum Teil auf und wollten sie dadurch stärker in die breitere Gesellschaft integrieren.

Die Russifizierung der mennonitischen Schulen, in denen die Fächer in der russischen Sprache unterrichtet werden sollten, in denen russische Lehrer in den Kolonien von der Regierung eingesetzt wurden, hatten denselben Zweck - also die Minderheitsgesellschaften Russlands in den russischen mainstream einzufügen.

In den Zemstvos machten die Mennoniten mit, aber sie sträubten sich gegen die Russifizierung ihrer Schulen. Peter Braun schreibt darüber:


Die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht

Die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht in Russland im Jahre 1873 sollte Russland mit den anderen Ländern Europas militärisch gleichstellen; aber sie hatte auch einen anderen Zweck. Dieser andere Zweck war die Sozialisierung oder Vergesellschaftung der Soldaten in Russland. Das hat Eugene Weber schon 1976 für Frankreich gezeigt und jetzt Josh Sanborn auch für Russland behauptet. Also war die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht auch ein Bestandteil der Russifizierung. Ob das die russischen Mennoniten wussten oder nicht, sie reagierten darauf mit der Drohung der Auswanderung. (Also wieder die Politik der Auswanderung.) Auf keinen Fall wollten sie ihre Söhne in die russischen Kasernen schicken, wo die rauhesten Menschen lebten. Die Regierung gab nach, und die Mennoniten - wenigstens die, die nicht auswanderten - kamen mit ihrem Forsteidienst davon, den sie selber unterhielten und in dem ihre Söhne von der Armee abgesondert waren, und in dem sogar Mennoniten mit Predigt und Seelsorge dienen konnten.

So haben sich die Mennoniten in diesen Jahren gegen die meisten Aspekte der Russifizierungspolitik des Kaisers erfolgreich behauptet. Aber indem sie dieser Politik der Regierung widerstanden, entfremdeten sie sich von der Macht in Russland, die sie schützen und schirmen konnte. Und sie würden solchen Schutzes immer mehr bedürfen, denn das nationale Gefühl in Russland wurde immer stärker, und die Erznationalisten griffen die „Fremden im Lande“ immer härter an, besonders solche, die schon 100 Jahre das Wohlwollen der Regierung genossen hatten und immer noch abgeschlossen lebten, die Landesprache unzureichend handhabten, mit den Russen wenig oder nichts zu tun hatten, und das Vaterland im Krieg nicht schützen wollten. Dieses Dilemma sollte sich im Ersten Weltkrieg in den Land Enteignungsgesetzen gegen deutsche und mennonitische Kolonisten zuspitzen. Im Vorwort zum ersten dieser Gesetze vom 9. Oktober 1414 hieß es, wie David Epp darüber im Botschafter schrieb: Dem Vorworte nach, hat die russische Regierung den Landankauf von Ausländern schon dreißig Jahre untersucht. Dieser Ankauf und ihre Ausdehnung war solcher Art, dass man die Sache angreifen musste . . .

Das Vorwort behauptet weiter, dass, aus politischer Sicht, diese deutschen Ansiedler durchaus [dem Vaterland] untreu sind. Die Zahl derer unter ihnen, die die Wehrpflicht verweigern, ist immer enorm gewesen. 1906 waren es 13,5%; 1907, 19,5%; 1908, 20,5%; und 1909 22,5%. [Wahrscheinlich alle Mennoniten.] Zu gleicher Zeit gehören sie Organisationen an, die Deutschland und Österreich unterstellt sind, und dienen in dessen Armeen.

An Hand solcher Beobachtungen hat die Regierung gefolgert, dass die ausländischen Siedler, obwohl sie schon so lange in russischen Ländern leben, nicht nur keinen Versuch gemacht haben mit dem russischen Volk zu verkehren, sondern dass sie hartnäckig an ihren Sitten festhalten und sich von dem russischen Volke fern halten, auf das sie herunterschauen und das sie mit einer beinah bösartigen Einstellung behandeln. Diese ausländischen Ansiedler können nur formal als russische Untertanen gelten. Ja, was ihre Überzeugung, Gewohnheiten und Religion angeht, so fühlen sie sich zu ihren rassischen Brüdern jenseits unserer Grenzen, und zu dem Zentrum einer ausländischen Zivilisation, hingezogen.

