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Legiehn, Julius

Julius Legiehn (1899 - 1978) wurde 1899 in Waldeck, Südrussland, geboren. Hier besuchte er die Elementarschule. Sein Vater Friedrich Legiehn starb 1902. Seine Mutter zog dann mit ihren Kindern nach Sibirien in die Gegend von Omsk, wo Julius die Mittelschule absolvierte, um sich anschließend auf den Lehrerberuf vorbereiten zu können.
Von 1918 bis 1920 unterrichtete er im Dorf Schönfeld und von 1921 bis 1923 im Dorf Tschumajewka. Ab 1924 war er Leiter der höheren deutschen Elementarschule in der Siedlung Tiegerweide im Bezirk Omsk.
Im Jahr 1929 wanderte er mit seiner Familie aus Russland aus und begann 1930 als Pionier einer mennonitischen Flüchtlingsgruppe im Dorf Schönwiese, >Kolonie >Fernheim. Bereits im ersten Jahr konnte er in diesem neu gegründeten Dorf als Lehrer arbeiten, und ab 1931 begann seine Lehrtätigkeit als Lehrer und Leiter der >Zentralschule.
Ende 1938 wurde Julius Legiehn zum >Oberschulzen der Kolonie Fernheim gewählt. Damit begann für ihn eine sehr spannungsreiche Zeit. Gemäß den neuen Richtlinien war eine Zentralisierung der Koloniewirtschaft beschlossen worden, die einen praktischen Machtzuwachs für den Siedlungsleiter bedeutete. Ihm unterstand auch der Schul- und Kulturbereich, für den er sich in der Folgezeit besonders stark einsetzte. Als Dr. Fritz >Kliewer 1939 nach dem Abschluss seines Studiums aus Deutschland zurückkehrte, sah er in ihm den Mann, der das Schulwesen qualitativ verbessern konnte.
Als sich die Koloniegesellschaft in zwei Gruppen spaltete, vertrat er eindeutig die Sache der >deutsch-völkischen Bewegung. Bereits 1938 war er Leiter des >“Bundes Deutscher Mennoniten in Paraguay” geworden und hatte daher auch Kontakte zur deutschen Gesandtschaft und zum Deutschen Volksbund in Paraguay. Angesichts der sehr schweren wirtschaftlichen Verhältnisse im >Chaco war er gemeinsam mit Kliewer zu der Ansicht gekommen, dass der Chaco auf die Dauer keine günstigen Voraussetzungen für eine dauerhafte Mennonitensiedlung biete und eine Rückkehr nach Deutschland das Gebot der Stunde sei.
Die Gruppe der “Wehrlosen” war damit aber keineswegs einverstanden und rief zum Widerstand auf. Als sich dann noch der Widerstand in den Reihen derer, die mit der Koloniewirtschaft und den Machtbefugnissen des Oberschulzen unzufrieden waren, formierte, trat er von seinem Amt als Oberschulze zurück. In der Folge kam es am 11. März 1944 (>Elfter März) zu handgreiflichen Auseinandersetzungen zwischen den beiden Gruppierungen. Legiehn musste feststellen, dass seine Vermittlungsversuche keinen Erfolg gezeigt hatten, und auf Druck der amerikanischen Botschaft mussten die Familien Legiehn und Kliewer (Frau Kliewer war inzwischen einer Typhuskrankheit erlegen) die Kolonie Fernheim verlassen und nach Ostparaguay in die Verbannung gehen.
Von 1948 bis 1950 leitete Legiehn die Kooperative der Kolonie Fernheim, ging dann aber 1952 in die neu gegründete Siedlung Witmarsum, Brasilien, wo er bis 1959 als Geschäftsführer der Kooperative tätig war. Im Jahr 1956 starb seine Frau Luise, geb. Isaak. Von 1960 bis 1965 war er Redakteur der Zeitschrift “Bibel und Pflug” und unterrichtete zwei Jahre lang Deutsch und Religion an der Fritz Kliewer Schule in Witmarsum. Im Jahr 1972 zog er mit seiner zweiten Frau Wera, geb. Janzen, nach São Paolo, wo er an einem Sprachinstitut Deutsch und Russisch unterrichtete. Am 22. Juni 1978 ist er hier nach kurzer schwerer Krankheit verstorben.
Julius Legiehn war ohne Zweifel ein erfolgreicher Oberschulze und Kooperativchef und vor allem ein begabter Lehrer, der seine Dienste den Mennoniten zur Verfügung stellte. Er lebte in einer konfliktreichen Zeit, in der die unterschiedlichen Meinungen hart aufeinander prallten. Er, der um Ausgleich bemüht war, geriet dabei selber unter die Räder, als politische, wirtschaftliche und kirchliche Machtinteressen außer Kontrolle gerieten und keine Konfliktlösungsstrategien vorhanden waren, um die Auseinandersetzungen in sachliche Bahnen zu lenken.
Jakob Warkentin
“Gedenkfeier” in “Bibel und Pflug”, 16. Juli 1978; Heinrich Duerksen: Mennoblatt 49 (1978) 17, S. 5.

   
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