Deckel des Jahrbuches 2010 Begleitwort zu dieser Nummer | Jahrbuch 2010

Das Thema des diesjährigen Jahrbuchs ist „Das Friedenszeugnis der Mennoniten.“ Als historische Friedenskirche haben die Mennoniten in aller Welt immer wieder mit diesem Thema zu tun gehabt. Ihre Antworten auf diese Herausforderung sind recht unterschiedlich gewesen. Manche haben das Friedensgebot der Bibel sehr ernst genommen, andere relativiert und wiederum andere ganz vernachlässigt.

Auf dem diesjährigen Symposium des Geschichtsvereins der Mennoniten in Paraguay haben wir einige Aspekte des Friedenszeugnisses einmal unter die Lupe genommen. Dabei wurde nach der Grundlage des Friedenszeugnisses gefragt und nach dessen Realisierung in verschiedenen Ländern und zu verschiedenen Zeiten. Die Referenten behandelten jeweils das ihnen vom Geschichtsverein gestellte Thema.

Robert Wiens legte die biblische Grundlage zu den nachfolgenden Themen, indem er über „Gottes Schalom-Projekt“ sprach, dann Jesu Opfertod als „Kreuzigung der Gewalt“ interpretierte und schließlich darstellte, welche Modelle der Konfliktlösung die Gemeinde anzubieten hat. An Hand von Psalm 85, 11 zeigte er auf, dass „Schalom ist, wo sich Gerechtigkeit und Frieden küssen.“

Über das Friedenszeugnis der Mennoniten in Deutschland konnte Robert Wiens aus eigener Erfahrung und aus jahrelanger Beschäftigung mit der Friedensfrage sprechen. Drei Jahre war er Schriftleiter der Zeitschrift „Die Brücke“, die von den Mennoniten in Deutschland herausgegeben wird, und vier Jahre war er Mitarbeiter des Deutschen Mennonitischen Friedenskomitees (DMFK). Er führte aus, dass bei den Mennoniten in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg eine Neubesinnung in der Friedensfrage stattgefunden habe. Im Laufe der Zeit habe sich das Friedenszeugnis in verschiedenen Bereichen ausgewirkt, wobei das DMFK, das Mennonitische Hilfswerk und das Missionswerk jeweils verschiedene Akzente gesetzt hätten. Eine bessere Zusammenarbeit unter diesen drei Organisationen könnte seiner Meinung nach zu einem effektiveren Friedenszeugnis beitragen.

Ernst Weichselberger behandelte das Thema „Vom christlichen Dienst zum Friedenszeugnis“, das sich konkret auf die Erfahrungen der Mennoniten in Paraguay bezieht. Da er jahrelang der Leiter des Christlichen Dienstes (CD) in diesem Land gewesen ist, konnte er die historische Entwicklung dieser Friedensarbeit kompetent darstellen. Er stellte drei Modelle des CD vor und berichtete über Friedenskonferenzen, die zur Förderung des Friedenszeugnisses beitragen sollten. Er schlug vor, die Friedenslehre und die praktische Arbeit des CD stärker zu verzahnen, damit das Friedenszeugnis durch Wort und Tat in der Umwelt verstärkt zum Tragen komme.

Die Paxboys aus Nordamerika haben in Paraguay einen wertvollen Friedensdienst verrichtet, indem sie am Bau der Ruta Transchaco entscheidend mitgearbeitet haben. In Wort und Bild berichtete Jakob Warkentin über diese Arbeit und betonte in seinen Ausführungen, dass ein solcher Friedensdienst nicht nur die Paxboys selbst, sondern auch ihre Heimatgemeinden und vor allem auch die Situation der Menschen in Paraguay verändert habe. Warkentin schlug vor, dass die Mennoniten in Paraguay ein Pilotprojekt des von der paraguayischen Verfassung vorgesehenen, aber bisher noch nicht reglementierten Ersatzdienstes starten sollten, das dann eventuell Modellcharakter haben könnte.

