Vorträge | Jahrbuch 2004

Die paraguayischen Mennoniten in der nationalen Politik
Gerhard Ratzlaff (1)

Der Titel ist in doppeltem Sinne zu verstehen: Einmal, dass Mennoniten als ein Mittel zum Zweck in der nationalen Politik gebraucht wurden und zweitens, dass die Mennoniten selbst im nationalen Rahmen Politik gemacht haben. Zunächst aber eine Begriffserklärung, wie in diesem Vortrag Politik verstanden wird.

1. Begriffserklärung: Politik

Das Wort Politik hat seinen Ursprung in dem griechischen „Politeia“ und bedeutete die Anteilnahme eines Bürgers am Staate („Polis“). „Politeia“ bezeichnete auch die Verfassung eines Staates, die im Kreise der Bürger („Politen“) bestimmt wurde. Alle freien Bürger eines Landes waren „Politen“ (Träger des Staates, Politiker), die durch die Erfüllung ihrer Pflichten und Rechte zum Wohle des Landes beitrugen. Aristoteles nannte die gute Demokratie deshalb „Politeia“ (Gemeinwesen der Bürger). Der Titel von Platons Werk über den Idealstaat hieß „Politeia“.(2) Die Vollversammlung der Bürger eines Staates war die „Ekklesia“. Sie vertrat das höchste Entscheidungsrecht. „Ekklesia“ wird zu Deutsch mit Kirche bzw. Gemeinde übersetzt - im Spanischen „Iglesia“ - und mit diesem Wort wird im Neuen Testament auch die gläubige Gemeinde bezeichnet. Somit wird in der Bibel ein demokratisches Prinzip aus dem politischen Bereich auf die gläubige Gemeinde angewandt. Wollten die neutestamentlichen Schreiber damit andeuten, dass die Gemeinde, während sie in dieser Welt tätig ist, sich nicht aus dem politischen Bereich heraushalten kann? Einige wollen es so sehen.(3)

Sich an der „Politeia“ zu beteiligen und in der „Ecclesia“ verbindlich zu engagieren, war das natürliche Recht eines jeden freien Bürgers. Sklaven waren davon ausgeschlossen. So oder so, jeder freie Bürger war mitbeteiligt an der Verwaltung des Staates. Für den Kirchenvater Augustin war die „Politeia“ Gottes „die Gemeinschaft derer, die nach Gottes Gebot lebten“, d.h. die Gemeinde nach Gottes Verordnung.(4) Auf die Situation der Mennoniten in Paraguay angewandt sieht das Bild von der „Politeia“ folgendermaßen aus: Alle Bürger einer Kolonie sind die „Politen“. Sie haben Rechte und Pflichten und sind um das Wohl ihrer Siedlung bemüht. Um eine gesunde Entwicklung zu garantieren, einigen sich die Bürger der Kolonie auf eine Verfassung (Koloniestatuten), schaffen die notwendigen Organe und wählen die entsprechenden Personen als ausführende Körperschaft: Oberschulze, Aufsichtsrat, Komiteemitglieder usw. Die Bürger der Kolonie sind gleichberechtigte, freie Menschen. Sie haben das verbindliche Recht, darauf zu achten, dass die in den Statuten verankerten Ordnungen nicht verletzt werden, die letztendlich den Frieden, die Harmonie und den Fortschritt in der Siedlungsgemeinschaft sichern. In diesem Sinne wird die politische Verantwortung zu einer Realität, der auch in den Kolonien niemand entrinnen kann. Der Verlauf der Dinge in einer Kolonie wird mitbestimmt durch den, der wählt, sowie durch den, der nicht wählt, durch den, der positive, sowie durch den, der negative Kritik übt. Ein Staat im Staate, eine „Politeia“ im Kleinen - ganz im Sinne von Aristoteles - besteht somit in den mennonitischen Kolonien, in denen Innenpolitik betrieben wird und in denen es keine Armee gibt. Das oben Gesagte trifft auch auf das politische Leben eines Staates zu, natürlich in einem größeren und nicht so leicht überschaubaren und durchsichtigen Rahmen. Der bereits zitierte große Brockhaus definiert die Landespolitik als „das staatliche oder auf den Staat bezogene Handeln, sofern es bestimmten Regeln folgt... Politik ist eine Form des Handelns, sie ist an kein bestimmtes Sachgebiet gebunden...“ Weiter heißt es im Brockhaus: „Träger der P[olitik] als Staatskunst sind einerseits die Staaten, die staatl[ichen] Organe und die staatstragenden Schichten (Staatspolitik), andererseits die polit[ischen] Parteien, sofern sie Macht oder Einfluß im Staat erringen oder behaupten wollen (Parteipolitik), ferner, bes. in der Demokratie, frei gebildete gesellschaftliche Gruppen (Interessenverbände), die um ihrer unmittelbaren, z. B. wirtschaftlicher, Ziele willen ebenfalls häufig Einfluß auf die staatlichen Entscheidungen ausüben oder erstreben“. „Die Staatspolitik dient der Verwirklichung der Staatszwecke.(5) Leider ist der Begriff Politik durch die im Lande vorherrschende Korruption herabgewürdigt worden. Ausdrücke in mennonitischen Kreisen Paraguays wie: der „denkt politisch“ oder jemand „handelt politisch“ bedeuten in der Umgangssprache oft, dass der so Bezeichnete undurchsichtig, hinterhältig oder sogar korrupt ist. Sehr oft entspricht dieses Urteil der Wirklichkeit. Die zurzeit stark verbreitete Korruption unter den Politikern in unserem Lande ist nicht dazu angetan, den Begriff der Politik - und des Politikers - aufzuwerten. Dieser Umstand erschwert ehrlichen Menschen die Teilnahme an der Politik. In diesem Vortrag wird der Begriff Politik und die Beteiligung an der politischen Verantwortung im neutralen Sinne gebraucht. Politik ist an sich weder gut noch schlecht, wie das Geld, das wir täglich erwerben und brauchen, an sich weder gut noch schlecht ist. Es hängt davon ab, wie man es erwirbt und was man daraus macht. Der Mensch selbst bestimmt darüber. So ist es auch mit der Politik. Es hängt davon ab, wie der Betroffene den politischen Posten erwirbt und wie er die Politik, die Macht, die damit gegeben ist, gebraucht bzw. mißbraucht. Alle freien Bürger eines Landes sind Politiker (Politen). Dabei hat jeder Bürger drei Möglichkeiten, sich „politisch“ zu bewegen: Er kann sich erstens politisch aktiv engagieren, zweites, er kann als Bürger alle seine Pflichten treu erfüllen, dabei aber passiv bleiben und drittens, er kann von den aktiven Politikern als ein Mittel zum Zweck gebraucht werden (z.B. in den Wahlkampagnen). Auf allen drei Ebenen haben sich die Mennoniten in Paraguay im Laufe der Jahre bewegt. An einer Reihe geschichtlicher Beispiele soll diese Tatsache veranschaulicht werden.

