
Inhaltsverzeichnes
Begleitwort zu dieser Nummer
Vorträge gehalten auf dem Symposium am 6. und 7. Juni 2002 in Loma Plata
Die Bergthaler Mennonitengemeinde aus Russland über Kanada nach Paraguay
Abraham S. Wiebe (1)
- „Im Jahre 1833 benutzte die Chortitzer Siedlung eine günstige Gelegenheit und kaufte einen Landkomplex, um eine Tochtersiedlung anzulegen. Leider war das Landgut weit von der Mutterkolonie entfernt, nämlich etwa 200 Kilometer. Es lag in der Nähe des Asowschen Meeres in der Gegend der Hafenstadt Mariupol. Heute trägt diese Hafenstadt den Namen Schdanow. Hier entstand drei Jahre später die Ansiedlung `Bergthal‘. Bergthal ist also eine Tochtersiedlung der Chortitzer Ansiedlung und ist auch die erste mennonitische Tochtersiedlung in Russland überhaupt."
- „Wie Mose führte Ältester Gerhard Wiebe (1827 – 1900), Heuboden, sein Volk 1874 – 76 von der bevorstehenden Gefahr zu einer neuen Heimat und Zuflucht in Manitoba. 1874 bot der Zar Gerhard Wiebe ein feudales Gut, komplett mit Land, Leibeigenen und für sich und seine Nachkommen den Adelstitel an, wenn er sein Volk überreden würde, in Russland zu bleiben. Obwohl das eine ernste Versuchung war, wählte er den schmerzlichen und opfervollen Weg des Pilgers und blieb Gott treu, obwohl er von Seiner Kaiserlichen Majestät gewarnt worden war, dass Verachtung und Spott seine einzige Belohnung sein würde."
- „Diejenigen, welche die Schulen von Bergthal so vollständig und gründlich denunzierten, haben scheinbar niemals die Schriften der Lehrer von Bergthal/Chortitza und sogar gewöhnlicher Laien studiert. Beispielsweise sind die Predigten vom Ältesten Gerhard Wiebe (1827 – 1900) mit Juwelen biblischer Allegorie übersät und zeigen eine gesunde Exegese (Auslegung) und einen wahrhaft inspirierten Glauben, der heute ebenso dauerhaft ist wie in den 1860er Jahren, als sie geschrieben wurden, und die alles überragten, was seine Feinde geschrieben haben. Die Tagebücher des Chortitzer (Bergthaler) Ältesten David Stoesz und des Predigers Heinrich Friesen (1842 – 1921) sind ein konkreter Beweis, dass das Schulsystem von Bergthal Promovierte hervorbrachte, die nicht nur mit einer Liebe zu Jesus erfüllt waren, sondern auch fähige Schriftsteller und begabte Denker waren."
1. Ostreserve:
a. Chortitzer
b. Holdemanns
Westreserve:
Bergthaler
Sommerfelder
Brüdergemeinde in Manitoba
Saskatchewan:
Sommerfelder
Bergthaler
70% waren Glieder der Chortitzer Mennonitengemeinde;
20% waren Glieder der Sommerfelder Mennonitengemeinde;
10% waren Glieder der Bergthaler Mennonitengemeinde aus Saskatchewan.
– Ältester Johann Dück von Schönsee,
– Prediger Johann Sawatzky und Peter Falk von der Ostreserve,
– Prediger Johann Schröder und Bernhard Töws von der Westreserve Manitoba,
– Prediger Kornelius Reimer und Diakon Peter Harder von Star City,
– Prediger Heinrich B. Bergen, Kornelius Hamm, Heinrich Martens, Diakon Heinrich Dück und der schon erwähnte Älteste Aaron Zacharias von Rosthern.
- Es sollte in Paraguay in Dörfern gesiedelt werden.
- Ein Dorf sollte eine Fläche von 3 Quadratmeilen umfassen.
- Jeder Hof sollte 190 Acker (76 ha) umfassen, die Schule 60 Acker.
- Ohne Einwilligung des Lehrdienstes sollte von außen niemand aufgenommen werden.
- Die Geburt eines Kindes sollte bald nach der Geburt beim Lehrdienst angemeldet werden.
- In den Schulen sollten nur die Melodien aus dem 1. Teil des Choralbuches gesungen werden.
- Brautleute sollten eine Verlobung feiern.
- Hochzeiten dürften nicht an einem Feiertag gemacht werden.
- Es müssen ein Waisenamt eingerichtet, Brandältester und Brandschulzen angestellt werden.
- Die Gemeindezucht sollte evangelisch gebraucht werden.
- Gemeindeglieder, die nicht zum Abendmahl kommen, sollten gründlich nach Christi Lehre ermahnt werden.
- Es wurde gänzlich verboten, ein obrigkeitliches Amt zu bekleiden.
- Die Kleider sollten einfach sein und nach Gottes Wort Kopf und Leib bedecken.
- Autos und Telefon seien schädlich und deshalb zu verbieten.
- Den Schnurbart tragen oder irgendeine Bartverschneidung wurde gänzlich verboten.
- Die Schöntal Mennonitengemeinde mit Osterwick und Umgebung. Dazu gehörten die zwei Gotteshäuser in Osterwick und Schöntal.
- Die Mennonitengemeinde von Loma Plata mit einem Gotteshaus in Loma Plata.
- Die F.N.B. Mennonitengemeinde in den südlichen Dörfern von Nordmenno mit den drei Gotteshäusern in Friedensfeld, Neuhof und Buena Vista.
- Die Eigenheim Mennonitengemeinde im Osten von Nordmenno mit den Kirchen in Bergthal und Eigenheim als Versammlungsräumen.
- Die Mennonitengemeinde von Weidenfeld und Umgebung, mit den zwei Gotteshäusern in Weidenfeld und Grüntal. Diese Gemeinde zögerte noch einige Monate, bis sie sich schließlich doch eigenständig organisierte und die fünfte Lokalgemeinde in Nordmenno bildete.
Literaturverzeichnis
- Adina Reger und Delbert Plett, Diese Steine, Die Russlandmennoniten, Crossway Publications Inc. Steinbach, 2001
- Friesen, Martin W., Neue Heimat in der Chacowildnis, 2. Auflage, 1997
- Protokolle der Gemeindevorstandssitzungen
- Klassen, Peter P., Die Mennoniten in Paraguay, Band 1, 2001
- Protokolle und Schriften zur Menno-Geschichte
Gemeindeleiter der Elim Gemeinde in Loma Plata, letzter Ältester der in Nordmenno tätig war, und die Lokalgemeinden organisierte. | |
Friesen Martin W., Neue Heimat in der Chacowildnis, Seite 18. | |
ebd., Seite 20. | |
ebd., Seite 20. | |
Reger Adina und Plett Delbert, Diese Steine Die Russlandmennoniten, Crossway Publications Inc., Steinbach 2001. | |
ebd., Seite 341. | |
Klassen Peter P., Die Mennoniten in Paraguay, Band 1, 2001, Seite 397 und 398. | |
Giesbrecht Abram B., Die ersten mennonitischen Einwanderer in Paraguay – 1994. |
Die Verwaltung der Menno-Siedler im Chaco Gegenwart und Zukunftsperspektiven
Gustav T. Sawatzky
- „Eine ungewöhnliche Konzession ist einer Gruppe kanadischer Mennoniten von der parag. Regierung gemacht worden, eine Konzession, wie sie wohl sonst wo nicht in der Welt zu bekommen wäre, wie jemand sagte, nämlich Freispruch vom Militärdienst, das Recht, ihre eigenen Schulen zu haben und in ihrer eigenen Sprache zu unterrichten, den Eidschwur abzulehnen und eine absolute selbstgeleitete Kontrolle über ihre Siedlung zu haben."