Die Mennoniten Russlands hatten sich zwar gegen die Russifizierungsversuche der Regierung behaupten können, aber dadurch hatten sie auch das Wohlwollen der Regierung eingebüßt.

Die Wende zur Demokratie - so meinten wenigstens die Mennoniten

Russlands Wende zu einer begrenzten Demokratie im Oktober 1905, nach der Niederlage im Kriege gegen Japan und der darauffolgenden Revolution, brachte den Russen eine Duma (eine Abgeordnetenkammer), eine Repräsentivverfassung und die drei großen Freiheiten - wie Heinrich Braun die Gewissensfreiheit, die Pressefreiheit und die Versammlungsfreiheit nannte. Die Zensur wurde aufgehoben und die Mennoniten gründeten sofort ihre Zeitschriften: der Botschafter und die Friedensstimme. Obwohl die Mennoniten - wie auch die anderen Einwohner Russlands - jetzt mehr Freiheiten besaßen, war ihre Sonderstellung - ihre Privilegien - in Frage gestellt. Denn in einer Demokratie sollen keine Privilegien existieren: ein jeder ist vor dem Landesgesetz ebenbürtig, und hat gleiche Rechte als Bürger (er ist nicht länger Untertan). Mennoniten mussten jetzt also in ihrer ganzen Einstellung zum Staate umdenken, vielleicht sogar in der Tagespolitik der Duma mitmachen. Abram Kröker, Schriftleiter der Friedensstimme, machte immer wieder darauf aufmerksam, dass die Mennoniten entweder Freunde in der Duma haben oder sonst ihre eigenen Abgeordneten dort haben müssten. Sie haben beides getan, um ihre Interesse als kleine Minderheit soweit wie möglich zu wahren. 1907 wurde Hermann Bergmann in die Duma gewählt; später, im Jahre 1910, wurde Peter Schröder noch dazu gewählt. An den Duma Debatten aber haben sie kaum teilgenommen, doch waren sie in verschiedenen Dumaausschüssen tätig, wie Bergmann im Religionsausschuss. So wusste er mindestens, was die Regierungsminister dort vortrugen und wie die Duma darauf reagierte. Und dieses Wissen hat den Mennoniten in der ganzen Sekten bzw. Konfessionsdebatte der Jahre 1908 bis 1914 viel geholfen.

Die Friesen Partei

Andere Mennoniten, wie P. M. Friesen, schlugen einen anderen Weg ein: er gründete seine eigene politische Partei, die Friesen Partei genannt wurde. Zu dieser Zeit waren die russischen Mennoniten schon in der russischen politischen Welt ziemlich aktiv. Sie kannten sich in St. Petersburg gut aus, denn seit 1873 hatten sie sich dort gute Kontakte erworben, um ihre Sonderstellung zu schützen. Große Gutsbesitzer, wie Hermann Bergmann, hatten schon vor 1907, als er in die Duma kam, verschiedene politische Ämter - große und kleine - bekleidet. Es gab mennonitische Bürgermeister wie Johann Esau in Ekaterinoslav. Und, wie gesagt, waren viele in den Zemstvos tätig.

Friesens Partei wurde „die Vereinte Partei der Freiheit, Wahrheit und des Friedens: Feinde aller Gewaltanwendung und Förderer dauernden bürgerlichen, ökonomischen und moralisch-geistlichen Fortschritts,“ genannt. (Kein Wunder, dass sie bald einging!) Friesen versuchte in seiner Partei die verschiedenen evangelischen Gruppen in Russland zu vereinigen: die Mennoniten Brüder, die Stundisten, denen er so oft schon geholfen hatte, die Baptisten, die mit den Brüdern viel gemein hatten, und die Evangelischen Christen unter der Leitung Prochanovs. Auch hatte die Partei ihr eigenes Programm, wie folgt
  1. sie forderte eine verfassungsmäßige Monarchie;
  2. das allgemeine Wahlrecht;
  3. das Recht zur Beibehaltung ihrer eigenen Sprachen für Minderheitsgruppen;
  4. Selbstverwaltung für kleinere Orte;
  5. freie Gerichte;
  6. Arbeiterrechte;
  7. allgemeine Schulbildung;
  8. die Abschaffung der Armut; und
  9. die Gewissensfreiheit, Sprachfreiheit, Versammlungsfreiheit und persönliche Freiheit.

