Politik

Das Wort Politik hat seinen Ursprung in dem griechischen “Politeia” und bedeutete die Anteilnahme eines Bürgers am Staate (Polis). Politeia bezeichnete auch die Verfassung eines Staates, die im Kreise der Bürger (“Politen”) bestimmt wurde. Alle freien Bürger eines Landes waren Politen (Träger des Staates, Politiker), die durch die Erfüllung ihrer Pflichten und Rechte zum Wohle des Landes beitrugen. Aristoteles nannte die gute Demokratie deshalb Politeia (Gemeinwesen der Bürger). Der Titel von Platons Werk über den Idealstaat heißt “Politeia”.
Die Vollversammlung der Bürger eines Staates war die Ekklesia. Sie vertrat das höchste Entscheidungsrecht. Ekklesia wird zu Deutsch mit Kirche bzw. Gemeinde übersetzt – im Spanischen Iglesia – und mit diesem Wort wird im Neuen Testament auch die gläubige Gemeinde bezeichnet. Somit wird in der Bibel ein Wort aus dem politischen Bereich auf die gläubige Gemeinde angewandt. Wollten die neutestamentlichen Schreiber damit andeuten, dass die Gemeinde, während sie in dieser Welt tätig ist, sich nicht aus dem politischen Bereich heraushalten kann? Einige wollen es so sehen.
Sich an der Politeia zu beteiligen und sich in der Ekklesia verbindlich zu engagieren, war das natürliche Recht eines jeden freien Bürgers. Sklaven waren davon ausgeschlossen. So oder so, jeder freie Bürger war mitbeteiligt an der Verwaltung des Staates. Für den Kirchenvater Augustin war die Politeia Gottes die Gemeinschaft derer, die nach Gottes Gebot lebten, d. h. die Gemeinde nach Gottes Verordnung.
Auf die Situation der >Mennoniten in Paraguay angewandt, sieht das Bild von der Politeia folgendermaßen aus: Alle Bürger einer >Kolonie sind die Politen. Sie haben Rechte und Pflichten und sind um das Wohl ihrer Siedlung bemüht. Um eine gesunde Entwicklung zu garantieren, einigen sich die Bürger der Kolonie auf eine Verfassung (Koloniestatuten), schaffen die notwendigen Organe und wählen die entsprechenden Personen als ausführende Körperschaft: >Oberschulze, Verwaltungsrat, Aufsichtsrat usw. Die Bürger der Kolonie sind gleichberechtigte, freie Menschen. Sie haben das verbindliche Recht, darauf hinzuweisen, wenn die in den Statuten verankerten Ordnungen verletzt werden, die letztendlich den Frieden, die Harmonie und den Fortschritt in der Siedlungsgemeinschaft sichern. In diesem Sinne wird die politische Verantwortung letztendlich zu einer Realität, der auch in den Kolonien niemand entrinnen kann. Der Verlauf der Dinge in einer Kolonie wird mitbestimmt durch den, der wählt, sowie durch den, der nicht wählt, durch den, der positive, sowie durch den, der negative Kritik übt. Ein Staat im Staate, eine Politeia im Kleinen – ganz im Sinne von Aristoteles – besteht somit in den mennonitischen Kolonien, in denen Innenpolitik betrieben wird, in denen es aber keine Armee gibt.
Das oben Gesagte trifft auch auf das politische Leben eines Staates zu, natürlich in einem größeren und nicht so leicht überschaubaren und durchsichtigen Rahmen. Die Staatspolitik dient der Verwirklichung der Staatszwecke (Macht, Sicherheit, Friede, Gerechtigkeit, allgemeine Wohlfahrt usw.)… (Der große Brockhaus 1956, 273).
In Paraguay ist der Begriff “Politik” durch die im Lande vorherrschende >Korruption herabgewürdigt worden. Ausdrücke in mennonitischen Kreisen Paraguays wie: der “denkt politisch” oder jemand “handelt politisch” bedeuten in der Umgangssprache, dass der so Bezeichnete undurchsichtig, hinterhältig oder gar korrupt bzw. zum Vorteil einer bestimmten Partei, Gruppierung oder seiner selbst handelt. Sehr oft entspricht dieses Urteil der Wirklichkeit. Die zur Zeit stark verbreitete Korruption unter den Politikern in Paraguay ist nicht dazu angetan, den Begriff der Politik und des Politikers aufzuwerten. Dieser Umstand erschwert ehrlichen Menschen die Teilnahme an der Politik.
Politik ist an sich weder gut noch schlecht, wie das Geld, das wir täglich erwerben und brauchen, an sich weder gut noch schlecht ist. Es hängt davon ab, wie man es erwirbt und was man daraus macht. Der Mensch selbst bestimmt darüber. So ist es auch mit der Politik. Es hängt davon ab, wie der Betroffene den politischen Posten erwirbt und wie er die politische >Macht, die damit gegeben ist, gebraucht bzw. missbraucht.