2. Paraguay zur Zeit der mennonitischen Einwanderung

Es geht dabei um die Jahre 1920-1932, von der Zeit, als die Mennoniten erstmals auf Paraguay aufmerksam wurden bis zum Ausbruch des Chacokrieges. Im Jahre 1921 untersuchte die mennonitische Delegation aus Kanada den Chaco, 1927 wurde die Kolonie Menno gegründet und 1930 die Kolonie Fernheim. Und im Jahre 1932 brach der Chacokrieg aus. Wie sah nun das Land aus, in das die Mennoniten einwanderten? Hier eine nur kurze und skizzenhafte Beschreibung: Die wichtigsten paraguayischen Präsidenten dieser Zeit, alle Mitglieder der Liberalen Partei, waren: Manuel Gondra, Eusebio Ayala, Eligio Ayala, und José P. Guggiari. Gondra regierte vom 15. August 1920 bis zum 29. Oktober 1921. Unter dem Druck sozialer und politischer Probleme erklärte er seinen Rücktritt. Gondra lud die Mennoniten ein, nach Paraguay zu kommen, und während seiner Regierungszeit wurde das Gesetz 514 verabschiedet. Eusebio Ayala wurde am 7. November 1921 vom Kongreß zum provisorischen Präsidenten ernannt. Auch seine Amtsperiode war voller politischer Probleme. Es folgte ein langer, blutiger Bürgerkrieg (14 Monate) und schließlich der Rücktritt des Präsidenten am 7. Mai 1923. Eligio Ayala (kein Verwandter von Eusebio Ayala) wurde vom Kongreß zuerst zum provisorischen Präsidenten Paraguays ernannt und übernahm dann am 15. August 1924 offiziell sein Amt als Präsident. Er regierte eine volle Amtsperiode bis zum 15. August 1928. Paraguay hatte 1924 eine Bevölkerung von 828 968 Einwohnern, davon entfielen 103 750 auf Asunción. Eligio Ayala ist in die Geschichte Paraguays als einer der größten Staatsmänner eingegangen. Er hatte eine Ausbildung an den Universitäten Heidelberg, Deutschland, und Zürich, Schweiz, erhalten. Er führte Verbesserungen im Schulwesen Paraguays ein und war bemüht, die wirtschaftliche Lage Paraguays zu heben. Andererseits überschatteten die gespannten Beziehungen zu Bolivien den Frieden in Paraguay. Bolivien drang immer tiefer in den paraguayischen Chaco vor, indem es ein Fortín nach dem anderen gründete. Im Februar und März 1927 kam es zu mehreren blutigen Zusammenstößen, in denen einige Soldaten, unter ihnen der Teniente (Oberleutnant) Adolfo Rojas Silva das Leben verloren. Die Spannungen zwischen Paraguay und Bolivien nahmen bedenkliche Ausmaße an und Paraguay bereitete sich auf einen Krieg vor. Am 29. Dezember 1926 kam die erste Gruppe mennonitischer Einwanderer (309 Personen) mit dem Schiff bis nach Asunción, wo sie in deutscher Sprache von dem Präsidenten Eligio Ayala willkommen geheißen wurden. Am 31. Dezember erreichte sie dann Puerto Casado. Die Kolonie Menno wurde zwar erst 1928 gegründet, doch als offizielles Datum ist der 25. Juni 1927 festgelegt worden. Unter José P. Guggiari (15. August 1928 - 15. August 1932) spitzten sich die Beziehungen zu Bolivien zu. Studenten forderten ein energisches Vorgehen gegen diesen aggressiven Nachbarn. Während eines Protestes vor dem Regierungspalast wurden von der Wache mehrere Studenten erschossen und eine größere Anzahl verwundet. Der Krieg mit Bolivien schien jetzt unvermeidbar zu sein. Die Größe der Bevölkerung Paraguays wurde um 1930 mit etwa 850 000 angegeben, die von Asunción mit 110 000. Paraguay war das ärmste Land Südamerikas und rückständig auf allen Ebenen. Das schulische Niveau war sehr niedrig. Von den 164 800 Kindern im Primarschulalter hatten nur 105 129 Zugang zu einer Schule.(6) Im ganzen Lande gab es nur drei Sekundarschulen, die das volle Programm führten: das Colegio Nacional (gegr. 1890) und das Colegio San José (Privatschule gegr. 1904), beide in Asunción und ein Colegio in Villarrica, der zweitgrößten Stadt Paraguays zu jener Zeit.(7) Die Universidad Nacional, gegründet 1890, war die einzige Universität in Paraguay mit 437 Studenten im Jahre 1930.(8) Sehr rückständig war Paraguay auch auf dem Gebiet der Gesundheitspflege. Im Jahre 1930 hatte Paraguay insgesamt nur 109 Ärzte. Sechs von diesen arbeiteten außerhalb von Asunción. Rund 600 000 Personen hatten keinen Zugang zu ärztlicher Hilfe.(9) Unter allen Ärzten befanden sich nur drei Ärztinnen.(10) Dagegen gab es 180 Hebammen, die für die meisten Geburten im Lande verantwortlich waren.(11) Als das größte Gesundheitsproblem im Land wurde der Hakenwurm angegeben.(12) Paraguay war ein Land ohne Wege. Als Transportmittel dienten auf dem Lande die Carretas. Es gab eine Eisenbahnlinie von Asunción nach Encarnación. Als wichtigste Transportwege dienten die Flüsse. Befahrbare Straßen gab es im ganzen Lande kaum. Daher war auch eine wirtschaftliche Entwicklung des Inlandes ausgeschlossen. Paraguays wichtigste Ausfuhrprodukte waren Baumwolle, Tabak, Yerba Mate, Quebrachoextrakt und Fleisch. Das gesamte paraguayische Volkseinkommen war um 1930 etwa so groß wie das einer Stadt in den USA mit 150 000 Einwohnern.(13) 1927 gab die paraguayische Regierung den Bau der Straße von Asunción nach Luque im Werte von $ 20 000 (1 000 000 Pesos) im Auftrag. Im Bau waren drei Brücken und vier Abwasserkanäle mit eingeplant.(14) Paraguay war in den 1920er Jahren ein nahezu 100% katholisches Land mit nur 104 Priestern für etwa 850 000 Einwohner. Für das Jahr 1928 gibt Elliott die evangelische Bevölkerung mit nur 400 Personen an.(15) Darin sind die Mennoniten, die 1927-28 einwanderten, nicht eingeschlossen. Bis zum Jahre 1932 waren etwa 3500 Mennoniten nach Paraguay eingewandert. Also bildeten sie bei weitem die stärkste evangelische Gruppe in Paraguay, die aber über zwei Jahrzehnte im nationalen Kontext kaum in Erscheinung trat. Als Mitte der 50er Jahre die Mennoniten eine Missionsarbeit in Asunción anfingen, wurden sie von Dr. Decoud Larossa mit offenen Armen willkommen geheißen: „Schon so lange haben wir auf Euren Einsatz gewartet“, war seine überraschende Antwort auf die schüchterne Anfrage von Hans Wiens, in der Hauptstadt eine Missionsarbeit zu beginnen. Als einzigen wesentlichen Beitrag der Evangelischen im Lande nennt Elliott das Colegio International der Discipulos de Christo, das 1920 gegründet wurde und im Jahre 1930 in neun Schuljahren 234 Schüler unterrichtete.(16) Unter solchen Umständen ist die Frage berechtigt, welche Faktoren die Mennoniten bewogen haben, in dieses Land zu ziehen. Dabei möchte ich hier klar herausstellen, dass es nicht die Mennoniten waren, die erstrangig Paraguay als Einwanderungsland suchten, sondern die paraguayische Regierung, die die Mennoniten einlud nach Paraguay zu kommen und zwar sowohl aus wirtschaftlichen wie auch aus national-politischen Interessen. Den politischen Interessen soll nun näher nachgegangen werden.

3. Die Mennoniten im Blickfeld der nationalen Politik

Der zentrale Chaco gehörte rechtlich Paraguay. Doch dieses Recht wurde ihm von Bolivien streitig gemacht. Die Politik Boliviens ging dahin, den Chaco zu erobern und bis an den Paraguayfluß vorzudringen. Wie konnte Paraguay sich vor dem bolivianischen Anspruch und seinem militärischen Vormarsch wehren? Paraguay war arm und schwach. Das sicherste und idealste Mittel um auf internationaler Ebene das Hoheitsrecht über den Chaco zu sichern, war die Besiedlung des Chaco. Doch Paraguay hatte nicht die Menschen dafür. Nicht einmal die nähere Umgebung von Asuncion konnte wirtschaftlich entsprechend genutzt werden. In diesem geschichtlich bedeutsamen Moment treten die Mennoniten ins Blickfeld der nationalen Politik. Paraguay hatte zu dieser Zeit weitsichtige Männer in der Regierung. Als diese von den Mennoniten hörten, die ein Einwanderungsland suchten, dann dachten sie an die Zukunft ihres Landes, dann dachten sie an den Chaco. Sie dachten politisch und waren fest überzeugt, dass eine Besiedlung des Chaco durch die Mennoniten ihre Hoheitsrechte über den Chaco stärken werde. Wer zuerst ein Land besiedelt, hat nach internationalem Recht ein erstes und unbestrittenes Anrecht darauf. Die paraguayischen Politiker setzten nun alle ihnen zur Verfügung stehenden Hebel in Bewegung, ihr Ziel zu erreichen, nämlich den Chaco mit Mennoniten zu besiedeln. Wie dieser Prozess vor sich ging, soll nun in gedrängter Form beschrieben werden. In ihrer Suche nach einem neuen Einwanderungsland nahmen die Mennoniten Kontakt auf mit einem einflußreichen amerikanischen Bankier aus New York, Samuel McRoberts. Er war General im Ersten Weltkrieg gewesen. Nach anfänglichem Zögern entschloß er sich, den Mennoniten bei der Suche nach einem Einwanderungsland zu helfen. Zu diesem Zweck schickte er Fred Engen, einen gebürtigen Norweger, durch Südamerika, um nach dem entsprechenden Land für die Mennoniten zu suchen. McRoberts selbst begab sich 1920 auf eine Geschäftsreise nach Buenos Aires und gedachte, bei dieser Gelegenheit bei der argentinischen Regierung in Bezug auf die Mennoniten vorzusprechen. Er meinte, Argentinien sei das geeignete Land für sie. Auf der Schiffsreise von New York nach Buenos Aires traf sich McRoberts völlig unerwartet mit zwei Paraguayern: Manuel Gondra und Eusebio Ayala. Gondra war der neu gewählte paraguayische Präsident und Ayala sein Außenminister. Diese Männer kamen in engen Kontakt miteinander, und McRoberts berichtete den paraguayischen Politikern von seiner Angelegenheit mit den Mennoniten. Die paraguayischen Politiker wurden äußerst hellhörig und wollten mehr über die Mennoniten wissen. McRoberts schilderte sie als musterhafte Bauern: Was sie in Sachen Landwirtschaft anpacken, das gelingt ihnen. Diese Information steigerte das Interesse der paraguayischen Politiker noch mehr. Sie dachten an die Zukunft Paraguays. Paraguay war ein Agrarland, und die Zukunft Paraguays lag auf dem Lande. Davon war besonders Eusebio Ayala überzeugt. Paraguay brauchte nichts dringender als Bauern, die erfolgreich das Inland bebauen könnten. Sollten die Mennoniten die Lösung dieses Problems werden? 20 bis 30 000 mennonitische Siedler - von diesen Zahlen sprach man damals - könnten schon einen Beitrag für das Land bedeuten, mögen Gondra und Ayala gedacht haben. Sie luden daher McRoberts zu einem vertraulichen Gespräch in ihre Kabine ein. Zwei Stunden redeten sie miteinander. Das Gespräch wurde in allem Ernst geführt. Die paraguayischen Staatsmänner wollten McRoberts überreden, die Mennoniten nach Paraguay zu steuern. Doch McRoberts hatte Bedenken in Bezug auf Paraguay. Paraguay war, seiner Ansicht nach, zu rückständig. Er wollte die Mennoniten nicht ins Unglück stürzen. So lenkte er ab und sprach von den Forderungen, die die Mennoniten stellten: Religionsfreiheit, eigene Schulen in deutscher Sprache, Befreiung vom Militärdienst, Befreiung von der Pflicht zu schwören, eigene interne Verwaltung. Die Paraguayer ließen sich nicht beirren. Sie sagten McRoberts frei heraus, sie würden den Mennoniten das alles geben und noch mehr, sollten sie es wünschen. Sie luden McRoberts ein, nach Asunción zu kommen, um weitere Gespräche zu führen. Doch McRoberts ging darauf nicht ein. Er dachte ausschließlich an Argentinien als Einwanderungsland für die Mennoniten. In Buenos Aires angekommen, nahm McRoberts Kontakt mit der argentinischen Regierung auf. Doch betreffs der Angelegenheit der Mennoniten und ihrer Privilegien war die Antwort ein entschiedenes Nein. Von den Regierungen in Kolumbien und Ecuador war schon vorher eine Absage gekommen. Was nun? In diesem ungewissen Moment kam ein Telegramm aus Asunción von Fred Engen - der inzwischen Kontakt mit der Regierung aufgenommen hatte - mit der Nachricht: „Ich habe das verheißene Land gefunden“.(17) Engen bat seinen Chef, doch sofort nach Asunción zu kommen. Fred Engen war tief ins Innere des Chaco vorgedrungen und hatte dabei die Überzeugung gewonnen, dass dies das Land für die Mennoniten sei, die ja in der Weltabgeschiedenheit leben wollten. Außerdem hatte Engen eine tiefe Sympathie für die Mennoniten und identifizierte sich teilweise mit ihren Prinzipien. Er war Pazifist. Nun konnte McRoberts nicht mehr ausweichen. Immer noch mißtrauisch, begab er sich doch Ende August nach Asunción. Gondra empfing ihn äußerst herzlich und organisierte ein Festessen am Abend des 27. August,(18) zu dem die führenden Politiker, Geschäftsleute und Unternehmer eingeladen worden waren. John E. Bender schreibt nach Berichten von McRoberts selbst, dass alle von den Mennoniten „begeistert“ waren und beschlossen, die Mennoniten nach Paraguay einzuladen.(19) Sie könnten das Geschick Paraguays zum Guten wenden. Die Zeitungen berichteten ausgiebig. Außerdem, und dieses wurde zunächst nicht laut ausgesprochen, würde die Besiedlung des Chaco Paraguay größere Rechte auf dieses umstrittene Gebiet gegenüber Bolivien garantieren. Erneut wurde daher McRoberts versichert, dass die beantragten Privilegien kein Hindernis für eine Einwanderung sein würden. Doch eine Frage blieb noch unbeantwortet, und die mußte geklärt werden, bevor McRoberts bereit war, den Mennoniten Paraguay als Einwanderungsland anzubieten. Paraguay war ein katholisches Land und besaß zu jener Zeit nur eine verschwindend kleine evangelische Minderheit, und diese war nicht gerne von der offiziellen Kirche gesehen. Was würde die katholische Kirche zu einer plötzlichen Einwanderung von Tausenden Mennoniten sagen? John E. Bender berichtet, dass „dieses letzte Hindernis auf dramatische Weise erfolgreich gelöst“ wurde.(20) Gondra lud die kirchlichen Würdenträger zusammen mit den führenden Politikern und Unternehmern zu einer groß angelegten zweitägigen Schiffsreise auf den Paraguayfluß ein. Hier wurde ihnen das Mennonitenprojekt „zum Wohle Paraguays“ mit Erfolg „verkauft“, schreibt Bender. Im abgelegenen Chaco würden die Mennoniten keine Gefahr für die katholische Kirche bedeuten, erklärten die Politiker. McRoberts versicherte den kirchlichen Amtsträgern außerdem, dass die Mennoniten, die eventuell gewillt wären, nach Paraguay zu gehen, nicht zu denen gehörten, die die paraguayische Bevölkerung proselytisieren (d.h. evangelisieren, missionieren) würden. Die Politiker und Unternehmer argumentierten weiter: Wenn das ganze Land von der Einwanderung der Mennoniten profitiert, dann schließe das auch die katholische Kirche ein. So schlossen sich die Vertreter der Kirche auch dem Rufe an: „Laßt die Mennoniten kommen“.(21)

