Kulturelle Beiträge | Jahrbuch 2005

„Biografie einer gewöhnlichen Frau“

Mein Name ist Marlene
ich könnte genauso Helga, Käthe oder Marta sein
Hab heute zwei Söhne und drei Töchter
Das vierte Mädchen starb
Von Anfang an bin ich dabei gewesen
Im Chaco, hier, wo heute Filadelfia liegt

Erst Chortitza in Russland
Ein langer Weg von dort nach hier
Mein Leben war wie viele andere auch
Keine besonderen Verdienste
Habe Helmut mit neunzehn geehelicht
Sechs Kinder haben wir bekommen
Geliebt, gefüttert und erzogen
Eine Familie von vielen
Es gibt nichts Großes zu erwähnen

Der Chaco war nur schrecklich
Und trotzdem haben wir´s geschafft
Weltweit hat der Krieg gemordet
Wir hatten unsern eigenen Krieg
Opfer gab es hier wie drüben
Hunger, Not, ob Kälte oder Hitze und Staub

Die Kinder weinten... ich konnte nur trösten
Habe nie Besonderes getan
Bohnen gekocht, Hosen genäht
Und Liebe gegeben
Genau wie die vielen anderen auch

Man wird nie von mir sprechen
Was ich getan, war immer meine Pflicht
Und doch bin ich dankbar
Habe geschafft mich glücklich zu nennen
Mein Leben ist vorbei
Der Grabstein verwittert vielleicht bald
Doch, Leute seht, wir reichen uns einander
in Liebe auch heute noch die Hand
Und nur darauf kommt es an.

Prosadichtung von Felizia Wolf

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