- „Das war von der parag. Regierung ein sehr vertrauensvolles Zugeständnis an die Chacosiedler. Es war aber auch eine enorme Zumutung an ihr eigenes Können. Hatten sie doch bis dahin noch niemals eine umfassende Selbstlenkung und Selbstüberwachung geübt. Auf dieser Linie der sozialen und wirtschaftlichen Selbstverwaltung waren sie also absolut unerfahren. Womit sie vertraut waren, das war die Leitung einer traditionell verwurzelten religiösen Gemeinschaft mit Einbeziehung der schulischen Belange ihrer von den Gemeinden geführten Privatschulen".
Ost Reserve: Martin C. Friesen, und Abram A. Braun.
West Reserve: Isaak K. Fehr und Bernhard F. Penner
Saskatchewan: Peter Peters und Korni H. Wiebe.
- Kolonisierung der paraguayischen Erde im Chaco.
- Moralische und materielle Hilfe bei der Gründung oder Entwicklung der Kolonien zu leisten.
- Kredite und Darlehen zur Entwicklung der Kolonie aufzunehmen und zur Hilfe für die Bürger.
- Grundstücke, bewegliches Gut und Vermögen verschiedener Art in und außerhalb der Republik zu besitzen.
- Fabrikmarken, Handelsmarken und Tiermarken zu besitzen und zu registrieren.
- Vertretung, Kommission, Konsignation auszuüben. Agenturen und Vertretungen in und außerhalb der Republik zu gründen.
- Pfand – Kontrakte, Hypotheken und andere Garantieformen zu tätigen
- Alle Vollmachten die durch die Gesetze und besonders durch den Código Civil (Zivilgesetzbuch) der juristischen Person bewilligt worden sind, auszuüben.
- Die wirtschaftliche Entwicklung seiner Mitglieder anzustreben, zu fördern, zu organisieren und zu realisieren.
- Die Intensivierung des landwirtschftlichen Anbaus und deren Mechanisierung zu fördern.
- Die Produktionssteigerung der Molkereien, Ackerbau- und Viehzuchtbetriebe voranzutreiben.
- Die Verarbeitung von Rohstoffen und Fertigprodukte und Industrieerzeugnisse für den internen Bedarf und für den Export vorzubereiten.
- Die Einrichtung von Konsumläden zur Versorgung ihrer Mitglieder.
- Die Anschaffung von Luft-, Land- und Flusstransportmittel für die Beförderung der Produktion.
- Die Schaffung sanitärer, medizinischer und zahnärztlicher Dienstbetriebe sowie kultureller Einrichtungen.
- „Ich war vor einer Woche in Puerto Casado. Da sind alte Grossväter, die die Leute bange machen mit ihren zweifelerregenen Reden, die sie schwingen. Ach, wie viele haben’s doch schon vergessen, was wir auf unseren Knien unserm Gott gelobt haben, nämlich treu und beständig auszuharren, bis ans Ende. Auch in dieser Auswanderungssache war es unser Wunsch, der Herr möchte uns doch einen Zufluchtsort anzeigen – und er hat es getan. Wir aber murren anstatt dass wir danken. Blinder Mensch, wann willst Du endlich dankbar werden"!
1927 – 1935 | Isaak K. Fehr |
1936 – 1939 | Jacob A. Braun |
1940 | Jacob H. Hiebert |
1941 – 1948 | Heinrich F. Harder |
1949 | Cornelius R. Funk |
1950 | Johan T. Dyck |
1951 – 1967, 1974 – 1975 | Jacob B. Reimer |
1968 – 1973, 1976 – 1983, 1996 – 1998 | Jacob N. Giesbrecht |
1984 – 1992, 2002 – | Cornelius B. Sawatzky |
1993 – 1995 | Bernhard F. Wiebe |
1999 – 2001 | Gustav T. Sawatzky |
Weiter zum nächsten Vortrag: Gerhard Ratzlaff: Die kanadischen Mennoniten in Paraguay
Quellenverzeichnis:
- Abram W. Hiebert, Entstehung und Entwicklung der Civil – Gesellschaft Chortitzer Komitee, 1988.
- Heinrich Ratzlaff, Die Verwaltungsgeschichte der Kolonie Menno,15.08.2000.
- Jacob N. Giesbrecht, Mündliche Aussagen vom langjährigen Oberschulzen.
- M. W. Friesen, Kanadische Mennoniten bezwingen eine Wildnis, 1977
- M.W. Friesen, Neue Heimat in der Chacowildnis, 1987.
- Statut der Genossenschaft und der Asociación Civil Chortitzer Komitee.
- Verwaltungsrat: Protokolle.
Ehemaliger Oberschulze und ehemaliger Leiter der Berufsschule in Loma Plata. Heute Leiter von FECOPROD | |
Friesen Martin W. – S. 565. |
Die kanadischen Mennoniten in Paraguay
Gerhard Ratzlaff
Name der Kolonie | Gründungsjahr | Einwohner (zum 01.01.2002) |
Kanadische Mennoniten | ||
1927 | 9.039 | |
1948 | 2.810 | |
1948 | 2.276 | |
1966 | 176 | |
1973 | 180(2) | |
— | 473 | |
Total | 14.954 (50,29%) | |
Russische Mennoniten | ||
1930 | 4.086 | |
1937 | 663 | |
1947 | 1.687 | |
1947 | 695 | |
— | 850 | |
Total | 7.981 (26,84%) | |
1969 | 3.220 | |
1972 | 349 | |
Nuevo Durango | 1978 | 1.970 |
1983 | 651 | |
Total | 6.190 (20,82%) | |
1967 | 183 | |
1969 | 95 | |
1976 | 80 | |
La Montaña | 1982 | 250 |
Total | 608 (2,04%) |
3.949 Bürger (43,60%), | |
1.448 (51,53%), | |
56 (31,11%), | |
1.448 (51,53%), | |
212 (16,02%). |
574 (14,05%) | |
82 (4,86%), | |
13 (1,96%),, | |
9 (1,29%), | |
18 (5,15%), | |
426 (13,23%). |
- „Viele Brüder waren so gesonnen, wenn wir bloß noch einmal wieder einen Ort finden konnten, wo wir unsere Freiheit mit Kirchen und Schulen haben konnten, … dann wollten wir schon zufrieden sein, wenn wir auch nicht mehr so viele Reichtümer und irdische Schätze uns sammeln könnten, wie es besonders in den letzten Jahren in Canada der Fall gewesen".