Die Friesen Partei stand den Kadetten (Konstitutionelle Demokraten) am nächsten, und ging nach kurzer Zeit in ihr auf. Im Jahre 1908 verwandelte sich diese Gruppe in eine Religionsgemeinschaft mit der Gründung der Raduga Verlagsgesellschaft, die eine allgemeine Reformation in Russland zuwege bringen wollte.

An erster Stelle in dieser Gesellschaft standen Heinrich Braun als Leiter des Verlags und Prochanov als Vorsitzender der russischen Evangelischen Christen. Sie waren überzeugt, dass das Oktober Manifest totale Glaubensfreiheit versprochen hatte. Und in Wirklichkeit hatte es das auch. Nur wurde diese Glaubensfreiheit nie in einem förmlichen Gesetz niedergelegt. Als man dieses allmählich in den mennonitischen Kolonien inne wurde, kam der alte Streit über das Proselytenverbot wieder auf; und besonders nachdem der Raduga Verlag vom tauridischen Vizegouverneur im März 1910 untersucht wurde.

Die Kontroverse um die Frage: Sekte oder Konfession

Ungefähr zu derselben Zeit wurde in den mennonitischen Kreisen bekannt, dass die Regierung ihre religiöse Stellung als protestantische Konfession in die einer Sekte umwandeln wollte. Um mit der Regierung über diese und auch andere aufkommenden Fragen zu verhandeln, stellten die Mennoniten - auf der ersten Bundeskonferenz im Jahre 1910 in Schönsee - eine Kommission für kirchliche Angelegenheiten auf, in die Heinrich Braun, David Epp und Abram Görz gewählt wurden. Sofort reisten sie nach Petersburg, um in der Religionsabteilung des Ministeriums des Inneren vorstellig zu werden. Sie schrieben, das heißt David Epp schrieb, lange Aufsätze über die Herkunft der Mennoniten, in denen er behauptete - an Hand Ludwig Kellers Deutung der Täufergeschichte - dass Mennoniten keine Sekte sein könnten, da sie die ununterbrochene Fortsetzung der apostolischen Kirche darstellten. Sie waren also die einzig wahre Kirche; alle anderen - sogar die katholische Kirche - hatten sie verlassen. Solch eine Deutung ist wohl bei den Orthodoxen nicht gut angekommen. Immer wieder kamen Krisen in dieser Sache, aber die Regierung hat nie ein förmliches Gesetz darüber herausgegeben, und so blieb man in dauernder Unruhe darüber, bis der Weltkrieg die Regierung vor andere Probleme stellte.

Die Landenteignungsgesetze

Im Februar und wieder im Dezember 1915 gab die Regierung ihre berüchtigten Landenteignungs­gesetze heraus, die die Russlanddeutschen im Auge hatten. Zuerst auf die Grenzgebiete gerichtet, erfuhren die Mennoniten in den Kolonien schon im April/Mai 1915, dass sie nicht verschont bleiben sollten. Die Gutsbesitzer mussten zuerst dran. Schon vor dem Kriege behaupteten viele von ihnen - Heinrich Braun an erster Stelle - dass Mennoniten nicht Deutsche seien. Ursprünglich seien sie aus den Niederlanden gekommen, um der spanischen Inquisition zu entfliehen. Zuflucht hätten sie unter den Königen von Polen gefunden, und als Preußen ihre Länder durch die Teilung Polens an sich gerissen habe, seien sie nach Russland geflohen. Sie hätten also unter dem militärischen preußischen Staat so sehr gelitten wie jetzt Russland im Weltkrieg.