Im Jahre 1921 kam eine mennonitische Delegation aus Kanada nach Paraguay, um den Chaco auf seine Tauglichkeit für eine Einwanderung zu überprüfen. Das Bestmöglichste wurde für die Mitglieder der Delegation getan, um sie zu beeindrucken und für eine Einwanderung zu gewinnen. Die Bemühungen waren erfolgreich. Bevor die Delegation Asunción verließ, hatte sie am 6. Juni 1921 noch eine Audienz beim paraguayischen Präsidenten. Nach einem einstündigen Gespräch verabschiedete er sich von den Mennoniten mit folgenden einladenden Worten: „Ich freue mich, dass Sie gekommen sind, unser Land zu besuchen und zu untersuchen, und dass es ihnen gefällt. Im Namen der Republik von Paraguay heiße ich Sie als Siedlervolk willkommen. Wir werden sie mit Freuden in Empfang nehmen, und es ist unser sehnlichster Wunsch, dass Sie sich in unserem Land niederlassen, dass es ihnen gut gehen möge, dass sie gesegnet werden, dass ihr Werk Erfolg habe und sie in Frieden ihres Glaubens leben können. Wir werden unterstützen und helfen, wo immer wir können. Ihre Sonderwünsche werde ich dem Kongreß zur Genehmigung und Bestätigung übergeben, und sobald dieses fertig ist, werde ich es Ihnen telegraphisch mitteilen“.(22)

Unter der Leitung von Eusebio Ayala wurde den Wünschen der Mennoniten entsprechend eine Gesetzesvorlage ausgearbeitet. Als die Presse von den großzügigen Privilegien erfuhr, reagierte sie äußerst scharf gegen die Sonderstellung der Mennoniten. Besonders aggressiv agitierte die größte Tageszeitung Paraguays La Tribuna mit folgenden und ähnlichen Schlagzeilen gegen das Mennonitengesetz: „Un poyecto monstruoso“ („Ein monströses Projekt“), „Pueblo, la patria está en peligro“ („Volk, das Vaterland ist in Gefahr“), „La venta del País se ha efectuado“ („Unser Land ist verkauft worden“). El Liberal dagegen verteidigte die Sonderrechte für die Mennoniten mit einem geradezu übersteigerten Lob. So heißt es beispielsweise am 10. Juni 1921: „Sie [die Mennoniten] werden Straßen und Eisenbahnen bauen, auf denen unsere Heere dann das Land verteidigen können“. Sie werden eine Stadt im Chaco bauen - nicht einen Staat im Staate - und wir werden hingehen, um sie dort zu begrüßen, ..., alle die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit werden hingehen, die mennonitische Stadt zu sehen, wo das Motto unserer Fahne - Friede und Gerechtigkeit - in den Herzen der Bürger strahlt, die den Namen Gottes ehren, die das Blut des Nächsten und auch das ihrer Feinde nicht vergießen wollen und die sich nicht am Gut des Nächsten bereichern“.(23)

Der Gesetzesvorschlag der Regierung wurde im paraguayischen Kongreß diskutiert. Es kam zu erregten Debatten - ähnlich denen in der Presse. Immer wieder wurde von einigen das Argument vorgebracht, die Mennoniten könnten im Chaco einen „Staat im Staate“ errichten und sich nicht in das Land integrieren. Dagegen hoben die Befürworter des Mennonitengesetzes hervor, dass der Chaco eine unbesiedelte Wüste sei, und die Paraguayer sich selbst nicht einmal wagten, ihn zu besuchen, geschweige denn zu besiedeln. Weiter wird hervorgehoben, dass die Besiedlung des Chaco durch die Mennoniten das Hoheitsrecht Paraguays auf den Chaco gegenüber Bolivien stärken werde. Im Laufe der Zeit würden sich auch die Mennoniten den Gesetzen des Landes anpassen und die in Paraguay Geborenen würden paraguayische Patrioten mennonitischen Glaubens werden. Als am 22. Juli 1921 das Gesetz Nr. 514, später oft „Mennoniten­ge­setz“ genannt, im Kongreß abgestimmt wurde, stimmten 15 dafür und fünf dagegen. Das Gesetz betrachtete die Mennoniten als eine „Empresa Colonizadora“ und nicht als eine Glaubensgemeinde. Die wichtigsten Artikel waren:
1. Volle Religionsfreiheit, die es in Paraguay zu jener Zeit nicht gab.
2. Vor Gericht nicht schwören zu müssen, sondern mit einem „Ja“ oder „Nein“ antworten zu dürfen.
3. Befreiung vom obligatorischen Militärdienst.
4. Das Recht auf eigene Schulen in deutscher Sprache und Religionsunterricht.
5. Die Verwaltung der eigenen Erbschaft durch ein Waisenamt.
6. Steuerbefreiung für zehn Jahre.

Die Selbstverwaltung der Kolonie ist im Gesetz nicht ausdrücklich erwähnt, wurde aber vorausgesetzt und nach der russischen Tradition von den Mennoniten in Paraguay wie selbstverständlich weitergeführt. Dieser Umstand hat dann später in den 90er Jahren zu mancherlei Mißverständnissen, Unstimmigkeiten und Ärger geführt, denn nicht alle mennonitischen Handlungsweisen lagen im Rahmen der nationalen Gesetze. Am 26. Juli 1921 unterschrieb Präsident Gondra das Gesetz Nr. 514, und damit wurde es rechtskräftig. Währenddessen hatte sich die mennonitische Delegation mit einem Abstecher nach Mexiko und einem Besuch beim Präsidenten Alvaro Obregón auf den Weg nach Kanada begeben. Als sie nach sieben Monaten zu ihren Gemeinden kamen, war dort schon der Text des Gesetzes eingetroffen. Die Vertreter empfahlen ihren Gemeinden Paraguay als Einwanderungsland und nicht Mexiko, wohin zu gehen sich bereits viele entschlossen hatten.

Die Privilegien wurden den Mennoniten gewährt, weil der Chaco ein umstrittenes Gebiet war. Die Mennoniten dienten der nationalen Regierung als ein Mittel, sich das Hoheitsrecht über den Chaco gegenüber Bolivien zu sichern. Nationale Interessen waren entscheidend, die Mennoniten nach Paraguay einzuladen. Somit wurden die Mennoniten zu einem Werkzeug der nationalen paraguayischen Politik.