Chortitzer, Ostreserve, Manitoba | 1.201 |
357 | |
Bergthaler, Rosthern, Saskatchewan | 227.(30) |
- „Sie meinen, dass als Resultat des modernen Lebens die junge Generation `weltlich’ geworden ist. Etliche ihrer Mädchen tragen moderne Kleider, brauchen Schminke, lassen sich die Haare schneiden und Dauerwellen drehen und stellen sich nicht gegen Parties und Tanz. Viele der jungen Männer sind in die Stadt gezogen und haben sich Frauen anderen Glaubens genommen. Hier können die Alten unter ihnen nicht mitgehen, auch wenn ihre Söhne tüchtige Geschäftsmänner werden. Schlimmer in den Augen der Mennoniten ist die Tatsache, dass während des Krieges [2. Weltkrieges] fast 50% ihrer jungen Männer in einer oder anderer Form im Krieg mitgemacht haben".
Weiter zum nächsten Vortrag: Andreas F. Sawatzky: Der Einfluss der Schulen im internen Wandel der Kolonie Menno in den 50er und 60er Jahren
Literaturverzeichnis
- Dyck 1970 = Dyck, Isaak M. Auswanderung der Reinländer Mennonitengemeinde von Kanada nach Mexiko. Cuauhtemoc, Mexiko, 1970.
- Epp 1990 = Epp, Frank H. Mennonites in Canada 1786-1920: The History of a Separate People. Mennonite Historical Society of Canada, Winnipeg, 1990.
- Epp 1982 = Epp, Frank H. Mennonites in Canada 1920-1940: A people’s Struggle for Survival. Toronto 1982.
- Francis 1953 = Francis, E.K. „The Mennonite School Problem in Manitoba 1874-1919". The Mennonite Quarterly Review. 27. Jahrg., Juli 1953, S. 204-237.
- Friesen 1987 = Friesen, Martin W. Neue Heimat in der Chacowildnis. Chortitzer Komitee, Asunción, 1987.
- Geschichtsbildband 1998 = Geschichtsbildband zum 50jährigen Bestehen der Kolonie Sommerfeld, 1948-1998. Sommerfeld, Paraguay, 1998.
- Klassen 1988 = Klassen, Peter P. Die Mennoniten in Paraguay: Reich Gottes und Reich dieser Welt. Mennonitischer Geschichtsverein, Weierhof 1988.
- Ratzlaff 1977 = Ratzlaff, Gerhard. Die mennonitischen Siedlungen in Ostparaguay. o. O.
- Dieselbe Studie erschien im Mennoblatt vom 1. Februar – 1. Juli 1977.
- Ratzlaff 2001 = Ratzlaff, Gerhard. Ein Leib – viele Glieder: Die mennonitischen Gemeinden in Paraguay. Asunción 2001.
- Wiebe 1997 = Wiebe, Gerhard. Ursachen und Geschichte der Auswanderung der Mennoniten aus Russland nach Amerika. Chihuahua, Mexico, 1997.
Auch eine Anzahl russischer Mennoniten vertreten. | |
Dyck 1970, S. 21, wortgetreue Wiedergabe hier wie auch in den folgenden Zitaten. | |
Epp 1982, S. 94. | |
Friesen 1987, S. 18. | |
ebd, S. 21. | |
Epp, 1982, S. 96 und Epp 1990, S. 340. | |
Wiebe, 1900, S. 51-52. | |
nach Adolf Ens, Winnipeg, eMail vom 17. Mai 2002. | |
Dyck 1970, S. 43. | |
ebd, S. 47-48. | |
ebd, S. 45. | |
Epp 1982, S. 97. | |
Dyck 1970, S. 43; Epp 1990, S. 346. | |
„School Attendance Act" Francis 1953, S. 230. | |
Dyck 1970, S. 45; Epp 1982, S. 100. | |
Epp 1990, S. 348. | |
ebd, S. 354-357) | |
Francis 1953, S. 233. | |
Dyck 1970, S. 52. | |
Epp, 1982, S. 102. | |
ebd, S. 103-105. | |
Dyck, 1970, S. 70. | |
Epp 1982, S. 106. | |
Epp 1982, S. 106; Friesen 1989, S. 32. | |
Email vom 25. Mai 2002. | |
Dyck 1970, 56. | |
ebd, S. 52. | |
Epp 1982, S. 122. | |
ebd, S. 122. | |
Friesen 1987, S. 174, vgl. S. 130, wo 1742 Personen angegeben werden. | |
ebd, S. 168-270. | |
ebd, S. 277) | |
Ratzlaff 1977, S. 10. | |
Klassen, 1988, S. 318. | |
Ratzlaff, 2001, S. 58. | |
Ratzlaff 2001, S. 169-172. | |
ebd, S. 172. | |
ebd, S. 172-73. |
Der Einfluss der Schulen im internen Wandel der Kolonie Menno in den fünfziger und sechziger Jahren
Andreas F. Sawatzky
- „Der Gemeindeälteste und einige schulverbesserungsbeflissene Brüder (darunter auch Lehrer) sannen auf einige Verbesserungsvorschläge. Ein Schritt, der unternommen wurde, war die Bestellung von Schulbüchern für den Deutschunterricht. Der Gemeindeälteste machte es einfach auf eigene Faust. Er bestellte eine kleine Sendung Bücher (R. Lange) von Deutschland. Er hatte weder die Mehrheit des Gemeindevorstandes noch die Gemeinde hinter sich. Als die Sendung angekommen war, nahm er sie mit zu einer der drei im Schuljahr stattfindenden Lehrerversammlungen, die diesmal im Dorf Halbstadt war. Das war im Jahre 1933. In der Lehrerversammlung war man soviel aufgebracht: Ältester Friesen mußte unverrichteter Sache die Schulhefte mit nach Hause nehmen. Bald kamen dann einzelne Lehrer und holten sich von diesen Büchern und benutzten sie in der Schule. Die Sprachverbesserungsangelegenheit ging langsam, aber sie ist nie mehr zum Abbruch gekommen."
- „Da eine unruhige Gruppe unter uns ist, welche sich nicht in unserm Wirken schicken will, und daher etwas anderes will, so sind auf ihren Wunsch 2 Prediger von Kolonie Sommerfeld hier her gekommen, um ihnen zu untersuchen und ihrem Begehren womöglich zu fördern. Sie haben auch mit Ält. M. C. Friesen gesprochen, und in dem, was er ihnen sagte, haben sie auch nichts gesucht zu widerlegen. Sie wurden auch zu unserer Sitzung eingeladen, welches sie aber ablehnten. Wir bestehen aber darauf, dass sie zu unserer Sitzung kommen, bevor sie hier etwas unternehmen. Das soll Ält. Friesen ihnen schreiben. (Welches auch schon geschehen ist.)"
