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Forsteidienst

Forsteidienst hieß der Ersatzdienst der Mennoniten in Russland 1881-1918. Im Jahre 1874 wurde in Russland die allgemeine Wehrpflicht eingeführt, von der auch die Mennoniten betroffen waren. Diese Tatsache rief große Erregung unter den Mennoniten hervor. Infolgedessen wanderten etwa 18.000 Mennoniten in die USA und nach Kanada aus. Dadurch wurde die russische Regierung ihrerseits beunruhigt. Sie wollte ihre tüchtigen Landwirte nicht verlieren und ließ sich auf Verhandlungen mit den Mennoniten ein. Nach Jahren der Verhandlungen teilte die Regierung den mennonitischen Ältesten im Juni 1880 mit, dass der von ihnen vorgeschlagene Forsteidienst unter folgenden Bedingungen genehmigt sei: 1) Die Mennoniten müssen den Bau der Kasernen auf eigene Kosten aufführen. 2) Die Mennoniten übernehmen auch Kleidung und Verpflegung, d. h. den vollen Unterhalt der Kasernen.
Die Regierung versprach ihrerseits eine Zahlung von 20 Kopeken pro Mann und Arbeitstag zu leisten (etwa 4 Rubel monatlich). Dieser Beitrag floss in die Gemeinschaftskasse für Forsteiwesen. Für die monatliche Kost eines Jungen mussten etwa 10 Rubel aufgewendet werden (Isaac 1908, S. 327-329).
Im Frühjahr 1881 wurden die ersten mennonitischen Jünglinge in den Forsteidienst eingezogen (Görz 1907, S. 46). Im Verlaufe der Jahre errichteten die Mennoniten acht Forsteikasernen, Forsteien genannt. Jede Kaserne war eine komplette mennonitische Wirtschaft mit Wohnhäusern, Werkstätten, Schmieden, Ackerland, Stallungen, Kühen, Schweinen, Hühnern usw. (Isaac 1908, S. 329-330).
Die Hauptaufgabe der Forsteien bestand darin, in den baumlosen Steppen Südrusslands Waldungen größeren Umfangs und Mustergärten anzulegen. An die russische Bevölkerung wurden im Laufe der Jahre zu Tausenden junge Obstbäume unentgeltlich abgegeben.
Wie sah die mennonitische Organisation für Forsteiangelegenheiten aus? Die Abgeordnetenversammlung, die sich aus Vertretern aller Mennonitenkolonien Russlands zusammensetzte, war die höchste Instanz für alle entscheidenden Fragen in Forsteiangelegenheiten. Der Bevollmächtigte - oder auch Forsteipräsident genannt – wurde von der Abgeordnetenversammlung gewählt. Er hatte die Verantwortung, die Beschlüsse der Abgeordnetenversammlung auszuführen und die Beziehung zur Regierung aufrecht zu erhalten. Er erstattete jährlich Bericht. Jede Forstei hatte einen Ökonom-Prediger (von den Dienenden “Papa” genannt), der für die Verwaltung der Kasernenwirtschaft und das geistliche Leben verantwortlich war (Mennonitisches Lexikon, Bd. I, S. 664).
Die Arbeitsverteilung auf der Forstei sah folgendermaßen aus: 1) Der Förster mit einem oder zwei Gehilfen war der einzige von der Regierung Angestellte auf der Forstei. Er war nur für die Forsteien, nicht aber für die Kasernen verantwortlich. 2) Der Starschij mit dem Rang eines Unteroffiziers wurde vom Förster aus der Reihe der Jungen des letzten Dienstjahrgangs (zunächst betrug der Dienst vier Jahre, ab 1906 nur noch drei) ernannt. Förster und Starschij besprachen jeden Abend die getane sowie die Arbeit des bevorstehenden Tages. Der Starschij, nicht der Förster, hatte die Verantwortung für die Durchführung der Arbeit auf der Forstei, führte als höchste Autorität das Kommando und sorgte für die Disziplin in der Kaserne. 3) Dem Starschij standen mehrere von ihm vorgeschlagene und vom Förster bestätigte “Gefreite” zur Seite. Sowohl Starschij als auch Gefreite empfingen von den Dienenden keine Ehrenbezeugung wie militärischen Gruß oder dergleichen (Mennonitisches Lexikon Bd. I, S. 664).
Auf jeder Forstei befanden sich zwischen 100 und 250 mennonitische Jünglinge (Tjedels genannt) im Alter von 21 bis 24 Jahren. Die Umgangssprache war immer Plattdeutsch. In der Freizeit gab es ein reges gesellschaftliches Leben mit viel Spaß, Neckereien, Musik und Gesang.
Die russische Revolution 1917 mit ihren Folgen setzte dem Forsteiwesen 1918 nach 37-jähriger Tätigkeit ein Ende.
Bewertung des Forsteidienstes
Positiv: Mit dem Forsteidienst schufen sich die Mennoniten eine Organisation, an der sich alle mennonitischen Siedlungen (über 40) beteiligten. Es war eine Gelegenheit, sich über den lokalen Rahmen hinweg organisatorisch zu üben.