4. Die Mennoniten verteidigen das paraguayische Hoheitsrecht über den Chaco.

Das klingt paradox und ist ein Paradox. Das Leben und die menschliche Geschichte, nicht weniger die mennonitische Geschichte, läuft in Paradoxen ab. Die Mennoniten, ein wehrloses und friedliebendes Volk, trugen entscheidend dazu bei, dass Paraguay gegen Bolivien das Feld behaupten und den Chaco erobern konnte. Wie dies geschah, soll nun aufgezeigt werden. Die amerikanische Zeitschrift „The Literary Digest“ schrieb über die Mennoniten im Chaco im April 1933, kurz nachdem der Krieg mit Bolivien ausgebrochen war: „Der Krieg hat die Mennoniten im Urwald erreicht, dort wo sie nie wieder den Kanonendonner zu hören meinten“.(24) Auch im abgeschlossenen Chaco standen die Mennoniten zu ihrem großen Leidwesen nicht außerhalb der Interessen der nationalen und internationalen Politik. Wie die Mennoniten im Chaco zum Werkzeug nationaler Interessen wurden, ist oben bereits angedeutet worden und soll hier nun weiter ausgeführt werden. Die Einwanderung der Mennoniten verschärfte den Grenzkonflikt zwischen Paraguay und Bolivien. Während der Diskussion des Gesetzes 514 im paraguayischen Kongreß wurde immer wieder hervorgehoben, dass die Besiedlung des Chaco durch die Mennoniten den Anspruch Paraguays auf dieses Gebiet bestärken werde. Der Innenminister, der im Interesse der Regierung Gesetz 514 im Kongreß vorstellte, sprach vom Kommen der Mennoniten als einer „schönen Perspektive“ und „einem wertvollen wirtschaftlichen Beitrag“ und hebt dann betont hervor: Die Exekutive kommt zum Senat mit voller Aufrichtigkeit; es erübrigt sich zu sagen, dass sie [die Mennoniten] ein starkes, wertvolles Heer sind, die kommen, um unser Hoheitsrecht zu stärken, und in der Tat ein großes Territorium besetzen werden. Das ist der Kern der Sache“.(25) Und Senator Eusebio Ayala antwortete auf die Bedenken, dass die Mennoniten im Chaco ein Reich für sich, einen Staat im Staate bilden würden: „Die Mennoniten, die im Lande zur Welt kommen, werden paraguayische Bürger mit mennonitischer Religion sein“.(26) Und als 1926 der erste Transport von Mennoniten im Hafen von Asunción auftaucht, schreibt eine Asuncioner Tageszeitung vom 29. Dezember: „Es ist dieses die Vorhut eines mächtigen Heeres, ins Land gekommen, unseren Besitz zu verstärken; ein Heer des Friedens, das den Pflug als Angriffswaffe mit sich führt und das Kreuz Christi als Verteidigungswaffe präsentiert - ...“.(27) Ohne es zu wissen und ohne ihr Dazutun trugen die Mennoniten zur Verschärfung des Konfliktes mit Bolivien bei. Folgendes Beispiel macht das klar. 373 mennonitische Flüchtlinge aus Rußland waren über Harbin, China, auf dem Wege nach Paraguay. Am 5. April 1932 war dieser Transport im Begriff mit dem französischen Schiff Croix den Hafen von Le Havre im Norden Frankreichs zu verlassen, um nach Buenos Aires zu fahren. Doch dann verwehrte der bolivianische Konsul die Abfahrt des Schiffes mit der Begründung, dass sie ein bolivianisches Visum bräuchten, da sie angeblich bolivianisches Territorium besiedeln würden. Das verursachte natürlich eine Verzögerung der Reise und Ärger bei den Behörden. Schließlich erhielten alle Passagiere das bolivianische Visum, unmittelbar unter dem paraguayischen eingetragen. Gegen diese Handlung Boliviens protestierte Paraguay. Als dann Bolivien erklärte, dass es in Zukunft keine Einwanderung in den Chaco zulassen werde, es sei denn unter bolivianischer Oberhoheit, brach Paraguay seine Beziehungen mit Bolivien ab. Um die Mennoniten anzuziehen, hatte Bolivien ebenfalls ein Privilegium für die Mennoniten erlassen. Peter P. Klassen nennt es ein „Kontra-Privilegium“.(28) Nachdem der Krieg dann ausgebrochen war, erschien im September 1932 eine Delegation bolivianischer Soldaten in Schönwiese (Nr. 7), dem westlichsten Dorf der Kolonie Fernheim, und überreichte dem Lehrer der Schule ein Schriftstück, welches erklärte, dass die Dörfer Schönbrunn (Nr. 6) und Schönwiese (Nr. 7) „unter dem Schutz unserer Gesetze und der Herrschaft Boliviens stehen“. Als Bemerkung wird dem Schreiben hinzugefügt: „Dieser Brief diene Ihnen als Ausweis, wenn unsere Regimenter im Vormarsch in Richtung Puerto Casado durchkommen. Unsere Kampfflugzeuge haben Anweisung, die mennonitischen Dörfer nicht zu bombardieren“.(29) Die amerikanische Zeitung „The Christian Century“ informierte am 20. September 1933: „Die Mennoniten, ein friedliches und sanftmütiges („inoffensive“) Volk, scheinen der Anlaß zu dem ganzen Konflikt zu sein“.(30) Nun, die Ursache des ganzen Chacokonfliktes waren die Mennoniten keineswegs, doch kann man nicht leugnen, dass die Einwanderung den Konflikt verschärfte, auch wenn dieses den Mennoniten nicht bewußt war. Die Mennoniten wurden ganz deutlich von der paraguayischen Regierung als ein politisches Mittel benutzt, um zu ihrem Ziel, die Oberhoheit über den Chaco zu wahren, zu gelangen. So trugen die Mennoniten entscheidend zur Verschärfung des Konfliktes zwischen Paraguay und Bolivien und schließlich zur Eroberung des Chaco bei.

Der Krieg war für die Mennoniten eine unangenehme Überraschung und löste Angst und Schrecken aus. Doch andererseits profitierten die Mennoniten vom Krieg. Zum ersten Mal in ihrer kurzen Geschichte kam Bargeld in die Kolonie, indem das Heer auf Verordnung der Regierung von den Mennoniten alle Lebensmittel, die sie produzieren konnten, kaufte. Die Mennoniten hatten keine Ärzte. Während der Zeit des Krieges behandelten die Militärärzte kostenlos die Mennoniten. Der Chacokrieg bot den Mennoniten durch den Kontakt mit den Soldaten die einzige Möglichkeit, das paraguayische Volk und ihre Eigenart ein wenig kennenzulernen. Unbeabsichtigt gewannen die Mennoniten durch die Presse eine nationale und internationale Publizität und Sympathie. Internationale Korrespondenten, die auf dem Wege zu dem Kriegsschauplatz durch die mennonitischen Siedlungen kamen, berichteten in ihrem Heimatland immer wieder über die friedliebenden, blonden Menschen im wilden Chaco. Die Soldaten, die während des Krieges durch die Kolonien zogen, erinnerten sich mit vor allem zwei Ausdrücken noch nach Jahrzehnten an die Mennoniten: „schönes Fräulein“ und „Kaputi Mennonita“. Nicht nur die Mennoniten profitierten von dem grausamen Chacokrieg. Das paraguayische Heer zog große Vorteile aus der Gegenwart der Mennoniten. Schon wenige Monate nach Ausbruch des Krieges hatte das paraguayische Heer das Gebiet in dem die Kolonien lagen, besetzt. Das Heer nutzte fortan die mennonitische Infrastruktur, die Wege, das Wasser aus den Brunnen, die Schulräume und das Krankenhausgebäude für die verwundeten Soldaten. Vor allem waren es die Lebensmittel und Produkte der Mennoniten, aus denen das paraguayische Heer entscheidende Vorteile zog. So bedeutend war der gesamte Beitrag, dass vereinzelte Stimmen meinten, dass Paraguay den Krieg ohne den Beitrag der Mennoniten nicht hätte gewinnen können. „Ob Paraguay ohne die Mennonitensiedlungen überhaupt hätte den Chaco halten können, ist noch eine große Frage“, berichtete die deutsche Gesandtschaft 1936 an das Auswärtige Amt in Berlin mit Bezug auf den Chacokrieg.(31) Andererseits haben einige Leute behauptet, wäre der Chacokrieg nicht gekommen, so hätten die Kolonien wirtschaftlich nicht überlebt. Das Militär war ein ausgezeichneter Absatzmarkt und Rohstofflieferant (Metallschrott). Auf dramatische Weise zeigt der Chacokrieg, dass die Mennoniten sich nicht dem politischen Geschehen dieser Welt entziehen konnten. Mehr oder weniger steckten auch sie mitten drin, selbst im entlegenen Chaco. Besonders stark sticht die Paradoxie hervor, einerseits wehrlos zu sein, aber andererseits dem Militär doch ganz massiv genutzt zu haben. Zwischen der Regierung und dem Militär einerseits und den Mennoniten andererseits wurden durch den Krieg sehr enge Beziehungen geknüpft. Nikolai Siemens, Herausgeber des Mennoblattes, berichtet davon, wie er mit dem Oberschulzen Jakob Siemens im Juli 1935 den paraguayischen Präsidenten Dr. Eusebio Ayala besuchte. Der Oberschulze verlas im Namen der Fernheimer Bürger vor dem Präsidenten folgenden Gruß:


Siemens schließt die Beschreibung des Besuches beim Präsidenten mit folgenden Worten: „Freudig bewegt verlassen wir den Palast. Wie einfach hier doch so eine Audienz ist! Keine Untersuchung vorher, keine Wache beim Audienzsaal; das ist wohl Demokratie im wahren Sinne des Wortes!“ Die Regierung hatte den Mennoniten versprochen, dass ihnen jeder Schaden, verursacht durch den Krieg, entschädigt werden würde. Daran hat die Regierung sich gehalten. Wie informell und persönlich das Verhalten der Mennoniten zur nationalen Regierung war, verdeutlicht folgendes Beispiel von Jacob A. Braun. Braun war der erste Vorsteher (Oberschulze) der Kolonie Menno. Er berichtet nun, dass während des Krieges eine Anzahl von Rechnungen für gelieferte Produkte nicht bezahlt worden waren. Immer war er auf „das nächste Mal“ vertröstet worden. Der Krieg ging zu Ende und immer noch war die Rechnung nicht beglichen worden. Wieder einmal war Braun in Asunción beim Minister (es wird nicht gesagt welcher) gewesen und vertröstet worden. Nun hatte Braun eine Idee. Er schreibt: „Da dachte ich, warum sollte ich nicht einmal versuchen, den Präsidenten zu sehen. So ging ich zum Regierungspalast und befragte mich, wo der Präsident sich aufhielt. Ich ging hin und ließ mich beim Wärter anmelden. Ich brauchte nicht lange zu warten, dann wurde ich hineingerufen. Der Präsident Dr. Eusebio Ayala begrüßte mich sehr freundlich und sprach mich gleich in Englisch an. Er sprach gut Englisch. Er fragte nach unserem Ergehen und Verschiedenes und dann fragte er nach meinem Anliegen oder Wunsch. Ich sagte ihm, was und wie viel wir an das Militär geliefert hatten, wie viel wir erhalten hatten und wie viel laut unserer Rechnung das Militär uns noch schuldete. Da sagte er, damit müsse ich zum Finanzminister gehen. Ich sagte ihm, dass ich schlecht Spanisch könne. Darauf sagte er: ,Ihr werdet euch schon verstehen'.


5. Ein mennonitischer Krieg um ein mennonitisches Glaubensprinzip.

Dabei ging es um das Prinzip der Wehrlosigkeit und der Nichtbeteiligung an der Politik. Die internationale politische Entwickelung einerseits und die nahezu ausweglose Lage der Mennoniten in Paraguay andererseits waren Auslöser des Kampfes innerhalb der mennonitischen Glaubensgemeinschaft in Paraguay. Dieser Kampf wurde im Wesentlichen in Fernheim ausgetragen, betraf aber auch Friesland in Ostparaguay. Menno blieb davon unberührt. Der Kampf unter den Mennoniten ist unter dem Namen „Die völkische Bewegung“ bekannt. Die Bewegung begann, als Adolf Hitler in Deutschland 1933 an die Macht kam. Die Mennoniten Fernheims waren begeistert. Ein Gratulationsschreiben an Hitler, unterschrieben von den geistlichen und weltlichen Führern Fernheims, wurde abgeschickt.(34) Darin wird Hitler als ein von Gott erwähltes Werkzeug gepriesen. Die Begeisterung in Fernheim kennt kaum Grenzen. Als ein Lehrer, Peter Hildebrandt, diese Begeisterung kritisiert, protestiert die K.f.K. heftig bei B.H. Unruh: „Wir aber wollten unseren Kindern Hitler als Beispiel geben“ (Sylvester 1935). Bis zu Beginn der 40er Jahre waren in Fernheim mehr als 90% der Bevölkerung von Hitler begeistert, in Friesland sogar 100% laut einem Bericht der amerikanischen Ärzte in Fernheim an das MCC in Nordamerika. Doch dann kam es zu einem Riß in der völkischen Bewegung, der Gemeinden spaltete und schließlich zu einem bedauerlichen Kampf zwischen der völkischen und antivölkischen bzw. wehrlosen Faktion führte. Dabei finden die Befürworter der völkischen Bewegung in Deutschland, die Wehrlosen bei den Mennoniten in Nordamerika Unterstützung. Der Kleinkrieg unter den Mennoniten im Chaco hatte folglich internationale politische Hintergründe. Den Völkischen wurde vorgeworfen, politisch und wehrhaft zu sein, den Wehrlosen wurde vorgeworfen, dass sie „Prinzipienreiter“ seien, die Prinzipien über biblische Wahrheiten setzten und sie mit unlauteren Mitteln verteidigt. So kam es zu einem unseligen Bruderkampf, der mittlerweile in allen Einzelheiten beschrieben worden ist und hier nicht weiter ausgeführt zu werden braucht. Dieses bedauerliche Kapitel in der Geschichte der Mennoniten Paraguays zeigt, dass ein Teil der Mennoniten in die zermalmenden Räder der internationalen Politik geraten war trotz bester Absicht, friedliebende Mennoniten zu sein und zu bleiben und sich nicht an der Politik zu beteiligen. Sie wurden gewissermaßen vom „Schicksal“ überrannt.

