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Spitznamen

Spitznamen hat es seit eh und je in der Geschichte aller Kulturen gegeben. Schon im Alten Testament findet man sie. Auch in der Täufer- und Mennonitengeschichte sind sie nicht unbekannt. Da ist z. B. Georg Blaurock, der seines blauen Rockes (Jacke) wegen den Namen “Blaurock” erhielt. Im Volksmund hieß er außerdem “Der starke Jörg”, wahrscheinlich seiner hohen, kraftvollen Gestalt wegen. Sein richtiger Name war: “Jörg vom Hause Jakob”. Aber selten erscheint er in der Literatur unter diesem Namen.
Spitznamen haben es mit einer besonderen Eigenart der Person zu tun und sind meistens nicht böse oder verachtend gemeint. Manchmal sind es sogar Namen, die eine Person besonders ehren.
Unter den Mennoniten in Paraguay sind sie gang und gäbe. Im Plattdeutschen werden sie “Eatjenome” genannt. Einige Beispiele aus Hunderten mögen das zeigen: “Dee schrieende Waul” (“Der schreiende Wall”), hieß der Prediger Jacob J. >Wall noch von Russland her, weil er so laut predigte. “Uhle-Enns” (“Eulen-Enns”) hieß Heinrich Enns, Fernheim, seines gesunden Humors und seiner vielen treffenden und knackigen Witze wegen. Vielleicht erhielt er den Namen in Anspielung auf den Titel des berühmten deutschen Volksbuchs “Eulenspiegel”. “Prips-Niefeld” war der Name von Peter Neufeld, Neuland, weil er den vortrefflichen “Prips” aus gerösteten Sorghum (Kafir) herstellte, der weit und breit in den mennonitischen >Kolonien gekauft wurde. “Chico-Friese” (“Kleiner Friesen”) hieß Jakob Friesen, weil er klein von Gestalt war.
In Menno gab es besonders viele Spitznamen. Einige Beispiele: “Siska-Hiebat” und “Melone-Hiebat”, hier ging es darum, zwei Personen mit dem gleichen Namen voneinander zu unterscheiden. “Schwoate Sewautzje” wurde nach seiner auffallend dunklen Haut so benannt und “Nudel-Funk”, weil in der Familie mit Vorliebe Nudeln gegessen wurden.
Die Indianer hatten für viele Mennoniten einen eigenen Spitznamen, der immer irgendwie die Person charakterisierte. Ein gewisser Klassen wurde von ihnen “der Böse” genannt, weil er oft die Indianer beschimpfte. Abram Ratzlaff, Einlage, Neuland, nannten sie Penseem-Pophehec (“Kurzfinger”, wörtlich, “der mit dem kurzen Finger”), weil er nur einen halben rechten Zeigefinger hatte. Abram Löwen, Landskrone, Fernheim, schreibt, die Indianer hätten ihm im Laufe der Zeit drei Namen gegeben: zuerst erhielt er den wenig schmeichelnden Namen “Der Sohn der bösen Mutter”, dann, als er sich als Cowboy hervortat, Navaim vayqui (“Der die Rinder hinwirft”) und schließlich Niptan apkatik (“Jaguarkopf”), weil er einen gefährlichen Jaguar bezwungen hatte.
Gerhard Ratzlaff/Uwe Friesen
Gerhard Ratzlaff: Humor auf mennonitische Art in Paraguay. Asunción 2009.

   
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