Im Sommer 1915 trafen sich in Melitopol eine große Menge dieser mennonitischen Bauern, wählten Heinrich Braun als ihren Bevollmächtigten und schrieben dann ungefähr 5000 Bittgesuche an den Kaiser worin sie um Befreiung von dem Gesetz baten. In den Bittgesuchen sagten sie, dass kein deutsches Blut in ihren Adern fließe, und dass sie sich von allem Deutschen lossagten. Da Heinrich Braun wegen Religionspropaganda um diese Zeit verhaftet werden sollte, floh er nach der Versammlung der Bauern nach Moskau, wo er Briefe an hohe Beamte in Petersburg erhielt. In der Hauptstadt, geschützt von einem Prinz Volkonsky, fand er Zuflucht und erfüllte seine Aufgabe als Bevollmächtigter der mennonitischen Bauern.

Ab Sommer 1916 fingen die eigentlichen Enteignungen an. Noch ungefähr 3000 Bittgesuche wurden eingereicht. Diese sowie die Bittgesuche vom Jahre 1915 stimmen wörtlich überein. Delegationen wurden nach Petrograd abgefertigt, die Minister und Dumaabgeordneten aufgesucht - und, vielleicht, auch bestochen. Aber es half alles nicht. Endlich, gegen Ende 1916 wurden Mennoniten inne, dass ein drittes Enteignungsgesetz im Januar 1917 herauskommen sollte. Wieder sandten sie eine Delegation; andere gingen auf eigene Faust los. Glücklicherweise war seit dem 16. Dezember 1916 ein neuer Justizminister eingesetzt worden. Dieser - namens Dobrovolsky - war ein ehemaliger Inspektor der Schulen von Tsarskoe Selo. Er war dann Sekretär für Rasputin geworden, so dass er den Zugang zu Rasputin kontrollierte und dabei viel Geld einnahm. Dieser Dobrovolsky ist höchstwahrscheinlich von den russischen Mennoniten bestochen worden - man sprach von 100.000 Rubeln - aber durch seine Vermittlung fanden die Mennoniten Erleichterung. Er legte eines ihrer Bittgesuche dem Kaiser vor, und dieser verordnete - mit der Zustimmung des Ministerrates - dass die Behauptung der Mennoniten, Holländer zu sein, untersucht werden sollte. Inzwischen sollten alle Prozesse gegen die Mennoniten eingestellt werden. (Die Akten aus den russischen Archiven haben wir vor sechs Monaten bekommen.) Auf so eine Weise wurden die Mennoniten gerettet, aber was waren die Kosten? Hätten sie noch ein paar Wochen gewartet, so wäre die zaristische Regierung gefallen. Die provisorische Regierung, obwohl sie die Gesetze nicht abschaffte, hat die Landenteignungsgesetze still fallen lassen.

Diese Episode hat einen großen Streit in den mennonitischen Kolonien, wie auch in der späteren Emigrantenliteratur, ausgelöst. Besonders Benjamin Unruh war ergrimmt über die ganze Sache, weil er glaubte, dass die russischen Mennoniten deutscher, oder zumindest gemischter Herkunft seien. Sein Buch über die Ostwanderung der Mennoniten ist eine ausführliche spätere Rechtfertigung seiner damals schon ausgesprochenen These.

Die Nachkriegsjahre: Deutschtum und Wehrlosigkeit

Die provisorische Regierung wollte eine verfassunggebende Versammlung einberufen, um eine neue Regierung zu bilden. Von den Mennoniten wurden Benjamin Unruh und Johann Willms als Abgeordnete gewählt. Aber bevor die Versammlung einberufen wurde, kamen die Bolschewisten an die Regierung und der Bürgerkrieg brach aus. Einer der Schwerpunkte des Krieges war in der Gegend von Molotschna, wo die Weiße und die Rote Armee abwechselnd vorrückten oder zurückwichen. Während ihre Sympathien bei der Weißen Armee waren, konnten die Mennoniten nicht öffentlich gegen die Roten auftreten. Von Januar bis April 1918 hausten die Roten in der Molotschna. Sie arretierten viele, mordeten andere, raubten und verlangten Getreide, Essen und andere Sachen. Wie Peter Braun seinem Bruder in Deutschland schrieb:



Und dann kam Peter Braun auf die Reaktionen der Mennoniten zu diesem Terror zu sprechen:


Also, auch Peter Braun kehrte der Wehrlosigkeit den Rücken.

