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Mobilität

Die Entwicklung der Verkehrswege und -mittel und ihre Nutzung geht Hand in Hand mit dem technologischen und materiellen Fortschritt in den Kolonien. Zur Fortbewegung standen den Siedlern zunächst die schweren vierrädrigen Transportwagen zur Verfügung, die von Ochsen oder Pferden gezogen wurden. Ochsen waren wesentlich ökonomischer, da sie bei einfacher Weide kräftig und ausdauernd blieben. Sie waren jedoch wesentlich langsamer und bei großer Hitze verweigerten sie mitunter den Dienst. Ein schnelleres Fortkommen war in der Ansiedlungszeit mit dem Buggy möglich, einer gefederten, leichten Kutsche, die in der Regel mit einer Bank ausgestattet war. Als Wege bevorzugte man zunächst die Fahrspuren über die >Kämpe. Nur wo es unbedingt nötig war, wurden Schneisen durch den Busch geschlagen, was mit einem erheblichen Arbeitsaufwand verbunden war, solange es dafür keine Maschinen gab.
Erst mit Hilfe des nordamerikanischen Mennoniten Vernon >Buller und des >MCC kam der erste Bulldozer in den Chaco, mit dem dann Wege unabhängig von der Bewachsung und Bodenbeschaffenheit in gerader Linie durch Busch und Kamp gezogen werden konnten. In den fünfziger Jahren wurden auch die ersten Lastkraftwagen von den Kolonien angeschafft, die Waren und Produkte zunächst zur >Bahnstation Fred Engen, ab 1960 über die eben als Erdstraße fertig gestellte >Ruta Transchaco transportierten.
Im Bereich der Landwirtschaft werden zunächst Ochsen und dann in zunehmendem Maße Pferde als Zugtiere eingesetzt. Damit können natürlich pro Wirtschaft nur wenige Hektar bearbeitet werden. Erst Anfang der sechziger Jahre werden mit dem >Millionenkredit die ersten Traktoren gekauft, mit denen die allmähliche Mechanisierung der Landwirtschaft beginnt.
Im privaten Personentransport kommen im Laufe der fünfziger Jahre Fahrräder in Gebrauch, sie bleiben aber lange ein Luxus. Gegen Ende der sechziger Jahre können sich immer mehr Haushalte auch ein Motorrad leisten. Ein allmähliches Anwachsen des Besitzes privater Kraftfahrzeuge beginnt erst im Laufe der siebziger Jahre. Aufgrund der Kosten werden die Fahrten zunächst auf das Notwendigste beschränkt: Schulbesuch, Fahrten zum Krankenhaus und zur Kooperative; Transporte für den landwirtschaftlichen Betrieb sowie Fahrten zu kirchlichen Veranstaltungen.
Nur die zunehmende Motorisierung ermöglicht erst die Zentralisierung der Schulen, so dass Schüler mit Schulbussen oder Privatfahrzeugen über längere Strecken transportiert werden oder selber fahren. Ebenso umfassen von Beginn der achtziger Jahre an die Gemeinden jeweils verschiedene Bezirke, da die Gemeindeglieder Gottesdienst oder Gemeindeveranstaltungen mit eigenen Fahrzeugen besuchen.
Mobilität wird immer mehr auch zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor, da viele Menschen ihr Geld mit dem Auto- und Ersatzteilhandel oder als Kraftfahrzeugmechaniker verdienen.
Schließlich führt die gewachsene Mobilität auch dazu, dass die Kontakte innerhalb der Kolonie wie auch zu den Nachbarkolonien und zum ganzen Land enger werden, da man sich besucht, sich bei gemeinsamen Sportveranstaltungen trifft oder Ausflugs- und Urlaubsfahrten unternimmt.
Michael Rudolph
Gerhard Ratzlaff: Die Ruta Transchaco: Wie sie entstand. Asunción, Paraguay, 1998.
 
   
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