6. Die Ruta Transchaco: Weg zur wirtschaftlichen und politischen Integration der Mennoniten im Chaco

Die Mennoniten im Chaco lebten in der Isolation. Sie bildeten im besten Sinne des Wortes einen Staat im Staate. Aber die Zukunft der Mennoniten im Chaco war unsicher. Es bestand durchaus die Möglichkeit, dass die Kolonien sich auflösen könnten, es sei denn, man fände einen Weg der isolierten und aussichtslosen wirtschaftlichen Lage zu entkommen. Der Ausweg aus dieser Lage war ein direkter Weg von den Kolonien bis nach Asunción. Doch hier hieß es für die Mennoniten, „Arzt hilf dir selber“. Trotz der wohlwollenden Haltung der paraguayischen Regierung bestand keine Aussicht, dass sie diesen Weg bauen lassen würde. Das aus verschiedenen Gründen: Die Regierung hatte weder Mittel noch Personal dafür und außerdem stand der Wegbau nach Encarnación und zur brasilianischen Grenze vorrangig an erster Stelle. Mitte der 50er Jahre war Paraguay noch ein Land ohne Landstraßen. Hier nun traten die Glaubensbrüder der Mennoniten Paraguays in Nordamerika auf den Plan, vertreten durch das MCC. In anerkennenswerter Hingabe und in enger Zusammenarbeit mit den Mennoniten Paraguays vollbrachten sie ein Kunststück von Diplomatie und Organisation (Politik). Als Folge ihres Einsatzes kam es zu einer „seltsamen Koalition“, bestehend aus der paraguayischen Regierung, der amerikanischen Regierung, den Mennoniten und den Viehzüchtern des Chaco.(35) Auf Bitte des MCC schenkte die amerikanische Regierung Paraguay Wegebaumaschinen, die für den Krieg in Korea gebaut worden waren, aber nicht zum Einsatz gekommen waren. Dem MCC wurde die Verantwortung für den gesamten Bau der Transchacostraße übertragen und 1961 war der Weg von Asunción bis in die Kolonien fertig. Der Bau der Ruta Transchaco zusammen mit einem Millionenkredit, der vom MCC für die Mennoniten in Paraguay erwirkt wurde, war der Start in eine gesicherte wirtschaftliche Zukunft. Diese Tatsache wird von den Mennoniten im Chaco bewußt anerkannt. Weniger bewußt wird der Umstand wahrgenommen, dass die Ruta Transchaco den Weg in die wirtschaftliche, politische und soziale Integration der Mennoniten im Chaco eröffnet hat. Durch den Bau der Straße wurden die Mennoniten zu politischen Akteuren. Straßen sind für die Politik eines Landes grundlegend wichtig. Die Mennoniten haben in diesem Sinne einen bedeutungsvollen Beitrag zur Politik und Entwicklung Paraguays geleistet. Wirtschaftliche und politische Integration der Mennoniten in Paraguay haben einen in der gesamten mennonitischen Geschichte ungekannten Höhepunkt erreicht. Die soziale Integration steht noch aus.

7. Die Mennoniten unter Stroessner 1954-1989: gefügige, politische Werkzeuge

Dieses etwas hartklingende und unangenehme Urteil über die Mennoniten in Paraguay habe ich mehrfach von internationalen Besuchern in Paraguay gehört - von Mennoniten und auch von Nichtmennoniten. „Unter dieser Regierung haben wir es sehr gut“, war ein geläufiger Ausdruck der Mennoniten zur Zeit der Stroessnerregierung. Diese Aussage stimmte. Eine weitere Aussage: „Wir dürfen uns nicht in die nationale Politik einmischen“. Viele Mennoniten meinen, und so ist es öfters in die Presse gekommen, dass sie während der Stroessnerregierung politisch völlig unbeteiligt gewesen seien. Diese Meinung hält jedoch einer kritischen und sachlichen Untersuchung nicht stand. Es stimmt schon, dass die Mennoniten während der Stroessnerregierung keine politischen Ämter auf Landesebene bekleideten. Diese haben die Mennoniten nicht gesucht, noch hat die Regierung eine direkte politische Beteiligung von den Mennoniten erwartet. Eine direkte politische Beteiligung von Seiten der Mennoniten wäre wohl auch nicht im Sinne der Politik der Stroessnerregierung gewesen und hätte sich wahrscheinlich auch auf die Mennoniten selbst negativ ausgewirkt. Die Zeit war noch nicht reif für eine direkte politische Beteiligung auf nationaler Ebene. Und dennoch bestand eine enge Beziehung zwischen den Mennoniten und dem Staat (Stroessnerregierung), wie sie in ihrer Intensität sonst nirgends auf der Welt in der mennonitischen Geschichte zu finden ist, wenn auch auffallende Parallelen zu Rußland da sind. Noch bevor Stroessner Präsident wurde, besuchte er wiederholt die Mennoniten im Neuländerdorf Tiege, nahe beim Fortin Boquerón gelegen. Allerdings ging es damals eher um die Jagd auf Wild, aber eine freundliche Beziehung Stroessners zu den Mennoniten kam damals schon deutlich zum Ausdruck. Dann 1954, kurz nachdem Stroessner Präsident geworden war, besuchte er die Mennoniten im Chaco am 12. November. Das war eine Sensation. Nikolai Siemens, Herausgeber des Mennoblattes, berichtet darüber ausgiebig:


Mit mehreren Flugzeugen, großen und kleinen, landet der Präsident am frühen Nachmittag. Nachdem die Begrüßung von Seiten der Kolonievertreter auf der Landepiste stattgefunden hat, heißt es in dem Bericht weiter: „Nun nehmen 20 Pferdefuhrwerke und 9 bereitstehende Jeeps und Autos die Gäste auf. Voran fährt der Präsident und der Kriegsminister auf einer mennonitischen Droschke, kutschiert von Bürger H. Neufeld, Friedensfeld, mit zwei prächtigen Braunen... Am Tor zum Hof des Zentralschulgebäudes liest man auf einem Plakat:


Zum Schluß des Programms spricht der Präsident zu der erwartungsvollen Menschenmenge. Siemens schreibt: Als Chacopatriot habe er die Entwicklung der Mennonitenkolonien beobachtet und sei erstaunt über die günstige Entwicklung, auch unter großen Widerwärtigkeiten. ,Wir wollen unter meiner Regierung alles Mögliche tun, was den Kolonien zum Nutzen ist. Ich möchte einen jeden von euch in Liebe umarmen. ' Besonders markant ist der Satz: ,Unter meiner Regierung soll der López-Palast jedem Mennoniten offen stehen, sowie die Türen jedes einzelnen Ministeriums. Denn wir alle sind Diener des Volkes!“.(36) Der Besuch des Präsidenten fand ein starkes und positives Echo in der nationalen Presse. Es dauerte auch nicht lange, da hörte man die scherzhafte Bemerkung, dass Stroessner der Präsident der Mennoniten sei. Sein „Schoßkind“ waren sie sicherlich, so wie die Mennoniten in Rußland das „Schoßkind“ der Zaren waren.

Zwei Studenten im IBA hatten den Auftrag nachzuforschen, was das Mennoblatt zur Frage der Politik zu bieten habe. Ihre lakonische Schlußfolgerung: „Keine Stellungnahme zur Politik - nur Stroessnerbesuche“. Hier etwas von dem, was die Studenten über die Stroessnerbesuche gefunden hatten:

Über einen unerwarteten Besuch des Präsidenten berichtet das Mennoblatt36: „Am 20. Oktober landete ganz unerwartet der Landespräsident, General A. Strößner, auf dem Flughafen von Filadelfia. Auf diese Weise besucht der Präsident unangemeldet alle 14 Tage verschiedene Ortschaften des Landes. Der Herr Präsident ist ein Freund der Mennoniten, und teilnahmsvoll erkundigte er sich nach der wirtschaftlichen Lage. Er ließ sich auch über die Ursachen der Abwanderung aufklären... Er bewilligte soziale Einrichtungen in Filadelfia. Dem Krankenhaus schenkte er einen großen Eisschrank, und den Krankenschwestern versprach er eine freie Reise nach den Iguazufällen. Auch der Zentralschule stattete er einen kurzen Besuch ab. Der Schülerchor sang ihm einige Lieder vor. In das Gästebuch der Schule schrieb der Präsident folgende Worte: Auf meinem kurzen Besuch in Filadelfia habe ich erneut die großen Leistungen an Arbeit und Fortschritt festgestellt. Meine Regierung anerkennt das und verpflichtet sich, der Kolonie alle nur mögliche Hilfe zur Verfügung zu stellen. Es wird eine wirkliche und wirksame Hilfe sein und nicht nur in Worten. Die Zeit wird es beweisen'... Darauf begab sich der Herr Präsident wieder nach seinem Flugzeug und verließ die Kolonie, nachdem er grüßend in weitem Bogen die Dörfer überflog.

Nahezu ein Dutzend Stroessnerbesuche werden im Mennoblatt im Laufe der Jahre eingehend beschrieben, auf die wir hier leider nicht eingehen können. Manche inoffizielle Besuche sind nicht verbucht worden. Die meisten Besuche erhielten die Kolonien im Chaco, aber auch die Kolonien Friesland und Volendam haben einige Stroessnerbesuche gehabt.