Und dann kam die deutsche Armee im April in ihre Gegend. Die Mennoniten, die im Weltkrieg Holländer sein wollten, waren mit einem Mal beinah alle Deutsche. Unter der Anleitung deutscher Offiziere organisierten sie den Selbstschutz. Aber manch einer, wie B. B. Janz, war dagegen und warnte, was kommen würde, wenn die deutschen Truppen abziehen würden. Trotzdem gingen viele mit der Flinte in der Hand in die umliegenden Dörfer und verlangten ihre gestohlenen Sachen zurück. Andere machten nicht mit. Am 11. November 1918 mussten die deutschen Truppen abziehen, und so standen die mennonitischen Kolonien wieder schutzlos da. Inzwischen hatten sie mit ihren Strafexpeditionen in die Dörfer ihre eigene Lage verschlechtert. Sie wurden wieder attackiert, ihre Selbstschützler geschlagen und sie selbst der Bosheit der umliegenden Dorfbewohner und Räuberbanden preisgegeben. Ja, sagten die Letzteren, wo war nun ihre Holländerei, ihre Wehrlosigkeit? Für das Vaterland wollten sie im Krieg nicht streiten, aber für ihre materiellen Interessen, für ihren Reichtum und ihr Land hatten sie das Schwert geschwinde in die Hand genommen. Sie hatten ja auch gesagt, sie seien Feinde Deutschlands, aber hier hatten sie den Deutschen zugejubelt, als diese in die Ukraine einrückten. Was sie im Krieg gesagt hatten, waren lauter Lügen gewesen. Sie waren echte Deutsche und von ihrer viel gerühmten Wehrlosigkeit war keine Spur. So wurde ihr Schicksal am Ende schlimmer, als es vorher gewesen war. In diesem Fall übten die russischen Mennoniten die Politik der Selbstvernichtung.

B. B. Wiens, Peter Brauns sehr naher Freund und Leiter der Musterschule in Halbstadt, schrieb im Jahre 1934: „Diese plumpe Politik hat unser Schicksal besiegelt [Er spricht von der Aufnahme deutscher Truppen], denn innerhalb sechs Monaten mussten die deutschen Truppen abziehen. Russen, die uns vorher noch wohlwollten, hatten nun alle Achtung für uns Mennoniten verloren. Ja wir Mennoniten hatten die Achtung für uns selber verloren.“ Die äußere, materielle Vernichtung kann der Mensch vertragen. Aber viel schlimmer ist die Vernichtung des inneren Selbstwertgefühls.

Schluss

Es sollte einen nicht wundern, wenn in der Folge solcher Ereignisse und der darauf folgenden Auswanderung nach Amerika eine Diskussion über die Stellung der Mennoniten zur Russifizierung und die zumindest kulturelle Integration in das russische Volk stattfinden sollte. A. A. Friesen, Leiter der Studienkommission, stand auf der Seite der Assimilierung; Benjamin Unruh, der Sekretär, stand für die Abgeschlossenheit der Mennoniten und ihrer Kolonien. Er, und auch andere, nannten diese Kolonien „das mennonitische Ideal.“ Unruh argumentierte, dass so ein großes Völkerreich wie Russland seine Minderheitsgruppen doch besser behandeln müsse. Aber was der Einzelne und was der Staat tun sollten, hat meistens wenig mit dem zu tun, was sie in Wahrheit schaffen. Unruh war der Idealist, aber es ist auch fraglich, ob das russische „Ideal“ sich nachher behindernd auf die täuferische Freikirche ausgewirkt hat. Immerhin argumentierte A. A. Friesen für die kulturelle - aber nicht religiöse - Assimilierung der Mennoniten in Russland. Und mit diesem Zitat wollen wir unsere Bemerkungen schließen:




Zurück zum Inhaltsverzeichnis
Fussnote:
Professor für Reformationsgeschichte an der University of California, Santa Barbara.