- „Setzte Abram B. Reimer die Sitzung in Kenntnis, dass man sich dem `Lehrerverband der Mennoniten Paraguays’ angeschlossen habe auf der Lehrertagung inVolendam vom 7. – 10. Juli d. J. Leider habe man unterlassen vorher den Schulrat und die Gemeindeleitung hierüber zu unterrichten oder zu befragen; man findet dieses als einen Fehler und einigt sich in Zukunft solches vorher vom Schulrat und Gemeindeleitung bestätigen zu lassen."
– Friesen, Martin W.: Kanadische Mennoniten bezwingen eine Wildnis, Asunción, 1977
– Im Dienste der Gemeinschaft, August 1991;
– Protokolle von Predigersitzungen (Punkte über Schulwesen, zusammengefasst von H. Ratzlaff) und Schulratsitzungen;
– Befragung verschiedener Personen und eigene Erinnerungen.
- In wieweit beeinflussen traditionelle Elemente unser heutiges Gemeinschaftsleben, z.B. auch die gegenwärtige Schulentwicklung?
- Menno kommt aus einer sehr traditionell gebundenen Gemeinschaft. Nun ähnelt sich kaum noch etwas mit dem vor 60 – 70 Jahren. Schlägt das Pendel heute auch auf dem schulischen Gebiet zu weit nach der anderen Seite aus?
- In den letzten 50 Jahren haben sich unsere Schulen wie auch die ganze Gemeinschaft sehr stark gewandelt. Wie kann die Schule den richtigen Beitrag in diesem Wandel einbringen?
- Welchen Einfluss hat die Schule heute auf den internen Wandel/Fortschritt in der Kolonie?
- Zur Diskussion: „Was die Schule heute ist, wird später die Gemeinde/Gesellschaft (Die Gesellschaft ist das Spiegelbild der Schule)." In wieweit stimmt diese Behauptung heute noch?
- Wie wird unsere Schule von außen geprägt? Können wir damit in Zukunft zurechtkommen?
- Welche Lücken hat das heutige Bildungswesen in Bezug auf Gemeinde und Wirtschaft?
- Welche Lücken konnten vom alten Bildungswesen und der ersten Zeit des Wandels nicht abgedeckt werden? Welche Lösungen schlagen wir vor?
- Wie kann sich die Wirtschaft mehr im Bildungswesen einbringen?
- Wie kann sich die Gemeinde mehr im Bildungswesen einbringen?
- Inwieweit sollten sich die Mennoniten in der Tertiärausbildung der Region und des Landes direkt einbringen? (Was wird schon getan und welche Möglichkeiten stehen noch offen?)
- Welche Vorschulerziehung sollte angestrebt und gefördert werden?
Weiter zum nächsten Vortrag: Peter P. Klassen: Das Verhältnis der Bewohner der Kolonien Menno und Fernheim zueinander
Direktor am Colegio Loma Plata, Redakteur von „Menno informiert". | |
Friesen M. W., Kanadische Mennoniten bezwingen eine Wildnis, S. 118. | |
Bei ‘Verweltlichung’ spielte der Gedanke `Hochmut’ immer mit. Es ist nicht mehr gut, was wir bis jetzt gehabt haben, wir wollen höher hinaus wie die Weltgelehrten, hochmütig sein! |
Das Verhältnis der Bewohner der Kolonien Menno und Fernheim zueinander
Peter P. Klassen
das macht uns selten nur Pläsier,
doch dass der andre dümmer,
erfreut fast immer.
Wilhelm Busch
- „Gegen Abend erreicht die Russländergruppe Km 145; der Zug hält vor einem kleinen Balkenschuppen, dem `Bahnhof’. Nicht weit von ihm entfernt halten Fuhrwerke, deren fremdartige Wagenkasten auffallen. Neben den Wagen stehen in Gruppen die Fuhrleute, die Kanadadeutschen aus Menno. Aber wie sehen die aus in ihren zerrissenen und von der weiten Ochsenfahrt mitgenommenen Kleidern! Die meisten gehen barfuß oder in Holzpantoffeln, tragen breiträndige Strohhüte und dunkle Schutzbrillen wegen kranker Augen."
- „Man sollte erwarten, wenn in einem derart isolierten Siedlungsgebiet, wie es der mittlere Teil des paraguayischen Chaco ist, zwei Kolonistengruppen wie die von Menno und Fernheim, die beide zu derselben religiösen Gemeinschaft gehören und zum großen Teil eine gemeinschaftliche Vorgeschichte haben, sich kurz nacheinander ansiedeln, ein intensiver Kontakt zwischen den beiden Gruppen entstehen würde. Nichts ist jedoch weniger wahr."
- „Das ist bis jetzt noch zu wenig geschehen … Von einer Zusammenarbeit auf kulturellem und geistlichem Gebiet sind wir ja noch weit entfernt, und man sollte einstweilen auch jegliche Versuche auf dieser Seite unterlassen … Doch den Schritt zur wirtschaftlichen Annäherung müssten wir tun. Dabei wird nicht zu vermeiden sein, dass wir einiges gutmachen, was unsere Vordermänner in den ersten Jahren der Ansiedlung ihnen gegenüber verfehlt, und was sie bis heute nicht vergessen haben. Wir müssten von unserer Seite, wenn es drauf an kommt, auch zu Zugeständnissen bereit sein. … Wenn es uns gelingt, ein wirtschaftliches Zusammengehen mit den Kanadiern herbeizuführen, dann wird die kulturelle und geistliche Annäherung von selbst kommen."