Einige zusammenfassende Bemerkungen zu den Berichten des Mennoblattes über die Besuche Stroessners sind angebracht: - Der Präsident machte seine Besuche in der Regel mit einem großen Gefolge, in dem vor allem das Militär, die Polizei und seine Minister den Vorrang hatten. Die Kosten, die damit für die Kolonien entstanden, waren recht hoch, aber man hat sie ohne Murren zu Ehren des Präsidenten getragen. - Die Zahl der Besucher und Schaulustigen ist erstaunlich. Bei offiziellen Besuchen ging sie immer in die Tausende und bei ganz besonderen Feiern, z.B. Jubiläumsfeiern, bis auf 14.000. Die Zahl der Mennoniten im Chaco betrug damals etwa 12.000. Unter den Besuchern befanden sich immer auch viele Indianer. Kornelius Walde, Sekretär des CSEM, war in der Regel bei allen Besuchen präsent und galt als Vertrauensmann des Staatschefs. Alle Verbindungen zum Staatspräsidenten liefen über ihn, ganz im Sinne der herrschenden politischen Verhältnisse. In den Medien wird er als „Führer aller Mennoniten Paraguays“ bezeichnet. Als solcher wurde ihm am 3. Dezember 1986 von der Regierung das „Große Verdienstkreuz für Arbeit“ („Orden del Merito de Trabajo en el Grado de la Gran Cruz“) verliehen, als „Führer dieser arbeitsamen religiösen Gemeinschaft“. Der Minister für Industrie und Handel Dr. Delfín Ugarte Centurión sagte bei dieser Gelegenheit: „Kornelius Walde ehren, heißt die Mennonitenkolonien ehren“.(38) Bei den Besuchen in den ersten Jahren knüpft Stroessner in seinen Reden meist an seine Erfahrungen im Chacokrieg an. Immer ist er des Lobes voll über die Leistungen der Mennoniten, die fürs ganze Land vorbildlich dastünden. Er hebt ihre Arbeitsamkeit, ihren Fleiß und ihre Ordnung hervor. Dann sagt er ihnen immer auch seine volle Unterstützung zu. - Die Mennoniten haben Stroessner ihre volle Unterstützung gegeben und waren gefügige und untertänige Bürger, die sich von jeglicher direkter Beteiligung und Kritik an der Politik fernhielten. Dies zu tun, hätte ihnen nur geschadet, dessen waren sie sich bewußt. Von kritischen Besuchern ist diese passive Haltung als „blinde Unterwürfigkeit“ getadelt worden. Menschenrechtliche Verbrechen von Seiten der Regierung wurden von den Mennoniten schweigsam hingenommen, um Schwierigkeiten und Unannehmlichkeiten irgendwelcher Art vorzubeugen.

Die enge Beziehung zwischen den Mennoniten und der Stroessnerregierung während der rund 34 Jahre Stroessnerregierung hat ungetrübt angehalten. Wie hat sich die Stroessnerregierung auf die Mennonitenkolonien ausgewirkt? Eine gründliche Umfrage in dieser Angelegenheit dürfte durchaus aufschlußreich sein. Ich persönlich habe von Mennoniten im Rückblick auf diese Zeit kaum mal Kritik an der Regierung gehört. Dagegen werden immer wieder die positiven Aspekte der Stroessnerregierung hervorgehoben: Unter der Stroessnerregierung hatten wir es gut, da herrschte Ordnung, da gab es wirtschaftlichen Fortschritt und Sicherheit. So haben die Mennoniten ihn erlebt. Stroessner war der „protector“ (Beschützer) der Mennoniten. Sie hatten durch ihren Vertreter direkten Zugang zum Präsidenten bzw. zu seinen Ministern. Bei anscheinend unlösbaren Problemen legaler oder politischer Art wandten sich die mennonitischen Vertreter an die Regierung. In der Regel wurden die Probleme kurzfristig gelöst - manchmal, leider, auf brutale Art. Stroessner war eben der „protector“ der Mennoniten. Für solchen offensichtlichen Schutz von Seiten der Regierung waren die Mennoniten dankbar und brachten diese Dankbarkeit auf sichtbare Weise zum Ausdruck. Zu Weihnachten erhielten die Regierungsleute große, geschmückte Körbe mit Käse, Wurst und anderen Produkten. Dann aber auch durch Treue, Fleiß und Gehorsam (Unterwürfigkeit) in der Lebensführung; Tugenden, die man der Regierung aus christlicher Überzeugung schuldig zu sein glaubte. Lobreden auf die Regierung waren auch unter den Mennoniten nicht unbekannt. Dies zu tun gehörte zum guten Ton. Betont wurden in diesem Zusammenhang immer wieder die großzügigen Privilegien, die die paraguayische Regierung den Mennoniten gewährt hatte und die die Mennoniten zur Untertänigkeit, zum Gehorsam und zu harter Arbeit verpflichteten, sie aber von Kritik an der Regierung abhielt. Kritik an der Regierung üben oder auch die mennonitischen Privilegien in Frage stellen wurde als Undankbarkeit gewertet, sowohl der Regierung als auch den mennonitischen Glaubensprinzipien der Wehrlosigkeit gegenüber. Inwieweit hat das Stroessnersystem auf die Mennoniten abgefärbt? Dies ist ein weiteres Thema, das sicherlich interessant wäre, wissenschaftlich erforscht zu werden. Hier nur einige persönliche Beobachtungen: Es wurde oben schon angeführt, zur Stroessnerzeit wurde keine Kritik an dem in Paraguay herrschenden Regierungssystem geduldet. In diesem Sinne wurden die Schulen im Lande strengstens überwacht. Hier ein persönliches Erlebnis. In der Goetheschule gab ich in der 9. Klasse Geschichtsunterricht. Das Textbuch der Klasse schilderte Francisco Solano López als den Helden, der Paraguay von seinem Untergang errettet habe. Ich sagte den Schülern, dass dies eine Interpretation sei, dass es aber noch eine andere gebe, die López mehr als einen Verbrecher an dem paraguayischen Staat ansehe. Nur wenige Zeit später erhielt der Direktor der Schule einen Anruf vom Erziehungsministerium mit der Aufforderung, den betreffenden Lehrer zurechtzuweisen. Dem Gebot der Stunde, nicht Kritik an der Regierung Stroessners zu üben, sind die Mennoniten nachgekommen wie wohl keine andere Gruppe oder Organisation. „Uns als Mennoniten geht es wirtschaftlich gut, weil wir uns nicht in die Politik mischen“, war das Urteil vieler Mennoniten zur Zeit Stroessners. Dies ist sicherlich einer der Gründe gewesen, weshalb Stroessner die Mennoniten so gut leiden konnte. Die Korruption zur Zeit der Stroessnerregierung hat stark auf das Geschäftsleben der Mennoniten abgefärbt. Davon wissen die mennonitischen Geschäftsleute und die Kooperativen ein Lied zu singen. Geschäftsleute in Asunción haben mir mehrfach gesagt, ohne „doppelte Buchführung“ könnten sie nicht bestehen. Dem bestehenden Wirtschaftssystem entsprechend könne kein Geschäft ohne „Fälschung“ überleben. Ohne „Schmieren“ liefe nichts. Manche Mennoniten haben da mitgemacht und sind reich geworden. Urteil eines Außenseiters aus jüngster Vergangenheit: „Erst sind die Mennoniten in Asunción durch ihre Beziehung zu Stroessner reich geworden. Jetzt sind sie fromm und brav und tun so, als ob sie nichts mit der korrupten Regierung Stroessners zu tun gehabt hätten. Man muß schon anerkennen, die Mennoniten verstehen sich anzupassen“. So ein Urteil ist zwar hart. Es sollte uns dennoch zum Nachdenken Anlaß geben.

8. „Coordinadora Nacional de Iglesias“

Manche Mennoniten und Nichtmennoniten befürchteten, dass es in Paraguay nach Stroessner ein „Blutbad“ geben würde. Als „Schoßkinder“ Stroessners würden die Mennoniten dann besonders schlecht abschneiden. Man machte Vergleiche mit Rußland. Die Mennoniten selbst haben dabei auf die Ereignisse der russischen Revolution im Jahre 1917 hingewiesen. Gewisser Grund für solche Befürchtungen lag vor, aber nichts davon ist eingetroffen. Aus der engen Freundschaft mit der Stroessnerregierung sind den Mennoniten, meines Wissens, keine negative Folgen entstanden. Es gab zwar in den Jahren 1989 bis 1993 in der Presse und von Seiten einiger Parlamentarier sehr scharfe Angriffe auf die Mennoniten. Die Mennoniten stellten sich diesen harten Angriffen und waren recht erfolgreich in der Aufbesserung ihres Images. Dafür gibt es viele Beispiele. Hier nur eines: Die „Coordinadora Nacional de Iglesias“.

