Kulturelle Beiträge | Jahrbuch 2005

Die besondere Freundschaft

„Mist!“ Jessi warf den Stift weg. Diese Hausaufgabe war nun wirklich sehr schwer. Was die Frau Loewen auch immer für Ideen hatte! In der heutigen Deutschstunde hatten sie über Freundschaften gesprochen. Ihre Hausaufgabe war es nun, über eine ganz besondere Freundschaft einen Aufsatz zu schreiben. Aufsätze waren sowieso nicht ihre besondere Stärke und jetzt auch noch so ein schwieriges Thema. Frau Loewen hatte noch hinzugefügt, es müsse nicht notwendigerweise ein Erlebnis von ihnen sein. Aber wen sollte sie fragen? Ihr Papa war nicht da und ihre Mama hatte so viel zu tun, dass sie nicht wagte, sie um Hilfe zu bitten.

Während sie noch überlegte, was sie schreiben könne, hörte sie den alten Peugeot ihres Großvaters die Auffahrt entlang kommen. Der wöchentliche Besuch des Opas war immer etwas Besonderes. Warum musste sie gerade heute diesen Aufsatz schreiben?

Sie blieb vor ihrem Heft sitzen und hörte nach kurzer Zeit, dass ihr Opa an die Tür ihres Zimmers klopfte. „Herein“, sagte Jessi. Der Opa steckte den Kopf zur Tür rein und begrüßte sie freundlich, wie er immer war. „Hallo Jessi! Musst wohl viel zu tun haben, wenn du nicht einmal Zeit hast, deinen alten Opa begrüßen zu kommen.“ „Tut mir leid, Opa! Aber so ist es auch. Ich sitz nun schon fast eine Stunde über meinen Hausaufgaben und komme nicht weiter. Weißt du, wir sollen nämlich für morgen eine Geschichte, die von einer besonderen Freundschaft erzählt, schreiben. Und mir fällt absolut nichts ein.“ Im Stillen freute Jessi sich, dass der Opa gekommen war, denn Opa war ein leidenschaftlicher Geschichtenerzähler. Vielleicht, so hoffte sie, könnte er ihr weiterhelfen. Opa zögerte auch nicht lange, zog sich einen Stuhl näher an den Schreibtisch, faltete seine Hände und drehte Däumchen. Jessi wusste, jetzt kommt bald eine Geschichte. Diese Geste kannte sie vom Opa schon. Sie lehnte sich gemütlich zurück. Da begann Opa auch schon zu erzählen: „Weißt du Jessi, vor langer Zeit, ich war damals etwa so alt wie du, hatte ich einen ganz besonderen Freund. Ich erzähl dir mal von ihm. Er hieß Juan. Juan war Soldat während des Chacokrieges. Du hast doch bestimmt schon vom Chacokrieg gehört, oder?“ Jessi nickte, gerade in der letzten Woche hatte Frau Loewen ihnen davon erzählt. „Es war an einem sehr heißen Sommertag. Wir saßen in der Schule und hatten gerade angefangen, aus der Fibel eine Geschichte zu lesen. Plötzlich bemerkten wir, dass sich draußen auf dem Schulhof etwas zu regen begann. Mein Lehrer gebot uns, auf unseren Plätzen sitzen zu bleiben und uns ruhig zu verhalten. Er selber ging raus und schaute nach, was los war. Natürlich blieben wir nicht auf unseren Plätzen sitzen. Alle sausten wir zum Fenster um mitzuverfolgen, was passieren würde. Was wir sahen, schockierte uns. Der ganze Schulhof war mit Männern besetzt, die eine grüne Uniform trugen. Dass es Soldaten waren, wussten wir damals noch nicht. Wir hatten noch nie welche gesehen. Es dauerte nicht lange und unser Lehrer war wieder im Klassenraum. Er befahl uns, unsere Sachen zu packen. Der Unterricht sei für heute gelaufen. Er wisse nicht, wann wir wieder in diesem Klassenraum Unterricht haben würden. Die Soldaten (sie waren vom paraguayischen Heer) würden ab jetzt unsere Schule besetzen. Wir verstanden zwar nichts, packten aber unsere Sachen und liefen mit der Neuigkeit nach Hause. Zwei Tage später schickte mich meine Mutter mit einem Korb Zwieback und etwas frischer Räucherwurst zur Schule. Ich solle sie den Soldaten geben, so sagte sie. Anfangs wollte ich überhaupt nicht; ich hatte Angst. Aber wie ich meine Mutter kannte, gab es sowieso keine Alternative für mich. Also machte ich mich auf den Weg. Schon von Weitem sah ich, dass an der Einfahrt zur Schule ein Soldat hockte, ganz allein. Meine Schritte verlangsamten sich immer mehr, und mein Herz klopfte mit jedem Schritt schneller. ‚Hola’, so begrüßte der Soldat mich. ‚Hola’ sagte auch ich. Ich konnte zwar kein Spanisch, hatte aber schon öfters von den großen Jungen gehört, dass man sich in Spanisch so begrüßt. Ich lugte um die Ecke und hielt nach dem Rest der Soldatenschar Ausschau. Aber nirgendwo war jemand zu sehen. Sie waren wohl alle ausgeritten. Ich gab dem Soldaten den Korb mit den Zwieback und der Wurst und wollte mich schleunigst aus dem Staub machen. Doch der Soldat zeigte mit einer Handbewegung, dass ich mich zu ihm setzen solle. Er zeigte auf sich und sagte: ‚Juan’. Ich nahm an, es war sein Name und machte es ihm nach: ‚Heinrich’, sagte ich und zeigte auf mich. Sonst haben wir nichts miteinander erzählt. Ich musste auch bald wieder los. Aber seit diesem Tag drängte ich mich förmlich danach, den Soldaten Essen oder Wasser zu bringen. Jedes Mal, wenn ich zur Schule kam, saß ich eine Weile neben ihm. Wir konnten nicht miteinander sprechen, weil er nicht Deutsch und ich nicht Spanisch sprach. Aber wir verstanden uns. Juan hatte ein tolles Taschenmesser. Das durfte ich manchmal halten und einmal verschnitt ich damit sogar eine Wassermelone. Juan wurde mein Freund, obwohl wir uns nur mit Zeigen und Lächeln verständigten. Als die Soldaten nach drei Wochen wieder aus dem Dorf zogen, kam Juan noch einmal extra zu uns auf den Hof um sich zu verabschieden. Zum Abschied schenkte er mir sein Taschenmesser. Wir haben uns seitdem nie mehr gesehen. Aber Juan war und bleibt für mich ein ganz besonderer Freund.“

Jessi war ganz hingerissen von der Geschichte. Sie lächelte ihren Opa an, nahm ihren Stift zur Hand und begann zu schreiben...

Beate Penner

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