Kulturelle Beiträge | Jahrbuch 2006

Die Geschichte zweierlei Leben

Es war ein ungewöhnlicher Anblick, der sich im Jahre 1970 den Bewohnern eines mennonitischen Dorfes bot. Entlang der Dorfstraße schlenderten zwei fünfjährige Jungen, der eine blond, der andere ganz dunkelhäutig. Peter, der Sohn eines mennonitischen Landwirts, und José, der Sohn eines Tagelöhners aus einer Paraguayersiedlung aus der Umgebung, waren enge Freunde. Josés Vater kam täglich in die Siedlung und arbeitete bei Peters Familie. Mittlerweile waren es schon etwa zwei Jahre her, dass José und Peter sich kannten. In dieser Zeit wa-ren sie unzertrennlich geworden. Sie fanden gemeinsam die unmöglichsten Sa-chen aus, spielten Verschiedenes und arbeiteten auch zusammen. Das Problem der Verständigung, das sich anfangs ergeben hatte, hatte sich längst gelöst. Peter sprach schon ziemlich fließend Spanisch und José verstand in der Regel auch, wenn mal was auf Plattdeutsch gesagt wurde.

Manche Leute aus dem Dorf schüttelten nur missbilligend den Kopf, wenn über diese Freundschaft gesprochen wurde. "Wie können die Eltern nur so etwas zulassen? Was wird der kleine Peter bloß alles lernen in dieser Gesellschaft?" so hörte man besorgte Mütter und Väter sprechen. Peters Eltern, die sonst keine weiteren Kinder hatten, überhörten solche Bemerkungen und ließen ihn gewähren. Sie waren froh, dass er jemanden in seinem Alter hatte, mit dem er gern spielte.

Die Jahre vergingen. Da ja beide Jungen vom Schulleben nicht verschont blieben, wurden ihre Zusammenkünfte seltener. Sie sahen sich hauptsächlich in den Sommerferien. Natürlich änderten sich die Themen ihrer Gespräche und auch die Aktivitäten bei ihren Treffen. Doch die alte Freundschaft wurde, wie es den Anschein hatte, bewahrt.

Da Peter mittlerweile sein eigenes Fahrrad besaß, fuhr er auch zwischendurch nach Itacurubí und besuchte José zu Hause. Das waren für ihn stets gute Stunden. Am allerliebsten aß er die Chipas, die Josés Mama zubereitete, wenn sie ganz frisch aus dem Tatakuá gezogen wurden. Josés Mama kannte Peters Schwäche für Chipa und machte es zur Regel, dass es diese immer gab, wenn Peter bei ihnen war. José wiederum war ein Verehrer der Zwieback, die bei Peter im Hause immer vorzufinden waren.

Während Peter, der sich sichtbar zu einem ehrgeizigen, selbstständigen Jungen entwickelte, von den ersten Rissen in der Freundschaft zuerst überhaupt nichts merkte, erkannte José schweren Herzens, dass sie sich auseinanderlebten. Peter träumte schon als Fünfzehnjähriger von einer eigenen Wirtschaft, eigenem Land, einem Traktor usw. Seine Träume schienen kein Ende zu nehmen. Das beeinflusste selbstverständlich sein ganzes Denken und Reden. José konnte hier nicht mithalten. Da er ein Realist war, war es ihm ganz klar, dass er solche Träume einfach nicht haben durfte. Er würde ein Tagelöhner werden und es auch bleiben, so wie sein Vater und Großvater.

Dann kam der Tag, an dem es in ihrer Freundschaft einen Bruch gab, der nicht mehr zusammenzufügen war. In dem Dorf, wo Peter wohnte, war eingebrochen und gestohlen worden. Da Josés Vater der Einzige war, der an diesem Tag im Dorf gesehen worden war, schien es keine Frage bezüglich des Täters zu geben. Obwohl Peters Vater davon nicht überzeugt war, entließ er seinen treuen Arbeiter. Die Dorfsbewohner setzten ihn dermaßen unter Druck, dass er sich zu dieser Entscheidung gezwungen sah.