Es war eine Gelegenheit, die Beziehungen zu anderen Gemeinden und Kolonien zum Wohle aller zu pflegen.
Die mennonitischen Jünglinge lernten männliche (und manchmal auch nicht so männliche) Umgangsformen in den Forsteien kennen, und Freundschaften über den Kolonierahmen hinaus wurden geschlossen. Manche von ihnen wirkten sich im Nachhinein fördernd auf die Mennoniten aus.
Gesang und Musik wurden stark gefördert.
Große Waldungen wurden in den baumlosen Steppen angelegt und Tausende russische Bauern mit veredelten Obstbäumen versorgt.
Den mennonitischen Jünglingen war es erlaubt, zunächst in vier und später in nur drei Jahren ihre Dienstpflicht abzuleisten (aber mit kürzeren Ferien), während die Soldaten im Heer sechs Jahre Dienst hatten.
Negativ: Der Unterhalt der Kasernen und des gesamten Forsteiwesens war sehr teuer und forderte einen großen Aufwand an Energie und Zeit, der vielleicht anderswo besser hätte eingesetzt werden können. Die Finanzierung war ein fortdauerndes Problem für die Gemeinden.
Der Forsteidienst bedeutete einen großen Zeitverlust für die mennonitischen Jünglinge (mancher sprach von “verlorener Zeit”, und einige sind aus den Forsteien geflüchtet) mit relativ wenig praktischem Nutzen für die Gemeinden.
Das Leben in der Abgeschlossenheit der Kasernen gab den Jungen keine Gelegenheit zum Kontakt mit der Landesbevölkerung oder mit anderen Konfessionen. Dies war von den Gemeinden so beabsichtigt. Wehrdienstverweigerer aus anderen Konfessionen durften nicht in die mennonitischen Forsteien aufgenommen werden.
Der Forsteidienst hat nur einen geringen Beitrag zum Friedenszeugnis der Mennoniten in Russland geleistet, weil der Dienst völlig isoliert von der russischen Gesellschaft durchgeführt wurde (vgl. Sudermann 1943, S. 46).
Die Sonderstellung der Mennoniten gab Anlass zu Neid unter der russischen Bevölkerung.
Das Forsteiwesen in Russland ist von den Mennoniten nicht nach >Paraguay verpflanzt worden, wie dies mit manchen anderen Einrichtungen geschehen ist. Dennoch haben einige mennonitische Einwanderer hier ihre Kenntnisse im Forsteiwesen eingesetzt. Zum Beispiel Peter Klassen, bekannt als Förster-Klassen, hat auf der landwirtschaftlichen Versuchsstation über Jahre wichtige Dienste geleistet.
Die Wehrdienstbefreiung ist in Paraguay von der Regierung bisher nie ernsthaft in Frage gestellt worden. Wäre das geschehen und ein Ersatzdienst gefordert worden, hätten sich die Mennoniten auf ihren >Christlichen Dienst berufen und ihn wahrscheinlich erweitert. Im Volksmund der Russland-Mennoniten ist der russische Forsteidienst jedoch häufig kommentiert und das Kasernenleben der “Tjedels” auch szenisch dargestellt worden. Das Lustspiel “Wellkomm op’e Forstei!” (Szenen aus dem mennonitischen Forsteileben in Russland in plattdeutscher Sprache) von Arnold Dyck, Kanada, wurde gerne gelesen und ist von der Jugend in Paraguay mehrfach aufgeführt worden. Die heutige Generation (2008) kennt vom Forsteidienst kaum noch den Namen.
Gerhard Ratzlaff
Abraham Görz: Ein Beitrag zur Geschichte des Forstdienstes der Mennoniten in Rußland nach urkundlichen Akten zusammengestellt. Groß-Tokmak, Rußland, 1907; Franz Isaac: Die Molotschnaer Mennoniten: Ein Beitrag zur Geschichte derselben. Druck von H. J. Braun, Halbstadt, Taurien, [Ukraine], 1908; Lawrence Klippenstein: Mennonite Pacifism and State Service in Russia: A Case Study in Church-State Relations 1789-1936. A Thesis submitted to the Faculty of the Graduate School of the University of Minnesota. 1984; Stichwort “Forsteidienst” in: Christian Hege u. Christian Neff (Hg.): Mennonitisches Lexikon. Erster Band. Weierhof [Selbstverlag] 1913; Jacob Sudermann, “The Origin of Mennonite State Service in Russia, 1870-1880”. Mennonite Quarterly Review, Vol. XVII, Januar 1943, S. 23-46; John B. Toews: Czars, Soviets & Mennonites. Mennonite and Life Press, Newton, Kansas, 1982; Arnold Dyck: “Wellkomm op’e Forstei!”: Szenen aus dem mennonitischen Forsteileben in Russland in plattdeutscher Sprache. North Kildonan, Manitoba, Kanada, 1950.

   
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