Weiter zum nächsten Vortrag: Jakob Warkentin: Begegnung zwischen Neuländern und Mennos 1947/48
Verwendete Literatur
- Dyck, Isaak M.: Die Auswanderung der Reinländer Mennonitengemeinde von Canada nach Mexiko, Cuauhtémoc, 1970
- Friesen, Martin W.:
- , Asunción, 1977
- Friesen, Martin W.:
- , Altona, Manitoba, 1987
- Froese, Leonhard:
- in Menn. Lexikon, 1967 Band 4, 109
- Hack, Hendrik:
- , Amsterdam, 1961
- Isaak, Franz:
- , Halbstadt, Taurien, 1908
- Klassen, Peter P.:
- – Filadelfia, 2. Aufl., 2001
- Krieg, Hans:
- , Stuttgart, 1935
- Quiring, Jakob:
- , München, 1928
- Quiring, Walter:
- Karlsruhe, 1938
- Schmieder, O./ Wilhelmy, H. :
- , Leipzig, 1938
- Schmitz-Winnenthal, F. K. :
- – maschinenschriftlich -, Bonn, 1971
- Wiebe, Gerhard:
- , Winnipeg, 1900
Diese Bezeichnung für die Einwanderer in den Chaco aus Kanada (1927) und aus Russland (1930) fand sehr bald allgemeine Anwendung, auch ohne spöttischen Unterton. Sie werden in dieser Abhandlung deshalb ohne Anführungsstriche geführt. – Heute werden weitgehend die Begriffe Mennos und Fernheimer gebraucht. | |
Hack 1961, 200 und Friesen 1987, 461 | |
Quiring 1938, 141 | |
Friesen 1987, 456 | |
Quiring 1938, 142 (Auf einer Predigerberatung in Saskatchewan war vor der Ausreise aus Kanada beschlossen worden, dass Schnurrbarttragen von der Gemeinde aus verboten werden sollte. Klassen 2001, 88 ). | |
Quiring 1928, 45 | |
Verbreiteter Witz in schnarrendem Ton erzählt: „Etj schnoa nich, mine Frau schnoat nich, und de Tjinja schnoren aula. | |
Quiring 1938, 141 | |
Friesen 1987, 2 | |
Isaac 1908, 278 | |
Froese in Menn. Lexikon1967, Band 4, 109 | |
Friesen 1987, 6 | |
Friesen 1987, 5 und 6 | |
Dyck 1970 | |
Eine ausführliche Erklärung für den Begriff „Altkolonier" gibt Heinrich Ratzlaff im „Jahrbuch für Geschichte und Kultur der Mennoniten in Paraguay" 2001, S. 181 | |
Wiebe 1900, 7 ff | |
Wiebe 1900, 17 ff | |
Friesen 1987, 6 | |
Hack, 1961, 199 | |
Brief vom 29. 11. 1934 – Archiv Fernheim | |
Brief vom 26. 1. 1937 – Archiv Fernheim | |
Brief vom 21. 6. 1937 – Archiv Fernheim | |
Brief vom 26. 11. 1934 – Archiv Fernheim | |
Schmieder/ Wilhelmy 1938, 128 | |
Schmitz-Winnenthal 1970, 21 | |
Friesen 1987, 461 | |
Walter Quiring: "Schulvisite in Osterwick – 1834 in der Ukraine und 1934 in Paraguay", in Mennonitisches Jahrbuch 1973, Karlsruhe, 52 | |
Beide Zitate in Klassen 2001, 230 | |
Klassen 2001, 232 ff | |
Friesen 1987, 34 ff | |
Friesen 1977, 110 ff | |
Klassen 2001, 323 ff | |
Klassen 2001, 434 ff | |
Klassen 2001, 291 | |
Hans Krieg: „Die gebrochene Deichsel" in „Menschen, die ich der Wildnis traf", Stuttgart, 1935 | |
Peter P. Klassen: „Der Philister Weiber" in Mennoblatt Nr. 12, 1988 | |
Andreas F. Sawatzky: Opfer der Diskriminierung, in Mennoblatt Nr. 8, 2002 |
Begegnung zwischen Neuländern und Mennos 1947/48
Dr. Jakob Warkentin
Einleitung
- „Jedes Dorf soll seine betreffenden Flüchtlinge selbst von der Bahn abholen. Es soll auch mit Federwagen gefahren werden von etlichen, um schwächliche Personen zu laden. Auch soll jeder Fuhrmann Plane mitnehmen. Die Besorgung der Nahrung für die Fahrt von der Bahn in die Kolonie ist Dorfsangelegenheit. Auch soll für die Fahrt auf jede Person 3 Liter gekochtes Wasser vorhanden sein. Bestimmt wurde, dass nicht mehr als 4 Personen pro Wagen geladen werden sollten."
- „Was uns sehr angenehm beeindruckte und überraschte, als wir die Endstation Km 145 erreicht hatten, waren die schönen Pferdefuhrwerke, die hier auf uns warteten, um uns nach Fernheim abzuholen. Es war eine Lust, Pferde, Pferdegeschirre und Wagen zu sehen. Dann dampfte uns der gutriechende Bortschtsch entgegen, den man in großen Kesseln schon fertig gekocht hatte. Schließlich waren es die dicken Onkels, der damalige Oberschulze, der Schriftleiter des `Mennoblatts’ und der Krankenhausverwalter von Filadelfia, die gekommen waren, uns zu begrüßen. Sie sagten uns durch ihre Erscheinung mehr als viele schöne Worte: Wenn es im Chaco auch so dicke Leute gibt, dann werden wohl auch wir dort nicht zu verhungern brauchen."
- „Ein großer Anteil der Hilfeleistungen von den Kolonien Fernheim und Menno war der Hausbau für die alleinstehenden Frauen aus der Siedlergruppe des ersten Volendamtransportes. Diese Gruppe bestand aus 264 Familien, davon waren 154 Familien ohne männlichen Familienvorstand und von den 154 Familien wiederum 94 Familien ohne männliche Hilfe von 16 Jahren und darüber. Es wurden von den Kolonien Menno und Fernheim zusammen 94 Häuser im Rohbau aufgeführt. Davon etwa zwei Drittel von der Kolonie Menno und ein Drittel von der Kolonie Fernheim (Die Häuser waren durchschnittlich 6 bis 7 m lang und 3,5 bis 4 m breit, auf einer Seite hatten sie ein Schattendach und waren mit Schilf gedeckt. In den meisten Fällen versah man sie mit Türen und Läden)."
- „Tagsüber verteilten wir uns …auf die einzelnen Höfe des Dorfes zur Arbeit, auch die Kinder konnten schon ein wenig mithelfen. Meine erste Arbeit war Mandioka hacken. Später gab’s verschiedene Arbeiten im Haushalt und Feld. Nur Mutter, die kränklich und schwach war, blieb im Hause. Sie wurde dort mit Essen versorgt, wir anderen aßen bei unseren Wirtsleuten. Zur Mittagspause und nach dem Abenbrot kehrten wir in `unser’ Haus zurück….
- Als erst Weihnachten da war, wurden wir sogar beschenkt. Ich wurde mit einem Küchenschrank überrascht, den der Wirt ganz im geheimen für mich gemacht hatte. Dieser Schrank war, als wir schon auf dem Kamp wohnten, lange Zeit die einzige Stelle, in die der Staub nicht eindringen konnte…."
- „Unsere Wirtsleute aus Menno brachten uns samt Baumaterial, Dachbalken, Sparren und Latten auf den Kamp, wo wir siedeln wollten. Am Ziel angekommen, nahmen wir gleich die Spaten und machten uns daran, das hohe Bittergras auszustechen, um uns Platz für einen vorläufigen Unterschlupf zu schaffen. Wir holten Äste aus dem Busch, stellten sie in einem kleinen Viereck zu einer Art Hütte zusammen und deckten die ausgestochenen Grasbüschel darüber. Das war unser erstes eigenes `Haus’ im Chaco. In etwa einer Woche hatten aber die Mennoleute das Baugerüst mit Dach für unser zukünftiges Haus aufgestellt. Mit der weiteren Arbeit blieben wir dann allein."
