Kulturelle Beiträge | Jahrbuch 2005

Samuel

„Halt, halt!“ Samuels Gewissen warnt ihn. Schon öfters hat er kleine Notlügen benutzt, um sich aus einer Sache herauszuziehen. Aber diesmal ist es wohl keine Notlüge mehr. Zu sagen, man kenne seinen bisher besten Freund nicht, ist schon sehr gemein.

Clark und er haben sich immer so gut verstanden. Seit den ersten Kinderjahren haben sie zusammen gespielt und haben bis zu den wildesten Teenagerjahren zusammen gehalten. Aber in den letzten Wochen hat sich alles geändert.

Die Sache fing damit an, dass José in die Klasse kam. José ist einfach ein cooler Typ. Er hat die tollsten Klamotten, die neuesten CD’s und Eltern, die ihm alles erlauben. Josés Freund zu sein ist wirklich eine Ehre. Samuel hatte sich sofort gut mit ihm verstanden. Clark war von Anfang an skeptisch gewesen und hatte Samuel gewarnt: „Vorsicht, Samuel! José mag zwar alles haben, aber er kennt Gott nicht.“ „Ach, was soll’s“, hatte Samuel entgegnet. „Darf man denn immer nur fromme Freunde haben?“ Clark hatte damals nichts erwidert. Samuel und José hatten sich angefreundet und immer mehr zusammen unternommen. Anfangs hatte Samuel nicht überall mitmachen wollen. Aber mit der Zeit hatte er sich in Josés Kreise integriert und fühlte sich dort auch immer wohler.

Heute, vor einigen Minuten, hatte er seine Freundschaft zu Clark verleugnet. Sie hatten es sich als Freundesgruppe gerade an einer Straßenbar gemütlich gemacht, als Clark vorbeigegangen war. Die Gruppe Jungen hatte sich über ihn lustig gemacht. Sein Aussehen und sein ganzes Verhalten waren einfach total anders als bei diesen Jungs. Samuel hatte mitgelacht, wenn auch mit gemischten Gefühlen, und gesagt, diesen Kerl kenne er nicht. Tief in sich drinnen verachtete Samuel sich selbst dafür.

Je mehr Zeit vergeht, desto mehr entfremden sich Clark und Samuel. Einmal, nach längerer Zeit, treffen sie sich und es entsteht eine lebhafte Diskussion. Clark wirft Samuel nicht vor, dass er sich andere Freunde gewählt hat, sondern sagt, dass er sich Sorgen um ihn mache. „Sorgen? Um mich?“, fragt Samuel verwundert. „Ja“, sagt Clark. „Schau mal, Samuel. Du weißt, dass wir dahin erzogen wurden, ehrlich und verantwortlich zu sein und ein Leben zu führen, wie Gott es gefällt. Dass ich aber bei dir sehe, dass du dich diesen Werten, die uns unsere Eltern stets lehrten, immer mehr entziehst, stimmt mich traurig.“ Samuel versucht zu seiner Verteidigung einige Argumente vorzubringen. Doch die Diskussion endet so, dass die beiden Freunde sich nicht näher kommen und weiter ihr Leben leben.

Es vergehen viele Jahre. José gehört längst nicht mehr zu Samuels Bekanntenkreis. Aber er hat einen tiefen Einfluss auf Samuels Leben ausgeübt. Des Öfteren wünscht sich Samuel, er hätte José nicht kennen gelernt. Aber er weiß nur zu gut, dass es viele ‚Josés’ auf dieser Welt gibt und dass er vielleicht auch schon manchmal einer gewesen ist.

Heutzutage hat er immer noch manchmal Probleme, bei der Wahrheit zu bleiben. Aber er arbeitet damit und kämpft dafür, dass Werte wie Verantwortung und Ehrlichkeit wieder festen Fuß in seinem Leben fassen. Seine Kinder straft er, wenn sie nicht ehrlich sind. Vor so vielem will Samuel seine eigenen Kinder bewahren. Aber er ist Realist genug um zu wissen, dass jeder sein Leben lebt und seine Taten verantworten muss. Er musste es und muss es immer noch! Wieso sollte es bei seinen Kindern anders sein!?

Beate Penner

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