Die Friedenslehre und Praxis in den spanischsprachigen Gemeinden in Paraguay sollte von einem Lateinparaguayer dargestellt werden. Rogelio Duarte, ein Dozent am Theologischen Seminar CEMTA in Asunción, war bereit, diese Aufgabe zu übernehmen. Seine Ausführungen erfolgten in Spanisch, d. h. in der Nationalsprache des Landes. Er machte eine systematische Einführung in das Thema und behandelte einzelne Aspekte auf verschiedenen Ebenen, indem er Frieden mit Gott und mit sich selbst, dann Frieden in der Gemeinschaft und auch Frieden mit der Natur behandelte. Er hob hervor, dass die deutschsprachigen Mennoniten in ihrer Missionsarbeit hauptsächlich den Frieden mit Gott betont hätten, die Friedensarbeit im täglichen Leben sei dabei aber zu kurz gekommen. Die spanischsprachigen Mennoniten seien aber seit einiger Zeit dabei, das Täufererbe und damit auch die Friedensfrage stärker zu betonen.

Sehr ausführlich stellte Eduard Friesen die Praxisfelder der mennonitischen Friedensarbeit in Paraguay dar. Sie reichen vom Leprakrankenhaus auf Km 81 bis zur Missionsschule von Rancho Ocho in Paratodo. Bei der Auswertung seiner Analysen hob er vor allem die Verbindung von Glauben und Praxis hervor. Er führte aus: „Verkündigung und soziale Arbeit sind nicht voneinander zu trennen. Sie sind wie die zwei Flügel einer Flugmaschine. Bricht der eine oder der andere Flügel ab, stürzt die Maschine ab. Tun beide ihren Dienst, wird die Maschine weitergetragen. ...Wir haben ein großes geistliches, geistiges, humanes und materielles Kapital. Investieren wir es, und der Friede wird unser aller sein.“

Im kulturellen Teil haben wir recht verschiedene Beiträge. Uwe Friesen beschreibt, wie eine Friedenstat im mörderischen Chacokrieg die Feindschaft zwischen Bolivianern und Paraguayern besiegt. Und Martin Friesen beschreibt, wie sich die neu gegründeten Kolonien Menno und Fernheim während des Chacokrieges verhalten haben. Von den militärischen Befelshabern im Chacokrieg um friedliche Mithilfe gebeten, gehen die Bürger der Kolonie Menno und der Kolonie Fernheim unterschiedliche Wege. Ja, selbst in den einzelnen Kolonien gibt es unterschiedliche Auffassungen. Ein gemeinsames Vorgehen im Blick auf die politischen und militärischen Machthaber war damals noch nicht möglich.

Erwin Enns, in Fernheim geboren und aufgewachsen, hat in Deutschland studiert und dort auch die längste Zeit seines beruflichen Lebens verbracht. Doch in der Ferne kommen immer wieder Erinnerungen aus den verflossenen Jahren hoch, die er dann in Versen oder in Reflexionen festhält. Gelegentliche Besuche in der ehemaligen Heimat verstärken die aufkommenden Gefühle und Erinnerungen.

In dem Beitrag „Studienfahrt nach Deutschland“ berichtet Beate Penner über die Jugendlichen aus Friesland, die 1939 als Vorboten für ihre Familien nach Deutschland gingen, um dort eine Ausbildung auf dem Gebiet der Landwirtschaft zu machen. Stattdessen gerieten sie in den Zweiten Weltkrieg, in dem mehrere Teilnehmer ihr Leben lassen mussten. Wie sich dieses Unternehmen auf eine Familie auswirkte, wird von Beate Penner auf einfühlsame Art nachempfunden.

Dass auch Mennoniten zu den Goldgräbern in Kalifornien gehörten, beschreibt Jakob Warkentin in seinem Beitrag über Johannes D. Dyck, der Urgroßvater von Peter J. Dyck. Es handelt sich hier um einen Auszug aus dem Buch „Dienst im Namen Christi. Leben und Wirken von Peter und Elfrieda Dyck“, das noch in diesem Jahr von ihm veröffentlicht werden wird.

Einige Buchbesprechungen beschließen dieses Jahrbuch. Es ist erfreulich, dass bereits die Enkel der Einwanderergeneration sich für die Geschichte ihre Vorfahren interessieren.

Ich danke allen Beteiligten für die zur Verfügung gestellten Beiträge und Gundolf Niebuhr, Michael Rudolph und Rendi D. Klassen für die Vorbereitung und Drucklegung dieses Jahrbuches. Ich hoffe, dass auch die Leser auf ihre Kosten kommen.

Jakob Warkentin