Die „Coordinadora Nacional de Iglesias“ ist ein vorbildliches Beispiel positiver Beteiligung der Mennoniten an der nationalen Politik. Die „Coordinadora de Iglesias Cristianas para la Asamblea Nacional Constituyente“ (so der volle Name) war ein Zusammenschluss der christlichen Kirchen in Paraguay mit der Absicht, in einigen wesentlichen Punkten Einfluß auf die Ausarbeitung der neuen Staatsverfassung zu nehmen. Schon bald nach dem Regierungswechsel 1989 sprachen sich Stimmen in der Regierung für die Schaffung einer neuen Staatsverfassung aus, die den demokratischen Zeitverhältnissen angepaßt wäre. Wie schon so oft in der Geschichte stieg bei den Mennoniten sofort die Frage auf: Was wird dann aus unseren Privilegien (Gesetz Nr. 514)? Werden sie uns erhalten bleiben? Das mennonitische Gemeindekomitee beauftragte im September 1990 einige Personen, sich intensiv mit dieser Frage zu beschäftigen. Die vom Gemeindekomitee gebildete Kommission setzte sich aus folgenden Personen zusammen: Wilhelm F. Sawatzky, Jakob Friesen, Ewald Reimer, Werner Franz und Alfred Neufeld. Einige Personen schieden später aus, andere kamen hinzu. Die Kommission begann die Arbeit mit einer anerkennenswert liberalen, aufgeschlossenen Haltung. Das geht aus einem Brief hervor, den Werner Franz am 26. Oktober 1990 an Richard Sider vom MCC, USA, schrieb, in dem um Wegweisung in dieser so wichtigen Angelegenheit gebeten wird. Franz schreibt, dass Paraguay sich in einem „Übergang zur Demokratie“ befinde. „Dieser Prozeß des politischen Wechsels hat zu einem neuen Erwachen unter den Mennoniten geführt, tiefer über unsere politische und soziale Verantwortung in der entstehenden Demokratie nachzudenken“. Dann spricht er das eigentliche Thema an - den Militärdienst bzw. die Befreiung von demselben. Er führt aus, dass in Paraguay der obligatorische Wehrdienst bestehe, dass aber die Mennoniten aufgrund des Gesetzes Nr. 514 davon befreit seien. Weiter schreibt Franz: „Unsere Absicht ist jetzt, dahin zu arbeiten, dass unsere Stellungnahme dahin führen möchte, die nationale Verfassung dahin zu verändern, dass auch andere die gesetzliche Möglichkeit haben würden, nicht den Militärdienst zu tun“. Das war ein positiver Ansatz, den man in der Mennonitengeschichte wohl kaum sonstwo findet. Es ging also nicht nur darum, wie es in Russland so kraß zum Ausdruck kam, die eigenen Vorteile („Sonderinteressen“) aufrechtzuerhalten, sondern sie allen Bürgern im Lande zugänglich zu machen. Wie dieses Ziel verfolgt wurde und was erreicht wurde, soll nun ausgeführt werden. Zunächst suchte die Kommission nach Personen in der paraguayischen Gesellschaft, die in der Frage des Militärdienstes ähnlich dachten wie die Mennoniten, wenn auch nicht auf Grund der gleichen Glaubensprinzipien. Da war es der Senator Fernando Vera, der den Standpunkt der „Reduzierung des Militärs“ vertrat. Eine weitere Person war Pastor Georg Wiley von den „Discípulos de Cristo“ und vom „Comité de Iglesias“, einem Komitee, das sich schon viel mit Fragen der sozialen Gerechtigkeit in Paraguay beschäftigt und scharf damit auseinandergesetzt hatte. Eine dritte Person war Frau Josefina de Fernández Estigarribia, die Beauftragte für Menschenrechtsfragen. Der Rechtsanwalt und Notar Dr. Lorenzo Liviéres wurde zur Mitarbeit an der Ausarbeitung eines Dokuments für die Wehrdienstbefreiung angeworben. Bei der Suche nach weiteren Unterstützern in dieser Sache fand man heraus, dass der Direktor von Radio Cáritas, dem Radiosender der katholischen Universität, „ein überzeugter Militärdienstverweigerer ist“. Selbst bei dem Präsidenten der paraguayischen Bischofskonferenz, Monseñor Liviéres Banks, fragte man an, „inwiefern die katholische Kirche an dieser Sache würde mitarbeiten wollen“. Diese und andere Kontakte wirkten fördernd und ermutigend. In der Kommission war man sich aber auch bewußt, dass sie die Unterstützung der Gemeinden für den neuen Ansatz bräuchten. Im Jahre 1991 ging man vom Gemeindekomitee aus daran, das Bewußtsein für die Wehrdienstbefreiung und die Friedenslehre in den eigenen mennonitischen Gemeinden im weiteren Sinne zu fördern. Zu diesem Zwecke vervielfältigte man das Traktat von J.A. Toews, „Unser Versöhnungsdienst in einer zerbrochenen Welt“ und verbreitete es in den Gemeinden, wo es „als Studien- und Hilfsmaterial gebraucht werden“ sollte, schreibt Franz am 2. April 1991. Zugleich sammelte die Kommission Material aus verschiedenen Ländern, wo über das gleiche Thema verhandelt worden war: Brasilien, Argentinien, MCC, UNO-Resolutionen u.a.m. Sehr ermutigend für die Kommission war dann ein Brief der katholischen Bischofskonferenz in Paraguay („Conferencia Episcopal Paraguaya“) vom 17. April 1991. Der Sekretär der Konferenz, Bischof Celso Yegros Estigarribia schrieb, dass die „katholische Kirche ganz besonders sensibel für die Förderung des Friedens und der Gerechtigkeit ist und Gewalttätigkeit als Methode zur Lösung von Konflikten“ ablehnt. Rechtsberater hatten der mennonitischen Kommission bereits vorgeschlagen, nicht im Alleingang einen Gesetzesentwurf in Bezug auf die Wehrdienstfrage auszuarbeiten. Damit würde man nicht weit kommen. Sie schlugen vor, zusammen mit anderen christlichen Kirchen im Lande diese Arbeit zu tun. Dieser Vorschlag wurde von der Kommission allen Ernstes wahrgenommen, um „im Namen einer möglichst großen Unterstützungsgruppe aufzutreten, vielleicht als Zusammenschluß verschiedener kirchlicher Institutionen“, heißt es in einer Zusammenfassung nach einem Gespräch mit dem Senator Dr. Waldovino Ramón Lovera vom 29. April 1991. Weiter schreibt Franz überzeugt: „Die Zusammenarbeit mit anderen Kirchen wäre unbedingt anzustreben. Eine interdenominationale Arbeitsgruppe würde auf alle Fälle mehr Glaubwürdigkeit haben als Vertreter einer kleinen exklusiven Gruppe“. Schließlich weist Franz auf die Tatsache hin, dass die nationale Presse mehrere Fälle von Verstößen gegen die Menschenrechte bei den Mennoniten veröffentlicht habe, wodurch „die öffentliche Meinung den Mennoniten gegenüber negativ“ eingestellt sei. Franz schlußfolgert: „Dieses bedeutet unter anderem, dass es nicht günstig sein wird, den Antrag auf Militärdienstbefreiung als einen mennonitischen Antrag aufzuziehen“ (13. Mai 1991). Mit anderen Worten, es bestand keine Möglichkeit im Alleingang das mennonitische Ziel zu erreichen. Auf Grund dieser Überlegungen wurden zum 27. Mai 1991 eine Anzahl evangelischer Gemeindevertreter und Pastoren erstmals zu einem Dialog ins Mennonitenheim eingeladen. Am 10. Juni fand dann das zweite Gespräch statt. Bald beteiligte sich auch die katholische Kirche durch ihren Vertreter an diesen Gesprächen. Die Vertreter der christlichen Kirchen Paraguays einigten sich auf vier Punkte, für deren Aufnahme in die neue Staatsverfassung sie sich einsetzen wollten:
1. Trennung von Kirche und Staat,
2. Schutz von Familie und Ehe,
3. Religions- und Gewissensfreiheit,
4. Befreiung vom Militärdienst aus Gewissensgründen.

In dem Protokoll der Gemeindekomiteesitzung vom 26. Juli 1991 heißt es zu diesen Vorschlägen: „Klar soll sein, dass wir dieses nicht als ein Mennonitenprojekt einreichen wollen, sondern als religiöse Gruppen von Paraguay“. In der Diskussion wurde auch hervorgehoben, dass man sich den Anforderungen der Zeit eben stellen müsse - es waren wohl nicht alle davon überzeugt. Unter Aufwand von viel Zeit und Energie wurden die vier Vorschläge ausgearbeitet und mit Bibelstellen, kirchlichen Aussagen und wichtigen Dokumenten der UNO belegt und in Form eines attraktiven Büchleins gedruckt. Dieses wertvolle Dokument wurde im Januar 1992 an alle 198 Mitglieder der verfassungsgebenden Versammlung („Convencionales constituyentes“) und an die Presseleute „persönlich eingehändigt“, damit es ihnen in den Plenarsitzungen der „Convención Nacional Constituyente“ als Orientierung dienen solle. Auf Einladung des Vorsitzenden der „Convención Nacional Constituyente“ Dr. Facundo Insfrán durften fünf Vertreter der „Coordinadora de Iglesias Cristianas“ an den Sitzungen der Kommission teilnehmen, um als Kontaktpersonen für auftretende Fragen zur Verfügung zu stehen. Die fünf Vertreter waren: José Valpuesta (Katholik), Armin Ihle (Lutheraner), Werner Franz (Mennonit), Cesar Acevedo (Hermanos Libres) und Osvaldo Velázquez (Baptist). Eine der umstrittensten Fragen in den Diskussionen der neuen Gesetzgebung war die der Befreiung vom Wehrdienst aus Gewissensgründen. Das Militär befürchtete dadurch eine Einschränkung seines Machtbereiches. Doch schließlich wurde die jahrelange Arbeit und das Bemühen der „Coordinadora“ um die Befreiung vom Wehrdienst aus Gewissensgründen mit Erfolg gekrönt. Artikel 129 der neuen Verfassung hält zwar am obligatorischen Militärdienst für alle paraguayischen jungen Männer fest, erlaubt dann aber doch allen wehrpflichtigen Bürgern des Landes die Befreiung von diesem Dienst aus Gewissensgründen. Trotz dieser gesetzlichen Verordnung, die allen Paraguayern zugute kommt, haben die Mennoniten immer noch einen beachtlichen Vorteil der nationalen Bevölkerung gegenüber, denn auf Grund des Gesetzes Nr. 514 von 1921 bleiben die Mennoniten auch weiter als ganze Gemeinschaft vom Militärdienst befreit. Die mennonitischen jungen Männer brauchen nicht persönlich den Wehrdienst verweigern. Das tut die Gemeinde zusammen mit der mennonitischen Verwaltung für sie. Ein Alternativdienst zu Gunsten der Zivilbevölkerung ist für die Gewissensverweigerer in der Verfassung vorgesehen, aber bis heute nicht gesetzlich geregelt und daher auch nicht eingeführt worden. Sollte in Paraguay ein stehendes Berufsheer eingeführt werden, so würde die Notwendigkeit der Regelung des Zivildienstes damit überflüssig werden. Es war das Verdienst der Mennoniten Paraguays, dass die christlichen Kirchen sich einigten, an der Staatsverfassung mitzuarbeiten. Dieser Tatbestand ist von der katholischen Kirche in ihrer Zeitschrift (39) gebührend hervorgehoben und anerkannt worden.

Mit der neuen Staatsverfassung war der Weg für eine aktive Beteiligung der Mennoniten an der Landespolitik eröffnet. Sie ist überraschend erfolgreich wahrgenommen worden.