Weiter zum nächsten Vortrag: Sieghard Schartner: Deutschsprachige Mennonitenkolonien in Bolivien.
Quellenmaterial
Langjähriger Dozent und Direktor des Gemeinsamen Lehrerseminars der Mennonitenkolonien in Paraguay. Dr. phil., der Universität Marburg. | |
Prot. des Chortitzer Komitees vom 19.8.1946. Alle zitierten Protokolle befinden sich im Archiv der Kolonie Menno und zwar im Aktenordner der Jahre 1944-59. Die Protokolle aus der damaligen Zeit sind sehr knapp gefasst, meistens werden nur die Beschlüsse festgehalten. Ich danke Heinrich Ratzlaff, dass er mir dieses Aktenmaterial zur Verfügung gestellt hat. | |
Prot. vom 6. März 1946. Mit „Bahn" ist hier die Endstation der Schmalspurbahn gemeint, die vom Hafen Puerto Casado 145 km landeinwärts führte und hauptsächlich für den Holztransport genutzt wurde. Mit Federwagen sind die von Pferden gezogenen „Buggies" gemeint, die die Mennos von Kanada aus kannten. | |
Prot. der Sitzung des Flüchtlingskomitees mit den Dorfsvertretern am 25.Sept.1947 | |
Prot. der Sitzung des Chortitzer Komitees am 30. Okt. 1947 | |
ebd., S. 34 | |
Agnes Martens in ebd., S. 111 | |
Interview mit Heinrich Franz am 8.5.2002 | |
Interview mit Heinrich Ratzlaff am 24.5.2002 | |
Interview mit Peter Dyck am 8.5.2002 | |
Interview mit Agnes Martens am 8.5.2002 | |
Interview mit Lily Regehr am 15.5.2002 | |
Leicht gekürzter Bericht aus meinem Vortrag vom 25.6.2001 in Loma Plata | |
Interview mit Abram Ginter am 23.5.2002 | |
Interview mit Johann Töws am 23.5.2002 | |
Interview mit Anna Harder am 23.5.2002 | |
Interview mit Johann B. Giesbrecht am 23.5.2002 |
Deutschsprachige Mennonitenkolonien in Bolivien
Sieghard Schartner
– Alle stützen sich auf das mennonitische Glaubensbekenntnis und die Grundlinien des Täufertums.
– Die allermeisten haben ihre Gottesdienste nach althergebrachter Art und Weise mit Vorsängern, Predigten usw.
– Die allermeisten haben das althergebrachte Schulsystem nach dem Muster der altpreußischen Mennonitengemeinden.
– Die allermeisten leben in Bolivien, weil sie sich zu Neuerungen in den Gemeinden und Kolonien der alten Heimat nicht schicken wollten.
- Landwirtschaftsberatung: Nach Möglichkeit gehört ein Agronom zum Team von Centro Menno. Sein Aufgabenbereich teilt sich auf in konkrete Beratung einzelner Bauern, Förderung von Kontakten mit Aufkauffirmen von Agrarprodukten und Beratung in Viehwirtschaft.
- Gesundheitsdienst: Nach Möglichkeit gehört eine ausgebildete Krankenschwester zum Team von Centro Menno. Ihr Aufgabenbereich teilt sich auf in konkrete Kontakte mit den ungelernten Gesundheitsförderern (Doktamumtjes und Doktaomtjes und Knokendoktasch und Narvendoktasch usw.) innerhalb der Koloniegemeinschaften, Kontakte mit Krankenhäusern und Ärzten in Santa Cruz und auf Wunsch Begleitung von Kolonisten zum Arzt, um mit Übersetzung und Erklärungen zu helfen.
- Dokumentenbeschaffung: Da die meisten der Mennoniten letztlich aus Kanada kommen, werden in Centro Menno kanadische Dokumente beantragt, kanadische Reisepässe erneuert usw. Es wird nur mit kanadischen Dokumenten gearbeitet.
- Erziehungsabteilung: Nach Möglichkeit gehört ein Schullehrer zum Team von Centro Menno. Im Erziehungsbereich wird auf verschiedenen Ebenen gearbeitet.
- Es gibt eine größere Leihbibliothek, wo Bücher mit verschiedenen Themenbereichen in deutscher und englischer Sprache zum Verleih angeboten werden. Es ist interessant, dass Frauen trotz geringer Schulbildung die Leihbibliothek mehr brauchen als Männer.
- Es gibt einen Buchhandel, in dem sich die Kolonisten ihre Bibeln und Gesangbücher, das Schulmaterial für die Schulen, Rezeptbücher, Kinderbücher usw. kaufen können.
- Monatlich wird der Menno–Bote – eine Zeitschrift für die Mennoniten in Bolivien herausgegeben. Der Menno–Bote ist wohl das einflussreichste Erziehungsmittel in unseren Händen. Monatlich gibt es eine Auflage von 2.200 Exemplaren, von denen rund 1700 Zeitschriften direkt in alle Kolonien in Bolivien gehen. Schullehrer und Gesundheitsförderer bekommen sie umsonst zugeschickt. Es wird darauf Gewicht gelegt, dass die Artikel in einem einfachen, aber richtigen Deutsch und mit einem soliden Lehrthema in die Zeitung kommen. Selbstverständlich gibt es dann auch die Seiten wie „Zacharias erzählt" und andere, die von den Leuten gern gelesen werden, aber weniger aussagen.
- Es ist ein Programm angelaufen, in dem von Centro Menno aus an Beschaffung von Zusatzmaterial für die mennonitischen Schulen in Bolivien gearbeitet wird.
- Die Schullehrer haben keine berufliche Ausbildung. Es gibt talentierte Schullehrer, die mit dem wenigen, was ihnen aus ihrer eigenen Schulzeit noch im Gedächtnis geblieben ist, und etwas schriftlichem Material Hervorragendes leisten. Durch ihre Schulerfahrung gelangen sie auch gelegentlich zu erstaunlich guten Lernresultaten. Trotzdem muss gesagt werden, dass sie nicht mehr geben können, als sie selber haben.
- Meistens sind die Schullehrer arm und werden aus diesem Grund als Lehrer eingestellt. Es ist eine Mithilfe von Seiten der Gemeinde und der Gemeinschaft für diese arme Familie. Daraus entstehen zwei ganz konkrete Nöte:
- Der Schullehrer ist oft eine Person mit wenig Eigeninitiative. Sonst wäre er wohl nicht arm und landlos.
