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Familienplanung

In den Ansiedlungsjahren im Chaco (ab 1927) war das Verständnis von Ehe und Familie jüdisch-alttestamentlich geprägt. Verse aus Genesis (1. Mose 1, 28 a) und den Psalmen (Psalm 127, 3-5 und Psalm 128, 3-4) dienten dafür als Grundlage. Die Gemeinde sah es als ihre Aufgabe an darauf zu achten, dass der Kindersegen in einem neu gegründeten Ehebündnis nicht “aufgehalten” wurde. Somit wurde Familienplanung, d. h. Maßnahmen zu treffen, die die Zahl und den Zeitpunkt der Geburt von Kindern individuell planen, nicht praktiziert. Verhütungsmittel wurden in den frühen Jahren der Ansiedlung bis in die 1970er Jahre von der Gemeinde und somit von der Gesellschaft nicht akzeptiert. Im Allgemeinen glaubten die Menschen, dass Verhütung durch Medikamente oder sonstige Eingriffe eine große Sünde sei und sie Ungehorsam gegen Gottes Wort darstellte. Die gesellschaftliche Kontrolle war so groß, dass auch Ehepaare, die für Familienplanung offen gewesen wären, sie nicht anwandten. Waren ein oder zwei Jahre nach der Eheschließung immer noch keine Kinder in der Familie, wurde dem Ehepaar vom Prediger oder Gemeindeältesten ein Besuch abgestattet, um über den Grund zu reden, warum noch keine Kinder geboren worden waren. Es war Norm und Tradition, dass sich jedes Ehepaar Kinder wünschte.
Über Sexualität, Schwangerschaft und Geburt und somit auch über Familienplanung zu reden war ein Tabu. Nur unter ganz engen Freunden, meist von Frau zu Frau, fanden doch ab und zu Gespräche und Wissensaustausch über das Verhüten einer Schwangerschaft statt. So wussten manche über die Möglichkeiten der natürlichen Verhütung durch Zeitwahlmethode Bescheid. Auch war bekannt, dass das volle Stillen eines Kindes einen gewissen Schutz vor einer erneuten Schwangerschaft darstellt.
Diese natürlichen Verhütungsmethoden waren in der Gesellschaft/Gemeinde akzeptiert, wurden aber nicht propagiert. Möglich wäre eine Tubensterilisation bei der Frau im Krankenhaus gewesen, doch weil dies in der Gesellschaft schlecht angesehen war, kam es nur ganz selten vor. Es war eine Selbstverständlichkeit, so viele Kinder zu bekommen, wie kommen wollten. Die einzige Verhütungsmöglichkeit war die Abstinenz.
Mit Einführung der >Schulreform und deren Folgen, der Verbesserung der medizinischen Versorgung und nicht weniger mit dem wirtschaftlichen Aufstieg und der Selbstsicherheit, die dieser gibt, änderte sich auch die Einstellung der Bevölkerung gegenüber der Familienplanung. Ehefrauen, Ärzte und manchmal auch die Ehemänner sahen ihre Verantwortung darin, durch Familienplanung die Gesundheit der Mutter zu schützen und gleichzeitig auch Versorgung und bessere Ausbildung der Kinder durch Beschränkung der Kinderzahl zu sichern.
Geburtenkontrolle wurde bei Arztbesuchen angesprochen. Obwohl es schon seit 1960 die Antibabypille gab, wurde diese erst Ende der 1970er Jahre mehr und mehr vom Arzt verschrieben. Ebenso wurden Spirale und Kondom eingeführt neben der schon seit längerem, in besonderen Fällen durchgeführten, Tubensterilisation.
Die aus Russland kommenden Mennoniten waren immer schon etwas offener für die Frage der Familienplanung und besprachen die Methode ihrer Wahl mit dem Arzt in der Sprechstunde.
Das Lehramt (>Prediger, Gemeindeleiter, >Gemeinde) bestimmt heute in den weltoffener gewordenen Gemeinden nicht mehr, ob und wie viele Kinder ein Ehepaar bekommt. Hatten die Familien früher um die zehn Kinder, so sind es heute zwei bis vier. Eher konservative mennonitische Gemeinschaften haben jedoch bis heute wesentlich mehr Kinder pro Familie.
Regine Breuninger de Guenther

   
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