9. Mennoniten in der nationalen Politik: Paraguay „mennonitisieren“?

Der in Paraguay berühmte, unlängst verstorbene Anthropologe Miguel Chase-Sardi, der durch seinen Einsatz für die Rechte der Indianer einerseits und seine Kritik an den Mennoniten andererseits zu Beginn der 1970er Jahre internationales Aufsehen erregte, schreibt 1994 anerkennend über die Mennoniten: „Die Mennoniten sind arbeitsam, friedliebend und gütig, geschäftlich und geschickt.. Sie zeichnen sich als Fortschrittler aus, und jetzt, seit der Herstellung eines Rechtsstaates im Lande, sind sie mit außergewöhnlichem Erfolg in die nationale Politik eingestiegen“.(40) Selbst die Mennoniten waren von ihrem Erfolg überrascht, und bei einigen verursachte er „theologisch-täuferische Magenschmerzen“. Doch bei zunehmendem Erfolg der Mennoniten scheinen seit den letzten Wahlen im Jahre 2003 auch die letzten Bedenken verschwunden zu sein. Wer nun noch Fragen bezüglich der Beteiligung der Mennoniten an der Politik hegt, der wagt sich wohl kaum noch, diese zu äußern. Ähnliches wie in Paraguay, was mennonitische Beteiligung an der nationalen Politik betrifft, geschah in Rußland in den Jahren 1905 bis 1917. Dort hatten die Mennoniten sich erfolgreich an der Politik beteiligt. Mit der Revolution von 1917 fand diese Beteiligung ein jähes Ende. In Kanada sind die Mennoniten seit einigen Jahrzehnten ebenfalls recht erfolgreich in die nationale und provinziale Politik eingestiegen. Aber in den genannten Ländern geschah der Einstieg in die Politik nicht so massiv und intensiv wie in Paraguay. Die Mennoniten in Paraguay stehen darin einmalig da. Worauf ist diese erfolgreiche politische Beteiligung zurückzuführen? Einmal, Paraguay ist ein kleines Land mit zur Zeit rund 5,5 Millionen Einwohnern. Die eingewanderten Mennoniten zählen etwa 30 000 Personen. Das ist etwas mehr als 0,50% der Gesamtbevölkerung. Das scheint auf den ersten Blick wenig zu sein, ist aber dennoch nach Belize der höchste Prozentsatz in der Welt. Zweitens, die Mennoniten in Paraguay, und hier ganz besonders die Mennoniten im Chaco, haben durch ihre wirtschaftlichen und kulturellen Leistungen nationales Aufsehen erregt. Die Milchprodukte der Mennoniten sind im ganzen Lande für ihre gute Qualität bekannt. Drittens muß auf den karitativen, missionarischen und kulturellen Einsatz der Mennoniten unter der nationalen Bevölkerung hingewiesen werden. Wer kennt nicht die Bedeutung des Hospital Mennonita Km 81? Einige tausend paraguayische Kinder besuchen mennonitische Missionsschulen mit dem Colegio Johannes Gutenberg als leuchtendem Beispiel. Inzwischen bekennen sich etwa 5000 Lateinparaguayer zum mennonitischen Glauben. Eine Gemeinde dieser spanischsprachigen Mennoniten ist „Raices“, in der Gloria Penayo de Duarte, die Frau des Landespräsidenten Nicanor Duarte Frutos, Gemeindeglied ist. Alle diese Faktoren und andere mehr haben den Weg für die Empfänglichkeit und die aktive Beteiligung der Mennoniten an der Politik vorbereitet. Die ersten mennonitischen Politiker erregten besonderes Interesse in den nationalen Medien: Cornelius Sawatzky, erster mennonitischer Gouverneur von Boquerón, Heinz Ratzlaff, Diputado Nacional (Volksvertreter) und Orlando Penner, zweiter Gouverneur von Boquerón. Sie waren auch die ersten Evangelischen in Paraguay, die so hohe politische Ämter bekleideten und bis heute halten die Mennoniten das Monopol der politischen Beteiligung unter den evangelischen Gemeinden in Paraguay. Auch einmalig in der Welt. In ABC-Color, der größten Tageszeitung Paraguays, vom 30. Juni 1994 heißt eine Schlagzeile: „Gouverneur Sawatzky fordert eine aufrichtigere Gesellschaft“. Dann heißt es dort, dass anläßlich eines Besuches des Staatspräsidenten Juan Carlos Wasmosy im Chaco der mennonitische Gouverneur den Staatspräsidenten aufforderte, „die Korruption in allen Bereichen zu beseitigen, das Wohl aller zu suchen und eine ehrliche Gesellschaft zu schaffen“. Der mennonitische Parlamentsabgeordnete, Heinrich Ratzlaff erntete Bewunderung und Anerkennung wegen seiner klaren, ethischen und christlichen Prinzipien, die von der Presse veröffentlicht wurden. Die größte Publizität in den Massenmedien erntete Orlando Penner für seine Tätigkeit als Gouverneur und seine Konfrontation mit dem Präsidenten Luis González Macchi in Sachen des Aquaeduktes in den Chaco. In den Massenmedien erscheinen die Mennoniten immer öfter als Vorbilder. Warum haben wir keinen Mennoniten als Wegebauminister? fragt ein Reporter in Radio Cardinal, als er nach einem Regen vor einer Wegschranke im Departamento San Pedro festsaß. In den mennonitischen Kolonien gibt es diese lästigen Wegschranken nicht, rief er ins Radio. Ja, und wie wär's mit einem Mennoniten als Präsidenten? Auch dieses Thema wurde in den Medien aufgegriffen und von Einzelnen öffentlich und privat angesprochen. Und schließlich kommt in den Medien sogar der Vorschlag, Paraguay zu „mennonitisieren“.(41) Das mennonitische Verwaltungsmodell wird als vorbildliches politisches System vorgeschlagen. Pedro Fadul, Präsidentschaftskandidat für „Patria Querida“, versuchte mit dem Schlagwort Mennonit und Orlando Penner Stimmen zu gewinnen. Nach seinem Wahlsieg hat Nicanor Duarte Frutos die Mennoniten ernstgenommen, indem er mehrere Mennoniten in höchste Regierungsposten eingesetzt hat. Die Frage ist daher berechtigt: Wird Paraguay „mennonitisiert“ werden? Können und wollen die Mennoniten das spezifisch Christliche: die Hungernden sättigen (d. h. den Landlosen Land verschaffen), den Arbeitslosen Arbeit geben, brüderlich teilen, für Gerechtigkeit (soziale Gerechtigkeit und Rechtsstaatlichkeit) eintreten, Wehrlosigkeit durchsetzen, also für eine möglichst gewaltfreie Politik sorgen in die Politik einbringen, oder wollen sie nur ihre Interessen und die der ohnehin schon relativ Begüterten wahren? Andererseits: Wie wirkt sich die Beteiligung an der Politik und die Nähe zu den Mächtigen auf den Glauben, die Haltung gegenüber der Politik auf die Gemeinde aus? Wie weit besteht die Gefahr, dass der Glaube, d.h. der nach außen gezeigte Glaube und die Gemeindezugehörigkeit mißbraucht werden, um seine Machtposition zu festigen bzw. politischen Einfluß zu gewinnen? Besteht nun andererseits auch die Gefahr, dass die mennonitischen Gemeinden „politisiert“ werden?

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Bibliographie:
  1. Bender 1939 = Bender, Harold S. „Church and State in Mennonite History“. The Mennonite Quarterly Review, Vol. XIII, April 1939, S. 104-122.
  2. Bender 1946 = Bender, John E. Paraguay Calling. Part Two: The Mennonite colonies in Paraguay. Mennonite Central Committee [Akron, Pennsylvania, 1946]
  3. Braun 2001 = Braun, Jacob A. Im Gedenken an jene Zeit: Mitteilungen zur Entstehungsgeschichte der Kolonie Menno. Herausgegeben vom Geschichtskomitee der Kolonie Menno, Loma Plata/Kolonie Menno, 2001.
  4. Cardozo 1996 = Cardozo, Efraím. Breve historia del Paraguay. Asunción, El Lector, 1996.
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  40. Sawatzky 1996 = Sawatzky, Adolf S. „Origen, evolución e inserción de la Colonia Menno a la sociedad paraguaya“, unveröffentlichte Staatsexamenarbeit, Universidad del Norte, Asunción, 1996.
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  43. Smissen 1895 = Smissen, Carl H.A. van der. Kurzgefaßte Geschichte und Glaubenslehre der Altevangelischen Taufgesinnten oder Mennoniten, Illinois, im Selbstverlag des Verfassers, 1895.
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  47. Walter 1994 = Walter, Ralf. Evangelium ist nicht Politik: Überlegungen zur politischen Theologie. Hänssler Verlag, 1994.
  48. Warkentin 1972 = Warkentin, Jakob. „Bestimmt das Privilegium unser politisches Handeln“? In: Walter Regehr. 25 Jahre Kolonie Neuland Chaco Paraguay (1947-1972): Eine Gedenkschrift zum fünfundzwanzigjährigen Jubiläum. Herausgegeben im Auftrage der Kolonieverwaltung, gedruckt bei Heinrich Schneider in Karlsruhe, 1972, S. 78-83.
  49. Wiens 1998 = Wiens, Arnoldo. Los Cristianos y la corrupción: Desafíos de la corrupción a la fé cristiana en América Latina. Editorial CLIE, Barcelona, 1998.
  50. Yoder 1981 = Yoder, John H. Die Politik Jesu - der Weg des Kreuzes. Agape Verlag, Maxdorf, 1981.

Fussnoten:
Lehrer und Archivar am Instituto Bíblico Asunción.
Der große Brockhaus 1956, S. 273 und Martínez 2000, S. 9-10.
vgl. Martínez 2000, S. 61-69; Wiens 1998, S. 202.
Der große Brockhaus 1956, S. 273.
Macht, Sicherheit, Friede, Gerechtigkeit, allgemeine Wohlfahrt usw....“ S. 273.
Elliott 1931, S. 15 und S. 87.
ebd., S. 189.
ebd., S. 18 und 190.
ebd., s. 183.
ebd., S. 19.
ebd., S. 18.
ebd., S. 25.
ebd., S. 33-34.
ebd., S. 43.
ebd., S. 68.
Elliott 1931, S. 131.
„I have found the promised Land“, Friesen, 1987, S. 61.
Friesen 1987, S. 63.
Bender 1946.
Bender 1946, S. 18.
ebd., S. 19.
Friesen 1987, S. 104.
Ratzlaff 1998, S. 19 - 21.
„The blond men in the Chaco“ S. 27; vgl. Ratzlaff 1993, S. 15.
Ratzlaff 1993, S. 9.
Ratzlaff 1993a, S. 10.
Friesen 1977, S. 6.
Klassen 1988, S. 51.
Klassen 1975, S. 63-64.
„Peaceful Pawns in the Chaco Conflict“, S. 1173.
Mennoblatt, den 16. Januar 1974, S. 5.
Mennoblatt, August 1935, S. 5.
Braun 2001, S. 92-93.
Menno-Blatt, Juni 1933, S. 2.
Ratzlaff 1998.
Mennonitische Geschichtsblätter, 1955, S. 44-46; Ratzlaff 1988, S. 103-106; Mennoblatt, November 1954.
November 1956, S. 6.
vgl. Mennoblatt, 16. Dezember 1986, S. 9.
März 1992, S.11; vgl. Ratzlaff 1996, S. 17 und 23.
Shell Paraguay, Jahreskalender 1994.
„Radio Cáritas“ am 2. August 2001.