Deckel des Jahrbuches 2008 Begleitwort zu dieser Nummer | Jahrbuch 2008

Im nächsten Jahr findet die Mennonitische Weltkonferenz in Asunción, Paraguay, statt. Das ist Grund genug, sich erneut mit den mennonitischen Glaubensinhalten in Vergangenheit und Gegenwart zu befassen. Dass es sich dabei nur um eine Auswahl von bestimmten Glaubensaussagen handeln kann, versteht sich von selbst. Wir hoffen aber, dass die hier veröffentlichten Beitrage dazu anregen, sich mit weiteren Kernaussagen des mennonitischen Glaubens zu beschäftigen.

Alfred Neufeld gibt einen umfassenden Überblick über die verschiedenen Bekenntnisschriften der Mennoniten. Dabei betont er, dass Glaubensbekenntnisse stets kulturbedingt und unter bestimmten historischen Bedingungen entstanden sind. Wichtige täuferische Bekenntnisschriften sind vor allem im 16. Jahrhundert entstanden. Im 20. Jahrhundert hat es im Zuge der zunehmenden Tauferforschung mehrere theologische Gesamtentwürfe und Bekenntnisschriften gegeben, woran Mennoniten aus verschiedenen Ländern beteiligt gewesen sind. Theologische Seminare und Universitäten haben durch ihre Veranstaltungen und Publikationen zur Identitätsfindung der Mennoniten im letzten Jahrhundert entscheidend beigetragen.

Helmut Isaak, der sich jahrzehntelang mit Mennos Originalschriften befaßt und seine Befunde in dem Buch „Menno Simons and the New Jerusalem“ publiziert hat, hat in diesem Jahr zwei Vorträge in den Mennonitenkolonien in Paraguay gehalten, die wir hier veröffentlichen. Der erste Vortrag „Mennos Vision vom neuen Jerusalem“ war narrativer Art. Dabei trat Isaak als Menno auf und erzählte seine eigene Lebensgeschichte mit allen dazu gehörenden Begleitumständen. Der zweite Vortrag über „Die Politische Theologie Menno Simons’“ war systematisch gehalten und zeigte einen Menno, der wie die anderen Reformatoren auch recht autoritativ auftrat, sich aber in einigen wesentlichen Punkten doch von ihnen unterschied. Neu daran ist, dass Isaak auch Urschriften von Menno herangezogen hat, die nicht in Mennos Gesamtausgabe enthalten sind.

2007 hat Harry Löwen aus Kelowna, British Columbia, auf dem Symposium des Vereins für Geschichte und Kultur der Mennoniten in Paraguay mehrere Vorträge zum Thema „Mennoniten und Literatur“ gehalten. Daneben hielt er in den einzelnen Kolonien noch zwei weitere Vorträge zu dem Thema „Luther und die Täufer“ und zur Friedensfrage. Beide Vortrage sind so informativ und anregend, dass wir uns entschieden haben, sie in diesem Band zu veröffentlichen. Die Auseinandersetzung zwischen Luther und den Täufern sowie die Frage, welchen spezifischen Beitrag die Mennoniten zur Ausbreitung und zum Erhalt des Friedens innerhalb der Kirchen und der Welt leisten können, sind Themen, die immer wieder aktuell sind.

Diakonische Nächstenliebe gehört zu den Grundprinzipien des mennonitischen Glaubens. Heinz Dieter Giesbrecht hat dieses Thema im Rahmen seiner Dissertation gründlich untersucht. Dabei werden sowohl der theologische Aspekt als auch die praktische Realisierung dieses Prinzips ausführlich dargestellt und diskutiert. Einige seiner Ergebnisse werden in seinem Aufsatz in diesem Buch dem Leser zur Kenntnis gebracht. Für Kenner der paraguayischen Situation ist es besonders interessant, dass mehrere Projekte der praktischen Nächstenliebe in diesem Land von den Mennoniten ins Leben gerufen und über Jahrzehnte erhalten worden sind.

Die Gemeinde hat bei den Mennoniten von jeher eine zentrale Rolle gespielt. Jakob Warkentin weist in seinen Ausführungen daraufhin, dass die Gemeinde bei den Täufer-Mennoniten der Ort der theologischen Erkenntnis war. Die versammelte Gemeinde, nicht der Pastor oder Bischof sollte über die rechte Interpretation der Heiligen Schrift befinden. Bei dem Erkenntnisprozess in der Gemeinde hatte sowohl der Professor als auch der einfache Bauer Rederecht. Einig war man sich erst dann, wenn keiner mehr einen Einwand vorzubringen hatte.

Der kulturelle Teil ist dieses Mal recht dünn geblieben. Das ist ein Zeugnis dafür, dass bei den paraguayischen Mennoniten die schöngeistige Literatur noch unterentwickelt ist. Die hiesigen Autoren bevorzugen Sachthemen, bestenfalls noch autobiographische Beitrage. Um so dankbarer sind wir denjenigen Personen, die sich um fiktive Darstellungen bemühen. Beate Penner, von der wir in Zukunft noch mehr zu erwarten haben, hat uns wiederholt mit kurzen Erzählungen erfreut. Auch dieses Mal ist sie mit einem Beitrag dabei und beschreibt einen „Mord im Dorf Chortitz.“

Ein fiktives Tagebuch seiner Großmutter hat uns Jacob Reimer, der aus Paraguay stammt, aber seit längerer Zeit in Kanada lebt, zur Verfügung gestellt. Dafür sind wir ihm dankbar. Recht anschaulich werden wir auf diese Weise in die Ansiedlungszeit der Kolonie Menno geführt. Wir erleben mit, wie die Pioniere in den bis dahin unerschlossenen Chaco eindrangen, ihn urbar machten und auf diese Weise den Grund für die nachkommenden Siedler legten.

Eugen Friesen gelingt es mit seinen beiden Beiträgen, uns zum Nachdenken zu bewegen. Auf seine Anregung hin hat auch seine Schülerin, Kelly Mariela, zwei Gedichte verfasst, die da zeigen dass auch junge Menschen sich um das menschliche Leben auf dieser Erde Sorgen machen.

Einige Buchbesprechungen runden diesen Band ab. Sie zeigen, dass die Mennoniten im paraguayischen Chaco dabei sind, ihre eigene Lebens- und Koloniegeschichte aufzuarbeiten. Es ist gut, wenn die Pioniere der nachfolgenden Generation mitteilen , mit welchen Problemen und Schwierigkeiten sie zu kämpfen hatten und wie sie versucht haben, die ihnen gestellten Probleme zu losen.

Wir sind den Autoren dieses Jahrbuchs zu Dank verpflichtet und wünschen den Lesern angenehme und anregende Lektüre. Bei der Herausgabe und Drucklegung dieses Bandes haben vor allem Gundolf Niebuhr, Michael Rudolph und Rendi Klassen mitgewirkt, wofür ich ihnen an dieser Stelle meinen ausdrücklichen Dank ausspreche.

Jakob Warkentin