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Kommission für Kirchenangelegenheiten

Die Kommission für Kirchenangelegenheiten (KfK) hat in den Gemeinden Paraguays und ganz besonders in der >Kolonie >Fernheim eine sehr wichtige Funktion ausgeübt.
Die KfK hat ihren Ursprung in Russland. Dort standen die mennonitischen Gemeinden zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Gefahr, von der Regierung als Sekte und nicht als eine Religion eingestuft zu werden, weil es bei ihnen kein verbindliches gemeinsames kirchliches Haupt bzw. keine Hierarchie gab und auch kein gemeinsames Glaubensbekenntnis wie bei den großen Kirchen, den Orthodoxen, den Lutheranern und den Katholiken. Aus einer solchen Einstufung würden den mennonitischen Gemeinden viele Nachteile entstehen. Um dieser Gefahr aus dem Wege zu gehen, wurde den Mennoniten vorgeschlagen, eine Vereinigung aller mennonitischen Gemeinden zu schaffen, deren Ausschuss als “Oberhaupt” aller Gemeinden die Interessen der Mennoniten gegenüber der Regierung vertreten würde.
Auf der Allgemeinen Mennonitischen Konferenz am 28. Januar 1910 versammelten sich in der Kirche zu Schönsee, Molotschna, erstmals Vertreter aller mennonitischen Richtungen: kirchliche Mennoniten, Mennoniten Brüder und Vertreter der Allianzgemeinden. Eine “Glaubenskommission”, bestehend aus drei Brüdern (zwei von den kirchlichen und einer aus der MBG) wurde hier für ein Jahr ernannt, um die Mennoniten gegenüber der Regierung zu vertreten (Friesen 1911, S. 541 - 543 misst dieser Konferenz höchste Bedeutung in den interkirchlichen Beziehungen der Mennoniten zu). Auf der nächsten Allgemeinen Mennonitischen Konferenz in Nikolaipol im Oktober 1912 erhielt diese Kommission den Namen “Kommission für Kirchenangelegenheiten” (KfK). Sie war nun das ausführende Organ der Konferenz, um die kirchlichen Interessen der Gesamtgemeinden der Regierung gegenüber zu vertreten, indessen die Einzelgemeinden sich die Regelung der inneren Angelegenheiten vorbehielten (Mennonitisches Lexikon, II, S. 526). Das Prinzip der Selbstständigkeit der lokalen Gemeinde blieb also intakt.
In den Wirren der Kriegs- und Revolutionszeit wurde die Funktion der KfK jedoch lahm gelegt. Erst im Jahre 1925 nahm sie noch einmal ihre Tätigkeit auf, um vor der Regierung das “Interesse der Gesamtgemeinden” zu vertreten, doch nur für kurze Zeit. Der kommunistische Terror erstickte bald jede öffentliche Tätigkeit der Gemeinden, nicht nur die der Mennoniten, sondern auch die aller christlichen Gemeinden im Riesenreich der Sowjetunion.
Eine Wiedergeburt erlebte die KfK in den Gemeinden >Fernheims in Paraguay. Sie war zu einer Lebensnotwendigkeit für die Gemeinden geworden. Peter Wiens schreibt, dass die mennonitischen Russlandflüchtlinge, die ab 1930 nach Paraguay kamen, nicht nur eine Glaubensgemeinschaft, sondern nach den schweren Erfahrungen in Russland auch eine Schicksals- und Volksgemeinschaft geworden waren. Im >Chaco gingen die Prediger daran, einen ‘Gottesstaat’ im alttestamentlichen Sinn aufzubauen (Wiens 1992, 12).
Die KfK wurde am 6. März 1931 im Dorf Waldesruh gegründet und bestand aus sechs Vertretern der drei Gemeinden. An dem russischen Modell richtete man sich aus (Wiens 1992, 13). Doch die Verhältnisse in Paraguay waren ganz andere, als sie in Russland gewesen waren. Besonders die Beziehungen zur Regierung liefen hier über andere Kanäle. Bald nahm die Kolonieleitung die Verbindung mit der nationalen Regierung auf, während die KfK sich den innergemeindlichen, den geistigen und geistlichen Gütern der Gemeinden widmete.
Die Ereignisse des Zweiten Weltkrieges und der >deutsch-völkischen Bewegung trugen wesentlich zu diesem entscheidenden Kurswechsel bei. Es hatte viel Uneinigkeit in den Gemeinden und in der KfK gegeben. Man überdachte ihre Aufgaben neu.