- Der soziale Platz eines Schullehrers innerhalb der Gemeinschaft ist niedrig. Für eine etwas besser gestellte Familie ist es eine Schande, wenn einer ihrer Mitglieder so wenig leistet, dass er Schullehrer sein muss. So soll der Lehrer wohl eine Respektsperson für die Schulkinder sein, wird aber von der Gesellschaft als minderbegabt eingeordnet.
- Die hochdeutsche Sprache als Schulsprache ist stark verformt. Durch den Einfluss verschiedener Landessprachen, bedingt durch den ehemaligen Wohnsitz der Eltern oder Großeltern, wird der Akzent stark verformt. Dazu kommt, dass die alte deutsche Schriftsprache in gotischer Schrift gebraucht wird. Innerhalb der Altkolonier-Gemeinden wird das „a" als „au" ausgesprochen. Das Resultat ist, dass diese Leute in den allermeisten Fällen sich recht schwer oder gar nicht mit einem Deutsch sprechenden Menschen aus Deutschland unterhalten können. Es ist aber für diese Leute klar, dass sie Deutsche sind.
- Der kirchenbezogene Lerninhalt des Schulprogramms schließt aus folgenden Gründen jegliche sekulare Weiterbildung aus:
- Der Lerninhalt der mennonitischen Schulen deckt sich nicht mit den Anforderungen der Landesschulen. Aus diesem Grund bekommt kein mennonitisches Kind ein Zeugnis, das ihm ein Weiterstudium erlaubt.
- Von den Gemeinden und der Gemeinschaft wird ein breiteres Studium als nutzlos und sogar gefährlich angesehen, denn Paulus schreibt an die Korinther: „Denn dieser Welt Weisheit ist Torheit bei Gott" (1. Kor. 3,19). Im Jakobusbrief lesen wir dann: „So aber jemand unter euch Weisheit mangelt, der bitte Gott, der da gibt einfältig und rücket’s niemand auf, so wird sie ihm gegeben werden" (Jak. 1,5). Menschliche Weisheit führt oft zur Überheblichkeit und zum Hochmut und zum Zweifel. Um sich dieser Gefahr nicht auszusetzen, wird jegliche schulische Weiterbildung abgelehnt.
- Da eine gute Schulbildung nicht als eine Voraussetzung für eine bessere Zukunft der jungen Leute gesehen wird, darf die Schule nicht viel kosten, denn dafür bekommt man nichts zurück.
- Die Schule mit einem staatlich anerkannten Lehrprogramm muss in den nächsten Jahren alle Schüler aufnehmen können, für die die Eltern eine bessere Bildung wünschen. Diese Schule sollte so schnell wie möglich bis zur 12. Klasse aufgestockt werden. Diese heutigen Schüler werden die Schullehrer und leitenden Personen nach 20 Jahren sein.
- Alle Schullehrer, die keine Ausbildung haben, aber an konkreten Verbesserungen in ihrem Schulwesen arbeiten, sollen durch Besuche und Kurse gefördert werden.
- Da in den Gemeinden und Gemeinschaften nur ein langsames Öffnen im Schulwesen zustande kommen kann, muss den interessierten Lehrern ein Material in die Hände gelegt werden, das von den Gemeinden und den Eltern angenommen wird. Deshalb wird die Materialbeschaffung für diese Schulen einen breiten und wichtigen Platz einnehmen müssen.
- Die beiden Länder Bolivien und Paraguay sind Nachbarstaaten. Daraus ergibt sich, dass die Situation der Kolonien im Kontext des Heimatlandes sehr ähnlich ist und manche Parallelen zu ziehen sind. Es ist dieselbe Landessprache, eine sehr ähnliche Landbevölkerung, sehr ähnliche Wirtschaftssituationen usw.
- Durch die Nachbarschaft werden beeinflussende Kontakte und konkrete Begleitung ohne zu große finanzielle Belastungen und Kulturschocks ermöglicht.
- Die plattdeutsche Sprache ist auf beiden Seiten die Umgangssprache und das Kolonie– und Gemeindeleben hat denselben Ausgangspunkt und Hintergrund. Wo die Mennonitenkolonien in Bolivien heute sind, da waren wir vor 50 oder 100 Jahren auch und dadurch gibt es besseres Verständnis füreinander.
- Wir stehen auf derselben Glaubensgrundlage und treffen uns auf dieser Ebene. Als Mennonitengemeinden und Mennonitenkolonien haben wir eine Verantwortung füreinander und wenn in unserem Nachbarland Mennonitengemeinden langsam verarmen und zerbrechen, wird das auch unser Dasein beeinflussen.
- In unseren Kolonien und Gemeinden haben wir viel gut vorbereitetes Personal auf den verschiedenen Gebieten.
Kulturelle Beiträge
Erlebnisse einer Neuländerin in einem Mennodorf
Sina Warkentin
Leicht gekürzter Bericht aus dem Vortrag vom 25.6.2001 in Loma Plata Sina Warkentin erlebte als Kind die Flucht aus Russland, sowie die Ankunft und Ansiedlung in Neuland. |
Wie vor hundertfünfzig Jahren … In einer russlanddeutschen Altväterschule im Chaco von Paraguay
Wenn Du erwachest früh,
Sei ein Gebet zu Gott,
Kind, das versäume nie!
Dann stehe schleunig auf
Und biete guten Morgen
Den Eltern, die für Dich
In treuer Liebe sorgen.
Dann wasch’ und rein’ge Dich,
Zieh ordentlich Dich an,
Unreinlich darfst Du nie
Dich Deinem Lehrer nah’n….
und so fort – 23 Strophen.
Auch die Namen der Bibelbücher werden anschließend im Chor aufgesagt:
In des alten Bundes Schriften
Merke in der ersten Stell
Mose, Josua und Richter,
Ruth und zwei von Samuel,
Zwei der Kön’ge, Chronik, Esra,
Nehemia und Esther mit,
Hiob, Psalter, dann die Sprüche,
Prediger und Hohelied
usw., insgesamt sechs Strophen.
Quelle: Post aus dem Osten, 8. Aug. 1936. |
Die zerbrochene Deichsel
Hans Krieg
Quelle: Menschen, die ich in der Wildnis traf,Stuttgart, 1935. |
Die erste Fahrt in den Chaco
Cornelius W. Friesen
Aus: Mennoblatt, Nr. 5-7, April – Mai 1975. |
Das Tagebuch
Eugen Friesen
Eugen Friesen ist Student der Literaturwissenschaft an der Nationalen Universität, Asunción. |
Durchkreuzte Pläne
Eugen Friesen
Eugen Friesen ist Student der Literaturwissenschaft an der Nationalen Universität, Asunción. |
Vewaunte hab’ wie aullaweajen
Uwe Friesen
Buchbesprechungen
Ratzlaff, Gerhard: Ein Leib – viele Glieder, Die mennonitischen Gemeinden in Paraguay.
Regina Löneke: Die „Hiesigen" und die „Unsrigen" Werteverständnis mennonitischer Aussiedlerfamilien aus Dörfern der Region Orenburg/Ural.
