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Ältester; Ältestenamt

Der Älteste ist der von einer >Mennonitengemeinde ernannte Leiter bzw. Vorsteher einer Gemeinde.
Die ersten Täufer kannten auch das Bischofsamt wie die katholische Kirche. Der Gebrauch des Bischofstitels für ihre leitenden Prediger war den Mennoniten unter polnischer Herrschaft verboten (Mannhardt 1919, S. 106), weil sie bei der Obrigkeit als eine Sekte galten. Bischöfe gab es nur bei den zwei offiziell anerkannten Kirchen: den Katholiken und den Lutheranern.
Statt “Bischof” fand dann bei den Mennoniten der Titel “Ältester” Eingang. Dieser Brauch wird bei den Altkoloniern und einigen anderen >Mennonitengemeinden bis heute beibehalten.
Als Leiter der >Gemeinde führt er Taufhandlungen, Ordinationen, Trauungen, Begräbnisansprachen usw. durch und ist auch die Bezugsperson für alle Belange des Lebens in Gemeinde und Gemeinschaft. Die fast absolute Führung der Gemeinde durch einen Ältesten, der allein das Recht hatte, das >Abendmahl auszuteilen, zu taufen und Prediger einzusetzen, wurde in manchen Gemeinden nach und nach zugunsten eines Predigerrates aufgelockert.
Der Älteste hat nicht nur einfach eine Gemeinde unter sich, sondern als Diener Gottes sind ihm alle Macht- bzw. Dienstbefugnisse gegeben, die auch in den wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Alltag einer Siedlung hinein reichen. Seine Stellung und Tätigkeit hat über die Gemeinde hinaus einen großen Einfluss auf die ganze Gemeinschaft (>Traditionelle Mennoniten).
Besonders in den stärker traditionsgebundenen Gemeinden wird der Begriff Ältester noch heute gebraucht wie zum Beispiel in den >Kolonien >Sommerfeld, >Bergthal, >Río Verde, >Nuevo Mexiko, >Nueva Durango und >Santa Clara.
Das Ältestenamt wurde in der Kolonie Menno aufgegeben. Martin W. >Friesen begründet das wie folgt: Weil es eine falsche Einordnung oder Einstufung erlitten hatte, und ein alle anderen überragendes Amt geworden war. Der Älteste allein wurde für zuständig gehalten, Taufhandlungen zu vollziehen und das Abendmahl auszuteilen. Beim Verteilen des Brotes musste er es einem jeden der Beteiligten überreichen, er allein goss den Wein in die Becher, die dann aber von den Diakonen weitergereicht wurden an die Abendmahlsteilnehmer.
Das Amt des Ältesten wurde etwa wie ein Priesteramt gehalten. Immer wo der Älteste in einem Sonntagmorgengottesdienst war, musste er als erster vom Lehrdienst eintreten, und die Prediger und Diakone, die zugegen waren, folgten ihm, auch wenn einer der anderen Prediger predigen sollte. Mittwegs vom Stübchen zur Versammlung, oder vielleicht auch etwas früher, auf jeden Fall, dass alle Eintretenden schon durch die Tür den Versammlungsraum betreten haben, stand die Reihe (oder auch er - der Älteste war allein) still und der Älteste sprach den Eintrittssegen: Der Friede des Herrn sei mit euch!
Heute werden die Leiter einer Gemeinde meistens Gemeindeleiter genannt. Nach evangelisch-apostolischer Lehre gibt es das Amt des Gemeindeleiters oder Gemeindeältesten in der Einzahl nicht, meint Martin W. Friesen. Der Gemeindeleiter hat immer noch große Autorität, arbeitet aber mit einem Team von Mitarbeitern, bestehend aus Predigern und Diakonen, zusammen.
Uwe S. Friesen
Peter P. Klassen: Die Mennoniten in Paraguay. Reich Gottes und Reich dieser Welt. Bolanden-Weierhof: Mennonitischer Geschichtsverein e.V., 2001, S. 239-240; Geschichtskomitee der Kolonie Menno (Hg.): Glaube und Schule unserer Väter - Ein Beitrag zum 80. Jubiläum der Kolonie Menno im paraguayischen Chaco. 2007; Hermann Gottlieb Mannhardt: Die Danziger Mennonitengemeinde. Ihre Entstehung und ihre Geschichte von 1569-1919. Danzig [Selbstverlag], 1919, S. 106.
Altkolonier Mennoniten
Im weitesten Sinne des Wortes spricht man in >Paraguay von Altkoloniern als denjenigen, die ihre Herkunft auf Chortitza, die alte Kolonie, die erste mennonitische Kolonie in Russland (gegründet 1789), zurückführen können. In den >Kolonien im >Chaco kennzeichnet die Altkolonier das “n”, das in der plattdeutschen Sprache den Tätigkeitswörtern angehängt wird, z. B. “gohnen und stohnen” u. a. statt “gohne und stohne” (gehen und stehen). Doch im engeren Sinne des Wortes ist die Sache im Laufe der Geschichte recht kompliziert geworden. Um dies zu verstehen, muss man einen Blick in die Geschichte der Auswanderungsbewegungen von Russland nach Kanada, dann nach Mexiko und Paraguay werfen. Heute bezeichnet “Altkolonier” nicht nur die geschichtliche Herkunft, sondern auch eine Gemeindeausrichtung.