Ein neues Statut für die KfK wurde daraufhin ausgearbeitet. Daran nahmen teil: die erweiterte KfK, das Koloniekomitee, der Kolonieschulrat und der Vorsitzende des Lehrervereins. Auch die führenden Leiter der Gemeinden in Nordamerika wurden um ihren “väterlichen Rat” befragt. Die Führung der Gemeinden in Fernheim war verunsichert,... (Wiens 1992, 41 und 57). Daher suchten sie den Rat “der Brüder im Norden”. Am 11. September 1945 nahm die KfK einstimmig die neue “Arbeitsgrundlage der KfK in Fernheim” an, in der der Aufgabenbereich der KfK auf den Bau der Gemeinden ausgerichtet und klarer definiert wurde. Neben der Verantwortung, Vertreterin der Gemeinden gegenüber der Landesregierung und gegenüber zu “uns verwandten Glaubensrichtungen des Auslandes” zu sein, kamen nun andere Funktionen dazu. Einer der wichtigsten Aufgabenbereiche wurde so formuliert: Hüterin der geistigen und geistlichen Güter unserer mennonitischen Gemeinschaft [zu sein]. Damit ist gemeint, dass es die Aufgabe der KfK ist, die Erziehung und Ausbildung unserer Jugend und unserer Kinder, die auf christlich mennonitischem Glaubensbekenntnis fußt und auf Grund dessen die hohe paraguayische Regierung uns auch das Privilegium gewährte, sorgsam zu überwachen (Wiens 1992, 40). Dazu gehörte, die Sitten und Gebräuche unserer mennonitischen Gemeinschaft zu überwachen. Die neue Aufgabe der KfK wird als ein wachsames Auge und als ein Wächteramt über unser Erziehungswesen und auf alle fragwürdigen Erscheinungen auf ethisch-kultureller Ebene beschrieben (Wiens 1992, 59 und 86).
Der Tätigkeitsbereich der KfK war und ist sehr umfangreich. Es folgt zusammengefasst eine Auflistung verschiedener Arbeitsgebiete: Gemeinsame Festlichkeiten wie die Feier des 25. November, die Gestaltung der >Erntedankfeste und >Sängerfeste auf Kolonieebene. Fernheim hatte viele junge Leute, die außerhalb der Kolonie auf den Estancias und in den Städten bis nach Asunción einen Verdienst suchten. Aus diesem Grunde richtete die KfK einen Reisepredigerdienst ein, um die in der Diaspora (Zerstreuung) lebenden Glieder zu besuchen und sie seelsorgerlich zu betreuen. (vgl. Prediger Johann Teichgräf, “Predigerbesuch im östlichen Paraguay”, Mennoblatt, April 1953). Die viermonatige Bibelschule, die in >Fernheim ab 1948 bis Ende der 1960er Jahre in den Wintermonaten ihren Unterricht anbot, und später die Abendbibelschule unterstand der KfK (Wiens 1992, S. 46 - 50 und 95 - 96). Die KfK organisierte auch die >Chacokonferenzen, die von den Predigern der drei Chacokolonien von 1950 bis 1967 zwölfmal durchgeführt wurden. Sie förderte das gegenseitige Verstehen und die Zusammenarbeit zwischen den Gemeinden der drei Chacokolonien (Wiens 1992, 78-79). Ab 1982 organisierte die KfK Fernheims über viele Jahre Glaubenskonferenzen zwecks Besinnung über einschleichende Gefahren (Wiens 1992, 111). 1983 wurde das Thema “Die Gemeinde und der Staat” recht eingehend behandelt.
Zusammenarbeit im Sinne einer KfK gibt es in den Kolonien >Neuland, >Friesland, >Volendam und >Asunción, aber nirgends ist ihr Einfluss und ihre Bedeutung so stark gewesen wie in Fernheim.
Gerhard Ratzlaff
Peter M. Friesen: Altevangelische Mennonitische Brüderschaft in Russland (1789-1910) im Rahmen der mennonitischen Gesamtgeschichte. Halbstadt: Raduga, 1911. Neu hrsg. vom Verein zur Erforschung und Pflege des Kulturerbes des rußlanddeutschen Mennonitentums. Duderstadt 1991, S. 525-547; Peter M. Friesen: Konfession oder Sekte. Halbstadt: Raduga, 1914; 50 Jahre Kolonie Fernheim: Ein Beitrag in der Entwicklung Paraguays. Hg. Kolonie Fernheim. Asunción: Imprenta Modelo, 1980, S. 99-130; Peter P. Klassen: Die Mennoniten in Paraguay. Reich Gottes und Reich dieser Welt. Bolanden-Weierhof: Mennonitischer Geschichtsverein e.V., 1988, S. 335-337; Terry u. Martin: The Mennonites and the Russian State Duma 1905 – 1914. [Masch. Schrift]; Stichwort “Kommission für Kirchliche Angelegenheiten” in: Christian Hege u. Christian Neff (Hg.): Mennonitisches Lexikon. Zweiter Band. Weierhof [Selbstverlag] 1937, S. 526; Gerhard Ratzlaff: Ein Leib - viele Glieder. Die mennonitischen Gemeinden in Paraguay. Hg. Gemeindekomitee. Asunción: Makrografic, 2001, S. 231-239; Peter Wiens: Die K.f.K. Fernheim – ein geschichtlicher Überblick 1931 – 1991. Hg. K.f.K. Fernheim. Filadelfia, 1992; Abe J. Dueck: “Mennonites, the Russian state and the crisis of Brethren and Old Church relations in Russia, 1910-1918”, MQR 69, 1995, S. 453-85; Abe J. Dueck: Moving beyond succession: defining Russian Mennonite Brethren mission and identity 1872-1922. Winnipeg: Kindred Press, 1997.

   
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