Gerd G. Giesbrecht: Ich sah der Lengua Hütten. Erfahrungen und Beobachtungen in der Missionsarbeit
I. Der geschichtliche Hintergrund der Chacovölker und der mennonitischen Einwanderung.
II. Die Kultur und Weltanschauung der Enlhet-Indianer.
III. Die verschiedenen Phasen der Missionstätigkeit, auf die jeweilige Rolle des Missionars fokussiert.
IV. Die ganzheitliche Entwicklungsarbeit durch die ASCIM.
Neue Bücher zum 75-jährigen Jubiläum der Kolonie Menno
Zuschriften
Schlussfolgerungen in dem Aufsatz von Dr. Alfred Neufeld, im Jahrbuch 2001
- Von der Bibel her, und wieder seit der Reformation, haben Kirchenverbände nur eine Existenzberechtigung, wenn ihre Lehre und Praxis in der Schrift verankert sind. Das bedeutet für unsere Thematik schlicht und praktisch: Mennonitisch sein muss bedeuten, biblisch zu sein! So wollte es Menno Simons. Die ganze Rückbesinnung auf unsere täuferische Identität kann ja nur dem Zwecke dienen, in unserer Zeit der Schrift gegenüber treu zu sein.
- Das Evangelium bringt immer eine erneuerte Kultur hervor. Es ist ein schwaches, blutleeres Evangelium, wenn es nicht das kulturelle Umfeld verändert. Wenn die Jesusnachfolger nicht interessiert sind eine Jesuskultur zu leben, sind sie keine Nachfolger. Die Bibel spricht hier sogar von einem Bürgerrecht, d.h. von einer Alltagskultur und Nationalität, die vom Himmel aus und von der Gottesherrschaft her geprägt ist. Diese Gemeindekultur ist immer auch eine Gegenkultur zur Welt. Sie ist aber nicht vorrangig an einige Elemente gekoppelt, die unsere sogenannte mennonitische Kultur ausmachen, wie etwa Sprache, Verwandtschaft, Territorium, Sitten und Gebräuche bei Hochzeiten, Beerdigungen, Gottesdiensten usw. In dieser Hinsicht ist die Gemeindekultur niemals eine ausgrenzende Stammeskultur.
- Christen finden ihre Identität vorrangig in der Zugehörigkeit zu Jesus und zur Familie Gottes. Nationale Identitäten und kulturelle Hintergründe spielen zwar auch eine wichtige Rolle, unterordnen sich aber dieser primären Zugehörigkeit. Bei den schrecklichen Stammesrivalitäten zwischen den Hutu und Tutsi in Ruanda gab es auf beiden Seiten evangelische Christen und Pastoren, die sich blutig bekämpften. Dr. Dalton Reimer, MB-Friedensforscher in Fresno, bemerkte dazu treffend:
„Die Zugehörigkeit zum Stamme der Hutu oder der Tutsi war für sie wichtiger als die Zugehörigkeit zum Stamme Jesu" (für Freunde der griechischen Sprache: Es gibt eine heilsgeschichtliche Differenz zwischen `laos und ethnos’).
- Was Paulus von seiner missionarischen Existenz behauptet, gilt auch für die Gemeinde Jesu: `Den Juden ein Jude, den Griechen ein Grieche, allen alles, um möglichst viele zu gewinnen’. Oft haben unsere Gemeinden gedacht, sie müssten die Hüterin der deutschen Sprache und Tradition sein sowie der althergebrachten Form von sozialem und zivilem Zusammenleben mit angehängtem Schulsystem im Rahmen einer `mennonitischen Kolonie‘. Die Gemeinde soll ja tatsächlich eine Art Himmelskolonie auf Erden sein. Aber das `Schleppen’ dieser Art von `Kulturkarren’ sollte die Gemeinde lieber anderen sozialen Kräften überlassen und nur sekundär ihre Identität daran binden. Denn diese Dinge machen es soviel schwerer Mennonit zu werden, als Christ zu werden. Das Vorbild von der `Selbstentäußerung’ Christi ist hier für die Gemeinde obligatorisch. Als Gemeinde sollten wir eine christliche Alltagskultur entwickeln, die andere Christen nicht ausgrenzt.
- Gemeinde für die Welt sein. Als mennonitische Einwanderer in Paraguay haben wir lange an einem historischen Flüchtlingskomplex gelitten. Wir suchten einen Flecken, wo wir in `Ruhe und Stille unseres Glaubens leben konnten’, und empfanden von daher auch außenstehende Beobachter eher als eine Bedrohung. Wir waren ja auch tatsächlich Flüchtlinge, Gäste und Fremdlinge in diesem Land, eine Situation, die uns mit der neutestamentlichen Urgemeinde verbindet. Aber gerade die Apostelgeschichte lehrt uns, wie die ersten Christen ihren Flüchtlingsstatus immer wieder in eine Sendung verwandelten und ein Apostelbewusstsein (Gesandte Jesu) entwickelten. Gemeinde Jesu ist eben für die Welt und um der verlorenen Welt willen da. Nachfolger Jesu, und das galt fürs Täufertum und die MB’s, wollen eben gerade nicht `weltflüchtig’, sondern `welttüchtig’ sein.
- Die Zentralität der Gemeinde wiederentdecken. Es will so scheinen, als hätte die täuferische Theologie eine ganz große Zukunft im 21. Jahrhundert. Theologen wie Yoder, Driver, Hauerwas und Sider gehören schon seit Jahren zu den meistgelesenen Autoren im Bereich neuer theologischer Modelle (Siehe entsprechende Literaturangaben in der Bibliographie). Sie alle weisen auf die Zentralität der Gemeinde im Projekt Gottes hin. Die Gemeinde ist `Alternativkultur’, `Himmelskolonie’, `Zeugnisgemeinschaft’, `das Medium, das die Botschaft Gottes ist’.
- Gemeindeorientierung im Rahmen einer ethnischen Minorität.
- Täuferische Schulkonzepte im Rahmen des öffentlichen-allgemeinen Schulwesens.
- Politische Präsenz im Rahmen jesuanischer Ethik und Treue zur Gemeinde Christi.
- Wirschaftsethik im Rahmen der `Alternativkultur’ der Gemeinde.
- Praxis der Friedenskirche im Rahmen von Korruption, Kriminalität und Ungerechtigkeit.
- Gemeinde für jedermann im Rahmen des Kulturfeldes einer ethnischen Minorität.
- Täuferische Missionstheologie im Rahmen von Volkskatholizismus und Stammesreligion.
In Gemeinde und Mission wird man vermehrt bestrebt sein, mennonitisch zu werden, um bibeltreu zu sein. Das bedeutet konkret, unsere mennonitische Theologie nicht aus der Tradition, sondern aus der Schrift zu begründen und an der Geschichte zu illustrieren, um sie für jedermann zugänglich zu machen.