In Russland wurde von Chortitza aus 1836 die Tochterkolonie Bergthal gegründet und 1864 bis 1870 die Pachtkolonie Fürstenland. Als die russische Regierung 1870 weitgehende Reformen ankündigte, die unter anderem die Aufhebung der Befreiung vom Wehrdienst für die Mennoniten und die Einführung der russischen Sprache in den Schulen einschloss (1874), entschlossen sich alle Bergthaler (rund 3000 Einwohner), Fürstenländer (1100) und rund 2100 Chortitzer - die letzten schlossen sich der Gemeinde der Fürstenländer an - nach Kanada auszuwandern. Die Bergthaler siedelten in Kanada auf der >Ostreserve und die >Chortitzer und Fürstenländer auf der >Westreserve an. Zunächst waren sich alle einig, dass sie ihr Gemeindeleben wie in Russland nach den “alten Ordnungen” gestalten würden. Doch unter dem Druck der Verhältnisse kam es bald zu einem “verwirrenden Durcheinander”, wie es der Geschichtsschreiber Martin W. >Friesen (1987, 29) genannt hat, das vor allem durch die oft gleichen Namen für unterschiedliche Gemeinden verursacht wurde.
Zu Beginn des Ersten Weltkrieges sah das Bild der Mennoniten in Manitoba, Kanada, etwa folgendermaßen aus: In der Ostreserve bestand die große Gemeinde der Bergthaler Mennoniten, die sich aber nun den Namen Chortitzer >Mennonitengemeinde gegeben hatte. Aus dieser Gemeinde wanderte später ein großer Teil nach Paraguay aus und bildete die Kolonie Menno. Daneben bestand die >Kleine Gemeinde. Auf der Westreserve bildeten die Altkolonier (Fürstenländer und Chortitzer) die >Reinländer Mennonitengemeinde, die den größten Wert auf den Erhalt der “alten Ordnungen” legte. Ein Großteil dieser Gemeinde wanderte 1922 bis 1924 nach Mexiko aus und von dort ab 1969 weiter nach Paraguay. Weiter gab es unter den von der Ostreserve in die Westreserve übergesiedelten Mennoniten noch einmal zwei Gemeinden, die Sommerfelder und Bergthaler. Zunächst hatten die Glieder der zwei Gemeinden eine Gemeinde gebildet. Als der Gemeindeälteste Johann Funk sich jedoch für eine Schulreform einsetzte, machten etwa 440 der 500 Familien nicht mit. Sie bildeten eine neue Gemeinde, die sich nach dem Wohnort des neuen Ältesten jetzt Sommerfelder Mennonitengemeinde nannte. Die Gemeinde des Ältesten Funk blieb bei ihrem Namen Bergthaler Mennonitengemeinde. So gab es zur Zeit der Auswanderung nach Mexiko und Paraguay fünf verschiedene Mennonitengemeinden in Manitoba, die sich zum Teil aufgrund unwesentlicher Veränderungen, die einige Gemeinden eingeführt hatten, fremd gegenüber standen und daher hinsichtlich der Auswanderung keinen gemeinsamen Weg gingen (Ratzlaff 2001, 52).
Alle diese Gemeinden gehen in ihrer Geschichte zurück auf die alte Kolonie in Russland, Chortitza. Aber nur die Reinländer Mennonitengemeinden führen heute noch offiziell den Namen >Altkolonier. Folgende Gemeinderichtungen Chortitzer Abstammung haben ihren Weg nach Paraguay gefunden: Kolonie >Menno: die Mehrzahl dieser Siedler waren von der Chortitzer Mennonitengemeinde der Ostreserve; Kolonie >Sommerfeld: die Sommerfelder Mennonitengemeinde; Kolonie >Bergthal: Bergthaler Mennonitengemeinde; Kolonie >Reinfeld: die Sommerfelder Mennonitengemeinde; Kolonie >Rio Verde: die >Altkolonier Reinländer Mennonitengemeinde; Kolonie >Nueva Durango: die Altkolonier Reinländer Mennonitengemeinde; Kolonie >Manitoba: die Altkolonier Mennonitengemeinde; Kolonie >Nuevo Mexiko: die Altkolonier Reinländer Mennonitengemeinde (>Mennoniten in Paraguay).
Alle oben genannten Kolonien und Gemeinden führen ihren Ursprung auf die alte Kolonie Chortitza in Russland zurück, aber es sind vor allem die Altkolonier Reinländer Mennonitengemeinden und die Altkolonier Mennonitengemeinden, die sich alle Mühe geben, nach den Ordnungen und Traditionen, wie man sie in Chortitza, Russland, früher pflegte, zu leben.
Gerhard Ratzlaff
Martin W. Friesen: Neue Heimat in der Chacowildnis. Friesen Printers, Altona, Canada. 1987, S. 15-30; Gerhard Ratzlaff: Ein Leib - viele Glieder. Die mennonitischen Gemeinden in Paraguay. Hg. Gemeindekomitee. Asunción: Makrografic, 2001, S. 50-57, 161-178; Gerhard Ratzlaff: Die mennonitischen Siedlungen in Ostparaguay, mimeographiert. Friesland, Paraguay. vgl. Mennoblatt, 16. Mai bis 1. Juli 1977; Abe Warkentin e.d.: Strangers and Pilgrims. Steinbach, Manitoba: Mennonitische Post, 1987; Leonard H. Sawatzky: Sie suchten eine Heimat. Marburg: N.G. Elwert Verlag, 1986; L.H. Sawatzky: They Sought a Country: Mennonite Colonization in Mexiko. Los Angeles, 1971; Calvin W. Redekop: The Old Colony Mennonites. Baltimore: John Hopkins University Press, 1969.

   
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