Da Peter zu dieser Zeit so sehr damit beschäftigt war, seine eigene Zukunft zu planen, nahm er dieses Ereignis nicht so ernst. Seine Schulkarriere lag hinter ihm und da er tagsüber immer auf dem Land arbeitete, fiel es ihm in der ersten Zeit gar nicht auf, dass sein treuer Freund nicht mehr da war. Zu sehr beschäftigte er sich mit sich selbst und seinen eigenen Wünschen.

José dagegen lebte mit einem Schmerz im Herzen weiter. Wie konnte Gott soviel Ungerechtigkeit zulassen? Er verstand die Welt nicht mehr, denn er wusste ganz genau, dass sein Vater kein Dieb war. Wieso sollte er die Menschen, die zu ihm freundlich waren und ihm schon jahrelang Arbeit gegeben hatten, bestehlen? Lagen die Anschuldigungen nur in der Tatsache, dass er keine blonde, sondern dunkle Haut hatte?

Groll setzte sich in seinem Herzen fest. Gegenüber allen, aber ganz besonders gegenüber Peter. Wieso meldete er sich nicht? Glaubte er etwa auch, dass Josés Familie Diebe waren?

Mit den Jahren legte sich der Groll. Wie heißt es doch so schön: Die Zeit heilt alle Wunden. Aber die Narben der Wunden blieben.

Heute lebt José glücklich. Er hat geheiratet. Zusammen mit seiner Frau und seinen drei Kindern bewohnt er ein kleines Stück Land. Sie sind keine reichen Leute, aber sie haben alles, was sie zum Leben brauchten. Sogar eine gute Schulbildung kann José seinen Kindern ermöglichen.

Manchmal noch, wenn die Sonne schon hinter dem kleinen Wäldchen, das sein Haus umgibt, verschwindet, und José mit der Guampa in der Hand die Abendstille genießt, denkt er an die schönen und weniger schönen Zeiten in dem Mennonitendorf zurück. Manchmal überlegt er, wie die ganze Geschichte geendet hätte, wenn dieser Zwischenfall damals nicht gewesen wäre. Aber er ist Realist genug um sich dessen bewusst zu sein, dass sie sich auch ohne jene Begebenheit irgendwann getrennt hätten und ihre eigenen Wege gegangen wären.

Peter ergeht es ähnlich. Er hat geheiratet, mittlerweile eine hübsche Tochter und führt ein gutes Leben. Viele seiner Träume sind wahr geworden. Er bepflanzt große Flächen mit Soja und Mais und zählt zu den gut bemittelten Bürgern der Kolonie. Auch er denkt des Öfteren an die Zeiten mit José zurück. Er hat nie richtig verstanden, warum ihre Freundschaft nicht Bestand hielt. Vielleicht hat er es auch nicht wirklich verstehen wollen.

Neulich haben sie sich einmal getroffen und sofort erkannt. Nach der freundlichen Begrüßung wollte jedoch kein richtiges Gespräch in Gang kommen. Peter war froh gewesen, dass seine Tochter sie unterbrochen hatte und etwas verlangt hatte, so dass sie sich schon nach einigen Minuten wieder getrennt hatten. Was Peter in diesen wenigen Minuten über José und seine Lebensweise erfahren hatte, erschütterte ihn fast. Er verstand einfach nicht, wieso José sich mit einem so einfachen Leben zufrieden gab. Man musste und wollte es doch schließlich im Leben zu etwas bringen und das ging halt nur, wenn man hart arbeitete. Peter konnte und wollte Josés Mentalität nicht begreifen.

Doch beide Männer, die einst so dicke Freunde waren, leben ihr Leben. Ob wohl der eine behaupten könnte, er sei glücklicher als der andere?

Beate Penner

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