Mit der neuen Staatsverfassung von 1992 eröffnete sich auch für die Mennoniten der Weg in die Landespolitik auf verschiedenen Ebenen, die sie selbstbewusst wahrgenommen haben, vergleichbar etwa mit den Mennoniten in Russland 1905, als dort die Duma, der Volkskongress, einberufen wurde.
Allerdings tauchten auch zeitweilig ernsthafte Bedenken und Zweifel bei einigen Personen und Sektoren in den mennonitischen Gemeinden Paraguays auf, die sich aber bald verflüchtigten. Schon durch die >Coordinadora de Iglesias Cristianas para la Asamblea Nacional Constituyente hatten die Mennoniten einen wesentlichen Einfluss auf die Schaffung einer neuen Staatsverfassung ausgeübt. Bei den ersten demokratisch freien Wahlen wurden drei Mennoniten in hohe politische Ämter gewählt: Cornelius Sawatzky wurde erster mennonitischer Gouverneur des Departamento Boquerón (1993 – 1998) im paraguayischen >Chaco, wo sich die drei mennonitischen >Kolonien befinden, und von 1998 – 2003 war er Diputado Nacional (Abgeordneter für Boquerón); Heinrich (Heinz) Ratzlaff war der erste mennonitische Diputado (Abgeordneter) in der Abgeordnetenkammer des nationalen Kongresses (1993 – 1998); Orlando Penner war 1998 – 2003 Gouverneur von Boquerón, dann im Jahr 2003 Senator, schied aber aus persönlichen Gründen 2005 aus und wurde im April 2008 als Abgeordneter in den Kongress gewählt; Hermann Ratzlaff war Bürgermeister (Intendente) von >Mariscal Estigarribia im Chaco von 2001 bis 2006; David Sawatzky Gouverneur von Boquerón 2003 – 2008; Ernst Bergen 2003 – 2005 Minister für Industrie und Handel und 2005 – 2007 Finanzminister; Andreas Neufeld als Vizefinanzminister 2003 – 2007 verantwortlich für das paraguayische Steuerwesen und Carlos Walde 2003 – 2008 Wirtschaftsberater des Präsidenten.
Gerhard Ratzlaff
Keith Graber Miller: Wise as Serpents, Innocent as Doves: American Mennonites Engage Washington. Tennessee: University of Tennessee Press, 1996; Peter K. Neufeld: Die Stellung des Christen zu Staat und Schwert. Filadelfia: Neufeld [Selbstverlag], 1997; Gerhard Ratzlaff (Hg.): Die Mennoniten in Paraguay: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Studienkonferenz der Mennoniten in Paraguay. Abgehalten im Instituto Bíblico Asunción vom 1. bis 5. Februar 1993, Asunción 1993; Calvin Redekop: ”A State Within a Church”. The Mennonite Quarterly Review, Vol. XLVII, Oktober 1973, S. 339-357; Benjamin W. Redekop. u. Calvin Redekop: Power, Authority and the Anabaptist Tradition. Baltimore und London: The John Hopkins University Press, 2001; John H. Redekop: ”Mennonites and Politics in Canada and the United States”. Journal of Mennonite Studies. 1. Jg., 1983, S. 79-105; Journal of Mennonite Studies. 10. Jg., 1992, S. 70-86; Jakob Warkentin: “Bestimmt das Privilegium unser politisches Verhalten”? In: Walter Regehr. 25 Jahre Kolonie Neuland Chaco Paraguay (1947-1972): Eine Gedenkschrift zum fünfundzwanzigjährigen Jubiläum. Hg. Kolonieverwaltung. Karlsruhe: Heinrich Schneider, 1972, S. 78-83; Jakob Warkentin: “Wehrfreiheit – Privileg oder Grundrecht? Auseinandersetzung um die Wehrpflicht der Mennoniten in Ost- und Westpreußen.” In: Gerhard Ratzlaff (Hg): Die Mennoniten in Paraguay: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Studienkonferenz der Mennoniten in Paraguay. Abgehalten im Instituto Bíblico Asunción vom 1. bis 5. Februar 1993, Asunción 1993; John H. Yoder: Nachfolge Christi als Gestalt politischer Verantwortung. Basel: Agape Verlag, 1964; John H. Yoder: Die Politik Jesu – der Weg des Kreuzes. Maxdorf: Agape Verlag, 1981; Abraham Friesen: In Defense of Privilege: Russian Mennonites and the State Before and During World War I. Winnipeg, Kanada u. a.: Kindred Production, 2006; James Urry: Mennonites, Politics and Peoplehood: Europe – Russia – Canada 1525 to 1980. Winnipeg: University of Manitoba Press, 2006.